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Full text of "Goethe-jahrbuch"

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Goethe -Jahrbuch. 



Herausgegeben 



VON 



Ludwig Geiger. 



Vierzehnter Band. 



Mit dem achten Jahresbericht 



DER 



Goethe-Gesellschaft. 




Frankfurt vm. 

LiTERARISCHK AnSTALT 

RüTTRN Sc LOEXING. 

1893. 



Mit dem Bildniss Goethes in Lichtdruck 

nach einem ölgemälde 

DER Gräfin Julie von Egloffstein. 



Druckerei von August Osterrieth in Frankfurt a. M. 



Vorwort. 



weiss diesüiTi Bande nichts anderes voraiiszu- 

1 schicken, als den stets erneuten Ausdruck ehrer- 
bietigen Dankes für Ihre Königliche Hoheit, die 
Frau Grossherzogin von Sachsen, die auch dieses Mal die 
Gnade hatte, dem Jahrbuche werthvolle Materialien aus den 
in Ihrem Besitz befindlichen Schätzen des Goethe- und 
Schiller- Archivs zuzuwenden. Diesem Dank ist der an 
Seine Königliche Hoheit den Grossherzog Karl Alexander 
von Sachsen aiizuschliessen, der die Erlaubniss zur Re- 
production eines Ölbilds aus dem Goethe -National- 
Museum huldvoll gewährte. 

Über dieses Bild schreibt mir der Direktor des 
Museums, Herr Geh. Hofrath Dr. C. Ruland, der seine viel- 
erprobte Freundlichkeil auch diesmal walten Hess, Folgendes: 
»Das bisher unveröifentlichte Goethebild, welches dies 
Mal das Jahrbuch schmückt, ist eine Arbeil der mit 
der Goethischen Familie engbefreundeten Gräfin Julie 
EgIofFsiein. Nach ihrem Tode (1869) blieb das nur am 
Kopfe, aber da mit Liebe und Sorgfalt ausgeführte Bild- 
chen noch zwanzig Jahre unbekannt, bis es dann plötzlich 
im Kunsthandel auftauchte und von der Goethe-Gesell- 
schaft Ende 1 89 1 für immer in dem Goethe- National- 
Museum geborgen wurde. Dort, in dem allen Hausgarten 



IV VOHWORT. 



war es 1827 oder 28 entstanden: es zeigt uns den Dichter 
in dem (noch vorhandenen) behaglichen gelben Friesrock 
eingehüllt, mit dem Rücken an einen Baumstamm gelehnt, 
wie er sich freundlich nach der an schönen Nachmittagen 
sich zwischen den Buchsbaumhecken tummelnden Schaar 
der jungen Freundinnen seiner Schwiegertochter umschaut. 
Der glücklich dem Augenblick abgelauschte heiter-gut- 
müthige Ausdruck giebt dem bescheidenen Bildchen einen 
eigenen Reiz.« 

Bei meiner Ausarbeitung des grössern Archivbeitrags 
hatte ich mich der liebenswürdigsten Unterstützung des 
Direktors des Archivs, Herrn Prof. Dr. Suphan und seiner 
Arbeitsgenossen Herrn Dr. v. d. Hellen und Herrn Dr. 
J. Wähle zu erfreuen, für die ich auch an dieser Stelle 
besten Dank sage. 

Dank gebührt auch dem freundlichen Entgegenkommen 
des Vorstands der Goethe -Gesellschaft der durch ihn er- 
folgten Gewährung der Mittel für Drucklegung zweier 
fernerer Bogen. Dadurch wurde es möglich, die Biblio- 
graphie für 1892 vollständig zu bringen und noch die- 
jenigen Theile der vorjährigen Übersicht nachzutragen, 
die wegen Raummangels gänzlich hatten zurückbleiben 
müssen. Auch die Verlagshandlung hat einen halben 
Bogen über die Zahl gewährt, zu der sie contractlich ver- 
pflichtet war. 

Ihnen allen, sowie den eifrigen, stillen Mitarbeitern 
an der Bibliographie sei der herzlichste Dank des Heraus- 
gebers ausgesprochen. 

Berlin, 8. März 1893. 

W. 62. Schaperstrasse 8. 

LUDWIG GEIGER. 



Inhalt. 



I. Neue Mittheiliintjen. seue 



't5 



I. Mittheilungen aus dem Goethe- und Schiller-Archiv. 

1. Über die verschiedenen Zweige der hiesigen Thätigkeit. 
Ein Vortrag von Goethe. Herausgegeben von Eduard 
VON DER Hellen 3 

2. Einundzwanzig Briefe von Marianne von Eybenl?erg, acht 
von Sara von Grotthuss, zwanzig von Varnhagen von 
Ense an Goethe, zwei Briefe Goethes an Frau von Eyben- 
berg. Herausgegeben von Ludwig Geiger 27 

II. Mittheilungen aus dem Goethe-National-Museum. 

Verse und Niederschriften Goethes zu Zeichnungen. Heraus- 
gegeben und erläutert von C. Ruland 143 

III. Verschiedenes. 

Sechs Briefe Goethes. Mitgetheilt von O. Günther, H. Hüffek, 
A. Pick. Nebst einer Notiz zu Goethes Briefen von 
O. Günther und einer Abhandlung von H. Hüffer . . 151 

IL Abhandlungen. 

1. Richard M. Meyer, Goethes Art zu arbeiten .... 167 

2. Daniel Jacoby, Goethes Gedicht: Deutscher Parnass . 196 

3. H. Morsch, Goethes Festspiel: Des Epimenides Erwachen 212 

4. R. M. Werner, Zur Faustsage 245 

III. Miscellen, Chronik, Bibliogniphie. 
I. Miscellen. 

A. Einzelnes zu Goethes Leben und Werken. 

1. Zu »Götter, Helden und Wieland«. Von H. Henkel 273 

2. Zum Jahrmarktsfest zu Plundersweilern. Von H. Henkel 273 

3. Zum Neuesten von Plundersweilern. Von H. Henkel 274 

4. Zur Bühnengeschichte des Götz von Berlichingen. 
Von Eugen Kilian 276 

5. Zu den »Zahmen Xenien« VI. Von Albert Pick . 279 



VI Inhalt. 

Seite 

6. Goethes Gedicht zum 28. August 1823. Von Fritz 
Arnheim 280 

7. Die falsche Datirung eines Briefes von Cornelia 
Schlosser. Von Heinrich Funck ....... 280 

8. Zum »Notizbuch von der schlesischen Reise«. Von 

H. Hüffer 282 

9. Goethe bei Napoleon nach Talleyrands Denkwürdig- 
keiten. Von W. V. Biedermann 282 

IG. Goethe und Lotte 1816. Von O. Günther .... 284 
II. Beiträge zur Literaturgeschichte der Faustfabel I— VII. 

Von Ludwig Fränkel 289 

I. Georg Steinharts Faust-Anekdoten. S. 289. — II. Ein latei- 
nischer Faust-Schwank. S. 290. — III. Dr. Johann Faust in Jöchers 
Gelchrtcn-Lexicon. S. 292. — IV. Reibehands »Faust«-Aufführung. 
S. 292. — V. Zum sogenannten Pseudo-Lcssingschen »Faust« des 
Paul Weidm.mu. S. 293. — VI. Zu »Dr. Faust in Flngland«. 
S. 294. — VII. Johann Faust in Island. S. 295. 

B. Nachträge und Berichtigungen zu Bd. XIII . . 296 

2. Chronik. 

A. Nekrologe. 

Reinhold Köhler. Von Erich Schmidt 297 

B. Kurze Todesanzeige. 

G. W. E. J. Kestner 305 

C. Vermischte Nachrichten 306 

3. Bibliographie. 

L Schriften. 

A. Weimarer Goethe-Ausgabe. 

Bericht der Redactoren und Herausgeber . . . .310 

B. Ungedrucktes. 

1. Allgemeines 321 

2. Briefe 321 

3. Regesten 322 

C. Neue Ausgaben der Werke 325 

D. Einzelschriften und Erläuterungen. 

1. Allgemeines. Bibliographisches. Sprachliches. 
Metrisches 324 

2. Dramen 329 

3. Gedichte 336 

4. Prosaschriften 339 

E. Übersetzungen 341 

II. Biographisches. 

A. Allgemeines 542 

B. Biographische Einzelheiten 342 



Inhalt. VII 

Seite 

C. Goethes Mutter und Gattin 342 

D. Goethes Verhähniss zu seinen Freunden und Nach- 
folgern 343 

E. Stellung zu Wissenschaft und Kunst 347 

F. Notizen von Zeitgenossen über Goethe 350 

III. Verschiedenes. 

A. Bilder, Statuen u. s. w 354 

B. Dichtungen über Goethe, Conipositionen, Parodieen, 
Nachdichtungen Goethescher Werke 357 

C. Goethe-National-Museum 359 

Register 360 



Achter Jahresbericht der Goethe-Gesellschaft. 
Mitglieder- Verzeichniss. 




L Neue Mittheilungen. 



GoETi;2-jAnr»DUCH XIV. 



i. Mittheilungen aus dem Goethe- 
UND Schiller-Archiv. 



I. ÜBER DIE VERSCHIEDENEN ZWEIGE 
DER HIESIGEN THÄTIGKEIT. 

Ein Vortrag von Goethe. 

Als ich, in dem letzten Herbste, die Ausstellung unserer 
Zcichenschule mit Aufmerksamkeit betrachtete, sah ich mit 
vielem Vergnügen die fortdauernde Wirkung dieses schon 
mehrere Jahre lang bestehenden Instituts. Die Arbeiten 
der altern Schüler zeigten sich immer bestimmter, genauer 
und fleissiger; unter den Jüngern fanden sich mehrere die 
eine gute Anlage verriethen. Die schon bis auf einen ge- 
wissen Grad ausgebildeten Künstler hatten lobenswürdige 
Sachen geliefert und durchaus konnte man mit Vergnügen 
die fortschreitende stille Wirksamkeit erkennen. Ich fühlte 
recht lebhaft, dass eine solche Ausstellung wirklich ein Fest 
sej'. Denn was kann ein schöneres Fest genannt werden 
als wenn die einzelne, stille, zerstreute Thäiigkeit auf ein- 
mal in ihren Wirkungen vor uns steht und W'ir zum Mit- 
genuss in diesem Augenblick und zur Mitwirkung in der 
Zukunft eingeladen werden. 

Alles Gute was geschieht wirkt nicht einzeln. Seiner 
Natur nach setzt es sogleich das nächste in Bewegung. 
So bheb mir auch der Eindruck noch lange, als ich den 
Saal schon verlassen hatte, und machte den Wunsch in mir 



Neue Mittheilungen. 



rege : dass alles, was in unserm Kreise gutes und nützliches 
geschieht, auch jedes in seiner Art einen allgemeinen Tag 
der Ausstellung und Anerkennung erleben möge. In Ge- 
danken ging ich durch was bey uns, so wohl durch öffent- 
liche Anstalt und Antrieb, als auch was durch besondere 
Neigung und Thätigkeit einzelner Menschen und Gesell- 
schaften geschieht, und ich fand, selbst nur dem ersten 
Anblick nach, gar manches das einer allgemeinen Auf- 
merksamkeit werth ist. Ich theile hier nur ein flüchtiges 
Schema mit, ohne dass ich desshalb alles erschöpft zu 
haben glaube. 

Wie interessant würde es seyn wenn wir unsere 
wöchentlichen Zusammenkünfte dazu anwenden wollten, 
um theils den ÜberbHck vollständiger zu machen, theils 
das Einzelne selbst weiter auszuführen und darzustellen. 

Ich fange abermals bey dem Zeicheninstitut an, theils 
weil es die Idee bey mir hervorgebracht hat, theils weil 
bildende Künste dasjenige sind worüber man am ersten 
etwas allgemeines sich zu sagen erlaubt. 

Es würde interessant seyn zu betrachten wie dieses 
Institut, unter der Direction eines einzigen Mannes, ent- 
standen ist und in fortdaurender Wirkung sich bis auf den 
heutigen Tag erhalten hat. 

Man würde beobachten können wohin die Neigung 
der Schüler im Ganzen sich am meisten geneigt habe und 
welche unter ihnen zu einem vorzügHchen Grade der Aus- 
übung gelangt sind, man würde diejenigen benennen, welche 
sich der Kunst bestimmter gewidmet und welche darin be- 
deutende Fortschritte gethan. 

Weder ein Künstler noch eine Kunstschule ist isolirt 
zu betrachten, er hangt mit dem Lande worin er lebt, mit 
dem Publiko seiner Nation, mit dem Jahrhundert zusammen, 
er muss in so fern er wirken, in so fern er sich durch 
seine Arbeit einen Stand machen und Unterhalt verschaffen 
will, sich nach der Zeit richten und für ihre Bedürfnisse 
arbeiten. So wie der Liebhaber zu demjenigen greift was 
seiner Denkungsart am gemässesten ist und was er am 
nächsten zu erreichen glaubt, so finden wir auch hier diesen 
letztern besonders landschaftUchem Zeichnen ergeben. Die 



Schema der hiesigen Thätigkeit. 5 

Landschaft beschäftigt ein ruhiges Gemüth, ohne es zu stark 
anzustrengen, und sie entfernt uns nicht von uns selbst, 
indem sie uns auf die Schönheiten der Natur aufmerksam 
macht, sie schmeichelt einem stillen Hang zur Melancholie, 
sie ist unsere angenehmste Begleiterin bey einsamen Spazier- 
gängen und wird in der neuern Zeit, selbst in Gegenden 
die nicht die glücklichsten sind, durch die schöne Garten- 
kunst immer wieder aufgefordert. Aber auch andre bey 
uns finden wir mit der menschlichen Gestalt beschäftigt, 
in Portraiten und Arbeiten nach der Antique wirkHch 
lobenswerth. 

Da unsere ganze Nation mehr zur Wissenschaft als 
zur Kunst sich neigt und, man möchte fast sagen, mehr 
zur Litteratur als zur Wissenschaft ; so ist es auch natürlich 
dass der Künstler da am meisten Beschäftigung findet wo 
von schneller Ausbreitung der Kenntnisse die Rede ist 
(oder wo nach einer andern Tendenz unserer Nation ein 
halb ästethisch halb moralisch halb physisches Bedürfniss 
befriedigt werden soll), er wird sich daher immer an den 
Schriftsteller und an den Buchhändler anschliessen müssen, 
und dieses kann nur durch Kupferstechen und lUuminiren 
geschehen. Wie weit man damit bey uns gekommen ist 
wird sich in manchen Fächern zeigen. Doch ich eile weiter 
um nicht schon auszuführen, was gegenwärtig nur anzu- 
deuten ist. 

Zur Bildhauerey fehlt es uns nicht an einem geschickten 
Manne, wohl aber an Materialien und Gelegenheit; dagegen 
ist die allgemeine Ausbreitung schöner und guter Gestalten 
durch Gypsabgüsse und in gebrannter Erde nicht zu über- 
gehen. Durch letztere besonders ersetzte man in den 
altern und mittlem Zeiten manches kostbare Material, und 
wir würden wenn schöne Baukunst bey uns zum Bedürfniss 
werden könnte bald die grossen Vortheile der Toreutik 
kennen lernen. 

Die Portraits, welche unser Klauer gearbeitet, sind uns 
und den auswärtigen interessant und sie werden es den 
Nachkommen seyn. Ich wünschte dass sich ein Platz 
fände wo man sie alle ohne Ausnahme aufstellen und wo 
man noch manches was zerstreut liegt versammeln könnte. 



6 Neue Mittheilungen. 



Wie sehr verdankt man einem Erzherzog von Oesterreich 
dass er die Bildnisse, Harnische, Kunstwerke, andere Arbeiten 
und Überbleibsel seiner Zeit auf einem Schlosse Ambras 
zusammengestellt hat, das jederman mit dem grössten In- 
teresse besucht und daran man sich mit grösster Zufrieden- 
heit erinnert, und wo Hesse sich nicht etw^as ähnliches 
anlegen? 

Nicht wenig interessant wird es seyn die Catalogen 
von Kunstwerken, die sich wirklich hier befinden, neben 
einander zu sehen. Was Durchl. der Herzog, die Herzogin, 
Herr Gore und andere besitzen, was selbst in meinem 
Hause sich befindet, ist nicht ohne Bedeutung. Eine all- 
gemeine Übersicht würde ihren Nutzen und ihre zweck- 
mässige Vermehrung befördern. 

Der Einfluss dieser Arbeiten und Besitzungen würde 
mit Vergnügen zu betrachten seyn, und es würde deutlich 
werden w^elche Schritte man zunächst zu thun hätte. 
Ich kann diese Materie nicht verlassen ohne noch der 
Steinertischen Stunden zu gedenken, die Winterszeit in 
dem Schlosse besonders Handwerkern gewidmet sind. Ich 
darf unsers jungen Steinschneiders nicht vergessen, dessen 
letzte Arbeit ich so eben vorgezeigt habe. 

So w^enig die Lage und die äussere Umstände die 
Baukunst begünstigen, desto mehr hat man Ursache auf 
dasjenige was geschieht aufmerksam zu seyn. (Eine ver- 
achtete oder vernachlässigte Kunst die man doch nicht 
immer entbehren kann rächt sich grausam wenn das Be- 
dürfniss eintritt. Welche ungeheuere Summen sind von 
Fürsten, Staaten oder einzelnen Personen auf Monumente 
des Ungeschmacks verwendet worden, und so respectabel 
das Handwerk ist wenn es der Kunst gehorcht, so ohn- 
mächtig und abgeschmackt zeigt es sich wenn es die Stelle 
der Kunst vertreten will, denn alle Ordnung und Reinlich- 
keit, ja der Schmuck den es einem Gebäude geben kann 
wird den Mangel von Verhältnissen und Übereinstimmung 
nicht verbergen, ja vielmehr nun erst recht sichtbar machen.) 

Es ist kein geringes Unternehmen, das vor mehrern 
Jahren abgebrannte Schloss wieder herzustellen. Da an 
seinem Äussern wenig verändert werden kann, so war es 



Schema der hiesigen Thätigkeit. 



der Sache gemäss, auf eine innere bequeme und anständige 
Eintheilung zu denken. Die Betrachtung der durch die 
Herren Arens und Steiner gefertigten Risse aus denen 
deutlich zu sehen ist, wie man von dem ungleichen Räume 
Gebrauch gemacht, die nähere Kenntniss dessen was man 
gethan, was man zu thun gedenkt und wie weit man theils 
damit gelangt, theils was vorbereitet worden ist, wird für 
jedermann der sich hier aufhält und dieses grosse Werk 
nach und nach werden sieht, gewiss interessant seyn. 

Die Risse des französischen Architecten Clerisseau, zu 
Auszierung des grossen Saals und der benachbarten Zimmer, 
sind nicht so bekannt als sie es verdienten zu seyn und 
würden denjenigen, die sich auf die Baukunst legen, in 
der Folge auch selbst wegen der Zeichnungsart zu em- 
pfehlen seyn. 

Das Gartenhaus Durchl. des Herzogs kann man das 
erste Gebäude nennen das im Ganzen in dem reinem Sinne 
der Architectur aufgeführt wird, und es würde belehrend 
seyn sowohl über die Risse als über die Ausführung Be- 
trachtungen anzustellen. 

Besonders aber sollten auch die mechanischen Hülfs- 
mittel, deren man sich bey diesen Bauen bedient, dem 
Allgemeinen und unsern Nachfolgern nicht unbekannt 
bleiben. Auch ist zu bemerken, dass sich verschiedene 
Handwerker z. B. Steinhauer und Stukatur bey dieser 
Gelegenheit mustermässig gezeigt haben. 

Wenn wir nun von der bildenden Kunst zur Musik 
übergehen so werden wir unserer Capelle und des sie 
dirigirenden Conzertmeisters mit Vergnügen gedenken und 
sodann auch dem Institut einige Aufmerksamkeit schenken, 
wo die Kunst zwar noch als Handwerk und Gilde erscheint, 
das aber das mechanische zur Übung bringt und von je 
her auf die ausübende Musik nicht ohne Nutzen war. 

Bey der Vocalmusik ist die Bemühung unsers Cantors 
Remde nicht zu verkennen. Von dem Theater würde be- 
sonders zu handeln seyn und die Liebhaberey der Parti- 
kuliers würde auch zur Sprache kommen. 

Das Theater ist eine von denen Anstalten die wir am 
seltensten als Object ansehen. Wir nehmen entweder Thcil 



8 Neue Mittheilungek. 



daran oder keinen, wir suchen es oder wir fliehen es und 
fragen nur, in jedem einzelnen Fall, ob es uns unterhält 
oder lange Weile macht. Diese Anstalt aber würden wir 
auch einmal als eine solche ansehen können die bleibend 
ist, die nun aufs neue wieder ii Jahre dauert und unter 
manchen Veränderungen noch lange dauern oder immer 
wieder zurückkehren wird. Es . lassen sich bey einer Über- 
sicht manche sehr artige Resultate finden. 

Es ist überraschend wenn man hört, dass vom Januar 
1784 an 90 Schauspieler auf dem hiesigen Theater erschienen 
sind, dass man 410 neue Stücke gegeben hat, dass (ausser 
der Entführung aus dem Serail die 25 mal, ausser der Zauber- 
flöte die 22 mal aufgeführt worden ist) keins der be- 
liebtesten Stücke bis jetzt die i2te Vorstellung erreicht 
hat. Die Anzahl der Stücke die eine, höchstens 2 Re- 
präsentationen erlebt haben ist gross. Eine Recension der 
Stücke die sich am längsten gehalten, würde selbst über 
die letzten 10 Jahre des deutschen Theaters eine Über- 
sicht geben. 

Es ist misslich über Schauspieler, besonders über die, 
die noch gegenw^ärtig gesehen werden, im ganzen und 
öffentlich zu urtheilen, aber warum sollten wir nicht, unter 
uns, die Talente derer, die wir gekannt haben und kennen, 
schätzen und mit billigen Rücksichten unsre Gedanken 
über sie. äussern. 

Die Tanzkunst, welche eigenthch bey Bällen und 
Redouten jährHch sich selbst ausstellt, finden wur wenig 
kultivirt, sie artet zu einem • blossen Naturvergnügen aus 
und der Tanz erscheint wohl immer als eine angenehme, 
selten aber als eine schöne und anständige Bewegung. 
Vielleicht unterhielten wir uns bey Gelegenheit dieser Lücke 
vom theatralischen Tanze und w^as derselbe auf das Schau- 
spiel und auf das gemeine Leben für Einfluss hat. 

Und da einmal von Leibesübungen die Rede ist, w^ürden 
'wir auch von der Fecht- und Reitkunst sprechen und 
vielleicht bemerken, dass jene gleichfiüls nach und nach 
zu verschwinden anfängt. Desto mehr aber verdient diese 
unsere Aufmerksamkeit, da sie die Ausbildung, Erhaltung 
und zweckmässige Benutzung des kostbaren einzigen und 



Schema der hiesigen Thätigkeit. 



in seiner Vollkommenheit immer seltener werdenden Thieres 
zum Zweck hat. 

Betrachten wir zunächst die Gärtnerey so finden 
wir diese besonders begünstigt. Die Parkanlage ist eine 
der gelobtesten in Deutschland, sie w^ird von den Ein- 
heimischen mit Vergnügen, von den Fremden mit Be- 
wunderung besucht. Wohlgewählte Kupfer, Zeichnungen 
und Beschreibungen werden sie immer bekannter und an- 
genehmer machen. 

Auch durch sie hat die Botanik manches gewonnen, 
indem sie die Kultur fremder Pflanzen npthwendig machte. 

Die Kenntnisse, der Fleiss und der ausgebreitete Handel 
des Garten-Inspector Reicherts, die weiten Reisen seines 
Sohns haben kein geringes Verdienst um die hiesige Gegend. 

Von dem neue^i Botanischen Institut zu Jena lässt sich 
unter Aufsicht des Herrn Professor Batsch das beste hpflfen. 

Wie unser Forstwesen zuerst eingerichtet worden 
und wie es erhalten wird, verdient von einem, jeden ge- 
kannt zu .werden, zu einer Zeit in welcher die Holz- 
consumtion immer stärker wird und man gegründete und 
ungegründete Sorgen für die Zukunft gar oft hören muss. 

Bey den Forstpflanzungen würden wir unseres treff- 
Hchen, zu früh abgeschiedenen Wedels gedenken und so 
an den Pflanzungen der einzelnen Besitzer und Gemeinden, 
an den bestehenden Baumschulen und an allem übrigen 
Gartenwesen Theil nehmen. Besonders verdiente die seit 
mehrern Jahren stark getriebene Gemüsgärtnerey eine all- 
gemeine Übersicht und eine oekonomische Berechnung. 

Wir finden auch hier litterarische Bemühungen die 
diesen Anstalten zu Hülfe kommen. So werden wir den 
Obstgärtner, den Blumengarten, die Obstcabinete zu .Ver- 
breitung dieser nützlichen und angenehmen Kenntnisse vieles 
beyträgen sehen. 

Gehen wir aus den Gärten in die Studierzimmer, über, 
so finden wir zuerst die Sprachen als Mittel zu allen übrigen ^ 
Kenntnissen. Man kann allgemein bemerken, dass man sie 
nur in so fern treibt, als die Kenntnisse selbst, welche da- 
durch zu erlangen sind, von Jungen und Alten gewünscht 
werden. Wie ' es mit dem hebräischen, griechischen und 



10 Neue Mittheilungen. 



lateinischen aussieht werden wir durch Männer erfahren 
können welche hievon gründlich unterrichtet sind. Was 
in unserm Kreise für die deutsche Sprache geschehen ist 
werden wir nicht zu verläugnen Ursache haben. Bey 
der englischen können wir bemerken, dass ihre Schriftsteller 
mit unsrer Denkweise und dem was wir in unserer eigenen 
Litteratur schätzen überein kommen, so dass man sie des- 
halb vorzüglich gesucht hat. Die Liebe zu der italienischen 
Sprache ist nicht weit ausgebreitet, sie scheint mehr des 
Gesangs willen geliebt zu seyn, die spanische ist nur das 
Eigenthum einiger Personen, auch ist die französische 
weniger kultivirt worden als diese allgemeine Sprache 
verdient. Vielleicht erhält durch unsere neuen Gäste auch 
diese Übung einen frischen Anstoss. 

Indem wir von Sprachen reden, dürfen wir der 
Büttnerischen Arbeit, der Sammlung und des Vorhabens 
dieses würdigen Greises nicht vergessen, um so mehr da 
ihre Vollendung mehr als ein Menschenalter beschäftigen 
wird. 

Die Erziehungs- und Lehranstalten werden den 
Stoff zu mancher Unterhaltung und Betrachtung geben. 
Von dem Gymnasio (das durch Examina und öffentliche 
Actus seine eigne Ausstellungen hat) und dem Seminario 
können wir hoffen gründlich unterrichtet zu werden und 
die mehrern Privatinstitute verdienen unsere Aufmerk- 
samkeit, als das Kirschtische in Jena, das Andräische 
in Eisenach, eine Anstalt in Stettfeld und die Forstschule 
in der Zillbach. 

Der Unterricht den die Pagen hier geniessen liegt auch 
nicht aus unserm Kreise. 

Und das schon solange mit Beyfall fortgesetzte Bilder- 
buch ist nicht zu vergessen. 

Von der alten und fremden Litteratur werden wir zu- 
gleich mit den Sprachen, von denen sie unzertrennlich 
sind, unterrichtet werden. Bey der einheimischen besonders 
wird es interessant seyn aufzuzählen was für deutsche 
Werke aus unserm Kreise ausgegangen, was für Über- 
setzungen bey uns gearbeitet worden sind. Das Verzeich- 
niss würde nicht klein werden, wir würden dabey das 



Schema der hiesigen Thätigkeit. ii 



Andenken an die Schriftsteller erneuern, die uns entweder 
durch den Tod, oder durch fernen Beruf entführt worden 
sind. 

Ein Blick auf das was unsere schon lange bestehenden 
Zeitschriften, der M e r k u r und das Modejournal, geliefert 
und gewirkt, würde uns manche Resultate darstellen; be- 
merken wir den Gang der neuern Zeitschriften, der Hören, 
des philosophischen Journals, so werden wir manches 
aufbewahren das in der Zukunft gleichfalls zu Resultaten 
führen kann. Die Litteraturzeitung bietet uns ein 
reiches Feld zu Betrachtungen dar, die Lese-Biblio- 
theken, Journalgesellschaften, die Buchdruckerey 
und Buchhandlung liegen unsern Betrachtungen nahe 
genug. 

Über die Jenaische Academie mit Unpartheilichkeit 
und mit Würde zu sprechen und ihren Zustand in einer 
Reihe von Jahren, zu übersehen, würde ein höchst interessantes 
Unternehmen seyn. Von den öffentlichen Anstalten würde 
man wohl ohne Bedenken sprechen; allein sollte man 
nicht auch dessen was so viele Männer gewirkt und noch 
wirken mit Anstand und UnpartheiHchkeit gedenken können? 
Selten erscheint uns die Gegenw^art als das was sie ist, 
manchmal setzt sie der Parteygeist zu hoch, aber noch 
öfters viel zu tief herab, und in dem gesellschaftlichen 
Leben ist es herkömmlich, über alles gleichgültig zu er- 
scheinen. Man beobachtet den Theologen, man spottet 
über den Mediciner, man scherzt über den Philosophen, 
man lässt den Juristen gewähren, und bedenkt nicht dass 
alle diese Männer von der Zeit gebildet werden und die 
Zeit bilden helfen, und dass alles was sie lehren auf das 
bürgerliche Leben den grössten Einfluss hat. Es w^ar viel- 
leicht niemals nöthiger als zu unserer Zeit, über dasjenige 
deutlich zu seyn was um und neben uns geschieht, zu einer 
Zeit wo das wechselseitige Misstrauen fast unvermeidlich 
ist. Man könnte gern Publicität und Aufklärung vermissen, 
wenn Offenheit nnd Klarheit an ihre Stelle treten könnten. 

Billig ziehen nun auch die Bibliotheken unsere Auf- 
merksamkeit auf sich. Wir haben ihrer viere : di« hiesige, 
die Jenaisch-Academische; die Buderische und 



12 Neue Mittheilungen. 



Büttnerische, welche alle der Stiftung, der Anstalt und 
dem Platz nach, wohl immer getrennt bleiben werden, 
deren virtuale Vereinigung aber man wünscht und man 
sich möglich gedacht hat. Hiezu die nöthigen Vorkennt- 
nisse zu sammeln und eine so schöne Idee der Ausführung 
näher zu bringen würde schon allein einer litterarischen 
Societät Beschäftigung geben können. Ein Blick auf die 
Privatbibliotheken würde dabey nicht versäumt werden. 

Die Naturkunde mit ihren Hülfswissenschaften hat 
auch bey uns ihre Schüler und Verehrer gefunden. Wir 
können sagen, dass eine der ersten geogn ostischen 
Beschreibungen in Deutschland durch unsern Bergrath 
Voigt ausgearbeitet worden ist. 

Das Jenaischc Museum zeigt von dem grossen 
Vortheil, wenn nur einmal den Sammlungen ein Mittel- 
punct angewiesen ist, sie an einem Ort zusammen gestellt 
und mit Ordnung aufbewahrt werden, indem alles dahin 
fliesst und nichts verlohren geht. Mehrere Privat- 
Sammlungen haben auch diese Liebhaberey undKcnntniss 
verbreitet und erhalten. Es wird nicht zweckwidrig seyn, 
neu bekannt werdende Mineralien vorzuzeigen, von deren 
chemischen Bestandtheilen wir denn auch von Zeit zu Zeit 
unterrichtet würden. Ein Überblick um was sich diese 
Schätze des Jahrs vermehrt haben wird in der Folge 
immer angenehm bleiben. 

Was seit mehrern Zeiten in der Physik bey uns ge- 
schehen und noch immer geschieht, was wir denen Wiede- 
burg, Succow, Voigt und Batsch verdanken, würde man 
mit Vergnügen anerkennen. Ich würde von meinen eigenen 
Versuchen in einem beschränkten Fache sprechen dürfen, 
so wie Diejenigen nicht zu vergessen wären, die gewisse 
Theile, besonders die Electricität bearbeitet haben, so wie 
•in Eisenach ein junger Mann wegen der Gewitterabieiter 
bekannt ist. 

Was die Chemie betrifft, so dürfen wir uns der- 
selben vorzüglich rühmen. Herr Bergrath Buchholz hat, 
von den frühesten Zeiten her, mit der Wissenschaft gleichen 
Schritt gehalten und die interessantesten Erfahrungen theils 
selbst gemacht, theils zuerst mitgetheilt und ausgebreitet. 



Schema der hiesigen Thätigkeit. 13 

Aus seiner Schule ist ein Göttling hervorgegangen 
und noch gegenwärtig steht ihm ein geschickter Mann 
bey seinen Arbeiten bey. 

In der Technologischen Chemie wird es interessant 
seyn, die Versuche eines ausgewanderten Franzosen in 
Ilmenau, Eisen durch Reverberir-Feuer zu schmelzen, näher 
kennen zu lernen; die ersten Versuche sind, man darf sagen, 
zu gut gerathen, indem nicht allein der Ofen sondern auch 
die Esse glühend wurden. 

Unser nächstes Bleischmelzen in Ilmenau wird auch 
der Aufmerksamkeit in mehr als Einem Sinne werth seyn. 

Hier ist es der Ort auch der Gesellschaft zu er- 
wähnen, welche der Herr Professor Barsch in Jena gestiftet 
hat, es breitet sich dieselbe immer weiter aus und bewährt 
ihren Zweck in Bildung junger Leute, ihre Sammlung 
bereichert sich, und das chemische Laboratorium wird 
durch den hoffnungsvollen jungen Doctor Scherer fleissig 
genutzt, es werden von Zeit zu Zeit Nachrichten von diesem 
Institut ertheilt, und es wird Pflicht seyn ihrer auch unter 
uns zu erwähnen. 

Die Mathematik war diejenige Wissenschaft deren 
unmittelbaren Einfluss man in hiesigen Landen am frühesten 
anerkannte. Bey der mit so vielem Sinn angestelhen 
Revision zeigten sich Zollmann und Häubelein; bey der 
Forstrevision mehrere Jäger, Sckel, Köhler, Oettelt. In 
der neuern Zeit haben sich mehrere hervorgethan, deren 
Verdienst und Einfluss nicht zu verkennen sind. 

Die Mechanik ward in frühern Zeiten nur empirisch 
getrieben; der alte Kunstkämmerer Apel verfertigte ver- 
schiedene kleine Maschinen, der Baumeister Hase in Jena 
war auch in diesem Fache nicht ohne Kenntniss. Seit 
mehrern Jahren wurden die Feuerlöschungs - Maschinen 
vom Hofmechanikus Neubert nicht allein für das Land 
sondern auch für ganz Deutschland gearbeitet. Wir werden 
von dieser Anstalt künftig genaue und auf Theorie ge- 
gründete Nachrichten zu erwarten haben. 

Da die wichtigen Maschinen, welche in Ilmenau nach 
den Rissen und Vorschlägen' der geschicktesten Chur- 
sächsischen Beamten, eines Mende und Baldauf, errichtet 



14 Neue Mittheilungen. 



worden, unter der Erde versteckt und von wenigen gekannt 
sind, so wird man gewiss die Risse davon mit Antheil 
sehen, und derjenigen kann mit Ehren gedacht werden 
deren Aufsicht sie anvertraut sind. 

Einzehie Männer als Mechanikus Schmiedt in Jena, 
Kleinstäuber in Belvedere verdienen unsere Aufmerksamkeit. 
Denn es ist bey allem was wir in diesen und verwandten 
Fächern unternehmen höchst wichtig zu wissen: dass wir 
Leute in der Nähe haben die uns mit den nöthigen Werk- 
zeugen versehen können. 

Eine Anstalt die in ihrem ganzen Umfang ungeheure 
Kosten erfordert ist auch bey uns zweckmässig, im kleinen, 
zu einer besondern Absicht, errichtet worden, ich meine 
das Observatorium mit den dazu gehörigen In- 
strumenten. Von demselben, dem Hartleyischen Sextanten, 
dem Chronometer und ihren Anwendungen wird uns Herr 
Lieutenant Vent die beste Nachricht geben können. 

Diese Anstalt führt mich zur Erdbeschreibung als 
zu deren Behuf sie eigentlich gegründet worden. Die ZoU- 
mannsche Charte über einen Theil von Thüringen verdient 
noch immer alles Lob. Die Wibekingischen, gezeichneten, 
sind, ohne die strengste geometrische Genauigkeit, dennoch 
in allen Fällen wo eine allgemeine Übersicht der Gegenden 
und Lagen erforderlich ist, höchst schätzbar und brauch- 
bar; so wohl sie selbst, als die Fortsetzung unter Güsse- 
feldischer Aufsicht, verdienen von uns gekannt zu seyn, 
wie sie denn auch schon durch Kopien vervielfältigt worden 
sind. Wären die Kosten nicht so gross so wünschte ich 
sie in den Händen eines jeden, der bey den Geschäften 
unsers Landes angestellt ist. 

In Ilmenau sind bey Gelegenheit der Revision des 
Bergwerks schöne genaue Charten ausgearbeitet worden. 
Durchl. des Herzogs Sammlung hat vielen Werth, Herr 
Legations Raths Bertuchs Schulatlasse und die Gasparische 
Geographie werden unter unsern Augen entstehen. 

Die Topographische Sammlung, welche Herr Gore 
zusammengebracht und meistentheils selbst gearbeitet 
hat, ist wegen ihrer Ausbreitung und Treue höchst 
schätzbar. 



Schema der hiesigen Thätigkeit. 15 

Herr Rath Krause hat auch in diesem Fache schon 
manches geliefert und wird uns bald durch neue Gegen- 
stände, die er auf seiner letzten Reise gesammelt, er- 
freuen. Ich breche hier ab und spare das übrige so wie 
einige allgemeine Betrachtungen für unsere nächste Zu- 
sammenkunft. 



Im Sommer 1791 begründete Goethe die »Freitags-Gesell- 
schaft«, einen Verein, der den in Kunst und Wissenschaft tätigen 
Männern Weimars und Jenas einen Mittelpunkt und die Ge- 
legenheit geben sollte zu wechselseitiger Belehrung und An- 
regung. Was ihm selbst entschiedenes Bedürfnis war: nicht 
allein die Nachbargebiete der eigenen schöpferischen und 
forschenden Tätigkeit, sondern nach Möglichkeit auch alle 
fernerliegenden Felder menschlicher Culturarbeit zu über- 
blicken, sich ein Urteil zu bilden auch über das der eigenen 
Mitwirkung Verschlossene, das sollte diese Gesellschaft für ihn 
und alle Mitglieder zu leisten versuchen. 

Zunächst verbanden sich mit ihm Herder, Wieland und 
Knebel, der Übersetzer Bode, Bertuch der literarische Industrie - 
ritter, der Apotheker Buchholz und der immer geschäftige, 
immer gefällige Voigt, Als Anhang II zu Goethes Briefwechsel 
mit dem Letztgenannten hat Otto Jahn die unter dem 5. Juli 
1791 von diesen neun Männern vereinbarten Satzungen ab- 
gedruckt. Sie bezeichnen als Zweck ganz allgemein: eine ge- 
meinsame Unterhaltung, durch Vorlesungen und andere Mit- 
teilungen. Dass man den Anfang »ganz prätentionslos« machen 
müsse, schrieb Goethe schon bei der ersten Erwähnung des 
Planes, an Carl August den i. Juli 1791 (Briefe X, 274). 

Das Bild, das Goethe selbst, nach drei Jahrzehnten, in 
den Tag- und Jahresheften (Werke XXXV, 68) von dem Leben 
und Wirken der Gesellschaft gegeben hat, wird wesentlich 
ergänzt und berichtigt durch gleichzeitige Quellen. Ausführ- 
liches melden nur die Protokolle der beiden ersten Sitzungen, 
von Otto Jahn am angeführten Orte mitgeteilt, und vier fernere 
Sitzungsberichte von C. A. Böttiger in den »literarischen Zu- 
ständen und Zeitgenossen« I, 23—47. Darnach haben im 
ersten Winter des Bestehens nicht wöchentliche Versamm- 
lungen der Gesellschaft bei Goethe, sondern monatliche bei 
der Herzogin Mutter Anna Amalia stattgefunden. Für die 
drei nächsten Winter sind wir auf dürftige Angaben in Knebels 
ungedruckten Tagebüchern und in Goethes Briefen angewiesen. 
In diesen drei Wintern scheinen die Sitzungen unregelmässiger 
und seltener geworden zu sein, bei allmählicher Verlegung in 
Goethes Haus. 



l6 Neue Mittheilungen. 



Im Winter 1795 auf 1796 kam regeres Leben in die 
.»Societät.« Am 27. November 1795 versammelte sie sich bei 
Goethe, und dieser meldete am 3. December (Briefe X, 342.) 
an Wilhelm von Humboldt: die Freitagsgesellschaft habe 
wieder angefangen, sodass also das Licht der Kenntnisse, das 
im übrigen ziemlich unter dem Scheffel stehe, wenigstens in 
seinem Hause einmal die Woche leuchte. Nichtsdestoweniger 
fand, nebenbei bemerkt, die nächste Sitzung am 4. December 
bei der Herzogin Mutter statt. 

Unmittelbar mit diesem Bericht verbindet Goethe eine 
Äusserung über die Arbeit, die unsern Text bildet. »Ich 
habe den Gedanken gehabt« so schreibt er »die vielerlei 
Zweige der Thätigkeit in unserm kleinen Kreise, in ein Schema 
zu bringen, und will die Gesellschaft bewegen, die einzelnen 
Notizen auszuarbeiten. Diese Kunst- und wissenschaftliche 
Republik sieht bunt genug aus und besteht, wie die deutsche 
Reichsverfassung, nicht durch Zusammenhang, sondern durch 
Nebeneinandersein, wie Sie selbst davon eine anschauliche 
Kenntniss haben.« 

Auch ein anderes Schreiben bezieht sich auf diese Arbeit, 
ein Billet an C, G. Voigt, das »den flüchtigen Entwurf eines 
Schema's der hießigen Thätigkeit« begleitet. Es ist undatirt, 
und in Goethes Briefen X, 304 habe ich es als Nr. 3206 in 
den Spätsommer 1795 gesetzt. Hierfür war bestimmend, dass 
Ludwig Geist, von dessen Hand das Billet geschrieben ist, 
erst um diese Zeit als Schreiber in Goethes Dienste ' trat. 
Näheren Anhalt bot die Angabe des Schemas selber, dass 
die »Zauberflöte« bisher, seit der ersten Aufführung vom 
16. Januar 1794, in Weimar 22 Mal gegeben sei. Da die 22. 
Auß^ührung am 10. Juni, die 23. am 22. October 1795 statt- 
fand, musste das Schema, und mit ihm das Billet, in die Zeit 
vor letztgenanntem Tage datirt werden. Denn wie sollte 
Goethe, im Besitz der zuverlässigsten Quellen, eine irrige 
Statistik über die Auff'ührungen seines Theaters gegeben haben? 
Dennoch bezieht sich Voigts unmittelbar erfolgte, gleichfalls 
undatirte Antwort, die ich erst später auffand, in einer Nach- 
schrift auf ein kriegerisches Ereignis vom 22. November 1795. 
Damit fallen auch das Billet Goethes und das Schema in 
die zweite Hälfte dieses Monats. 

Wann Goethe den Vortrag in der Freitags-Gesellschaft 
hielt, ja ob dieses überhaupt geschah, bleibt unbekannt. Das 
Fehlen unmittelbarer Zeugnisse dafür dürfte noch nicht mit 
Sicherheit zu dem Schluss berechtigen, dass der Vortrag un- 
gehalten blieb, wahrscheinlich aber darf es genannt werden. 
Denn irgend eine Äusserung, sei es der Freude oder des 
Unmuts, über den Erfolg der durch den Vortrag bezweckten 
Anregung müsste man doch in den Briefen Goethes erwarten. 



Schema der hiesigen Thätigkeit. 17 

Der ausgearbeitete Vortrag, der unseren Text bildet, ist 
von Geist geschrieben, ein Folioheft von 42 gebrochnen 
Seiten. Der Umschlag trägt von Goethes Hand die Über- 
schrift »Über die verschiedenen Zweige der hießigen Thätig- 
keit.« Von den sehr zahlreichen eigenhändigen Correcturen 
werden in den folgenden Anmerkungen nur wenige bedeu- 
tendere angeführt. 

Neben dieser Ausarbeitung ist auch der schematisirte 
Entwurf überliefert, den Goethe im November 1795 ^^ Voigt 
sandte. Unter der Überschrift »Schema der hießigen Thätig- 
keit, in Künsten, Wissenschaften und andern Anstalten« folgt 
auf acht Folioseiten rechtsspaltig eine von Geist sauber 
geschriebene Aufstellung, in übersichtlicher Hervorhebung der 
Hauptglieder und stufenartiger Einrückung der Unterab- 
teilungen. Zwischen den Zeilen, besonders aber in der linken 
Spalte hat Goethe diese Aufstellung mannigfach ergänzt, auch 
von Voigts Hand finden sich Zusätze in beiden Spalten. Sie 
zeigen, dass Voigts oben erwähnte Antwort nicht wörtlich 
tu nehmen ist, in der es heisst : »Ew. Hochwohlgeboren haben 
in der That unsre Nominalitäten und Realitäten puncto 
factorum et faciundorum sehr erschöpft, und ich habe nichts 
Erhebliches vermisst, als etwa — die hochlöbliche Lotterie- 
Anstalt. Man hätte allenfalls diese unter die Non facienda 
bringen können.« Vielmehr hat Voigt ausser einzelnen 
Ergänzungen auch das weite ihm am Ende offen gelassene 
Feld ausgefüllt, der Bitte Goethes gemäss. 

Dieser dem Freund überlassene Abschnitt betrifft die 
industrielle Production des Herzogtums. Unser Text, der 
Vortrag selber, enthält davon nichts, da er, wie auch der 
Schluss bekennt, nur den ersten Teil eines Ganzen bildet. 
Der zweite Teil ist nicht ausgearbeitet, sondern nur in dem 
Schema vorbereitet. Die folgenden Anmerkungen verzeichnen 
aus dem Schema nur das sachlich Abweichende, soweit es 
sich um die im Vortrag ausgeführten Abschnitte handelt, 
bietet aber das über den Vortrag Hinausgehende in voll- 
ständigem Abdruck. 

Seite 3 Zeile 1 — 4,15 sind im Schema gar nicht, 4,16—6,22 
nur durch wenige Notizen vorbereitet. 

Das »Hochfürstliche freie Zeicheninstitut« in Weimar 
wurde im Jahre 1788 officiell begründet und nebst zwei 
kleinen Unteranstalten in Jena und Eisenach der Oberauf- 
sicht von Goethe und Geheimrat Schnauss unterstellt. Georg 
Melchior Kraus, ein Frankfurter (geb. 1737), der bereits vor 
Goethe nach Weimar gekommen, wurde und blieb bis zu 
seinem Tode (1806) Director des gesammten Instituts. Es 
hatte sich aus einer von ihm gegründeten privaten »Zeichen- 
schule« oder »Zeichenakademie« entwickelt, die sich von 

Goithf-Iahrbuch XIV. 2 



l8 Neue Mittheilungen. 



Anfang an lebhafter Förderung durch Goethe erfreute. Auf 
seine Anregung fanden seit 1779 jährlich zum Geburtstage 
des Herzogs (3. September) Ausstellungen des von den Lehrern 
und Schülern Geleisteten statt, und er selbst gesellte sich ein- 
mal zu den Lehrkräften der Anstalt, indem er vom 7. November 
1781 bis zum 15. Januar 1782 wöchentlich zwei Vorträge 
über den Knochenbau des menschlichen Körpers hielt. Auch 
in Italien begleitete ihn die Sorge für das Unternehmen, und 
dort gewann er ihm in Heinrich Meyer eine neue Kraft. 

5,26. Gottlob Martin Klauer war seit 1774 in Weimar 
als Hofbildhauer tätig, f 1806. Goethe nahm an seinen 
Arbeiten lebhaften Anteil, so an den Büsten Oesers (1780) 
und Herders (1781 und 1783). 

5,33. Bei »Toreutik« stellt das Schema »von dieser etwas 
überhaupt« in Aussicht. 

5,87. In welcher Weise dieser Gedanke später in der 
Grossherzoglichen Bibliothek zu Weimar verwirklicht wurde, 
ist vielen Lesern des Goethe-Jahrbuchs aus eigener Anschauung 
bekannt ; Schilderungen der Sammlung haben besonders Adolf 
Scholl in den »Merkwürdigkeiten Weimars« und Adolf Stahr 
in »Weimar und Jena« gegeben. 

6,1. Die Ambraser Sammlung hat Goethe auf der zweiten 
Fahrt nach Italien gesehen, vgl. Tagebuch 22. März 1790 
(II, 6); auf der ersten, im September 1786, nahm er in Inns- 
bruck nur ganz kurzen Aufenthalt. 

6.10. »Herzoginnen« Schema, in eigenhändiger Correctur 
aus »Herzogin Mutter.« Die ursprüngliche, im Vortrag von 
Goethe wieder aufgenommene Lesart entspricht der Wirklich- 
keit mehr als die höfliche Correctur. 

6.11. Der Engländer Charles Gore mit seinen gefälligen 
Töchtern, eine Reisebekanntschaft Carl Augusts aus Pyrmont 
1785, kam 1787 zum Besuch, 1791 zu dauerndem Aufent- 
halt nach Weimar; er aquarellirte sehr fein, besonders See- 
stücke. 

6,14. Statt des letzten Satzes stand ursprünglich: »Alle 
diese Sammlungen sind zwar nicht verschlossen, sie werden 
aber nicht genutzt wie sie könnten, sie werden zwar fort- 
gesetzt, aber vielleicht nicht so zweckmäßig als es bey einer 
allgemeinen Übersicht leicht und möglich wäre.« Mit welcher 
systematischen Umsicht Goethe selbst, auch schon in früheren 
Jahren, seine reichhaltigen Sammlungen anlegte, und zugleich 
die des Herzogs vervollständigte, zeigen besonders seine Briefe 
an Lavater, später die an Heinrich Meyer; und schon in den 
neunziger Jahren beginnt die sorgfältigste Beobachtung der 
Auctionskataloge des In- und Auslandes. Von den Früchten 
dieser mühevollen Arbeit zeugen nicht nur Goethes eigene 
sondern auch die Öffentlichen Kunstsammlungen Weimars. 



Schema der hiesigen Thätigkeit. 19 

6,19. Über den Baumeister Johann Friedrich Rudolf Steiner 
s. unten 7,3. 

6,21. Auch Facius, der Steinschneider (1764— 1843) wurde 
1789 von Goethe für Weimar gewonnen und durch gründ- 
liche Ausbildung bei Tettelbach in Dresden gefördert. Welche 
seiner Arbeiten Goethe bei dieser Gelegenheit vorzuzeigen 
beabsichtigte, ist nicht bekannt. 

6,23— -7,26. Im Schema ausserdem die Notiz: »Alte Baue, 
besonders Herzog Ernst August, ihr Charakter. Privatgebäude.« 

6,25 und 36. Die Klammern sind eigenhändig von Goethe 
eingefügt. 

6,37. Das herzogliche Schloss war am 6. Mai 1774 fast 
bis auf die Umfassungsmauern abgebrannt. Gerade der vor- 
liegende Aufsatz Goethes lehrt die Beschränkung richtig wür- 
digen, die der Herzogliche Hof sich in den nächsten Jahr- 
zehnten auferlegte: Alle die Unternehmungen und Anstalten, 
von denen Goethe hier berichtet, wurden zum guten Teil aus 
den Privatmitteln des Herzogs begründet und unterhalten, — 
zum Wiederaufbau des eigenen Hauses entschloss dieser sich, 
trotz der unbequemen Enge der inzwischen bezogenen Räume, 
erst nach 15 Jahren und Hess fast drei Jahrzehnte vergehen 
bis zur Beendigung des schlichten Werkes. Der Baumeister 
Johann August Arens aus Hamburg (1757 — 1806), den Goethe 
in Italien kennen gelernt hatte (vgl. B. Suphan, Vierteljahr- 
schrift für Litteraturgeschichte V, 109), fertigte während zwei- 
maligen Aufenthaltes in Weimar, 1789 und 1791, die Pläne 
und Risse, die dem erst 1795 energischer in Angriff genom- 
menen Bau zu Grunde gelegt wurden. Der 7,3 genannte Steiner 
leitete, unter einer von Goethe dirigirten Baucommission, die 
Ausführung. 

7,10. Die Entwürfe von Charles Louis Cl^risseau (1721 — 
1820) zur inneren Ausstattung der Festräume gehören dem 
Sommer 1794 an, s. Goethes Briefe X, 168. 

7,16. Das »Römische Haus« im Park, gleichfalls von Arens 
entworfen, wurde 1794 begonnen, im Sommer 1797 beendigt. 
Abweichungen von dem ursprünglichen Plan erregten Goethes 
entschiedenes Missfallen, vgl. besonders seinen Brief an Heinrich 
Meyer vom 8. August 1796 (Briefe XI, 150,16). 

7.29. Johann Friedrich Kranz, seit 1787 Concertmeister 
neben dem älteren Carl Gottlieb Göpfart, und seit des Capell- 
meisters Ernst Wilhelm Wolf Tode (1792) erster Dirigent der 
Hofcapelle sowie der Oper. Eine Hofcapelle wird in dem 
ofificiellen »Hochfürstlichen S. Weimar- und Eisenachischen 
Hof- und Adreß-Calender« erst seit 1776 aufgeführt, vorher 
gab es nur 5 Hof-Trompeter, i Hof-Pauker und 5 Hof-Haut- 
boisten. 

7.30. Eberweins Privatschule. 

2* 



20 Neue Mittheilungen. 



7,35. Joh. Math. Rempt, seit 1790 Cantor »bey der Stadt- 
und Pfarrkirche zu St. Petri und Pauli.« 

7,38—8,85. Vgl. J. Wähle »Das Weimarer Hoftheater unter 
Goethes Leitung« in Schriften der Goethe-Gesellschaft, her- 
ausg. V. Bernhard Suphan, VI (1891). Im Januar 1784 begann 
Bellomo seine Vorstellungen, er brachte während 7 Jahren 
282 Stücke auf die Bühne, von denen Goethe 198 fallen liess, 
vgl. C. A. H. Burkhardt »Das Repertoire des Weimarischen 
Theaters unter Goethes Leitung« in Theatergeschichtlichen 
Forschungen, hrsg. von Berthold Litzmann, I (1891). Von 
den 410 hier gezählten Stücken gehören also den 4 ersten 
Jahren der Leitung Goethes 212 an, darunter 128 vorher in 
Weimar nicht gegebene. Von den 25 Aufführungen der »Ent- 
führung aus dem Serail« fallen 14 in Bellomos Zeit. Über 
die Statistik der Aufführungen der »Zauberfiöte« s. die Ein- 
leitung dieser Anmerkungen. Die auswärtigen Gastspiele der 
Gesellschaft sind nicht mitgezählt. Das Schema lautete ur- 
sprünglich: »Theater-Stücke die aufgeführt worden; die sich ge- 
halten haben; die nicht; Ursachen davon. Acteurs. Schätzung 
ihrer Talente.« Die statistischen Angaben hat Goethe am 
* Rande zugesetzt. 

8,26. Der Hoftanzmeister Johann Adam Aulhorn wird 
schon seit 1775 im Hof- und Adress-Kalender aufgeführt unter 
den Pagen-Maitres ; als akademischer Tanzmeister in Jena seit 
1791 Joh. Christoph Hess. Im Schema heisst es: »Tanzkunst, 
wenig kultivirt, nur als Naturvergnügen. Ballet, Einfiuss des- 
selben aufs Theater.« 

8,34. Zur Fechtkunst bemerkte das Schema ursprünglich: 
»geht auch zusammen«, dann in eigenhändiger Correctur: 
»scheint immer mehr entbehrt zu werden.« Fechtmeister der 
Pagen war Chr. Gottfried Hennicke, akademischer privilegirter 
Fechtmeister in Jena der Hauptmann a. D. Johann Heinrich 
von Brinken, seit 1781. Als dieser sich um die erledigte 
Stelle bewarb, schrieb Goethe an Fritsch (Briefe V, 153), er 
sei ihm »zu still, nicht gegen junge Leute prävenant genug, 
und für unsre Akademischen Umstände zu vornehm.« Er 
nahm sich dagegen eines Franzosen Fellon an, für den ausser 
seiner aus Leipzig erhaltnen Empfehlung seine Armuth, seine 
Munterkeit und sein artiges Betragen spreche. »Einem Fecht- 
meister schadet ein wenig Charlatanerie nicht« setzt Goethe 
hinzu. 

8,37. Die Reitkunst wurde, was den Unterricht belangt, 
in Weimar durch den Pagen-Stallmeister Böhme vertreten, 
in Jena durch den seit 1785 angestellten akademischen Stall- 
meister August Gottfried Ludwig Seidler, den Vater der Louise 
Seidler. — Der Satz 8,38—9,2 schon im Schema, eigenhändig 
am Rande. 



Schema der hiesigen Thatigkeit. 21 



9,8. Die Grossherzogliche Bibliothek in Weimar besitzt 
keine ältere derartige Schrift als ein 1797 in Erfurt anonym 
erschienenes Büchlein »Beschreibung und Gemähide der 
Herzoglichen Parks bey Weimar und Tiefurt.« 

9,13. Johann Reichert, seit 1777 Hofgärtner in Belvedere, 
1793 Garten-Inspector. Goethe erwähnt in Briefen mehrfach 
des gefalligen und kundigen Mannes, der ihm für seine 
wissenschaftlichen Arbeiten sowol als für seine praktischen 
Anlagen sehr wertvoll war. Der Sohn, Friedrich Reichert, 
wurde 1793 substituirter Hofgärtner in Belvedere. 

9,15. Die neue botanische Anstalt im Fürstengarten zu 
Jena wurde Anfang 1794 gegründet. Zahlreiche hierauf be- 
zügliche Schriftstücke sind aus den Acten des Instituts in 
Goethes Briefen X, 135 f. mitgeteilt. 

9,17. Das Schema stellt auch das Forstwesen unter 
»Gartenkunst«, indem es diese in ästhetische, botanische und 
ökonomische zerlegt; daher erscheinen hier Forstpflanzung und 
Gemüsegärtnerei neben einander. 

9.23. Otto Joachim Moritz v. Wedel, Kammerherr und 
Oberforstmeister seit Carl Augusts Regierungsantritt, starb 
im Herbst 1794. 

9.24. Statt »der einzelnen Besitzer« heisst es im Schema 
»der Privatorum« in eigenhändiger Correctur für ursprünglich 
dictirtes »der Edelleute.« 

9,31. In der ziemlich umfangreichen hortensischen Litera- 
tur der Grossherzoglichen Bibliothek zu Weimar befindet sich 
von den hier angedeuteten Schriften nur der erste Band des 
»Teutschen Obstgärtners«, einer pomologischen Zeitschrift, die 
der gothaische Pfarrer Johann Volkmar Sickler 1794—1804 in 
Bertuchs Verlag herausgab. 

9,34—39. Ähnlich schon im Schema ausgeführt. 

10,1. Vor Allen durch Herder und Carl August Böttiger, 
der seit vier Jahren das »Gymnasium illustre« in Weimar 
leitete. 

10.9. Auffälliger Weise übergeht Goethe hier die italie- 
nischen Sprachstudien der Herzogin Mutter und ihres Kreises, 
wie er auch der griechischen, keineswegs nur spielend be- 
triebnen Studien vergisst, die Anna Amalia im Jahre 1782 
unter Leitung des französischen Philologen Villoison machte. 

10.10. Besonders Bertuch, der auch 1775 — 76 den »Don 
Quixote« übersetzt hatte. 

10,10. Christian Wilhelm Büttner, geb. 17 16, war Professor 
in Göttingen. 1782 kaufte Carl August die namhafte Bib- 
liothek des durch seinen Sammeleifer verschuldeten Gelehr- 
ten und veranlasste ihn, auf Goethes Rat, nach Jena zu ziehen : 
Statt baarer Auszahlung der 8000 Thaler, auf die der Bücher- 
schatz taxirt war, gab man dem Alten eine jährliche Pension 



22 Neue Mittheilungev. 



von 300 Thalern und Hess ihn in seiner nach Jena überführ- 
ten Bibliothek weiter hausen. Er lebte hier noch 18 Jahre, 
von Goethe gern als »das alte lebendige encyklopädische 
Dictionair genutzt.« Allmählich artete seine Liebhaberei 
zur wüsten Sammelwut aus, vergl. Goethes Schilderung des 
nach seinem Tode vorgefundenen Chaos in den Tag- und 
Jahresheften und Briefen an Schiller. Büttner wollte in einem 
grossen Werke, das als »Prodromus linguarum« seit 1795 
angekündigt wurde, den gemeinschaftlichen Ursprung aller 
Sprachen nachweisen. Schon 17 71 waren seine »Vergleichungs- 
Tafeln der Schriftarten« erschienen, als erstes Stück ohne 
Fortsetzung; 1791 verbreitete er nur handschriftlich eine »De- 
signatio linguarum«, als Vorläufer des Prodromus. Zum Erben 
seines schriftlichen Nachlasses war der Linguist J. C. C. Rüdiger 
in Halle bestimmt. Vgl. Böttiger im Neuen Deutschen Mercur 
1801 III, 156 f. 

10,20. Hierzu erwähnt das Schema noch: »Aufenthalt von 
Fremden, besonders Engländern bey uns.« — Die Jenaische 
und Zillbacher Anstalt hat Voigt im Schema eingefügt. 

io,3i. Das bei Bertuch 1790 — 181 1 in 128 Grossquart- 
heften mit 1200 Kupfertafeln erschienene, in der Geschichte 
der Pädagogik wohlbekannte »Bilderbuch für Kinder.« Goethe 
hat diese im Schema fehlende Notiz im Vortrag zugesetzt. 

10.38. Hier genügt es, ausser Bertuch (s. zu 10,10) Knebel, 
Herder und Bode (f 13. Dec. 1793) zu nennen; im folgen- 
den Jahre trat Goethe mit dem »Benvenuto Cellini« hinzu. 

ii,i5. Wielands »Teutscher Merkur« seit 1773, das von 
Bertuch und Kraus herausgegebene »Journal des Luxus und 
der Moden« seit 1786, Schillers »Hören« und Niethammers 
»Philosophisches Journal einer Gesellschaft deutscher Ge- 
lehrten« seit 1795. Die von Bertuch begründete »Allgemeine 
Literatur-Zeitung« erschien, von den Professoren Schütz und 
Gottlieb Hufeland geleitet, seit 1785 in Jena; über die Ent- 
wickelung und spätere Umwandlung des bedeutenden Blattes 
s. besonders W. v. Biedermanns Einleitung zu Goethes Briefen 
an Eichstädt. — Am Rande notirt Goethe hierzu im Schema 
noch »Tiefurter Journal«, das er auch unten (s. S. 26) noch- 
mals erwähnt; vgl. Schriften der Goethe-Gesellschaft VII. 

11.39. Christian Gottlieb Buder war 1722 — 1763 Univer- 
sitätsbibliothekar in Jena. Seine Privat-Bibliothek stand 1817 
verschlossen und sollte nach dem Willen des Stifters unan- 
getastet bleiben. 

12,3. Unter welchen Schwierigkeiten und Einschränkungen 
dieses in Jena ermöglicht wurde, hat Goethe in den Tag- und 
Jahresheften 1802, 1817, 1818 und 1820 erzählt. 

12,10. Es ist bekannt, mit welchem Geschick Goethe auch 
die widerstrebendsten seiner Freunde in das Interesse für die 



Schema der hiesigen Thätigkeit. 23 



Naturforschung zu ziehen wusste, wie den Herzog und Knebel. 
In keiner der 6 Sitzungen der Freitags- Gesellschaft, deren Tages- 
ordnung bekannt ist, fehlen naturwissenschaftliche Gegenstände. 

12.11. Statt »geognostischen« im Schema »oryktologi- 
schen.« Gemeint ist des späteren Bergrats Joh. Carl Wilhelm 
Voigt »Mineralogische Reise durch die Herzogthümer Weimar 
und Eisenach und andere angrenzende Gegenden, in Briefen, 
mit 6 illuminirten Kupfern« Dessau 1782, zweiter Teil Weimar 
1785. Der junge Mann hatte diese Reise im Auftrag und nach 
einem Plan Goethes gemacht. 

12,14. Auch die Museen in Jena verdanken zum grössten 
Teile ihre Bedeutung, wo nicht ihre Entstehung, dem uner- 
müdlichen Eifer Goethes, der länger als ein halbes Jahr- 
hundert hindurch die Entwicklung dieser Anstalten leitete, 
bis in die kleinsten geschäftlichen Details schöpferisch und 
ordnend tätig. Das Schema erwähnt hier auch des durch seine 
Mitarbeit auf diesem Gebiete besonders verdienten Johann 
Georg Lenz (1748 — 1830). 

12,28. Joh. Ernst Basilius Wiedeburg, Professor der Mathe- 
matik in Jena, f i. Januar 1794. Die vergeblichen Anstreng- 
ungen Goethes, unter Wiedeburgs Leitung mit dieser grim- 
migen Wissenschaft Frieden zu schliessen, erzählen seine Briefe 
aus dem Mai 1786 (VII, 219 f.). — Johann Heinrich Voigt 
(17 51 — 1823), Professor der Mathematik; Lorenz Joh. Daniel 
Succow, Professor der Physik und Senior der Akademie in 
Jena. — Batsch s. zu 9,16 und 13,13. 

12,36. Wilhelm Heinrich Sebastian Buchholz (1734— 1798), 
Bergrat und Hofmedicus, zugleich Apotheker in Weimar, Mit- 
begründer der Freitags-Gesellschaft. Das hier ausgesprochene 
Urteil ist schon im Schema, eigenhändig, ausgeführt. 

13,1. Joh. Friedrich August Göttling (1755 — 1809) war 
Provisor in der Apotheke bei Buchholz, seit 1789, auf Goethes 
Verwendung, ausserordentlicher Professor in Jena. 

13,5. Über diesen und andere Misserfolge des Emigrirten 
von Wendel und den traurigen Tod dieses Mannes s. Tag- 
und Jahreshefte 1795 (Werke XXXV, 57 f.). 

13.12. Batschens »Naturforschende Gesellschaft«, am 14. Juli 
1793 in Jena begründet, ist besonders dadurch allgemein be- 
kannt geworden, dass Goethe, nach seiner späteren Erzählung, 
in einer Sitzung dieser Gesellschaft zum ersten Male mit 
Schiller in engere Fühlung trat. 

13,17. Alexander Nicolaus Scherer (177 1 — 1824), der 
Schützling Goethes und Alexanders von Humboldt, vgl. 
Allgemeine Deutsche Biographie XXXI, 99 f. 

14,17. Johann Gottlob Vent, Lieutenant im Hochfürst- 
lich Weimarischen Infanterie - Corps, war, als Nachfolger 
Castrops, bei verschiedenen praktischen Unternehmungen 



24 Neue Mittheilungen. 



(Wasser- und Wegebau, Parkanlagen u. dgl.) tätig. Die Ex- 
plicirung des Hartleyischen (Goethe im Vortrag und Schema 
eigenhändig: Hadleyischen) Sextanten durch Vent verspricht 
Goethe im April 1797 auch Alexander von Humboldt 
(Briefe XII, 89). 

14,20. Die Karten Fr. Wilh. Zollmanns gehören bereits 
den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts an. 

14,25. Franz Ludwig Güssefeld (1744 — 1808), ein von 
Goethe sehr geschätzter Ingenieur in Weimarischen Diensten. 
Der im folgenden erwähnte »Neue methodische Schulatlas« 
war wesentlich sein Werk. 

14,34. Adam Christian Gaspari (1752 — 1830), zur Zeit 
ausserordentlicher Professor in Jena, als Geograph und Stati- 
stiker schon damals weit bekannt. Sein »Lehrbuch der Erd- 
beschreibung zur Erläuterung des neuen methodischen Schul- 
atlasses« erschien 1792 — 1793 unter lebhafter Teilnahme 
Goethes, vgl. Briefe IX, 319,15. X, 45,14. Das hier als in 
Aussicht stehend genannte Werk ist das »Vollständige Hand- 
buch der neuesten Erdbeschreibung« 2 Bände 1797 — 1802, 
das Gaspari jedoch nicht mehr in Jena vollendete. 

15,1—6. Mit der hierauf bezüglichen Notiz »Krausens 
Bemühungen« endigt der Teil des Schemas, der in dem Vor- 
trag zur Ausarbeitung gelangt ist. Der zweite, nicht ausge- 
arbeitete Teil folgt hier in vollständigem Abdruck, in dem, 
zur Unterscheidung vomDictat, das von Goethe eigenhändig ge- 
schriebene cursiv gesetzt ist. Von einer Nachbildung der zwei- 
spaltigen Handschrift ist abgesehen, doch wird das linksspaltig 
von Goethe und Voigt Zugesetzte in den Fussnoten bezeichnet. 

[Schema. Zweiter Teil.] 

Ilmenauische Revision und ihre Resultate. 

Wasserbau 

bloß empirisch, ja sogar nach falschen Principien unter- 
nommen 

in wie fern die rechten Grundsätze deutlich und allge- 
mein zu machen. 

Austrocknung 

des Schwanensees 

des Schlossgrabens 

des Küchteiches 

Ausfüllung des Jenaischen Stadtgrabens. 

Feuerlöschungs Anstalten und Brandassecurationen. 

Waisenhaus. 

Zucht und Irrenhaus. 

Landesoekonomie 

Zerschlagung herrschaftlicher Güter und Rittergüter 



Schema der hiesigen Thätigkeit. 25 

Ausgleichung der Triften 

der Frohnen ' 
Erhöhung der Preise aller Victualien zum Vortheil des 
Landmanns. 

Viehzucht. * 

Stuterey Alstädt 

Privatorum, 

Schafzucht. 

Chanorier. ^ 

Rindviehzucht 

Betrachtungen hierüber sind von desto grösserer Be- 
deutung in diesem Augenblicke als diese Geschöpfe bey 
Verwüstung der vorliegenden Länder und bey immer fort- 
daurendem Kriegsbedürfniss im Preisse immer steigen 
werden, da man alle Versuche machen wird sie uns 
nach und nach zu entführen. W^ir können hierüber desto 
nähre Aufschlüsse hoffen als wir einen Mann unter uns 
sehen der über diese Gegenstände seit mehreren Jahren 
ununterbrochen Erfahrungen gesammelt und nachge- 
dacht hat. * 

Fabriken. 

Strumpffabrik von ungefähr 1300 Stühlen, wovon 2/3 im 

Gange. ^ 

Serge und Flaggentuch zu Ilmenau. 

Porcellan daselbst. 

Wollen Spinnerey zum rohen Verkauf. 

Peche und Kiehnruß. 

Teppiche. 

Seidenhasen 

Blech Mode Waaren. 

Leinwand und melirte Leinwand Arbeiten. 

Breite Antwerpner Leinewand. 

Kleine Kugeln aus Stinkstein zu Ilmenau. 

Bleiche Hühner^ 



' Zusatz Voigts. 

* Dieser ganze Abschnitt, bis »nachgedacht hat« ist von Goethe 
eigenhändig in der linken Spalte zugesetzt. 

5 Ein Emigrant. 

•* Die hiermit angedeutete Persönlichkeit weiss ich nicht zu bezeich- 
nen. Vielleicht ist der Landcommissar Georg Batty gemeint. 

> Die Worte »Strumpffabrik« bis »Stinkstein zu'Ilmenau« hat Voigt 
(ergänzt durch die cursiv gedruckten Worte Goethes) in freigelassenen 
Raum geschrieben. »Fabriken« ist das letzte Wort von Schreiberhand, 
vgl. das in der Einleitung dieser Anmerkungen erwähnte Billet Goethes 
an Voigt aus dem November 1795. 

6 In der linken Spalte, ebenso die folgende Zeile, ferner die Worte 
»Industrie Comptoir«, »Dekorationen« und »Handwerker überhaupt«. 



26 Neue Mittheilungen. 



Hutfahrik Kostümpfel 

Schenckische Instrumente 

Alle Arten von bunten und marmorirten Papier y Ecke- 
brecht, Bordüren 

Industrie Comptoir 

Dekorationen 
Manche Unternehmungen und Anstalten dauren nur eine Zeity 
aber auch sie verdienen bemerckt zu werden, denn nichts was 
wirckt ist ohne Kinfluss und manches folgende lässt sich ohne 
das vorhergehende nicht begreifen, 

Tiefurter Journal, 

ßlumenfabrick. 

Spinnschule, 

Spinnhaus, 

Handwercker überhaupt. 
Kleine Handivercker die nicht bemerkt werden. Von denen 
nur eine Person sich ernähren kann, vielen andern aber t Heils 
zu arbeiten, theils überhaupt unentbehrlich sind, 

Feilenhauer. 

Sporer. 

Schwer dt feger, 

Zeugschmidt. 



Dass dieser zweite Teil nur als Schema überliefert ist, 
dürfte gleichfalls für die im Eingang dieser Anmerkungen 
ausgeführte Annahme sprechen, dass Goethe nicht dazu kam, 
den aus dem ersten Teil ausgearbeiteten Vortrag in der Freitags- 
Gesellschaft wirklich zu halten. Wäre das geschehen, so würde 
vermuthlich auch der zweite Teil des Schemas ausgearbeitet 
vorliegen, denn die beabsichtigte anregende Wirkung konnte 
Goethe von dem Fragment schwerlich erwarten, das uns der 
zum Vortrag ausgestaltete erste Teil bietet. Bei der Ordnung 
und Vollständigkeit, in der Goethes Arbeiten aus dieser Zeit 
überliefert sind, ist der Verlust einer Ausarbeitung des zweiten 
Teils sehr unwahrscheinlich. Das Heft, in welches die des 
ersten geschrieben ist, enthält noch sieben unbeschriebene 
Folioseiten zur Fortsetzung. 

Eduard von der Hellen. 



^ijr 



Briefe von Marianne von Eybenberg an Goethe. 27 

2. EINUNDZWANZIG BRIEFE VON MARIANNE VON 

EYBENBERG, ACHT VON SARA VON GROTTHUSS, 

ZWANZIG VON VARNHAGEN VON ENSE 

AN GOETHE, 

ZWEI BRIEFE GOETHES AN FRAU VON EYBENBERG. 

I. 

Berlin d. 22. ybre ly^j. 
Seit 2 tage bin ich von meinen Wandrungen zurück und 
mus nun in den verhassten Neblen des traurigen Nordens 
existiren, wie viel lieber, guter Göthe, waren mir die Süd- 
lichen Flöhe ! Aber ich zuill und werde mich durchdrän2:en, 
bis ich Sie wieder in dem lieben Carlsbaade begegne, ich 
hofe es soll mir noch so manche frohe Stunde in Ihrer 
Gesellschaft werden, ich geniesse die verlebten noch so 
lebhaft in der Erinerung und es wird mir so wohl aus der 
Entfernung mit Ihnen sprechen zu dürfen. Dass Sie mir 
antworten werden, dafür bürgt mir Ihre Freundschaft, Ihr 
gegebnes Wort und so lieber Freund leben wir miteinander 
fort, ich schreibe Ihnen wie es aus dem Herzen kömmt, 
durch den Sinn fährt, damit müssen Sie zufrieden sein, und 
das werden Sie auch. Ich w^ar nie anders gegen Sie und 
Sie sagten mir, Sie wären zufrieden mit mir — Fahren 
Sie fort liebster Göthe mich fortzuhelfen, so wie Sie in 
Carlsb. thaten, ich bin Ihnen viel viel schuldig! Sie finden 
keinen undanckbahren Schlingel an mir. Wie ich nach 
Ihrer Abreise noch in Carls, gelebt mus ich Ihnen noch 
sagen, die Diedens habe ich viel gesehn und mus ihr die 
Gerechtigkeit, besonders gegen Ihm, wiederfahren lassen, 
dass sie sehr gescheit und aimable war, ohne Sucht ge- 
fallen zu wollen, ich hätte ihr gern gesagt, w^ie sehr sie 
sich dadurch geschadet. 10 Tage nach Ihnen ging ich nach 
TöpHtz, wo ich etwas über 3 Wochen blieb, dort existirte 
ich viel mit dem Prince de Ligne, Sie kenen diesen gallanten 
schönen Geist, den der Ruf so partheiisch in seiner Pro- 
tection genomen, er ist Liebenswürdig und gewiss nicht 
ohne talente, aber nachdem was ich von ihm gehört ehe 
ich in sah durfte ich mehr erwarten als ich fand, nächstens 



28 Neue Mittheilungen. 



schicke ich Ihnen einige Sachen von ihm, ein Envoy, ein 
Gedicht gegen der Hofnung und was er Sara im Fächer 
und mir im St. Buch geschrieben. Die Gedichte von Brinck- 
mann erhalten Sie auch so wie die Tasse und Shawle, die 
Schlingels haben mich so überlaufen, dass ich noch nicht 
aus dem Hause gekommen bin, ausgenommen bey der Mama, 
die par Parenthese die besten intentionen mich zu plagen 
hat, aber sein Sie ruhig, guter biedrer Göthe, es soll ihr, 
denck ich, nicht gelingen, ich bin ziemlich wohl von Töplitz 
zurück gekommen, ich werde um jeden preiss suchen dies 
Wohlsein zu erhalten, man sagt mir allgemein, ich sähe 
sehr wohl aus ; wo ich in meinem Vorsatz wancken werde, 
soll die Eitelkeit mich wieder bestärken, alle capricen und 
neckereyen sollen mich nicht ärgren, nur die arme Sara 
fürchte ich wird sich nicht so nehmen, sie ist sehr leidend 
itzt, eine Aderlas hat sie sehr zurückgesetzt, sie Empfielt 
sich Ihrem Andencken, hätte Ihnen gern selbst einige Worte 
zugerufen, vermag es aber nicht — 

Unsre Freundin Therese war sehr gerührt als ich ihr 
das Kettchen brachte, sie trug mir auf, Ihnen viel herz- 
liches von ihr zu sagen und sagte immer mit den freund- 
lich wehmüthigen ton den Sie ihr kennen Ah le bon 
Monsieur Goethe, le bon Goethe! und ich war nicht da, 
um sie zu wiedersprechen ! — ich muste es ihr anlegen 
und so that sie recht feyerlich das Gelübde, es solle ihr 
nie vom Arm kommen, sie hat mir geschrieben und mir auf- 
gegeben, Ihnen ihre Achtung und Freundschaft zu versichren. 

Adieu guter Göthe (den Geheimen Rath habe ich mir 
sehr gern von Ihnen weg raisoniren lassen) also immer 
guier Lieber Göthe, dabey bleibt es, von nun an bis in 
Ewigkeit. Amen! Wie steht es mit meiner Pathin? ich 
hofe Sie vergessen Ihre Versprechen nicht — mein Blätt- 
chen und noch mehr Versprochnes — wie auch die Haare, 
auf alles harre ich mit Ungeduld — ich vergesse nichts^ 
mit nächstem Posttage erhalten Sie alles. Bis dahin adieu 

und immer Ihre wahre Freundin 

Marianne. 

Eben gehn die Kircheisens aus dem Zimmer. Sie haben 
mich gebethen sie in Ihr Gedächtnis zurück zu rufen. 



Briefe von Marianne von Eybenberg an Goethe. 29 

2. 

II Dez. 1795. 
... Sie haben mir einmal gesagt, Sie verständen meine 
Schwester nicht! — ich weiss nicht welche falsche Deli- 
catesse mich zurückhielt, Ihnen meine Meynung über ihr 
zu sagen — ich habe sie leider schon seit sehr lange ver- 
standen und habe daher immer gefürchtet, sie in dem Zu- 
stande zu erblicken, in dem sie nun gerathen — Wer immer 
zu täuschen sucht und sich selbst so gern täuscht, als sie 
that, der ist wohl dem Wahnsinn nah; was ich voraussah 
ist geschehn — wann es mich auch nun nicht frappirt so 
thut es mir doch sehr sehr weh! Sara hat sich dabei nie 
bekämpft, sich immer gehen lassen, sich von 100 Vor- 
urtheilen regieren lassen, aber den Verstand gehabt, es 
meisterhaft zu verbergen; mir konnte dies dennoch nicht 
entgehn, ich war zu eng mit ihr verbunden, habe oft Vor- 
stellungen gemacht, die aber zwecklos waren und sie nur 
bitter gegen mich machten, so behutsam und sanft ich 
auch gegen sie war. — Dazu kam noch dass sie die unglück- 
selige Idee gefasst, man ziehe mich vor, sie sei die letzte 
im Hause und dergleichen Gewäsch mehr — Unter andern 
Thorheiten spielt die Religion eine Rolle, oder vielmehr 
die Religionen, denn bald ist die Christliche bald die Jüdische 
die herrschende und alleinseligmachende. Vor ein paar 
Tagen sagte sie mir, ihr Schicksal stünde in meinen Händen, 
wenn ich förmlich retractiren wollte — seit einigen Tagen 
ist sie zur Mutter ins Haus gezogen, ich besuche sie täg- 
lich, aber die Ärzte wollen, ich solle mich eine Zeitlang 
von ihr entfernt halten, weil jedesmal dass sie mich sieht, 
sie ausser sich ist, tobt und lamentirt — Lieber Göthe, 
Sie fühlen gewiss, wie weh es mir thun muss dass ich der 
Stein des Anstosses bin, obschon ohne mein Verschulden. 
Was mich ganz zu Boden drückt, ist die Überzeugung, 
dass sie ohne Rettung verloren ist. Ja wenn man ihre 
Phantasie, die jetzt mit einer zerstörenden Thätigkeit gegen 
sie selbst arbeitet, auf irgend ein äusseres Interesse leiten, 
von ihr selbst abziehen könnte, so wäre ihr geholfen, 
aber dazu ist keine Aussicht, ich sehe wenigstens kein 
Mittel dazu — sie hat bey einem wirklich guten Herzen und 



^O Neue Mittheilungen. 



seltnen Anlagen, eine so unzusammenhängende Bildung, 
so grosse Inconsequenz des Characters und eine Eitelkeit, 
die gränzenlos ist, die eigentlich der Hauptpunkt , der 
herrschende Gegenstand ist, sie spricht ewig von sich, von 
ihren guten Eigenschaften die verkannt werden, man hielte 
sie für boshaft, kindisch etc. 

3. 

Berlin i April 1796. 

Nicht leicht hat mich etwas mehr amüsirt als w^as Sie 
über Brinckman sagen; mit ein paar Worte haben Sie 
den kleinen Sprenssel besser, richtiger gezeichnet als alle 
die klugen Herren hier, die sich täglich die Tortur geben, 
etwas witziges, treffendes über ihn zu sagen. Es ist als 
hätten Sie ihn gesehen — Ich sehe jetzt die Levin sehr 
viel, wir haben eine Cotterie mit den Humboldts forniirt, 
der Bruder ist auch hier; sie gehen auf diesen Sommer 
nach dem Carlsbade. Sehr wahrscheinHch ists, dass wir 
die Reise zusammen machen werden. Wie steht es mit 
Ihnen? Darf ich mich freuen? 

Vielleicht interessirt es Sie zu wissen, unter welchen 
Bedingungen das Fr. Bradi sich an einen Engländer ver- 
heirathet hat. Hier Wort für Wort, was man mir schreibt. 
»Wissen Sie was aus Fr. Bradi worden ist ? Ein Engländer 
kömmt nach Dressden, heirathet sie, setzt ihr Zeitlebens 
3 m. Thaler Nadelgelder aus mit der Freiheit wieder aus- 
einandergehn zu können wann sie wollen. Nur bediftgt 
er sich im Contract 3 Puncte aus i. Die Kinder nicht 
katholisch zu erziehen, 2. dass sie niemals Roth auflege, 
3. sich Zeitlebens nur ganz Weiss oder Schwarz zu kleiden. 
Das willigt sie ein, sie werden getraut, setzen sich im 
Wagen und reisen nach Italien.« Das Ende des Romans 
ist was mir am besten behagen würde! Eigen ists doch, 
dass dies der B. grade arriviren muss, nicht wahr lieber 
Goethe — 

4- 

Carlsbad 3. Aug. 1796. 

. . . Sie sind mir so noch etwas schuldig, Sie wollen 

mir über den Egmont etwas schreiben und das nächstens. 



Briefe von Marianne von Eybenberg an Goethe. 3^ 

wie Sie in Ihrem letzten Briefe versprechen. Ich muss 
noch nachholen, dass der König, als er geäussert, er wolle 
ihn sehn, gesagt, er habe ihn zwar nicht gelesen, aber 
was von (meinem lieben) Goethe sei, wäre gewiss vor- 
trefflich. Wie wunderbar! Seitdem habe ich ordentlich ein 
Gefühl von Patriotismus in mir gespürt. Den Fritsch habe 
ich recht ausgefragt, er musste mir von Ihnen sagen, was 
er nur irgend wusste und ich war recht wie die Kinder, 
die gern Märchen erzählen hören, niemals genug be- 
kommen können, immer rufen: Teil me more. 

5- 

TepHtz 5 Sept. 1796. 

Ihr liebreicher Brief und die herrliche Idylle haben 
mich sehr angenehm überrascht .... Dem Prinz von 
Ligne hatte ich davon [der Idylle] gesprochen, musste es 
ihm geben, nach ein paar Tagen kam er wieder zu mir 
und sagte, er sey tief beschämt, beuge seine Knie vor Ihnen, 
er habe versucht, es zu übersetzen, es ginge aber nicht, 
das hätte ich ihm wohl vorher sagen wollen, aber die 
Begierde die er hatte es recht zu verstehn war schön. 
Über manche Stellen wollte er Erklärung haben wo er den 
Sinn nicht fassen konnte, einen ganz falschen unterge- 
schoben hatte, es gelang mir ihm die rechte Bedeutung 
zu geben. Nun schickte er mir eine Übersetzung in Prosa 
und sagt, seine Tochter habe sie gemacht; das ist aber 
nicht wahr; sie ist toll genug; gelingt es mir Sie in Weimar 
besuchen zu können, so bringe ich sie mit. Hier ist vor- 
erst das Billet was sie begleitete, Sie senden es mir wohl 
wieder zurück. 

6. 

Berlin 29 Okt. [1796.] 
Werden Sie mir es verzeihen werther Freund, dass 
ich des Meisters wegen Ihnen einen Posttag später die 

Antwort auf Ihren Brief sende Im Almanach habe 

ich meine liebliche Freundin die Idvlle wiedergefunden, 
ausser ihr noch sehr viel schönes aber nichts was mich so 
anzöge — Sagen Sie mir lieber Goethe ist nicht »Einer« 



32 Neue Mittheilungen. 



von Ihnen? Es steht S. u. G. zwar darunter aber ich fühle 
nur das G., ich denke, das Gedicht hat nur einen Schöpfer! 
Die Eisbahn ist herrlich! herrHch! — Die Klage der Ceres 
ist sehr schön, besonders gefällt mir der Anfang, aber die 
Idee mit der Correspondenz durch das Samenkorn behagt 
mir nicht. Die Xenien versteh ich noch nicht alle. Brinck- 
man meint er wisse Alles und will sie mit mir lesen, 
einiges hat die Humboldt mir schon erklärt, es ist amüsant 
was die Schlingels darüber sagen — was Fr. Nicolai gesagt, 
w^erden Ihnen die Humboldts wohl erzählt haben, Sie 

können ihn sich dabei vor dem Spiegel denken 

Iffland ist hier, ich habe ihn auch schon gesehn, im 
Essighändler und in der Ehlichen Probe; im letzten Stück 
hat er mir vorzügHch gefallen, das erste hat er ein wenig 
zu sehr geschleppt, hat einen alten Deutschen aber nicht 
den Franzosen gespielt, jedoch hat er sich nicht einen 
Augenblick vergessen und consequent die Rolle durchge- 
führt, so wie er sich sie gedacht und hätte er sich im 
Character geirrt, so sah man doch dass aus dem Gesichts- 
punkte wo er sie nahm, er sie vortrefflich gespielt. Im 
zweiten Stück hat er mit mehrer Feinheit noch gespielt, 
es war nicht eine Bewegung, die nicht dem gan:i^en ange- 
messen war; und man konnte darum nicht sagen, diese 
Stelle hat er gut gespielt, sondern man musste gestehn, 
diese habe er vor7;JlgUch gegeben, er hatte ein ganzes dar- 
gestellt, was den Künstler bezeichnete und was ich noch 
bey allen den Schauspielern die ich gesehn, vermisste. 

7. 
Königsbrück den 28. ybre 1797. 
Nicht wahr, mein theurer Freund, ich darf ohne alle 
Entschuldigung dass ich seit 10 Wochen beinah nichts von 
mir hören Hess, mit Ihnen wieder sprechen. . . Ich will Ihnen 
lieber sagen, wie glücklich mich mein Aufenthalt in Weimar 
gemacht, wie ich beständig noch an der Erinnerung zehre, 
wie oft ich mich in Gedanken mit und bei Ihnen guter lieber 
Goethe befand, für wie viel Drückendes mich diese schöne 
Erinnerung entschädigt. . . . Meine Galle wurde [in Pyr- 
mont] überhaupt auf mancherlei Weise gereizt und in 



Briefe von Marianne von Eybenberg an Goethe. 33 

Bewegung gesetzt, ich konnte es nicht über mich gewinnen, 
immer zu schweigen, ich habe oft Wahrheiten ausgetheilt 
und nicht immer mit der Sanftmuth, die man mir w^ohl 
zugetraut hat vermöge der genossenen Erziehung. Dem 
Lord Bristol habe ich sein acharnement gegen die Deutschen 
und ihre Literatur verziehen, den habe ich nur parirt oder 
zum Narren gehalten, denn der spricht fonciferement gegen 
alle anderen Nazionen, das heisst moderne und doch oft 
so originel und mit so vieler Laune, dass man selbst zur 
Persiflage gestimmt wird und sich freut einen solchen Gegen- 
stand gefunden zu haben. Anders stimmte mich die Aeusse- 
rungen eines deutschen Prinzen, der einer grossen reputation 
geniesst, viele gute Anlagen hat, manches Talent besitzt, 
wo aber alles eine solche schiefe Richtung genommen hat, 
dass man fast verzweifelt, dass je etwas Gutes daraus werden 
könnte. Das Mitleid hat zwar oft den Ärger bei mir ver- 
drängt, aber nicht selten und nicht immer unaufgefordert 
habe ich meine Meinung gesagt und so energisch als mir's 
möglich war — besonders konnte ich einer Enthusiastischen 
Wuth gerathen, wann er es sich einfallen liess beweisen 
zu wollen die deutsche Litteratur sei null und nichts, nicht 
der Rede werth. Es that mir w^eh, dass mit einer ange- 
bornen Fähigkeit die Dinge anders zu sehn und zu beur- 
theilen blos aus Äfferei, weil Friedrich der Zweite so gesehn 
hatte, er nun auch so entschied — Ich konnte mich nicht 
entbrechen zu bemerken, dass wann man strebte diesem 
grossen Mann ähnlich zu werden, man nicht damit an- 
fangen müsste, grade seine Vorurtheile zu adoptiren. Ich 
fügte noch hinzu: und haben Sie wohl bedacht, dass wann 
Ihr grosser Oncle jet:(t 25 Jahr alt wäre, wo die Deutschen 
auf der Stufe der Cultur stehn, er w^ahrscheinlich anders 
gedacht, sie anders beurtheilt hätte. Liebster Göthe, Sie 
sehn mir ist zu Muthe als wie ich neben Ihnen auf dem 
Sopha im innersten Heiligthume mich befand, ich schwatze 
nicht wie in einem Briefe, aber grade als würde es mir so 
wohl, Ihnen in die Augen zu sehn, das gewisse, so be- 
deutende, von mir so gut verstandene »ja nun« zu ver- 
nehmen — ich schreibe nicht, ich rede, erzähle was mir 
eben durch den Sinn fährt, manchmal ein bischen confus, 

HoETHE-jAHRBUr-l XIV. 3 



^4 Nhue Mitthkilungkn. 



aber darüber beruhigt, \veil ich weiss, wie viel Fehlendes 
Sie ergänzen können — und so fahre ich fort. Recht an- 
schaulich wünschte ich es machen zu können, wie ich mich 
in Hannover in einer adlichen Gesellschaft befand, wo der 
Nathan gelesen wurde. Kein Einziger von den Lesern, 
keiner von den Zuhörern wusste was er wollte, was der 
Autor eigentlich gemeint, beabsichtigt haben könne; auf 
einer guten Erziehung hatten sie tz//^ Ansprüche zu machen; 
mir dauerte der Spass nur etwas zu lange, sonst hätte es 
mich sehr unterhalten. — Meine Aufmerksamkeit hatte ich 
hauptsächlich auf einer alten Ministerin gerichtet, die gar 
nicht zu begreifen schien, wie in einer feinen Gesellschaft 
ein Buch zur Unterhaltung oder zur Bildung könne gewählt 
werden, wo ein Jude die Hauptperson ist, trotzdem dass 
er edel sogar weise war; dass ich zu den Töchtern Zions 
mich einst zählte, hatte sie gewiss nicht geahnt, gar zu 
gerne hätte ichs ihr gesagt — Sie sah mich immer an, 
w^ann eine Stelle kam, die ihr als Christin nicht behagte, 
als wolle sie sagen, »w^as soll das hier; hab' ich recht 
gehört?« Wahrscheinlich hat sie sich damit getröstet, 
dass sie sich unter lauter ächten reinen Christenseelen 
wähnte und dass wohl eigentlich nichts Arges damit gemeint 
sey; vielleicht hat sie auch gefürchtet durch Fragen Un- 
wissenheit zu verrathen, genung sie schwieg als man zu lesen 
aufgehört hatte und Hess es bei der Unruhe bewenden, die 
sie während dem Lesen verrieth, die aber schwerlich von 
irgend jemand in der Gesellschaft mich ausgenommen 
bemerkt wurde — Ein jeder war so zufrieden mit sich, 
einen Abend so nützlich mit Buchstabiren zugebracht zu 
haben — nur Wenige konnten geläufig lesen. — Nathan 
war ein süsser kleiner weissgepuderter Capitain, der in 
seinem Ton viel zu viel von einem Alcindor hatte, um 
nur erträglich die Rolle eines Weisen zu spielen. Der 
Tempelherr, ein junger Mensch, Expectant eines grossen 
Vermögens, was ihm eine alte Tante hinterlassen wird, 
also sehr geehrt und geschätzt, declamirte sehr rührend 
und gerührt — Recha, die Frau vom Hause, eine sehr 
hübsche Frau, die nicht ganz übel las, wo aber der un- 
schuldige Ton, den sie annahm, nicht übel mit dem Zustand, 



Briefe von Marianne von Eybenberg an Goethe. 35 

in dem sie sich befand, contrastirte, da dem Anschein nach 
zu schliessen, sie jeden Augenblick die Gesellschaft durch 
einen neuen Ankömmling hätte vermehren können — Daj.i, 
eine kleine ängstliche Person, die ich lieber etwas aus der 
Bibel hätte vorlesen hören — Saladin, ein ziemHch deter- 
minirt aussehender Officier, der ganz wie mit seinem 
Burschen sprach, mir wars, als sagte er nichts als: praesen- 
tirt das Gewehr! ich war sehr tentirt Marsch! zu rufen ! — 
Sitta, ein dickes Fräulein, die äusserst geschwind sprach, 
stark mit der Zunge anstiess und alles auf einer schlechten 
Melodie passte, und so ganz ohne Tact — der Kloster- 
bruder, ein Kammerjunker, der von Natur stark durch die 
Nase sprach und etwas schleppendes im Ton hatte, beides 
vermehrte er, wahrscheinlich die fromme Einfalt besser 
dadurch auszudrücken, auch ward er sehr bewundert und 
der einzige^ dem lauter Beyfall zugerufen ward — der 
Derwisch, ein junger Offizier, der aber nicht grosses Behagen 
an der ganzen Sache zu finden schien und sich gewaltig 
eilte, damit es ein Ende nähme — der Patriarch ward vom 
Capitän der den Nathan las übernommen und ein stottern- 
der Schlingel plagte sich als Mameluck — w^as halten Sie 
lieber Goethe von dieser Gesellschaft? 

8. 

Berlin 20 März 1798. 
.... Ferner melde ich, dass ich mit dem Fleck ge- 
sprochen und dass er durch Ihre Aufforderung nach Weimar 
zu kommen sich unendlich geschmeichelt fühlt und gewiss 
Ihren Wunsch gern sogleich erfüllen möchte; nur ist die 
Schwierigkeit abzukommen für ihn als Regisseur weit 
schwerer als für jeden andern Schauspieler; indessen hoffte 
er im Sommer es mögHch zu machen; da ich ihm aber 
entgegnete, dass grade dann Ihre Truppe in Lauchstädt 
wäre, so will er streben es im Herbst zu veranstalten, einige 
Zeit in Weimar zuzubringen. . . . Ich habe die Bekannt- 
schaft des Friedrich Schlegel gemacht und hätte wohl ge- 
wünscht, sie zu cultiviren, aber zu meinem Unglück sah 
ich ihn tanzen und — schelten Sie nicht theurer Freund, 
ich musste über die neckischen Bewegungen lachen, es war 

3* 



3 6 Neue Mittheilungen. 



Stärker als ich — und er hat das nicht gut aufgenommen, 
das Hess er ziemlich unphilosophisch deutlich merken. . . . 
Bald hätte ich Ihnen zu sagen vergessen, dass Friedrich 
Nicolai mit höchst eigenen Händen etwas gegen Kant ge- 
schrieben hat: betitelt: Leben undMeinungen des Sempronius 
Gundibert; auch gibt er eine ihm zugeschickte Schrift gegen 
Kant heraus: Christian Wolf Gespräche mit einem Kantianer. 
Beides erscheint in dieser Messe; der Sieur Nicolai weiss 
sich zu helfen und will zeigen, welche Ressourcen ihm 
noch bleiben und dass er wohl noch Geld zu schaffen weiss, 
w^enn auch die Xenien die Reise in Discredit gebracht haben. 

9. 

4. Dez. 1798. 

. . . Lange konnte ich mich von dem Mühlbach nicht 
trennen, dem gleich zum dampfen heiss wird, eine Stelle, 
die einzig ist. Die Metamorphose der Pflanzen erregt jedes- 
mal, dass ich sie wiederlese, das stärkste Gefühl der Be- 
wunderung. Die Propyläen habe ich gelesen. Von der gött- 
Hchen Einleitung und dem Aufsatz über den Laokoon kann, 
man mit Recht sagen qu'elle est de main de maitre. Das was 
von den vatikanischen Gemälden handelt, habe ich, obgleich 
mit grossem Vergnügen gelesen, doch nicht so goutirt als die 
beiden ersten Stücke; das Gespräch ist allerHebst und kann 
Gutes wirken, so wie überhaupt das Ganze gewiss von ausser- 
ordentlichem Nutzen sein wird. — Es wird hier ordentlich 
mit fFuth gelesen. — Die ersten Exemplare waren gleich 
den ersten Tag als es annoncirt ward, vergriffen, liebster 
Goethe, ich bete für Ihr langes Leben ! . . . . August geben 
Sie in meinem Namen einen Kuss, borgen Sie ihn mir, 
ich gebe ihn Ihnen einmal wieder, so hoffe ich. 

10. 

Berlin 19. Jan 1799 
. . . Friedrich Schlegel hat ganz naiv eine Art Xenie 
auf Iffland gemacht, die mir sehr passend zu sein scheint; 
es wurden nämlich mancherlei Urtheile über ihn gefällt 
und da hat der Schlegel gemeint, er sei ein bouffon, den 
die Moral debauchirt hätte — dass viel Wahres darin liesft, 



Briefe von Marianne von Eybenberg an Goethe. 37 

ist nicht zu leugnen. Jetzt schreibt er einen Roman, der 
Lucinde heisst und wovon der erste Theil zu Ostern er- 
scheinen soll; das ist alles, was ich davon weiss. 



II. 

Dresden lo Juli 1799. 
. . .Was sagen Sie zu Schlegels Lucinde? Doch was 
frag ich noch? weiss ich nicht, wie Sie sie finden müssen- 
ich habe, um wieder reine Luft einzuathmen, Ihrer Iphigenie 
gehuldigt; nur in dem Schatten des heiligen dichtbelaubten 
Haines könnt ich wieder erquickt mich fühlen — hat die 
Göchhausen nicht Recht, wenn sie sich ärgert, dass diese 
Menschen Sie loben? 

12. 

Wien 10 Dez. 1800 
.... Ihr Brief vom 3 1 July . . . kam mir erst anfangs 
September zu . . . Dass mir die Freude nicht werden sollte, 
Mahomet aus Ihren Händen zu erhalten, ärgert mich recht- 
schaffen ; warum die Censur die Erscheinung auf dem hie- 
sigen Theater untersagt, scheint mir keinen andern Grund 
zu haben, als dass man in einigen Zügen Ähnlichkeit mit 
Bonaparte gefunden hat. . . . 



13. 
[Goethe an Marianne.*] 

Nach einer bösen Prüfung gehöre ich wieder zu den 
Lebendigen und hätte wohl gewünscht auch wieder einmal 
ein Blättchen von Ihnen zu sehen. Nehmen Sie desshalb 
diesen laconischen Gruss als ein Lebenszeichen eines bey- 
nahe verlohrnen Freundes günstig auf und lassen mir 
wissen wie Sie sich befinden und ob Sie noch geneigt sind 
in diesem Jahr unsere Gegend zu besuchen. 

Leben Sie recht wohl und gedenken mein. 

Weimar am 27. Apr. 1801. 



' Concept im Goethe-Schiller- Archiv. 



^ '^ Ni'L'K Mittheilungen. 



14- 

Wien 28 Aug. 1802. 

. . . (»nHin l'ilangieri, die Sie in Neapel gekannt hat, 

trug mir viel Schönes für Sie auf, bittet Sie ihrer sich zu 

erinnern sowie des Spazierganges, den sie mit Ihnen in 

der Villa Reale gemacht; auf Ihrer Güte vertrauend fragt 

sie bittend um Ihren guten Rath; sie soll nämlich auf 

Befehl der Königin ihre beiden Söhne aus dem Pr}-tane, 

wohin sie Ruonaparte sandte, als er sie vor 2 Jahren in 

Italien sah, wo sie eben im Begriff waren zu ihrem Oncle 

y\\ reisen zuriWk nehmen und nach Göttingen fühm ; der 

,^ltcsto soll Statistik studiren, der jüngere helles lettres, 

Ästhetik - \un wünscht sie von Ihnen zu vernehmen, 

an wen >ie sich zu wenden habe wie sie es beginnen soll, 

uni dass sie nicht ihren Zweck verfehle, so lautet mein 

Auüra*;: buchst,\blich, Ihre Antwon holtt sie durch mich zu 

vcvnohmon. 



^5 



Wier. 5 März 180^. 
Ihi troiindlichor Brieü nicin verehrter Freund den ich 
di-vvh Horni Gon:/ orhio!: . . , Rech: \-icl hat mir Herr 
(.tontv von Ihnon ov;äh:on niiisson und es ha: mich ge- 
I'.vn; y\\ h^:vp, \\ ic es Thnon woh' ceh: und dass Sie Ptire 
l-ivnndir. Marinnro in curoni Andenken hehalien: der Um- 
Viani: dvsov M;ip^v> is: miy vio'. wcr:h: seine L'nterhahung 
iv; lohr.vvV. niv. nni^oiv^n: vucioich; er verbindet bei einer 
t'v^fop. ^.V!o!v.N.-jnil<oi: oiTV l.oichrigkei: des Vortrags die 
n>'i ot; ^oo.r. dv :iSs:'.\K-:cs:on. metaphysischen und poliii- 
vv^ot^ ^TvHl.i'^vor vo-.'^-.iivIlvh n"i.vh: : uru: dann nicht wenig 
r;u:; dv 'mV \\vvlv;r:r.c. dv e: fr.r Sie ha:, dazu ber, 
•^»^ !)>i; i>:ibo; n. b-'nco". Bv"Nso: hörr^ ich noch Xiemanden 
P^v v\\ivb:c k^^^vV^ . . . l'^v or.:fir. Fü.ingieri mcssrc 
vvK»v!' 'W^^ r.v^ rv^o^v ^vo^. ih: v.ncster Sohn plötzlich 
vv\':v'»vro i'^vw Ro-<c iv^ii ci,is> 00. .iStv^rc ohne Anfrage 
:.. *". .v^^^v^v^•^v Ov'->iro oor'-otx"',. Vx-r.vidcn^i sr ganz den 
Tvrv ^Vv VN v^•^;\vo•V'^ ' >:rv S^v vi.;*^ic: Ihnen indessen 

.Uy. ^'J\^•^. ^>>:v- vv' '^v^v * 'v v:-e<v i^"j^v' sc üterrascht 
v\' >v: -olv*^ "v'So v<v'^ V*^v"!v^ > v^<- icr nur dies zc 



Briefe von Marianne von Eybenberg an Goethe. 39 

sagen, dass die Hoftheater täglich schlechter und erbärm- 
licher werden, dass wir nichts als Ifflandiaden oder was 
noch ärger Kotzebujaden sehen müssen, dass die italienische 
Oper,Brizzi und Brochi ausgenommen nicht ein gutes Subject 
mehr aufzuweisen hat, dass hingegen Schikaneder uns Opern 
gibt, die Palmyra zum Beispiel, wozu Costüme und Decora- 
tionen 17000 Gulden kosteten, dass er drey Capellmeister 
engagirt hat, nämlich Cherubini Abt Vogler und Beethoven 
und dass es an Luxus ihm niemand gleich thut -^ dafür 
glauben hier viele Menschen, dass der Spass nicht lange 
dauern wird, welches wirklich schade wäre, da, wann diese 
Bühne auch nicht das ist, was zum wahren echten Genuss 
führt, doch manches artig genug gegeben wird und manche 
Schauspieler rasch und gewandt ihre Rolle spielen. Dabei 
thut das ganze immer den Augen wohl, das Haus ist 
hübsch und freundlich und was sonst zur Illusion beitragen 
kann, wird nicht versäumt. Vor einigen Tagen trat hier 
auf dem Hoftheater Mlle Ralla im Bruderzwist auf. Sie 
gefiel mir v;ohl, spielte mit vielem Anstand, sprach sehr 
gut und vernehmlich hat dabei ein hübsches Figürchen 
und hat gewiss Anlage; käme sie in einer guten Schule 
es würde gewiss etwas aus ihr werden, ob sie engagirt 
wird, ist noch nicht gewiss, kann sein, sie kömmt noch 
in Ihrer Gegend, welches wohl, wenn Sie sie brauchen 
könnten, ein Glück für sie wäre. 

16. 

[Goethe an Marianne] 

[18 Sept. 1803] 
Sie haben wertheste Freundin, in einem Ihrer Briefe 
etwas von meinen Zeichnungen verlangt, nun habe ich aber 
leider niemals gezeichnet sondern nur nach der Natur und 
der Idee gepfuscht. So lange ich nicht wusste worauf es 
ankam gab ich mir Mühe, jetzt da ich's weiss erschrecke 
ich vor jedem weissen Blatt Papier. 

Indessen findet sich eine Gelegenheit dass ich Ihnen 
ein Blättchen zuschicken kann durch ein paar Freunde die 
mit der Intention abreisen nach Wien zu gehen. Es ist 



40 Neue Mittheilungek. 



ein schon bejahrter Engländer, Mr. Gore und Geheime Rath 
von Einsiedel, Oberhofmeister bey der Herzogin Mutter. 
Letzterer hat auch das Blatt übernommen und wird, wenn 
Sie indessen etwas für mich ausgelegt haben, meine Schuld 
abtragen und wenn Sie von den pierre de stras angeschafft 
haben, diese blinkende Waare gern mit zurück nehmen 
um [und?] sie zur rechten Opern- und Theaterzeit hier- 
herbringen. 

Gedruckte kleine Waare sollen Sie von mir auch bald 
erhalten, der ich gute Aufnahme zum voraus erbitte. 

Leben Sie recht wohl und wenn die Freunde ankom- 
men geben Sie mir doch einige Nachricht, zugleich auch 
ja von Ihrem Befinden und was es in dem grossen herr- 
lichen Wien sonst Neues giebt. 



17- 

Wien 6. Jan. 1804. 

. . . Ich muss Ihnen ein Geistesproduct des Prince de 
Ligne schicken; um es nicht länger zurückzuhalten, expedire 
ich es heute und kann es mir nicht versagen, es mit einigen 
Worten an meinem verehrten Freunde zu begleiten — Der 
alte Herr gerieth in einen wahren Enthusiasmus als er 
hörte, die Zeichnung über meinem Canapee sey von Ihnen, 
er stand auf und küsste sie, und den andern Tag schickte 
er mir das Gedicht. Sie w^ürden ihn gewiss sehr beglücken, 
wenn Sie mir nur etwas Schmeichelhaftes für ihn sagten; 
wenn auch das Gedicht an und für sich ohne Werth wäre, 
so verdient doch ein französischer Prinz, dadurch dass er 
sich bestrebt zu zeigen, wie sehr er den Genius eines deut- 
schen Dichters ehrt, einige Aufmunterung. Sein Jammer, 
dass er Sie nicht zu verstehen im Stande ist, macht ihm 
Ehre. Aufrichtig gesagt, glaube ich, er schmeichelt sich 
mit der Hotfnung, dass Sie ihm ein verbindliches Wort 
sagen werden : gestern war eine Comödie beym Fürst Clary, 
er sass hinter mir und frug mich: Vous n^^vez rien rien du 
favori d'Apollon, Sie sehen, er erwartet etwas, täuschen 
Sie ihn und seinen Wunsch nicht, guter prächtiger Goethe. 
— Ich vergass Ihnen neulich zu sagen, dass ein junger 



Briefe von Marianne von Eybenberg an Goethe. 4^ 

Wieland sich bey mir hat aufFühren lassen, dass er mir 
aber gar nicht gefallen hat; erst war er sehr embarassirt, 
aber als er merkte, dass ich nicht dazu gemacht sey, um 
zu imponiren, so Hess er sich gehen, und war entsetzlich 
absprechend, tranchant. 

18. 

Wien 23 Juli 1804. 
Das Gedicht an Ligne ist wieder einzig in seiner Art, 
wie Alles was aus Ihrer Feder kömmt. . . Auf Ligne hat 
es nicht den nämlichen Eindruck gemacht, er wollte nur 
seine Eigenliebe befriedigt sehn, wollte besungen sein vom 
ersten Dichter unserer Zeit (für mich erster aller Zeiten), 
sonst fühlte, dachte er nichts dabey; es ward gleich ins 
Französische für ihn übersetzt, damit er doch ungefähr 
w^uste de quoi il 6toit question. Indessen fand er es ganz 
unnöthig, nahm das Original mit zu einem grossen dinner 
beim Finanzministre und prcduzirte es; dort ward es wie 
mir berichtet ward, nach Werth und Gebühr gewürdiget, 
und alles war entzückt, nahm Abschrift u. s. w. Ligne 
trug mir auf, Ihnen den schönsten tiefempfundenen Dank 
zu sagen und noch viele Worte die ich vergessen habe 
und an die Ihnen übrigens wol nicht viel Hegen wird. 



19- 

Wien, ohne Datum (1804?) 
Der gute Lerse lebt recht in seinem Elemente unter 
Alterthümern, mit den Alten stets beschäftigt, forscht, be- 
richtigt und ordnet er stets und obschon er itzt nicht völlig 
Herr und Meister seiner Zeit ist, so kann er im Ganzen doch 
zufrieden seyn. Indessen wirft er gern einen Blick in die 
Zukunft, die ihm freundUch entgegenzulächeln scheint, w^o 
er seinen eigenen Hausgöttern huldigen wird — nach seiner 
Beschreibung hat er auf einem reizenden Fleck sich ein 
artiges Häuschen gebaut, mit Vergnügen spricht er davon. 
Wie schön wäre es nicht, wenn Sie das zukünftige Frühjahr 
herkämen. Wie würde Lerse sich freuen seinen Freund zu 
beherbergen. 



42 Neue Mittheilungen. 



20. 

Wien 3 Apr 1805 
. . . Von unsern vielen Lustbarkeiten habe ich nichts 
zu erwähnen als dass viele Privat-Theater uns mit franzö- 
sischen Stücken regahrten, auch einige ItaHenische Opern 
wurden sehr gut gegeben und dann gab die Gräfin Schuwa- 
lofF uns ein Schauspiel, welches besonders das erste Mal 
mich entzückte, es wurden nämHch auf einem kleinen sehr 
hell erleuchteten Theater Tableaux von den schönsten 
Weibern, Männern, Mädchen und Kindern vorgestellt und 
das ganze hinter einem dünnen stramm gespannten Flor. 
Es hatte etwas Magisches und ward, da es zu beschwerlich 
w^ar lange in einer Attitüde zu bleiben nur eine augen- 
blickliche Erscheinung und das vermehrte den Zauber; sie 
waren alle ausserordentUch gut costümirt und bildeten 
schöne Gruppen; Jäger und Lange haben, wie ich glaube, 
obschon man es leugnet, sich der Sache ein wenig ange- 
nommen ; einige Tableaux nahmen sich besonders gut aus, 
als zum Beyspiel Antiochus und Stratonice, dann Apelles 
und Campraspe, ein UebHches Bildchen waren 3 bildschöne 
Nymphen, die einen kleinen göttlich schönen Amor in ein 
Netz eingefangen hatten; eine veille grecque würde mehr 
Effect gemacht haben, wenn man nicht die Idee gehabt 
hätte, eins von den Weibern singen zu lassen; die Mutter 
der Gracchen gelang sehr gut. Das hübscheste war aber 
die Marchande d'amour; ein Tenniers war eine Perfection 
in seiner Art; man hatte lauter passende Figuren dazu ge- 
wählt, nur solche Gestalten, die zu einem Bilde von dem 
Genre gehörten — Die Hauptsache die man bei diesen 
Tableaux zu beobachten hat, ist dass das Theater wohl 
erleuchtet sei und dass der Flor ja recht fest gespannt 
werde. Bei einer Vorstellung wurde dieses nicht beobachtet 
und das Ganze ging darüber zu Grunde. — Unser National 
Theater wird mit jedem Tag schlechter und elender, man 
kann nicht mehr hinein gehen. Crescentini, der bald in 
den Horaziern und Curiatiern auftreten wird, soll mich 
wieder aussöhnen; Mlle Eigensatz, die durch die Rolle der 
Maria in Blaubart das Publikum für sich gewonnen hatte, 
, scheint itzt nicht mehr den Success zu haben; wenn man 



Briefe von Marianne von Eybenberg an Goethe. 43 

so schlecht umgeben ist, kann man sich nicht halten. 
Kotzebue ist hier gewesen, und ist wieder fortgereist, dies 
ist alles was man über ihn zu sagen hat; ich habe ihn 
nicht sehen mögen, denn ich hasse ihn wie die Sünde; 
seine Arroganz soll zugenommen haben, chose que je 
croyois impossible; ich glaubte, er hätte in diesem Betracht 
die höchste steilste Höhe erreicht. -— Doktor Gall, der 
itzt in Berlin ist, wird wohl wahrscheinlich auch zu Ihnen 
nach Weimar kommen; ich wünsche zu hören was Sie 
über ihn sagen werden; was Sie von seinem soi disant 
System denken, weiss ich schon. In BerÜn wurd er reussiren, 
ob in Weimar zweifle ich. — Gentz lebt noch immer in 
der grossen Welt, schreibt hie und da ein Memoire, was 
er nicht darf drucken lassen und damit basta; der Umgang 
eines jungen Mannes, der sich Müller nennt und sein Freund 
ist, thut ihm wohl. Dieser M. ist einer Ihrer grössten 
Verehrer, es ist eine Freude ihn über Sie sprechen zu 
hören; er ist ein talentvoller Mensch, von dem Gentz be- 
hauptet, er würde sich gewiss noch einst sehr auszeichnen, 
er hat ein philosophisches Werk geschrieben, was ich, dem 
Titel nach nur kenne; es heisst über den Gegensatz. Bald 
verlässt er wieder unsre schöne Kaiserstadt; w\inn er sich 
Ihnen einmal praesentiren sollte, so nehmen Sie ihn in 
Gnaden auf, Sie werden ihn dadurch sehr beglücken. 

21. 

Berlin, Dienstag den 19 Xbre 1809. 
. . . Vorgestern ereignete sich ein Fall, der alle Zungen in 
Bewegung setzt. Gegen MUe Unzelmann ward eine Cabale 
gemacht, die Mutter, die davon benachrichtigt war, hielt 
sich in den CouHssen und als die Tochter nach einem ver- 
unglückten Duett abging, trat sie mit dieser an der Hand 
vor und sprach folgende merkw^ürdige Worte : »meine 
Tochter misfällt Ihnen, w^ohl, weder sie noch ich, werden 
jemals diese Bühne wieder betreten.« Darauf rief das Publi- 
cum Bravo, so ward mir berichtet. Hierauf wollte man 
Madame Bethman sogleich arretiren, allein 2 Aerzte be- 
zeugten, sie sei krank und so erhielt sie Stubenarrest, 
welches Iffland dem Publikum gestern anzeigte, da Macbeth 



44 Neue Mittheilunghn. 



gefordert wurde, wo die B. die Lady macht; nun weiss 
man nicht w^elche Wendung die Sache nehmen wird. . . 
Iffland sah ich in Teil und war ganz entzückt, er spielte 
unnachahmlich schön. Itzt ist alles in Erwartung den 
König kommen zu sehn. Den 23ten ^vird er seinen Einzug 
halten, Abends wird die Stadt erleuchtet und den folgen- 
den Tag wird er ins Theater gehn, es wird im Opern- 
theater gespielt und auch im Comödienhause, man hofft der 
Hof werde sich in beiden zeigen. 

22. 

Berlin 24 Febr. 18 10 
Humboldt hat seiner Mephistopheles-Natur zufolge mir 
Ihren Brief wenigstens zehn Tage vorenthalten. Sie können 
sich dencken, ob dies ihn in besonderer Gunst bei mir 
setzte — nach vielem Schicken erhielt ich endlich das 
Paquet und mit w^elchem Genuss las ich zum 3ten mal 
dieses interessante Product wieder! Der Gegenstand bleibt 
der nämliche, allein auf so hübschem geglätteten Papier 
ist es doch noch etwas anderes, es ist als sähe man einen 
theuren Freund in einer schönen hell erleuchteten Woh- 
nung; auf dem FHespapier ists mir als sei er nicht einlogirt 
als es für ihn passe und zieme als habe er nicht was ihm 
gebühre — schelten Sie mich thöricht, kindisch, so ists 
und nicht anders! Nie habe so enthusiastisch, so gescheut 
und so dumm und absurd über etwas sprechen hören als 
über diesen Roman und nie sind die Buchhändler so be- 
stürmt worden, — es w^ar wie vor einem Bäckerhause, in 
einer Hungersnoth — die ersten 4 Sendungen waren so 
vergriffen, dass sie nicht einmal Zeit hatten, es in den 
Zeitungen setzen zu lassen. Was ich von feinen gebildeten 
Menschen kenne, urtheilen und beherzigen es meist, eine 
Classe, die eine gewisse französische Bildung haben, radotirt 
stark darüber. 

In diesem Moment ist alles mit der Heyrath Napoleons 
beschäftigt, ein Jude hat gesagt, er heyrathe die Kaysers 
Tochter um Kinder zu bekommen und ihr Vater sey da- 
durch gleich in gesegnete Umstände gekommen (weil der 
Kurs der Banco Zettel sich gehoben.) Was ist nun noch 



Briefe von Marianne von Eybenberg an Goethe. 45 

unmöglich in dieser Welt? Was ist die Politik? Der Freund, 
dessen Memoire ich Ihnen vorlas, hat glaube ich, auch 
endlich eingesehn, wie alle diese Calculs nichtig waren 
und versucht es nun, wie man sagt, mit dem CathoHcismus, 
zu dem er sich öffentlich bekannte — so spricht fama. 
In Wien soll man sehr vergnügt über die Wahl Napoleons 
sein, weil man behauptet, dass ohnedem das Land verloren 
gewesen wäre, ich weiss nur, dass er wieder beweist, dass 
mit Talent und festem Willen man die Welt lenken kann, 
wie es beliebt; indessen fruchtet das gute Exempel wenig, 
denn die Schwäche bleibt doch an der Tagesordnung. 

Die Weihe der Kraft habe ich mit vieler Pracht hier 
aufführen sehen, allein diese Hyazinten duften mir nicht, 
dieser Karfunkel leuchtet mir nicht — dieser Tage wird 
der Kaufmann von Venedig gegeben, Iffland macht den 
Shylock, auf diese Vorstellung freue ich mich — Madame 
Bethmann geht nach Prag, vielleicht auch nach Wien ; wie 
ihre Geschäfte sich hier endigten, wissen Sie; wieder der 
Berg und die Maus, oder much ado about nothing. — Man 
schreibt von Wien dass sie ein neues Theater erbauen 
wollen und schon 3 Millionen dazu subscribirt sind, — 
nach einem solchen Kriege! welch ein reiches Land und 
wie vergnügensüchtig. 

23. 

(undatirt.) 
Das Theater hab ich ziemlich oft besucht, aber unter 
meiner Erwartung gefunden ; Ihr Götz ist gewaltig miss- 
handelt worden. Mattausch hat ihn so schlottrig gespielt, 
dass er mich erbarmt hat; Maria wurde unter aller Gritik 
verunstaltet. Die Bethmann hat allein ganz vortrefflich ge- 
spielt; indessen hat sie dergestalt alle Illusion zerstört, dass 
auch ihr gutes Spiel und die Kunst dadurch vernichtet ward, 
denn sie ist hideus geworden und eine Adelheid kann und 
soll durchaus nicht hässlich sein. Franz war schrecklich 
manierirt, der kleine Georg (MUe Unzelmann) spielte brav 
und Weislingen nicht schlecht. — Das Ganze war verfehlt 
und Leute, die es von der Weimarischen Truppe gesehen 
hatten, erkannten es nicht wieder. Das Mädchen von Orleans 



46 Neue Mittheilungf.n. 



hat mich auch nicht befriedigt. MUe Maas spricht gut und 
richtig, hat eine hübsche Gestalt, ein schönes Organ, allein 
sie hat nicht Anstand und Würde genug in dieser Rolle ge- 
zeigt, sonst störte mich noch ihr schlechtes Gehn; in einigen 
anderen Rollen, in kleinen Stücken hat sie mir recht Wohl- 
gefallen. Im Ganzen verspricht sie wirklich viel, nur soll sie 
sich nicht zu sehr über ihre Kräfte erheben wollen. Für alles 
dieses hat mich Iffland im König Lear entschädigt, diese 
Darstellung werde ich nie vergessen; alles was die Kunst 
vermag, hat er geleistet, alles war im Einklang, Costüm, 
Geberde, Mienenspiel, Declamation, es war ein grosses 
Ganzes, seine Figur und sein Organ sind ihm sonst entgegen ; 
hier wusste er beides so zu nutzen, dass dies sogar zur Ver- 
vollkommnung des Ganzen beitrug und ein vollkommenes 
Kunstwerk bildete. 



Frau von Grotihiis an Goethe, 

24. 

Alaunvverk d. 14 Xbre iy^6 
Nichts als die unglückHche Krankheit, die mich ein 
Jahr lang aus der Zahl der Lebenden ausgestrichen, konte 
mich abhalten, Ihnen mein innig geschätzter Freund für 
den schönen TaHsman (den ein Siegelring aus Göthens 
Händen ist ein Talisman der auf ewig für Engherzigkeit 
und Gemeinheit schützt auch kömt er nie von meiner 
Hand) früher zu danken. Wass habe ich in diesem schreck- 
lichen Jahre gelitten ! selbst Ihr grosser Allesumfasssender 
Geist kan sich Dank sey es Ihrer Gutherzigkeit keinen 
Begriff von den Qualen machen die mich eine unatürliche 
von Religions hass beseite Mutter erdulden Hess. Mein 
Phisisch und moralischer Zustand sind mir und einem jeden 
der mich beobachtete ein wahres Problem und nicht ganz 
unwichtig in der Geschichte der Psichologie. Ihn näher 
zu berühren ist mir heute unmöglich ich kan an nichts 
als an angenehme Dinge denken, den ich schreibe an Sie, 
Erlauben Sie es und raubt Ihnen mein Gekritzle nicht zu 
viel von Ihrer edlen Zeit, so beschreibe ich Ihnen künftig 
den fürchterlichen Zustand — in zwey Worten : die 



Briefe von Sara von Grotthus an Goethe. 47 

Verwünschungen die Meister über sich .lusstöst, als er die 
Möglichkeit von Felix Tode sich denkt, waren alle an mich 
in Erfüllung gegangen, mein Streben, mein Wunsch, mein 
Ziel Selbstmord, Gott sey ewig Dank, dass keiner von 
den unzähligen Versuchen mich zu tödten gelang ! — Wie 
schauderte ich bey Lesung obemeldeter Stelle, w^ass fühlte 
ich überhaupt bey diesem 4ten Theil, den ich als ein 
Geschenk, dass Sie der Menschheit gemacht betrachte aber 
keiner als ich (lächlen Sie soviel Sie wollen) kan ihn mit 
solchem Gefühl lesen. Kniend möchte ich es thun. Göthe, 
Heber Göthe! hätten Sie mich in dem Augenblicke gesehen, 
Sie würden mein Benehmen für beaux restes meiner Zer- 
rüttung gehalten haben und doch war ich nie siniger als 
in diesem Momente. Nein Sie können mich nicht ver- 
stehen, bevor Sie nicht meine Geschichte wissen, wie mich 
alles angriff und erschüterte wne ich das Buch oft nieder- 
legen und erst den folgenden Tag weiter lesen durfte aus 
Furcht für Krämpfe, wie ich bey Mignons Tode an den 
sich schrekUche Erinnerungen knüpften, in Thränen zer- 
floss und Strafpredigten und Drohungen mir das Buch zu 
nehmen von meinen mich herzlich Hebenden Brüder hören 
musste, weil sie fürchteten die Spanung würde schäd- 
lichen Einflus auf meinen itzt so sehr geschwächten Körper 
haben, wie ich oft ausrief, o dass ist mein göttlicher 
Göthe! wan Sie mir so etwas, dass dunkel in meinem 
Herzen und Sinn lag, mit Ihren lieblichen Farben hell 
dargestelt hatten. Dank, Dank für das Kleinod dass mich 
entzükt. Mariane war ganz unruhig und sagte, liebe Sara, 
ich wolte du hättest den Meister jetzt noch nicht gelesen, 
er hatt dich zu sehr Exaltirt und die schöne Ruhe unter- 
brochen in der ich dich neuHch fand. Wie wenig kannte 
die Gute meine Empfindung, wan Sie glaubte, dass diese 
Art Rührung mir schaden könte. Ich habe alle Ihre 
Schrifften mit den ihrer würdigen Enthusiasmus gelesen, 
aber dass dieser 4te Theil Meisters den grösten Eindruck 
im Augenblik auf mich gemacht, ist ganz natürlich. 
Denken Sie dass ich in ein Jahr gar nichts gelesen und nun 
auf einmahl diess Luxurieuse Fest. Wie sehnte ich mich 
nach einer viertel Stunde von jenen in Carlsbad mit Ilmeti 



48 Neue Mittheilungen. 



verlebten, die ich, die dazumahl schon in einer Art Dumpf- 
heit verfallen war und mich zuweilen für den in unserm 
Zimmer gemahlten Hund fürchtete, nur halb schätze. Die 
Decenz hätte noch so laut schreien mögen, ich hätte Sie 
mit Küsse bedeckt. Sie, der Sie so bescheiden als gross 
sind, würden es nicht gern sehen, wan ich in Details ein- 
ginge, die Ihre Bescheidenheit leicht für Schmeycheley 
nehmen könte. Nehmen Sie nochmals meinen Dank für 
dies Meisterwerk so wohl als für die nachsichtige Güte, 
womit Sie mich in Carlsbad, da ich mir schon so ganz 
unähnlich war, behandelt haben. Fahren Sie fort nach- 
sichtig gegen mich zu seyn und geben Sie mir die erste 
Probe davon, indem Sie beykomende von mir selbst ge- 
stickte Weste mit Wohlgefallen tragen. 

Sehn Sie, lieber Göthe, es ist auch ein Talisman drein, 
ein w^ohlthätige Fe^ beschenkte mich bei meiner Geburt 
mit einer Gabe, fdie zw^ar etwas kärglich ausfiel, die Arme 
mochte wol nicht viel Macht haben) die darein besteht 
dass ich meinen Stickereyen eine Krafft legen könte, die 
da macht dass diejenige so sie erhalten an mich mit Nach- 
sicht zu denken zwingt »wann Sie in dieser Zuversicht sie 
tragen.(.(. Ob der Talisman bey dem grossen Zauberer wie 
Sie Mathei mit Recht nennt, würcken wird, weis ich nicht, 
ich wünsche es um mich und der guten Fee halber! — 

Etwas muss ich Ihnen doch über meine itzige Lage 
sagen. Ich lebe bey meinen Brüdern, die nebst meiner ge- 
liebten Mariane die Werkzeuge meiner Rettung sind, in 
der Nähe des Brunnens der so heilsam auf mich gewürkt 
und von dem ich imerfort Bade, weil ich unsäglich von 
Gicht, die itzt von Gehirn aufgelöst im ganzen Körper 
mobil ist und von Krämpfe leide, 6 Meilen von Berlin 
auf den Alaun Bergwerk dass ein niedliches Dörfchen in 
einer Paradiesischen Gegend Formirt, hier kan ich mich 
ungestört nach meiner Fantasie beschäftigen, meine Bücher, 
mein Stickrahm und Piano und Schreibtisch machen mir 
die Zeit Feilschnel verfliessen, die Koch, die ich als Gesell- 
schafterin zu mir genomen (Sie kennen sie als Kind sie 
erinert sich mit Entzücken eines kleinen Kinderfestes mit 
bunten Eyern dass Sie einst im Garten gaben und wo Sie 



Briefe von Sara von Grotthus an Goethl. 49 

so lieblich als der Verfasser Tassos waren, und empfiehlt 
sich Ihnen bestens) ist mir durch ihre Geschichte und 
Person interessant. Sie ist voller liebliche Talente, ist 
Meisterin auf der Harmonica dem Ciavier und der Man- 
doline, singt mit Geschmak und gefühl, hatt aus den 
Büchern die eigentliche Bildung gezogen die sich mit der 
Empfindung amalgamirt u dann erst wahre Bildung wird, 
da bleibt nichts Isolirt stehn u der Kopf u dass Herz werden 
zugleich unterrichtet, ich kan mit ihr von u über alles 
sprechen, da man gewönlich über den Dingen mit wenigen, 
davon aber mit jedem reden kann, dabei liebt sie mich un- 
endHch, pflegt meiner schwachen Gesundheit mit schwester- 
licher Sorgfalt, hatt ein 7 jähriges Mädchen, dass ein klein 
Ungeheuer an Verstand u ein Engel an Gutherzigkeit ist, 
ich könte Ihnen Bogen voll von dies wunderbare Kind 
sagen wan ich nicht fürchtete zu viel zu schreiben, nur 
dies: sie versticht ihre Kinderfreunde u Naturgeschichte 
um in ihre Werke zu lesen, neuUch sagte Sie der Tasso 
ist doch gar zu schön. Wir fielen aus den Wolken. Was 
gefält dir den so schön? Ach sagte sie, die Frühlings- 
beschreibung, die Blumen, die mit Kinderaugen etc. etc. 
sehn. Erstlich ists so schön u dan die Kinderaugen. Wan 
Göthe von Kinder spricht freut sich meine Seele, da 
denkt er an sie und ich bin auch ein Kind! Neulich 
sang ich Mignons Lied: Kenst du dass Land etc. u ver- 
gass dass Refrein recht zu setzen, stat: dahin, o Ge- 
liebter, sagte ich Vater, so gleich rügte sie den Fehler, 
sang dass ganze Lied silbe für Silbe richtig ohne dass 
Jemand ahndete, dass sie es könte — Armes Geschöpf, 
solch Wesen kan ein Vater verläugnen! Sie können 
denken, dass diese beyde Wesen viel zu meiner Zufrieden- 
heit beytragen. Wäre ich nicht von der heis geliebten 
Schwester getrennt, ich wäre ganz glüklich. Aber die 
Gute erleichtert mir das Herbe der Trennung dadurch, das 
sie mich oft (wie auch viele meiner Freunde thun) wochen 
lang besucht. Wie wir uns da gemessen, wie uns freuen, 
ist unsäglich. Ach, lieber Göthe, es ist doch ein liebes 
Geschöpf, meine Mariane. Es klingt sonderbar, dass ich 
dies von meiner Schwester sage, aber bey Ihnen braucht 

GoKTHB- Jahr BUCH XIV. 4 



50 Neue Mittheilungen. 



man die lächerliche Familien Bescheidenheit nicht, wQrken 
den ihre Verdienste auf mich zurück? und wan ich auch 
Stolz genug sein könte zu glauben, etwas zu ihrer Bildung 
beygetragen zu haben, so hatt ihr Geist mich doch weit 
hinter sich gelassen. Doch w^ozu diese Trivialitäten, wan 
man an Göthe schreibt? Ich wolte Ihnen etwas über der 
Unterhaltung in Carlsbad in Ansehung der Vorurtheile wo 
Mariane so recht hatte u ich es nicht zugeben wolte, 
sagen, allein dies führt mich auf der Geschichte meiner 
Verwirrung u hört in einen andern Capitel, würde auch 
diesen ich fürchte schon zu langen Brief noch länger 
machen. Es ist gut, dass dies mich ans Aufhören erinert, 
den sonst könten Sie erschrecken und ich würde es nicht 
wagen, wieder an Sie zu schreiben. Leben Sie wohl eiriT^iger 
Mann, bleiben oder vielmehr werden Sie hold 

Ihrer Sie innig schätzenden Freundin 

Sara Wulff geb. Meyer. 

Wen Sie mich mit einer Antwort erfreuen wollen, so 
sind Sie so gut und adressiren Mme Sara Wulff nee Meyer, 
auf dem Alaun Werk bey Ereyenwalde. O möchte dies 
bald sein! 

25. 

Dresden 20. Märtz 1797. 
. . Ja mein innig verehrter Freund, oft, sehr oft waren 
Sie mein Wohltäter, in Ihrer schönen Darstellung der 
heiligsten Gefühle, der reinsten Vernunft, verschwand mein 
Kummer, ob ich Ihnen von hier eine Begebenheit meiner 
frühern Jugend mittheilen muss, wo ich unendlich durch 
Ihren Werther gelitten und die Ihnen zeugen wird wie der 
elende Nicolai zu seiner Plattheit und Gemeinheit auch die 
höchste Unwahrheiten gesellt; ich glühte für Wuth als 
ich seinen Wisch las, aber nicht lange, so lachte ich herz- 
lich und dachte, hätten Göthe und Schiller eine Recht- 
fertigung gebraucht, so wäre dies die beste, ein trefflich 
Werk für unsre Pr. platte Geheime Finanzräthe, die ihre 
Söhne nach der Universität schicken, wo sie mit 200 Thlr. 
das Jahr auskommen sollen und nachher, wann der junge 



Briefe von Sara von Grotthus an Goethe. 5^ 

Herr Schulden gemacht, auf alle Wissenschaften, Cultur, 
Philosophie und Künste fluchen. Doch zurück zu meiner 
Geschichte, ich erzähle Ihnen beim Himmel keine Silbe, 
die nicht strikte Wahrheit ist 

To dear bought wisdom give the credit due 
And believe for 07ice a woman teils you true 
Ich war im I3ten Jahre als ich einen empfindsamen 
Roman, mit einem Hamburger Kaufmannssohn, einem sehr 
hübschen guten und unterrichteten jungen Menschen hatte. 
Einst schickte er mir den Trost der unglücklich Liebenden, 
den göttlichen Werther; nachdem ich ihn verschlungen, 
schickte ich ihn mit looo unterstrichenen Stellen und einem 
sehr glühenden Billet zurück. Diese Depeche ward von 
meinem theuren Vater aufgefangen, ich bekam Stubenarrest 
und Mendelssohn der mein Mentor war, erschien und 
machte mir bittre Vorwürfe, ob ich Gott und ReHgion 
vergessen könnte und was der Alfanserei mehr war, nahm 
den lieben W., das unschuldige Corpus Delicti und warf 
ihn (nachdem er mir über jede angestrichene Stelle wacker 
den Text gelesen) aus dem Fenster. Der Gram zum 
erstenmale von meinem Vater so begegnet worden zu 
sein, der Ärger über Mendelssohns Gemeinheit, meine Liebe 
zu dem jungen Mann, den ich nie wieder sah, gaben mir 
einen harten Stoss. Ich fing an Blut zu speien, die Deso- 
lation meines ewig geliebten Vaters war gross (durch wie 
viel Liebe hat er diese Misshandlung bezahlt, ach, er liebte 
mich über alles, der theure Selige!) In dieser Zeit kam 
Lessing zum Besuch nach Berlin, er der mich väterlich 
liebte, mich immer zu unterrichten gesucht hatte, wo ihm 
mein unfähiger Geist nicht im Wege war, erschrak über 
meine Blässe, und frug ängstlich nach der Ursache meines 
Kummers. Ausser sich über meine Erzählung, bot er mir 
seinen Schutz an, im Fall ich den jungen Menschen hei- 
rathen wollte (welches ich aber nicht mochte, die vielen 
Leiden, die ich um ihn erduldet, hatte mein heisses Gefühl 
das wohl nicht ganz acht war, wie ich jetzt fühle, ganz 
erkaltet) war indignirt gegen Mendelssohn und brachte mir 
ein ander Exemplar von Werther (das ich aber lange nicht 
ohne Schauer ansah) sagte mir alles was er darüber dachte, 

4* 



52 Neue Mittheilungen. 



welchen Apparat er darin gefunden. »Du wirst einst erst 
fühlen, sagte er, was für ein Genie Göthe ist, das weiss 
ich, ich habe immer gesagt, ich gäbe lo Jahre von meinem 
Leben, wenn ich Sternens Lebenslauf um ein Jahr hätte 
verlängern können, aber Göthe tröstet mich einigermassen 
über seinen Verlust, ich kann das Gewäsche von Ver- 
derben, Schwärmerei u. s. w., gar nicht hören, elendes 
Räsonnement, malt für Eure Kleisterpuppen lauter Grändi- 
sone, damit sie nicht am Feuer der Empfindung springen, 
soll man denn gar nicht für Menschen schreiben, weil 
Narren närrisch sind? Eins thut mir nur leid, dass der arme 
Jerusalem durch diese Meisterwerke öfter an den Verlust 
seines Sohnes wird erinnert werden, weil der grosse 
Narrenhaufe glaubt, der junge Jerusalem sei so gewesen 
und ihm noch mehr Trost zusprechen wird.« So sprach 
mein verewigter Freund und ging zu Men. mit dem er 
sich beinahe über mich entzweite und jetzt tritt der Ver- 
läumder auf und spielt auf seine Unkosten den Gross- 
müthigen, Kenner des Verdienstes, er hätte Lessing abge- 
halten etc. etc., er glaubt wohl, da ich lange nichts mehr 
von mir hören Hess, es ist Alles todt von denen, die da 
wissen, wie wenig Er auf Lessing influirte, ja wohl ist er 
ein Dorn .... Wenn Lessing einen Fehler des Characters 
hatte, so wars zu grosse Nachgiebigkeit und besonders 
gegen Moses und wann er je etwas gesagt oder geschrieben 
(welches mir zwar unbekannt ist) das der obigen Äusserung 
über Werther widersprach, so kams aus dieser Quelle. 

Wie ich gelacht als ich an [die] Stelle kam, wo sich 
Nie. rühmt mit Moses den Shaftesbury gelesen zu haben, 
ist unglaublich. Ich erinnerte mich ganz deutlich, dass 
als ich Shaf. mit Mend. las, dass wie wir an der Stelle 
der beiden Bettler kamen, Mendelsohn lachend sagte, der 
geübte Bettler ist Nicolai, der nennt jeden Excellenz und 
da gings weiter über sein hämisches Wesen, das in unserm 
Circul damals schon sehr bekannt w^ar, über seinen süffi- 
santen Blick im Spiegel etc. etc. Mendelssohn sagte immer, 
wäre er ein rechter Christ, so wäre er lange nicht so arg, 
aber er hat einen eignen Jesus und der ist looo mal ärger. 
Ich könnte Ihnen noch viel dergleichen erzählen, wenn ich 



Briefe von Sara von Grotthus an Goethe. 53 

nicht fürchtete, Sie werden vor den langen Brief erschrecken. 
Ich eile zum Schluss, nur noch dieses, dass diese Epoque 
in meinem Leben die Ursache war, warum ich zu 15 Jahre 
durch Moses Gewalt und der Mutter Zwang an einen 
Elenden verheiratet wurde, der meine Existenz 10 Jahre 
lang zur Höllen Qual machte und mich um allen körper- 
lichen Reiz und fernere Geistesausbildung brachte, bis mein 
geHebter Erlöser erschien. 

26. 

(undat. März 180 1.) 

Wann ich Ihre eigne Idee Ihnen auftische, so thue ich 
was ganz Deutschland thut, denn soll etwas hübsches gesagt, 
eine Wahrheit treffend geschildert werden, so citirt man 
aus Ihren Schriften und diese Plagiate verzeihen Sie, daher 
Sie auch mir nicht zürnen werden, und sogar hoffe ich, eine 
Bitte gewähren, nämlich beikommende Tasse als ein Zeichen 
meiner Verehrung und Freundschaft gütig aufzunehmen. 
Ich habe alles angewandt, dieses kleine Geschenk Ihrer 
würdig zu machen, allein es blieb beim Willen der die 
Ausführung weit hinter sich lassen musste, nehmen Sie 
nachsichtig diesen Willen für That und verzeihen Sie, 
wann weder die Ähnlichkeit in der Büste, noch die Güte 
der Malerey meiner Erwartung entsprach. An der Wahr- 
heit der Inschrift zweiflen Sie gewiss nicht, denn im 
Sternenplan herrscht sie^ im Sternenkranz hört Ihr Bild. 
Denn wer hat wie Sie sein Vaterland erleuchtet und ihn 
Glanz gegeben? 

Möge Gesundheit und Frohsinn Sie krönen und Ihre 
Freude so gross sein als Ihr Werth! Haben Sie die Güte 
zuweilen aus der Tasse Ihre Chocolade zu trinken. Nächstens 
sende ich Ihnen einen kleinen Vorrath Wiener den ich so 
gleich mitgeschickt hätte, wann er angekommen wäre und 
da der Herzog die grosse Güte haben will, dem Über- 
schickten einen Werth zu geben, indem er der Überbringer 
ist, will ichs nicht länger aufschieben es abzusenden. 
Gedenken Sie meiner mit Wohlwollen, ach ich habe lange 
kein Zeichen davon gesehn ; viel hat sich um mich herum 
zum bessern geändert, sollte ich allein in Ihrem Andenken 



54 Neue Mittheilungen. 



verloren haben? O so wiegt dieser Verlust manchen 
schönen Gewinn auf. Beruhigen Sie mich durch ein paar 
freundliche Worte und nehmen Sie es günstig auf, dass 
ich mein Andenken bei Ihnen zu erhalten oder zu er- 
neuern suche. Sophie v. Grotthus. 

Lorber und Rose, gehören dir eigen, 
Da Herz und Gedanke sich zu dir neigen. 
Ferne von Täuschung, ferne vom Wahn 
Schwebst du schon itzt im Sternenplan. 
Sieh gütig ! sieh freundlich auf mich herab ! 
Und nimm du, so gerne als ich dir gab. 

en faveur du sentiment faites grace a la raison. 

Welche Masse von Nachsicht setze ich bei Ihnen voraus! 



27. 

Tharant 3. Juli 1812. 

. . . Etwas muss ich Ihnen dennoch zu sagen nicht unter- 
lassen, dass mich Hartmanns Erlkönig unendlich erfreut, 
er hat ihn Ihnen nachgedichtet, beschreiben thue ich das 
Bild nicht, denn Sie kennen es gewis schon aus allen 
Journalen, die wie gierige Fliegen alles besummen und 
nicht selten beschmutzen. O! seitdem die Kritik und das 
Beschreiben Erwerbzweige geworden sind, wurd Einem vieles 
verleidet. Lob und Tadel der Journalisten ist mir ver- 
dächtig und oft bewundre ich die anmassende Unkunde, 
die des Unbefangenen Urtheil eine schiefe Richtung giebt; 
denn wenige können mit eigenen Augen sehen oder haben 
etwas von der Poesie der Beurtheilung in ihrem schlichten 
Sinn erhalten. Ich wünschte sehr dass Sie das Bild sähen, 
es ist ein versinnlichtes Märchen, das schauerlich reizend 
die Neugier spannt, und mehr dergleichen wünschen lässt, 
so wirkt es auf die Imagination, indess das Kunstgefühl 
sehr befriedigt, durch Entwürfe, Haltung und Ausführung 
dem Künstler dankt, der unsre Empfindung bei der Ballade 
fest hält und Consistenz gibt, ohne dem Idealen zu schaden, 
Wirklich ist Hartman mit seinem ächten Sinn ein braver 
Künstler, dem günstigere Zeiten fehlen. 



Brikfe von Sara von Grotthus an Goethe. 55 



28. 

Dresden 21 Jan. 18 14 

. . . Mein Zustand ist derselbe fortwährend trübe und hier 
im Lande der ausgetrockneten Herzen doppelt schwer zu 
tragen, das wahre Lebensprincip wird doch nur durch Mit- 
theilung der Empfindung oder Auswechslung der Begriffe 
erhalten; von dem Allen habe ich hier keine Spur. Mein 
kranker Gatte ist leider nicht zur Geselligkeit aufgelegt 
und wird ihm oft das Reden schwer und hier habe ich 
keine mitfühlende Seele. Druck und Engherzigkeit machen 
die Dresdner noch härter als sie zuvor waren, wo die Sucht 
•zur Repraesentation ihnen noch ein Anstrich von Liberalität 
affectiren liess, jetzt ist die Mittelmässigkeit, die keine Grösse 
zu würdigen versteht, ganz nackt. 



29. 

Dresden 21 Apr. 18 14. 

Sie Bewährter in Allem haben doch in Allem Recht. 
Voriges Jahr sähe Ihr Blick das traurig Erfolgte und dieses 
Jahr weissagten Sie so wahr den herrlichen Erfolg, ich 
bin wie trunken, ich kann noch kaum an der Möglichkeit 
des Erfolgten glauben und die Betäubung des lang ersehnten 
Genusses der Freiheit ist noch immer der Klarheit im Wege. 
Gott sei Dank für diese Erlösung. Ich habe nun den 2. Theil 
de TAllemagne gelesen, die geistreiche Verfasserin beur- 
theilt Ihr Genie, Ihren Geist mit dem Überblick, der sie 
so auszeichnet und wann man schon nicht ganz mit ihr 
in allen Urtheilen über Ihre Werke eins ist, so freut es 
doch zu sehn, dass Sie verstanden [werden]; aber wovon 
sie keine Ahndung hat, ist Ihr himmlisches Gemüth, diese 
Güte, die Sie als Prädicat der Menschheit ansehen und sich 
fast schämen, dass man sie Ihnen als grosse Eigenschaft 
anrechne, dieses tiefe liebende Gefühl für Wahrheit und 
Recht, das Ihren Schriften den Stempel des Göttlichen im 
Menschlichen giebt, das fühlt keiner besser als Ihre Freundin, 
die Sie darum mit einer Art von Anbetung liebt. 



56 Neue Mittheilungek. 



30. 

Dresden 30 Juni 18 14. 
. . . Eine nahe aber vielleicht unbescheidene Veranlassung 
zu diesem Briefe ist einer aus Prag worin man mir sagt, 
der Director Liebich habe Ihnen mit schüchterner Angst 
eine der grösten Bitten vorgetragen, die je eine patriotische 
Brust bewegt, die das grosse Bewusstsein in sich fühlt, 
dass ein Heros wie Sie alles leisten kann, wann er sich 
selbst überzeugt, dass es nützlich ist und frommt — mich 
durchbebt ein heiliger Schauer, wann ich denke dass Sie 
einwiUigen und Thränen der süssesten Wehmuth entlockt 
mir das Gefühl, dass in ganz Deutschland in derselben 
Stunde, Ihre Meinung, Ihre Worte, Ihre Gedanken ausge- 
sprochen werden, alle Bessern unserer ganzen Völkerschaft 
versammelt zu hören, zu lernen, was sie zu denken haben 
(in dem jetzigen Kampf zwischen Heldenmuth und Über- 
treibung, wie heilsam, wie gross, in der Zukunft wne 
heilig, wie bindend !) und wann nun das Gehörte zur That 
schafft, was Ereigniss war, die Welt ist zu cultivirt, dass 
die Thaten sie gestalten und sie denken lehrt, nein, dies 
Thun unsrer Denker und Dichter der edelsten Nation, wie 
sies schon thaten (Hermann und Dorothea nur zu nehmen). 
An unsere Dichter und Weisen knüpft sich alles zusammen- 
hängend an, die Thaten selbst nur langsam, wue Trophäen 
grossen hohen frischen Bäumen angehangen werden sie 
ihre Zierde doch aus der Natur nehmen. Hier wird erst ver- 
ständUch die Handlung, die vorher nur ringende Begeben- 
heit war. Wir haben keine Forums, keine Rednerbühne, 
noch Märkte, nichts öffentliches, nichts unzerstückeltes, 
wir schaffen ja nur ab. Aber als Naturnothwendigkeit, für 
alle Menschen, die in civiHsirten Völkermassen zusammen- 
wohnen, steigt, den Regierungen selbst unbewusst, die 
Schauspielbühne als ein solcher Mittelpunkt unbemerkt 
und ungelockt empor. Verkündigt man nicht Siege von 
ihr herab? dankt man Helden nicht von dort herab, sammelt 
sie nicht ganz allein die Menschen, still und aufmerksam 
darauf zu hören, dass sie erfahren lernen und bedenken 
sollen? Ja es ist unseres erhabenen Lehrers Goethens ganz 
würdig, den Moment für eine Ewigkeit von heilbringenden 



Briefe von Sara von Grotthus an Goethe. 57 

Früchten zu benutzen. Es ist schwer, es ist unsäglich viel, 
aber es ist auch der grösste Mensch, der diese Aufgabe 
lösen und herrlich erklären kann. Ich bin so ergriffen 
von dem Gedanken, dass Thränen meinen Augen entrollen 
und ich dies Alles im Zittern einer gefassten Hoffnung und 
Furcht ihrer Nichterfüllung, wie durch eine Art von Ein- 
gebung hingeschrieben habe. 



31- 
Dresden den 25 Nov. 1814. 

Innig verehrter Freund. Wie unsäglich dankbar bin ich 
Ihnen für Ihr herrliches gütiges Schreiben, für der mir be- 
zeugten freundschaftlichen Aufmerksamkeit mich im Stande 
zu setzen Sie auf jedem Wege mit mehr als dem Auge 
der sehnsuchtsvollen Neugier die blos fragend ist zu 
begleiten. Wie wohl that es meinem Herzen dass Sie 
mich unter der Zahl derjenigen aufnehmen die es werth 
sind zu wissen was Sie beschäftigt und wie die äussern 
Gegenstände Sie bewegen. Wüssten Sie welche w^ohl- 
thätigen Gefühle jeder Brief von Ihnen in meinem ge- 
pressten Herzen hervorbringt, Sie würden gewiss eine be- 
friedigende Empfindung beim Schreiben haben, jene Selbst- 
zufriedenheit empfinden die der Nachklang einer voll- 
brachten guten Handlung ist. Ja! wie ein erhellendes Licht 
ist mir im Dunkel der zurückstossenden Welt Ihre nachsichts- 
volle Freundschaft, die ich wie ein theures Kleinod sorg- 
sam pflegen möchte durch Wort und That und itzt nur 
Willen und Gefühl habe sie zu erkennen. Die itzigen 
Zeiten machen einen sonderbaren Contrast in meiner Seele 
rege, es geht mir als einem Liebhaber der ohne nähere 
Bekanntschaft den Gegenstand seiner heissesten Liebe 
plötzlich als Gattin heimführt und der nach dem ersten 
Rausch befriedigter Leidenschaft das Reale sucht, das 
ihm die äussere Schönheit ahnden Hess, er findet das Ge- 
wähnte nicht, giebt aber die Hofl'nung nicht auf das zu 
entdecken w^as der Schönheit ihren grössten Reiz verleiht. 
Die ersehnte Braut ist da, aber der Genuss den ich geahn- 
det fehlt, das Gehässige ist beseitigt »das Gute klingt in 



58 Neue Mittheilungen. 



Worten« und die Zeiten bleiben kalt und thatenlos, oder 
— Sapientia (!) sat! ich könnte viel viel sagen, aber ich 
glaube Sie verstehen mich ohne diese Redseligkeit, die 
doch nur Figur von einem nicht auszudrückenden Drang 
ist. Die Vorstellung einer erträumten Vollkommenheit 
macht in unglücklichen Zeiten dass das Ideale sich uns wie 
aus leuchtenden Wolken offenbart, wann aber dem Guten 
nichts mehr entgegenarbeitet als Schlaffheit und veraltete 
Ansichten, die ihr Bürgerrecht nicht aufgeben wollen, wo 
soll dann die nach vollkommneren und bessern Weisen 
Strebende hinblicken um Befriedigung zu hoffen? er wird 
selbst im Innern gelähmt, denn seine Ideale sind verun- 
staltet. Sie hoher Meister! können nichts von alle dem 
fühlen. Ihre Welt haben Sie sich geschaffen und die 
Aussenwelt naht sich Ihnen mit gebührender Verehrung 
unter der ihre Flachheit kaum sichtbar wird. Wie sehr 
Sie aber dieses Alles dennoch ahnden, beweist Ihre Reise und 
ihr rein gemüthUcher und artistischer Zweck von den Sie 
keine andre Anlockungen abzubringen vermochten! Wie 
habe ich diese Festigkeit im stillen bewundert und mich 
gefreut dass es mir gegeben ward sie zu erkennen. — 
Verzeihen Sie wann nicht ganz geschwiegen, ich kann es 
nicht. Wann ich Ihnen schreibe, ist's als löse sich jedes 
geheime Band des Gefühls und der Erkenntniss, daher setze 
ich Ihre Nachsicht so oft auf harte Proben, die Ihnen Ihre 
Güte dennoch überstehen hilft. Wie theilend bin ich Ihren 
Empfindungen bei Ansicht der theuren Vaterstadt, der kost- 
baren Kunstschätze, Beurtheilung und Genuss bin ich Ihnen 
in Gedanken gefolgt indem ich das schätzbare Blatt ge- 
lesen und die wohlthuende Hoffnung, dass diese Reise 
gewiss gut auf Ihre Gesundheit und Gemüthsstimmung 
gewirkt, hat meinem Herzen sehr sehr wohl gethan. O 
möchte jeder Lebensgenuss Ihnen rein und ungetrübt werden ! 
Die gütige Freunde die Ihnen von mir gesprochen haben 
indem Sie mir Veranlassung gaben von Ihnen mein ver- 
ehrter geliebter Freund zu sprechen mir eine doppelte 
Wohlthat dadurch erzeugt, dass sie dessen bei Ihnen ge- 
dachten. Wohl ergreift mich das Hohe und Gute mit 
mehr Kraft als sich zu meiner Lage und eingeschränkten 



Briefe von Sara von Grotthus an Goethe. 59 

Wirkungskreis passt und wird dadurch oft zur Qual oder 
zum lächerlichen Schein für kalte Menschen, doch ich habe 
Ihnen schon oben meine Bekentnisse gemacht! — Sie haben 
der Frau v. Berg Louise Königin v. Pr. gelesen, wie würdig 
hat die Verfasserin ihren Gegenstand und sich selbst beur- 
kundet. Die Glückliche! Ihre Bildung ging und geht fort- 
schreitend, da sie keine Unfälle hemmen und sie das Schöne 
und Nützliche durch Umgebungen und erläuternde An- 
sichten sich und andre klar machen kann. Bewunderungs- 
würdig ist dieser Ausflug, der sogleich die Kraft der 
Schwingen beweist. Ich habe herzlichen Antheil an diesem 
Product einer deutschen Frau genommen. Würden Sie 
mir wohl erlauben, dass ich in einem kleinen Aufsatz, der 
einige Anschuldigungen der Fr. von Fouqu^ gegen dem Werk 
der Frau v. Stael de l'AUemagne widerlegen soll, einiges 
aus Ihrem vortrefflichen Brief den Sie mir voriges Jahr 
über diesem Werke geschrieben, citiren darf? ohne diese 
Erlaubniss geschieht es nicht, zu sehr ehre ich Ihr Vertrauen 
um mich dessen unwürdig zu machen. Dürfte ich wohl 
zuweilen an Riemer einige Aufsätze zur Durchsicht schicken, 
die er, wenn er sie nicht ganz unwerth findet Ihnen zur 
Beurtheilung vorlegen dürfte? so geradezu habe ich kein 
Herz Ihnen etwas zu schicken, da meine Tendenzen ohne- 
hin sehr prosaisch sich nur gegen Missbräuche und Ver- 
kennung der Wahrheit die allein dem Leben Würde und 
Reiz geben, sich hinneigen. So habe ich zum Beispiel 
einen Aufsatz gegen die hier herrschende Vorliebe für 
Franzosen und ihre Sitten und Sprache geschrieben, der 
sich Mos fürs weibliche Geschlecht eignet, auch ziemlich 
schwächlich ist, aber doch ein Wort zu seiner Zeit enthält. 
Wann Sie mir erlauben, so schicke ich es Riemer bei dem 
Sie ein gutes Wort einlegen, das aufrichtig mir sagt ob 
das Gesandte sich zur Pubücität oder zum Verbrennen 
eignet. Gewiss meine Eitelkeit kann er nicht beleidigen, 
denn was mich eigentlich in meinen Augen ziert, ist eine 
gewisse Klarheit, der auch meine Mittelmässigkeit deutlich 
ist, doch verführen mich zuweilen die Ideen des nützlich 
Heilbringenden; zu ihrer Beförderung beizutragen ergreife 
ich dann die Feder und zerstreue mich nicht selten von dem 



6o Neue Mittheilungen. 



tödtenden Trübsinn, der alle meine Kräfte lähmt und der 
aus meiner Lage und vorhergegangenen ununterbrochenen 
Leiden entstanden. Unnatürlich ists daher nicht, wann ich 
jedes Zerstreuungsmittel ergreife, doch berechtigt mich 
dieses Mittel nicht die Zahl der mittelmässigen Schreibe- 
reien zu vermehren, giebt mir aber auch den Dünkel nicht, 
der sich durch der Critic beleidigt fühlt. 



Briefe Varnhagens an Goethe. 

32. 

Prag 5. Juli 1812 
Ew. Excellenz 

möge gütig die Mittheilung eines Gedichts aufnehmen, 
das nicht ohne ihren Einfluss entstanden ist ja sogar, in 
gewissem Sinne, wenn nur die dichterische Unvollkommen- 
heit es zulassen wollte, Ihnen angehört 

Nach einigen Wochen gedenke ich eine Reise nach 
Berlin anzutreten; die Aussicht meine verehrte Freundin 
wiederzusehn, erfüllt mich mit einer Freude, welche das 
lebhafte Verlangen die persönliche Bekanntschaft Ew. Exe. 
zu machen, nur erhöht. Vielleicht bin ich so glücklich, 
dies auf der Durchreise durch Töplitz zu erreichen ; die 
Gelegenheit, Ihnen die reichen Schätze eines der in der 
Anlage ausserordentlichsten Leben zu eröffnen, würde mir 
die heiterste Zufriedenheit geben. 

Wir haben auf der hiesigen Bühne in vier Gastrollen 
MUe Maass gesehn; eines grössern Eindrucks im Schau- 
spiele kann ich mich nicht erinnern. Die Kraft und 
Stetigkeit ihres Spiels war ebenso bewunderungswürdig, 
als die seltene Genauigkeit im Verstehn und Wiedergeben; 
allein diese Eigenschaften mag sie theilen mit andern 
Kunstgenossen; einzig ist sie jedoch durch die erhabene 
Leidenschaftlichkeit, die eine höhere unergründliche Wahr- 
heit und Bedeutung in das Leben überträgt und als reine 
Flamme der Natur in antiker Kälte der Kunst glüht. Das 
Hereinziehn der höchsten menschlichen Theilnahmen in den 
gewöhnlichen Schmerz war in hundert Stellen sichtbar und 



ü.' b. 



Briefe Varnhagens von Ense an Goethe. 6l 

wirkte zauberhaft auf die Sinnvollen. Als Luise in Kabale 
und Liebe sagte Dlle Maass die Worte: »O, Himmel, 
strafe doch Menschen menschlich, wenn sie dich reizen.« 
Welcher Geist hat ihr eingehaucht, dieses »wenn« 
schwebend zu betonen? Dieser Akzent stieg wie ein 
Springquell zauberisch hervor um überschwähglich herab- 
strömend die umliegende Rede zu kühlen. Die Schönheit 
rührte mich tief, ich fand kein Gegenbild in meiner Er- 
innerung dazu. Es ist unmöglich, die vielverschlungenen 
Ursprünge einer höchsten Kunstbildung sondernd zu er- 
kennen, aber Ew. Exe. schönste, erfolgreichste Wirksam- 
keit schwebte mir klar vor Augen und ungewiss, was 
und wieviel Ihnen mit Recht zugerechnet wird, statte ich 
Ihnen für die begeisterte Freude, welche die Künstlerin 
mir gewährt hat, meinen innigen gern zu Ihnen zurück- 
kehrenden Dank nur in dem Ausdruck dieser Freude ab. 
Mein Freund Beethoven trägt mir auf, Ew. Exe. seine 
Verehrung zu bezeugen; er wird aufs neue die Heilkräfte 
des Töplitzer Bades gegen seine unglückliche Taubheit 
versuchen, die seiner angebornen Wildheit nur zu günstig 
ist und ihn für Solche, deren Liebe er nicht schon vertraut, 
fast ungesellig macht; für musikalische Töne behält er 
nichtsdestoweniger die leiseste Empfänglichkeit, und von 
jedem Gespräch vernimt er wenn auch nicht die Worte, 
doch die Melodie. 



33. 

Berlin 26 Nov 1821. 
Ew. Excellenz 

habe ich die Ehre in Auftrag meines Freundes, des Hrn 
Legationsraths Oelsner in Paris beifolgendes Buch, welches 
mir mit dem letzten Courier von dorther zugekommen, 
gehorsamst zu übersenden. Von demselben gibt eine Stelle 
in dem Briefe meines Freundes, die ich desshalb abschreibe, 
einige nähere Kunde : »Das Buch — so berichtet der Ein- 
sender — ist nicht wie es scheinen könnte, das französische 
Original von Diderot, sondern eine Übersetzung der Über- 
setzung von Goethe. Ich habe den jungen Vicomte de Säur 



62 Neue Mittheilüngen. 



zu der Arbeit veranlasst. Sein Verleger hat für gut befunden, 
die Goetheschen Noten bis zur zweiten Auflage unterzu- 
schlagen und will sie dann als Brochüre herausgeben. Der 
Kniff ist ihm geglückt. Das Buch geht reissend ab, wie- 
wohl die Censur den Journalen nicht erlaubt es anzupreisen. 
Jedermann glaubt das Original zu lesen. Solches wäre noch 
mehr, wenn sich der Übersetzer strenger an den deutschen 
Text gehalten hätte. Umsonst versuchte ich den jungen 
Sprudelkopf zum völligen Gehorsam zu bringen.« Soweit 
die betreffende Stelle des Briefes. 



34. 
Ew. Excellenz 

bin ich so frei durch die gute Gelegenheit, die sich mir 
so erwünscht ergiebt, beifolgendes kleine Buch zu über- 
senden, einen vermehrten und geordneten Auszug aus den 
Sprüchen des Angelus Silesius, von denen ich vor zwei 
Jahren eine vorläufige Auswahl, nach damaliger Beschränkt- 
heit des Zweckes auf wenigen Blättern, bekannt ge- 
macht. Die Unternehmer dieses neuen Druckes wollten 
den ganzen cherubinischen Wandersmann, über sechszehn- 
hundert Sprüche enthaltend, wieder auflegen; allein ich 
mochte mich dazu noch nicht bestimmen. Denn so w^erth 
mir der Verfasser und insbesondre die Kühnheit seiner 
höheren Gedankenrichtung ist, so glaube ich doch, dass 
seine Wiedereinführung in die Litteratur nur allmählig 
geschehe und seine vollständige Herausgabe nicht ohne 
Begleitung verständigender Kritik bleiben darf, zu welcher, 
in dem gebührenden Umfange, ich mich noch zur Zeit 
nicht berufen fühle. Meine Herausgabe, welche die Er- 
bauungsseite allerdings in diesen Sprüchen anerkennend 
bestehn lässt, hat doch eigentlich zunächst die Seite der 
Dichtkunst im Auge, und da bleibt denn wohl an Gewalt 
und Rundung der Sprache, an Grösse und Schönheit der 
Bilder noch immer genug zu bewundern. Etwas von 
dieser Gesinnung scheint denjenigen nicht entgangen zu 
sein, welche, sich selbst vorzugsweise zur Beschäftigung 
mit solchen Schriftstellern berufen glaubend, die meinige 



Briefe Varnhagens von Ense an Goethe. 63 

unbequem empfanden, gleichsam als habe ich ihnen nicht 
nur in ihr Handwerk gegriffen, sondern auch ihr Hand- 
werk in etwas verdorben. 

Wiefern Ew. Excellenz im Drang und Ueberblicke 
der reichsten Geistesthätigkeiten einer Erscheinung und 
Richtung wie dieser grade jetzt näheren Antheil und Bei- 
fall geben, oder dieselbe dahingestellt sein lassen mögen, 
wage ich nicht zu vermuthen. Ich meinerseits wünschte 
durch die Zusendung nur zuvörderst einer Pflicht ehr- 
erbietiger Aufmerksamkeit mich zu entledigen, für deren 
Bezeigung der litterarische Anlass einen wohl so schwachen 
aber doch so erlaubten Behelf bietet! 

Meine Frau, die sich mit mir hier befindet, em- 
pfiehlt sich dankbar und angelegentlich Ew. Excellenz zu 
gütigem Andenken. Wir freuen uns vereint jeder neuen 
Gabe, die sich den Werken, in welchen der reichste Lebens- 
schatz sich längst erschlossen, so herrlich und vielgestaltet 
anreiht. Möge uns noch viel Glück in dieser Art durch 
lange Jahre beschieden sein! 

Töplitz, den 14. August 1822. 

35- 

[An August von Goethe.] 

Ew. Hochwohlgeboren 

bitte ich um die gütige Erlaubniss, Sie zum Vertrauten 
und Gehülfen einer Angelegenheit zu machen, die uns um 
des Gegenstandes willen von höchstem Werthe sein darf! 
In den freudigen Tagen, welche wir durch die em- 
pfangene Nachricht von der glücklichen Wiedergenesung 
des theuren Dichtergreises in Dank und Segen zu geniessen 
hatten, regte sich lebhaft bei mir der Wunsch, etwas zu 
thun, das so guter Stimmung entspräche, und von ihr ein 
erfreuendes Zeugniss brächte. Es entstand der Gedanke zu 
einer Sammlung, wie sie in dem Buche versucht worden, 
welches ich Ew. Hochwohlgeboren beifolgend zu über- 
senden die Ehre habe. Die Ausführung war schwieriger, 
als sich beim ersten Anblick zeigen dürfte; sie konnte nur 
mangelhaft sein, a die Besorgniss allzufrüher Verlaut- 



64 Neue Mittheilungen. 



barung nur wenig Mittheilung und Ansprache gestattete, 
die sonst dem Vorhaben so nöthig und erspriesslich ge- 
wesen wären. Ich musste zufrieden sein, durch das Nächste, 
was sich unter den Händen fand, die Richtung der Strahlen, 
wie sie von dem Sterne ausgehen, gleichsam mit einzelnen 
Punkten anzudeuten ; die allseitige Verbreitung und Wirkung 
ihres Lichtes vollständig darzustellen, verbleibt dem ge- 
meinsamen und künftigen Antheil, w^elchen dieses Buch 
nicht verfehlen wird in Ergänzungen, Zusätzen, Nachträgen 
und Bemerkungen reichlich an Tag zu fördern, und in 
deren Fülle sodann dieser Anfang gern untergehen wird. 
Inzwischen war mir besonders angelegen, unter so vielen 
Richtungen, die hier zu verfolgen waren, zuvörderst den 
lebendigen Antheil, welchen Berlin in älterem und jüngerem 
Geschlechte jetzt so geisterweckt vereinigt, hervorzuheben 
und in vielfachen Gestalten zusammenzufassen. Einiges 
bisher Ungedruckte wurde zu diesem Behufe mit aufge- 
nommen. Nicht unterlassen darf ich, hier zugleich der 
günstigen Billigung und freundlichen Aushülfe, welche der 
verehrte Hr. Geh. Rath Wolf meinem Vorhaben geschenkt 
hat, dankbar zu erwähnen. 

Möge nun dieses Buch dem Höchstverehrten am 
28. August als ein Mitzeuge so vieler heissen Wünsche, so 
vieler herzlichen Theilnahme erscheinen, die Ihm in unsrer 
Mitte geweiht sind, und möge dasselbe sich den vielfachen 
schönen und liebreichen Bezeigungen, welche diesen Tag 
verherrlichen, bescheiden anschliessen dürfen! 

Ich sende dasselbe an Ew. Hochwohlgeboren mit der 
gehorsamsten Bitte, die Überreichung am genannten Tage 
gütigst veranstalten zu wollen. Mögen Sie dabei in unsrem 
Namen alles ausdrücken, was unsre begeisterte Liebe und 
Verehrung in den Huldigungen des gesammten Vaterlandes 
so gern als die eigenste, persönlichste Empfindung dar- 
bringen möchte! 

Empfehlen Sie mich gütigst Ihrer verehrten Frau Ge- 
mahlin, welcher ich das zweite der beifolgenden Exemplare 
ehrerbietigst zu Füssen lege, und genehmigen Sie etc. 

Berlin, den 11. August 1823. 



Briefe Varnhagens von Ense an Goethe. 65 



36. 

In der Voraussetzung, dass nicht als unbescheidene 
Zudringlichkeit erscheinen werde, was von dem ehrfurchts- 
vollsten Zutrauen der innigsten Theilnahme ausgeht, wagen 
wir eine langgenährte Bitte und Anfrage auszusprechen, 
wie sie in ähnlichem Falle wohl schon öfter mit günstiger 
Aufnahme und sogar als erwünschte Anregung Statt ge- 
funden hat! 

Hermann und Dorothea steht unter den stets wieder- 
gelesenen und wiederzulesenden Werken des Dichters in 
erster Reihe. Die vertrauteste Bekanntschaft aber, indem 
sie in jeder neuen Wiederholung die erste Wärme des 
Gefühls in aller Lebensfrische ungeschwächt wiederfindet, 
sieht dem Verständnisse jedesmal die Anschauungen und 
Bezüge sich vermehren. Während nun auf solche Weise 
die Dichtung in sich selbst immer aufs neue ihre uner- 
schöpfliche Befriedigung trägt, führen jedoch andre Betrach- 
tungen aus dem abgeschlossenen Kreise derselben wieder 
heraus, und möchten sie in ihren Quellen und Beziehungen 
der Wirklichkeit gleichfalls auffassen und geniessen. Die 
grosse Weltbegebenheit, welche dem Gedicht zur Unter- 
lage dient, hat dasselbe durch ihren weiteren Geschichts- 
verlauf nur immer mächtiger emporgeführt, und, gleich 
der Eugenie, als vorangeeilte Seherdichtung, mit einem 
Commentar von Ereignissen und Erfahrungen versehen, 
der jedem Einzelnen nach seinem Masse zugänglich ist. 
In dieser Hinsicht dürfte der Leser neue Aufschlüsse von 
dem Dichter selbst kaum begehren. Auch die Hebliche 
Begebenheit aus der Geschichte der Salzburger Emigranten, 
welche den inneren Stoff des Gedichtes dargeboten, ist 
bekannt, und darf genügen, die schöpferische Erhebungs- 
kraft der Poesie für den gegebenen Fall an diesem einen 
glänzenden Beispiel verehrend zu erkennen und zu bewun- 
dern. Aber nach so vielem andern bliebe zu fragen, so 
viele Beziehungen wären zu verfolgen, zu erläutern! Die 
Örtlichkeit insbesondere hat etwas unbeschreiblich An- 
ziehendes; man meint diese Stadt und Gegend zu kennen, 
man will sie wiederfinden, und die Einbildungskraft schweift 
ängstlich über alle Eindrücke hin, welche die reichen Lande 

OOhTHE-jAHRBUCU XIV. 5 



(>(^ Neue Mittheilungex. 



längs des Oberrheins in ihrer tieferen Erstreckung dem 
Reisenden ehmals überschwänglich dargeboten, ohne dass 
die Wahl sich entscheiden und feststellen will! Ein be- 
stimmter Ort aber, eine bestimmte Gegend, das nehmen 
wir für gewiss an, hat, wenn auch nur durch einige glück- 
liche Punkte, die Grundlinien der ganzen Schilderung ge- 
liefert. Lebhafter wind beseelter Frauenantheu legt uns 
diesen Gegenstand besonders an's Herz, über ihn zuvör- 
derst wünschten wir Aufschluss zu erhalten, und wagen 
denselben, da ja die Zeit solcher Mittheilungen gekommen, 
durch das schon glücklichst dafür bestehende Organ, die 
Hefte von Kunst und Alterthum, auch für Andere zu Nutz 
und Frommen, freundlichst und ehrerbietigst zu erbitten! 

Aber auch was sonst noch über das Gedicht aus dem 
Standpunkte des Dichters selbst zu sagen wäre, wünschten 
wir bei diesem Anlasse von daher zu empfangen. In Betreff 
der epischen Form knüpfen sich die wichtigsten Unter- 
suchungen hier an, da als Thatsache feststeht, dass seit 
Homer selbst nichts so Homerisches in der Welt erschienen 
ist. Vielleicht sind gewisse Unterhaltungen über diese 
Angelegenheit mit dem trefflichen Friedrich August Wolf 
noch in gutem Andenken, und deren geistreiches Ergebniss 
nicht vorzuenthalten; um so mehr, als der gewaltige Philo- 
log seinerseits von der Sache ausführlich, wenn überhaupt 
je, doch wohl nur lateinisch zu reden bewogen sein dürfte, 
im Falle der wiederholt versprochene zweite Theil seines 
kritischen Meisterwerkes noch endlich an's Licht träte! — 

Vielleicht ist es vergönnt, bei dieser Gelegenheit auch 
ein Wort über die neuliche Erscheinung von Hermann und 
Dorothea auf unserer Bühne berichtend anzufügen. Der 
dramatische Bearbeiter hat freilich den glücklichen Gedanken 
von seiner Seite nur traurig ausgeführt, allein sein Unberuf 
vermochte die hinreissende Kraft des Gedichtes nicht zu 
überwältigen; die bezaubernde Anmuth und vaterländische 
Tüchtigkeit strahlten leuchtend aus jeder Vertrübung und 
Schwächung hervor. Ohne Noth, ja zum Erstaunen, sind 
die ergreifendsten Züge verkümmert, der heiterste Schmuck 
abgebrochen, aber jedermann erinnerte sich an das, was 
fehlte, und so war es, wenn auch nicht durch das Verdienst 



Briefe Varnhagens von Ense an Goethe. 67 



des Bearbeiters, doch gegenwärtig und mitv^irkend. Die 
Vergröberung des Gehaltes war umsonst, die Anwesenden 
sahen und fühlten ihn doch in seiner edlen Feinheit und 
Erhabenheit. Ausserordentlich w^ar der Eindruck, alles in 
tiefgerührter Bewegung. Die Schauspieler erhielten den 
grössten Beifall; doch überluden sie ihre Darstellung, die 
aus dem reinen hohen Äther des Gedichts völlig in die 
schwere untere Luft der Bearbeitung niederging. Madam 
Stich war in dieser Hinsicht am wenigsten zu loben; Herr 
und Madam Wolf nur sehr bedingt. Am besten spielte 
Herr Beschort als Richter der vertriebenen Gemeinde. Von 
Herrn Rebenstein als Hermann kann die Rede nicht sein. 
Der Apotheker und Pfarrer (hier Rektor) waren von dem 
Bearbeiter zu kärglich bedacht, als dass die Spielenden — 
selbst Devrient nicht — etwas zu leisten vermocht hätten. 
Das Stück, in dieser Gestalt, wird sich schwerlich für 
immer auf der Bühne erhalten; indess darf seine Auf- 
führung, wegen des ausserordentUchen Eindrucks, den sie 
jedesmal allgemein bewirkte, so wie wegen der eigen- 
thümlichen Haltung, in welcher der gebildete Geist des 
Publikums dagegen erschien, als ein denkwürdiges Ereigniss 
betrachtet werden. — 

■ Zum Schlüsse dieser Zuschrift, welche nur aus ehrer- 
bietiger Scheu die nähere persönliche Bezeichnung hier 
sich versagt, nehmen wir die freundliche Nachsicht, auf 
die wir schon im Anfange zu rechnen gewagt, nochmals 
bestens in Anspruch, und empfehlen uns derselben eifrigst 
in den wiederholten Versicherungen der tiefsten Verehrung 
und unbegränzter Ergebenheit! 

Berlin, den 7. November 1823. 



; 37- 

Ew. Excellenz 

meinen innigsten und lebhaftesten Dank auszusprechen für 
das herrliche Geschenk, welches Sie mir mit dem Bilde des 
Grafen Schulenburg gemacht haben, wurde ich bis heute 
durch Säumnisse verzögert, die ich hoffte mit jedem Tage 
endigen zu sehen. Ich wünschte nämlich, zu gleicher Zeit 

5* 



6S Neue Mittheilungen. 



Ew. Excellenz den zweiten Theil des Buches zu überreichen, 
dessen erster bei Ihrer wohlwollenden Nachsicht eine sa 
gütige Beurtheilung gefunden ! Endlich geht derselbe fertig 
aus der Druckerei hervor, und erfolgt hiebei mit dem eifrig- 
sten Wunsche, wie der frühere bei Ew. Excellenz eine ge- 
neigte Aufnahme zu finden! Die Schwierigkeiten einer 
gefassten und zulässigen Darstellung vermehren sich übrigens 
auf dieser Bahn mit jedem Schritte; sie sind wohl zum 
Theil als unüberwundene sichtbar geblieben ; indessen hoffe 
ich doch, wenn nicht etwa mit diesem zweiten Bändchen 
ein unerwartetes Missgeschick sich verknüpft, in dem bevor- 
stehenden dritten selbst mit Blüchers Leben, wo das AUer- 
schwierigste zu verarbeiten ist, noch leidlich genug zu Stande 
zu kommen. 

Höchst beglückend ist für uns alles, was wir von Ew\ 
Excellenz heitrem Wohlsein und frischer Thäiigkeit zu ver- 
nehmen und zu empfangen haben. Mit hoher Freude be- 
grüssen wir die Nachricht von einer neuen bereicherten 
Ausgabe der sämmtlichen Werke, und wünschen mit Unge- 
duld nur jede Zögerung beseitigt. Das Erscheinen eines 
neuen Heftes ist für uns ein Fest, dessen Wiederkehr uns 
leider nur durch allzugrosse Zwischenräume zurückgehalten 
dünkt. Wir massen uns an, dass der Sinn und Werth jeder 
Zeile uns als wahres Eigenthum zugehöre, dass keine Fügung 
derselben uns verloren gehe! So haben wir auch die Worte 
über Napoleon begierig ergriffen ; sie sind uns ein Eingang 
zu vielen Betrachtungen geworden, an denen wir auch Andre 
nach Gelegenheit Theil zu nehmen im »Gesellschafter« ver- 
anlasst haben. Bei diesem Anlasse musst^ ich auch einer 
früheren Vergleichung wieder gedenken, die sich aus den 
zusammengestellten Gedichten, welche Byron, Manzoni, 
Casimir de la Vigne, Lamartine, Stägemann, und Andre^ 
in so mannigfachem Sinne dem Tode des Helden gewidmet^ 
sehr anziehend für nationale und individuelle Eigenheiten 
ergab; eine Vergleichung, welche geistreich durchzuführen 
und zu bleibendem Ergebnisse festzustellen uns nur Eine 
Hand genugsam befähigt dünken darf! Wenn es erlaubt 
w^äre, für künftige Hefte besondere Mittheilungen bescheiden 
anzufordern, so möchte ich wohl, nach dem schönen Anfange 



Briefe Varnhagens von Ense an Goethe. 69 



mit Schillers Briefen, den Briefwechsel Goethe's und Wolfs 
nennen, welche in der eigemhümlichsten Richtung den be- 
deutendsten Geisiesverkehr darstellen. Gegen 25 Briefe 
Goethe's an Wolf besitz' ich selbst in Abschriften, zu welchen 
mir der unvergesslich theure Mann, durch meinen lebhaf- 
ten Antheil bewogen, gern die Gelegenheit gewährt. Mit 
Freuden geb' ich diesen litterarischen Privatbesitz auf, um 
ihn als öffentlichen in andrer Gestalt und bereichert mit- 
zubesitzen ! Ob in Wolfs Nachlass, über jene Zahl hinaus, 
noch sehr viele Briefe von Goethe, wie Hr. Dr. Körte ein- 
mal versicherte, oder nur einige sich finden, dürfte sich 
bald ermitteln lassen. — 

Berlin, den 14. Juni 1825. 

38. 

Ew. Excellenz 
dürften aus den ergangenen Ankündigungen und den darauf 
erfolgten wirklichen Anfängen der neuen Litteraturzeitung, 
zu deren Herausgabe hier ein Gelehrtenverein unter dem 
Namen der »Societät für wissenschaftliche Kritik« zusammen- 
getreten ist, von dem Zweck und der Richtung dieses 
Instituts bereits genügende Kunde genommen haben, um 
uns der näheren Erörterung und besonderen Rechtfertigung 
des Gegenstandes selbst leicht zu überheben. Gleich bei 
Gründung dieses wissenschaftlichen Vereins mussten die 
Stifter und ersten Theilnehmer, ihrer würdigen Absicht und 
bedeutenden Aufgabe bewusst, indem sie die w^ünschens- 
werthesten Förderer und Genossen in auswählenden Über- 
blick zu fassen strebten, vor allen des Namens eingedenk 
sein, der als die erste und schönste Zierde unsrer Litte- 
ratur den weiten Kreis derselben mit unverzüglichem Glanz 
durchleuchtet. Wie lebhaft und eifrig indess das Verlangen 
sein mochte, dem neuen Unternehmen die Gunst und den 
Antheil Ew. Excellenz zu gewinnen, so schien es gleich- 
wohl den Verhältnissen angemessen, und war in unsrem 
Gefühl tief begründet, mit unsrer Eröffnung dieserhalb 
noch zu zögern, und Ew. Excellenz Mitwirkung und Beitritt 
nicht für ein bloss im Vorhaben schwebendes, noch erst 
zu erwartendes, Werk in Anspruch zu nehmen. Jetzt aber, 



70 Neue Mitthe!Lungen. 

nachdem das Unternehmen, wenn auch noch jung und 
unvollkommen, doch kräftig und fest, in zuverlässigem 
Fortschritt durch die That vor Augen gestellt, und in einer 
Reihe von gelieferten Arbeiten der Sinn und Geist des- 
selben bestimmter ausgesprochen ist, jetzt darf unsre Ge- 
sellschaft nicht länger anstehn, ihren frühsten Wunsch, 
ihr eifrigstes Begehren, zu günstiger Erfüllung ehrerbietigst 
darzulegen! Die freudigste Einstimmigkeit hat diesmal 
alle sonst nothwendig erachteten Formen der Erwägung 
und Entscheidung völlig bei Seite gesetzt, und gleicher- 
weise eine ungewöhnliche Form der zu machenden Eröffnung 
verfügt. Den Unterzeichneten ist der ehrenvolle Auftrag 
ertheilt worden, Ew. Excellenz Namens der Gesellschaft 
zur Theilnahme an derselben ergebenst einzuladen. Wir 
kennen die Rücksichten, welche uns gebieten, jeden unmittel- 
baren Anspruch auf bestimmte Thätigkeit von dieser Ein- 
ladung fern zu halten, wir ordnen im voraus unsre eifrigsten 
Wünsche hierin jeder anderen Beziehung willig unter; 
aber wir würden es uns zur hohen Ehre rechnen, wenn 
Ew. Excellenz unsrem Unternehmen eine beifällige Zustim- 
mung gönnen, unsren Blättern die Hoffnung, nach Gelegen- 
heit und Umständen von Ihrer Hand bereichert zu werden, 
nicht verschliessen, und uns demnach gestatten wollten, in dem 
Verzeichniss unsrer Mitglieder Ihren höchstverehrten Namen 
aufzuführen, um unsrerseits vor der Nation nicht in dem Vor- 
wurfe zu stehn, die in solcher Hinsicht anerkanntest dar- 
zubringende Gebühr der Verehrung verabsäumt zu haben. — 

Indem wir Unterzeichnete uns des empfangenen Auf- 
trags hiedurch ehrerbietigst entledigen, können wir nicht 
unterlassen, uns des ausgezeichneten Vorzugs lebhaft zu 
erfreuen, der uns gewährt, mit dem Ausdrucke der gemein- 
samen, abseiten unsrer Societät Ew. Exc^llenz gewidmeten 
Huldigung zugleich den unsrer persönlichen ehrfurchts- 
vollsten und anhänglichsten Gesinnungen zu vereinigen, 
in welchen wir die Ehre haben zu verharren 

Berlin, den 6. März 1827. 

Ew. Excellenz gehorsamst-ergebenste 

Hegel 
K. A. Varnhagen von Ense. 



Briefe Varnhagens von Ense an Goethe. "]i 

39- 
Ew. Excellenz 

geneigter Äusserung zufolge bin ich so frei, die in meinem 
Besitz befindlichen Abschriften der Briefe an Friedrich 
August Wolf hiebei treulichst in Ihre Hände zu überreichen! 
Ich hatte diese Blätter schon in früher Zeit mit des Seligen 
ausdrücklicher Zustimmung in dieser Weise mir angeeignet, 
sowohl um dieselbe zur eignen Freude zu besitzen, als 
auch um ihre Erhaltung desto mehr zu sichern. Der treff- 
liche Lehrer und Freund, dessen viel zu frühen Hingang 
ich nie genug beklagen werde, ging in solchem Vertrauen 
später noch viel weiter. Vor Antritt der Reise, von welcher 
er nicht wiederkehren sollte, übergab er mir, indem er das 
Vorgefühl des Abgerufenwerdens aussprach, eine grosse 
Menge werther Schriften, die mir seiner unzweifelhaften 
Meinung nach verbleiben sollten. Es befanden sich darunter 
mit vielen andern die Briefe Spaldings, Heindorfs, Wilhelms 
von Humboldt; besonders waren die letztern zahlreich und 
wichtig. In der Bewegung aber, welche der herbe Trauer- 
fall selbst und bald darauf die Anwesenheit der Hinter- 
bliebenen mir gaben, glaubte ich die nur in solcher Art 
reiche Verlassenschaft nicht verkürzen zu dürfen, und stellte 
alles Hrn Körte zu, nicht ohne nachherige Reue, denn ich 
musste bald einsehn, dass ich selbst mir immerhin die 
grösste und angemessenste Sorgfalt in Verwaltung dieses 
Schatzes hätte zuschreiben dürfen! Wie dem nun auch sein 
möge, hier diese geretteten Blätter können kein günstigeres 
Loos finden, als zu Ew. Excellenz Verfügung zurückzu- 
kehren; möchte eine baldige Bekanntmachung durch den 
Druck, der hier ja wohl eben so unverfänglich wie bei den 
Schillerschen Briefen geschehn kann, sie zur allgemeinen 
Gabe umwandeln! 

Die Eindrücke der schönen anderthalb Tage, die ich 
zuletzt in Weimar zugebracht, dauern in frischer Heiterkeit 
fort. Ew. Excellenz so gesund und kräftig, so antheilvoll 
und wirksam wiederzusehen, rechnen wir uns stets als den 
theuersten Gewinn, der eine reiche Welt glücklichster Vor- 
stellungen in sich fasst. Unsre Wünsche und Hoffnungen 
ergehen sich in immer neuen Räumen, streben zu immer 



72 Neue Mittheilungek. 



schöneren Begegnissen auf! Der lebenskräftige Anblick 
Seiner Königlichen Hoheit des Grossherzogs darf jedem 
Deutschen eine erhebende Freude sein; es ist nicht mög- 
lich, diesen vortrefflichen Herrn näher zu sehn, ohne ihm 
die aus der Entfernung schon stets gewidmete tiefste Ver- 
ehrung nicht auch als innigste Ergebenheit, als wahrhafte 
Zuneigung zu weihen! Und durch ihn steht dieses ganze 
Fürstliche Haus inmitten der gesammten Nation als eine 
Stätte des Ruhms und der Ehren da, welcher auch die 
Könige huldigend nahen! Die merkwürdigen Zeilen des 
Königs von Baiern, durch die Allgemeine Zeitung öfl^entlich 
bekannt geworden, erregen überall den lebhaftesten Antheil, 
die vielfachste Betrachtung. 

Eine liebenswürdige Botin und Verkündigerin des 
Weimarischen Lebenskreises haben wir hier einige Tage, 
nur leider eine allzu flüchtige Erscheinung, zu hegen ge- 
habt; ihrer Anmuth und Freundlichkeit hat ein dankbarer 
Sinn von allen Seiten eifrigst begegnen wollen. Unsre 
innigsten Wünsche und Grüsse wird sie reichlichst über- 
bracht haben! 

Mir ist zugekommen, dass Ew. Excellenz mit unsern 
kritischen Jahrbüchern unzufrieden zu sein hie und da Ver- 
anlassung gehabt. In manchen Anzeigen dürfte der Ton 
nicht getroffen sein, welcher allgemein gebilligt werden 
könnte; die Stellung zwischen Schule und Welt, das Mass 
der Vertheilung des anzubauenden Bodens, die Wahl der 
jedesmal Beauftragten, alles dies mag noch vieles zu 
wünschen lassen. Ein so weitgreifendes Unternehmen hat 
gewiss vielfache Gefahren, und nicht alle sind durchaus 
zu meiden oder zu überwinden; wir erkennen die Mängel 
willig, und wünschen sie zu bessern. Doch thut es mir 
leid, nicht einige Berührung im Gespräch mit Ew. Excellenz 
über diesen Gegenstand gehabt zu haben; neben jenem 
Eingeständniss im Allgemeinen hätte sich doch im Beson- 
dern manches Rechtfertigende vielleicht ergeben. Der 
Tadel gegen Ausgezeichnetes scheint in jedem Falle von 
minderer Gefahr, als die Lobpreisung des Mittelmässigen, 
und in letzterer Weise dünkt mich wenig bis jetzt ge- 
sündigt ! Dass jeder Berichterstatter sich mit seinem Namen 



Briefe Varnhagess von Ense an Goethe. 73 

' -■■ I II II ■■ ■ , ■■ I .1 ■ I ■ I U I, I , , 

unterzeichnet, und nun jeder Leser weiss, mit wem er es 
im bestimmten Falle zu thun hat, erweist auch, bei zwie- 
spaltigen Gegenständen, seinen grossen Nutzen. Indem ich 
aber Andre hier zu entschuldigen wünsche, bin ich für 
mich selbst nicht ohne Sorgen wegen einer von mir schon 
abgelieferten Recensioji über Walter Scotts Napoleon ; ich 
sah das Missliche beider Namen ein, und wünschte die 
Arbeit abzulehnen, man wollte aber meine BedenkUchkeiten 
nicht gelten lassen. Das Mass der Rücksichten, welche die 
Behandlung fordert, sucht ich zwar möglichst auszudehnen, 
aber im Fortgange wurde ich unwiderstehlich immer wieder 
zur Strenge hingezogen. Ich wäre untröstlich, wenn Ew. 
Excellenz eine Arbeit ganz verdammen müssten, die ich 
gleichwohl, alles reiflich erwogen, nicht anders fassen 
könnte, als es geschehn ist. Nun bleibt mir nur die Bitte, 
wenigstens dem Verfasser, der sich zu solcher Verlegenheit 
bekennt, einige Nachsicht zu bewahren, und demselben nicht 
allen Glauben zu entziehen, dem er in der Folge denn doch 
wieder mit besserem Gelingen zu entsprechen hoffen darf! — 

In unsrer wissenschaftlichen Welt wird es diesen 
Winter sehr lebhaft werden. Seit langer Zeit hat nichts 
eine so grosse Anregung gegeben, als die von Alexander 
von Humboldt angekündigten Vorlesungen, zu welchen 
den Zudrang keiner der Universitätsräume fassen kann. 
Hr. von Humboldt will recht eigentlich für die Studenten 
vortragen, da wir Andern aber uns gar gern als solche 
bekennen, besonders ihm gegenüber, so waren wir, näm- 
lich die sich zuerst meldeten, nicht auszuschliessen. Hr. 
Prof. Hegel rüstet sich gleichfalls mit frischer Kraft und 
erheitertem Sinn zu seinen nahen Vorträgen, die doch 
eigentlich das rechte Licht dieser grossen Lehranstalt sind. — 

Meine Frau empfielt sich Ew. Excellenz in gewohnter 
Treue der Verehrung und Innigkeit; in ihrer Richtung zu 
Ihnen hält sie die Proben, welche St. Martin einmal be- 
deutend verbindet, das Sogleich und Ganz und Immer! — - 

Herr und Frau von Goethe empfehlen wir uns eifrigst 
mit den besten Wünschen. Dem ganzen Hause allen Segen 
des Himmels! 

Berün, den 25. Oktober 1827. 



Neue Mittheilungen. 



40. 
Ew. Excellenz 
höchst verehrtes Schreiben vom 19. d. hat mich in die 
lebhafteste Freude versetzt, die ich gestern in unsrer Ge- 
schäftsversammlung den anwesenden Mitgliedern unsrer 
Societät mitzuempfinden gab, und jetzt in flüchtigen Zeilen, 
wue sie mir heute nur erlaubt sind, kaum nach Gebühr 
auszusprechen vermöchte ! Wir empfangen mit innigstem 
Dank das herrliche Erbieten Ew. Excellenz, und sehen 
dessen geneigter Erfüllung mit aller Kraft des Verlangens 
entgegen, welche durch das wirksamste Bewustsein, was 
uns selbst und der Welt ein solch thätiger Antheil Ew. 
Excellenz zu bedeuten hat, in uns Allen aufgeregt würd. 
Wir bitten Ew. Excellenz noch insbesondre, in Form und 
Ausdehnung der gütigst angebotenen Recension keine 
Regel unserer Einrichtung als irgend eine Schranke denken 
zu wollen, indem unsre Jahrbücher doch immer, was von 
Ew. Excellenz Hand ihnen zukommt, als in seiner Art 
Einziges zu betrachten haben, welches seine Regel mit- 
bringt, aber nicht empfängt. Zu solcher Aristokratie, wenn 
das Wort in diesem Sinne gelten kann, bekennen wir uns 
willig! — 

Auch wegen der höchstschätzbaren Erinnerung hin- 
sichtlich des Werks des Hrn von Ekendahl, welches den 
Meisten von uns noch unbekannt war, haben wir unsren 
wärmsten Dank darzubringen. Es ist beschlossen worden, 
dasselbe dem Hrn Mohnicke in Stralsund, der sich insbe- 
sondre für schwedische Geschichte und Litteratur gemeldet 
hat, mit dem Bemerken anzutragen, dass die Recension, 
wenn sie nach der Überzeugung des Recensenten nicht 
günstig ausfallen könnte, unterbleiben soll. 

Übrigens kann ich Ew. Excellenz mit Vergnügen den 
guten Fortgang unsrer Jahrbücher anzeigen. Ungeachtet 
mancher heftigen Feindschaft, die besonders im Stillen 
durch gelehrte und politische Kotterieen entgegenzuwirken 
sucht, gewinnen sie im Publikum mehr und mehr Eingang, 
und stärken sich auch besonders in sich selbst durch Zu- 
wachs derTheilnehmer und durch ihre nähere Verständigung» 
Eines gewissen gelehrten Schwalles, der in den deutschen 



Briefe Varnhagens von Ense an Goethe. 75 

wissenschaftlichen Arbeiten oft so schwer den Geist frei 
werden lässt, und mit dem auch wir unsre Noth haben, 
hoffen wur uns nach und nach einigermassen zu entledigen, 
denn es wäre vermessen, dies unbedingt zu versprechen. 
Schon jetzt aber fehlt es nicht an Aufsätzen, welche Gehalt 
und Darstellung glücklich verbinden, wofür ich nur die 
Recension des Generals von Pfuel über Fain's Manuscript 
von 1812 und Wilhelm Neumanns Recension von Jacobi's 
Briefwechsel anführen will. Andre Recensionen, wie von 
Bopp, von Dirksen, eine zu erwartende von Rückert, haben 
das in andrer Art grosse Verdienst, dass kein in demselben 
Fache Fortarbeitender ihrer entbehren kann. Friedrich Roth 
in München, welcher in die Societät selbst einzutreten 
durch Verhältnisse gehindert ist, schreibt mir in unpar- 
theiischer Anerkennung, dass den besten unsrer Recensionen 
keine andern in den übrigen gelehrten Blättern des ver- 
gangenen Jahres gleich kommen, selbst die besten in dem 
Edinb, rev. nicht ausgenommen. Von bevorstehenden inter- 
essanten Aufsätzen kann ich Hegels Recension von Solgers 
Nachlass und des Ministers von Wangenheim Anzeige der 
Goertzischen Memoiren ankündigen ; doch will der Letztere 
bei dieser Gelegenheit seinen Beruf zu solchen Arbeiten 
erst erfahrend prüfen. — 

Mit grösstem Antheil ersehe ich, dass wir ein neues 
Heft Kunst' und Alterthum empfangen sollen. Dem be- 
gierigen Leser sind diese Hefte immer zu schnell beendet, 
ihre Folge immer zu langsam ; wendet er sich aber in die 
Tiefe, so findet er, dass er für Zeitlebens daran hat, und 
nur mit Aufbietung seiner besten Kräfte folgen kann. 
Dürfen wir vielleicht hoffen, in dem nächsten Hefte die 
litterarischen Räthsel, an denen wir uns bis zu mancher 
fast unzweifelhaften Vermuthung versucht haben, durch 
wirkliche Nennung bestimmt gelöst zu sehen? Zwar ver- 
sprochen ist eine solche Lösung keineswegs. — 

Der Frau Erbgrossherzogin Kaiserl. Hoheit meine 
Ehrfurcht persönlich zu bezeigen, habe ich bisher noch 
der Gelegenheit ermangelt, da ich den ausserordentlichen 
Hoftagen beizuwohnen verhindert gewesen. Ich habe mich 
aber bei der Frau Oberhofmeisterin Gräfin von Henkel 



76 Neue Mittheilungen. 



gebührend gemeldet, und derselben meine Bitte wegen 
besonderen Zutritts, den mir die hohe Fürstin gewähren 
möchte, vorgetragen. Meine Bitte fand die günstigste 
Aufnahme, und ich darf näherer Weisung entgegen sehn. 
Der würdigen Dame konnte ich nicht verhehlen, welch 
unschätzbare Bande der zartesten und reinsten Dankbarkeit 
durch E\^. Excellenz gütige Vermittelung mich Ihrer 
Kaiserlichen Hoheit zu huldigender Verehrung so ganz 
besonders verpflichten ! — 

Hrn Alexanders von Humboldt gedoppelte Vorlesungen 
erfreuen sich fortdauernd der allgemeinsten Theilnahme. 
Der Reichthum seines Wissens macht ihm den Vortrag 
fast zur Last, da er immer wählen und sondern muss. 
Nie gab es in dieser Art eine glänzendere Versammlung; 
beide Kollegien umfassen weit über tausend Zuhörer, unter 
ihnen sind S. M. der König, der Kronprinz, die Prinzessinen, 
und Karl Ritter, Leopold von Buch; Erman und Andre 
solchen Ranges schreiben nach! Der Hr. Minister von 
Humboldt wird in einigen Wochen mit ganzer Familie 
die Reise nach Frankreich und England antreten, und auf 
der Durchreise einen Tag in Weimar zubringen. Ich habe 
ihm angelegen, seine mannigfachen litterarischen Arbeiten 
in eine Sammlung zu vereinigen, aber seine Bescheidenheit 
verkennt den Werth, welchen eine solche Sammlung so 
vieles Geistvollen und Scharfsinnigen, Inhaltschweren und 
Formvollendeten entschieden in unsrer Litteratur und grade 
jetzt haben würde. — 

Hr. Professor Hegel beauftragt mich, Ew. Excellenz 
seine dankvolle Verehrung auszudrücken. Meine Frau dankt 
innigst dem ihr über alles theuren Andenken; gewiss »zu 
guter Stunde« sind wir vereint Ew. Excellenz eingedenk, 
denn so oft dies geschieht, wird die Stunde zur guten ganz 
unfehlbar! Wir vereinigen unsre eifrigsten Grüsse für das 
ganze theure Haus. 

Berlin, den 29. Februar 1828. 



Briefe Varnhagens von Ense an Goethe. 77 

41. 

Ew. Excellenz 
verehrtes gütiges Schreiben hat uns inmitten der belebtesten 
Eindrücke, die von Weimar her unsre hiesigen ersten Tage 
zu erfüllen fortfuhren, um so freudiger überrascht! Ich 
erkenne mit wahrhaft gerührtem Danke das freundgesinnte 
Wohlwollen, welches jene so werthen Zeilen eingab, und 
die Sendung einer so höchst merkwürdigen und er- 
wünschten Beilage damit verband, an die zu erinnern ich 
mir wohl kaum noch erlaubt hätte! Die poetische Epistel 
des Bruders Gregor bezeichnen Ew. Excellenz mit allem 
Recht als das Zarteste und Anmuthigste, was aus der dem 
Grafen von Zinzendorf angehörigen Sinnesart in dieser 
Weise hervorgegangen; wirklich wüsste ich von Zinzen- 
dorf selbst kein Stück anzuführen, wo das Kindliche so 
durchaus und unvermischt und in noch jetzt duldbarem 
Ausdruck erschiene, im Gegentheil machen seine Gedichte 
meist eine unangenehme Wirkung, wobei allerdings viel 
auf Rechnung der Zeit kommt, in welcher er zu dichten 
anfing, und deren Rohheit und Zerrbildung ihm in dieser 
Form am meisten anhaftete. Läge jene Epistel nicht schon 
allzuweit über die Lebensperiode Zinzendorfs hinaus, so 
würde ich um die Erlaubniss bitten, sie als ein ausge- 
zeichnetes Denkmal seiner nach ihm noch fortgebildeten 
Richtung meinem Buche beizufügen; allein da er schon 
1760 starb, und das Gedicht um zehn Jahre später ent- 
standen ist, so dürfte der zwischenliegende Zeitraum doch 
schon zu gross dünken. Vielleicht nehmen aber Ew. Excel- 
lenz selbst irgend einen Anlass, dieses in seiner Art wirk- 
lich preiswürdige Erzeugniss an gelegenem Orte mitzu- 
theilen, wodurch auch meine Lebensbeschreibung Zinzen- 
dorfs nur gewinnen würde. 

Von unsern kritischen Jahrbüchern wage ich hier zwei 
neueste Blätter anzuschliessen, denen Ew. Excellenz viel- 
leicht eine Leseviertelstunde widmen. Die Musenalmanache 
anzuzeigen wurde mir fast unwiderstehlich aufgedrungen; 
ich hoffe dass wenigstens die Stimmung und Absicht der 
wenigen Worte nicht missfallen wird. Bei Erwähnung 
dieser Jahrbücher sei mir noch anzumerken verstattet, dass 



7^ Neue Mtttheill'ngex. 



ich nach Kräften die eifrigste Sorgfalt verspreche, im Fall 
das handschriftliche Heft über Böhmen, auf das wir uns 
freuen, mit dem angedeuteten Auftrage mir zukommen 
soll. Ich werde dabei so getrost verfahren, wie neulich bei 
amtlich auferlegter Behandlung hoher Schriftsätze, wo mir 
die Erzählung Saint-Simons von Felix, dem Wundarzte 
Ludwigs XIV., lebhaft in den Sinn kam; berufen zu einer 
Operation, und im Begriff, das Messer anzusetzen, fiel er 
zuerst auf die Kniee, und bat mit Thränen um Verzeihung, 
dass er die Hand an seinen König legen werde, dann aber 
vollführte er mit Fassung und Sicherheit, was er zu leisten 
aufgeforden war. 

Wir gehen hier allmählig zu unsrem Winterleben über, 
in welchen sich Berlin jedesmal gesteigert, und alle seine 
Bestandtheile gleichsam in Energie zeigt. In Erstaunen 
setzt es mich immer auPs neue, und besonders nach jeder 
Heimkehr, was alles, und wie zahlreich und mannigfach 
aus allen Quellen des Lebens, in dieser stets gedrängteren 
und belebteren Hauptstadt sich bewegt! Indess pflegen 
wir, meine Frau und ich, an den gesellschaftlichen, theatra- 
lischen und andern solchen Reichthümern nur sehr bedingt 
Antheil zu nehmen. Mit grösserem Verlangen sehen wir 
der neuen Lieferung von Goethe's Werken und den noch 
folgenden Bänden von Goethe's und Schillers Briefwechsel 
entgegen, und dürften so unsre besten Freuden dieses 
Winters mehr aus der weimarisch-jenaischen Gesellschaft, 
als aus den unmittelbar nahen berlinischen Kreisen schöpfen! 

Berlin, den i8. Oktober 1829. 

42. 

Ew. Excellenz 

verehrtes Schreiben vqh 13. d. hielt unter nicht verhehlten 
Besorgnissen noch Worte einer Hoffnung fest, welche bald 
nachher durch trauervolle Botschaft sich als getäuschte 
zeigen sollte! Tief sind auch wir durch die Nachricht er- 
schreckt, tief auch wir von dem Verlust betroffen, welchen 
abermals Weimar erlitten hat; denn längst vereinten wir 
als eine der Unsern die hohe Fürstin, deren edler Lebens- 



Briefe Varnhagens von Ense an Goethe. 79 

kreis in geistigen Wirkungen sich noch stets erweitert, 
und der wir schon dem Rufe nach gehuldigt hätten, wäre 
ihr werthvolles Bild uns auch nicht durch das Glück per- 
sönlichen Kennens näher eingedrückt worden! Wo wir 
aber, wie hier, Ew. Excellenz an einem Leide theilhabend 
wissen, muss unsre Empfindung vor allem diesen Bezug 
aufnehmen, und so fühlen wir innigst mit, was wir in die- 
ser Richtung uns als von Ihnen Empfundenes denken dürfen! 
Dabei erfahren wir denn doch, dass man sich in solches 
Innere zu versetzen nicht erkühnt, ohne sogleich wieder 
durch Vorstellungen der Kraft und des Muthes erfrischt 
zu werden. 

Dem vorausgeeilten Briefe folgte nach mehreren Tagen 
wohlbehalten das verheissene Manuscript. Ich habe die er- 
sten von Geschäftsarbeiten freien Stunden mit freudigem 
Eifer darauf verwandt, und mir das Weitere bei der Sache 
sehr bald überdacht und festgestellt. Eine den Stoff er- 
gänzende und den Sinn vollführende Redaktion ist aller- 
dings nöthig, und ich werde selbige ohne Säumen unter- 
nehmen, redlich bemüht, das ehrenvolle Zutrauen gleicher- 
weise durch Muth wie durch Bescheidenheit zu verdienen. 
Von den Fragen, Vorschlägen, Erlaubnissgesuchen und An- 
liegen, die ich bei diesem Beginnen vorzubringen hätte, 
sollen aber Ew. Excellenz nichts erfahren, denn ich fühle, 
wenn hier eine Aufgabe für mich sein kann, so muss es 
die sein, die ganze Sache meine Sorge sein zu lassen, und 
sie auf meine Verantwortung und Gefahr vor allem zu er- 
ledigen. Die Zeitschrift selbst ist mir zur Hand, um daraus 
ferner zu schöpfen, und mir darf auch zu Statten kommen, 
dass ich in Böhmen während dreijährigen Kriegsdienstes 
meinen gew^öhnlichen Aufenthalt gehabt, und daher Antheil 
und Kunde mancher Art mir dort unmittelbar erwachsen 
sind. Der Aufsatz wird unsern Jahrbüchern höchst will- 
kommen sein, sich gewiss ganz gut dort ausnehmen, und 
hoffenthch für die Sache das Seine wirken. 

Es ist wahrlich betrübt, dass die Zeitschrift des böh- 
mischen Museums, wegen Mangel an Absatz im grösseren 
deutschen Kreise, auf einen schwächeren Fortgang einge- 
schränkt werden muss. Der Absperrung gegen Österreich 



9 

8o Neue Mittheilungen. 



liegt freilich ein Anfang von dorther zum Grunde, und die 
Verbindung stockt nicht nur zwischen den Buchhändlern, 
sondern auch unter den Gelehrten. Von den ausgezeich- 
neten Männern, welche wir zurTheinahme an unsem Jahr- 
büchern eingeladen, hat kein einziger gewagt beizutreten 
und kaum zu antworten, während doch die Wiener Jahr- 
bücher der Litteratur unausgesetzt norddeutsche Beiträge 
fordern und empfangen. Dies letztere mag uns aber auch 
so ganz recht und lieb sein, denn ich denke, in solchem 
Falle müssen wir in der Litteratur dem Glaubenswesen der 
Protestanten folgen, deren Seligkeit auch in fremder Kirche 
fussen kann, die bei ihnen doch kein Heil suchen will. — 

Von dem überstandenen Theile des Winters hab' ich 
leider nicht viel zu rühmen. Meine Frau kam aus kranken 
Zuständen fast gar nicht heraus, mir ging es kaum besser, 
und mit den i. Januar verfiel ich in eine ernstliche katharra- 
lische Krankheit, von der ich nur eben mich aufrichte, 
ohne sie damit schon beendet zu sehen. Gegen den März 
hin hofft man indess wieder auf Frühlingsluft, und dieser 
Hülfe haben wir am meisten zu vertrauen. Solch traurige 
Tagereihen mögen uns auch gegen Frau von Goethe und 
mich noch besonders gegen Hrn Dr. Eckermann entschul- 
digen, wenn so manches, dessen wir wohleingedenk ge- 
wiesen, bisher versäumt geblieben ist! 

Die gütige Nachfrage wiegen Zinzendorfs Lebensbe- 
schreibung beschämt mich, und ängstet mich fast, da so 
günstige Erwartung in mir auf die bittersten Zweifel trifft, 
ob nicht der reiche Stoff nur ein verfehltes Bild geworden! 
Ein Umstand ist gleich höchst unangenehm, die An- 
schwellung durch klein theihge Ausführlichkeit; denn schon 
sind über 300. Seiten gedruckt, und der noch rückständigen 
werden nicht unter 200. sein; dies übersteigt jedes billige 
Mass. Indessen wüsst' ich die Sache nicht zu ändern, auch 
wenn noch Zeit dazu wäre, denn die Eigenart des Mannes 
steckt in Wirkungen, deren Grösse aus zahllos gegHederten 
Bestandtheilen erwächst. Ich muss jetzt also mein Schicksal 
abwarten und hinnehmen, wie es bereitet ist. Sobald der 
Druck beendigt ist, wird das Buch zu Ew. Excellenz Händen 
eilen. Ein andres Buch das sich darzubieten wünscht, die 



Briefe Varnhagens von Ense an Goethe. 8l 

von mir besorgten Denkwürdigkeiten Johann Benjamin 
Erhards, liegt seit zwei Monaten in Augsburg fertig, aber 
Hr von Cotta versendet die Abdrücke vielleicht erst zur 
Ostermesse, und lässt mich auch die mir bestimmten noch 
entbehren. — 

Nichts kann uns erfreuender sein, als von Ew. Excellenz 
erwünschtem Wohlsein und glücklicher Thätigkeit zu hören, 
die uns Allen auch noch besonders verheissungsvoU sein 
soll. Ein Fest wird uns jedes von daher Neue, bisher nicht 
Bekannte, während jeden Tag in wiederholtem und erhöhten 
Genuss auch das Alte sich uns erneut. Aus allen widrigen 
Stimmungen und Begegnissen zu heitrem Dasein gerettete 
Tage sind uns diejenigen, welchen die frische Gunst eines 
Lesens beschieden ist, wie das der neuen Wanderjahre, 
der neuen römischen Mittheilungen, und in weitestem Sinne 
darf hier ein persönliches Wir sich ausdehnen, das eine 
unsichtbare, nicht abzuzählende Gemeinde umfasst! Indem 
ich dergleichen nicht verschweige, was kaum genügend 
auszusprechen und hier doch nur bescheiden zu sagen ist, 
stell' ich mich gerne bloss, nur dass Ew. Excellenz es 
wissen sollen, welch reine Verehrung, welch heisse Beeife- 
rung und Freude und welch innigster Dank Ihren Gaben 
immerfort entgegenquellen ! Den Dichter, den Zauberer des 
Worts, könnten wir nicht missen, aber noch weniger den 
Lehrer, den Freund, den höheren Führer und Begleiter in 
den Tiefen und Breiten des Einzel- wie des Gesammt- 
lebens! — 

Von Berlin möchte ich gern manches Bemerkenswerthe 
und Erfreuliche hier anfügen, allein ich muss mich diesmal 
besonders arm bekennen, da ich durch mein Kranksein so 
geraume Zeit von aller Geselligkeit nach aussen abge- 
schnitten war. Dennoch lebt man auch einsam in einer 
solchen Stadt ihr Leben mit. Mit Hrn Alexander von 
Humboldt ist ein stärkerer Wellenschlag in die Fluth der 
gebildet-vornehmen Welt zurückgekehrt. Der Hr. Minister 
von Humboldt brütet dagegen in der Winterruhe zu Tegel 
über eignen Studienaufgaben; die .von ihm geräuschlos 
geleitete Einrichtung unsrer Kunsthallen ist inzwischen 
rasch vorgeschritten, und zum Frühjahr dürften diese Schätze, 

Gokthä-Jahrbvch XIV. 6 



82 Neue Mittheilungen. 



mit deren Eröffnung für Berlin eine neue Lebensepoche 
anhebt, allgemein zu sehen sein. Hr. Prof. Hegel ist mit 
Geschäften überhäuft; ein schönes Vorhaben von ihm, die 
Seherin von Prevorst, welches Buch hier wie in München 
und andern Orten den Gläubigen eine Heilsnahrung, den 
Vornehmen eine scharfduftende Leckerei geworden, für 
die Jahrbücher zu recensiren, scheint in den zeitraubenden 
Pflichten und Ehren seines Rektorats untergegangen ; sonst 
wäre zu erwarten gewesen, dass er tüchtig eingegriffen und 
manches von seinem Ort Gerückte gründlich dahin zurück- 
gestellt hätte. — 

Von den Rosenzweigen hoffen wir gute Nachricht zu 
erhalten, und werden sie mitzutheilen nicht unterlassen; 
an Sorgfalt wird es sicher nicht gefehlt haben. 

Meine Frau dankt innigst der wohlwollenden Erkundi- 
gung nach ihrem Befinden, dasselbe hat besonders in dieser 
Jahrszeit und bei deren ungewöhnlicher Härte mit Feind- 
lichen Einflüssen zu kämpfen, und grade in diesen Tagen 
leidet sie sehr; sie trägt mir die verehrungsvollsten Empfeh- 
lungen und den Ausdruck ihrer treugesinnten Wünsche 
auf. An Frau von Goethe, der wir uns so wie dem Herrn 
Gemahl vereint empfehlen, gedenkt sie am ersten guten 
Tage zu schreiben. 

Berlin, den 23. Februar 1830. 

43- 

Berlin 26. März 1830. 

. . . Frau von Kalb, welche hier in vieljähriger stillen und 
engen Zurückgezogenheit lebt, ist in dieser heftigst bewegt 
worden durch die Mittheilungen, welche Jean Paul Richters 
gedruckter Briefwechsel über manche frühere Lebensver- 
hältnisse nicht schonend an den Tag legt. Sie verwirft 
und verläugnet ganz und gar die Auffassungen Richters 
in betreff der ihr eignen Bezüge, sowie der von Schiller, 
Herder und Anderen ; nie, so betheuert sie, sei dergleichen 
gesprochen, dergleichen gemeint worden, wie hin und wieder 
aus trüben Quellen oder argen Missverständnissen dort 
angegeben wird. Ihre hohen Jahre und ihr sonst fast 



Briefe Varnhagens von Ense an Goethe. 85 

sibyllenhaftes Dasein haben bei der unerwarteten Berührung 
jener Vergangenheit eine ganz leidenschaftliche Aufregung 
nicht abzuwenden vermocht. Ich war vergebens bemüht, 
ihr gegen diese Schwäche Trost und Gleichmuth einzu- 
sprechen; die bisher erschienene Entäusserung der welt- 
lichen Persönlichkeit ist plötzlich mit einer allzuängstlichen 
Empfindlichkeit für deren doch höchst verletzlich bewahrtes 
Abbild vertauscht. Sie wünscht vor Allem Ew. Exe. und 
dann Frau von Wolzogen, von der nach jenen falschen 
Angaben misskannt zu werden ihr der unerträglichste 
Schmerz bHebe, von obiger Betheuerung wenigstens benach- 
richtigt. Ich erfülle hiemit gern einen Theil ihres Wunsches 
und stelle gütigem Ermessen und gelegener Stunde anheim, 
was von Weimar aus hierüber ferner an Frau von Wolzogen 
möchte zu befördern sein. 

Herr v. Henning wird Ew. Exe. mündlich das Nähere 
von unsern hiesigen, mehr und mehr zu gesellschaftlicher 
Partheiung entflammten theologischen Streitigkeiten er- 
zählen können. Diese Sachen sind unglücklicher Weise 
ebenso einflussreich als widerwärtig und lassen noch keine 
befriedigende Wendung absehen. Wie aber jedes neue Übel 
auch neue Hülfskräfte weckt, so hat diesmal der brutale 
Eifer seiner bisherigen Freunde den Professor Neander 
zu einer öffentlichen Lossagung von ihnen vermocht, die 
man von dieser Seite nicht besser wünschen kann, und 
Vernunft und Wohlmeinung und Milde finden neue Ver- 
theidiger. Ich für mein Theil möchte mir bei solchen 
argen Händeln, in die man fast mit Gewalt und nicht 
ohne Gefahr hineingezogen v/ird, fast Glück wünschen, von 
ihrem eigentHchen Boden diesmal durch meinen freilich 
schwachen, aber doch gegen die äussere Welt nicht abge- 
legten Katholicismus als durch eine Schranke mehr, ge- 
schieden zu sein! 

44. 

Berlin 16. Apr. 1830. 
. . . Mein Freund Ranke schreibt mir aus Rom : »Die hie- 
sige Kunstausstellung glänzt durch französische, nicht durch 

deutsche Werke. Vernet hat eine Judith in dem Moment, 

6* 



84 Neue Mittheilungen. 



wo sie gegen den schlafenden Holofernes da^ Schwert 
schwingt, gemahlt, welche durch kühne und lebendige 
Auffassung jedermann anzieht. Ich finde, dass es den Deut- 
schen auch an Gegenständen fehlt. Sie mahlen nur das 
hundertmal dagewesene.« Drängt sich dies in Rom auf, so 
lässt sich ähnliches auch hier bemerken, wo auf einer neu- 
lichen Ausstellung durchaus nur Landschaften und Klein- 
gemählde sich auszeichneten. Mit den religiösen Gegen- 
ständen will es den Mahlern nun einmal gar nicht gelingen, 
wie angestrengt sie auch sich bemühen, ihrer Kunst von 
der Religion her beizukommen. 

Noch meldet Ranke, dass eine Gräfin Egloffstein aus 
Weimar in Rom sei, mit deren Gesundheit es sich bessere. 
Vielleicht ist die Kunde dort als eine neue doppelt er- 
freulich. 

45- 
Ew. Excellenz 

freundlich ermuthigende Briefe vom 12. und 16. d., so wie 
das dem letztern beigelegene, mit eigenthümlichem Reiz 
ausdrucksvolle, gnädige Schreiben von Ihro Kaiserlichen 
Hoheit der Frau Grossherzogin, haben mich hochbeglückt! 
Im Empfange solchen Beifalls, solcher Ermunterung, fühl* 
ich mich von einem Lebenshauche angew^eht, der von 
edelsten Geisteshöhen Gesundheit und Kräftigung herüber- 
führt. Meinen Dank und meine Freude über den Gewinn, 
der mir hiebei sichtlich und fühlbar wachsend zuströmt, 
würde ich aber nur unvollständig ausdrücken, ohne zugleich 
die Fülle der Betrachtungen mitzugeben, zu welchen ich 
mich weit über die Gränzen brieflicher Andeutung fort- 
gezogen finde, und in denen ich dem mir Gewordenen 
einen fast unpersönlichen Antheil widmen darf, gestützt 
auf ein Gefühl guten Willens, das auch bei ungünstigem 
Ausfallen im Tröste der Einsicht und der Selbstbescheidung 
fortbesteht. 

Ew. Excellenz überreiche ich endlich hiebeifolgend nun 
auch die Denkwürdigkeiten Erhards, eines Mannes, von 
welchem Sie, wie S. 443 erzählt wird, einst mit ehrender 
Gunst urtheilten, der späterhin mir befreundet wurde, und 



Briefe Varnhagens von Ense an Goethe. 85 

dessen schriftlichen Nachlass herauszugeben mir obliegen 
sollte. Das Buch war, wie das Datum der Zueignung be- 
zeugt, schon vor mehr als einem ganzen Jahre zum Druck 
fertig, und sein Erscheinen bis jetzt nur durch des Hm 
Verlegers Überhäufung mit Geschäften aufgehalten, leider, 
wie ich befürchte, zur Ungunst für mich, da die Biographie 
Zinzendorfs nun früher an's Licht getreten ist, und der 
Einführer eines Freigeists und eines Frommen klüglicher- 
weise mit jenem vorangehen und diesen für den letzten 
Eindruck bewahren sollte ! Nun geschieht es umgekehrt, 
und ich muss der Folgen des Übelstandes gewärtig sein; 
zum Glück ist die Welt voll andrer Beschäftigungen und 
Angelegenheiten, und im Sommer zerstreuen sich alle sonst 
furchtbar richtenden Konventikel in ihren höfischen, mili- 
tairischen, gelehrten und sonstigen Bestandtheilen mehr und 
mehr in's Weite, und die einen ohne die andern vermögen 
nicht viel! Die Billigkeit, mit der eine solche Herausgabe, 
die man eigentlich niemanden ganz recht machen kann, 
beurtheilt zu werden Anspruch macht, wird hoffenthch 
auch noch vieler Orten sich finden lassen. 

Das Buch trägt in seiner Mannigfaltigkeit einen tiefen 
Geschichtsgehalt. Wie hier die Kantische Philosophie gleich 
einer neuen ReUgion und an deren Stelle mächtig in das 
Leben einrückt, und an diesem, wie dieses an ihr, die ver- 
schiedensten Entwickelungen und Endigungen nimt, bietet 
sich als ein Anblick dar, dem einige Betrachtung zuzu- 
wenden nicht gereuen dürfte. . . 

Berlin, den 22. Mai 1830. 

46. 

Ew. Excellenz 

werden mit Recht verwundert sein, schon wieder meine 
Handschrift zu erbUcken, aber ich mache Sie zum Richter, 
ob ich widerstehen kann, Ihnen folgendes anmuthige Be- 
gegniss zu berichten! 

Ich empfange gestern ein Briefblatt von dem Geheimen 
Rath von Kamptz Excellenz, nachstehenden wörtlichen In- 
halts: »Ew. Hochwohlgeboren erlauben mir nach eben vol- 



86 Neue Mittheiluxgen. 



lendeter genuss- und freudenreicher Lesung der AUg. Zei- 
tung einen herzlichen dankbaren Händedruck. Ich bin heute 
auf dem Ministerium und reise morgen früh auf 14 Tage 
nach Stettin, sonst würde ich ihn mir persönlich auf kei- 
nen Fall versagen können. Sie haben mich in eine so freu- 
dige Stimmung versetzt, dass ich, wenn ich Zeit hätte, heute 
Dichter sein könnte. Mit innigster Hochachtung gehor- 
samst V. Kamptz.« 

Verwundert und befremdet, welche Verknüpfung Hr. 
von Kamptz hiemit zwischen mir und der Allg. Zeitung 
voraussetzen will, und mir auch nicht entfernten Anlasses 
bewusst, den ich in solcher Art gegeben hätte, vermuth* 
ich ein Missverständniss, eine Irrung in der Aufschrift an 
mich, oder wenigstens in Nennung des Zeitblattes, wie- 
wohl ich mir auch nicht denken kann, was grade von mei- 
nen Sachen den mir zwar sehr freundgesinnten, aber nicht 
eben dichterisch aufstrebenden Rechtsgelehrten und Staats- 
mann so bewegen soll. Ich eile daher, mir persönlich Auf- 
klärung zu verschaffen. 

Da findet sich denn, dass allerdings das Blatt mir be- 
stimmt und die Nennung der Allg. Zeitung ebenfalls rich- 
tig ist; Hr. von Kamptz hat in der Beilage zum genannten 
Blatte vom 30. April den Artikel aus Berlin, durch welchen 
der Aufsatz der Kirchenzeitung über Goethe's und Schillers 
Briefwechsel ernst und scharf abgefertigt wird, mit Ent- 
zücken gelesen, und sogleich dabei vorausgesetzt, — hier 
beginnt nun der Irrthum — , ich müsse der Verfasser sein ! 
In dieser Voraussetzung schreibt er jene Zeilen, und will 
sogar meine Verneinung so wenig gelten lassen, dass ich 
sie, um ihr Glauben zu bewirken, erst mit meinem Ehren- 
worte zu bekräftigen habe! Aber wer ist denn der Ver- 
fasser? Wir rathen her und hin, doch keine Vermuthung will 
sich darbieten; es bleibt uns endlich nur übrig, uns des 
gewissen Ergebnisses zu freuen, dass wir den uns schon 
bekannten Streitern für diese Sache und für den Namen 
Goethe auch noch unbekannte, und so tüchtige, in unsrer 
Stadt beizählen können. Ich aber darf mich wohl für ent- 
schuldigt halten, dass ich, durch ein solches Beispiel eines 
Älteren fortgerissen, als ein Jüngerer mir nicht versage. 



Briefe Varnhagens von Ense an Goethe. 87 

Hrn von Kamptz um die Erlaubniss zu bitten, den artigen 
Vorgang an Ew. Excellenz zu schreiben, damit Ihnen dar- 
aus noch mehr ersichtlich werde, wie lebhaft, und von 
w^elchen unverhofften Seiten her, Ihrer »gegen die obscuren 
Kutten« in so gutem Sinne hier gedacht wird. 

Auch um des Hrn von Kamptz willen fühl' ich mich 
dies zu thun beeifert, damit der in früherer Stellung von 
vielen nachtheiligen Streiflichtern getroffene, im Parthei- 
streit über Gebühr verunglimpfte, aber im Ganzen aufrich- 
tig und wohlwollend wirkende Mann in seinen verdienten 
Ehren nicht verkürzt bleibe. In der That ist es erfreulich, 
diese Wendungen der Ge§chichts- und Lebensverlaufe zu 
sehen, wo das befürchtete Schlimme zum unerwarteten 
Guten, das vermeinte Obscure und Ultraistische auf einmal 
hell und liberal wird! 

Vermag dies Blatt Ew. Excellenz einen Augenblick ern- 
ster Betrachtung angenehm zu erheitern, so ist mir des vor- 
gefallenen »Irrthums Gewinn« reichlich zu Theil geworden ! 

Berlin, den 23. Mai 1830. 



47. 

Berlin, 25. Sept. 1830. 
Ew. Excellenz 

haben wir Alle, Herausgeber und Leser,, den innigsten 
Dank abzustatten für die reichen und schönen Beiträge, 
welche Sie neuerdings unsern Jahrbüchern zugewendet haben 
und für uns so hocherfreuend ferner zusagen! Darf ich 
mir erlauben, hier über Sachen, deren die eine, streng 
genommen, mir fremd heissen, die andre aber gewisser- 
massen als eigne mir Schweigen auferlegen könnte, ur- 
theilend einzureden, so möchte ich sagen, der Aufsatz über 
die Streitigkeit der beiden französischen Naturgelehrten 
erhebt und beugt, denn es regt neben der Bewunderung 
eine Art Beschämung auf, zu sehen, wie über diese Gegen- 
stände mit höherer Einsicht und in grösserem Zusammen- 
hang gesprochen werden kann und dann zurückzublicken, 
mit welchem geringen Sinn und in welcher dumpfen Be- 
schränkung gewöhnlich darüber gesprochen wird! Ich 



o8 Neue Mittheiluxgek, 



glaube dieser Aufsatz mit seiner verheissenen Fortsetzung 
wird unter vielerlei Murren von Widersachern doch an 
diesen selbst seine leitende Kraft und Einwirkung darthun. — 

Was die andre Anzeige, die des werthvoUen Reise- 
buchs, in gewissem Sinn zu meiner eignen Sache macht, 
werden E. E. aus den gedruckten Blättern ersehen, welche 
hier beiliegen. Möchte nur diese Nebeneinanderstellung, 
die sich uns aufnöthigte, auch von Ihnen gütig genehmigt 
und als keinerlei Anmassung angesehen werden! Gewiss 
darf es mir zur Ehre gereichen, ein solches Erstlingsbuch 
gleichzeitig mit Ihnen in seinem Werthe aufgefunden und 
geschildert zu haben, aber ich täusche mich nicht über 
die Gefahren einer solchen Gemeinschaft, in der hervor- 
zutreten eine für jedermann zu starke Prüfung ist. Könnte 
anerkennendes Sichbescheiden je demüthigen, so müsste 
ich es jetzt wahrlich sehr sein, wenn ich vergleiche, wie 
glücklich, sicher, anmuthig und rein die kürzere Anzeige 
den vollen Kern des Buches mühelos hervorgewendet hat, 
den die längere mit vieler umständlichen Sorgfalt nur 
stückweise herauszuschälen vermochte. Nur durch die 
Freude der Bewunderung und durch das, was ich an solchem 
Beispiele gelernt habe, bin ich für allen Nachtheil, den mir 
sonst die Vergleichung bringen muss, entschädigt! 

Ich hatte früher mir vorgenommen, mit meiner ab- 
gedruckten Rezension das Buch selber, von dem ich nicht 
voraussetzte, dass es schon bekannt sei, E. E. zu über- 
senden und mir zu diesem Behuf ein Exemplar ausgebeten, 
erhielt aber vorläufig diese Zeilen erwiedert : »Verehrtester 
Freund, ich erschrecke doch ein wenig vor Ihrem Gedanken, 
diese unbedeutenden Briefe Goethen der meiner armen 
Seele in diesem Augenblick wie der unerbittliche Rhada- 
manth erscheint, vorlegen zu wollen. -- Er ist solchen 
freien Ergiessungen des Augenblicks ohne Kunst und ohne 
Plan nicht günstig und ich kann mir, wenn er so geringer 
Erzeugung überhaupt seine Aufmerksamkeit schenkt, sein 
Urtheil schon aus seiner Korrespondenz im voraus wörtlich 
abschreiben. Ja, das geschah bereits in meinem Tagebuch 
und hier ist es: »Geistreich und unterhaltend, aber leider 
leichtsinnig, dilettantisch, mitunter hasenfüssig und phan- 



Briefe Varnhagens von Ense an Goethe. 89 



tastisch.« Viel besser wird es mir nicht gehen, wo noch 
so gut. — Indessen wer einmal die Schwachheit hatte, 
sich drucken zu lassen, muss sich allem unterwerfen und 
selbst ein Tadel Goethe's ist noch ehrenvoll, wie man 
dem lieben Gbtt auch für die Züchtigung dankt. — Übrigens 
kenne ich den hohen Greis — und die ersten noch fehlenden 
Bände meiner Eitelkeitssünde enthalten mehr von ihm.« 
Urtheilen E. Exe. nun, wie glückHch und strahlend zu 
diesen Gesinnungen und Absichten plötzlich Ihr von selbst 
gekommenes, günstiges und öffentliches Wort hinzutrat! 
Ich bedaure nur, dass ich hier nicht weiter reden, und 
den Verfasser, gegebenem Wort gemäss, noch nicht aus- 
drückUch nennen darf, wozu für jetzt die Erlaubniss ihm 
abzudringen auch die Entfernung nicht gestatten will. 
Durch die zu erwartenden andern Theile, in denen auch 
ein Besuch in Weimar vorkommen muss, werden aber die 
Zeichen sich genug vervielfältigen und verdeutUchen, um 
in diesem Betreff nichts Räthselhaftes für E. E. mehr übrig 
zu lassen. Auch mich haben Umstände, die nicht zu be- 
seitigen waren, früher in's Vertrauen gezogen als der gute 
Wille des Verfassers sich dazu entschlossen hätte, und 
ich kann ihm seine Zurückhaltung, die ihm besonders 
einen Schritt förmlichen Sichdazubekennens untersagt, nicht 
verargen. — 

Wir haben jetzt hier unsre von zwei zu zwei Jahren 
sich erneuende Kunstausstellung. Der Trieb des Publikums 
aus allen Klassen zu diesen Sachen ist ausserordentHch, 
und steigert sich immerfort. In Vergleich dieses Eifers 
find' ich die Künstler selber mit ihren Leistungen fast im 
Rückstand; bei vielem Guten und Wackern will doch in 
der Mahlerei das Vortreffliche sehr mangeln, und nur in 
der Bildhauerkunst noch öfter durchdringen. Neben Thor- 
waldsens und Rauchs Arbeiten glänzt eine herrliche Büste 
Hegels von Wichmann. Unter den Mahlern scheint keiner 
den Bildern von Magnus den Preis streitig machen zu 
können. Die Gräuel des Dilettantismus zeigen sich auf 
den Gipfel getrieben in einem Gemähide von der Hand 
der Frau Ministerin von Schuckmann, vorstellend die grün- 
liche Büste ihres Gatten, die dem röthlichen Innern einer 



90 Neue Mittheilungen. 



Ungeheuern Muschel, wie ein Licht seinem Reverbere an- 
gefügt ist. 

Der Hr. Minister von Humboldt wird seinen abge- 
druckten Aufsatz über Rom und Goethe bereits selbst über- 
sandt haben; die von ihm ausgesprochenen Bemerkungen, in 
denen man nur einige Wiederholungen finden will, die sich 
bei nochmaligem Handanlegen hätten zusammendrängen 
lassen, werden allgemein mit Interesse und Beifall gelesen. 
Es ist Schade, dass er nicht öfter solche Gegenstände be- 
handelt. Die Wintermusse in Tegel scheint aber mehr als 
je den strengen sprachwissenschaftlichen Untersuchungen 
bestimmt zu sein. Über die ihm widerfahrne neue Ehren- 
auszeichnung durch den schwarzen Adlerorden und seine 
Wiederberufung in den Staatsrath freuen sich alle Wohl- 
gesinnten. 

Hr. Alexander von Humboldt reist in diesen Tagen 
nach Paris und wird wohl den Winter dort bleiben. Er 
verlangte, schon abschiednehmend, noch eifrigst nach den 
Blättern unsrer Jahrbücher, welche die Anzeige über Cuvier 
und Geoffroy de St. Hilaire enthalten, mit Ungeduld, viel- 
leicht auch mit besorglicher Unruhe, wie einer, der nächstens 
unsre deutsche Einmischung in diese französischen Ange- 
legenheiten an Ort und Stelle zu vertreten haben wird, 
und nun vor allem wissen will, wiefern diese Aufgabe ihm 
durch das bereits Dargelegte sauer oder leicht gemacht 
worden. 

An politischen Stürmen dürfte es in den nächsten 
Jahren nicht fehlen; w^ir wollen aber hoffen, sie glücklich 
zu überstehen, und uns so wenig als möglich in den 
geistigen Bestrebungen hindern lassen, welche auch auf die 
Staatsbewegungen ordnend und mässigend zurückwirken. 
Von welchen schauderhaften Erscheinungen würden nicht 
im Anfange des achtzehnten oder im Laufe des siebzehnten 
Jahrhunderts solche überall in Deutschland aufzuckende 
Volksentflammungen begleitet gewesen sein, die jetzt im 
neunzehnten, bei unsrer auf Literatur gegründeten und 
durch sie verbreiteten Bildung, in der grössten und ent- 
scheidendsten Gewaltsamkeit noch die Gräuel der äussersten 
Rohheit und thierischen Leidenschaft vermeiden konnten ! — 



Briefe Varnhagens von Ense an Goethe. 9^ 

48. 

Berlin 16 Nov. 1830 
Wir empfangen durch öffentliche Blätter die Kunde 
eines Trauerfalls, der uns hart bestürzt und mit tiefem 
Leid erfüllt. Der grosse unerwartete Verlust, welchen Ew. 
Excellenz erlitten haben, betrifft auch uns wie der eines 
Verwandten und Freundes, denn alles, was Ihnen angehört, 
durften wir während langen Lebenslaufes so fühlen und 
hegen. Und doch, bei diesem regsten Antheil, bei solchem 
innigsten Mitgefühl, was können wir thun und sagen ! Wer 
darf sich unterstehen, einem Manne wie Ihnen, in solcher 
Lage, von Schmerz und Tröstung zu sprechen, Ihnen dar- 
bieten zu wollen, was in Ihnen selbst in üppigster Fülle, 
in solchem Überflusse lebt, dass eine Welt mitlebender 
und nachfolgender Geschlechter aus diesem Quell mitge- 
tränkt wird. Nein, wir haben ihnen keinen Trost zu bringen, 
den Sie nicht hätten, keine Betrachtung, keinen Spruch, 
die nicht schon von Ihnen kämen. Das Verhältniss steht 
so, dass wir auch die Linderung selbst, welche wir für 
uns begehren, noch von daher empfangen müssten, wohin 
wir sie geben möchten. — 

Ich sah meine Frau bei der Ankündigung dieses Un- 
glücks starr verstummen ; in ihr lebt jeder Schmerz erhöht. 
Ich war bei Hegel; erschüttert vernahm er die Botschaft, 
sprach lieb- und achtungsvoll von dem Dahingeschiedenen, 
schön und geistig über dessen kindliches Verhältniss, ernst 
und würdig über den hohen Vater; in diesem die Erhaben- 
heit dem Schmerze gleichwägend sagte er mit schwerem 
Ernste: y>Er ist zu allem entschlossen (anstatt des gewöhn- 
lichen auf alles gefasst) er wird mit allem fertig, ist er es 
doch mit sich geworden, das war wohl die grösste Auf- 
gabe, da die stärksten Gewalten !« 

Das hört sich für uns herrlich an, doch was ist dies 
jetzt für ihn selbst! Wir empfinden die Armuth jedes Ge- 
dankens, wir wissen keinen Trost auszusprechen. Aber wir 
wollen mit da sein in solchem Augenblicke, wir wollen 
mit unsrer Theilnahme, unsrer Belästigung wenn es nicht 
anders ist, uns herzudrängen, dass das Auge auf Befreundete 
treffe, auf Mittrauernde; in solchem Antriebe sind diese 



92 Neue Mm-HEiLCSGEX. 



Zeilen Ihnen gewidmet. Können wir in irgend einer Rich- 
tung den Wünschen Ew. Excellenz entsprechen, irgend 
Aufträge erfüllen, Thätigkeiten ausüben, so befehlen Sie ! 
Ohne in dieser Art etwas näheres im voraus zu meinen, 
möchten wir überhaupt unsre willige Beeiferung nur an- 
deuten ! 

Gott stärke Ew. Exe. mit Kraft und Wohlsein, und 
lasse Sie auf neuer Stufe des Lebens und der Erfahrung 
auch neue Lebenstiefen und Geisteshöhen finden, wie immer! 

Wir grüssen tiefbetrübt die theuren Hinterlassenen mit 
allem heissesten Antheil, dem fernere Worte zu geben 
nicht möglich ist. 

Namens meiner Frau und meiner selbst Ew. Excellenz 
diesen Ausdruck ewiger Gesinnungen der Verehrung und 
Liebe zuwendend verharr* ich in Zuversicht und Treue 

tiefergeben 

K. A. Varnhagen von Ense. 



49- 

Berlin lo Aug 183 1 

.... Heute muss ich verdoppelte Nachsicht ansprechen, 
indem ich die beifolgenden Blätter einsende, denn sie ent- 
halten eine verspätete Anzeige der Tag- und Jahreshefte, 
denen schon lange Zeit eine solche von andrer Hand zu- 
gedacht war, und nur in Ermanglung jetzt die meinige zu 
Theil geworden ist. Dass ich in dieser Beziehung so oft 
das Wort nahm, dürfte mir leicht als eine Anmasslichkeit 
ausgelegt werden, doch will ich lieber diesen Schein dulden, 
als es an dem guten Willen fehlen lassen, dessen ich mir 
dabei einzig bewusst bin, und auf den diesmal die Societät 
für wissenschaftliche Kritik ausdrücklich rechnen wollte. 

Ich lege noch ein Blatt bei, welches einige Worte über 
die Reisebemerkungen eines Nordamerikaners enthält, so 
wie ein ferneres, das einen persönlichen Handel zwischen 
mir und dem Historiker Schlosser in Heidelberg betrifft. 
Ich habe mit dem Freund gewesenen Feinde scharf sein 
müssen, zu meinem Leidwesen, aber seine Unarten wurden 
allzu böslich. Doch möchte ich Ew. Excellenz keineswegs 



Briefe Varnhagens von Ense an Goethe. 93 

verleiten, diese Streitverhandlung auch nur anzublicken; nur 
für den Fall, dass anders woher schon einige Kunde davon 
gekommen oder gar nachtheiliger Zweifel erweckt wäre, 
wünschte ich dieses Aktenstück zu meiner Vertheidigung 
auch ein wenig beachtet. Demselben Gegner hat Heeren 
in Göttingen durch ein besonderes Schriftchen auf ähnliche 
Angriffe mit gleichem Unwillen geantwortet. 

Um von Erfreulicherem zu reden, so melde ich, dass 
die von Eugen Neureuther zu ßaierischen Liedern gezeich- 
neten Bilder, deren E. E. bereits im vorigen Jahre erwähnten, 
erst jetzt hieher gelangt sind. Es wäre so schön als er- 
wünscht, wenn über diese merkwürdigen Gebilde ein gutes 
Wort, wie uns damals die Hoffnung dazu erlaubt wurde, 
in den Jahrbüchern erschiene. 

Was uns fernerhin über den naturwissenschaftlichen 
Streit in Frankreich von E. E. Hand zukommen möchte, 
würde uns hochwillkommen sein. Die Franzosen nehmen 
solchen Antheil mit Lebhaftigkeit zu neuer Verarbeitung 
auf, und die Deutschen müssen ihn wirksam fühlen, auch 
wenn sie sich widerwärtig dabei anstellen. 

In den Zerrüttungen der Staaten, unter den Leiden- 
schaften der Völker und bei den Verlegenheiten der Regie- 
rungen hat die wissenschaftliche und künstlerische Sache 
jetzt mancherlei Prüfung zu bestehen, mit Vernachlässigung 
und Mangel zu kämpfen, und manches bloss Angelehnte 
nicht gradauf in sich selbst Gegründete dürfte fallen; indess 
wird diese Prüfung von vielem glücklich überstanden werden, 
und sie selbst nicht allzu lange Dauer haben, am wenigsten 
aber scheint eine Zeit allgemeinen Unterganges und herr- 
schender Barbarei zu fürchten, da ja doch alle Bewegungen, 
selbst die augenblicklich störendsten, im Ganzen nicht anders 
als mit Bedürfniss und Anerkennung eines geistigen Fort- 
schreitens und zum Theil sogar ausdrücklich in dessen 
Sinne statt finden. 

Ich weiss nicht sicher, ob ich die Spanische Beilage 
nicht schon einmal einem Briefe beigefügt; würde sie ge- 
eignet gefunden, so möchte sie gern im wiederbeginnenden 
Chaos niedergelegt werden. In jedem Fall wünschen wir, 
meine Frau und ich, diesen Anlass zu benutzen, um an 



94 Neue Mittheilungen. 



Frau von Goethe, die liebenswürdige Anordnerin und Be- 
schützerin, den Ausdruck unserer zueignungsvollen Ver- 
ehrung gelangen zu lassen, sowie die Versicherung, dass 
wir eifrig Bedacht nehmen werden, dem Chaos zuzuwenden, 
was uns dafür Angemessenes irgend entstehen oder be- 
gegnen wird ! Ich selbst freilich darf bei einem Blick auf 
meine jetzt aufdringlichsten Arbeiten und Stimmungen nur 
schüchtern im Zusagen sein. Das an Hrn. und Mad. Robert 
gerichtete Blatt von Frau von Goethe, durch Hrn von 
Holtei eingegangen, wird mit nächster Post nach Baden 
nachgesandt, wohin beide kürzlich mit raschem Entschlüsse 
abgereist sind. 

Wir sehen hier mit zunehmender Fassung den Übeln 
entgegen, die uns von Osten bedrohen, und zwar langsam, 
aber doch schrittweise näher kommen. Die Hoffnung eines 
natürlichen Stillstandes, so wie die einer kunstkräftigen 
Abwehr, sind uns noch nicht verschwunden, übrigens wird 
auch gegen den möglichen Einbruch gute Vorkehr zum 
Kampf an Ort und Stelle getroffen. Ich für mein Theil 
habe so gut wue gar keine Apprehension. 

50. 

Berlin 5. Dez. 183 1. 

Ich sage nichts von dem grossen Verluste, den wur 
hier erlitten haben. Seit Hegel nicht mehr da ist, fühlt 
man erst recht, welchen Raum er ausfüllte, und wie er 
wirkte. Ohne solche energische Concentration in dem 
Haupt und der Hand einzelner Regenten laufen die Wissen- 
schaften verworren auseinander und rebelliren gegen ihre 
nächsten Vorsteher, die ihre thörichte Freude, einer lästigen 
Aufsicht losgeworden zu sein, alsbald zu büssen haben. 
Man betreibt mit Eifer das Unternehmen einer Ausgabe 
der sämmtlichen Schriften Hegels, wozu auch noch mancher 
Entwurf, der bisher bloss zu Vorlesungen gedient, schick- 
lich bearbeitet wird. 

51. 

Berlin, 28. Dez. 183 1. 

... Ich lese oft und viel in den Wanderjahren, wo 

ich immer neues Leben finde, das unmittelbar meinen 



Briefe Varnhagens von Ense an Goethe. 95 

• 
Tagen zu Nutz und Frommen gereicht. Schon lange geht 
mir das Buch über Roman und Dichtung weit hinaus. 
Jetzt will sich mir der St. Simonismus damit in Beziehung 
setzen. Diese merkwürdige Französische Gestalt, deren 
Wesen, wie mich dünkt, länger wirken wird, als die einst- 
weilige fratzenhafte Hülle, wird unfehlbar auch bei uns 
eindringen und da wäre es wohl der Mühe werth, genau 
zu scheiden und zu vergleichen, welche Keime zu analoger 
Lehre und Übung bereits in den Wanderjahren nieder- 
gelegt sind, und in welch verschiedenem Sinne daselbst 
ihre Entwickelung angedeutet ist. Auch Pestalozzi und 
sogar Zinzendorf kommen bei diesem Thema in Betracht. 
Wenn man doch nur in Frankreich möglich fände, von 
Seiten der Regierung sich jedes gewaltsamen Einschreitens 
in dieser Sache zu enthalten! Verfolgung und Märtyrthum 
könnten die unheilvollsten Entflammungen bewirken! 



ANMERKUNGEN DES HERAUSGEBERS. 

Die drei Gruppen von Briefen, welche im Vorstehenden 
mitgetheilt sind, stehen unter einander in ziemlich naher Ver- 
bindung. Die beiden Briefschreiberinnen waren Schwestern, 
sie stammten aus Berlin, gehörten einer Stadt und einem 
Gesellschaftskreise an, mit dem Varnhagen von Ense aufs 
Engste verknüpft war. Eine noch engere Verbindung existirt 
zwischen Varnhagens Briefen und denen der Schwestern da- 
durch, dass Varnhagen, der als eifriger Sammler literarischer 
Reliquien aus Berliner und Nichtberliner Kreisen die an die 
beiden Schwestern gerichteten Briefe Goethes an sich gebracht 
hatte, diese herausgab und beiden Frauen durch kurze Biogra- 
phien ein Denkmal setzte. 

Sara und Marianne Meyer waren die Töchter eines reichen 
jüdischen Kaufmannes in Berlin. Durch ihre Geburt, ihre dar- 
aus resultirende sociale Stellung, sowie durch ihre Heimath 
stehen sie in einem eigenartigen Gegensatz zu den beiden 
Frauen, deren Briefe an Goethe im vorigen Bande veröffent- 
licht wurden. Von diesen lebte die eine in behäbigen alt- 
städtischen Verhältnissen, in einem Kreise, in dem Goethes 
Name wie der eines vertrauten Freundes genannt wurde, als 
Mitwisserin seines Lebens undThuns. Die andere, schwärmerisch, 
unruhig, im Leben umhergeworfen, aus glänzenden Verhält- 
nissen in unsichere, später in trostlose versetzt, gehörte zwar 
niemals zu Goethes Intimen, war aber seit der leidenschaft- 



96 Neue Mittheilungex. 



liehen Anlehnung an Schiller des Lebens in literarischen 
Cirkeln gewohnt. Statt dieser altgefesteten Verhältnisse, statt 
dieser durch Generationen ererbten Bildung lebten die 
Schwestern, die diesmal zum Worte kommen, in unsicheren 
Zuständen, zwar in grossem, aber sehr jungem Wohlstande. 
Die Berliner Juden waren, wie alle ihre Glaubensgenossen, im 
preussischen Staat, nur geduldet, auf den Handel angewiesen, 
der sie bereicherte, ihnen aber keine gesetzlich anerkannte 
Stellung gab; sie konnten sich nur auf eigene Hand Bildung 
erwerben, hatten aber keine Gelegenheit diese in einem Staats- 
' berufe zu verwerthen, sie machten ein Haus aus, versammelten 
in ihren Sälen Männer der Geburts- und Geistesaristokratie» 
waren aber von diesen durch eine starke Schranke getrennt. 
Die Frauen, welche diese Schranke durchbrachen, indem sie 
das Christenthum annahmen, kamen in eine schiefe Stellung, 
wurden von ihren früheren Glaubensgenossen verachtet und 
von ihren späteren nicht für voll angesehen. Aus solch schiefer 
Stellung sich zu befreien, wählten sie die unpassendsten Mittel : 
bescheidenen geordneten Verhältnissen zogen sie prunkvolle 
vor und scheuten vor unregelmässigen nicht zurück, statt 
sich im Verborgenen zu halten und durch stilles Wirken die 
Welt zur Anerkennung ihres Werthes zu zwingen, drängten 
sie sich mit Absichtlichkeit vor und heischten Lob und Be- 
wunderung. 

Marianne war die schönere, begabtere und begehrtere. 
Nach der Erzählung der Henriette Herz (Erinnerungen, 
Berlin 1850, S. 142 ff.) bemühte sich Graf Gessler, der 
sächsische Gesandte am preussischen Hofe, der später durch 
seine nahe Beziehung zu Gh. G. Körner auch den W^eimarer 
Grössen zugeführt wurde, um ihre Liebe und hatte nur nicht 
den Muth ihre Hand zu verlangen. An seine Stelle trat der 
jugendliche Graf Christian Bernstorff (geb. 1769), von 1791 
bis 1794 dänischer Gesandter in Berlin, der Marianne wahr- 
haft liebte, mit Rücksicht auf seinen Vater den dänischen 
Minister Andreas Gh. B. von der Verbindung abstand, nach 
dessen Tode aber (1797) oder nach dessen Gesinnungsänderung 
die Geliebte heimführen wollte. Der Brief, der Solches meldete, 
soll am Morgen der Verehelichung Mariannens mit dem 
Prinzen Reuss eingetroffen sein. 

Der Gatte war Fürst Heinrich XIV. (weder der 11. noch 
der 43.) von Reuss, Graf und Herr von Plauen. (Vgl. Hüffer 
im G. J. IV, 86.) Er war ein älterer sehr hässlicher Mann, 
nicht ohne Geist, ein Bewunderer ihrer Schönheit. Er lebte 
seit 1785 als Österreichischer Gesandter in Berlin und starb das. 
12. Febr. 1799. Erwarschon vor Mariannen mit Goethe bekannt; 
ihm, der in Begleitung des Königs Friedrich W^ilhelm III. an 
dem Feldzuge gegen Frankreich theilnahm, setzte der Dichter 



Anmerkungen des Herausgebers. 97 

in der Nacht vom 11. Aug. zum i. Sept. 1792 die Farben- 
lehre auseinander. (»Campagne in Frankreich«, Hempel 25, 
34 fg.) H. Hüffers Güte verdanke ich folgende archivalische 
Nachrichten. 

»Am 15. Februar 1799 äussert das preuss. Ministerium in 
einem Schreiben an den Gesandten in Wien, den Grafen 
Keller, Reuss würde schwerlich einen so loyalen Nachfolger 
erhalten. Am 27. Februar schreibt Keller dem Ministerium: 
Demoiselle Mayer, welche heimlich mit dem Fürsten Reuss 
vermählt gewesen sei, könne, wie man sage, in Wien eine 
Pension von 800 — 1000 Florin in Anspruch nehmen. Das 
kann bedeuten, dass Marianne durch Berichte oder durch 
ihre Wirksamkeit in Berlin sich dem österreichischen Hofe 
nützlich gemacht habe.« 

Die Ehe war eine heimliche. Marianne wohnte nicht 
im Hause des Gatten, behielt ihren Mädchennamen bei, wurde 
aber überall als Frau des Gesandten betrachtet. Nach seinem 
Tode nahm sie den Namen einer Frau von Eybenberg an 
und lebte, vielleicht der erwähnten Pension wegen, meist in 
Wien. Dort starb sie nach langen Leiden und mancherlei 
um die väterliche Erbschaft geführten Prozessen im J. 181 2. 

Trauriger war das Schicksal ihrer älteren Schwester Sara. 
Diese war weniger hübsch und weniger begabt als jene, besass 
geringere Widerstandskraft gegen das Geschick und gegen 
den fest ausgesprochenen Willen ihrer Eltern. Einem Liebes- 
handel, den sie fast noch als Kind hatte, entsagte sie, um 
kaum 15 Jahre alt die Gattin eines ungeliebten Mannes, des 
Kaufmanns Lipmann Wulff in Berlin zu werden ; nach mehreren 
Jahren einer unglücklichen Ehe wurde sie durch den Tod 
des Gatten frei. Sie war sehr eitel, krankhaft erregt, so sehr, 
dass die Erregung einmal in geistige Gestörtheit überging. 
Im J. 1797 heirathete sie einen seit langer Zeit geHebten, 
durch Verhältnisse von ihr ferngehaltenen Mann, den Baron 
von Grotthuss. Von diesem ihrem Gatten weiss man nichts 
weiter, als dass er preussischer Offizier, nach dem Austritt 
aus der Armee Gutsbesitzer und später, nach Verlust seines 
Vermögens, Postmeister in Oranienburg war. Mit dem »aben- 
teuerlichen Grothus« (richtiger A. F. J. von Grothaus 1747 
bis 1801) dessen Bekanntschaft Goethe 1779 machte und den er 
als »edle, brave, reine Figur« characlerisirte (Briefe an Frau 
V. Stein T, 179, 449), mit dem Knebel 1785 in Carlsbad zu- 
sammen war (a. a. O. II, 606) und dessen Goethe in der 
»Campagne« gedenkt (Hempel 25, 31 fg.), ist dieser bei 
weitem jüngere »livländische Baron« nicht zu verwechseln. 
(G.-J. IV, 86.) 

Ihre Ehe war im Ganzen eine glückliche, obwol es in 
ihr nicht an schweren Zwistigkeiten fehlte, die beiden Gatten 

Goethe-Jahrbuch XIV. 7 



98 Neue Mittheilukgen. 



einmal den Gedanken an Scheidung nahe legten. Im Ganzen 
scheint der Mann hinter der geisteskräftigeren Frau zurtick- 
getreten zu sein. Auch nach Beendigung der häuslichen 
Wirren fehlten im Leben der Frau nicht schwere Trübsal und 
Prüfungen: Krankheiten, Geldverluste, Prozesse suchten das 
Leben der Frau heim, die an Thäligkeit, Spenden und Ruhe 
ihre Freude hatte. Sie starb in Oranienburg im J. 1828. 

Trotz ihrer aufregenden, theilweise sehr traurigen Schick- 
sale waren beide Schwestern lebenslustig, vergnügungssüchtig 
und wurden von Verehrern umschwärmt. Mariannens Schön- 
heit und Eleganz wurde selbst von denen, die ihren Geist 
nicht gelten lassen wollten, anerkannt. »Frau von Eybenberg 
ist umringt von Verehrern und trägt diese dafür auf den 
Händen.« Mit diesen Worten characterisirte Goethe treffend 
(26. Aug. 18 10, Gespräche II, 326) ihr Anlehnungsbedürfniss 
und ihre Sucht einen Hofstaat um sich zu versammeln. Die 
Schwärmerei, die wenigstens in der Jugendzeit um die 
Schwestern herum herrschte, skizzirte Zelter etwas derber, 
aber gewiss nicht minder richtig, durch die Bemerkung (Briefw. 
mit Goethe III, 445, 16. Aug. 1824): »Frau von Grothuis eine 
vierzigjährige Bekanntschaft wird sich selber empfehlen. Lieber 
Gott ! sie transit — es war ein hübsches Wesen. Unser waren 
viele und ich bin davon gelaufen weil ich das Schmachten 
nicht aushalte.« 

Beide Frauen waren weder so übermässig geistvoll, wie 
ihre Stadt- und Glaubensgenossin Rahel Levin, noch fähig 
oder gewillt mit Sitte und Tradition so rücksichtslos zu brechen, 
wie ihre andere Gefährtin Dorothea Veit. Aber noch weniger 
waren sie völlig geistlos oder zimperlich. Was ihnen eben 
ihren Rang in der Gesellschaft gab, das war Empfänglichkeit 
für Wissen und Geist, Geschicklichkeit und Feinheit in der 
Bewegung, mit einem Anflug von Coquetterie, die Männern 
so wohl gefällt und die fern von Begehrlichkeit und Sinnen - 
lust doch Jungen und Alten wie eine Verheissung erscheint. 
Sie waren weder so vornehm zurückhaltend wie Rahel, die, 
wenn auch ihr ganzes Wesen zitternd sich danach sehnte, 
mit dem Meister in Verbindung zu treten, doch es nicht über 
sich brachte, an ihn zu schreiben, aus Furcht von ihm ver- 
kannt oder zurückgestossen zu werden, noch so selbstbewusst 
und critisch wie Dorothea, die sich nie völlig gefangen gab, 
vielmehr sich und ihren Geliebten stets als eine Macht an- 
sah, die ebenbürtig neben oder über Goethe stand. Aber 
dabei waren sie weder aufdringlich im hässlichen Sinne des 
Wortes noch geistig völlig unfähig. Man mag ihnen schon 
zutrauen, dass sie keine feinen Stilunterschiede kannten, daher 
wol im Stande waren, Klingersche Werke Goethe zuzu- 
schreiben; dass ihnen die Fähigkeit abging. Bedeutendes von 



Anmerkungen des Herausgebers. 99 

Unbedeutendem zu sichten, so dass Frau Sara mit weiblich- 
schwacher Milde ein gutes Wort für Böttiger einlegte und 
dafür von dem Meister die Zurechtweisung empfing: »Liebes 
Kind! es ist ganz wahr: er brauchte gar kein Lump zu sein, 
wenn er nicht wollte« (Gespräche III, 77). Aber es ist 
undenkbar, dass die Letztgenannte die unerhörte Tactlosig- 
keit begangen haben soll, Goethe in einem fremden Hause, 
dem des Malers Kügelgen zu überfallen, ihn, ohne auf die 
Wirthin des Hauses zu achten, mit Reden und Freudenbe- 
zeugungen zu überschütten (Gespräche III, 78 fg., vgl. Register 
IX, 18, wo Biedermann selbst ein Fragezeichen setzt). Der 
also Zudringlichen geschah ganz recht, dass Goethe immer 
zurückhaltender, schliesslich eiskalt wurde, die Eingedrungene 
auf die Ungehörigkeit ihres Benehmens durch Hinweis auf 
Frau von Kügelgen aufmerksam machte und sich lautlos ent- 
fernte. — Frau Sara, die bei aller ihrer Goetheschwärmerei 
ein gut Theil natürlichen Tact besass, wäre einer solch groben 
Unart nicht fähig gewesen und auch von Goethes Seite nicht 
Opfer einer derartigen Zurechtweisung geworden. 

Was beide Schwestern an Goethe, mit dem sie zufällig 
während eines Badeaufenthalts zusammentrafen, in erster 
Linie fesselte, war, dass er ein berühmter, schöner, gesell- 
schaftlich hochstehender Mann war. Doch trat eine selbstän- 
dige Erkenntniss und Schätzung seiner Bedeutung hinzu. Denn 
zu einem Anschluss an Goethe gehörte damals ein gewisser 
Muth. In den neunziger Jahren war zu Berlin die antigoethische 
Stimmung gewiss stärker als die goethische. Die heftige Art, 
mit der in den Xenien grade die Berliner literarischen Kreise 
getroffen wurden, lehrt die auf beiden Seiten herrschende 
Verstimmung deutlich kennen. Grade auf dieses Strafgericht 
folgte die Besinnung. Eine solche herbeigeführt, Berlin lang- 
sam aber endgiltig für Goethe erobert zu haben, ist das Ver- 
dienst der Romantiker und der Frauen. ' Ein Theilchen dieses 
Verdienstes dürfen sich die beiden Schwestern zuschreiben. 



' Der Umschwung, der sich um die Wende des 18. u. 19. Jahrh. 
in der Stimmung der Berliner gegen Goethe vollzog, wird richtig, 
wenn auch in einer Goethe feindlicnen Weise gekennzeichnet hei Jul. 
v. Voss, Beleuchtung der vertrauten Briefe des Herrn Reichardt, Berlin 
1804 S. 141 fg. Vgl. auch den Brief der Frid. Unzelmann an Goethe 
(Apr. 1801, Deutscne Dichtung ed. Franzos, i. Okt. 1890, S. 31) nach 
einer Krankheit Goethes: »seit der Zeit hab ich die Berliner Lieb, denn 
sie haben alle auf einmal aufgehört Freigeister zu seyn, was sie sonst 
Afecktiren und Eifrich Gott für Ihre Genesung gebeten«. — Diese 
beiden Notizen mögen als Nachtrag zu meiner Abhandlung »Goethe 
und Berlin« Allg. Zeitg. 1890 No. 155 — 161 und »Goethe und die 
Juden« Vortr. und Versuche, Dresden 1890, S. 215—281 gelten; eine 
neue Darstellung des Gegenstandes dürfte noch verfrüht sein. 

r 






lOü Neue Mittheilungen. 



Stolz auf ihre persönliche Bekanntschaft rühmten sie sich der 
Beachtung, die sie gefunden hatten und feierten ihren Heros. 

Es kam wirklich zu einem gegenseitigen vertraulichen 
Verhältniss. Sara gegenüber erschien Goethe freilich lange 
kühl, Hess sich ihre Huldigungen gefallen und nahm ihre 
culinarischen Sendungen gerne an, bis er doch auch gegen sie 
wärmer wurde und manch bedeutendes Wort ihr zusandte. 
Wer aber Goethes Correspondenz kennt, weiss, dass er sich 
seine Correspondenten ansah und Gehaltvolles nur dem zu- 
sandte, den er dessen werth hielt. Für Marianne hatte er 
von Anfang an ein wärmeres Gefühl: ihre grosse Schönheit 
und thätige Liebenswürdigkeit thaten es ihm an. Er rühmte 
gelegentlich »ihre Kunst die grillenhaften Wünsche ihrer 
Freunde für etwas zu halten und um sie zu befriedigen, sich 
eine gefällige Mühe zu geben«. Sie war unermüdlich iro 
Spenden von allerlei Geniessbarem, aber auch in der Sendung 
von minder Vergänglichem, wie Münzen, Edelsteinen, Kunst- 
blättern, Autographen. Nicht minder unerschöpflich war sie 
im Lobe der Schriften Goethes. Solch lobende Urtheile 
waren bei ihr selten originell, aber sie waren echt. Man mag 
auf sie ein Wort anwenden, das Goethe während eines Zu- 
sammenseins mit ihr brauchte: »Die Neigung zu einer Sache, 
das ist ja eben der Sinn dafür«. Man kann den Spruch in 
der Art auf sie anwenden, dass sie allmählich für den Schrift- 
steller Sinn erlangte, dem sie als Manne ihre Neigung schenkte. 
Derartigen Frauen wird man nicht gerecht, wenn man sie 
ausschliesslich nach ihren Briefen beurtheilt. Weit mehr als 
durch diese wirkte sie durch ihre Unterhaltung, durch ihr Ge- 
spräch ebenso wie durch ihr Zuhören. Marianne muss auf 
Männer einen ausserordentlich anregenden Eindruck gemacht 
haben. Ihre »zarten Lippen und ihre spitze Zunge« (Vjs. f. 
Litg. I, 267) verletzten und söhnten aus, lockten und hielten 
zurück zu gleicher Zeit. Es ist wohl glaublich, dass Goethe 
im Hinblick auf sie, nach Riemers Zeugniss das W^ort brauchte : 
»In der Jugend und Liebe macht man die frais von allem und 
hält die Weiber frei an Witz, Geist und Liebenswürdigkeit.« 

Aber das gesellschaftliche Gespräch mit seinen durch 
den Augenblick geborenen und alsbald verfliegenden Nichtig- 
keiten war nicht die Hauptsache, die den Verkehr mit den 
beiden Schwestern kennzeichnete. Goethe gestattete ihnen 
vielmehr ein geistiges Mitleben, nach dem sie begierig und 
nicht verständnisslos verlangten. Sara versuchte sich später 
selbst als Schriftstellerin : ihre handschriftlich erhaltenen deut- 
schen Abhandlungen über pädagogische und patriotische Gegen- 
stände bekunden die denkende Frau, die freilich neue Bahnen 
zu wandeln nicht föhig war; ihre gedruckten Versuche in 
französischen Erzählungen, von denen der eine, dem Titel 






Anmerkungen des Herausgebers. 10 1 

nach, das Stück einer Selbstbiographie sein könnte, sind mir 
nicht zugänglich. Dass sie diese von ihr herrührenden Arbeiten 
Goethe zusandte, durch freundliche Worte zu solcher Sendung 
ermuntert, bedeutete nicht viel, da sie sich dadurch bei dem 
Meister in ein günstiges Licht zu setzen oder seine Vermitt- 
lung und Unterstützung zu erlangen wünschte; bemerkens- 
werther war, dass Goethe den Schwestern seine neu erschei- 
nenden Werke übersandte. Solche Sendungen waren nicht 
blos die Quittungen für substantielle Tafelgenüsse, die ihm 
von Wien und Berlin aus bereitet wurden, auch nicht blos 
galante Aufmerksamkeiten, sondern eine Anerkennung der 
geistigen Stellung der Beschenkten. Goethe bevorzugte sie 
vor dem Publikum, indem er ihnen Theile von Werken zu- 
gehen Hess, die dieses erst nach Wochen und Monaten er- 
hielt. Er fragte sie nach ihrem Urtheil. Ja er schrieb, nach 
seiner eigenen Äusserung (i6. Jan. 1809) für Marianne »die 
letzten Capitel der Wahlverwandtschaften zusammen, um ihr 
keinen fragmentarischen Eindruck zu hinterlassen.« 

Eine Frau, der dies geschah, darf mit Ehren unter denen 
genannt werden, welchen Goethe seine Huldigungen erwies. 
Beide Frauen bilden keine unwürdigen Glieder der Goethe- 
gemeinde, die schon damals ihre Gläubigen und Priesterinnen 
aller Orten hatte. Echtem Gefühl entsprang der Ausruf, den 
Goethe nach dem Tode Mariannens an Sara schickte (2. Aug. 
181 2): »Sie kennen meine Liebe und Verehrung für Ihre 
unvergessliche Schwester.« 



Die beiden Schwestern lebten in Berlin zu einer Zeit, 
da der Goethecultus erst im Entstehen war; Varnhagen, der 
zwar kein Berliner war, aber den grössern Theil seines Lebens 
in Berlin zubrachte, half den Triumph Goethes in Berlin 
miterringen. Jene waren, wenn auch nicht eben Repräsen- 
tantinnen der Schüchternheit des weiblichen Geschlechts, doch 
zu schüchtern, um früh vor die Öffentlichkeit zu treten, sie 
wirkten daher fast nur im Gespräch, im geselligen Kreise ; dieser 
hatte schon als junger Mensch den Drang, sich vor dem 
Publikum auszusprechen, und blieb bis in sein hohes Alter 
durch Gespräch, Briefe, Schriften für Goethe thätig. K. A. 
Varnhagen von Ense, 21. Febr. 1785 bis 10. Okt. 1858 ist als 
Diplomat, Memoirenschreiber, Schriftsteller zu bekannt, als 
dass sein Wirken im Einzelnen dargethan werden müsste. 
Man mag sonst schlecht genug über ihn denken, Hinter- 
hältigkeit und Klatschsucht, Kleinlichkeit und Neid ihm schuld- 
geben; in seinem Verhältniss zu Goethe wird man ihn durch- 
aus edel und unantastbar erkennen. Er wurde durch die 
Romantiker, deren Anschauungen er freilich nicht völlig 
theilte, für Goethe gewonnen. Seine Bewunderung für diesen, 



102 Neue Mittheilungen. 



als für den grössten deutschen Dichter, sprach er in den 
von ihm in Gemeinschaft mit Chamisso herausgegebenen 
Musenalmanachen 1804 — 6 offen aus und gewährte in ihnen 
auch enthusiastischen Äusserungen seiner Genossen gern einen 
Platz (vgl. Berliner Neudrucke 2. Serie, Bd I, Berl. 18898. 78 
und S. VII— IX). Mochte er auch durch diese kindlichen 
Spiele, die er übrigens später selbst härter, als sie verdienten, ver- 
urtheilte, Goethes Billigung so wenig finden, dass er sogar 
erfahren musste, wie der Meister sie an seiner Mittagstafel 
verächtlich abwies (vgl. L. Roberts Erzählung a. a. O. S. XIII), 
so Hess er sich durch ein solches Verfahren, das Andere 
abgeschreckt hätte, in seiner Verehrung und deren Bezeugung 
nicht irre machen. Vielmehr wurde er grade in den folgenden 
Jahren, so sehr Berufsstudien ihn von Verfolgung literarischer 
Neigungen abzuziehen drohten und obgleich warme Theil- 
nahme an politischen Angelegenheiten geeignet gewesen wäre, 
ihn dem der Politik kühl gegenüberstehenden Dichter zu 
entfremden, immer eifriger in seinem Studium Goethes und 
in der Lobpreisung des Dichters. Dies geschah vornemlich 
unter dem Einfluss seiner Freundin und späteren Gattin Rahel 
Levin (Robert), die von früh an sich gewöhnt hatte, in 
Goethes Wort ein Evangelium zu sehn und die das von 
ihr innerlichst Bekannte mit unwiderstehlicher Macht Anderen, 
am Eindringlichsten den ihr Nahestehenden, aufzwang. Durch 
sie, die in erhabener Stille ihren Meister verehrte und ihn 
am meisten dann zu lieben glaubte, wenn er nichts von ihrer 
Liebe wusste, wurde Varnhagens lebhafteres Mittheilungsbedürf- 
niss, das aber auch des Entgegenkommens brauchte, um in seinem 
Wesen zu beharren und zu erstarken, zurückgehalten. Dann 
aber brach indirekt durch Rahel, nämlich durch das Ver- 
langen hervorgerufen, ihre tiefdurchdachten und geistsprühenden 
Aussprüche über »Wilhelm Meister« und Goethes Wesen und 
Wirken überhaupt dem Meister vorzulegen, Varnhagens Wunsch 
sich Bahn, mit Goethe in direkte Verbindung zu treten. Dies 
that er im J. 181 1, indem er Stücke aus seinem mit Rahel 
geführten Briefwechsel Goethe vorlegte. Die damit anhebende 
Correspondenz ist in den unten folgenden Anmerkungen zu 
den einzelnen Briefen in ihren verschiedenen Phasen gekenn- 
zeichnet. Wiederholte Besuche, die Varnhagen theils allein, 
theils mit seiner Gattin in Weimar machte, auch die uner- 
wartete und darum nicht völlig ausgenutzte Erscheinung 
Goethes bei Rahel in Frankfurt halfen das Verhältniss fester 
gestalten. Doch dauerte es viele Jahre, bis Goethe die An- 
erkennung, die er für das Ehepaar hegte, auch durch regel- 
mässige Briefe ausdrückte und die sich immer gleichbleibende 
uninteressirte Liebe Beider belohnte. Sie war so uninteressirt, 
dass Varnhagen in der langen Zeit seines Verkehrs nie etwas 



Anmerkungen des Herausgebers. 103 

für sich erbat, nicht einmal, was für ihn als Schriftsteller 
doch von der höchsten Bedeutung sein musste, eine Be- 
sprechung von Seiten Goethes, dass er ein Goethe , seine 
Anerkennung und Verkennung durch die Zeitgenossen behan- 
delndes Werk ohne Namensnennung herausgab, nur um nicht 
als aufdringlicher Lobredner zu erscheinen, dass er, gleichfalls 
ohne Namensnennung, Berichte an Goethe schickte, nur um 
ihm nahe zu bleiben, ja dass er, als es sich nur darum 
handelte, ein Drama seines Schwagers L. Robert in Weimar 
zur Aufführung anzubieten Frau von Grotthus reden Hess, 
nicht aber selbst das Wort ergriff. Für solche Zurückhaltung 
erlebte er die Anerkennung, von Goethe voll nach seinem 
Werthe gewürdigt zu werden und die bedeutende Stellung, 
die er sich als freier Schriftsteller geschaffen, durch Goethes 
freiwillig ausgesprochenes Urtheil bestätigt zu sehen. Varn- 
hagen lehnte sich als Stilist in bewusster Weise an Goethe 
an und brachte es durch ungemeine Sorgfalt, unterstützt von 
einer grossen natürlichen Begabung, zu einer Klarheit und 
Eleganz des Ausdrucks, mit der er die meisten gleichzeitigen 
deutschen Prosaisten übertraf. Eine besondere Bedeutung 
für Goethe erlangte er dadurch, dass er, ein geborener 
Sammler, sich angelegen sein liess. Alles, was von Goethe 
herrührte oder sich auf ihn bezog, zusammenzubringen und 
vermöge eines solchen durch grosses Glück begünstigten 
Eifers viele der Erhaltung werthe literarische Denkmäler 
vom Untergange rettete. Wichtiger ward es, dass er durch 
literarische Empfehlungen, durch Analysen neu erscheinender 
Werke, durch Hinweise auf gelegentliche Bemerkungen oder 
unbekannte Aussprüche im »Morgenblatt« , im »Gesell- 
schafter« und in anderen viel gelesenen Zeitungen und Zeit- 
schriften das gebildete Publikum wiederholt auf Goethe lenkte 
und zu dessen Gunsten bestimmte und dass er, im Verein 
mit gleichgesinnten Freunden, in den »Jahrbüchern für wissen- 
schaftliche Kritik«, für die er Goethe als Mitarbeiter zu ge- 
winnen wusste, auch die widerspenstigeren Gelehrten zur 
Anerkennung und Bewunderung Goethes führte. Noch wich- 
tiger als die schriftstellerische wurde für Berlin die Wirkung, 
die von dem Salon der Frau von Varnhagen ausging. Dort 
wo sich Mitglieder des hohen Adels, auswärtige Gesandte 
und hochstehende Beamte, Künstler und Gelehrte, schöne 
Frauen und geistreiche Lebemänner in zwanglosem Gespräch 
ergingen, war das Hauptcentrum der Goethegemeinde. Von 
dort aus wurde die allgemeine unbedingte Herrschaft Goethes 
in der Hauptstadt Preussens proclamirt, die damals in weit 
höherm Grade als zu irgend einer andern Zeit literarischen 
Dingen aufmerksame Beachtung ja geradezu begeisterte Theil- 
nahme schenkte. Selbst Widerwillige wurden der Macht, die 



104 Neue Mittheilungf.k. 



von dort ausging, unterworfen, z. B. Laube und Heine, ge- 
fangen insbesondere durch den übermächtigen Einfluss der 
Wirthin ; nur Wenige wie Börne hielten sich von den bestricken- 
den Banden der gewaltigen Zauberin völlig frei. 

Es war nicht mehr als billig, dass Goethe »das werthe Paar«, 
das ihn so frühzeitig erkannt und ihn so muthig und glücklich 
von Sieg zu Sieg geführt hatte, unter seine Getreuen aufnahm. 
Er freute sich ihrer Bundesgenossenschaft und erkannte gern 
ihre Öffentliche und private Thätigkeit an. Ihnen aber war 
und blieb er, nach einem hübschen Worte Varnhagens : »Der 
Dichter, der Zauberer des Worts, aber noch mehr der Lehrer, 
der Freund, der höhere Führer und Begleiter in den Tiefen 
und Breiten des Einzel- wie des Gesammtlebens.« 



Goethes Briefe an das Schwesternpaar wurden mit einer 
oben benutzten Characteristik 1837 von Varnhagen veröffentlicht 
(jetzt Vermischte Schriften II, 3. Aufl. Lpz. 1875 S. 82 ff.). Es 
sind im Ganzen 3 Briefe an Frau von Eybenberg 1808 und 
1810, 21 an Frau von Grotthuss 1797 — 1815. Seither wurden 
mitgetheilt: an Frau von Eybenberg 7 weitere 1803— 1809 
in den Wiener Sonntagsblättern 1846, einer vom 7. Aug. 1808, 
im G.-J. II, 261 fg., elf von 1803 — 1810 im G.-J. XI, S. 80 — 87; 
an Frau von Grotthus i Brief 23. Apr. 1813 im Generalanzeiger 
für Thüringen 1842, No. 40, drei weitere: 1813, 1814, 1824 
im G.-J. VII, 183 ff. Im Ganzen sind also 22 Briefe an Frau 
von Eybenberg, 25 an ihre Schwester bekannt ; die meisten — 
denn die in den Wiener Sonntagsblättern abgedruckten sind in 
die s. g. Berliner Sammlung von Goethes Briefen übergegangen 
— an leicht zugänglichen Orten mitgetheilt. Dazu kommen nun 
die zwei hier zum ersten Mal gedruckten Briefe an Frau v. 
Eybenberg: 1801 und 1803, so dass sich die Zahl der an 
sie gerichteten im Ganzen auf 24 beläuft. Damit ist aber 
die Zahl nicht abgeschlossen. Vielmehr ergibt sich aus den 
unten folgenden Nachweisen, dass noch 17 andere Briefe 
Goethes an Frau von Eybenberg geschrieben wurden, die 
bisher nicht bekannt, auch in den Concepten des Goethe- 
u. Schiller-Archivs nicht erhalten sind. Von den Briefen der 
Schwestern wird je der erste genau nach dem Original ab- 
gedruckt; bei den folgenden ist Orthographie und Inter- 
punction, aber auch nur diese, geändert. 

Die Bekanntschaft Goethes mit den Schwestern wurde 1795 
zu Carlsbad geknüpft, wo Goethe im Juli mehrere Wochen 
weilte. In seinen kurzen Berichten über diesen Badeaufenthalt 
(Tagebücher, W. A. 2, 34—37, Annalen, Hempel, 27, S. 26) 
gedenkt er der Bekanntschaft mit den Schwestern nicht. Doch 
erwies er ihnen, namentlich der schönen Marianne, Huldigungen, 
die über blos gesellschaftliche Galanterie hinausgingen. 



Anmerkungen des Herausgebers. 105 

In den Briefen an Christiane (W. A., Briefe X, 277 fg.) 
und in anderen berichtete er von der zahlreichen und ange- 
nehmen Gesellschaft, beichtete, dass es »manchen Spas und 
Äugelchen die Menge« gebe, bekannte aber gegen Ende seines 
Aufenthalts »die Äugelchen nehmen beyde sehr ab, denn es 
kann von beyden seiten kein Ernst werden.« An Schiller 
schrieb er eingehender über den geistigen Zustand seiner 
Badebekanntschaften, trauerte darüber, dass man nur uralte 
Reminiscenzen höre, nicht aber eine Notiznahme von dem 
eignen Fortschreiten bemerke, constatirt freilich einige Aus- 
nahmen und spottete über ein »allerliebstes Weibchen«, die ihn 
für den Autor Klingerscher Schriften hielt und derenwegen 
complimentirte (a. a. O. 276. 284). Man mag die Vermuthung 
nicht abweisen (Vollmer, Register zu dem Schiller-Goetheschen 
Briefwechsel, nimmt dies als bestimmt an), dass unter diesem 
Weibchen Marianne zu verstehen ist. (Über Rahel Levin, 
deren Bekanntschaft Goethe damals gleichfalls machte, sprach 
er sich David Veit gegenüber aus, vgl. Gespräche I, 172. 175.) 

Varnhagen, dessen Autorität wol Marianne selbst war, 
spricht von Goethes »lebhaftester Neigung, die nach über- 
standenem Schwindel der Verliebtheit als aufmerksame Beach- 
tung fortdauerte,« woraus Düntzer (Goethes Leben S. 477) einen 
»kleinen Liebesroman« gemacht hat. Im Leben der Schwestern 
bildete die Bekanntschaft mit Goethe dagegen Epoche. 

No. I. »Diedens« wol Herr und Frau v. Diede auf 
Ziegenberg, Gesandter in Regensburg, die Goethe schon seit 
1781 kannte und über die er ausführlich in der Ital. Reise 
Febr. 1788, Bericht, handelte. Von den übrigen in dem Briefe 
(erwähnten Personen ist Therese unbekannt, in einem spätem 
Briefe heisst es, sie lebe in Warschau. Kircheisen, erwähnt 
Goethes Tagebücher II, 40, ist der spätere preussische Justiz- 
minister (1749 — 1825); seine Frau eine geb. von Fischer starb 
ein Jahr vor ihm (vgl. A. D. B. XV, 790). G. v. Brinckmann, 
der oft erwähnte schwedische Diplomat und Dichter, stand 
grade um die Wende des Jahrhunderts den Gesellschaftskreisen 
sehr nahe, in denen sich auch unsere Briefschreiberinnen be- 
wegten. Seine Gedichte (u. d. Namen Selmar) erschienen Berlin 
1789; sein noch 1834 waches Interesse für Goethe wird durch 
seine Briefe, G.-J. XIII, 145 fg. bezeugt. 

Die Zuversicht der Schreiberin eine Antwort zu erhalten, 
trog sie nicht ganz, wurde aber auf eine harte Probe gestellt. 
Um sich die Zeit des Wartens zu verkürzen, schrieb Marianne 
noch zweimal am 6. und 27. Okt. Der erste Brief war dazu 
bestimmt, einzelne der im Schreiben vom 22. Sept. ange- 
kündigten Sendungen zu begleiten, er enthielt ferner Grüsse 
an die Göchhausen, die Anfangs Juli in Carlsbad war (W. A. 
Briefe X, 276), die Versicherung, dass der Schreiberin Gatte, 



lo6 Neue Mittheilungen. 



der Fürst Reuss, Goethes Verehrer sei und eine Notiz aus einer 
Berliner Zeitung, die Anzeige der »Berichtigung des jungen 
Werther.« Am 27. Okt. theilte sie mit, dass sie das 5. Buch 
des »Wilhelm Meister« ergattert habe ; schon in dem vorigen 
Briefe hatte sie gemeldet, sie wolle die Subalternen des 
Buchhändlers Unger bestechen, um früher in den Besitz des 
Romans zu gelangen. Das 5. Buch füllte die Hälfte des 3. Ban- 
des, der bei J. F. Unger in Berlin als Goethes neue Schriften 
5. Band erschien. 

No. 2. Bald darauf traf ein Brief Goethes an Marianne 
ein, er könnte als Einlage zu dem Briefe an Unger vom 29. Okt. 
oder äh dens. vom 23. Nov., oder auch an W. v. Humboldt 
vom 3. Dez. gekommen sein (W. A. X, 342 ff. 434), wie aus 
dem Anfang ihres Schreibens vom 11. Dez. geschlossen werden 
kann : »Gewiss, lieber, guter Goethe, ich hätte Ihnen nicht 
so lange geschwiegen.« Der Brief Goethes ist nicht bekannt. 
Der grössere Theil von Mariannens Brief ist oben abgedruckt 
und zur Characteristik der Schwestern benutzt. Entweder mit 
diesem verlorenen Briefe oder mit einem andern schickte ihr 
Goethe Haare von sich, eine Sendung, die sie am 26. Dez. 
durch die ihrigen erwiderte, gleichzeitig die spätere Ankunft 
einer Nadel ankündigend, die ihr von dem Goldschmied ver- 
dorben worden sei. Jedenfalls muss sie diese Nadel bald über- 
sendet haben, denn in einem Schreiben vom 20. Febr. 1796 
»Unsere Briefe, mein lieber guter Freund, haben sich gekreuzt,« 
das auf einen zweiten bisher nicht bekannten Brief Goethes 
hinweist, dankt sie, dass er ihre Nadel trägt. In demselben 
Briefe empfiehlt sie die älteste Tochter von Koch, die wieder 
auf die Bühne gehen wolle. Gemeint ist wol Sophie oder 
Marianne Koch (etwa dieselbe die am 19. Okt. 1793 in Weimar 
gastirt hatte?), die damals in Leipzig waren und deren Engage- 
ment 1797 sehr ernstlich in Aussicht genommen, aber durch 
ihren Vormund Opitz vereitelt wurde (Pasque Theaterleitung I, 
109. III. 114 ff. 120— 137.11, 321). Ein undatirler Brief Marian- 
nens, »Wie muss es mir ergangen sein, wenn ich so lange ge- 
schwiegen habe, Ihnen nicht für Ihren lieben herzlichen Brief 
und für den Ring gedankt habe« mag eben der sein, der 
sich mit dem Goethischen gekreuzt hat, so dass man nicht 
nothwendig noch einen unbekannten Goethes annehmen muss. 
Jedenfalls ist dieser Brief Mariannens Anf. 1796, denn er 
spricht von dem 11. u. 12. Horenstück (1795), ^"^ denen 
Schillers Abhandlung über das Naive und über die sentimen- 
talischen Dichter standen. 

No. 3. Über die Bradi, wahrscheinlich eine gemeinsame 
Carlsbader Badebekanntschaft, weiss ich nichts Bestimmtes. 
Die »Levyn« ist die obengenannte Rahel. Die »Coterie mit den 
Humboldts« (der Bruder ist = Alexander, der damals weniger 



Anmerkungen des Herausgebers. 107 

als Wilhelm der Berliner Gesellschaft angehörte), bedeutet doch 
wol nur engeres Zusammentreffen, nicht einen förmlichen 
Bund, wie er ehedem zwischen Wilhelm, Henriette Herz und 
anderen Berliner Frauen bestanden hatte. (Vgl. Briefe v. 
Chamisso hgg. v. Varnhagen v. Ense, Lpz. 1867, I, S. i bis 
134.) — Ein Urtheil Goethes über Brinckmann ist sonst nicht 
bekannt; dass der Dichter ihm (i8 — 22 Febr., Tageb. II, 199) 
1798 freundlich entgegenkam, bezeugt Br. selbst (Goethes 
Gespräche I, 190 fg.), Sprenssel nach Suphans freundlichem 
Hinweis = Sprengsei, Heuschreck ; Kinder, die ihr unruhiges 
Wesen in Hüpfen und Springen äussern, nennt man Sprengsei. 
(v. Sanders II, 2, 11 52 Col. 3, Sprengen.) Also unruhiges 
Männchen. 

No. 4. Schon aus den mitgetheilten W^orten ergibt sich 
ein dritter Brief Goethes, der nicht erhalten ist; an einer 
nicht reproduzirten Stelle wird er das Briefchen genannt, »das 
ich durch Herrn von Fritsch erhielt.« Sie gibt dem Zahnweh 
und dem Schwindel, von denen sie geplagt worden, Schuld, 
dass sie mit der Antwort im Rückstande geblieben sei und 
bittet um die Erlaubniss ein paar Tage nach Weimar zu 
kommen. Herr von Fritsch ist wol der Minister J. Fr. von 
Fritsch, der damals nach Carlsbad ging. Dass Goethe grade 
damals über den Egmont zu sprechen aufgelegt war, hing 
mit der damals unternommenen Bearbeitung des Stücks durch 
Schiller zusammen (vgl. Annalen, Hempel 27, 39). Die Mit- 
theilung über die Äusserung des Königs (Fr. Wilh. IL), von 
dessen literarischen Neigungen wir sonst wenig wissen, ist 
auffällig genug. Übrigens wurde der »Egmont« zum ersten 
Male am 25. Febr. 1801 in Berlin aufgeführt. Für die Notizen 
über Berliner Theateraufführungen ist benutzt: Schäffer und 
Hartmann, die Königlichen Theater in Berlin, 1886. 

No. 5 setzt einen z;/Vr/^« Brief Goethes voraus, der, wenn 
er nicht direkt nach Töplitz geschickt wurde, mit dem Manu- 
script W. Meisters nach Berlin gegangen sein kann, s. Tage- 
buch 26. Aug. Unter der »Idylle« ist die Elegie »Alexis und 
Dora« zu verstehen, die im Musenalmanach für 1797 mit dem 
Nebentitel »Idylle« gedruckt und die im Tagebuch vom 28. Mai 
und 15 Juni 1796, auch in den Briefen an Schiller, wie 
Suphan bemerkt, nur als Idylle bezeichnet wurde. Diese 
»Idylle« vorgelesen und damit grossen Eindruck hervorge- 
rufen zu haben, bezeugt die Schreiberin in einer ausgelassenen 
Stelle unseres Briefes. Daselbst erwähnt sie das Gerücht von 
einem Engagement Mands in Berlin, und entschuldigt sich 
zugleich, dass sie ihren Plan nach Weimar zu kommen, nicht 
ausführen konnte. 

No. 6. In der ausgelassenen Stelle des Briefes bedauert 
die Schreiberin nur, dass sie Goethe diesmal nicht habe sehen 



lo8 Neue MrrrnEiLUNGEN. 



können, der ihr also wol die erbetene Erlaubniss, ihn zu be- 
suchen, ertheilt haben wird. Auch unser Brief ist Antwort 
auf ein bisher unbekanntes Schreiben Goethes (das fünfte). — 
W. Meisters 4. und letzter (Goethes neue Schriften 6.) Band 
war bei Unger in der Michaelismesse 1796 erschienen. — 
»Einer« ist die Distichenreihe von Goethe und Schiller ; über 
Nicolai und die Xenien vgl. ob. S. 52 den Brief der Frau v. 
Grotthus. — Iffland gab 1796 acht Gastrollen (Schäffer u. 
Hartmann S. 163). Der Essighändler nach dem Franz. des 
Mercier wurde zum ersten Male am 26. Okt. 1796, an dems. 
Tage die eheliche Probe, Lustspiel nach dem Englischen, 
(zuerst 24. April 1790) gegeben und für Ifflands Gastspiel nur 
wieder aufgenommen (l. c. S. 20. 27); dies Gastspiel dauerte 
bis zum 14 Nov., an diesem Tage wurde Iffland zum Director 
des National-Theaters ernannt. (Vgl. Brachvogel, Gesch. des 
Kön. Theaters zu Berlin II, 452.) — Ein j^r^j/<?r Brief Goethes 
wird vorausgesetzt in Mariannens Brief vom 11. März 1797, 
der mit den Worten beginnt: »Haben Sie Dank für Ihren 
lieben Brief und für die wunderschöne Elegie.« Gemeint ist 
die Elegie »Hermann und Dorothea«, nicht das grössere Epos, 
nach dem Marianne in demselben Briefe grosses Verlangen 
bezeugt. 

No. 7. Zwischen dieser Nummer und dem letzterwähnten 
Brief ist eine sehr lange Pause, in welche Mariannens Besuch 
in Weimar fällt. Vermuthlich hat sie diesen angekündigt, 
wie sie das erste Mal ihre Absicht laut werden Hess, die sie 
nicht ausführen konnte, doch ist die Ankündigung nicht er- 
halten. Ebensowenig eine Notiz Goethes im Tagebuche (s. 
unten) oder in den »Annalen.« Am 26. Juli 1797 aber schrieb 
Goethe an Schiller: »auch ist die berühmte Marianne Meyer 
hier; es ist schade, dass sie nicht einige Tage früher kam, 
ich hätte doch gewünscht, dass Sie [Schiller war am 18. Juli 
nach Jena zurückgegangen] dieses sonderbare Wesen hätten 
kennen lernen«. Vielleicht kann man auf sie die Äusserung 
des Tagebuchs (29. Juli 1797, Weim. A. II, 76) beziehen: 
»Entschuldigung einer Person beym Abschied nicht weinen 
zu können«, die zu dem etwas gezierten Wesen der Besucherin 
recht wol stimmen würde. Goethes Schweigen in seinen 
Aufzeichnungen ist schon daraus zu erklären, dass der Besuch 
ihn in Abreisevorbereitungen und ernster Stimmung traf (vgl. 
Strehlke, Goethes Briefe III, 98 fg.). Auch von dieser Reise, 
die für lange Zeit geplant war, scheint Goethe der schönen 
Besucherin nichts gesagt zu haben, wenigstens erscheint es 
seltsam, dass sie ihre Briefe weiter nach Weimar richtet und 
sich verwundert zeigt, nichts von dort zu hören. War nun 
für Goethe dieser Besuch ein ziemlich gleichgiltiger Zwischen- 
fall, so blieb er für Marianne ein bedeutsames Ereigniss, an 



Anmerkungen des Herausgebers. 109 



das sie sich, wie aus den folgenden Briefen hervorgeht, als 
an einen Ruhmestitel erinnerte und mit dem sie in Berlin 
genug geprahlt haben mag. So wenigstens ist die Äusserung 
Friedrichs Schlegel (29. Okt. 1798, Caroline I, 227) zu er- 
klären : »Marianne thut dicke mit Goethe, ist übrigens sehr 
elegant, sehr artig und unbedeutend genug.« (Vgl. schon 223 
Bericht Mariannens über den [Schillerschen ?] Almanach.) — 
Eine Erinnerung an den Weimarer Aufenthalt findet sich auch 
in einer ausgelassenen Stelle des hier vorliegenden Briefes 
Mariannens, in der sie ihre Erwartung nach dem »neuen 
Pausias« (entstanden 22./23. Mai, s. Tagebücher II, S. 69) und 
anderen Gedichten ausspricht, die sie in Weimar kennen ge- 
lernt haben mag. Zugleich meldet sie, dass sie sich unter 
dem Schutze der Gräfin Münster befinde und spricht von 
einem Herrn »Matthei«, der sich sehr lobend über Goethe 
ausdrücke. Dies ist jedenfalls derselbe den Goethe (Tage- 
bücher II, S. 46) 21.— 25. Juli 1796 bei Hofe traf, bei sich 
empfing und nach Tiefurt mitnahm. Aber welcher M. ist es? 
Schwerlich der Historienmaler J. Fr. M. (1777 — '^45)» ^^^ 
dem Goethe später gelegentlich sprach (Gespräche VI, 262, 
Reise am Main, Rhein 181 6), sondern der Legationsrath Mattei, 
Hofmeister eines natürlichen Sohns des Herzogs von Braun- 
schweig und der Frau vonBranconi, den Goethe 10. Aug. 1796 
an Schiller empfahl. — Der Lord Bristol, Bischof von Derry, 
ist der von Goethe so hübsch characterisirte wunderliche 
Reisende (Hempel 27, 313 fg.); seinen Besuch empfing Goethe 
IG. Juni 1797 (Tagebücher II, 73, Annalen, Hempel 27, 44). 
Schon 1790 wird er als Käufer eines Porträts Goethes genannt, 
vgl. Akad. Blätter I, 16. Der »deutsche Prinz« kann nur ein 
Braunschweiger sein, vielleicht Friedrich Wilhelm v. Braun- 
schweig 1771 — 1815; dem altern Friedrich August von Br. dürfte 
man solche Verachtung der deutschen Literatur nicht zutrauen. 
No. 8. Zwischen diesem und dem vorigen Brief liegt nur 
einBillet (26. Dez. 1797), in dem die Schreiberin klagt, dass sie 
seit ihrem Aufenthalt in Weimar von Goethe nichts gehört habe 
und meldet, sie solle nach Berlin zurückkehren. In unserm Briefe 
gibt sie ihrem Verlangen Ausdruck, wieder nach Weimar zu 
kommen, sendet Grüsse an Fräulein von Göchhausen und 
meldet, dass der aus Weimar zurückgekehrte Brinckmann viel 
von dort erzähle. Sie berichtet ferner, dass sie Jean Paul 
lese und dass sie Goethes nicht näher bezeichnete Gedichte 
»mit der R., der Berg und der kleinen Levy« (Rahel Levin) 
gelesen habe. — Fleck, der geniale Berliner Schauspieler, über 
den die Weimaraner von allen Seiten das Günstigste zu hören 
bekamen, trat niemals in Weimar als Gast auf. Ihn dorthin ein- 
zuladen hatte Marianne schwerlich einen bestimmten Auftrag. — 
Das Verhältniss zu Friedr. Schlegel war, wie die oben Z. 6 



HO Neue Mittheilungen. 



mitgetheilte Stelle zeigt, von beiden Seiten kein sonderlich 
herzliches. — Die beiden Schriften Nicolais erschienen 1798; 
ihre genauen Titel bei Goedeke IV, i, S. 172 Nö. 34. 35. 

No. 9. Noch einmal hoffte Marianne Goethe in Weimar 
zu sehen. Diesen Besuch kündigte sie auf den 26. Juni in 
einem Briefe vom 12. an, in dem sie zugleich mittheilte, dass 
Schlegel ihr einen Gruss von Goethe gebracht hatte. Doch 
wurde sie durch Krankheit an der Ausführung ihres Plans 
verhindert, den Goethe, wie es scheint, in einem verlorenen 
also dem siebenten Briefe billigte, wenigstens entschuldigte 
sie sich am 18. Okt. 1798, dass sie sich nicht bedankt und 
nicht geschrieben habe und kündigte zugleich an, dass eine 
Sendung von Kupferstichen und Chokolade abgegangen sei. 
— Das literarische Geplauder Mariannens bezieht sich auf 
Goethes Gedichte (Mühlbach s= der Junggesell und der Mühl- 
bach) im Musenalmanach auf d. J. 1799 und seine sowie 
H. Meyers Aufsätze in den »Propyläen«, die zu bekannt 
sind, um besonders bezeichnet zu werden. Auch diesem 
Briefe geht ein Goethischer voraus, denn Marianne bezeugt 
»die Freude, die mir Ihr lezter Brief gemacht«. 

No. IG. Nun aber trat eine der Schreiberin lang er- 
scheinende Pause ein, die sie mit unserm Briefe am 19. Jan. 
unterbrach. Mit einer Sendung Caviar und der Ankündigung 
demnächst abgehender Chokolade verband sie die Klage 
lange nichts von Goethe gehört zu haben. Die literarische 
Mittheilung über Schlegel - Iffland kann ich nicht näher 
nachweisen. 

»Lucinde« Erster Theil, der aber der einzige blieb, 
erschien 1799. 

No. II. Zwischen diesem und dem vorigen Brief liegt 
ein für Mariannens Schicksal hochwichtiges Ereigniss: der Tod 
ihres Gatten. Sie meldete ihn als etwas Neues, Königsbrtick 
12. April 1799, veranlasste aber selbst dadurch den schweig- 
samen Freund zu keiner Antwort. Denn in unserm Briefe 
bezeugt sie, dass sie seit 5 Monaten nichts von Goethe 
gehört habe, eine Äusserung, die, wenn die Schreiberin richtig 
rechnet, auf einen achten Brief vom Febr. 1799, etwa die 
Antwort auf No. 10 schliessen lässt. Doch ist in Goethes 
Tagebuch, wo nun die Angaben über abgesendete Briefe 
häufiger werden, nichts darüber bemerkt. Trotz der Trauer 
geht sie auf literarische Vorkommnisse ein, erweckt aber 
durch diese Mittheilungen ebensowenig ein Echo aus Weimar 
wie durch ihre persönlichen, dass sie nach Wien ziehen und 
dort mit Lerse verkehren möchte, dass sie eingewilligt habe, 
den Namen eines dem fürstlich Reussischen Hause angehörigen 
Ritterguts anzunehmen. Eine Zeit lang beschied sie sich in 
Ruhe. Oder sollte sie vielleicht Empfängerin des nach Wien 



Anmerkungen des Herausgebers. III 



gerichteten (Tageb. II, 313, 17. Nov. i8oo) Briefes an Baro- 
nesse von Leutenberg sein? Als der Sommer kam, meldete 
sie (Wien 3. Juni 1801) dass sie nach Töplitz, dann vielleicht 
nach Pyrmont, jedenfalls nach Weimar ginge. Diese ange- 
kündigte Reise trat sie nicht sogleich an, in Deutschland war 
sie jedenfalls schon im Februar, wie die Datirung dieses Briefes 
(Dresden) zeigt. Goethe selbst war vom 13. Juni bis i8. Juli 
in Pyrmont, nennt sie aber in seinen ausführlichen Auf- 
zeichnungen (Tageb. III, 23 ff.) nicht. 

No. 12. »Mahomet«, die Bearbeitung des Voltaireschen 
Stückes, wurde erst am 3. Apr. 1802 in Weimar aufgeführt 
(Tageb. S. 54) und vollständig erst 1802 gedruckt; Goethe 
müsste also einzelne vorher gedruckte Scenen (vgl. Goe- 
deke IV, i, S. 693 No. 12) der Freundin versprochen oder 
das Theatermanuscript nach Wien geschickt haben, wovon 
nichts bekannt ist. (Leider besitzen wir für jene Zeit kein 
Buch, das uns über Wiener Theaterverhältnisse so gut unter- 
richtet, wie Costenoble: Aus dem Burgtheater 18 18— 1837.) 

No. 13. Jedenfalls bekam sie das oben S. 99 mitge- 
theilte Billet vom 27. April 1801, das sie über Goethes 
Befinden nach seiner schweren Krankheit beruhigte. Gemeint 
ist wol die des Januar Tgb. III, S. i ff . — Für den Abdruck 
dieses Goethe-Briefes und des folgenden aus dem J. 1803 
sei bemerkt, dass der Text genau der (corrigirten) Fassung 
des Concepts entspricht ; die textcritischen Bemerkungen 
bleiben der Weimarer Ausgabe der Briefe vorbehalten. 

Auch einen Brief vom 31. Juli (1801) verzeichnet Goethe 
nicht, wol aber einen vom 3. Sept. 1801 »Mad. Eybenberg, 
Franzensbrunn« (Tageb. III, 34), der wol identisch mit dem 
hier erwähnten sein dürfte und der neunte unter Goethes 
verlorenen Briefen ist. Jedenfalls war Frau von Eybenberg 
vom 16. bis 19. September 1801 in Weimar (Tageb. III, 35) 
Abends und Mittags zum Theil in grösserer Gesellschaft bei 
Goethe, der sie wie die Übrigen an seinen »Mondobservationes« 
theilnehmen Hess. Dieser Besuch, mochte er länger dauern 
und bei Goethe grössere Beachtung finden, scheint doch auf 
die Besucherin nicht denselben Eindruck gemacht zu haben, 
wie der erste, da sie seiner nicht gedenkt. Übrigens ist das 
Datum unseres Briefes sehr verdächtig, trotzdem es im Original 
sehr deutlich geschrieben ist. 

No. 14. Gräfin Filangieri, entweder die Gattin des be- 
rühmten Rechtsgelehrten oder das »lockere Prinzesschen,« der 
Goethe jene köstlichen Schilderungen, Ital. Reise 12. März, 
25. Mai 1787, widmete. Letztere müsste dann, nach dem Tode 
ihres Gatten (vgl. G.-J. IX, 330, die Vermuthung IV, 363 fg. 
ist falsch) den väterlichen Namen wieder angenommen haben. 
Der eine der Söhne, von dem noch in No. 15 gesprochen 



1 1 2 Neue Mittheilungen. 



wird, ist der bekannte Fürst Carlo von Satriano (1784 — 1867) 
vgl. Reumont im Hist. Taschenbuch 1831. Die Mittheilung 
über diese italienische Bekanntschaft muss Goethe lebhaft 
interessirt haben, denn er antwortete schneller als es seine 
Sitte war am 27. Sept. 1802 (Tageb. III, 64). Dieser zehnte 
Brief Goethes ist gewiss nicht der Frau von Eybenberg durch 
Gentz überbrachte (vgl. No. 14); denn Gentz' zweiter Aufent- 
halt in Weimar, (der erste ist Nov. und Dez. 1801 notirt 
vgl. Tageb. III, 42. 43), fiel in die Tage vom 20. Jan. 1803 
(vgl. Gentz Tagebücher, Lpz. 1873 I, 24). Goethe spricht im 
Briefe an Frau v. E. (4. Apr. 1803, Berl. Sammlung III, 451) 
von ihm als einem jüngst erfolgten. 

No. 15. Auch dieser elfte Brief Goethes (Febr. 1803), 
der im Tagebuch nicht verzeichnet wurde, da er Gentz mit- 
gegeben ward, ist nicht bekannt. Die ausgelassene Stelle 
dieses Briefes betrifft den Tod der Mutter der Schreiberin, 
sowie eine durch Herrn von Beck aus Gotha erfolgende Sen- 
dung von 25 Münzen. In einem Briefe vom 4. Apr. 1803 
(Berl. Sammlung III, 451 — 453, vgl. Tageb. III, 71), der nicht 
die Antwort auf No. 14 zu sein scheint, sprach Goethe aus- 
führlich von seinen Beschäftigungen, besonders der »Natür- 
lichen Tochter« und stattete den Dank für die Münzen am 
25. Apr. ab (so Tageb. III, 72 »An Frau v. Eybenberg wegen 
der Münzsammlung«) in einem ausführlichen Briefe (G.-J. XI, 
80 — 82), der zugleich in eingehender Weise seine Münz- 
studien behandelt. Wie es scheint, ohne eine Antwort auf 
diese beiden Briefe abzuwarten, schrieb Goethe wieder, den 
zwölften nicht erhaltenen Brief 8. Juni 1803 (Tageb. in, 74) 
und schickte der Freundin den ersten Auftritt der »Natür- 
lichen Tochter«, ja Hess noch am 18. Sept. einen Brief »durch 
Herrn Falk p. Add. Hrn. v. Retzer« folgen (Tageb. III, 81) 
vgl. oben, der vielleicht auch die drei Dukaten für das von 
Goethe gewünschte Halsband enthielt (Berl. Samml. III, 451). 
Erst am 10. Okt. 1803 nahm Frau von E. die Correspondenz 
wieder auf. Sie dankte für die von Goethe erhaltene oben 
erwähnte Scene, ferner für Zeichnungen und Gedichte. Sie 
erzählte, dass sie in Töplitz, dann in Berlin war, wo sie die 
»übernatürlich schöne natürliche Tochter« las, dass sie über 
Leipzig nach Franzensbrunn, von da über Regensburg, wo 
sie den Tod der Frau Diede erfuhr, nach Salzburg und Berchtes- 
gaden reiste. Hierzu mag die Notiz im Tagebuch erwähnt 
werden (III, io6, 20. Juli 1804) »v. Diede, Monument«, eine 
Notiz, die bedeuten kann, dass Goethe dem Ehemann wegen 
eines der Verstorbenen zu setzenden Monuments seinen Rath 
ertheilt habe. Sie widerlegte das Gerücht, dass sie Gentz 
heirathe ; sie sei zwar viel mit ihm zusammen, vergesse aber 
dabei ganz, dass sie Frau sei. Wie zäh dies Gerücht war. 



Anmerkungen des Herausgebers. 1 1 3 

mag folgende Stelle aus Gentz' Tagebüchern I, 38 lehren (I, 
27 hatte er aus Wien geschrieben: »auch frequentirte ich 
noch zum Überfluss Frau von Eybenberg«). Teplitz 1803 
»Frau von E. war ebenfalls dort angekommen und ob ich 
gleich weit weniger mit ihr als mit anderen lebte, so hatte 
sich doch, ich weiss nicht wie, das einfältige Gerücht ver- 
breitet, dass ich sie heirathen würde. Das Gerücht, dem auch 
nicht ein Schatten von Wahrheit zu Grunde lag — sie hatte 
vielmehr mit Montjoye eine Art von Engagement, wovon ich 
der Vertraute war — ist später so gewachsen, dass es noch 
im J. 1811 im letzten Jahrgang des Varrentrappischen Hand- 
buchs unter der Rubrik des Hauses Reuss als ein genealo- 
gisches Factum figurirt.« 

No. 16. Die Tagebuchnotiz (oben S. 112) bleibt seltsam, 
wenn Goethe diesen Brief wirklich durch die Weimarer Reisen- 
den bestellen Hess. F. H. v. Einsiedel ist der bekannte Kammer- 
herr und Schriftsteller, mit dem der 7. Band der Sehr. d. G.-G. 
uns wieder vertraut machte. Über den Engländer Gh. Gore, 
der lange in W'eimar lebte, vgl. Goethes ausführliche Würdi- 
gung Werke, W. A. 46, 331 — 340. Er lebte mit seinen beiden 
Töchtern seit 1791 in Weimar und starb das. 1807. — Pierres 
de stras sind nachgemachte Diamanten. — Von den beiden 
Weimarischen Reisenden spricht Marianne nicht. Dagegen 
erwähnt sie den ihr, Gentz und Retzer von Goethe empfoh- 
lenen Prof. Sartorius, von dem sie aber sagt »er hat uns alle 
repoussirt«. Auch gedenkt sie eines Herrn Frank, der aus 
Weimar gekommen sei und Manches von Goethe erzählt habe. 

No. 17. Der Brief, ebenso wie der folgende beweist, dass 
das Gedicht an den Prinzen v. Ligne (Weim. A. IV, 240) 
nicht, wie man bisher durch Riemer (Briefe an Goethe S. 189 A.) 
verführt, annahm, 1810 entstanden ist, sondern 1804 — 
Goethe entwarf das Concept auf der Rückseite dieses Briefes — ; 
auch wurde das Gedicht des Fürsten, gedruckt a. a. O. 189 fg. 
nicht aus Teplitz an Riemer geschickt, sondern aus Wien direkt 
an Goethe. Aus den von Werner, Goethe und Gräfin O'Donnell 
S. 207 angezogenen Stellen war dies nicht zu schliessen. 

Der hier in origineller Weise geschilderte Fürst v. Ligne, 
österreichischer Feldmarschall, stand mit Goethe in mehrfacher 
Beziehung. Persönlich war er mit ihm in Carlsbad 1807 zu- 
sammengetroffen, hatte ihn dann 18 10 in Teplitz wiedergesehen 
und konnte ihn Okt. 181 1 in Weimar begrüssen. (Vgl. die 
Zusammenstellung Werner S. ^6 ff., Annalen ed. Biedermann 
No. 658 und über das Carlsbader Zusammentreffen vgl. Tage- 
buch III, 237 (g. Das Tagebuch ist über Teplitz, 1810, sehr 
schweigsam IV, 147 ; das. 153 »Handel des Kammerdieners des 
Pr. de Ligne,« nennt den Fürsten aber wiederholt 11. — 17. Okt. 
181 1, IV, 237 fg.) Im Briefe an Knebel (30. Aug. 1810) heisst 

Goethe- Jahrbuch XIV. 8 



114 Neue Mittheilungen. 



es von ihm: »Er ist in seinem 78. Jahre noch so Hof- und 
Weltmann, noch so heiter und leichtsinnig als jemals. Er 
belebt durch seine Anmuth jede Gesellschaft in der er sich 
befindet.« Ausser diesem Gedicht schickte er Goethe noch ein 
anderes über die ^Wahlverwandtschaften« (Varnhagen S. 206) ; 
Goethe, der mit Interesse eine kurze Biographie des Feld- 
herrn (abgedruckt bei Werner S. 185 ff.) las, widmete »dem 
frohsten Manne des Jahrhunderts« ein unvollendetes Requiem 
(Hempel III, 221 ff.). Das Gedicht an den Fürsten v. Ligne 
muss mit dem Briefe vom 16. Jan. 1804 (Tageb. III, 95), 
übersandt worden sein, dem zwölften nicht erhaltenen, Frau 
v. Eybenberg schreibt in ihrem Brief vom 23. Juli »den Brief 
vom 15. Jan.« — Ludwig F. A. Wieland 1777 — 181 9 wurde 
1809 Bibliothekar des Fürsten Esterhazy, muss aber, laut 
unserm Briefe, schon früher in Wien gelebt haben. 

No. 18. In der ausgelassenen Stelle meldet die Schreiberin 
Theaternachrichten : Crescentini habe im Theater gespielt, 
ebenso Frl. [Christel] Eigensatz aus Berlin, (die dort von 
1795 — 1804 engagirt war, vgl. Schäffer und Hartmann, S. 221 ; 
sie war, trotz ihres rechtmässigen Liebhabers Zinnow, mit 
dem sie auch nach Wien ging, 1801 Gentz' Geliebte vgl. 
dessen Tagebücher I, 18 ff. 34), von der man sage, dass sie 
Kotzebue heirathen solle ; man hoffe, die Jagemann werde 
wieder nach Wien kommen. Von sich berichtet sie, dass sie 
den Plan habe nach Corfu zu gehen, diesen aber erst aus- 
führen könne, wenn der in Berlin schwebende Erbschafts- 
process entschieden sei. 

No. 19. Lerse, der bekannte Jugendfreund Goethes aus 
Strassburg, über dessen Wiener Leben Aufzeichnungen zu er- 
warten sind. 

No. 20. Der Process, von dem Mar. in No. 18 Meldung 
that, sei, wie sie berichtet gewonnen, aber die Schwester werde 
weiter chicanirt. Die in dem Briefe genannten Persönlichkeiten 
bedürfen kaum näherer Bezeichnung; der »junge Müller« ist 
Adam Müller, der ja später auch mit Goethe in Beziehung trat ; 
das von ihm angeführte Werk ist die unvollendet gebliebene 
»Lehre vom Gegensatze«, vgl. A. D. B. 22, 503. 

No. 21. Die sehr lange Pause zwischen dieser Nummer 
und der vorhergehenden ist nur durch kleine oder ziem- 
lich inhaltslose Billets auszufüllen; nun greifen aber die 
bekannt gewordenen Briefe Goethes ein und andere Quellen 
lassen uns die Fortdauer des Verhältnisses erkennen. Die 
directe Antwort auf unsern Brief war der Goethes vom 26. Apr. 
1805 (Berl. Sammig. III, 482—484), in dem er auf Müller, Gall, 
die Wiener Lustbarkeiten antwortete. Persönliches und Lite- 
rarisches meldete und Anweisungen für eine Reise nach Italien 
gab. Diese konnte Frau v. E. nicht so bald antreten, wie sie 



Anmerkungen des Herausgebers. II5 

wünschte, durch Krankheit, wie sie am 2. Juni 1805 schrieb, 
daran gehindert. Dagegen konnte sie, Verona 22. Sept. 1805 
mittheilen, sie sei auf dem Wege nach Florenz und Rom. 
Von dieser italienischen Reise, dem Haupt- und Glanzpunkt 
damaliger Weltdamen, hat sich kein Blättchen erhalten. Goethe, 
der ihr am 27. Juni 1806 (G.-J. XI, 82), kurz vor dem Antritt 
einer neuen Carlsbader Reise schrieb, wünschte von ihr zu hören 
und bekannte sich schuldig, ihren letzten Brief noch nicht 
beantwortet zu haben. Am 4. Apr. 1807 sendete Goethe einen, 
den dreizehnten nicht erhaltenen Brief (Tageb. III, 203) durch 
Frl. Jagemann, die nun wirklich nach Wien ging. Der erneute 
sehr lange Aufenthalt Goethes in den böhmischen Bädern 
1807 brachte keine persönliche Begegnung, obwohl zahlreiche 
österreichische Adlige , viele gemeinsame Bekannte hier zu- 
sammentrafen. Wol aber schrieb Goethe am 27. Aug. 1807 
(Tageb. III, 265) den vierzehnten nicht erhaltenen Brief. Eine 
briefliche Äusserung von Frau von E. erfolgte erst wieder am 

11. Mai 1808, aus welcher der Satz hervorzuheben ist: »Ich bin 
alt geworden, ohne klug oder respectabel dadurch geworden zu 
sein.« Sie erzählte darin ferner, dass sie mehrfach mit Frau von 
Stael zusammen gewesen, später aber ihr ausgewichen sei. Diesen 
Brief kann Goethe nicht mehr in Weimar erhalten haben, 
da er bereits am 12. Mai von dort nach Carlsbad fuhr (Tageb. 
III, 334). Dort in Carlsbad fand nun ein sehr angeregtes Bei- 
sammensein statt. (Vgl. ausser dem Tageb. III, 348 ff. Riemers 
Aufzeichnungen hgg. von R. Keil, Deutsche Revue 1 1, i, S. 63 ff.) 
Vom 17. Juni bis 8. Juli fanden tägliche Promenaden, Spazier- 
fahrten, gemeinschaftliche Mahlzeiten statt. Die Gegenstände 
der Unterhaltung bildeten, wie das Tageb. notirt, ihre Samm- 
lungen von Antiken und Pasten, ihre italienische Reise, ihre 
früheren Berliner Bekanntschaften, Wiener literarische und 
theatralische Verhältnisse und dortige Persönlichkeiten, auch 
die damaligen politischen Ereignisse. Daneben las ihr Goethe 
seine neuen Sachen vor: »Die pilgernde Thörin, die neue 
Melusine, St. Joseph den Zweiten, Sonette, Pandorens Wieder- 
kunft«. Auch aus Riemers Berichten erkennt man, dass die 
mit ihr gepflogenen Gespräche in Goethes Tischunterhal- 
tungen nachklangen. Dieses rege mehrwöchentliche Zusammen- 
leben, das noch andere Frauen, z. B. Silvie von Ziegesar 
theilten, wurde unterbrochen durch Goethes Abreise nach 
Franzensbad (9. Juli). Von dort aus schrieb Goethe am 

12. Juli (Tageb. III, 360) das kleine Briefchen, das vorher 
schon von Riemer bezeugt war (13. Juli) : »Kam ein Brief 
von Goethe; auch einer an Frau von Eybenberg. Diesen 
abgegeben« und jetzt G.-J. XI, 82 fg. gedruckt ist. Ver- 
muthlich antwortete die Freundin, Goethe schrieb aufs Neue 
(17. Juli, Tgb. III, 362, Berl. Samml. III, 605—607) einen 

8* 



Il6 Neue Mittheilungex. 



herzlichen Brief, der auf mancherlei Vorfälle des Badelebens 
neckisch Bezug nahm, die Ereignisse dts Franzensbadener 
Aufenthaltes kurz verzeichnete und mit der dringenden Bitte 
schloss: »Und liebe Freundin, bald geschrieben ! bitte! bittel 
Wenig selbst, viel per secretarium. Addio !« Dieses Lebewohl 
galt nicht für lange, denn 5 Tage später, am 22. war Goethe 
schon wieder in Carlsbad und wiederholte (Tageb. III, 363 fg.) 
das tägliche Zusammenleben mit der Freundin. In einem 
Briefe der Frau von Eybenberg an Riemer (Deutsche Revue 
12, I S. 282 fg. Anm.) heisst es: »Treiben Sie hübsch, dass 
Ottilie bald erscheine. 4 Monate sind schon verflossen und 
in 6 Monaten versprach der Geheime Rath mir, ihr ihre entree 
in der Welt machen zu lassen — oft unterhalte ich mich mit 
dem lieben Kinde.« Keil setzt den Brief 1809; ist die Zeit- 
bestimmung Mariannens genau (4 Monate), so muss er aus 
dem Nov. 1808 sein. Nun wurden die Wahlverwandtschaften, 
so weit sie fertig waren, vorgelesen, auch von Faust gesprochen; 
über einen bei Frau v. E. zugebrachten Abend heisst es: 
»Schilderungen mehrerer Persönlichkeiten und Verhältnisse, 
besonders der neuen Kaiserin, ihrer Mutter, ihres Betragens 
und Umgebungen.« Am 31. Juh', wie auch Riemer verzeichnet, 
reiste die Freundin nach Teplitz (Tgb. III, 366). Sie über- 
brachte dem Herzog Carl August einen Brief Goethes (Vjs. 
f. Litg. I, 267), in dem der Schreiber über seinen Verkehr mit 
der Freundin berichtete. Dort wurde sie mit der »Anhäng- 
lichkeit« an Goethe sehr geneckt, u. A. vom Herzog Carl 
August und empfing dort eine ganze Anzahl Goethischer 
Briefe. Der erste vom 7. Aug. (G.-J. II, 261 (g,, dazu die Nach- 
schrift G.-J. XI, 83. Tgb. III, 369) betraf nur den Ankauf 
ihrer Sammlung geschnittener Steine. (C. Ruland stellt mir 
freundlichst folgende zwei hierher gehörige Notizen zur Ver- 
fügung: 1808, Juni, Fr. v. E. übermittelt das Buch von Lawrenze 
»L'Empire des Nairs« an Goethe. — 1808, 29. Juli, Goethe kauft 
von ihr für 120 Th. geschnittene Steine.) Frau von Eyben- 
berg antwortete auf den Brief vom 7. August in einem 
nicht bekannten Briefe und erhielt am 12., am Tage da 
ihr Brief angekommen war (Tgb. III, 371), eine Erwiderung 
(Berl. S. III, 607 — 609), die über Goethes Beschäftigungen, 
Besuche ausführlichen Bericht ertheilt und Ausdrücke herz- 
lichen Einverständnisses enthält. Nur fünf Tage später, am 
17. Aug. (Tgb. III, 373), schrieb Goethe von Neuem einen 
(den fünfzehnte ti) nicht erhaltenen Brief. Auf diesen oder 
auf den vorigen Brief erhielt Goethe eine gleichfalls nicht 
erhaltene Antwort, auf die er in einem Briefe vom 22. und 
gleich auf diesen noch einen, gleichfalls nicht aufbewahrten, 
auf den er am 29. August (Tgb. III, 375, 379 B. S. III, 613 
— 615, auch bei Varnh. 105—107) näher einging, die Freundin 



Anmerkungen des Herausgebers. II7 

zunächst wegen der Kriegsgerüchte beruhigend, von denen 
sie Gefahr für sich und ihr Eigenthum befürchtete. Sodann 
bestellte Goethe mancherlei Grüsse, auch an seinen Herzog, 
sprach von einzelnem Geschäftlichen, auch von seiner Thätig- 
keit, verabschiedete sich im letztern Brief, da er nach Franzens- 
bad ging, erbat von der Freundin einen Brief, sobald sie nach 
Wien zurückgekehrt sei und versprach seinerseits alsbald nach 
seiner Ankunft in Weimar zu schreiben. Dies that er freilich 
nicht gleich nach dem 17. Sept., an welchem er in Weimar 
ankam (Tgb. III, 387). Frau vonEybenberg aber blieb ihrem 
Versprechen treu und wandte sich von Dresden aus in einem 
nicht erhaltenen Brief an den Freund, den dieser in den be- 
deutsamen Tagen der Erfurter Zusammenkunft empfing. Er 
antwortete (Tgb. III, 392) am 9. Okt. (G.-J. XI, 83), auf einen 
umständlichen Brief Riemers verweisend, der nicht erhalten 
zu sein scheint und der vielleicht im Stande wäre, manches 
Zweifelhafte und Unaufgeklärte jener Erfurter Tage aufzuhellen. 
Am 28. Nov. 1808 verzeichnete Goethe, was sonst sehr selten 
geschieht (Tgb. III, 402), Briefe von Frau von Eybenberg und 
Frau von Flies. Ankunft der Wiener Pasten. Die Wiener 
Pasten mögen von beiden Damen stammen ; auch Frau von 
Flies gehörte zu den Wienerinnen, mit denen G. in Carlsbad 
viel verkehrte. Seltsam bleibt dabei freilich nur, dass 
Marianne damals nicht in Wien war. Vielmehr schreibt 
sie aus Dresden 18. Nov., dass sie wieder sehr krank gewesen 
sei. Goethe antwortete, 5. Dez. »an Frau von Eybenberg in 
Prag« (Tgb. III, 403; im Druck Berl. S. III, 620—623 hat 
der Brief das Datum des 4./12. und wird ebenso in der gleich 
zu erwähnenden Erwiderung datirt). Dieser Brief ist einer der 
ausführlichsten, die G. an die Freundin geschrieben hat. Er 
handelt in vertraulichem Plauderton über Weimarer Industrie, 
französische Schauspieler, fremde, besonders literarische Be- 
rühmtheiten, mit Anspielungen auf die Erfurter Kaisertage. 
Je inhaltreicher Goethes Briefe werden, desto inhaltloser die 
ihrigen; ihr Schreiben, Prag 1 8-/23. Dez. 1808 ist nur ein lang- 
gezogener Dank für das ebenerwähnte. Vermuthlich schickte 
sie mit oder nach diesem Briefe »Neujahrsbilder und Fasanen« 
(wie Goethe im Tgb. IV, 5 anmerkt), wofür sich Goethe in dem 
Briefe vom 16. Jan. 1809 bedankte (Berl. Sammig. III, 627 fg.). 
Aber auch sonst wusste er in diesem Briefe der Freundin 
manches artige Wort zu sagen und die Hoffnung auf ein 
sommerliches Wiedersehen in den böhmischen Bädern stark 
hervorzuheben. Ein solches fand in diesem Jahre jedoch nicht 
statt. Goethe blieb in Weimar und Jena, die Freundin meldete 
ihre Abreise aus Prag (11. März 1809). Wenige Monate später 
muss sie wieder geschrieben haben, dass sie sich vor den 
Kriegsunruhen nach Schlesien geflüchtet hätte, denn Goethe 



1 18 Neue Mittheiluxgen. 

und Riemer schreiben beglückt darüber (i6. Juni 1809 G.-J. 
XI, 84) sie ausser Gefahr zu wissen. Nun aber Hess sie eine 
so lange Zeit verstreichen, dass Goethe über ihr Schweigen 
ängstlich geworden, nach Breslau (Tgb. IV, 37 u. 67), wo 
er sie noch immer vermuthete, eine Mahnung abgehen Hess, 

I. Okt. 1809 (G.-J. XI, 84 fg.), dringend um Nachricht bat 
und kurz von seinem Ergehen und Schaffen berichtete. Der 
Brief kam wahrscheinlich erst nach langer Zeit an die richtige 
Adresse, denn die Adressatin antwortete erst mit unserm Brief 
am 19. Dez. 1809. Die darin erwähnten Theatercaprizen der 
Frau Unzelmann sind bekannt genug. Der Einzug des Königs 
fand am 23. Dez. statt. »Nie hat« meldet der Polizeipräsident 
Grüner an den Minister Dohna (Berl. Geh. St. A. R. 77, D XVI) 
»Berlin sich in einem schönern Character gezeigt, als an diesem 
Tage.« In denselben Polizeiberichten, die mehrfach von Unzel- 
manns Trunkenheit und den scandalösen dadurch hervorge- 
rufenen Theaterscenen berichten, heisst es zum 25. Dez.: »Im 
National-Theater ist Alles ruhig geblieben. — Das erste Stück von 
Iffland »der Verein« ward wegen seiner mannigfachen Beziehung 
auf die hohen Empfindungen des Tages mit unendlichem Bei- 
fall aufgenommen und am Schluss des Ganzen das Publikum 
durch Herrn Iffland mit der Schauspielerin Bethmann versöhnt.« 

No. 22. Wie sehnlich Goethe diesen Brief erwartet hatte, 
geht aus dem Umstände hervor, dass er unmittelbar nach 
dem Empfange (22. Dez. Tgb. IV, 85 fg., B. S. III, 661 fg.) 
antwortete, seiner Freude Ausdruck gab, um weitere Nach- 
richten bat und mit einer wahrhaft jugendlichen Sehnsucht 
sein Verlangen nach einem erneuten Zusammentreffen be- 
kundete. Ehe dieses, das letzte, längste und innigste statt- 
fand, wurden noch einige Briefe gewechselt. Vermuthlich hat 
auch Marianne gleich wieder geschrieben; auf ihren Brief 
würde der sechszehnte nicht erhaltene Goethes vom 4. Jan. 18 10 
(Tgb. IV, 87) die Antwort sein. Es ist kaum anzunehmen, 
dass dieser Brief von Goethe dem damals in Weimar an- 
wesenden, dann nach Erfurt reisenden, später wieder in Wei- 
mar verweilenden W. v. Humboldt mitgegeben wurde. Wahr- 
scheinlicher ist es, dass der an Humboldt 5. Febr. durch Elkan 
gesandte Brief (Tgb. IV, 94) ein neues (das siebzehnte?) ^\^^l 
an die Freundin enthielt. Sonst würde der Anfang unseres 
Briefes nicht verständlich sein. Das in ihm gerühmte Buch 
sind die Wahlverwandtschaften. Die »Weihe der Kraft« ist 
das Schauspiel Z. L. Werners, dessen erste Vorstellung am 

II. Juni 1806 so ungeheures Aufsehen gemacht hatte. Hier 
kann nur die Vorstellung vom 17. Febr. 1810 gemeint sein; 
die Vorstellung des »Kaufmanns von Venedig« fand am 
5. März 1810 statt. O. Göritz, der mir diese Daten nach- 
weist, bemerkt dazu: »In der Rec. vom 15. März (in No. 32 



Anmerkungen des Herausgebers. II9 

der Spenersch. Ztg., wo die 3 te Darstellung am 12. März be- 
sprochen und Iffland als Shylock gerühmt wird) klagt man 
über die Leere des Hauses.« In demselben Brief, in dem sie 
wie auch sonst gelegentlich manche Grüsse und Empfehlungen 
an den Herzog, an Frl. von Göchhausen, an Riemer sandte, 
theilte Marianne mit, dass ihr Erbschaftsprocess gewonnen 
sei, dass es nun aber auf die Realisirung des väterlichen Ver- 
mögens ankomme. 

No. 23. Der undatirte Brief gehört wol ins Jahr 1804. 
Damals war Frl. Maas Gast. Sie spielte in der Vorstellung 
vom I. Apr. 1804 die Agnes Sorel. Frl. Maas von der aus- 
führlich S. 61 die Rede ist, debutirte in Weimar 17. Febr. 
1802 und ging 1805 ab. (Pasqu^ II, 304.) 

Mit den bisher mitgetheilten oder in Regesten gebotenen 
Briefen ist Mariannens Correspondenz, soweit sie mir vorge- 
legen hat, erschöpft. Zu erwähnen bleiben nur noch zwei 
Briefe (Berlin, 24. Febr. u. 1. März 18 10). In dem letztern 
sprach sie die Hoffnung aus, Goethe in Carlsbad zu sehn und 
schloss mit den Worten : »Erfreuen Sie mich bald mit einem 
Wort und glauben Sie, dass es mir in dieser bösen Zeit viel 
Trost gewährt und eine Art Wohlthat ist. Leben Sie recht wohl 
und gedenken mein in Gutem. Marianne«. Es ist sehr wohl 
möglich, dass diese beiden Briefe (vom 24. Febr. und i. März), 
deren einen Goethe am 3. März als angekommen erwähnt 
(Tgb. IV, 99) es sind, für die er sich am 1 1 . Mai 1 8 1 o (G.- J. XI, 85) 
bedankt, seine demnächstige Abreise nach Carlsbad notificirend. 
Dorthin muss sich Marianne angemeldet haben, denn Goethe 
meldet i. Juni (Tgb. IV, 128) »Brief von Frau von Eyben- 
berg. Quartier für die letzte gesucht«. Doch dauerte es noch 
länger als 5 Wochen, bis Frau v. E. wirklich kam. Am 22. Juni 
(G.-J. XI, 85) schrieb Goethe ihr nach Teplitz, dass sie er- 
wartet würde. Am 8. Juli kam sie. Von diesem Tage bis 
zum 3. Aug. verzeichnet Goethes Tagebuch fast täglich 
(während Gentz' Tagebuch I, 211 und Riemers a. a. O. 12, 
4, S. 40 fg. sie nur ganz gelegentlich erwähnt ; eine Notiz 
über ihre Ankunft auch Heitmüller S. 162) Besuche von oder 
bei ihr, gemeinsame Spaziergänge und Fahrten, Vorlesungen 
und Gespräche. Als Gegenstände der beiden letzteren werden 
Campes Wörterbuch, Goethes Märchen »und inwiefern es eine 
Deutung habe« genannt. Am 4. August fuhr Goethe nach 
Teplitz; es ist leicht möglich, dass das undatirte Billet (G.-J. 
XI, 86) den Abschied ankündigt. Doch war dieser Abschied 
kein definitiver. Denn am 16. Aug. kam Frau v. E. mit 
ihrer Schwester nach Teplitz und Goethe der dies meldet 
(Tgb. IV, 147 fg.) verzeichnet nun wieder getreulich bis zum 
15. Sept. das sehr häu6ge Zusammensein mit beiden Schwestern. 
Am 16. Sept. reiste Goethe von Teplitz ab und sah Marianne 



120 Neue Mittheilungen. 



nicht wieder. Doch hörte die Corr. nicht völlig auf. AVenigstens 
ist noch ein Brief Goethes erhalten. Er ist jedenfalls vom 
7. Dez. 18 10 (obwol er bei Varnhagen und in der Berliner 
Samml. vom 10. Dez. 1807 und bei Strehlke vom 10. Dez. 1810 
datirt ist). Dies muss man daraus schliessen, dass Goethe 
damit beginnt, er schliesse eben einen Brief an die Schwester, 
der eben vom 7. Dez. ist (Tgb. IV, 171), ferner aus der Er- 
wähnung von Hackert, Körtes Leben, Gleim, dem Brief des 
Prinzen v. Ligne, die alle nothwendig auf Anf. Dez. 18 10 
führen (vgl. Tgb. IV, 170). Als letzter würde sich dann 
Goethes Brief vom 10. Dez. (181 o? oder 18 11, G.-J. XI, 86) 
anschliessen, der jedenfalls später ist als der vorige. Weitere 
Spuren einer Correspondenz sind aber nicht vorhanden. Frau 
vonEybenberg wurde immer kränker. »Unsere gemeinschaft- 
liche Freundin die Frau von Eibenberg« schrieb Caroline v. 
Humboldt 22. Jan. 1812 an Goethe (G.-J. VIII, 79), »nähert 
sich langsam und unter vielen vielen Leiden ihrer Auflösung. 
Ihre Schwester ist bei ihr und pflegt und wartet sie mit 
rührender Liebe und Sorgsamkeit«. Für einige Zeit nun wurde 
die Schwester Goethes eifrige Correspondentin. 



No. 24. Über die Anknüpfung der Bekanntschaft vgl. 
oben S. 104. Frl. Koch ist vielleicht die oben S. 106 genannte 
Dame; ebenso vielleicht Mathäi der oben S. 109 erwähnte. 

No. 25. Die am Schluss des vorigen Briefs ausgesprochene 
Hoffnung ging nicht bald in Erfüllung. Vielmehr schrieb 
Sara nochmals am 29. Jan. 1797 ^^ ^^^^ nach der Ankunft 
der ersten Sendung zu erkundigen. Darauf antwortete 
Goethe am 9. Febr. 1797 (Varnh. S. 82 fg.) mit freundlichen 
Worten, ihr für Geschenke und Urtheile dankend, Grüsse für 
Rahel mitsendend und sein Epos »Hermann und Dorothea« 
ankündigend. Diese Äusserungen nahm Sara zum Anlass 
sehr vertraulicher ErÖff'nungen. Sie theilte mit, dass sie einen 
12 jährigen Roman dadurch zum Abschluss gebracht, dass sie sich 
mit dem preussischen Hauptmann von der Armee, Baron von 
Grotthuss verheirathet habe. Sie habe warten müssen, bis 
der Vater ihres Gatten gestorben sei und habe zur Erreichung 
ihres Zieles grosse pekuniäre Opfer bringen müssen. Die 
abgedruckte Stelle, die durch Nicolais bekannte Erwiderung 
auf die Xenien hervorgerufen wurde, und manche Anspielungen 
auf diese Schrift wie die Xenien selbst enthält, mag etwas roman- 
haft aufgeputzt sein, bietet aber immerhin ein interessantes 
Berliner Stimmungsbild vom Ende des 18. Jahrhunderts. 

No. 26. Der undatirte Brief ist laut Goethes Antwort vom 
28. März 1801 (Tgb. Ilt, S. 11; schon Strehlke vermuthete 
das richtige Datum; der Brief ist abgedruckt Varnhagen S. 83) 



Anmerkungen des Herausgebers. I2I 

im März 1801 geschrieben, der Herzog kam am 27. März 
von Berlin zurück und nahm das Schreiben und die mit 
Bildern aus Tasso geschmückte Tasse mit. Goethes Antwort 
enthält einen ziemlich kühlen Dank. Vor unsern Brief gehört 
noch ein Schreiben vom 31. Jan. 1801. In diesem gab sie 
ihrer Freude Ausdruck, dass Goethe wieder gesund sei, er- 
zählte, dass sie mit Frau von Genlis (über deren Aufenthalt in 
Berlin vgl. Henr. Herz, Erinnerungen S. 164 ff.) mehrmals 
Theater gespielt habe, hoffte Egmont bald zu sehen und 
theilte mit, dass Reichardt dazu Musik mache, wie er auch 
zu Proserpina Musik gemacht habe. Auf diese literarischen 
und persönlichen Nachrichten ging Goethe in seiner Antwort 
(i. Febr. 1806, Varnh. S. 84) nicht ein. 

No. 27. Auch zwischen diesem und dem vorangehenden 
Brief liegen wiederum mehrere Jahre; grade in der Zeit, in 
welcher der persönliche und literarische Verkehr mit Marianne 
besonders lebhaft war, stockte der mit Sara vollständig. Nur 
bei dem letzten Zusammensein in Teplitz wurden die Be- 
ziehungen zur Letzteren wieder aufgenommen und blieben 
von da an ziemlich lebhaft. Ganz vereinzelt ist das Briefchen 
vom 7. Jan. 1806, in dem Sara meldete, dass sie wieder nach 
dem Verkauf der Güter des Mannes in Berlin lebe. Goethe 
antwortete sehr bald (i. Febr. 1806, Varnh. S. 84), bedankte 
sich für ihre Sendungen, die fast ausnahmslos die Briefe be- 
gleiteten, sprach aber mehr von der Schwester als von der 
Adressatin. Es ist nicht unmöglich, dass ein derartiges Vor- 
gehen die Eifersucht der leicht Erregbaren erweckte und ein 
4 jähriges Verstummen bewirkte. Dann kamen die August- 
tage des J. 18 IG, in denen der persönliche Verkehr durch 
Goethes Tagebuch vielfach bezeugt ist (Tgb. IV, 146 — 156 
passim). Von der Sommerreise nach Berlin zurückgekehrt, 
brachte sich Sara am 23. Okt. 1810 durch liebenswürdiges 
Geplauder in Erinnerung, grüsste Riemer und theilte Goethe 
mit, dass sie für seinen Protegd Lichtenstein geworben habe. 
Dies kann nur der Zoologe Martin H. K. Lichtenstein sein, 
A. D. B. 18, 556 fg., der alsbald nach Begründung der Berliner 
Universität dort lehrte und dieser Protection schwerlich 
bedurfte. Auf die Universitätsverhältnisse ging Goethe in 
seiner Antwort (28. Okt. 18 10, Varnh. S. 84 fg.) mit Interesse 
ein, ernannte aber gleichzeitig Frau Sara zu seiner Com- 
missionärin, für deren leckere Sendungen er ausser der Be- 
zahlung »papierne Aequivalente« versprach. Solchem Auftrage 
nachzukommen muss die Schreiberin ihre Bereitwilligkeit in 
einem nicht erhaltenen Briefe erklärt haben. Für ihn bedankt 
sich Goethe am 7. Dez. 181 o (Tageb. IV, 171, Varnh. S. 85 ff.), 
kündigte die auch der Schwester übermittelten Äusserungen 
des Prinzen von Ligne über die »Wahlverwandtschaften« an 



122 Neue Mittheilungev. 



(oben S. 113) und stellte Rücksendung des Trauerspieles von 
Ludwig Robert »Die Tochter Jephtas« in nahe Aussicht. 
Sie erfüllte sich aber erst am 6. Jan. 181 1. (Der Brief im 
Tgb. nicht verzeichnet, ist bei Varnh. S. 86 und bei Strehlke 
falsch vom 6. Dez. 1810 datirt; das am 7. Dez. versprochene 
Stück kann nicht am 6. schon geschickt sein.) Zu diesem 
Brief wird Goethe durch eine durch L. Robert veranlasste 
Mahnung — Goethe schreibt »Anregung« — und durch eine neue 
culinarische Sendung Saras veranlasst worden sein, für die schon 
Riemer am 2. Jan. 181 1 (G.-J. VI, 119) den vorläufigen 
Dank ausgesprochen hatte. Ausführlicher als über die für 
die Küche bestimmte verbreitete sich Goethe diesmal über 
die literarische, indem er das schon genannte Trauerspiel 
(vgl. Goedeke, Grundr. III, a. A. 427, 431) eingehend charac- 
terisirte. Fast umgehend (13. Jan. .1811) bedankte sich Sara 
für diese Kritik, schickte Zander, entschuldigte das Ausbleiben 
des Caviars mit seiner schlechten Beschaffenheit und der hohen 
darauf liegenden Steuer, und theilte mit, dass Bettina Achim 
von Arnim heirathe. Offenbar muss bald darauf eine neue 
Sendung von Berlin eingetroffen sein (vielleicht bezieht sich 
darauf die Notiz Tgb. IV, 181, 25. Jan. 1811), auf die Riemer 
am 12. Febr. (G. J. VII, 217) und Goethe am 15. Febr. 
(Varnh. 87 fg.; das Tgb. IV, 184 hat 16. Febr.) antwortete, 
denn in dieser Antwort ist von der Bitte einer Mad. Crayen 
die Rede, von der im Briefe vom 13. Jan. nicht gesprochen 
wurde. Zwei weitere Briefe Goethes vom 4. und 17. Apr. 
181 1 (Varnh. S. 88—90), von denen der eine »nebst einem 
Kästchen mit meinen Schriften«, der andere »durch Wolffs« 
(das Schauspielerpaar) geschickt wurde (Tgb. IV, 196, 198), 
blieben ohne unmittelbare Antwort, obwol die Sendung 
der »Schriften« gewiss eine solche verdiente. Vielleicht 
ist ein Brief verloren, wie aus dem folgenden hervorzugehen 
scheint, vielleicht wurde der durch Gelegenheit gesendete 
spät bestellt, denn erst am 9. Mai i8ii schrieb Sara, dass 
sie sich der Bekanntschaft mit dem Schauspieler P. A. 
Wolff freue und dass dieser als »Mortimer« besonders gefallen 
habe. (Diese Vorstellung fand am 4. Mai statt. Vgl. die 
Recension in der Spenerschen Zeitung vom 9. Mai.) Nun 
Hess Goethe eine im Vergleich zu der jüngstverflossenen Zeit 
ungewöhnliche Pause eintreten, so dass Sara aus Teplitz am 
28. Juli 181 1 sich erkundigen musste, ob ihr früheres Schreiben 
eingetroffen sei; um die Antwort zu beschleunigen, meldete 
sie Trauriges von dem Gesundheitszustand ihrer Schwester. 
Daraufhin antwortete Goethe alsbald 6. Aug. (Varnh. S. 90 fg.) 
»mit einem Prolog für Halle« (Tgb. IV, 226), gab seiner 
Besorgniss für die Schwester in zärtlichen Worten Ausdruck 
und schrieb Einzelnes über Befinden, Thätigkeit und Lieb- 



Anmerkungen des Herausgebers. 123 

habereien. Für diese Sendung dankte Sara, Dresden 22. Aug. 
iSii, konnte aber nichts Gutes über das Befinden ihrer 
Schwester melden und schilderte den diesmaligen Aufenthalt 
in Teplitz, wo man Goethe vergebens erwartet hatte, in 
düsteren Farben. Weder dieser, noch ein fernerer Brief vom 
3. Sept., des Inhalts, dass sie nach Wien zur Pflege ihrer Schwester 
gehe, noch ein erneuter Mahnruf vom 20. Nov., in dem sie 
berichtete, sie sei schon 8 Wochen in trauriger Sorge um die 
von ihr gepflegte Schwester, hatten eine unmittelbare Antwort 
zur Folge. Erst am 8. Jan. (Tgb. 7. und 10. Jan. IV, 251 
u. 252; bedeutet dies 2 Briefe oder Anfang und Schluss des- 
selben Briefes?) 181 2, dann aber sehr ausführlich schrieb 
Goethe (Varnh. S. 91 — 93). Er schrieb freundlich besorgt 
um das Befinden Mariannens, gab genauen Bericht über Auf- 
führung, Eindruck und Fehler der »Tochter Jephtas« (Burk- 
hardt, Repertoire S. 81 verzeichnet die 2 Vorstellungen vom 

21. Sept. u. 26. Okt. 181 1) und fügte zum Schluss die Bitte 
hinzu, seine Autographensammlung durch Zuwendungen zu 
bereichern. Diesem Verlangen muss Sara nachgekommen sein 
oder wenigstens Handschriften angekündigt haben, denn am 

22. Juni (Tgb. IV, 296, Varnh. S. 93 fg.) erbat Goethe Sendung 
des Gesammelten, freute sich der zeitweiligen Besserung der 
Schwester und erwiderte auf manches Literarische und Persön- 
liche, das die Schreiberin berührt hatte. Das scheinbare 
Besserbefinden Mariannens hielt so lange an, dass Sara sich 
nach Dresden und von dort nach Tharandt begeben konnte. 
Von dort aus schrieb sie den Brief, von dem ein Stück als 
No. 27 abgedruckt ist. Der Maler F. A. Hartmann, der hier 
erwähnt ist vgl. Strehlke I, 237, besonders G. Haackh, Beitr. 
aus Württemberg z. neuen deutschen Kunstgesch. Stuttg. 1863 
S. 15 ff". Das Bild »Erlkönig den Vater mit seinem Kinde 
verfolgend« befindet sich in der Stuttgarter Gallerie. H. be- 
schreibt es so; »ein Nachtstück, dessen Scene eine Schlucht 
mit schroff'en und gezackten Felsen ; von den Wänden rieselt 
Wasser herab; den feuchten Grund füllen Weidenbäume; zur 
Seite gewahrt man einen Reigentanz der Elfen. Die in Nacht 
getauchten Töne des vielleicht noch nachgedunkelten Bildes 
schaden dem Eindruck«. 

No. 28. Als Sara den vorigen Brief schrieb, wusste sie noch 
nichts vom Tode ihrer Schwester. Doch muss Marianne wenige 
Tage später gestorben sein. Am 2. Aug. hatte Goethe die 
Nachricht schon und schrieb der Freundin einen Trostbrief 
(Varnh. 94 fg.; Tgb. IV, 308 mit dem Datum: 3. Aug.). 
Diese Hess mehrere Monate verstreichen, ehe sie darauf ein- 
ging. Erst am 24. Dez. 181 2 schrieb sie wieder. So weit 
war sie doch schon, dass sie den zweiten Theil seiner Auto- 
biographie rühmen konnte ; sonst aber war sie in dem An- 



124 Neue Mittheilungek. 



denken an ihre Schwester versunken. Sie gab ihrer Trauer 
über den Todesfall offenen Ausdruck, bedauerte, dass sie der 
Schwester Zeichnungen und Briefe nicht erhalten habe und 
theilte mit, dass sie den Marianne von Goethe geschenkten 
Siegelring in einer Auction habe kaufen müssen. Nun trat 
eine einige Monate währende Pause ein. Dann trat an die 
Stelle des schriftlichen der mündliche Verkehr. Am 20. bis 
26. April war Goethe in Dresden, wo Sara wohnte. Das 
Tgb. vom 22. Apr. meldet : »Bey Fr. v. Grothus, die ich 
nicht zu Haus fand.« Was er ihr dort schriftlich am 23. Apr. 
zu sagen hatte, ist mir, da der Generalanzeiger für Thüringen 
1842 No. 40 mir nicht zugänglich ist, unbekannt. Das Tgb. 
meldet von diesem Tage »Bey Fr. v. Grothus.« Am 24. war 
er mit der Freundin froh zusammen. Im Tgb. heisst es 
(eigenhändig): »Bey Frau von Grothus. Punsch u. gute Ge- 
sellschaft. Zur Illumination mit ihr und andern.« Noch 
2 Monate später schrieb Goethe der Freundin : »Gedenke ich 
des 24. April, so weiss ich nicht, was ich denken soll und 
doch denke ich gern an den erleuchteten Punschabend. Er 
bleibt mir ein lichter Punkt.« Am 26. nahm er schriftlich 
von ihr Abschied (G.-J. VII, .183), da er nach Teplitz zu der 
dort weilenden Erbprinzessin von Weimar reiste. Diese gab 
dann den Anlass zu dem nächsten Schreiben der Freundin. 
Denn im Frühjahr 1813 schrieb Sara (dies nach der Notiz bei 
Varnhagen S. 96) wegen Theilnahme der Erbprinzessin von 
Weimar an den Frauenvereinen. Goethe antwortete darauf 
nicht sofort, sondern erst am 28. Juni 181 3 (Varnh. S. 95), 
nach einem zweiten nicht erhaltenen Briefe, in welchem die 
Schreiberin u. A. von der schweren Erkrankung ihres Gatten 
Meldung gethan hatte. Wiederum vergingen einige Monate. 
Als Sara wieder zur Feder griff (26. Nov. 181 3) konnte sie 
über das Befinden ihres Gatten nur Trauriges berichten. Eine 
Notiz aus diesem Briefe verdient eine Mittheilung, weil sie 
des Schauspielers Talma Verehrung für Goethe — sie kannten 
sich seit 1808 (vgl. Schriften der Goethe-Gesellsch. VI, 145 fg. 
Goethe, Hempel, 27,323,327) — bezeugt. Sie lautet: »Talma 
der mich in Tarant aufgesucht um mir etwas von der Genlis 
zu sagen hatt mir unsäglich viel für Sie (den er mit Gebühr 
adorirt) aufgetragen. Ich habe viel mit ihm über seine Ansicht 
Ihrer Eigenthümlichkeit gesprochen und obzwar er Sie nur in 
Profil beurtheilt, so that mir sein Enthousiasmus doch wohl.« 
Auf diese letztere Notiz ging Goethe in seiner Antwort 
vom I. Dez. (Varnh. S. 96) nicht ein, brauchte aber sonst 
über sein persönliches Verhältniss zur Freundin und über die 
allgemeinen Ereignisse so herzliche und theilnehmende Worte, 
dass ihr wundes Herz darob gerührt werden musste. Solche 
Rührung wird ausgedrückt in ihrem Schreiben vom 26. Nov. 



Anmerkungen des Herausgebers. 12 5 

181 3. Sie sprach ihre Sehnsucht nach seinem Umgange aus, 
freute sich, dass der Kriegssturm so gnädig an ihm vorüber- 
gegangen war, erkundigte sich theilnehmend nach Riemer, 
der ihr schon manchmal Vermittler mit Goethe gewesen war. 
Dieser antwortete i. Dez. 1813 (Varnhagen S. 96 fg.) in er- 
freulichster Weise; besonders erquicklich war ihr gewiss das 
Bekenntniss, dass er »Ihre Freundschaft« unter »die einzigen 
Schätze« rechnete, »an denen wir uns erfreuen dürfen«. 

No. 29. Der trübe Brief enthielt auch die Ankündigung 
einer Sendung Spickgänse. Noch ehe sie eintraf, antwortete 
Goethe am 7. Febr. 1814 (Varnh. S. 97 fg.) mit merkwürdig 
politisch-literarischen Bekenntnissen über jene Zeit; nachdem 
sie eingetroffen waren, erliess er einen wortreichen Dank für 
die »fünf köstlichen Gänsebrüste« (17. Febr., Varnh. S. 98 fg.) 
und verknüpfte mit diesem eine sehr eingehende Betrachtung 
über das Werk der Frau von Stael; de TAllemagne. In zwei 
Briefen vom 14. und 21. März ging Sara auf diese Betrach- 
tungen ein und sendete dem Meister Wiener Chocolade. Da 
noch immer keine Antwort aus Weimar eintraf, so schrieb 
sie aufs Neue (21. April), bedauerte des Meisters Stillschweigen, 
bat um Mittheilung seiner Reisepläne für den Sommer und 
berichtete, dass sie mit ihrem Gatten nach Tharandt gehe. 
Der 2. Theil des Buches de PAllemagne enthielt in Cap. 7 
eine allgemeine Schilderung von Goethes Wesen und Persön- 
lichkeit, in Cap. 21 bis 23 eine Besprechung seiner Haupt- 
dramen und in vielen anderen allgemeinen Abschnitten ein- 
zelne Betrachtungen über andere Theile seiner Wirksamkeit. 
Goethes Brief vom 23. April (Varnh. S. 100), der sich mit 
jenem Saras vom 21. April kreuzte, war mehr eine Antwort 
auf den vorhergehenden vom 21. März ; die zwei ersten Bücher 
des 3. Theils von »Dichtung und Wahrheit«, der dem grössern 
Publikum erst in einigen Wochen zugänglich werden sollte, be- 
gleitete den Brief; die 3 letzten folgten am 9. Mai vgl. G.-J. VII, 
184 fg. Für ein solches Geschenk hätte sich die Beschenkte 
gewiss schnell bedanken sollen; dass sie es erst am 19. Mai that, 
war, wie sie schrieb, in einer schweren Erkrankung und in einer 
Trennung von einer Dienerin begründet, die lange bei ihr ge- 
wesen (vielleicht dem obenS. 104 und 120 genannten Frl. Koch). 
In die Reihe der Briefe gehört nun ein sehr ausführliches, im Ori- 
ginal und in Abschrift erhaltenes Schreiben der Frau v. Grotthus, 
mit der Aufschrift »Aus Riemers Nachlass« vom 25. Mai 18 14. 
Ich nehme von seinem Abdruck Abstand, weil es in der von 
F. G. Kühne herausgegebenen »Europa« 1850 No. 27 gedruckt 
ist. Sie ging darin sehr ausführlich auf »Dichtung und Wahr- 
heit« ein und begleitete Goethes Schilderung mit ihren Be- 
merkungen. Sie wiederholte ferner darin einen Theil des schon 
oben erzählten mit Lessing erlebten Abenteuers, erklärte die 



126 NtUE MlTTHEILUNGEN. 



Personen in »Nathan dem Weisen« als Portraits Berliner Männer 
und Frauen und gedachte ihrer eigenen persönlichen Bekannt- 
schaft mit einigen hervorragenden Schriftstellern, u. A. Herder. 

No. 30. Da sie keine Antwort bekam, so schrieb Sara 
von Neuem jenen warmen Appell an Goethes Patriotismus und 
Dichterberuf, den man mit Vergnügen lesen wird. Dem von 
ihr unterstützten Wunsch des Prager Theaterdirektors Liebich, 
für die Prager Bühne ein Friedensfestspiel zu schreiben, konnte 
Goethe nicht nachkommen, empfahl ihm aber »des Epimenides 
Erwachen« (G.-J. VII, 185 fg.) und schickte diese Empfehlung 
der Freundin am 7. Juli zu (Varnh. S. 100 fg.). Über Carl 
Liebich vgl. O. Teuber, Geschichte des Prager Theaters, Prag 
1885, II, S. 372—418, der aber diese Beziehung zu Goethe 
nicht kennt. Der erste Brief Liebichs an Goethe oder Frau 
von Grotthus ist im Goethe-Archiv nicht erhalten; wol aber 
ein zweiter aus Bad Liebwertha in Böhmen vom 29. Juli 1814 
datirter. Darin bittet L. um eine Abschrift des Festspiels und 
drückt den Wunsch aus, zugleich im Namen des Landesgou- 
verneurs Grafen v. Kolowrat, Goethe möge etwaige nöthig 
erscheinende Änderungen selbst vornehmen. 

No. 31. Zwischen diesem und dem vorigen Briefe muss 
mehr als der eine erhaltene Brief vom 21. August liegen, in 
dem Sara sich entschuldigt, dass sie lange nicht geschrieben 
habe. Denn in Goethes Brief vom 16. Nov. 1814 (Varnh. S. loi), 
der ein auch anderen Freunden mitgetheiltes Blatt über seine 
im vergangenen Sommer unternommenen Reisen begleitete, 
ist von einem »eben angelangten« Brief die Rede. Goethes 
Schreiben, das auch Nachrichten über Riemers Verheirathung 
enthielt, beantwortete Sara mit unserm Briefe, den wiederum 
eine Sendung, diesmal Gänse begleitete. — Die von ihr er- 
wähnte Schrift der Frau v. Berg über Königin I^ouise erschien 
zuerst 1814. — Über die schriftstellerischen Arbeiten der Frau 
v. Grotthus vgl. G.-J. VII, 192. Diese ihm direct zu senden 
erbat Goethe, nachdem die Freundin am 26. Dez. 181 4 noch 
einmal gemahnt hatte, am 2. Febr. 181 5, indem er in der 
alten traulichen Weise von seinem und Riemers Ergehen sprach. 
Es ist nicht ersichtlich, warum Frau von Grotthus den grade 
in den letzten Jahren, seit dem Tode ihrer Schwester so leb- 
haft geführten Briefwechsel aufgab. Körperliche, seelische und 
pekuniäre Leiden, die das Leben dieser Frau schon früher 
vergällt hatten, mögen ihr den Muth geraubt haben, sich die 
altgewohnte Erquickung weiter zu verschaffen. Als sie die 
Correspondenz wieder aufnahm, wusste sie schüchtern nicht 
anzugeben »ob ihm die Unterbrechung eines zehnjährigen 
Stillschweigens willkommen sei«. Aber diese Briefe (4 vom 
Febr., Apr., Mai 1824) enthalten wenig mehr als wortreiche 
Erinnerungen an die Vergangenheit. Goethes Antwort vom 9. Mai 



Anmerkungen des Herausgebers. 127 



1824 (G.-J. VII, 190 fg.), höflich und etwas kühl, lud zur Fort- 
setzung des wiederaufgenommenen Briefverkehrs ein ; Frau von 
Grotthus entsprach häufig genug dieser Einladung. In dem letzten 
Briefe dankte sie für Goethes Brief, der ihr ein »wahres Labsal« 
gewesen, hoffte auf ein Zusammentreffen mit ihm in Teplitz und 
erwähnte kurz eine sie interessirende Erbschaftsangelegenheit, 
»nämlich die Aufhebung eines Fideicommissesihres Grossvaters.« 
Am 28. Juni 1824 bot sie aus Oranienburg bei Berlin 
ein paar Kupferstiche Hackerts an; am 14. Aug. 1824 (aus 
Berlin datirt, möglicherweise wurde der Brief durch Zelter mit 
den oben S. 98 angeführten Worten eingesendet) bat sie um 
eine Empfehlung an Cotta für ihre schriftstellerischen Versuche. 
Sie erinnerte daran, dass dies die erste Bitte sei, die sie in 
einer 30jährigen Bekanntschaft vortrage, klagte, dass sie sich 
das Ihrige erstreiten müsse und daher etwas zum Leben 
brauche und theilte mit, dass sie bisher ohne Entgelt einen 
Roman Sophie ou la difference de TEducation und viele Bei- 
träge im Athen^e des Dames habe erscheinen lassen. Mit 
einem folgenden Briefe vom 13. Jan. 1825 schickte sie einen 
Mandelkuchen, den Frau von Varnhagen einen »Kuchen- 
schnaps« nenne, dessen Zubereitung Geheimniss ihrer Familie 
sei. Endlich am 4. Nov. 1825 (die beiden letzten Briefe sind 
wieder aus Oranienburg) schickte sie zu Goethes Jubiläum 
ausser einem Glückwunsch noch eine Handarbeit. Aber keine 
dieser Sendungen und Aufmerksamkeiten scheint durch Goethe 
eine Ermunterung oder Erwiderung erhalten zu haben; end- 
lich unterliess es daher auch Frau von Grotthus, den Ver- 
stummten zum Sprechen zu bewegen. Sie starb wenige Jahre 
später 1828 in Oranienburg, wo sie zuletzt gelebt hatte. Auch 
ihr Tod wurde vom Goethe mit keinem Worte erwähnt. So 
blieb sie bis zuletzt, ja über ihr Leben hinaus unglücklicher 
als die Schwester, deren Hinscheiden Goethe mit so herz- 
lichen Worten beklagt hatte. 



No. 32. Der Briefwechsel zwischen Varnhagen und Goethe 
begann mit dem Briefe V.*s Prag 20. Sept. 181 1, erwähnt bei 
V. Denkwürdigkeiten III, 3. Aufl. S. 231, abgedruckt: Briefw. 
zw. Varnh. undRahel, Leipzig 1874, II, 193 — 195, im Folgenden 
= Briefw. citirt. Die mit diesem Briefe übersendeten Papiere, 
von Varnhagen und Rahel herrührend (vgl. Briefw. I und II 
passim) wurden, wie schon Strehlke bemerkte, im Morgen- 
blatt 181 2, No. 161 — 176 gedruckt und zwar u. d. T. : »t)ber 
Goethe. Bruchstücke aus Briefen herausgegeben von K. A. 
Varnhagen v. Ense« mit dem Motto »Lob und Tadel muss 
sein«, mit den falschen Unterschriften: G. und E. und mit 
irreführenden Ortsbezeichnungen: Hamburg und Dresden. 
Goethe drückte in seiner Antwort vom 10. Dez. 181 1 (vgl. 



I2S Neue Mittheilungen. 



Tgb. IV, 246), wie viele der im Folgenden zu erwähnenden 
Briefe zuerst im Lit. Zodiakus 1835 gedruckt, und in die 
Berliner Sammlung aufgenommen (111,725 — 727) sein grosses 
Interesse an der Sendung aus, characterisirte die Beitragenden 
und stellte eine Drucklegung in Aussicht. Er sendete 21. Febr. 
18 12 das Manuscript nach Stuttgart (Tgb. IV, 258 »An Cotta 
das von Varnhagensche Manuscript«. Cotta meldet dies Varnh. 
Briefw. II, 272.) Varnhagen characterisirte den erhaltenen 
Brief Goethes 19. Dez. 181 1, Briefw. II, 200 fg., Rahel schreibt 
enthusiastisch 26. Dez. und bittet Varnhagen, Goethe rechte 
Zeit zu lassen, Briefw. II, 206. 208. Am 20. Jan. 181 2 be- 
merkte V. (Briefw. II, 227), er werde diese Woche an Goethe 
schreiben und ihm seinen »Britanikusa für Weimar anbieten, 
was er übrigens nachher nicht ausführte ; am 3. Febr. schrieb 
er (gedruckt Briefw. II, 243 — 246) und characterisirte seinen 
der Freundin in Abschrift zugesendeten Brief (2. Febr. Briefw. 
II, 239). In diesem Briefe nannte er die Namen der beiden 
Correspondenten und gab eine begeisterte Schilderung von 
Raheis Wesen und Geist. Dem Briefe fügte er Stellen aus 
Raheis letzten Briefen über Goethe, sein Leben, die Aufführung 
des Torquato Tasso und seinen Brief bei. Rahel wies be- 
scheiden das ihr gespendete Lob zurück (27. Febr. Briefw. II, 
259 fg.). Die einzige Antwort Goethes war die Sendung der 
Handschrift an Cotta. — Varnhagen ermüdete nicht sich an 
Goethe zu wenden. Das von ihm am 5. Juli 181 2 eingesandte 
Gedicht ist eine Canzone an die Kaiserin von Oesterreich, 
Varnhagen reiste Ende August von Prag nach Berlin, machte 
aber damals Goethes Bekanntschaft, der in Carlsbad war, nicht. 
Über die Schauspielerin Frl. Maas (vgl. oben S. 119) urtheilte 
Varnhagen noch enthusiastischer. (Briefw. II, 296 (g.) Über das 
Verhältniss Beethovens zu Goethe vgl. G.-J. XI, 217. 222 ig, 
No. 33. Zwischen dieser und der vorigen Nummer liegt 
eine vieljährige Pause, die aber kein Stocken des Verkehrs 
bedeutet. In der gewaltigen Kriegszeit fand sich allerdings 
für einen harmlos-literarischen Verkehr weder Zeit noch 
Stimmung. Nur einmal in der halben Friedenszeit, Febr. 181 5, 
sandte Varnhagen die kleine Schrift »General Tettenborns 
Feldzüge« nebst einigen Manuscripten an Goethe. Da er 
keine Empfangsanzeige bekam, so wandte sich Rahel, die 
gleichzeitig mit Goethe in Frankfurt war, aber ein Zusammen- 
treffen mit Goethe nicht suchte, so sehr sie es begehrte 
(vgl. Briefw. IV, 266, 293, 311), an Goethe mit einer Anfrage 
(5. Sept. 181 5, Briefw. IV, 312 ig.), Goethe kam selbst zu 
ihr 8. Sept. »Dies ist mein Adelsdiplom« schrieb Rahel 
(Briefw. IV, 325 ff. vgl. auch 343), die ihn äusserlich und 
innerlich nicht wie sie wünschte, empfing. Die gütige Art, 
in der er bei dieser Gelegenheit von Varnhagen sprach, gab 



Anmerkungen des Herausgebers. 129 

Letzterm den Muth, am 6. Dezember 181 5 ein neues Buch, 
jedenfalls die »deutschen Erzählungen«, an Goethe zu senden. 
Er bedauerte ihn in Weimar nicht gesehen zu haben, als er 
mit dem Fürsten von Hardenberg dort gewesen, freute sich 
des Glückes seiner Frau, die ihn in Frankfurt gesprochen 
habe, und meldete, dass er zum diplomatischen Geschäfts- 
träger in Carlsruhe ernannt worden sei. Er theilte ferner mit, 
seine Frau sei »vorzüglich die Veranlasserin der Öffentlichen Bitte, 
welche Goethe durch das herrliche Geschenk im Cottaischen 
Damenkalender gewährt habe.« Mit dieser Gewährung kann 
nur das Einrücken der Erzählung »das nussbraune Mädchen« 
im »Taschenbuch für Damen auf das Jahr 18 16« gemeint sein; 
die öffentliche Bitte im »Deutschen Beobachter« (Hamburg) 
No. 32. Vgl. über diese Aufforderung Goethes vom 12. Mai 
datirte Erklärung im »Morgenblatt« No. 130, i. Juni 1815, 
wiederabgedruckt Hempel 29, 310 fg. — Am 21. Februar 181 6 
schrieb Varnhagen von Neuem, schickte wieder ein Buch, 
wahrscheinlich die »Vermischten Gedichte,« Tüb. 181 6 und 
erbat die Manuscripte zurück, nach deren Verbleib sich schon 
Rahel erkundigt hatte. (Diese Gedichte befinden sich, nach 
einer freundlichen Mittheilung C. Rulands in Goethes Bibliothek. 
Sonst sind dort von Varnhagenschen Schriften : Biogr. Denkmale 
1828 und die Denkwürdigkeiten Erhards 1830, alle übrigens 
ohne handschriftliche Widmung oder sonstige Bemerkung.) In 
seiner Antwort vom 21. März 181 6 erfüllte Goethe diesen Wunsch, 
dankte für die letzte literarische Sendung und alle früheren 
und gab seiner Hoffnung Ausdruck »das werthe Paar, das 
mir seit so vielen Jahren mit herzlichem Antheil unsichtbar 
zur Seite ging, zusammen zu sehen.« Diese Hoffnung ging 
nicht völlig in Erfüllung: Varnhagen kam allein 19. Nov. 18 17 
und wurde mit grosser Freundlichkeit empfangen. Er lieferte 
über den Empfang einen enthusiastischen Bericht (Denkw. V, 
188— 191, abgedruckt Biedermann, Gespräche III, 291 ff.); 
auch Goethe gedachte dieses Besuches neben anderen als 
eines »nicht ohne Segen« verlaufenen(Annalen,Hempel2 7, 240). 
Nach einer längeren Pause, nach Beendigung der diploma- 
tischen Thätigkeit in Carlsruhe — auch bei der Rückreise 
nach Berlin 181 9 hatten sie zu einem Besuche bei Goethe 
keine Zeit gefunden, Denkw. V, 162 — schrieb Varnhagen 
von Berlin aus am 27. Juli 1820, schickte den von ihm ver- 
anstalteten Abdruck des Angelus Silesius, eines Lieblings- 
schriftstellers Rah eis, erklärte seine Freude, dass der Plan ihn 
als Gesandten nach den Vereinigten Staaten zu schicken, nicht 
ausgeführt worden sei und empfahl sich und seine Frau auch 
der Frau von Goethe. 

No. 33. Die hier übersendete Schrift ist die französische 
Ausgabe vonDiderots Werk, »Rameaus Neffe«, das 1804 Goethe 

Goethb-Jahkbuch XIV. 9 



130 Neue Mittheilungek. 



zur Übersetzung, Commentining und zu mancher schriftstelleri- 
schen Äusserung veranlasst hatte. (Vgl. z. B. G.-J. III, 311 — 317.) 
Oelsner ist der bekannte Publicist (1764— 1829), der seit 1818 
als preussischer Legationsrath in Paris lebte und den literari- 
schen Vorkommnissen seines Vaterlandes und seiner zweiten 
Heimat fast ein grösseres Interesse schenkte , als seinen 
politischen Obliegenheiten. Oelsners Brief, aus dem die S. 61 f. 
abgedruckten Worte entnommen sind, ist vom 15. Nov. 182 1, 
vgl. Briefw. zw. Varnhagen und Oelsner, Stuttg. 1865,11,305. 
Varnhagen meldet am 30. Nov. die Übersendung nach Weimar 
S. 309. Am 14. Dez. schreibt er (S. 329), dass er noch keine 
Antwort aus Weimar erhalten, sendet eine von ihm verfasste 
Anzeige. Am 27. Dez. (S. 336) hofft er, Goethe werde in »K. u. A.« 
über das Schriftchen reden. Am 19. März 1823 (Bd. III, 57) 
meldete er von Goethes dort veröffentlichter Notiz, und bittet 
Oelsner ihm zu gestatten, seine früher geschriebene Stelle über 
die »Wanderjahre« den »Zeugnissen« einzuverleiben oder etwas 
Anderes zu schreiben. Das Erstere geschah (»Zeugnisse« S. 83, 
freilich mit falschem Datum), nachdem Oelsner (5. April Bd. III, 
S. 60) abgelehnt hatte, etwas Neues zu schreiben. — Der Vam- 
hagen-Oelsnersche Briefwechsel ist reich an Notizen und Ur- 
theilen über Goethe. 

No. 34. Nicht entmuthigt durch Goethes Schweigen 
sendete Varnhagen seine zweite Ausgabe vom »Cherubinischen 
Wandersmann« des Angelus Silesius, 1822, die bisher biblio- 
graphisch unbekannt war (Goedeke IIP, S. 197 nennt nur 
die Editionen von 1820 u. 34). In Wirklichkeit erschienen 
folgende Ausgaben : Geistliche Sprüche aus dem Cherubinischen 
Wandersmann des Angelus Silesius. Berlin, F. Dümmler, 1820. 
Von*. Unterz. V. v. E. (136 Sprüche). — Geistreiche Sinn- 
und Schluss-Reime aus dem Cherubinischen Wandersmann des 
Angelus Silesius. Herausgegeben von K. A. Varnhagen 
V. Ense. Hamburg 1822, gedruckt bei J. G. Langhoffs Wittwe. 
Vorr. Unterz. : Berlin im März 1822, K. A. Varnhagen v. Ense. 
I. Buch 296, 2. Buch 257, 3. Buch 249, 4. Buch 229, 5. Buch 
368, 6. Buch 263 Sprüche. Am Schluss: »Anmerkungen 
und Schriften des Angelus Silesius«. — 3. Aufl. Angelus 
Silesius und Saint-Martin Auszüge. (Als Handschrift.) Berlin 
1833. Kritiken über die zweite Auswahl Varnhagens sind 
mir nicht bekannt. — Einen andern als den S. 62 er- 
wähnten Vorwurf, den man weniger seiner Auswahl, als 
den Scheflflerschen Sprüchen gemacht, den des Pantheismus, 
erwähnt Varnhagen in seinem kleinen (der Ausgabe voraus- 
geschickten) Aufsatze, abgedruckt Verm. Schriften I, 3 — 7, 
Goethe scheint die Sammlung keiner weitern Beachtung ge- 
würdigt zu haben : weder in seinen Gesprächen noch in seinen 
Werken ging er darauf ein. Dagegen Hess Goethe einer 



Anmerkungen des Herausgebers. 131 

andern Bemühung Varnhagens eine Würdigung zu Theil 
werden, die in dessen Briefen kein Echo findet. Dieser hatte 
im »Gesellschafter« 1821, No. 94, 131 bis 138, Briefe über 
die »Wanderjahre« veröffentlicht, die Goethe in dem Aufsätz- 
chen »Geneigte Theilnahme an den Wanderjahren« im Morgen- 
blatt, 21. März 1822, und später in »Über Kunst und Alter- 
thum« III, 3, S. 166 — 172, Hempel 29, 311 — 313 sehr aner- 
kennend besprach. Seinem Kritiker widmete er damals die 
diesen gewiss herzlich erfreuenden Worte : »Ein tief sinnender 
und fühlender Mann, Varnhagen von Ense, der, meinen 
Lebensgang schon längst aufmerksam beobachtend, mich 
über mich selbst seit Jahren belehrte.« 

No. 35. Der Brief ist, wie aus der Anrede, dem Schluss 
und einer in der Mitte stehenden Aufforderung hervorgeht, 
an August von Goethe gerichtet. Die Sammlung Varnhagens 
erschien u. d. T. : »Goethe in den Zeugnissen der Mitlebenden.« 
Beilage zu allen Ausgaben von Goethes W^erken. Erste Samm- 
lung. Zum 28. Aug. 1823. Berlin 1823 bei Ferd. Dümmler, 
396 S. Von den in unseren Briefen erwähnten Freunden Goethes 
sind in diesem Buche ausser Varnhagen selbst mit Äusserungen 
vertreten : Brinckmann, Hegel, die beiden Humboldt, v. Ligne, 
Oelsner, L. Robert, F. A. Wolf. — Über den Plan einer 
Fortsetzung des Werks vgl. Varnhagen-Oelsner III, 209. In 
Goethes Auftrag lieferte Eckermann eine kurze Anzeige 
in »Kunst und Alterthum« IV, 3, 159 fg. Auf die Sendung 
ging Goethe in dem kleinen Aufsatz »Vorschlag zur Güte«, 
zuerst gedruckt in der Quartausgabe von 1837 (jetzt Hempel 
29, 359) ein, in dem Goethe wohl mehr ironisch als ernst 
beantragte, Zeugnisse Misswollender zu sammeln, die ihm 
bei einer Rückschau über sein Leben von Bedeutung und 
Interesse sein würden. Der Aufsatz, in dem in Varnhagens 
Titel vor »Zeugnissen« das Wort »wolwollenden« eingeschoben 
wird, ist gewiss bald nach Erscheinen der Varnhagenschen 
Sammlung geschrieben, wol beeinfiusst durch die gerade 
damals gegen Goethe sich erhebenden Stimmen besonders 
Pustkuchens, dem, wie man weiss, Goethe in Gedichten und 
anderen Äusserungen lebhaft zu Leibe rückte. 

Diesem seinem Briefe, den Varnhagen vorsorglich einige 
Wochen früher absandte, damit er zum Geburtstag rechtzeitig 
einträfe, Hess er 3 Tage nach dem Feste eine Schilderung der 
Feier folgen. Ich drucke diese an dieser Stelle ab, weil sie doch 
eigentlich nicht als Brief zu betrachten ist. Einen Abdruck 
verdient sie schon als Ergänzung zu Bernays Sammlung : 
Goethes Briefe an F. A. Wolf (Berlin 1868) S. 68. (Die Spenersche 
Zeitung 30. Aug. enthält gleichfalls einen Bericht.) Sie lautet : 

»Die Feier des 28. August wurde dieses Jahr zu Berlin 
in so verschiedenen und zahlreichen Kreisen, mit so beseeltem 

9* 



I 32 Neue Mittheilungen. 



Antheil und eigenthUmlichem Sinne begangen, dass es schwer 
sein würde, den Umfang und Gehalt aller dieser freudigea 
Anregungen und schönen Ergebnisse in einem einzigen I^ebens- 
bilde darzustellen. Möge inzwischen Einzelnes, nach beschie- 
denem Masse als ein Theil jenem Ganzen angehörend, in 
anspruchlosem Berichte dem Festlichverehrten hiemit zur 
Kenntniss gelangen dürfen! 

Eine Gesellschaft von Freunden und Verehrern des 
Dichters versammelte sich, auf Veranstaltung des Königlich 
Schwedischen Hrn. Generalkonsuls Dehn und unter Vorsitz 
des Hrn. Geheimen Raths Fr. A. Wolf, in einem Hause unter 
den Linden zu einem festlichen Gastmahl. Ein Verzeichniss 
der Anwesenden, deren Zahl durch andre diesem Tage ge- 
widmete Vereine und Unternehmungen vielfach beschränkt 
worden war, enthielt folgende Unterschriften: 

Geheimer Rath Wolf, Frau Professorin Hegel, Frau von 
Varnhagen, geb. Robert, Frau Robert, geb. Braun, Cammer- 
herr von Arnim, Graf von Flemmig, Dr. von Olfers, General- 
prokurator Eichhorn, Geh. Ober-Finanzrath Krull, Oberst- 
lieutnant Freiherr von Eichler, Geh. Ober-Finanzrath von 
Redtel, Mendelssohn-Bartholdy, Königlich Würtemb. Geschäfts- 
träger von Wagner, Generalkonsul Dehn, Staatsrath Süvern^ 
Geheimer Rath Kohlrausch, Professor Hegel, Dr. Heise, 
Ludwig Robert, Dr. von Chamisso, Kriminalrath Hitzig,. 
Intendantur -Rath Neumann, Varnhagen von Ense, Frau 
Geheime Räthin Kohlrausch. 

Hohe, freiwogende Stimmung beseelte den liebevoll heitern 
Kreis, in glücklicher Eintracht so mannigfache Richtungen 
und Stellungen verbündend, und ohne Harm und Störung zu 
gemeinsamer Theilnahme belebend! 

Der Geheime Rath Wolf brachte gegen die Mitte des 
Mahles, unter gespannter Aufmerksamkeit und ehrfurchtsvoller 
Stille folgenden Trinkspruch aus: 

»Es ist mir der angenehme und ehrenvolle Auftrag 
»geworden, dieser geehrtesten Gesellschaft die Gesund- 
»heit unseres heute Hochgefeierten vorzutrinken; was 
»denn hiemit zwar kurz aber feierlichst geschieht. — 
yy£r lebe hoch, der Vortreffliche; wodurch der allge- 
»meine herzliche Wunsch ausgesprochen wird, dass er 
»noch manche Jahre in ungeschwächter Kraft und Ge- 
»sundheit fortdaure, und noch lange nicht aufhöre, die 

»untern Seelenkräfte, 
»die allein bei uns vor Zeiten den Poeten vergönnt 
»waren, für Kunst und Wissenschaft in so hohen Ehren 
»zu erhalten. (f 

Die Persönlichkeit des Sprechenden, sein eigenthümlicher 
Ausdruck, seine anmuthige Betonung und geistvolle Aufregung,. 



Anmerkungen des Herausgebers. 133 

gaben dieser Spruchrede, welche geschrieben nur in schwachem 
Umrisse wiederscheint, den lebhaftesten Farbenschmuck. Sie 
wurde mit freudiger Begeisterung und wiederholtem Lebehoch 
aufgenommen und erwiedert. Die Schlusswendung insbesondere 
erhob die Gesellschaft zur bewegtesten Heiterkeit. 

Es war im Voraus beschlossen worden, an diesem Tage 
nur den Einen Trinkspruch zu verstatten; es folgte demnach 
kein andrer. 

Hierauf erbat Hr. Ludwig Robert die Erlaubniss, ein 
der Feier des Tages gewidmetes Gedicht vorzulesen. Es liegt 
abschriftlich hier beigefügt; ein Abdruck im Morgenblatte 
wird auch das grössere Publikum damit bekannt machen. 
Der Vorlesung wurde durch die glücklichste Gabe des Vor- 
trages von Seiten des Verfassers und durch die geistesrege 
Aufmerksamkeit der Zuhörer die seltenste Begünstigung zu 
Theil. Viele einzelne Stimmen des Beifalls, bedeutend oft 
durch die bezugreiche Stellung der Personen, waren die Vor- 
läufer der allgemeinen Zustimmung und Freudenbezeigung, 
welche noch lange nach dem Schlüsse fortdauerte. 

Die Gesellschaft trennte sich gegen Abend, zum Theil 
um noch anderer Feier des Tages beizuwohnen; Lobpreis, 
Dank und Segenswünsche durften im ganzen Lebensbereich 
unsrer Stadt einen glücklichen Austausch verlangen und ge- 
währt finden! 

Es wurde noch die Anregung gemacht, auf den Grund 
dieses schönen Festvereines hier in Berlin eine »Goethische 
Gesellschaft« zu stiften, der immerwährenden Feier des 
28. August zunächst gewidmet. Von dem Erfolge dieser 
Angelegenheit dürfte zu seiner Zeit ein weiterer Bericht er- 
stattet werden. 

Berlin, den 31. August 1823.« 

Dieser weitere Bericht wurde in der That erstattet. Im 
Goethe- u. Schiller-Archiv findet sich (nicht unter den Varn- 
hagenschen Briefen, sondern unter den Geburtstags-Gratu- 
lationen) eine Darstellung vom 29. Aug. 1824 und eine solche 
vom 7. Sept. 1825. Bei der Feier des J. 1824 führte Zelter 
den Vorsitz. Unter den Anwesenden befanden sich viele 
Theilnehmer des vorigen Festes; neu waren: Agent Bloch, 
Prof. V. d. Hagen, Geh. Rath Harlem, Pred. Ribbeck, Dr. 
Blum, Friedrich Schulz, Geh. Staatsrath von Stägemann, 
Montigny von der französischen Gesandtschaft, Klingemann 
von der Hannoverschen, Benedix aus Stockholm, die Doctoren 
Frank, Gans, Graffunder, die Geh. Räthe Semler und Streckfuss. 
Frauen waren diesmal nicht anwesend. Je ein Lied Graf- 
funders und Blums wurde vorgetragen, ein Toast von Zelter 
und eine Rede Varnhagens zum Andenken F. A. Wolfs. 
Der Feier des 28. Aug. 1825 wohnte Varnhagen nicht bei. 



134 Neue Mittheilungen. 

Er übersandte daher nur das Schriftchen »Aus der Mittwochs- 
Gesellschaft in Berlin zum Goethe-Feste den 28. Aug. 1825. 
Zur Erinnerung als Manuscript für die Mitglieder und Gäste ab- 
gedruckt. Mit Starckeschen Schriften.« Varnhagen rühmte daraus 
die poetischen Beiträge von Fouqu^ (als Nachwort zu Goethes 
gleichfalls abgedrucktem Gedicht »Noch einmal wagst Du viel- 
beweinter Schatten«), Streckfuss, W. Neumann; unter den Bei- 
trägen befinden sich ferner Gedichte vonChamisso, A.Graffunder, 
Hitzig, K. V. Holtei, Fr. Schulz. Der letztgenannte Bericht in 
Briefform gedenkt der Durchreise des Varnhagenschen Ehepaares 
Anfang Sept. 1825 : »uns blieb beim frühen Wechseln der Pferde 
nur übrig, unsre eifrigsten Huldigungen und heissesten Segens- 
wünsche dem geliebten Hause in Gedanken zuzuwenden.« 

Das Gedicht Roberts ist auch nicht im Morgenblatt, 
sondern in den Rheinblüthen J. 1825, S. 360— 376 abgedruckt 
(das Morgenblatt konnte es nicht bringen, weil es schon seine 
No. 225 vom 19. Sept. mit einem »Drama zur Feier von 
Goethes 75. Geburtstage« vollständig gefüllt hatte). Es steht 
auch in Roberts Gedichten, Mannheim 1838. 

No. 36. Ein Andrer, dessen Verehrung minder gross ge- 
wesen wäre, würde sich in Folge dieses beharrlichen Schweigens 
zurückgezogen haben; Varnhagen, zu dessen Lebensbedürf- 
nissen der Verkehr mit Goethe gehörte, zog es vor statt 
gänzlich zu verstummen, ohne Namensnennung zu schreiben, 
eine Art, durch die das Mittheilenswerthe, Anzuregende an 
Goethe gelangte, ohne dass eine Nöthigung zur Antwort vor- 
handen schien. Solcher Art ist das Schreiben vom 7. Nov. 
1823. Das liebevolle Eingehen auf »Hermann und Dorothea« 
mag den Dichter gefreut haben, das Fragen dagegen nach 
dem Ort am Rhein verstimmte ihn gewiss. Man möchte ver- 
muthen, das von Eckermann Dez. 1826 (Biederm. V, 227 fg.) 
überlieferte Gespräch gehöre in den Dez. 1823 und sei eine 
directe Antwort auf Varnhagens ungehörige Frage. Dann 
gebührte ihm freilich die heftige Abwehr am Schluss: »Man 
will Wahrheit, man will Wirklichkeit und verdirbt dadurch 
die Poesie«. — Die Hoffnung auf einen zweiten Theil von 
Wolfs Prolegomena ging in Folge des baldigen Todes des 
grossen Philologen nicht in Erfüllung. — Das besprochene 
Drama ist C. Töpffers »Hermann und Dorothea, idyllisches 
Familiengemälde in 4 Akten nach Goethes Gedicht«, das im 
Berliner Schauspielhause am 20. Okt. 1823 zuerst aufgeführt 
und das bis 1883: 95 mal wiederholt wurde (Hartmann und 
Schäflfer a. a. O. S. 42). 

Wenn aber Goethe auch auf diesen Brief nicht direkt 
dankte, vielleicht auch wegen der obenerwähnten ihm unbe- 
quemen Frage, so freute er sich an den Varnhagenschen 
Sendungen und äusserte in Gesprächen (vgl. Biedermann IV, 



Anmerkungen des Herausgebers. 135 

S. 2 21, V, S. 69), sowie in einer ausführlichen Besprechung 
(Kunst und Alterthum V, i, 1824, S. 149 — 154, Hempel 29, 
S. 181 — 183) seine unverhohlene Freude über den ersten Band 
der biographischen Denkmale, den Frau Ottilie nach Weimar 
gebracht hatte, G.-J. VI, 22. Über diesen Besuch Ottiliens 
vgl. 8. Febr. 1824, Varnh. an Oelsner III, 189: »Wir haben 
die junge Frau von Goethe jetzt hier, die am Hofe und in 
der Stadt nach Namensgebühr ausgezeichnet und gefeiert wird.« 

Der Freude an dem Berliner Paare gibt auch der Brief Goethes 
an Varnhagen vom 3. April 1825 (Berl. Sammlung II, 131 1 fg., 
irrthümlich mit dem Datum 1824), der erste seit einem Jahr- 
zehnt, Ausdruck. Ihm ging noch einer Varnhagens voran 
(22. März 1825), mit dem er eine amerikanische Zeitschrift, ent- 
haltend einen Aufsatz Life and genius of Goethe sandte, dessen 
Verdeutschung er wünschte. In seiner Antwort schickte Goethe 
die Zeitschrift zurück, gab von Weimarer Vorgängen, z. B. 
dem Brand des Theaters und seinem Schaffen, der Gesammtaus- 
gabe seiner Werke, Kunde und übersandte das Bildniss eines 
dem Grafen Matthes Schulenburg 17 16 gesetzten Denkmals. 

No. 37. Varnhagen antwortete sehr bald, sowie der zweite 
Theil seiner »biographischen Denkmale« fertig war, den er 
gleichzeitig übersendete. Dieser enthielt die Biographie von 
Derfflinger und Leopold von Anhalt - Dessau. — Goethes 
»Worte über Napoleon« finden sich vermutlich in K. u. A. V; 
Varnhagens sich darauf beziehender Aufsatz im »Gesellschafter« 
1825, Bl. 10, S. 92 — 94, »Fichte und Goethe über Napoleon,« 
Proben aus dem Schiller-Goethischen Briefwechsel erschienen 
in Kunst und Alterthum VI, i, S. i — 7 u. d. T. »Über epische 
und dramatische Dichtung.« Dem Wunsche, dort auch Stücke 
des Goethe-Wolfschen Briefwechsels zu veröffentlichen, kam 
Goethe nicht nach. Dagegen übersandte Varnhagen seine 
Abschrift der 25 Briefe Goethes an Wolf, die noch jetzt im 
Goethe- u. Schiller- Archiv verwahrt werden; die Bernayssche 
Ausgabe enthält deren 30, so dass Körtes Versicherung der 
»noch sehr vielen Briefe Goethes« nicht zuverlässig ist. Wolf 
war am 8. Aug. 1824 in Marseille gestorben; über seine letzte 
Reise und seinen Tod findet sich im Goethe- u. Schiller-Archiv 
ein ausführlicher Bericht. 

No. 38. Unterdessen waren die persönlichen Beziehungen 
engere geworden durch den schon erwähnten Aufenthalt Ottiliens 
in Berlin, die sich an Rahel eng anschloss und durch einen Besuch, 
den Varnhagen mit seiner Gattin Anfang Juli 1825 in Weimar 
machte. Er meldete sich aus dem »Elephanten« in einem 
Zettel an und bat um Nachricht, wann er empfangen werden 
könnte. Das Tgb. vom 7. Juli meldet »Serenissimo mit 
Varnhagens Biographieen 2. Theil« 8. Juli »Abends Varn- 
hagen V. Ense mit Gemahlin«. Am 22. Nov. 1825 gab er 



136 Neue Mittheilungen. 



Ed. Gans und Hotho einen Empfehlungsbrief an Goethe mit 
und meldete, dass er an dem Weimarer Feste, dem 7. Nov., 
der fünfzigsten Wiederkehr des Tages, da Goethe nach Weimar 
kam, im Herzen theilgenommen habe. »Das Schreiben Seiner 
Königl. Hoheit des Grossherzogs ist eine Hymne im Lapidar- 
stil des Herzens; allgemeine Bewunderung und Zustimmung 
folgt diesen einfachen grossartigen beseelten Worten«. Am 
19. Dez. 1826 sandte er die zwei folgenden Theile (3. 4.) 
der »Biographischen Denkmale« und wies darauf hin, dass 
die Lebensbeschreibungen der Dichter (Fleming, Canitz, 
Besser) »aus einer von Goethe beherrschten und erfüllten 
Stimmungsfolge hervorgegangen seien.« Erst mit unserem Briefe 
beginnt eine ziemlich ununterbrochene Correspondenz. Auf die 
hier von Hegel und Varnhagen ausgesprochene Bitte an den 
Berliner »Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik« mitzu- 
arbeiten, antwortete Goethe alsbald (15. März 1827) mit einer 
Erinnerung an die vor 33 (nicht 43, wie Berl. Sammig. II, 1400 
gedruckt ist) Jahren erfolgte Einladung Schillers zur Mitarbeiter- 
schaft an den »Hören«, wollte aber noch »eine Zeitlang zu- 
sehen«. Varnhagen gab er den Beifall zu erkennen, den die 
Erbgrossherzogin seinen neuesten biographischen Versuchen 
zollte. Den »Jahrbüchern« schenkte Goethe ziemliches Interesse. 
H. Leos Besprechung über Schlosser billigte er sehr (Gespräche 
VI, 161). Mit Ed. Gans sprach er (28. Aug. 1827, a. a. O. 
180 fg.) ausführlich über die philosophischen Recensionen, 
billigte die Namensnennung der Autoren, tadelte eine einzelne 
Recension des Unterredners gegen Savigny (Jahrb. 1827 März 
S. 321 ff.) und überhaupt »eine gewisse Schwerfälligkeit und 
Weitläufigkeit in einzelnen Abhandlungen«, hoffte aber, die 
neue Zeitschrift werde das von der Jen. Lit. Ztg. Erstrebte 
verwirklichen und schloss mit den Worten : »Was mich be- 
trifft, so will ich sehr gern den Antheil nehmen, den meine 
Beschäftigungen mir gestatten«. 

No. 39. Demselben Besucher gegenüber mag Goethe auch 
den Wunsch ausgesprochen haben, die früher (vgl. S. 135) von 
Varnhagen angebotenen Briefe an Wolf zu besitzen, dem Varn- 
hagen in diesem Briefe nachkam. Seine Recension von Walter 
Scotts »Leben Napoleons« erschien Jahrbücher Dez. 1827, 
S. 1791 — 1808. Im Gegensatz zu Varnhagen bewunderte Goethe 
das Buch sehr, vgl. seine erst in den Nachgel. Schriften ge- 
druckte, aber vom 21. Nov. 1827 datirte Anzeige und die bei 
Hempel 29, S. 768 ff. Anm. abgedruckten Briefstellen. Auch in 
Gesprächen redete Goethe sehr lobend von dem Buche (Bieder- 
mann VII, 182 fg.), das er (Aug. 1827) von dem Dichter 
selbst erhalten hatte. (Es befindet sich noch in Goethes 
Bibliothek, aber ohne handschriftliche Einzeichnung.) Der 
ungedruckte Brief Walter Scotts (Edinburg 9. Juli 1827) nur in 



Anmerkungen des Herausgebers. 137 

einer deutschen Übersetzung im Goethe- u. Schiller-Archiv, er- 
wähnt u. A. die Sendung des Buches über Napoleon. Die »Botin 
und Verkündigerin des Weimarischen Lebenskreises« ist jedenfalls 
nicht Frau Ottilie, die damals durch Mutterpflichten in Weimar 
zurückgehalten wurde, sondern die Schwester Frl. Ulrike 
V. Pogwisch. — Der Berichterstatter über Goethes Stimmung 
den Berl. Jahrbüchern gegenüber ist entweder Wolf (s. oben) 
oder Hegel, der mit Zelter (vgl. dessen Briefw. IV, 423 fg. 433) 
aus Weimar zurückreiste; Varnhagen war, worauf er anspielt 
(S. 72), im Sept. in Weimar. (Vgl. die Andeutung in Rahel, 
ein Buch des Andenkens III, 309.) Das Tagebuch meldet 
Varnhagens Besuch 19. Sept. 10 Uhr. Der Brief des Königs 
von Baiern, der mir im Augenblick nicht zugänglich ist, bezog 
sich vielleicht auf das persönlich von dem Monarchen über- 
brachte Grosskreuz des Michaelordens. 

No. 40. Goethe antwortete am 8. Nov. (die Berl. S. III, 
1414 ff. hat 4. Nov., das Tgb. notirt den Brief unterm 7.), indem 
er besonders eine Äusserung Purkinjes in ' seiner Recension be- 
mängelte. Ehe noch Varnhagen antwortete, schrieb Goethe 
aufs Neue, 19. Febr. 1828 (G.-J. V, 24 fg.). Er sprach von 
der Anwesenheit der Erbgrossherzogin von Weimar in Berlin, 
die dorthin zur Pflege ihrer Tochter, der Frau Prinzessin 
Carl von Preussen gereist war, bot eine Besprechung der 
Monatsschrift der vaterländischen Gesellschaft in Böhmen an 
und beantragte, in den »Jahrbüchern« ein Werk Eckendahls 
über die Geschichte des schwedischen Reichs und Volks 
recensiren zu lassen. Auf beides ging Varnhagen in seiner 
Antwort ein ; die Goethische Recension wird in mehreren 
späteren Briefen noch berührt. Die übrigen hier und später 
genannten Recensionen von Pfuel über Fain, Manuscrit de 
181 2, Jahrb. Nov. S. 1628 fg. Neumanns Besprechung von 
F. H. Jacobis Auserlesenem Briefw. Jahrb. 1828 Jan. S. 148 ff". 
(2. Artikel.) Hegel über Solger 2. Art. Jahrb. 1828 März 
S. 403 ff". Von Rückert erschienen in den Jahrb. 1828 
Mai S. 703 ff", und Juli S. i — 107 Besprechungen einer Aus- 
gabe arabischer Gedichte und einer Übersetzung aus dem 
Persischen. AI. v. Humboldts weltphysikalische Vorlesungen, 
die eigentliche Vorbereitung zum »Kosmos«, 61 in der Uni- 
versität, 16 in der Singakademie, waren das grosse wissen- 
schaftliche und gesellschaftliche Ereigniss des Winters vgl. 
A. D. B. XIII, 377. 

No. 41. Zwischen diesem und dem vorigen Briefe liegt 
ein neuer Besuch Varnhagens in W^eimar, Sept. 1829 bei 
Gelegenheit der Reise nach Baden-Baden (Denkw. VI, 179 ff".). 
Über diesen Besuch meldet das Tgb. 18. Sept.: »Abends 
Anmeldung von Varnhagen von Ense und Gesellschaft«, 19. Sept. 
»Schöner holzgeschnitzter Becher mitgebracht von genannten 



138 Neue Mittheilungen. 



Reisenden. Einladung derselben auf den Mittag. Mittag 
Varnhagens, Frau v. Zilinska und Professor Zelter. Frau v. 
Zilinska mit den ersteren reisend.« Ferner gehört vor unsern 
Brief einer Goethes vom 23. Sept. 1829 (Berl. S. III, 1503 fg.) 
in dem auf jenen Besuch Rücksicht genommen, Dank für 
das Geschenk, die in Holz geschnittene Vase gesagt und 
der Antheil der Erbgrossherzogin an Varnhagens in Arbeit 
befindlicher Biographie Zinzendorfs erwähnt wird. Der für 
diese von Goethe gesandte, von Varnhagen aber als über die 
behandelte Zeit hinausgehend nicht benutzte Beitrag ixiie 
Epistel des Bruders Gregor« findet sich im Archiv nicht vor. 
Anfertigung der Abschrift meldet das Tagebuch vom 22. Sept.; 
ihre Absendung am 23. Sept. Das »handschriftliche Heft über 
Böhmen«, das schon zu No. 40 erwähnt war, erschien in den 
Jahrbüchern 1830 i. Bd. S. 58—60, S. 457 — 480, Hempel 29, 
149 — 173. Über diese Arbeit sind besonders auch die Briefe an 
den Grafen Sternberg 29. Juni, 8. Juli 1829 zu vergleichen, 
der Einzelnes zur Vervollständigung der Arbeit beitrug. Varn- 
hagens Recension über die Musenalmanache, den Berliner 
und den von G. Wendt hgg. Jahrb. 1829 Okt. S. 527 — 533. 
Vom Goethe-Schillerschen Briefwechsel erschienen die zwei 
ersten Theile 1828, die vier letzten 1829. (Varnhagens Be- 
sprechung des Briefw. zwischen Schiller und Goethe Jahrb. 1829 
Mai S. 679 — 691.) — Goethes Werke (A. 1. H.) wurden in 
verschiedenen Serien veröffentlicht, je 10 Bände wurden 1827 
und 1828 ausgegeben, 10 neue (Bd. 21—30) 1829. 

No. 42. Vor diesem Briefe liegen 2 Schreiben Goethes 
vom 23. Januar und 13. Februar (bei Strehlke irrthümlich 
beide mit demselben Datum bezeichnet), sie sind vermuthlich 
zusammen abgeschickt worden, da Varnhagen nur von dem 
des 13. Februar spricht und doch auf den Inhalt des erstem 
eingeht. Sie begleiteten den Artikel über die böhmische 
Monatsschrift und meldeten deren veränderte Erscheinungs- 
weise. Goethe berichtete ferner die schwere Erkrankung der 
Grossherzoginmutter, erkundigte sich nach dem Ergehen der 
Rahel überschickten Rosenzweige und verlangte begierig nach 
der Biographie Zinzendorfs. Die Grossherzoginmutter, deren 
Verlust Varnhagen mitempfindend beklagte, starb am 14. Febr. 
1830. Die Einweihung und Eröff*nung des Berliner Museums 
fand nicht schon im Frühjahr, sondern erst am Geburtstag 
des Königs, 3. August 1830, statt. Die »Seherin von Prevorst« 
ist das bekannte Buch Justinus Kerners. Ein Brief Raheis an 
Ottilie von Goethe nach dem unsrigen ist nicht bekannt. 

No. 43. Den Anlass zu diesem Briefe gab Charl. v. Kalb, 
die mit Varnhagens in naher Beziehung stand, vgl. G.- J. XIII, 
79. Sie schrieb nicht direct, weil schon ihre letzten Briefe 
an Goethe (das. 71—73) keine Beantwortung gefunden hatten. 



Anmerkungen des Höiäusgebers. 139 

Die Erregung Charlottens stammte aus dem Briefwechsel Jean 
Pauls mit seinem Freunde Otto, von dem 3 Bände bereits Berlin 
1829 erschienen und von Varnhagen sehr gelobt worden waren, 
Jahrb. 1829 Okt. S. 497 — 504. Jean Paul war 14. Nov. 1823 
gestorben, Charlottens letzter Brief an dessen Frau (Briefw. 
hgg. V. Nerrlich 1882) ist vom 26. Jan. 1821. Goethe theilte 
den Auszug am 22. Apr. 1830 Frau von Wolzogen mit, 
bat sie »der guten vieljährigen Freundin etwas Freundliches 
zu sagen« und betraute seinerseits Varnhagen mit einem 
ähnlichen Auftrage. Die eine Stelle in Goethes Briefe an 
Frau V. Wolzogen, gedruckt Berliner S. III, 1526. — Über 
den brieflichen und persönlichen Verkehr Goethes mit L. v. 
Henning s. G.-J. III, 199 — 219, und die dort angeführten 
Stellen. Henning war am 27. Aug. 1830 in Weimar (lt. Tgb.) ; 

15. Sept. dankt er für die freundliche Aufnahme. (Naturw. 
Corr. I, 184.) — August Neanders »Lossagung« ist die öffent- 
liche Erklärung, an der Hengstenbergschen Evangelischen 
Kirchenzeitung nicht mehr mitzuarbeiten, weil dort auf Grund 
von Collegienheften zwei Hallenser Professoren Öffentlich des 
Rationalismus angeklagt waren, vgl. A. D. B. XXIII, 335 fg. 
Die ausgelassenen Stellen des Briefes enthalten Folgendes: 
Varnhagen sandte den Abdruck der Recension über die böh- 
mische Wochenschrift und bat nachträglich um Genehmigung 
seiner Zusätze, für die er eigentlich vorher die Billigung hätte 
einholen sollen. Er meldete ferner, dass seine Anzeige des 
Goethe-Schillerschen Briefwechsels demnächst in Druck kom- 
men werde und berichtete endlich, Wilh. v. Humboldt lasse 
es unbestimmt, ob er über Goethes zweiten römischen Aufent- 
halt schreiben werde. 

No. 44. L. V. Ranke, der grosse Historiker, nach dem 
Goethe schon 1828 sich erkundigt hatte, vgl. G.-J. VIII, 234, 
IX, 74, 104. Die Gräfin Egloflfstein könnte, da die übrigen 
Mitglieder der Egloflfsteinschen Familie nur Freiherren waren, 
nur eine der drei Schwestern Julie, Lina oder Auguste sein; 
von dem Aufenthalt der Letztgenannten in Italien ist nichts 
bekannt, wol aber findet sich in ihren Gedichten eines (frei- 
lich vom Jan. 1832) »der Schwester nach Italien gesandt« 
(Mittheilung von L. von Kretschman). In dem Briefe vom 

16. Apr. 1830 sandte Varnhagen ferner eine Berichtigung des 
Ministers Beyme (Intelligenzbl. 29 der Allg. Litt. Ztg.) ein, des 
Inhalts, dass Goethes in der Zueignungsschrift des Goethe- 
Schillerschen Briefwechsels enthaltener mittelbarer Vorwurf 
gegen die Fürsten Deutschlands, dass Schiller keinen Gönner 
gefunden, nicht zutreffend sei, da der König von Preussen 
ihm 3000 Thlr. Gehalt und Hofequipage zugesichert, Schiller 
aber wegen seiner Krankheit davon keinen Gebrauch habe 
machen können. Goethe antwortete wenige Tage darauf 



40 Neue Mittheilungen. 



(25. Apr.) in einem sehr ausführlichen Briefe (B. S. III, 1527 
bis 1530). Darin dankte er für die dem böhmischen Aufsatz 
gewährte Unterstützung und erbat das Aktenfascikel zurück, 
ging auf die von Varnhagen erörterten theologischen Händel 
ein, besprach Persönliches, knüpfte an die Kunstbetrachtungen 
an, dankte für Varnhagens liebevolle Theilnahme und meldete 
den Antheil der Grossherzogin an seinen Bestrebungen. Den 
Beyme betr. Theil muss Varnhagen jenem mitgetheilt haben, 
wie aus einem Briefe des Genannten an V. 5. Mai 1830 
(Briefe von Chamisso u. s. w. II, 253) hervorgeht. Beymes Brief 
enthält nach Mittheilungen von Haugwitz, eine Anekdote über 
Goethes Aufenthalt in Zürich 17 75. — Mit diesem Briefe Goethes 
kreuzte sich ein Brief Varnhagens, gleichfalls vom 25. April, 
mit dem er Zinzendorfs Leben nebst einem Exemplar für 
die Grossherzogin schickte. Am 10. Mai schrieb er wieder 
und sandte seine Anzeige des Goethe-Schillerschen Brief- 
wechsels (vgl. obenS. 138). Für die erste Sendung dankte Goethe 
am 12., für die zweite am 16. Mai (B. S. II, 1531 fg.); dem 
letztern Briefe legte er ein Schreiben der Grossherzogin bei. 

No. 45. Das von V. übersendete Buch führt den Titel 
»Denkwürdigkeiten des Philosophen und Arztes J. B. Erhard. 
Stuttg. 1830«. In den Gesprächen VII, 216 fg. sprach Goethe 
von Erhard nicht mit besonderem Wohlwollen, rühmte aber 
V.'s treffliche Schilderung. Auf ihn bezieht sich auch die 
Äusserung G.-J. V, 29 Z. 5 v. u. 

No^ 46. Der Artikel in der Augsb. Allg. Ztg. vom 
30. Apr. 1830 über die Besprechung der Goethe-Schillerschen 
Corr. in der Kirchen-Zeitung ist als »Eingesandt« bezeichnet. 
Die Hauptstelle lautet : »Man reisst Stellen aus dem Zusammen- 
hang, erläutert willkührlich, ergänzt Anfangsbuchstaben und 
schreibt unerlaubt die Namen aus, macht aus einzelnen Äusse- 
rungen des Missmuths und einer ökonomisch gedrückten Lage, 
aus Spass- und Scherzworten inquisitorische Anklagepunkte, 
richtet unchristlich und möchte gerade das bewirken, was 
man im Eingange des Aufsatzes zu bedauern heuchelt : näm- 
lich, dass die Nation die Liebe zu ihren grössten Dichtern 
verliere, und sie als unsittliche, irreligieuse, lügenhafte, eigen- 
nüzige und armselig eitle Menschen verachte ! !« v. Kamptz, 
von dem sich sonst keine Beziehungen zu Goethe nachweisen 
lassen, ist der namentlich wegen der von ihm inscenirten 
Demagogenverfolgungen berüchtigte Minister (1769 — 1849). 
Varnhagens Urtheil über ihn war sonst sehr ungünstig, vgl. 
die A. D. B. XV, 74 angeführte Stelle. 

No. 47. Vor diesen Brief gehören drei ausgelassene 
Empfehlungsbriefe Varnhagens für den Medicinalrath Casper 
(20. Juli), für die Fürstin Carolath (21. Aug., bei Goethe 
laut Tgb. 30. Aug.), für den Spanier de la Luz (24. Aug. 



Anmerkungen des Herausgebers. 14 1 

1830, bei Goethe laut Tgb. 9. Sept.). Auf alle diese Sendungen 
antwortete Goethe mit dem grossen Briefe vom 10. Sept. 1830 
(G.-J. V, 28—30, Anmerkungen S. 33 fg.). Dort sind auch die 
Recensionen genannt, deren Varnhagen in unserm Briefe ge- 
denkt. Der Freund, von dem ein Stück Brief mitgetheilt 
wird, ist Fürst Pückler -Muskau. Seine »Briefe eines Ver- 
storbenen« enthalten in Bd. 3 (1831) S. 13 — 18 die Schilde- 
rung seines Besuchs bei Goethe 14. Sept. 1826; vgl. Goethes 
Gespräche V, 303 ff. 

No. 48. Goethe antwortete auf den vorigen Brief sehr 
ausführlich am 3. Okt. 1830 (G.-J. V, 30—32). Wenige Wochen 
später starb August (27. Okt.); am 11. November erfuhr der 
Vater die Todesnachricht. Um dieselbe Zeit wird sie auch nach 
Berlin gekommen sein ; die Berliner Zeitungen vom i — 15. Nov. 
bringen sie freilich nicht. Es ist begreiflich, dass Goethe 
trotz des schönen Condolenzschreibens nicht unmittelbar ant- 
wortete. Auch auf die Sendung eines Heftes (25. Nov.), das 
schon früher gedruckt, beim kronprinzlichen Paar vorgelesen 
wurde, erfolgte keine Erwiderung. Goethe brach erst das 
Schweigen, nachdem er mit einem Briefe vom 30. Juni 1831 
die Anzeige von Sinclairs Denkwürdigkeiten erhalten hatte, 
(The correspondence of the Right Honorable Sir John Sinclair, 
London 1831, 2 Bände) durch den Brief vom 5. Aug. (B. S. III, 
1564 fg.). Er sprach sich über Werk und Recension (Berl. 
Jahrb. 183 1, Juni, S. 908 ff.), sowie über die französisch- natur- 
wissen schaftlichen Händel eingehend aus. 

No. 49. Für das ihm gespendete Lob dankte Varnhagen 
in einer ausgelassenen Stelle unseres Briefes. Seine Besprechung 
der »Tages- und Jahreshefte« in den Berl. J. 1831, Aug., S. 185 ff., 
seine Worte über die Reisebemerkungen eines Nordamerikaners 
H. E. Dwight über Deutschland das. Juli, S. 147 fg., das. 
S. 1 5 1 verwahrt sich Varnhagen gegen einzelne Äusserungen 
Dwights über Weimar und Goethe ; seinen Streit mit Schlosser 
kann ich nicht nachweisen. Heerens Schrift hat den Titel : 
»Meine Antwort auf die Schmähungen des Hofrath und Prof. 
Schlosser in Heidelberg.« Gott. 1831. Unter dem »Übel von 
Osten« ist die damals zuerst auftretende Cholera zu verstehen. — 
Ob die »spanische Beilage« im Chaos aufgenommen wurde, war 
nicht festzustellen. Varnhagens Beiträge daselbst sind in L. v. 
Kretschr_ians darüber handelndem Aufsatz nicht genannt. 

No. 50. Hegel war am 14. Nov. 1831 gestorben. Mit 
demselben Briefe überschickte Varnhagen weitere Bände der 
»Briefe eines Verstorbenen.« 

No. 51. Mit diesem Briefe sendete Varnhagen seine Anzeige 
de3 letzterwähnten Buches (»Jahrb. f. w. Cr.,« Dez., S. 913 ff.), 
sowie die eines schlechten, Hardenberg betreffenden Buches 
(Jahrb. 1831, Dez., S. 843 ff. M^moires tirds d'un papier d'homme 



142 Neue Mittheilungen. 



d'etat. 4 Bde. Paris 1828— 1831), und kündigte die Anzeige 
der französisch- deutschen Morphologie von Carus an. (Sie er- 
schien in den B. Jahrb. 1832, S. i — 23.) Goethe antwortete 
auf die letzten Briefe eingehend und theilnehmend am 5. Jan. 
1832 (B. S. III, 1580—82). Varnhagen schickte am 7. Febr. 
eine neue Recension von Carus, wofür Goethe in seinem 
letzten Brief vom 20. Febr. dankte (ß. S. III, 1597 fg,), eine 
naturwissenschaftliche Besprechung ankündigend. Für diese 
sprach Varnhagen am 15. März 1832 seinen Dank aus. Sie 
ist gedruckt in B. Jahrb. März 1832, No. 51 — 53, Sp. 401 — 423; 
nämlich der 2. Artikel über Geoffroy St. Hilaires Principes de 
Philosophie Zoologique. Wenige Tage später verfiel Goethe 
seiner tödtlichen Krankheit. 

Am 26. März 1832 sandte Varnhagen an Ottilie einen 
Brief, in dem er seinen Empfindungen über den Verlust Worte 
lieh (G.-J. X, 164). Die Todesnachricht wird im »Gesell- 
schafter« erst am 4. April (No. 55) erwähnt, dort steht ein 
kurzer Artikel über die letzten Tage und das Hinscheiden 
Goethes. Die Berliner Zeitungen sprechen von Goethes Tod 
in No. 73 vom 26. März 1832. Die Voss. Ztg. theilt unter 
Weimar (Privatbericht d. 22. M.) Näheres über die letzten 
Lebenstage Goethes mit, die Spenersche Ztg. enthält unter 
der Überschrift »Göthe« einen kurzen Lebensabriss, der wie 
der vorerwähnte Artikel nicht unterzeichnet ist, sich aber 
durch seinen Stil vortheilhaft von anderen Zeitungsaufsätzen 
unterscheidet. Wie sehr die Weimarer Varnhagen als einen Ver- 
trauten Goethes ansahen, zeigte sich in der an ihn ergangenen 
Aufforderung, in Gesellschaft von Riemer, Eckermann, W. v. Hum- 
boldt, Kanzler Müller, als Mitarbeiter für das letzte Heft von 
»Kunst und Alterthum« einzutreten (a. a. O. S. 163). Er entsprach 
der Aufforderung durch seine Abhandlung »Im Sinne der 
Wanderer« K. u. A. VI, 533 — 551. Kanzler Müller bezeichnete 
den Aufsatz als »geist- und gehaltreich« G.-J. VI, 146. 



Ludwig Geiger. 



•^ 



II. Mittheilungen aus dem Goethe- 
National - Museum. 

VERSE XJND NIEDERSCHRIFTEN GOETHES 
ZU ZEICHNUNGEN. 

Herausgegeben und erläutert von C. RULAND. 



Soviel des Schönen und Interessanten der mannigfaltige 
Inhalt des Goethe -National -Museums auch bietet, — Gegen- 
stände, die auch in jedem anderen Museum unsre Blicke auf 
sich lenken müssten, — für die Gemeinde der Leser des 
Goethe -Jahrbuches werden naturgemäss diejenigen Dinge im 
Vordergrunde stehen, bei denen directe persönliche Bezie- 
hungen zum Dichter nachzuweisen sind. Bei den wissen- 
schaftlichen Sammlungen aller Art fesseln uns die Zeugnisse , 
und die zum Theil neuen Aufschlüsse über den Gang von 
Goethes Studien, — bei den Kunstwerken die Anregungen, 
die er von ihnen empfangen, und die Art und Weise, wie ■ 
er solche bei seinem geistigen Schaffen verwerthet, — bei 
seinen eigenen Zeichnungen die Nachweise über seine Be- 
strebungen in den verschiedenen Epochen seines Lebens. 

Aus der reichen Fandgrube des vorhandenen Materials 
wird noch manches Steinchen zu gewinnen sein, das an der 
richtigen Stelle in das farbenprächtige Mosaikbild von Goethes 
Leben eingefügt, in bescheidenem Maasse dazu beitragen wird, 
die harmonische Gesammtwirkung zu ergänzen und dadurch 
zu erhöhen. 

Sei es zum Beweise des Gesagten vergönnt, heute nur 
einige, aufs Gradewohl gegriffene Stichproben mitzutheilen. 



144 Neue Mittheilungen. 



An eigenhändigen Zeichnungen des Dichters bewahrt das 
Goethe-National-Museum mehrere Hunderte, meist landschaft- 
licher Natur ; viele nur sehr flüchtige Skizzen, aber doch nicht 
ohne Bedeutung, weil wir in ihnen Goethe auf seinen Wan- 
derungen und Reisen begleiten können, sei es nach Jena oder 
auf die Höhen des Thüringer Waldes, sei es nach Italien oder 
nach Böhmen. Gar wenige tragen eigenhändige Vermerke 
(wie z. B. die früher an dieser Stelle besprochenen aus der 
Schweiz, 1775); ^^^^ immerhin wird sich doch eine grosse 
Anzahl sicher bestimmen lassen, zumal wenn Goethe, wie er 
mehrere Male gethan, das Zusammengehörige in Convolute 
vereinigt hat. Öfters können wir verfolgen, wie Goethe sich 
bemüht hat, die flüchtige, der Natur entnommene Skizze in 
ein Bild zu verwandeln, einmal den Kobells, ein andermal 
Claude Lorrain nacheifernd. Im Ganzen lassen sich drei 
Hauptepochen zeichnerischer Thätigkeit bei ihm wahrnehmen: 
die ersten Jahre des Weimarischen Aufenthaltes, räumlich so 
ziemlich ganz Thüringen umfassend, — dann die Zeit der 
italienischen Reise von der ersten Poststation in Zwota 
an bis zu den Hügeln Girgentis sich erstreckend, — und endlich 
das erste Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, wo Jena und Um- 
gegend und vor allem Böhmen die meiste Anregung gaben. 
Nur hat in dieser dritten Periode, wenn wir von dem durch 
die Goethe-Gesellschaft reproducirten Album der 22 Blätter 
absehen, Goethe sich häufig fremder Hülfe bedient, um seine 
flüchtigen Entwürfe in präsentable Zeichnungen verwandeln 
zu lassen, in denen freilich unter der Kaaz'schen oder 
Lieber'schen Austuschung oft nicht mehr viel von Goethes 
Eignem zu erkennen wäre, wenn uns nicht in vielen Fällen seine 
noch erhaltenen ersten Skizzen darüber Aufklärung verschafften. 

Was den künstlerischen Werth von Goethes Zeichnungen 
angeht, so hat er uns darüber selbst durch seine Zusammen- 
stellung der 22 Blätter aus dem Jahre 1810 belehren wollen; 
aber ein noch viel günstigeres Bild seiner Begabung würde 
man erhalten, wenn aus den dreissig Jahren von 1775 bis 
1805 oder 1806 eine Auswahl von vielleicht ebensoviel 
Blättern getroffen und vervielfältigt werden könnte. Jeder 
Unbefangene würde zugeben, dass Goethe guten Grund hatte, 
an seine künstlerische Begabung zu glauben, die den Ver- 
gleich mit analogen Leistungen berufsmässiger Künstler jener 
Zeit nicht zu scheuen hat.^ 



* Bei diesen Betrachtungen haben wir die an Zahl weit über- 
wiegenden landschaftlichen Zeichnungen in erster Linie im Auge. Zu 
einer erschöpfenden Würdigung müssten auch die vielen Studien nach 
dem Leben und nach der Antike, meistens aus der Zeit des römischen 
Aufenthaltes, die anatomischen Zeichnungen, die Entwürfe für theatra- 
lische Aufführungen, für den Bau seines eignen, wie später des Römischen 



Verse und Niederschriften Goethes zu Zeichnungen. 145 

Für dies Mal seien nur einige Blätter hervorgehoben, 
aus den ersten Weimarischen Jahren, aus der Zeit jenes freien 
und frohen Umherschweifens in den Thtlringer Waldthälern, 
wo der Zeichenstift den Dichter auf jede Höhe begleitete, — 
aber nicht nur dieser, sondern auch der Gedanke an Charlotte 
von Stein. Mehrere dieser Blätter sind bis vor Kurzem im 
Besitz eines Nachkommen gewesen und durch dankenswerthe 
Schenkung in das Goethe -National-Museum gelangt; sie ent- 
standen während des längeren Aufenthaltes in Ilmenau im 
Juli und August 1776. (Weimarer Ausgabe, Tagebücher I, 16 ff.) 

Eine der interessantesten dieser Zeichnungen ist eine 
Aussicht vom Kickelhahn bei Ilmenau, mit Tusche lavirt auf 
blauem Papier. Man blickt auf die mit Tannen bewachsenen 
niederem Berge, und in die Thäler, aus denen Nebel empor- 
steigen. Beim Betrachten des Blattes muss man den an dem- 
selben Tag, 22. Juli, geschriebenen schönen Brief an Frau 
von Stein zur Hand haben (W. A. No. 488); beide ergänzen 
sich, wie sie zusammen entstanden sind. Die Zeichnung ist 
— die Schwierigkeit des Vorwurfes im Auge behaltend — 
gar nicht ohne naturwahre Wirkung; aber wir können doch 
verstehen, wie Goethe in demselben Augenblicke ausruft : »ich 
sehe nur zu wohl, dass ich nie Künstler werde!« Er selbst war 
sein strengster Richter. An den Rand des Blattes hat er notirt : 

»An jedem Gegenstand suche erst die Art ihn aus- 
»zudrucken. — Keine allgemeine Art gilt. — « 

Wenden wir es um, so finden wir einige Zeilen, in denen 
das Verlangen nach Befriedigung in der Kunst zu dem Sehnen 
nach der abwesenden Freundin hinüberleitet: 

»Ach so drückt mein Schicksal mich 
»Dass ich nach dem unmöglichen strebe. 
»Lieber Engel für den ich nicht lebe 
»Zwischen den Gebürgen leb ich für Dich.« 

Am frühen Morgen desselben Tages waren schon zwei 
andere Zeichnungen entstanden: eine wirklich vortreffliche 
des an einem bewaldeten Abhang gelegenen Eingangs zum 
»Cammerberger Stollen«, — und eine nicht minder gute 
zweier Bäume »bey Cammerberg«, die durch einen Felsblock 
nach der Seite gedrängt emporgewachsen sind. Auf diese 
beiden Blätter wird man Goethes Bemerkung im Tagebuch 
vom 2 2ten ; »ohne Liebe gezeichnet« schwerlich anwenden 



Hauses, die Versuche den Lockenkopf Christianens künstlerisch zu ver- 
werthen, und so manches andere herangezoo^en werden. Nichts kann 
zarter empfunden sein, als die dem Leben abgelauschte Illustration zu 
dem Gedichte »der Besuch«; — die derbe Scene der Rekrutenaus- 
hebung in Apolda hat etwas von Hogarth'schem Humor. 

GoETHB- Jahr BUCH XIV. 10 



146 Neue Mittheilungen. 



wollen, es dagegen wohl verstehen, dass der Dichter nach 
einem an Eindrücken so reichen Tage noch lange mit den 
Freunden »in der Fülle mahlerischer Empfindung geschwätzt« 
habe. 

Vom 8. August besitzen wir die in schwarzer Kreide auf 
blauem Papier entworfene Höhle am Hermannstein, die Goethe 
in dem innigen Briefe No. 493 der Freundin ankündigt, als 
Erinnerung an die gemeinschaftlich zwei Tage vorher in der- 
selben verbrachte Stunde. So tritt auch hier das Bild zum 
Wort, und beide versetzen uns mit verdoppelter Deutlich- 
keit in die Empfindungen, die in jenen Tagen den Dichter 
beseelten. 

Aus den schmerzlich bewegten Herbsttagen des Jahres 
1776, als die Freundin sich durch Goethe genöthigt glaubte, 
Weimar zu verlassen, und mit Lenz in Kochberg zeichnete 
und Englisch trieb, haben sich zwei Zeichnungen erhalten. 
Goethe hatte den grollenden Entschluss vom 10. September: 
»von mir hören Sie nun nichts weiter, ich verbitte mir auch 
»alle Nachricht von Ihnen oder Lenz«, — nicht auszuführen 
vermocht; am 16. October, während eines sehr kurzen Be- 
suches in Dornburg, findet er doch Zeit, vom rechten Ufer 
der Saale aus eine flüchtige, aber wohlgelungene Ansicht 
des Höhenzuges mit den drei Schlössern zu entwerfen. Auf 
der Rückseite lesen wir: 

»Ich bin eben nirgend geborgen 
»fern an die holde Saale hier 
»verfolgen mich manche Sorgen 
»Und meine Liebe zu Dir. 

Dornburg 16 Otbr 76« 

Des armen Lenz Aufenthalt in Kochberg war auf jeden 
Fall einen Monat zuvor eine der »Sorgen« gewesen; dass 
derselbe dort auch seines grossen Freundes gedachte, und 
zwar in freundlicher Weise, ersehen wir aus einer Zeichnung, 
die er an Goethe sandte und die dieser bis zu seinem Tode 
bewahrte. So viel man auf der herzlich schwachen Skizze 
enträthseln kann, stellt sie einen niedrigen Hügelrand vor, 
mit dürftigem Strauchwerk bewachsen; in der Mitte eine Art 
Erhebung, die eine Rasenbank oder ein Grab vorstellen 
mag. Darunter die Verse: 

»Ach soll so viele Trefflichkeit 

»So wenig Erde decken 

»In diesem dürren Moosekleid 

»Mit kümmerlichen Hecken? 

»Ist dieses schlechte Kissen werth 

»Dass hier Dein Haupt der Ruh begehrt ? 

d. i8ten October 1776« 



Verse und Niederschriften Goethes zu Zeichnungen. 147 

und auf der Rückseite die Widmung: 

»a place in Kochberg called the Bruchau 
the Tomb of Lady St: 
»from Lenz to his friend Goethe.« 

Kaum sechs Wochen später war der Bruch erfolgt und 
Lenz musste »reisen«, trotzdem sich, wie es scheint, Einsiedel 
seiner annahm, und Herder, Wieland, die Göchhausen u. a. 
ihm geneigt blieben. Was Goethe unerbittlich auf seinem 
Weggange beharren machte wissen wir, trotz aller Bemühungen 
Froitzheims, Karl Müllers etc. nicht ; auch sie können nur 
vermuthen. Merkwürdig ist, dass Lenz selbst vor seiner Ab- 
reise Goethen mit der Übermittlung eines offenen Schreibens 
an Herzogin Louise, mit Aufträgen für seinen Drucker be- 
traute. Mögen wir einst noch Genaueres über die Vorgänge 
erfahren oder nicht, immerhin bleibt unsere Zeichnung eine 
wehmUthige Erinnerung an eine Beziehung, deren gewalt- 
samer Abbruch Goethen laut seines eigenen Bekenntnisses aufs 
tiefste und schmerzlichste erschütterte. 



Unter den Collectaneen zur Naturwissenschaft (mehreren 
Mappen mit Zeichnungen Goethes und Anderer zur Ana- 
tomie, Zoologie, Botanik, Geologie etc.) finden sich zwei 
Quartblätter mit miniaturartig ausgeführten Aquarellen, die 
Entwicklungsstadien der schönen Wolfsmilchraupe vom Aus- 
schlüpfen aus dem Ei bis zur Puppe in 14 Phasen darstellend. 
Über den Verfertiger der schönen Blätter fehlt bis jetzt der 
Nachweis, aber eine bei ihnen liegende, in französischer 
Sprache verfasste, eigenhändige Niederschrift Goethes vom 
23. Februar 1798 beweist, dass die Zeichnungen zu den 
Studien über die Metamorphose der Insecten gehören, die 
Goethe vom Sommer 1796 an, und dann wieder Ausgangs 
des Jahres 1797 nach der Rückkehr aus der Schweiz längere 
Zeit beschäftigt haben. Die schriftlichen, auf diese Studien 
bezüglichen Aufzeichnungen, die sich im Goethe-Archiv er- 
halten haben, sind in der Weimarer Ausgabe (Band 6 der 
naturwissenschaftlichen Schriften, S. 401 — 445) zum Abdruck 
gelangt. Wenn sie auch nicht direct auf unsere Abbildungen 
Bezug nehmen, so zeigen doch die häufigen Erwähnungen 
der Sphinx Euphorbiae (S. 409 ff., 420 — 426 etc.), dass die 
Raupe des Wolfsmilchschwärmers von Goethe mit am auf- 
merksamsten beobachtet wurde. 

Die bei den Aquarellen aufgefundene Niederschrift Goethes 
will keine Erläuterung der Abbildungen sein: sie stellt nur die 
Gesichtspunkte auf, nach welchen die Wunder der thierischen 
Metamorphose in einem kleinen Bande zusammengefasst und 
dem Naturfreunde klar dargelegt werden könnten. Der Ein- 

10* 



I4S Neue Mittheilukgen. 



gang zeigt uns, dass die Abbildungen als Muster des in dem 
»petit volume« zu Gebenden dienen sollten, und dass sie auf 
entomologischen Beobachtungen Goethes beruhten, für welche 
auch die Herzogin Louise Interesse gezeigt hatte. Die Ende 
1797 in Weimar anwesende Gräfin Fouquet wird als Be- 
sitzerin ähnlicher Zeichnungen von Goethe genannt; sie und 
ihr Gatte ' gehörten zu den um jene Zeit in Weimar an- 
gekommenen Emigrirten und ein gleiches Interesse für natur- 
historische Gegenstände scheint sie in ein näheres Verhältniss 
zu Goethe gebracht zu haben. Charakteristisch ist die Art 
und Weise wie sich Goethe über sie an Schiller äussert; am 
28. Februar 1798 schreibt er: »es sind recht artige, höfliche 
»dienstfertige Leute und auch mit mir recht einig und wohl- 
»zufrieden; doch merkt man immer, dass es ihnen auch wie 
»Vossen geht, der am Ende denn doch überzeugt ist, dass 
»er ganz allein Hexameter machen kann und soll.« 

Dass die Herzogin Louise für »die Raupenanatomie« ernst- 
liches Interesse gezeigt hat, beweist uns ein in der Weimarer 
Ausgabe unter No. 3458 abgedrucktes Briefconcept an die- 
selbe, ohne Datum, aber wohl mit Recht in den December 
1796 gesetzt. Aus den Tagebüchern erfahren wir, dass Goethe 
am 21. August die Beobachtungen an Raupen begann, am 
22. December und dann wieder am 20. Januar 1797 der 
Herzogin deren Anatomie erklärte; im Frühjahr dauert die 
Beschäftigung mit der Metamorphose der Insecten, mit 
Swammerdam's Historia generalis insectorum, der Anatomie 
der Frösche, Maikäfer, Schnecken etc. fort; dann finden wir 
die Raupenanatomie erst wieder am 28. Februar 1798 er- 
wähnt und zwar mit dem Zusatz: »gegen Mittag bey Graf 
Fouquet.« Im Laufe des Februar scheint der seit Goethes 
Rückkehr aus der Schweiz dauernde Verkehr mit den Fran- 
zosen seinen Höhepunkt erreicht zu haben: nur noch einmal 
finden wir sie erwähnt unter dem 14. Juni 1798, wo »die 
Fouquets, Gores und Frl. von Waldner von Weimar kamen«, 
um in Jena bei Goethe zu speisen. 

Dies zur Orientirung voraus; das Goethe'sche Schrift- 
stück selbst, das noch nie veröffentlicht wurde, lassen wir 
in wortgetreuem Abdruck mit seiner eigenartigen Orthographie 
und Grammatik hier folgen: im Originale füllt es vier mit 
grösster Sorgfalt geschriebene Quartseiten. Leider können wir 
die Lücke auf S. 149 Zeile 10 nicht mit dem Namen desjenigen 



* Über die Persönlichkeit dieses Grafen Fouquet hat sich bis jetzt 
nichts ermitteln lassen: die Nachkommen des berühmten Intendanten 
Ludwigs XIV. waren 1761 mit dem Marschall Charles Louis Auguste 
Fouquet, Grafen von Belle-Isle, ausgestorben ; an den Arzt Henri Fou- 
quet in Montpellier (1727— 1806) ist nicht zu denken. 



Verse ukd Niederschriften Goethes zu Zeichnungen. 149 

ergänzen, für den die Rathschläge in Betreff der Abfassung 
des illustrirten Werkchens in erster Linie bestimmt waren. 

D'apres une suite d'observations sur Tentomologie aux- 
quelles Mdme la Duchesse regnante a daign6 de prendre 
quelque part, on a cru qu'il seroit tres interessant de fixer 
par des desseins parfaits, comme sont ceux de la collection 
de Mdme la Comtesse de Fouquet, une partie des differentes 
epoques de la metamorphose des insectes qui aboutit a 
Tetat de papilion 

Si Mr. vouloit commencer par entreprendre 

quelque table, et que Mr. et Mdme de Fouquet vouloit 
l'aider de leur cönnoissances, on pourroit etre sur de voir 
naitre peu a peu un ouvrage utile et agreable. 

Tout le monde connoit la chenille, la chrysalide et le 
papilion, mais les phenomenes intermediaires ne sont pas 
si connus, sans moins meriter notre attention. Ils sont pour 
la plupart trop passagers, l'amateur et le naturaliste les 
admirent, sans se trouver toujours dans le cas de donner 
aux objets qui les frappent une dur^e, que Tart seul peut 
leur garantir. 

On commenceroit, a mon avis, par les degr^s les plus 
marqu^s de la metamorphose, 

1. on representeroit l'oeuf, 

2. la chenille qui vient d'eclorre, 

3. ses engourdissements, avant qu'elle se debarasse 
successivement de ses depouilles. 

4. Sa differente grandeur, 

5. ses differentes couleurs, a mesure qu'elle se depouille 
plusieurs fois, atiereroit notre attention 

6. Apres avoir depeint la chenille dans son etat de 
perfection, on observeroit 

7. son dernier engourdissement, qui est le plus remar- 
quable. 

8. L'etat mol, pale, et en quelque sort transparent, de 
Tanimal qui sort de la derniere enveloppe de la 
chenille, est tres interessant, on voit un nouvel etre, 
qu'on peut regarder comme un papilion entier, sans 
le reconnoitre pour un papilion parfait. 



15^^ Neue Mittheilungen. 



9. La chrysalide qui s'endurgit apres avoir et6 quelque 
tems expos^e a Tair, peut etreobserv^e avec comodite. 

10. On oteroit apres un tems convenable, la depouille 
endur^ie de la chrysalide pour voir le papilion qui 
s'avance vers la perfection. On le peindroit dans l'etat 
quand les ailes sont deja velues mais encore blanchatres, 

11. On Tattraperoit peu de tems avant la sortie; les 
ailes sont alors colorees, d'apres la nature des espcces. 

12. Apres que le papilion vient de sortir, on observeroit 
l'accroissement subit des ailes, et on feroit quelque 
desseins interessans. 

13. On peindroit le papilion parfait. 

II dependroit alors de Pinclination de l'artiste de s'attacher 
encore a d'autres phenomenes intermediaires et passagers, 

On feroit d'ailleurs bien de se tenir autant qu'il seroit 
possible a une seule espece, p. e. au sphinx du tithymale, 
qui se trouve chez nous en quantit^, et dont la meta- 
morphose fait voir des degr^s bien marqu^s tant par les 
Couleurs que par les formes. 

En meme tems on pourroit s'aider de quelques expe- 
riences faites sur d'autres espe^es. Je conseillerois, p. e. de 
peindre l'accroissement subit des ailes (No. 12) d'apres le 
papilion de la grosseille verte. II ne demande pas trop de 
travail, et le phenomene est tres marqu^, tant par la cou- 
leur que par la proportion des taches. 

Apres avoir parcourru ces divers degres on pourroit 
avec le tems joindre quelques desseins d' Anatomie, pour 
faire voir Torganisation interieure et ses changements. 

Par ces moyens on combineroit dans un petit volume 

interessant ce que l'on ne trouve qu'epars dans plusieurs 

livres, et on pourroit mettre toujours sous les yeux de 

l'amateur ces miracles de la nature organique, qui nous 

paroissent toujours plus respectables a mesure que nous 

tachons de les mieux connoitre et de les approfondir. 

Weimar ce 23 Febr. 1798 

Goethe 

Dieser Goethesche Aufsatz bildet somit einen Nachtrag zu 
den Paralipomena der morphologischen Schriften. 



ni. Verschiedenes. 



SECHS BRIEFE GOETHES. 

MiTGETHEiLT VON O. Günther, H. Hüpfer, A. Pick. 

Nebst einer Notiz iv Goethes Briefen von O. Günther 

UND EINER Abhandlung von H. Hüffer. 

An Theodor Kestner '. 

26. Juni 1801. 
Schreiben Sie, werther Herr Doctor, Ihrer verehrten 
Frau Mutier: dass ich leider für dieses Jahr die Hoffnung 
aufgeben muss sie zu sehen. Der Rückweg über Hannover 
würde mich zu mancherley Excursionen in die Nachbar- 
schaft verführen, welche ich gegenwärtig vermeiden muss. 
Sollte ich hingegen, wte es meine Absicht ist, übers 
Jahr wieder hierher kommen, so wird mein Plan eigends 
darauf gerichtet seyn Ihre Frau Mutter, nach so langer 
Zeit, wiederzusehen. Empfehlen Sie mich ihr bestens 
zu freundschaftlichem Andenken und leben recht wohl. 
Pymiont am 26. Juni 1801. 

Goethe, 

' Qjiarlblatt mit eigenhändiger Unterschrift. Adressat in einer 
handschriftlichen Notiz genannt. Original auf der Universitätsbibliothek 
in Leipzig. (Kestnersche Hand Schriftensammlung.) Auf seiner Reise 
nach Pyrmont traf Goethe am 8. Juni 1801 mit Theodor Keslner zu- 
sammen. Vgl, Tagebücher j, 19; Werke (Hempel) 27, 58. Mitgetheilt, 
ebenso wie die 2 folgenden Nummern von O. Günther. 



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Sechs Briefe Goethes. 153 

sehr bedaure ich zugleich dass Sie durch eine so harte 
Nothwendigkeit dahin versetzt worden ; doch richtet mich 
Ihr eignes Schreiben wieder auf aus dem Ihr thätiger Geist 
lebhaft hervorblickt. Leben Sie wohl. Gedencken Sie mein, 
und lassen mich allenfalls durch Ihren Herrn Schwager' 
wissen welche Wendung die Angelegenheit Ihres Sohnes 
nehmen mag. Wiederhohlt mein 

Lebe wohl ! 
Weimar d. 23 Nov. Goethe 

1803 

An Johanna Schopenhauer, 

18. Febr. 1814. 
Hierbey folgt, wertheste Freundin, ein Vorschlag wie 
der irdische Raum zwischen den beiden himlischen Figuren 
auszufüllen und ihre Umgebung zu bezeichnen seyn möchte. 
Sie werden die zarten Strichlein lesen und ihnen, durch 
eine kräftige und geschmackvolle Ausführung, erst den 
rechten Werth geben. Ich füge noch so viel hinzu. Der 
Himmel, von des Engels Seite am hellsten, deutet auf 
einen klaren Sonnentag, in dessen Aether sich die Heiligen- 
scheine angenehm verflössen [!], ganz hinten ist eine blaue 
Ferne vorausgesetzt, an Schloss und Felsen bemerkt man 
schon eine gelbliche Localfarbe, der nähere Wald könnte 
mit mancherley Grün mehr warm als kalt, vielleicht hie 
und da etwas röthlich belebt werden. Ganz vorne ist eine 
Brustlehne supponirt die, aus zusammengebundenen Rohren 
bestehend, mit Vinia, oder einem ähnlichen Gesträuch 
überzogen wäre, hier wären blaugrüne, nicht alzugrosse 
Blätter, und blaue violetUche Blumen am Orte. Dieses 
alles, sowie den Theils angegebenen, Theils angedeuteten 
Weinstock, werden Sie, meine kunstreiche Freundin, mit 
mehr Geschmack im Einzelnen ausführen, als es hier ent- 
worfen werden konnte. Vielleicht kommt unter der Arbeit 
ein besserer Gedanke. Schliesslich kann ich zu bemerken 
nicht unterlassen : dass ich die grosse Richtigkeit bewundert 



' Dr. Cornelius Johann Rudolf Ridel (1759— 182 1). 



134 Neue Mittheilungen. 



habe, mit der Sie die Umrisse beider Figuren gezeichnet 
und, völlig den Charakter der Bilder ausdruckend, in's 
Kleine gebracht haben. 

Mich bestens zu geneigtem Wohlwollen empfehlend 

J. W. V. Goethe. 
Weimar den i8. Febr. 
1814. 

Goethe und Adele Schopenhauer. 

Goethes Beziehungen zu der Familie Schopenhauer wurden 
von H. Düntzer in den Ahandlungen zu Goethes Leben 
(Leipzig 1885) I, 115-— 211, besonders für die Jahre 1806 bis 

1808 eingehend dargestellt. Einen kleinen Beitrag giebt der 
obige bisher ungedruckte Brief Goethes, der einzige an 
Johanna Schopenhauer, der mir bekannt ist. Er kam aus 
dem Nachlass ihrer Tochter Adele an die Freundin derselben, 
Frau Sybilla Mertens, und wurde, wie die übrigen hier folgen- 
den Denkblätter von der Tochter der Frau Mertens, Frau 
Professorin Heimsoeth in Bonn, mir gütigst mitgetheilt. 

Johanna Schopenhauer trat erst in späterem Lebensalter 
als Schriftstellerin auf, aber schon in früher Jugend hoffte 
sie nach dem Vorbilde Angelika Kaufmanns zur Malerin sich 
auszubilden. Wenn ihre Begabung dafür nicht zureichte, so 
übte sie doch stets die Malerei und die Kunst, mit der Scheere 
auszuschneiden, als eine Lieblingsbeschäftigung. Im Dezember 

1809 zeichnete sie Knebels Kopf im Profil, eine Zeichnung, 
die nach dem übereinstimmenden Urtheil der Künstlerin und 
des Dargestellten »ausserordentlich gelungen war«.' An ihren 
Gesellschaftsabenden, welche Goethe regelmässig zu besuchen 
liebte, war neben der Poesie die Malerei ein Hauptgegenstand 
der Unterhaltung ; sie bildet auch den Inhalt des vorstehenden, 
von Goethe dictierten, aber eigenhändig unterzeichneten 
Briefes. 

Aus diesem Briefe ergiebt sich, dass Johanna aus zwei ver- 
schiedenen Bildern zwei Figuren abgezeichnet und auf einem 
Blatte zusammengestellt hatte, dass Goethe sodann die Ver- 
bindung zwischen beiden hervorzubringen suchte, indem er 
mit eigener Hand den von ihm beschriebenen Hintergrund und 
Vordergrund mit dem Bleistift hinzufügte. Freilich geben die 



* Johanna Schopenhauer an Knebel, 6. Dezember 1809 und 
Knebel an seine Schwester Henriette i. Dezember 1809, vgl. Gaedertz, 
Ungedruckte Briefe von und an Karl Ludwig Knebel, Deutsche Revue, 
Juli 1891, S. 114. 



Sechs Briefe Goethes. 155 



leichten Striche nur eine Andeutung, um so eingehender setzt 
er der »kunstreichen Freundin« auseinander, wie er sich die 
Ausfuhrung denke. Die Zeichnung Johannas stellt die Ver- 
kündigung dar, zur Rechten die heilige Jungfrau, demUthig 
vorgebeugt, mit der linken Hand den Mantel, welcher Brust und 
Schultern umwallt, zusammenhaltend, zur Linken den Engel, 
beide als Brustbilder, zwischen ihnen eine Landschaft, Gebirge, 
ein Schloss. Hinter der Jungfrau ein Baum, im Vordergrunde 
eine Hecke; vor dem Engel steigt, noch dem Original ange- 
hörig, eine Lilie auf. 

Die Veranlassung der Zeichnung Hess sich noch nicht 
feststellen. Am lo. Februar 1814 wurde bei Johanna Schopen- 
hauer unter Goethes Leitung zu wohlthätigen Zwecken ein 
Bild verlost, ' aber ein Zusammenhang mit der Zeichnung ist 
nicht nachzuweisen. Trotz mannichfacher Erkundigungen bei 
Künstlern und Kunstkennern bleibt es auch im Ungewissen, 
welchen Bildern die Figuren entstammen, die Johanna ins 
Kleine gebracht hatte. Die Jungfrau erinnert an die Schule 
der Carracci; das Profil des Engels ist von wesentlich ver- 
schiedenem Charakter, bestätigt aber die Bemerkung Knebels: 
»Sie (die Schopenhauer) hat in der That Sinn und Geschick- 
lichkeit und, ich darf auch sagen, Geschmack, die Profile zu 
fassen.« 

Die Zuneigung, welche Goethe der Mutter schenkte, 
übertrug sich auf die Tochter. Adele — am 12. Juni 1797 
geboren — war bei der Übersiedelung von Hamburg nach 
Weimar im September 1806 erst neun Jahre alt, aber 
das lebhafte, gemüthvolle Kind wurde bald der entschiedene 
Liebling des Dichters. Sehr früh entwickelten sich ihre 
Talente: eine ausgesprochene Begabung zur Recitation und 
das von der Mutter ererbte Talent für Malerei, verbunden 
mit einer zu künstlerischer Vollendung gesteigerten Ge- 
schicklichkeit, aus schwarzem Papier Landschaften und 
Figuren auszuschneiden.* In dem berühmten Maskenzuge 
zu Ehren der Kaiserin Mutter von Russland am 18. De- 
zember 181 8 hatte Adele die Rolle der Tragödie zu über- 
nehmen , während Johanna , ohne zu reden , als Frau 
Marthe auftrat. Goethe hatte sich, als er den Auftrag erhielt, 
nach Berka zurückgezogen und Hess die Hauptdarsteller zur 
Leseprobe dahin kommen. »Wir brachten einen ganzen Tag 



' Düntzer a. a. O. I, 186. 

* Sehr hübsch sagt Immermann in einem noch ungedruckten 
Briefe an Adele vom 3. November 1837: »Noch schweben meiner Seele 
Ihre Poesien in schwarzem Papier vor; denn Sie erweisen sich darin 
als wahre Poetin, während Varnhagen nur seine geschniegelten pro- 
saischen Perioden ausschneidet.« 



1 5^ Neue Mittheilungen. 



luii ihm allein auf dem Lande zu«, schreibt Adele ihrem 
iJruder, dem Philosophen, »er wusste uns durch die Schönheit 
der Verse und der [die?] Überredung seines Eifers zum Un- 
glaublichen zu vermögen.«* Adelens Rollenheft fand sich in 
ilucia Nachlass; es enthält die Worte der Tragödie und noch 
einige Stellen aus Urne, Oberon, Mahumed, Wallenstein, 
I )cuictrius eingenäht. Auf den Umschlag des Heftes unter 
den Namen Fräulein Adele Schopenhauer hat Goethe eigen- 
luindig geschrieben: »Zur freundlichen Erinnerung des 4ten u. 
iS. Dcc. iSiS. Goethe«. 

Als der Dichter im Sommer 1821 ein Exemplar der Wander- 
jahie an Adele schicken wollte, zeichnete er in die Ge- 
lnutstagsgabe als Widmung die Worte ein: »Erinnerung des 
ij. Ivmi 1821.« Es ist bekannt, dass dies Exemplar irrthUm- 
lieh au Krau von Willemer gelangte, während Adele das nach 
iMankfurt bestimmte Exemplar empfing. Aus Mariannens 
Hiietc vom 26. Juni lässt sich nicht mit Sicherheit erkennen, 
oh sie nur zu einem Austausch sich erbot, oder das Exemplar 
suj^leiih zurückschickte. Das erstere möchte man aber, schon 
daraus sihliessen, dass die von Goethe zur Erwiderung ge- 
s( hriebcnen Verse: »Heiteres Missverständniss« nicht in das 
Um h eingetragen, sondern auf ein grünes Blättchen geschrieben 
wurtlen, das wahrscheinlich, um eingeklebt zu werden, am 
ij. Juli nach Frankfurt abging.* Auch Adele behielt das für 
brau von Willemer bestimmte Exemplar. Das auf Veran- 
Lissung des Irrthums entstandene Gedicht »Berichtigt« findet 
sit li no( h in ihrem Nachlass auf einem blassrothen mit einem 
f^e[»ressten Rande umgebenen Briefbogen in Kleinoktav. Eine 
Aufst hrift ist nicht vorhanden, auch im Übrigen stimmt der 
W Ortlaut genau mit dem Abdruck in der neuen Weimarischen 
Ausgabe (IV, 54) Uberein, nur dass in den Schlussworten: 
'.'deh' zu Adelen« der Apostroph fehlt, und dass, was mehr 
interessiren könnte, die Unterschrift: 

Weimar 
d. JvS. Novbr Goethe 

l»v igeiUgt wurde, der Name eigenhändig. Der weite Abstand 
der beiden Datirungen erklärt sich dadurch, dass der Dichter 
-leiiU uaeh dem 12. Juli eine Reise nach Marienbad antrat. 



' Duiu/cr 1, 192. 

^ y^\. die Briefe Mariannens an Goethe vom 26. Juni und Goethes 
an Maiiai\nc vom 12. Juli 1821, in dem »Briefwechsel zwischen Goethe 
laui M.iriaiinc v. Willemer, herausg. von Th Creizenach« 2. Aufl. 
■)UiU^;ari 1878. S. 156 und 158. Creizenach nimmt eine Rücksendung 
Ac, ('.xfuüilarb von Frankfurt najch Weimar und wieder von Weimar 
luuJi l'rauKturt an, wodurch aber die folgenden Vorfälle schwer ver- 
i ludliüli wiuvlcn. 



Sechs Briefe Goethes. 157 

Nachdem Goethes Sohn Ottilie von Pogwitz geheirathet 
hatte, wurde Adele dem Goetheschen Hause noch enger ver- 
bunden. Ottilie war ihre genaueste Freundin und machte sie 
bald auch zur Vertrauten ihres Kummers und der Klagen, 
zu denen ihr Gemahl nur zu häufige Veranlassung gab. Ü'ie 
sehr der Dichter Adele und den Werth ihres Umgangs schätzte, 
zeigt sich in den Briefen, die er noch in seinen letzten 
Lebensjahren an sie richtete. Sie sind von Strehlke aus dem 
Archiv des Kanzlers von Müller bruchstückweise mitgetheilt. 
Johanna Schopenhauer sah sich nach dem Verluste eines 
grossen Vermögens ausser stände, die frühere Stellung in 
Weimar aufrecht zu halten. Dies und der Wunsch, Adelens 
Gesundheit in einem milderen Klima zu stärken, veranlasste 
die beiden Damen, schon im Jahre 1827 vorübergehend und 
im Frühling 1829 dauernd an den Rhein zu ziehen. In Unkel, 
in einem dem Kölner Kaufherrn Ludwig Mertens gehörigen 
Hause, fanden sie zu sehr geringem Preise eine bescheidene 
Wohnung. Adele mag durch den Professor d' Alton oder 
durch Sulpiz Boisseree, bei dem sie schon 1826 in Wiesbaden 
verweilt hatte, mit der Familie Mertens bekannt geworden 
sein. Zwischen ihr und Frau Sybilla Mertens, der gelehrten 
Kennerin desAlterthums, entspann sich bald die innigste Freund- 
schaft, welche auch die Befreundeten des Hauses, insbesondere 
die Dichterin Annette v. Droste ' und den geistreichen Kölner 
de Noel in sich schloss. Alle waren vereinigt durch die Ver- 
ehrung für Goethe, und der Verkehr mit Weimar wurde leb- 
haft unterhalten. Am 28. August 1829 feierte Deutschland 
Goethes 80. Geburtstag, und die rheinischen Freunde wollten 
nicht zurückbleiben. Man erinnerte sich, dass der Dichter schon 
in früheren Jahren an Geschenken, die ihm Wallraf aus seiner 
Antikensammlung zuwandte, grosses Gefallen gefunden hatte. 
So schickte jetzt auch Frau Mertens mehrere Stücke dieser 
Art, und de Noel eine werthvolle antike Schale. Goethe, 
lebhaft erfreut, meldet schon am 2. September an Boisserde, * 
er werde in den nächsten Tagen an Adele, »unsere wackrere. 



* In der Autographensammlung Annettens v. Droste finden sich, 
wahrscheinlich von Adele Schopenhauer geschenkt, die schönen Verse : 
»Bei Tag der Wolken formumformend weben« u. s. w., so wie sie 
in der Weimarer Ausgabe 1891, IV, 114 zuerst gedruckt wurden. Sie 
sind ganz von Goethes Hand geschrieben, mit dem Datum: »Nov. 26,« 
auf einem Blatt in gr. 8°, unter einem aufgeklebten Bildchen, welches 
der Dichter in mehreren Exemplaren für Stammbuchblätter benutzte und 
mit verschiedenen Strophen begleitete. Es zeigt einen Adler mit der 
Leier in den Äther hinaufschwebend. Annettens Sammlung befindet 
sich jetzt in dem Besitze des Freiherrn Clemens von Droste-HQlshoff 
in Münster. 

* Sulpiz Boisseree, II, 519, Stuttgart 1862. 



I sS Neue Mittheilungen. 



gute, uns wahrhaft fehlende Freundin,« ein Kästchen abgehen 
lassen, und Boisserde schickte den für Adele sehr schmeichel- 
haften Brief nach Unkel. Adele erwiedert, sie habe Tags 
vorher von Ottilie von Goethe einen Brief erhalten, der wahr- 
scheinlich im einzelnen den Dank des Dichters für die ihm 
zugekommenen Gaben übermittelte. Die von Goethe ange- 
kündigte Sendung langte am Sonntag, den 20. September 
in Unkel an. Das Kästchen war von Goethe als Gegengabe 
für de Noel bestimmt; Frau Hertens erhielt zwei Handzeich- 
nungen, Adele mehrere Blättchen, auf welche Goethe eigen- 
händig Verse aus dem Divan geschrieben hatte. Am 23. Sep- 
tember schickte Adele das Geschenk Goethes an de Noel mit 
folgenden Zeilen: 

Unkel den 23ten Sept. 
Im Auftrage des Geheimen raths Göthe habe ich das Ver- 
gnügen, Ihnen beyfolgendes Kästchen als dankbare Erwiede- 
rung eines sehr freundlichen Geschenks Ihrer Seits zu über- 
senden. Die kleine antike Dose welche Sie den von Frau 
Hertens gespendeten Antiken beyfügten, hat ihm damahls 
grosse Freude gemacht, und bei einer mir jetzt zugekommenen 
Sendung fand ich dies Kästchen, mit der Bitte, es Ihnen in 
seinem Nahmen zu geben, was da ich jetzt schwerlich nach 
Cöln komme, schriftlich und par poste geschehen muss ; denn 
ich glaube, es wird Sie freuen, und mögte diese Freude Ihnen 
nicht vorenthalten. Heine Hutter grüsst Sie sehr freundlich 
und hofft sehr, Sie bald zu sehen und Ihnen nochmals für Ihre 
unvergessne Gefälligkeit bei unserm Aufenthalte in Cöln zu 
danken. 

Adele Schopenhauer. 

Frau Hertens, die sich damals in Unkel aufhielt, legte 
einen Brief bei, der gleichfalls hier eine Stelle verdient : 

»Ich kann den Brief meiner Freundinn und das Käst- 
chen, welches er in Ihre Hände legt, nicht abgehen lassen, 
ohne Ihnen zu sagen, wie sehr ich Ihre Freude über diese 
freundliche Gabe des allgeachteten Hannes aufs herzlichste 
theile. Schon damals als Goethe die Sendung, welcher Sie 
die kleine hübsche Schaale beifügten, erhielt, schrieb mir 
Fräulein Schopenhauer, dass er beabsichtige, Ihnen irgend 
etwas zu senden, und ich glaube auch mit Ihnen davon 
gesprochen zu haben. Am vorigen Sonntage langte das 
Paquet an, welches ausser verschiedenen Sachen für Fräulein 
Schopenhauer und mehreren Gegenständen, als gedruckten 
Gedichten etc., die er derselben überliess nach eigenem Er- 
messen zu vertheilen, dieses Kästchen mit der ausgesprochenen 
Bestimmung an Sie, sowie zwei Handzeichnungen von ihm 
für mich enthielt.— Ich werde, da es mit meiner Gesundheit 



Sechs Briefe Goethes. 159 



sich täglich bessert, wohl bis Ende dieser Woche wieder nach 
Plittersdorff zurückkehren ; es ist erstaunlich, wie sehr vortheil- 
haft die hier mildere Luft, das far niente und die, über alle 
Beschreibung liebevolle und sorgfältige Pflege auf mich ge- 
wirkt haben, und ich denke dem Winter sehr hergestellt ent- 
gegen zu gehen. Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie 
den Herrn Odendahl gütigst fragen wollten, ob er mir von 
der Medusa einen Umriss auf blaues Papier in der Dimension 
des Originals machen könne, und was er dafür verlangt. Es 
darf durchaus nicht kleinlich ausgeführt sein: mir liegt sehr 
daran ihn zu erhalten. Sodann einen kleinen in der Grösse 
eines Medaillon zum stechen, wünschte ich auch durch Oden- 
dahl machen zu lassen; ihre Antwort findet mich in Plitters- 
dorff.« 

In einem Briefe an Adele vom 17. Januar 1830 spricht 
Goethe »für die angekommene Zeichnung eines Medusen- 
hauptes dem Zeichner und der Vermittlerin« seinen Dank aus. 
Wer die Vermittlerin gewesen, braucht jetzt nicht mehr ge- 
fragt zu werden. Die Zeichnung gefiel Goethe so sehr, dass 
er auch einen Abguss des Kopfes wünschte, »schon zum Ver- 
gleiche mit der in seinem Besitze befindlichen Medusa Ron- 
danini«, ' die bereits vierundvierzig Jahre früher so lebhaften 
Eindruck auf ihn gemacht hatte.* 

Auch nach Goethes Tode blieben Adele Schopenhauer 
und ihre Mutter in lebhaftem Verkehr mit Ottilie von Goethe. 
Johanna starb bekanntlich in Jena am 16. April 1838, Adele 
in Bonn am 25. August 1849 ^^ ^^^ Hause ihrer Freundin 
Sybilla Mertens, mit welcher sie, wie es früher in den Rhein- 
landen nicht selten vorkam, einen Leibzuchtsvertrag geschlossen 
hatte. Sie ruht auf dem Bonner Kirchhof. Goethes Gross- 
neffe, Professor Alfred Nicolovius, übernahm die Sorge für 
das Begräbnis. Auf den Grabstein setzte Frau Mertens in 



' Strehlke, Goethes Briefe, Beriin 1884, II, 195. 

^ Über den kölnischen Maler Johann Adam Heinrich Odenthal 
(24. Dezember 1791 bis 15. Januar 1876) finden sich Nachrichten bei 
J. J. Merlo, »Die kölnischen Maler«, 2. von Eduard Firmenich- 
Kichartz besorgte Ausgabe, Köln 1895. Unter den nach Oden- 
thals Zeichnungen angefertigten Kupferstichen wird erwähnt: Das 
Medusenhaupt aus dem Wallrafschen Museum in Köln, bezeichnet: 
»H. Odenthal del., Gottschick sc.« kl. 8^ offenbar eine Nachbildung der 
im Auftrage der Frau Mertens angefertigten kleineren Zeichnung. Johanna 
Schopenhauer veröffentlichte den Stich als Beilage zum i. Theil ihres 
183 1 in Leipzig erschienenen Buches: »Ausflug an den Niederrhein und 
nach Belgien«, in welchem sie über Herkunft, Besitzer und künstle- 
rischen Werth des Bildwerks ausführlich sich verbreitet. Ihr Brustbild 
wurde von Odenthal 1833 gezeichnet und für die im folgenden Jahre 
erscheinende Ausgabe ihrer gesammelten Werke gestochen. 



l6o Neue Mittheilungen. 



Erinnerung an einen gemeinschaftlichen Aufenthalt in Rom 
eine italienische Inschrift, welche die Persönlichkeit Adelens 
in so schönen und treffenden Worten schildert, dass sie hier 
eine Stelle verdient: 

„Qui riposa / Luise Adelaide Lavinia Schopenhauer / vissuta 
52 anni / Egreggia di cuore d'ingegno di talento / Ottima 
figlia / Affettuosa e costante agli amici / Sostenne con nobi- 
lissima dignitä d'animo / Mutamenti di fortuna / E lunga dolo- 
rosa malattia / Con pazienza serena / Ebbe fine de* mali a 
di' 25 Ag. 1849 /Le fece il monumento la sconsolata amica/ 
Sibilla Mertens-Schaaffhausen. /« 

Hermann Hüffer. 



An Frau v. Hopfgarten.^ 

Ew. Gnad. 

wird beykommendes Buch, welches zu meinem Andenken 
gefälligst zu benutzen bitte, hinreichend seyn um der thieri- 
schen Natur in allen ihren Gestalten folgen zu können. 
Mich allerseits bestens empfehlend 

W. I. Octbr gehorsamst 

1817. Goethe. 



' Zwei Qpartblätter , zusammenhängend, davon eine Seite be- 
schrieben. Ganz eigenhändig. 

Original ebenso wie das folgende im Besitze des Herrn 
K. Bädeker in Leipzig. Adressatin ist Frau Sophie Karoline von 
Hopfgarten geb. Freiin von Fritsch, Oberhofmeisterin der Prinzessinnen 
Maria und Augusta. Der Brief bezieht sich vielleicht auf den von der 
Genannten beaufsichtigten naturkundlichen Unterricht der Prinzessinnen. 
In Bornhaks Buch »Kaiserin Augusta«, Berlin 1889 S. 12 findet sich 
ein Bericht eines Zeitgenossen über Goethes Antheil an der Er- 
ziehung der Prinzessinnen (18 16), in dem die Worte vorkommen : 
»Eines Abends empfahl sich Goethe dadurch, dass er allerlei Merk- 
würdiges aus dem Orient berichtete und den Prinzessinnen Chinesisch 
und Arabisch vorschrieb, ein andermal ich mit sehr sinn- und geist- 
reichen Bettlergeschichten. Nächstens werden Ceylonische Märchen 
und Schlangen unsere Unterhaltung sein, worauf Goethe schon seit 
ein paar Tagen studiert und die gehörigen duartanten nachgeschlagen 
hat.« — Mitgetheih von A. Pick. 



Sechs Briefe Goethes. l6l 



An Frau von Hopf garten. ' 

Ew. Gnaden 

Vermelde eiligst durch meinen Sohn dass mir heute 
gelungen Fr. Griesbach den Garten abzumiethen. Sie über- 
lässt ihn auf die Monate May, Juni, Juli, mit den Möbels 
die ihr gehören wie voriges Jahr, dafür verlangt sie 150-^ 
und wird ihre übrigen Einrichtungen darnach treffen. 
Nächstens wegen des Übrigen 

Jena d. 13. Jan. gehorsamst 

1818. Goethe. 

LÜCKE IM GOETHE - KESTNERSCHEN 

BRIEFWECHSEL. 

Von O. Günther. 

In dem Schreiben Goethes an J. C. Kestner, Briefe No. 144, 
ist folgende Stelle von A. Kestner gestrichen worden und daher 
bis jetzt ungedruckt. * 

Und nun seht wie fern ich neidisch binn, und es seyn 
muss, und das sag ich euch, wenn ihr euch einfallen (lasst]^ 
eifersüchtig zu werden so halt ich mirs aus euch mit den 
treffensten Zügen auf die Bühne zubringen und Juden und 
Cristen sollen über euch lachen. Denn entweder ich binn 
ein Narr etc. 

ZU GOETHES BRIEFWECHSEL MIT DER 

FÜRSTIN GALIZIN. 

Von Hermann Hüffer. 

Am 17. April 1793 fügt Goethe einem Briefe an Friedrich 
Jakobi, in welchem er von seinem Aufenthalt in Münster redet, 
die Nachschrift bei : »Ein Paquet an Pr[inzessin] Gallitzin zu 
gefälliger Besorgung.« "^ Was war in diesem Paquet enthalten? 



' Quartblatt. Eigenhändig, s. vor. No. Es handelt sich um die 
Miethung des Griesbachschen Gartens. Vgl. den Brief Goethes an 
dieselbe vom 2. Jan. 18 10. V^l.Strehlke 1, 276 i^. — Mitgetheilt von A. Pick. 

^ Über das Original siehe Briefe 2, 316. Hier nach einer Abschrift 
im Goethe - Kasten der Kestnerschen Handschriftensammlung auf der 
Universitätsbibliothek in Leipzig. 

3 Ausgelassen. 

* Goethe- Jahrbuch III, 304. Briefwechsel zwischen Goethe und 
F. H. Jakobi, herausgeg. von Max Jakobi. Leipzig 1846. S. 154. 

Goethe-Jahrbuch XIV. 1 1 



l62 NeUK MlTTHEILUN'GEN. 



Goethe hatte im Dezember 1792 mehrere Tage in Münster 
im Kreise der Fürstin Galizin verweilt ; die Gespräche hatten 
vielfach religiös-philosophische Gegenstände, die himmlische 
und die irdische Liebe, das Schöne und Gute zum Inhalte 
gehabt. Auch der Tochter der Fürstin, der Prinzessin Marianne 
Dorothea, gewöhnlich Mimi genannt, war er freundlich be- 
gegnet. Damals noch häufiger als jetzt pflegten junge Damen 
von Freunden und Bekannten, am liebsten von berühmten 
und ausgezeichneten Männern Autographen zu erbitten. Auch 
die Prinzessin Galizin besass ein Album ; darin standen damals 
oder wurden später eingezeichnet: 

Zuerst die Mutter mit einer undatirten Inschrift aus 
Jesus Sirach, i. C. 14. v. »Gott lieben ist die allerschönste 
Weisheit«; ferner Fürstenberg, Frankfurt 1787, 25. September; 
Dalberg, 30. September 1787; Friedrich Heinrich Jakobi, 
Pempelfort 18. Oktober 1787; Lotte Jakobi, 18. Oktober 
1787; Georg Arnold Jakobi, Münster in Westphalen den 
12. April 1788; G. H. L. Nicolovius, Münster d. 9. Juli 179 1; 
die Grafen Stolberg; die Erbdrosten zu Vischering; Kater- 
kamp ; Johann Michael Hamann, Münster den 15. April 1788; ' 
Claudius und Rebekka Claudius; Voss und Ernestine Voss, 
und andere mehr oder weniger bekannte Persönlichkeiten. 
Es war begreiflich, dass die Prinzessin neben solchen Namen 
auch den Namen Goethes zu sehen wünschte. Sie hat ihn 
gewiss schon in Münster um eine Einzeichnung ersucht und 
ihm das Buch bei der Abreise mitgegeben oder bald darauf nach 
Weimar geschickt. So findet sich denn anklingend an frühere 
Gespräche auf der 17. Seite das bisher ungedruckte Distichon: 

Unterschieden ist nicht das Schöne vom Guten, das Schöne 
Ist nur das Gute, das sich lieblich verschleiert uns zeigt. 

Weimar den 17. April Goethe. 

1793 

Da die Unterschrift im Datum mit dem Anfangs dieser 
Zeilen erwähnten Briefe an Jacobi übereinstimmt, so lässt 
sich nicht bezweifeln, dass Goethe das Tagebuch, sei es allein 
oder mit andern für die Fürstin bestimmten Gegenständen 
dem Briefe beilegte, mit der Bitte, es weiter nach Münster 
zu befördern. Jakobis Sohn, der auch in das Album einge- 
zeichnete Georg Arnold Jakobi, befand sich im Hause der 
Fürstin in Münster; an Gelegenheit zur Übersendung konnte 
es daher nicht fehlen. Die Prinzessin verheirathete sich in 



' In das Buch eingelegt finden sich mehrere Skizzen für das 
Denkmal Hamanns von Franz Hemsterhuis, mit der Inschrift: Uraniae 
Veneri ac saplentissimo viro. 



Zu Goethes Briefwechsel mit der Fürstin Galizin. 163 

spätem Jahren mit dem Fürsten Salm-Reifferscheidt-Krautheim. 
Von ihrem Stief-Sohne, dem Fürsten Konstantin, der am 
Bodensee begütert und mit der Familie von Lassberg auf der 
Meersburg befreundet war, wurde das Album der Schwägerin 
Lassbergs, Annette von Droste -Hülshoff, geschenkt. Den Nichten 
der Dichterin, -den Freifräulein von Lassberg, verdanke ich 
den Vortheil, die zu Anfang dieser Zeilen gestellte Frage 
beantworten zu können. 

In dem Goethe- Jahrbuch III, 275 fg. sind aus dem Brief- 
wechsel zwischen Goethe und der Fürstin Galizin, Overberg 
und F. L. Stolberg interessante Mittheilungen gemacht. In 
dem zuerst gedruckten Briefe empfiehlt die Fürstin den Über- 
bringer, »Herrn Mikel«, einen Mann »von ungewöhnlicher 
Biederkeit des Herzens, der sich durch Charakter und Talent 
in allen Arten von Leibesübungen ein grosses ascendant über 
die münsterische Jugend und das wohlverdienteste Vertrauen 
ihrer Eltern erworben hat.« Er soll einen jungen in Jena 
studirenden Grafen v. Plettenberg von »seinen Irrwegen 
zurückführen und den Klauen eines Betrügers entreissen«; 
Unterstützung und guten Rath hofft er bei Goethe zu finden. 
Der eigentliche Name dieses Abgesandten wird Franz Miquel 
geschrieben; er war Fechtmeister bei der münsterischen »Hoch- 
fürstlichen Leibgarden-Compagnie« und der Grossonkel des 
jetzigen preussischen Finanzministers ; seit den ersten Kinder- 
jahren habe ich viel von ihm reden hören, da einer seiner 
Neffen, auf den die Charakterschilderung gleichfalls passen 
würde, in meinem elterlichen Hause aufgewachsen und der 
Beistand meines Vaters war. 

Der Brief ist vom 25. März datirt und wird von dem 
Herausgeber (S. 276), freilich mit einem Fragezeichen, in das 
Jahr 1793 gesetzt. Diese Annahme wird aber schon durch 
den Inhalt des Briefes vom 7. April (S. 278) sehr unwahr- 
scheinlich und ganz ausgeschlossen durch den Umstand, dass 
der junge Graf Plettenberg sich 1793 noch gar nicht in Jena 
befand. Nach einer gütigen Mittheilung des Herrn Bibliothek- 
Sekretärs Dr. Martin inscribirte sich »Max Fridericus Pletten- 
berg, comes et dynastaWestphalus«, nebst seinem Hofmeister 
»Rabanus Wilhelmus Brockmann, Lieutenant monasteriensis« 
eigenhändig »die VIII. Maji 1794.« Die beiden Namen nehmen 
in der Matrikel ein besonderes Folioblatt ein. Unter den- 
selben ist das Plettenbergische Wappen in Farben gemalt, 
wie es damals bei dem höhern Adel gebräuchlich war. Der 
Brief gehört in das Jahr 1795. Welcher Vergehen der Graf 
sich schuldig gemacht hatte, und inwiefern vielleicht eine 
höhere Hand eingegriffen habe, lässt sich den Akten des 
Jenaer Universitätsgerichts, die noch nicht ausreichend ge- 
ordnet sind, nicht entnehmen. In den Tag- und Jahresheften 



II* 



164 Neue Mittheilungen. 



zum Jahre 1795 bemerkt Goethe, »sie (die Fürstin Galizin) 
blieb mit mir in wohlwollender Verbindung, und ich war 
froh, in jenen verworrenen Zeiten ihren Empfehlungen ge- 
mäss manches Gute zu stiften.« Sehr wahrscheinlich hat er 
neben den von der Fürstin am 25. Januar 1795 (S. 289) 
erwähnten Angelegenheiten der französischen Emigrirten den 
Brief vom 25. März und die darin angedeuteten Vorgänge 
vor Augen und in Erinnerung gehabt. 

Ich will nicht aussetzen, dass die Briefe, so wie sie rasch, 
ja übereilig niedergeschrieben wurden, mit einem ganz will- 
kürlichen Gebrauch der grossen Anfangsbuchstaben, zuweilen 
mit falscher, zuweilen ohne jede Interpunktion zum Abdruck 
kamen. Nicht selten begegnet man aber auch Unrichtig- 
keiten, die nicht auf einen Schreibfehler, sondern auf einen 
Lesefehler zurückzuführen sind. Es ist möglich, dass Goethe 
1796 (S. 292) den Freund der Fürstin, den vortrefflichen 
Schulmann Overberg, fälschlich Overbeck geschrieben habe ; 
aber sicher wusste Graf Stolberg, als er den Brief vom 
6. November 181 6 (S. 301) schrieb, dass sein Schwiegersohn nicht 
Kressenbrod, sondern Kerssenbrock heisse. Der Graf d'Ange- 
villers soll, als er der Fürstin Galizin die von Miquel nach 
Weimar überbrachte Gemme zum Geschenk machte, ge- 
schrieben haben (S. 278): »je Tai desird pendant yo ans, je 
Pai possede pendant 10 ans et j'en jouis aujourd'hui pour la 
premiere fois.« Das wäre doch eine gar zu lange Zeit; sicher 
lautete das »national-genialische« CompHment: »je Tai desire 
pendant 10 ans« u. s. w. — S. 285, Z. 17 fordert der Sinn 
statt : »Gott, den Sie Lieber« durchaus »Gott, den Sie lieben.« 
— S. 300, Z. 4 ist statt »sein« »Dein« zu lesen, und so 
würde bei einer Vergleichung der Handschrift wahrscheinlich 
noch manches sich verbessern lassen. 



^ 



IL Abhandlungen. 



Goethes Art zu arbeiten. 

Von 

Richard M. Meyer. 



Jjls man noch annahm, die Welt sei durch einmahge 
n Schöpfunesakte entstanden, als man ebenso die 
i Weltgescliichte im Staccato plötzlicher Umwäl- 
zungen sich bewegen Hess, da glaubte man auch bei den 
Werken des Genius mit der Behauptung eines einzigen 
schöpferischen Moments der Inspiration alles erklärt zu 
haben. Jetzt ist überall die Überzeugung eingetreten, dass 
die grossen Ereignisse und die grossen Werke vielmehr 
allmähliger, gesetzmässiger Eniwickelung zu danken seien. 
Erst seit diese Lehre durchgedrungen ist, hat man begonnen, 
die Vorgeschichte bedeutender Dichtungen aufmerksam zu 
studieren und für eine poetische Embryologie, für die Lehre 
von der Entstehung poetischer Schöpfungen, den Grund- 
stein zu legen. 

Es gieot nun zweierlei Wege, um in die Werkstatt 
des Dichters einzutreten. Entweder geht man von dem 
fertigen Werke aus, oder man setzt dies zum Ziel. Im 
ersten Fall verfolgt man die Absichten des Autors durch 
den ganzen Gang der uns vorhegenden Dichtung; im andern 
durch den ganzen Gang seiner Thätigkeit am Werke. Dort 
fragt man sich was dieser Monolog oder jene Episode 
bedeute, man beachtet Contrastwirltungen, Actscmüsse 
und andere Formen der Gliederung. Hier stellt man alle 
erreichbaren Thatsachen der Vorgeschichte zusammen, um 
dann zu fragen, weshalb da geändert, da gekürzt sei; ob 



1 68 Abhandlungen. 



in der Zeichnung eines Charakters sich nicht eine ver- 
änderte Auffassung kundthue; welcher Zeitraum die Con- 
ception des Werkes von seiner Vollendung trenne. Man 
könnte den einen Weg das Studium der äusseren Technik, 
den anderen — wie man von äusserer und innerer Form 
spricht — das Studium der inneren Technik nennen. 

Das Studium der äusseren Technik ist bedeutend leichter 
als das der inneren. Zunächst und vor allem liegt das 
Material vollständig vor, da ja eben das fertige Werk selbst 
es darbietet. Ferner sind wir über die Absichten des 
Autors, sein Publikum, seine Stimmung u. s. w. im allge- 
meinen überwiegend gut unterrichtet, imd es handelt sich 
vorzugsweise um Acte bewussten WoUens, die zu deuten 
sind. Goethe will mit dem Famulus Wagner eine Contrast- 
figur zu Faust geben ; Heinrich Kleist will mit den Familien- 
scenen des Michael Kohlhaas den gutmüthigen Grund 
dieser so furchtbar aufgeregten Seele anschaulich machen. 
Dazu liegen in parallelen Schöpfungen anderer Autoren 
zahlreich Hilfsmittel für die Interpretation der äusseren 
Technik zur Hand, und jeder Schauspieler von Verständniss, 
jeder Leser von Gefühl kann uns berathen. 

Für das Studium der inneren Technik besitzen wir das 
gesammte Material schlechterdings niemals. Denn wenn 
auch alle Aufzeichnungen vom ersten Aufblitzen des Ge- 
dankens bis zur letzten Redaktion vorhanden wären — 
was doch nur ausnahmsweise bei Naturen wie Hebbel oder 
den Goncourts der Fall sein kann — so fehlen uns immer 
die Zwischenglieder, die jede neue Niederschrift mit der 
vorigen verbinden. Aber gerade die Zeiten, in denen der 
Gedanke still fortkeimte, sind von der grössten Wichtig- 
keit für die poetische Embryologie. »Es gibt bedeutende 
Zeitena, sagt Goethe in der Geschichte der Farbenlehre 
(Hempel 36, 89), »von denen wir wenig wissen^ Zustände, 
deren Wichtij^keit uns nur durch ihre Folgen deutHch sind. 
Diejenige Zeit, welche der Same unter der Erde zubringt, 
gehört vorzüglich mit zum Pflanzenleben.« — Ferner aber 
handelt es sich um Vorgänge, die schwer zu deuten sind, 
weil sie fast ganz unbew^usst sich vollziehen. Wir können 
nicht, wie bei dramaturgischen Effekten, dem Autor seine 
Absicht nachrechnen ; um sie nachzufühlen, müssen wir 
uns in seine Seele selbst hineinzuversetzen suchen. Und 
wie weit wir endlich von analogen Vorgängen in der Seele 
eines anderen Dichters auf die des zu untersuchenden Autors 
schliessen dürfen, das ist noch sehr die Frage. Uns zwingt 
einstweilen die Verlegenheit, mit Otto Ludwig Lücken in 
der Vorgeschichte eines Schiller'schen Werkes auszufüllen, 
Räthsel im Schaffen Goethes mit Analogien aus Hebbels 



Goethes Art zu arbeiten. 169 

Arbeit zu beantworten; eine spätere Zeit wird solche Er- 
gänzungen vielleicht mit demselben Entsetzen betrachten, 
mit der wir gewisse Reconstructionen antiker Bildwerke 
beschauen. 

Trotzdem bleibt unzweifelhaft, dass neben höchst in- 
dividuellen Erscheinungen dauernde, in der dichterischen 
Arbeit selbst nothwendig gegebene Vorgänge liegen, auf 
die die »Methode der wechselseitigen Erhellung« mit grossem 
Vortheil anzuwenden ist. Es ist ferner sicher, dass das 
Studium der äusseren und das der inneren Technik sich 
gegenseitig zu Hilfe kommen. Besässen wir ein gründ- 
liches Werk über die poetische Technik Goethes, wie wir es 
trotz zahlreicher in diese Richtung zielender Einzelarbeiten 
noch nicht haben, so würden wir wissen, was den Dichter 
z. B. in einer unvollendeten Scene am lautesten zur Vollen- 
dung aufrief: ob ihn mehr ein Riss in der Motivirung der 
Handlung, oder eine leere Fläche in der Charakterzeich- 
nung, eine ungenaue Symmetrie oder ein Fehler im Colorit 
zur Besserung reizten. Und hätten wir, was noch lange 
nicht zu erhoffen ist, ein erschöpfendes Werk zur speciellen 
Psychologie Goethes, ein Lehrbuch über seine Art aufzufassen, 
zu comoiniren, zu gestalten, sich auszudrücken, so wären 
wir über manche vielumstrittene Scene im Faust, über die 
»Moral« der Wahlverwandtschaften, über die Bedeutung 
der Bakis-Sprüche im Klaren. Aber die Faustphilologie 
beweist zur Genüge, dass weder hier noch dort an unbe- 
streitbaren Daten Uberfluss ist. 

Trotzdem ist viel geschehen. Für die äussere Technik 
haben Werke wie die von Freytag und Bulthaupt nicht 
wenig geleistet, für die innere hat Scherer ein grosses 
Programm aufgestellt, Dilthey grosse Grundlinien gezogen, 
und R. M. Werner (für die Lyrik) den Anfang einer 
speciellen Behandlung in grossem Stil gegeben. Es ist hier 
der Raum nicht, diese und verw^andte Arbeiten in einer 
erschöpfenden Untersuchung über Goethes Art :(ti arbeiten 
weiterzuführen; vielmehr soll eine kurze Skizze hauptsäch- 
lich dazu dienen, auf die wichtigsten hier noch zu lösenden 
Probleme hinzudeuten. — 

Das Allgemeinste ist bekannt genug. Goethe empfing 
die erste Idee zu einer poetischen Schöpfung durch einen 
äusseren Anstoss, der natürlich eine innere Vorbereitung 
schon voraussetzt (Eckermann 3, 163). Kleinere Gedichte 
erscheinen ihm auf einmal und ganz, und er muss sie 
gleich niederschreiben, sonst findet er sie nicht wieder 
(1815 zu Boisseree, Gespr. 3, 206). Anders ist es mit 
grösseren Conceptionen, die schon ihrem Umfang nach nicht 
»ganz und auf einmal« erscheinen können. In der Jugend 



lyo Abhandlungen. 



trägt er auch hier die aufsteigenden Keime rasch ins Vor- 
rathshaus und eilt, sie schwarz auf weiss zu besitzen (»Der 
ewige Jude«). Später schleppt er den Stoff Jahrzehnte 
mit sich herum und trennt sich nur schwer davon (»Der 
Paria«). In der Weimarer Zeit finden wir beides oft ver- 
einigt : nach langem Tragen plötzliche, schnelle Befreiung 
(»Sereno die, quieta mente schrieb ich nach einer Wahl von 
drei Jahren den vierten Act meiner Iphigenie an einevi 
Tage«; vgl. Hempel 7, 97). 

So lang Goethe sich mit einem poetischen Produkt 
beschäftigt, von der ersten Conception bis zur Fertigstellung, 
ist er abhängig von der Gunst des Moments, der »Stim- 
mung«. Die erste Ausarbeitung vollzieht er gewöhnlich 
in möglichst wenig unterbrochener Folge, dagegen zögert 
er, wo es sich darum handelt die letzte Feile an das Werk 
zu legen oder gar es umzuformen. Schnell wird sein eigenes 
Werk ihm dann fremd und er betrachtet es historisch. — 

Auch in diesen allgemeinsten Zügen liegen schon in- 
dividuelle Momente. Mit vollem Recht sieht schon ßöttiger 
(Literarische Zustände und Zeitgenossen S. 66) eine be- 
zeichnende Verschiedenheit der Individualitäten Goethes 
und Wieland darin, dass der Dichter des Oberon jederzeit 
gern bereit war, seine Arbeiten von neuem vorzunehmen, 
während Goethe die abgeworfene Schlangenhaut eines ab- 
gethanen seelischen Erlebnisses gern völlig von sich fort- 
stösst. Aber im Ganzen ist doch, wie Werners Buch 
beweist, Goethes Verfahren, so weit wir es hier um- 
schrieben haben, das typische Verfahren des — ich möchte 
sagen — normalen Dichters überhaupt: desjenigen Dichters, 
der weder, wie der grüblerische Hebbel, immer an den 
eigenen Tatzen saugt, noch, wie der zu früh unsterbliche 
Kiopstock, in einer jungen Phase jeder eigentlichen Ent- 
wickelung abstirbt. In den angerührten Entwickelungs- 
stadien zeigt Goethe fast nur in allerdings charakteristischer 
Reinheit die dichterische Arbeitsart schlechtweg. Wir 
müssen fragen, wo das Itidividuelle steckt? und weiter: wo 
das Goethe überhaupt, wo das bestimmten Phasen seiner 
inneren Geschichte EigenthümHche? — 

Für das Verständniss der inneren Technik Goethes 
wäre schon ein Bedeutendes geleistet, w^enn man vollständig 
und systematisch diejenigen Momente zusammenstellte, 
welche für seine einzelnen Dichtungen den äusseren Anstoss 
geliefert haben. In der Jugend ist es meist eine durch 
Lektüre oder sonstige Mittheilung gewonnene historische 
Thatsache; so beim »Werther«, beim »Götz«, freilich auch 
später noch z. B. bei der »Natürlichen Tochter«. In der 
Weimarer Blüthezeit wirkt mit bemerkenswerther Häufigkeit 



Goethes Art zu arbeiten. 17 1 

das Auge auf die Entstehung der Dichtungen ein; einem 
überraschenden Anblick entsprang die Idee der »Fischerin«, 
des »Neuen Pausias«, des »Ämyntas«, angeblich auch des 
»Märchens«. Das Alter hat überwiegend nur ältere Con- 
ceptionen zum Abschluss zu bringen. Daneben zieht durch 
alle Phasen von Goethes Leben sich die Gelegenheits- 
dichtun^ im engeren Sinn, zu der eine Aufforderung von 
aussen her den Anlass giebt ('»Clavigo«, Festspiele). — 

Es scheint also, als ob der »befruchtende Moment«, 
wie R. M. Werner ihn nennt, für die Unterscheidung ver- 
schiedener Perioden in Goethes Dichtung Wichtigkeit ge- 
winnen könnte. Dagegen ist wenigstens einstw^eilen nicht 
ersichtlich, dass er für Goethes gesammte poetische Eigen- 
art sich verwerthen lässt. 

Im höchsten Grade gilt dagegen gerade dies für den- 
jenigen Moment, der den in der Seele des Dichters erregten 
Stoff zu einer festen Organisation führt. Es handelt sich 
um das, was Goethe das »AperftHi zu nennen pflegt. 

Goethe hat sich über das Wesen des Apergus wiederholt 
ausführhch ausgesprochen. Er sieht es als »unverhofftes 
Geschenk von oben« an; es steht in niemandes Gew^alt und 
ist über aller irdischen Macht erhaben (Eckermann 3, 162). 
Man fühlt es voraus; es bereitet sich vor, wenn er fühlt, 
dass von vielen Wegen Alles gleichsam auf Einen Punkt 
zusammenrücke (Itahenische Reise, Hempel 24, 395). Die 
Wirkung des Apercus beschreibt er an einer schon von 
Werner (a. a. O. S. 301) ausgehobenen Stelle, die dieser 
mit Recht von dem wissenschaftlichen Erkennen verall- 
gemeinernd auch auf den dichterischen Prozess übertragen 
hat: »Alles, was wir Erfinden, Entdecken im höheren Sinne 
nennen, ist die bedeutende Ausübung,Bethätigung eines origi- 
nalen Wahrheitsgefühles, das, im Stillen längst ausgebildet, 
unversehens mit Blitzesschnelle zu einer fruchtbaren Erkennt- 
niss führt. Es ist eine aus dem Innern am Äussern sich ent- 
wickelnde Offenbarung, die den Menschen seine Gottähn- 
lichkeit vorahnen lässt. Es ist eine Synthese von Welt und 
Geist, welche von der ewigen Harmonie des Daseins die 
seligste Versicherung giebt« (Sprüche in Prosa No. 903). 

Der Kern dieser Beschreibung liegt in den Worten 
yiSynlhese von Welt und Geiste Denn dies eben sind sonst 
getrennte Kreise. »Möchte man doch immer wohl be- 
denken,« sagt Goethe einmal (Zur Mineralogie und Geologie, 
Hempel 33, 350), »dass alle solche Versuche, die Probleme 
der Natur zu lösen, eigentlich nur Konflikte der Denkkraft 
mit dem Anschauen sind.« Das Apercu also bewährt seine 
Wunderkraft dadurch, dass es plötzlich diesen Konflikt 
beilegt und dem Geist eine zvirldiche Anschauung der Welt 



172 Abhandlungen. 



gestattet. Denn die Denkkraft, die vorausgefasste ;>hohe 
Meinung, womit der Geist sich selbst umfängt« ist der 
geborene Feind unbefangenen Anschauens. »Da bei meinen 
physikalischen und naturhistorischen Arbeiten alles darauf 
ankommt: dass ich das sinnliche Anschauen von der Meinung, 
insofern es möglich ist, reinige und sondere, so ist mir 
jede Belehrung sehr willkommen, die zunächst hierauf 
deutet« (An W. v. Humboldt; Briefe, Weim. Ausg. 10, 344). 
So finden wir auch im Tagebuch die Notiz: »Schwierigkeit 
sich am Anschaun zu halten. Nicht dogmatisch zu werden« 
(Tageb. 2, 260). Und ebenso ermahnt er Seidel: »Nur musst 
du Immer deine Meinung «eringer halten als dein Augecc 
QBriefe 8, 313^ Es gilt gleicnsam dem Geist achromatische 
bläser zu scnleifen, damit er die Dinge ohne trübendes 
Medium sehe. Das trübende Medium aber ist die Indivi- 
dualität, »Wundersam ist doch jeder Mensch in seiner 
Individualität gefangen, am seltsamsten ausserordentliche 
Menschen« (An Frau von Stein i, 257). Das eben ist es, 
was auch Faust beklagt. »Du bist am Ende — was du 
bist«, sagt ihm Mephisto, und eben deshalb sagt er ihm auch: 

Mein guter Herr, ihr seht die Sachen, 
Wie man die Sachen eben sieht, 

d. h.: ihr seht sie nicht, wie sie sind. Unser Schicksal ist, 
durch den Zwang der Individuahtät gehemmt, von den 
Dingen ein falsches Bild zu erlangen. »Es ist nichts schwerer 
als die Sachen zu nehmen für das was sie sind« (An Frau 
V. Stein i, 258). 

In Rom erst ist Goethen jene ersehnte Gabe geschenkt 
worden. Wieder und wieder betont er dies: »Mir ist jetzt 
nur um die sinnlichen Eindrücke zu thun«, heisst es beim 
Eintritt der Italienischen Reise (Hempel 24, 19). »Die Sache 
ist, dass ich . . . prüfe, wie weit es mit meinen Wissen- 
schaften und Kenntnissen geht, ob mein Auge licht, rein 
und hell ist . . .« Dann in dem schönen Brief an seinem 
Geburtstag 1787 die berühmten Worte : »In der Kunst 
muss ich es so weit bringen, dass Alles anschauende Kennt- 
niss werde, nichts Tradition und Name bleibe« (ebd. 387). 
Und endlich der befriedigte Ausruf: »Ich wandle nun im 
Anschauen, in der wahren unterscheidenden Erkenntniss« 
(ebd. 448). Nun also hat er es gelernt, die Dinge zu sehen, 
wie sie sind; er hat das Geheimniss der Antike damit 
entdeckt: »Was den Homer betrifft, ist mir wie eine Decke 
von den Augen gefallen. Die Beschreibungen, die Gleich- 
nisse u. s. w. kommen uns poetisch vor und sind doch 
unsägUch natürUch, aber freilich mit einer Reinheit und 
Innigkeit gezeichnet, vor der man erschrickt« (ebd. S. 307). 



Goethes Art zu arbeiten. 173 

Es klingt wie ein Paradoxon, wenn man Goethe wieder 
und wieder betheuern hört, wie schwer es sei, die Dinge 
wie sie sind zu sehen, wenn man in der Kunst, dies zu 
sehen, ihn das Geheimniss der Antike ahnen sieht. Wie 
deuten wir jene geheimnissvollen Worte, die Goethe so 
gern und fast wie Zauberformeln braucht? Was heisst denn 
das eigentlich, die Dinge sehen w^ie sie sind? 

Es heisst für Goethe: die Dinge in ihrer vollen Wesen- 
heit sehen, so nämlich, dass das Allgemeine und das Be- 
sondere in ihnen zugleich hervortritt. 

Goethe ist der Schüler Herders, und jene Lehre von 
den grossen ewigen Typen, die Herder in seinen ästhetischen 
wie in seinen geschichtsphilosophischen Schriften so hin- 
reissend vortrug, ist dem grossen Schüler völlig in Fleisch 
und Blut übergegangen. »Jeder Charakter, so eigenthüm- 
lich er sein möge«, sagt Goethe in einem hochwichtigen 
Gespräch mit Eckermann (i, 52) »und jedes Darzustellende, 
vom Stein herauf bis zum Menschen, hat Allgemeinheit; 
denn alles wiederholt sich, und es gibt kein Ding in der 
Welt, das nur einmal da wäre.« Und in dem wichtigen 
Aufsatz über den Versuch heisst es ganz ebenso: »In der 
lebendigen Natur geschieht nichts, w^as nicht in einer Ver- 
bindung mit dem Ganzen stehe ... es ist nur die Frage: 
wie finden wir die Verbindung dieser Phänomene, dieser 
Begebenheiten?« (Hempel 34, 80). Dies Allgemeine, dies 
Verbindende gilt es also zu erfassen, ohne das Individuelle 
darüber zu verlieren, denn »die Auffassung und Darstellung 
des Besondern ist das eigentliche Leben der Kunst.« Wie 
ist nun beides zu vereinen ? Das Einzelne, das Besondere 
muss aufgefasst werden als Vertreter einer ganzen Klasse. 
»Der Poet soll das Besondere ergreifen, und er wird, wenn 
dieses nur etwas Gesundes ist, darin ein Allgemeines dar- 
stellen« (Eck. I, 154). Da kein Ding in der Welt nur ein- 
mal da ist, muss man es unter seines Gleichen einstellen. 
Wenn der erhabene Geist Faust zu dem Dankesruf zwingt: 

Du führst die Reihe der Lebendigen 

Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder 

Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen, 

so hat er nur Einmal gethan, was der Dichter immer thut. 
Er zeigt die Dinge in ihrer uralten natürlichen Verwandt- 
schaft. Er fasst in jedem Individuum neben der speci- 
fischen die typische Seite auf. Dies ist jene oft citirte 
Lehre Goethes von den »symbolischen Fallemi: »es sind 
eminente Fälle, die in einer charakteristischen Mannig- 
faltigkeit als Repräsentanten von vielen anderen dastehen, 
eine gewisse Totalität in sich schliessen, eine gewisse 



174 Abhandlungen*. 



Reihe fordern, Sehnliches und Fremdes in meinem Geiste 
aufregen und so, von aussen wie von innen, an eine gewisse 
Einheit und Allheit Anspruch machen.« (Briefwechsel mit 
Schiller 3. Ausg. i, 338). Eine Dichtungsweise, die sich 
in solchen »symboHschen Fcällen« bewegt, benennt Goethe 
im Geö;ensatz zur »einfachen Nachahmung der Natur« und 
zur »Manier«, mit dem lobenden Wort »Stil«: ihr schreibt 
er die Fähigkeit zu »die Reihe der Gestalten zu übersehen« 
(fast ganz die Worte Fausts in jenem Monolog!) und er 
urtheilt, dass für diesen »höchsten Grad der Kunst« genaue 
und immer genauere Kenntniss der Dinge und der Arten, 
wie sie bestehen, Voraussetzung ist (Zur Italienischen Reise 
Hempel 24, 527). 

Mit andern Worten : wir Sterblichen haben kein anderes 
Mittel, die Dinge in ihrer wirklichen Wahrheit zu sehen, 
als durch Vermittlung eines symbolischen Falls: »Das Wahre, 
mit dem GöttHchen identisch, lässt sich niemals von uns 
direkt erkennen, wir schauen es nur im Abglanz, im Bei- 
spiel, Symbol, in einzelnen und verwandten Erscheinungen« 
(Versuch einer Witterungslehre Hempel 34, 47). Berühmte 
Verse des zw^eiten Faust sprechen dieselbe Anschauung aus: 
»Im farbigen Abglanz haben wir das Leben. rr »Alles Ver- 
gängliche ist nur ein Gleichniss.« 

Demnach können wir den Goethischen Begriff des 
Apergus jetzt w^eiter dahin verdeutÜchen: das Apercu Dringt 
Licht und Ordnung in eine noch ungeordnete Masse, in- 
dem es dieselbe sub specie aeterni, unter dem Gesichts- 
punkte einer dauernden Erfahrung, eines typischen Falles 
anschauen lehrt. Es führt specißsche Fälle auf typische 
Begriffe pirück. Daher kann es auch in späteren Stadien 
der Arbeit von neuem rettend eingreifen : »Für den Roman 
fürchte ich übrigens gar nichts. Das Wenige, was noch 
zu thun ist, hängt von ein paar glücklichen Apercus ab« 
(An Schiller i, 192). — 

Keineswegs ist diese Reduktion der bunten Fülle von 
Eindrücken auf gewisse ewige Typen zu verwechseln mit 
einer Reflexionsdichtung, deren Wesen Goethe Zeitlebens 
fremd und antipathisch war. Verwahrt er sich doch (Eck. 
3, 118) nachdrücklich gegen solche Deutungen; schreibt 
er doch an Schiller (2, 351), die Philosophie zerstöre bei 
ihm die Poesie. Natürlich; denn was kann einem unbe- 
fangenen, in antiker Weise »unsägHch natürlich« hinzeich- 
nenden Dichtergemüth mehr hinderlich sein, als wenn die 
vorgefasste Meinung sich bis zu metaphysischen Systemen 
verhärtet? Gerade hierdurch wird ja die »Synthese von 
Geist und Welt« erschwert. In diesem Sinn hat Goethe 
in dem berühmten Brief an Jacobi (Br. 7, 213 fg.) geschrieben: 



Goethes Art zu arbeiten. 175 

»Dagegen hat dich aber auch Gott mit der Metaphysik 
gestraft und dir einen Pfahl ins Fleisch gesetzt, mich da- 
gegen mit der Physik gesegnet, damit mir es im Anschauen 
seiner Werke wohl werde.« In diesem Sinn hat er gegen 
die Abstractionen der Newtonianer für das Recht des 
Augenscheins geeifert. Bezeichnend ist aber vor allem 
folgende Briefstelle: »Soviel neues ich finde, find ich doch 
nichts unerwartetes; es passt alles und schliesst sich an, 
weil ich kein System habe und nichts will als die Wahrheit 
um ihrer selbst willen« (An Fr. v. Stein 2, 325). Es schHesst 
sich an, weil »die Kratt des menschlichen Geistes Alles, 
was ausser ihr ist und was ihr bekannt wird, mit einer 
ungeheueren Gewalt zu verbinden strebt« (Der Versuch 
als Vermittler von Objekt und Subjekt Hempel 34, 79). Es 
passt alles, weil die innere Welt ues Dichters, lässt man 
sie nur gewähren, der Aussenwelt entspricht, der Mikrokos- 
mus dem Makrokosmus: »Sieh Lieber, was doch alles 
Schreibens Anfang und Ende ist: die Reproduction der 
Welt um mich aurch die innere Welt, die alles packt, 
verbindet, neu schafft, knetet, und in eigener Form, Manier 
wieder hinstellt« (An Jacobi Briefe 2, 186 fg.). Der Augen- 
blick, in dem sie die zerstreuten Strahlen der Aussenwelt 
in eigener Form zu einem neuen Bilde sammelt, das ist 
eben der, in welchem das Apercu sich vollzieht. 

Verfolgen wir nun an ein paar Beispielen das künst- 
lerische Apercu bei Goethe. Als Anleitung diene wieder 
sein eigenes Wort zu Eckermann : »So kam Shakespeare 
der erste Gedanke zu seinem Hamlet, wo sich ihm der 
Geist des Ganzen als unerwarteter Eindruck vor die Seele 
stellte, und er die einzelnen Situationen, Charaktere und 
Ausgang des Ganzen in erhöhter Stimmung übersah, als 
ein reines Geschenk von oben« (Eck. 3, 163). Der Hamlet 
ist allemal der Probirstein unserer Dramaturgen. Er war 
es auch, als Herder in seinem bedeutsamen Shakespeare- 
Aufsatz die »einzelne Hauptempfindung« hervorhob, »die 
jedes Stück beherrscht und wie eine Weitseele durchströmt« 
(Werke Suphan 5, 224). Wie diese Auseinandersetzungen 
auf Goethe wirkten, habe ich bereits (G.-J. 13, 230) ange- 
deutet. Wir dürfen sagen : das Aperfu verleiht dem noch un- 
bestimmten Stoff seine innere Form. So ist es also z. B. bei If^erther. 
Gegeben sind die Empfindungen, die Goethe selbst durch- 
stürmten, die ganze sentimentale Naturliebe, der Hass gegen 
die Convention, das Gefühl der Isolirung, die Liebe zu 
Lotte. Nun erfährt der Dichter Jerusalems Schicksal — 
und das Apercu ist da: sein individueller Fall wird durch 
die Analogie eines zweiten Einzelfalls ihm zum typischen 
Fall. Goethes Erlebnisse in Wetzlar erhalten die innere 



176 Abhandlungen. 



Form, die den Werther zu einem einheitlichen Kunstwerk 
macht, indem sie auf die typischen Gefühle eines Jünglings 
dieser Zeit zurückgeführt werden, ohne ihre Individualität 
zu verlieren. — Oder beim Faust: die bedeutende Puppen- 
spielfabel klang und summte in ihm gar vieltönig wieder, 
bis endlich das Symbolische herausgefühlt war in Fausts 
übermächtigem Drang nach Wissen. — Oder in »Herrmann 
und Dorothea« : das singulare Erlebniss der Salzburger 
Emigranten erhält durch ähnliche Schicksale in der Revo- 
lutionszeit typische Bedeutung; der Gegensatz des Festen 
und des Erschütterten wird zur Grundempfindung des Epos. 

Niemandem wird es entgehen, wie innig diese tiefste 
Wurzel der individuellen Poetik Goethes verwandt ist mit 
seiner Art wissenschaftliche Probleme anzufassen. Auch 
hier ist das Apergu ihm die Hauptsache : »Bei der Wissen- 
schaft ist die Behandlung null, und alle Wirkung liegt im 
Apercu« (Zu Soret, Gespräche 4, 335). Auch hier findet 
er erst Ruhe, wenn er in einem reinen, klassischen Beispiel 
das Typische durch die individuelle Hülle durchschimmern 
sieht (vgl. die Bemerkung des Kanzlers v. Müller, Ge- 
spräche 8, 199). So spricht er in der italienischen Reise 
von neu errungenen Anschauungen: »Italien ohne Sicilien 
macht gar kein Bild in der Seele: hier ist der Schlüssel zu 
allem« (Ital. Reise, Hempel 24, 239). »Schlüssel« ist ihm 
Sicilien in demselben Sinn, wie die Urpflanze ihm Modell 
und Schlüssel der Natur ist (ebd. 308), wie die mensch- 
liche Figur ihm das A und Ö aller uns bekannten Dinge 
heisst (ebd. 385). Goethe hat ja auch selbst in der »Kon- 
fession des Verfassers« in der Geschichte der Farbenlehre 
(Hempel 36, 409) seine künstlerische und wissenschaftliche 
Methode verglicnen, hat auf beide mit Freude das Prädikat 
der »Gegenständlichkeit« angewandt (ebd. 27, 351) und 
hiermit auf die letzte Verwandtschaft seiner Dichtung mit 
seiner Forschung hingewiesen. Sie besteht eben in der Er- 
fassung der »prägnanten Stelle« (Zur Morphologie 33, 255): 
des Punktes, der im Besondern das Allgemeine erkennen 
lässt. — 

Aufgabe eines vollständigen Lehrbuchs der Goethischen 
Poetik würde es nun sein müssen, die grossen Typen voll- 
ständig zu sammeln, auf die seine Gestalten sich reduciren 
lassen, die festen Motive, die den Ereiignissen seiner Dich- 
tungen zu Grunde liegen. Vor einer schematischen Aufzäh- 
lung in Goethes eigener Art (z. B. imBriefw. mit Schiller 2, 324) 
dürfte man dabei keineswegs zurückscheuen. Vielmehr 
müsste sein Beispiel uns auch hier den Weg bahnen. Er 
hat die Probleme der Naturforschung regelmässig bis zu 
einem y>Urphänoniemi verfolgt; und dies Urphänomen erschien 



Goethes Art zu arbeiten. 177 

ihm in der Regel in Gestalt eines periodischen Wechsels 
zweier Gegensätze : Systole und Diastole, Ausdehnung und 
Zusammenziehung, Wasserbejahung und Wasserverneinung. 
In derselben Weise muss man für Goethes Dichtung auf 
die grossen Antithesen kommen, die sie beherrschen. Eine 
ganze Kategorientafel bietet er selbst in einer noch anzu- 
ziehenden wichtigen Stelle des Tagebuchs vom 26. März 
1780: Heiterkeit — Trübe, Stärke — Schwäche, Gelassen- 
heit — Begier (Tageb. i, 112). Zeitweilig Hegt die »Polarität« 
klar vor Augen. Der Gegensatz von Individuum und Welt 
beherrscht den Werther, den Götz, die Anfänge des Faust und 
gleichzeitige Entwürfe. Die Antithese von Lebenslust und 
Lebensmüdigkeit prägt sich in Hauptfiguren von Iphigenie, 
Tasso, Egmont, Nausikaa aus. Viele späteren Werke wie die 
Wanderjahre, die Natürliche Tochter, auch der Grosskophta 
spielen auf dem Gegensatz von BegehrHchkeit und auf- 
opfernder Entsagung. Jede Epoche in Goethes Leben wird 
eben selbst, wie nach jenem Wort Herders die Dramen 
Shakespeares, von einer Hauptempfindun^ beherrscht und 
wie von einer Weltseele durchströmt. Dem in seiner genialen 
Vereinsamung doch nach der Welt sich sehnenden Jüngling 
bezieht jeder Vorgang sich auf die grosse Alternative: Ich 
oder die Welt; dem Mann, der, in der »formlosen Luft« 
des Nordens seine Lebensfreudigkeit einzubüssen fürchtet, 
bestimmt dieser Gesichtspunkt den symbolischen Werth 
einer Fabel; dem Greis, der in der Aufopferung die höchste 
der Tugenden erkannt hat, wird sie zum I^rüfstein der 
typischen Fälle. Und erst nachdem er das Besondere auf 
solche grossen allgemeinen Fragen bezogen hat, ist er 
sicher, aas Ereigniss zu sehen, wie es ist; ist er überzeugt, 
das Allgemeine, das Dauernde im Individuellen zu erfassen. 
Erst jetzt können wir verstehen, in wiefern die ita- 
lienische Reise in Goethes Art zu concipiren Epoche macht. 
Er vertraut von jetzt an vollkommen den grossen antiken 
Typen; er trägt gleichsam ein Fadennetz in seinem Auge, 
das jedes Objekt sofort auf den Kreuzungspunkt zweier 
Linien stellen und so fixiren lässt. Und wenn er sonst auf 
den günstigen Moment in Geduld wartete, so besitzt er 
jetzt ein Mittel, das Anercu zu erzwingen. Dies Mittel 
sind seine berühmten Schemata. Man denke nur an ein 
Schema w^ie die »Skizzen des Gedankenganges,« die jetzt 
zum Faust (Weim. Ausg. 14, 287) abgedruckt sind: »Streit 
zwischen Form und Formlosem .... Helles kaltes wissen- 
schaftliches Streben Wagner. Dumpfes warmes wissen- 
schaftliches Streben Schüler . . . Lebensgenuss der Person 
von aussen gesehen in der Dumpfheit Leidenschaft i. Theil. 
Thaten Genuss nach aussen und Genuss mit Bewusstsein, 

Goethe- Jahrbvch XIV. 12 



ItS Abhandlungen. 



Schönheit zweiter Theil.« Oder das Schema der Fortsetzung 
zur Pandora (Hempel lo, 383), wo die scharfe Symmetrie 
der Gegensätze nach der Pracht lebensvoller Gestaltung 
in den ausgeführten Scenen wahrhaft erschreckend wirkt. 
Es gibt, zumal im zweiten Theil des Faust, Scenen, die 
nichts sind als in Verse gesetzte Schemata solcher Art. — 
Derartige Schemata also werden für den »alten Praktikus« 
(Br. 10, 73) zu Hilfsmitteln, das Besondere auf das Allge- 
meine zu bringen. Sie spielen in seiner poetischen Thätig- 
keit völlig die Rolle des Experiments und dienen wie dies 
als »Vermittler von Subjekt und Objekt;« und so geben 
sie dem Dichter die Möglichkeit, den individuellen Fall auf 
gleichsam mechanischem Wege zu vertiefen. 

Doch das geschieht nie ohne Schaden für die Dich- 
tung; und wer möchte gewisse auf solche Weise herge- 
stellte Figuren — so die drei Gewaltigen im zweiten 
Faust — den lebensvollen, »in Dumpfheiten (An Merck Br. 
j, 215) empfangenen Gestalten wie Valentin oder Gretchen, 
ja auch nur wie die Studenten in Auerbachs Keller gleich- 
stellen? Es geschieht denn auch nur, wo Goethe mit einer 
alten Aufgabe abschliessen, reine Bahn machen will; und 
es geschieht nur selten in so arg antithetisch-construirender 
Weise, wue in jenem Schema des Gesammt-Faust. Ihre 
eigentliche Stätte haben die Schemata in Goethes wissen- 
schaftlicher Thätigkeit, sowie in den kritischen Aufsätzen; 
man denke an die Tabelle zur »Neuesten deutschen Poesie« 
(Hempel 29, 267) oder auch an die »Epochen deutscher 
Literatur« (ebd. S. 261), wo die Jahrzehnte in ein festes 
Coordinatennetz eingetragen werden : »ruhig — unruhig — 
beschwichtigt — malcontent; — Form suchend — Form 
willkürlich zerstörend und besonnen herstellend — von 
Form sich entfernend — ins Formlose strebend.« Hier wird 
das Besondere durch die einseitige Hervorhebung des All- 
gemeinen schier erstickt — wie in manchen Alterspro- 
dukten Goethischer Dichtung freiUch auch. Man erinnere 
sich, dass Goethe eine Zeit lang die Betonung des Typischen 
bis zur Wiedereinführung der Masken auf der Bühne trieb. 

Wir haben Bedeutung und Geschichte des »Apercus« 
bei Goethe nun in kurzen Strichen zu Ende geführt und 
was hierbei ihm eigenthümlich sei, herauszuheoen gesucht. 
Was geschieht nun in dem Dichtergeist, nachdem diese 
Offenoarung sich vollzogen hat, nachdem das Typische 
und damit zugleich das Poetische (Eck. i, 38) an dem 
Gegenstand erkannt ist? 

»Ein entschiedenes Apergu ist wie eine inokulirte 
Krankheit anzusehen; man wird sie nicht los, bis sie 
durchgekämpft ist« (Geschichte der Farbenlehre H. 36, 419). 



Goethes Art zu arbeiten. 179 

Ebenso heisst es in der Italienischen Reise: »Die über orga- 
nische Natur, deren Bilden und Umbilden mir gleichsam 
eingeimpften Ideen erlaubten keinen Stillstand, und indem 
mir Nachdenkendem eine Folge nach der andern sich ent- 
wickelte, so bedurfte ich zu eigener Ausbildung täglich und 
stündlich irgend einer Art von Mittheilung« (^Ital. Reise, 
Hempel 24, 406). Der Gedanke also führt, gleichsam un- 
abhängig von seinem Besitzer, ein eigenes Leben; er ent- 
wickelt sich. Wüssten wir wie, so wären wir freilich im 
innersten Centrum der Goethischen Gedankenwelt, bei den 
»Müttern« gleichsam seiner Werke. Goethen selbst hat 
diese Frage lebhaft interessirt. Er war durchaus überzeugt, 
dass diese Entwickelung seiner Gedanken, wie Alles in 
der Welt, festen Gesetzen gehorche. Wichtig ist vor allem 
eine Stelle aus dem grüDlerischen Tagebuch von 1780: 
»Ich muss den Cirkel, aer sich in mir umdreht, von guten 
und bösen Tagen näher bemerken, Leidenschaften, Anhäng- 
lichkeit, Trieb dies oder jenes zu thun. Erfindung, Aus- 
führung, Ordnung, alles wechselt und hält einen regel- 
mässigen Kreis, Heiterkeit, Trübe, Stärke, Elastizität, 
Schwäche, Gelassenheit, Begier ebenso. Da ich sehr diät 
lebe, wird der Gang nicht gestört und ich muss noch heraus- 
kriegen, in welcher zeit und Ordnung ich mich um mich selbst 
bewegeif^ (Tageb. i, 112). Soweit es sich dabei nun um 
Dinge handelt, die vom Willen abhängen oder doch von 
der Absicht gefördert werden können — also z. B. bei »Er- 
findung, Ausführung, Ordnung« — wusste er dieser auto- 
matischen Bewegung durch bewusste Eintheilung nachzu- 
helfen: »Sonst«, sagt er im hohen Alter, »hatte ich einen 
gewissen Cyklus von fünf oder sieben Tagen, worin ich die 
Beschäftigungen vertheilte; da konnte ich unglaublich viel 
leisten« (1827, zu v. Müller; Gespr. 6, 164). Es wäre nicht 
bloss für die Goethephilologie, sondern in noch höherem 
Grade für die Psychologie sehr wichtig, wenn man an der 
Hand seiner Tagebücher diese Angabe nachprüfte und 
gleichzeitig untersuchte, ob diesen kleinen Schöpfungs- 
wochen Cyklen periodischen Felderwechsels im Grossen 
entsprechen: ob so Jahre vorzugsweise wissenschaftlicher 
und vorzugsweise poetischer Arbeit, und wieder Zeiten 
überwiegend lyrischer, epischer, dramatischer Thätigkeit in 
geordnetem Wechsel sich die goldenen Eimer reichen. 

Aber mit dieser äusserlichen Vertheilung auf ein paar 
Hauptbegriffe ist das Wesen der Gedankencirkulation nicht 
erscnöpft. Gern vergleicht Goethe die Entwickelung seiner 
Gedanken mit den Bewegungen des Planetensystems. »Was 
für w^underbare Operationen muss mein Kopf^ machen! und 
doch sind nur wenig Dinge, die drin aui- und abgehen 



12* 



l8o Abhandlungen. 



wie's Firmament über unsern Häupten« (An Frau v. Stein 
I, 92). Er ahnte in ihnen einen geordneten Kosmos: »Bei 
der grossen Menge von Ideen wird es mir sauer zu schreiben, 
denn es sind kerne einzelne Bemerkungen und Begriffe, sie 
sind zusammenhängend, haben mancherlei Beziehungen 
unter sich und bewegen sichw^enn ich so sagen darf jeden 
Tag weiter« (An Frau v. Stein, Briefe Weim. Ausg. 8, 148). 
£r ist sich bewusst, dass dies ein persönlicher Vorzug 

ist: »Aber nun giebts noch einen Goethe weil er 

arbeitend immer gleich eine Stufe höher steigt, weil er nach 
keinem Ideale springen, sondern seine Gefühle sich zu 
Fähigkeiten, kämpfend und spielend, entwickeln lassen 
will« (An Aueuste v. Stolberg Br. 2, 234). Er weiss endlich 
auch, worauf diese Begabung beruht : auf der Stetigkeit, 
die er in seiner Natur besitzt. »Ich bin mehr als jemals 
überzeugt«, schreibt er bei Gelegenheit eines naturhisto- 
rischen Problems (An Schiller i, 201), »dass man durch 
den Begriff der Stetigkeit den organischen Naturen trefflich 
beikommen kann.« Und in psychologischer Anwendung: 
^iFolge! das einzige wodurch alles gemacht wird, und ohne 
das nichts gemacht werden kann, warum lässt sie sich so 
selten halten!« (An Voigt Br. 10, 248, wörtlich ebenso 
von Riemer mitgetheilt Gespr. 2, 275). Indess hilft dies 
alles noch nicht zur Beantwortung aer Frage, worin denn 
eigentlich eine folgerechte Entwickelung des Aper^^us be- 
stehe; denn an ein im Collegium logicum erlerntes Durch- 
3uälen desselben durch logische Schablonen ist nicht zu 
enken. 

Aber auch hier kommen uns eigene Berichte Goethes 
zu Hilfe. In jener so wichtigen Unterredung mit Ecker- 
mann am 2Q. Okt. 1823 fährt er nach der von uns schon 
citirten Forderung von der Durchdringung des Allgemeinen 
und Besondern fort: »Auf dieser Stufe der individuellen 
Darstellung beginnt dann zugleich dasjenige, was man 
Composition nennt« (Eck. i, 53^. Der getreue Famulus ist 
sich unklar, was Goethe gemeint habe. Es scheint doch 
nichts anders gemeint, als dass der Dichter unter dem neu 
gewonnenen (Gesichtspunkt den ganzen Stoff durcharbeite, 
um die durch Offenbarung ihm fühlbar gewordene Einheit 
der Grundstimmung, der inneren Form auch thatsächlich 
durchzuführen. So berichtet er, wie er eine neu gewonnene 
Vorstellungsart auf die ganze Physik anzuwenden versucht 
(Tag- und Jahreshefte Hempel 27, 193). So schreibt er 
über die optischen Studien, deren Apercu ihm längst 
»inokulirt« war, an seinen Herzensfreund Jacobi, nach 
Auguste Stolberg und vor Schiller den intimsten Vertrauten 
seiner künstlerischen Geheimnisse: »Die Materie, wie du 



Goethes Art zu arbeiten. l8l 

weisst, ist höchst interessant und die Bearbeitung eine solche 
Übung des Geistes, die mir vielleicht auf keinem andern 
Wege geworden wäre. Die Phänomene zu erhaschen, sie 
zu Versuchen zu fixiren, die Erfahrungen zu ordnen und 
die Vorstellungsarten darüber kennen zu lernen . . . , dazu 
gehört eine Durcharbeitung seines armen Ichs, von deren 
Möglichkeit ich auch sonst nur keine Idee gehabt habe« 
(Br. 10, 219). Setzen w^ir für die wissenschafthchen Schlag- 
worte die der poetischen Technik ein, so erhalten wir in 
wünschenswerthester Fülle ein Recept der dichterischen 
Composition: die Gestalten zu erschauen, sie zu Hand- 
lungen zu bringen, die Entwickelung der Charakterzeich- 
nung zu ordnen und die Wirkung auf den Leser zu prüfen 
— ist das nicht das Ganze der Composition eines in der 
Hauptsache schon fertigen Stoffs? (Zu dem Terminus 
»Composition« vgl. noch Eck. 3, 243 — 44 und schon Briefe 
9, 72, w^o Moritz citirt wird.") 

Es handele sich z. B. um den EgmonL Die Gestalten sind 
längst dem Dichter nahe getreten; Egmont, Oranien, Alba 
fesseln ihn und mit jener Kraft, die ihm vor allen eigen 
ist, hat er sie leibhaft gesehen, mit geschultem Auge und 
hellem Sinn. »Die Gegenständlichkeit meiner Poesie bin 
ich denn doch jener grossen Aufmerksamkeit und Uebung 
des Auges schuldig geworden« (Eck. i, 147). Aber ^ noch 
sind es trotzdem »schwankende Gestalten«, noch ist er 
nicht im Stande, sie festzuhalten. Da kommt die blitz- 
artige Erleuchtung. Schon längst hat ihn »das Dämonische« 
gefesselt; in Adelheid hat er es gezeichnet, die selbst den 
Vehmboten in ihre Reize verstrickt. Jetzt wird es ihm 
zum Schlüssel des neuen Dramas. Die »attrattiva« Egmonts 
wird zur Grundempfindung und Seele des Stückes, w^ie der 
Dichter selbst (Dichtung und Wahrheit, Weim. Ausg. 2Q, 
175) ausdrücklich bezeugt. Damit ist das »Werde Licht!« 
in das Chaos gesprochen. Es beginnt die Composition, Der 
Dichter beschaut in stiller Sammlung die ihm schon be- 
kannten Figuren auf ihr Verhältniss zu Egmonts Anziehungs- 
kraft; nicht nur Oraniens Freundschaft und Clärchens Liebe, 
auch Albas Abwehr erhalten eine eigenthümüche Färbung. 
Die Gunst des Volkes muss ins Licht gesetzt werden. Ja 
der Tod Egmonts selbst gewinnt eine eigenartige Gestalt: 
so schön und gewinnend ist seine Erscheinung, dass er 
selbst, der Heia, vor der Vernichtung einer so einzigen 
Bildung einen Augenbhck wenigstens bebt. Er denkt 
pathetisch, w^as Goethe einmal scherzend von einer origi- 
nellen Erscheinung schreibt: »Die Natur kann nun wieder 
eine Weile operiren, bis sie ein so neckisches Wesen zum 
zweitenmal zusammenbringt« (An Schiller 2, 358). — In 



l82 Abhandlungen. 



solcher Weise also wird nunmehr das ganze Werk auf 
den Einen Grundton gestimmt und durchtomponirt. Erst 
jetzt gewinnt es jenes specifische Gewicht, das Goethe 
(Eck. I, 99J mit gutem Grund den Schauspielen Platens 
absprach. $0 schwebt über jedem Werk Goethes — wie 
Herder es von Shakespeare rühmen durfte — der Hauch 
einer ganz individuellen Atmosphäre. Die Figur Tassos 
könnte nicht in den Egmont verpflanzt werden; sie ver- 
langt die Luft jener zarten EmptindHchkeit, die in ver- 
schiedenen Nuancen alle Gestalten am Hofe von Ferrara 
umgibt. Wo einmal Goethe eine ältere Figur zu ver- 
pflanzen versuchte, da missglückte es: wie wenig gleicht 
der Prometheus der »Pandora« dem des grossartigen Jugend- 
fragments! 

Es versteht sich von selbst, dass diese Durchkomposition 
Sache des poetischen Takts ist und nicht mühsamen An- 
probirens. FreiHch wird ein erfahrener Meister durch über- 
legte Abtönungen viel leisten können Tvgl. Eck. i, 211^. 
Aber die »zarte chemische Verwandtscnaft, wodurch die 
Leidenschaften sich anziehen und abstossen, vereinigen, 
neutralisiren, sich wieder scheiden und herstellen« (An 
Schiller 2, 252) ist nicht durch psychologische Stöchio- 
metrie zu ermitteln. Der Dichter muss es fühlen, ob eine 
Figur, eine Situation dem Grundton des Stückes wider- 
spricht. Und bei Werken langjähriger Arbeit wie beim 
Faust und Wilhelm Meister werden auch dem Grössten 
Verstösse begegnen. Denn jede Störung kann gefährlich 
werden. Deshalb Hebt Goethe je später je mehr während 
der Durcharbeitung sich zu isoliren. Wie nothwendig die 
Sammlung sei, das empfand er zuerst heftig in jenen an 
glänzenden Entwürfen so überreichen Jahren, die der Ab- 
fassung des Werther folgten. »Faust«, »Mahomet«, »Prome- 
theus«, »Künstlers Erdenwallen« — es ist nicht eins, das 
nicht in heftigen Worten über die Störung unvergleich- 
licher Momente durch Unberufene klagte. Sie rauben ihm 
die Stimmung, »Es ist übrigens für unser einen mit der 
Gesellschaft immer eine traurige Sache, man erfährt was, 
aber man lernt nichts, und was wir am meisten, ja einzig 
brauchen : Stimmung wird nicht gegeben, vielmehr zerstört« 
(An Schiller 2, 83; im allgemeinen vgl. R. M. Werner, 
Lyrik und Lyriker S. 34 und 251 f.). Deshalb Hebt Goethe 
es durchaus, sich in solchen Momenten zu isoliren. »Um 
den Faust zu vollenden, werd ich mich sonderbar zusammen- 
nehmen müssen. Ich muss einen magischen Kreis um 
mich ziehen, wozu mir das günstige Glück eine eigne Stätte 
bereiten möge« (Br. 8, 305). Er weiss, wie unendUch das 
fördert: »Es käme jetzt nur auf einen ruhigen Monat an. 



Goethes Art zu arbeiten. 183 

SO sollte das Werk zu männiglicher Verwunderung und Ent- 
setzen, wie eine grosse Schwammfamilie aus der Erde 
wachsen« (An Schiller r, 316). Und noch stärker: »Ich 
habe die Erfahrung wieder erneuert, dass ich nur in einer 
absoluten Einsamkeit arbeiten kann und dass nicht etwa 
das Gespräch, sondern sogar schon die häusliche Gegen- 
wart geliebter geschätzter Personen meine poetischen 
Quellen gänzlich ableitet« ("An Schiller i, 401). Er hat es 
in den letzten Jahren wieaerholt beklagt, dass er nicht 
zurückgezogener gelebt, ausschliesslich seiner Poesie sich 
gewidmet habe (Eck. i, 76). Auch bei wissenschaftlicher 
Reflexion wehrt er alle fremden Einflüsse ab, bis er »seine 
eigene Kraft an einem solchen Objekt durchversucht« (Falk, 
Goethe aus persönl. Umgang dargestellt S. 9). 

Aber jene Hilfsmittel, von denen wir schon sprachen, 
helfen nicht blos das Apercu reifen, sondern auch bis zu 
einem gewissen Grad die Stimmung ersetzen. Wieder unter- 
scheidet dies den erfahrenen Dichter von dem jugendlichen. 
»Zw^ar weiss ich wohl, wie schwer es hält, doch müssen 
Sie nach und nach, durch Nachdenken und Übung, dem 
dramatischen Metier so viel Handgriff'e abgewinnen, dass 
Genie und reine poetische Stimmung nicht gerade zu jeder 
Operation nöthig sind«, (An Schiller 2, 358). Hauptsäcnlich 
freilich besteht diese Übung in der Kunst, »Stimmungen, 
und wie sich uns angenehmes und unangenehmes auf- 
drängen mag, im Augenblick zu nutzen« (ebd. i, 148). 
Aber im Nothfall lässt die Poesie sich doch auch komman- 
diren. Am 6. März 1799 schreibt Goethe: »Wir wollen 
sehen, wie weit wirs im Wollen bringen können« (An 
Schiller i, 178); am 16. März kann er berichten: »Von 
der Achilleis sind schon fünf Gesänge motivirt und von 
dem ersten 180 Hexameter geschrieben. Durch eine ganz 
besondere Resolution und Diät habe ich es gezwungen« 
(ebd. 182). Freilich misstraut er dann der den Musen 
abgetrotzten Arbeit (ebd. 184) und seinen Eckermann hat 
er wiederholt gewarnt, nichts zu forciren (Eck. i, 164 und 
2, 137). So gab schon der Jüngling seinen guten Kath: 

Geschieht wohl, dass man einen Tag 
Weder sich noch andere leiden mag. 
Will nichts dir nach dem Herzen ein; 
SoUt's in der Kunst wohl anders sein? 
Drum hetze dich nicht zur schlimmen Zeit, 
Denn Füll' und Kraft sind nimmer weit : 
Hast in der bösen Stund' geruht, 
Ist dir die gute doppelt gut. 

(Gedichte, Weim. Ausg. 2, 189.) 



184 Abhandlungen. 



Aber auch das Fehlen oder Vorhandensein der günstigen 
Stimmung ist Goethe geneigt^ für ein geset:(mässiges Phäno- 
rnen zu halten. Auch wird diese Meinung dadurch bestätigt, 
dass nach dem Bericht seines Arztes Perioden besonderer 
Productivität fast stets durch Krankheiten abgeschlossen 
wurden (Gespr. 8, 209). Fast jeder Dichter bevorzugt ge- 
wisse Jahres- und Tageszeiten oder vielmehr wird von ihnen 
bevorzugt (vgl. Scherer Poetik S. 169, R. M. Werner a. a.O. 
251 f.). Goethe ist vor allem von der Sonne abhängig; 
Makarie in den Wanderjahren ist nur eine ins Mytho- 
logische gehende Übertreibung seiner eigenen Wetter- 
Empfindlichkeit. »Meine Sachen gehen so fort und ich 
habe Heiterkeit genug ihnen nachzugehen und nachzuhelfen. 
Das schöne Wetter hilft zu allem« (An Frau v. Stein 2, 324). 
Und umgekehrt : »Das Wetter ist immer sehr betrübt und 
ertötet meinen Geist; wenn das Barometer tief steht und 
die Landschaft keine Farben hat, wie kann man leben?« 
(An Herder Br. 9, 19). In solchen »färb- und freudlosen 
Stunden« wendet er sich dann von schaffender zu blos 
vorbereitender Arbeit (An Schiller 2, 8). Überhaupt sorgt 
er vor, um die Ungunst der Jahreszeit auszubessern : »Auf 
den Sommer muss ich mir was erfinden, es sei was es will, 
um mir eine gewisse Heiterkeit w^ieder zu geben, die ich 
in der schlimmsten Jahreszeit ganz vermisste« (An Schiller 
2, 176). Besonders charakteristisch ist eine sehr späte 
Äusserung. Am 21. März 1830 sagt er zu Eckermann: »Es 
ist unglauolich, wie viel der Geist zur Erhaltung des Körpers 
vermag. . . . Der Geist muss nur dem Körper nicht nach- 
geben ! So arbeite ich bei hohem Barometerstande leichter 
als bei tiefem; da ich nun dieses weiss, so suche ich bei 
tiefem Barometer durch grössere Anstrengung die nach- 
theilige Einwirkung aufzuheben, und es gelingt mir. In der 
Poesie jedoch lassen sich gewisse Dinge nicht zwingen, 
und man muss von guten Stunden erwarten, w^as durch 
geistigen Willen nicht zu erreichen ist« (Eck. 2, 137). 
Also auch hier schliesslich die Mahnung zu geduldigem 
Abwarten, wie er es ebenso bei Erforschung naturwissen- 
schafthcher Gegenstände übte (Eck. 2, 9). 

Zum »Durchdenken« der Probleme benutzte Goethe, 
wie die Tagebücher zeigen, am liebsten die Morgenstunden. 

Während Goethe so über die Voraussetzungen einer 
besonders günstigen Stimmung nur ganz im Allgemeinen 
Auskunft zu geben weiss, ist er über die Bedingungen 
genauer unterrichtet, die für ihn das Arbeiten überhaupt 
erst ermöglichen. Er hat erklärt, dass er in einem schief- 
gebauten Zimmer sich unglücklich fühlen ^vürde: das Ge- 
fühl des Perpendikels und der Wasserwage mache uns 



Goethes Art zu arbeiten. 185 

erst zu Menschen. Man erinnere sich, wie der AnbHck 
pallagonischer Fratzen in Sicilien ihn in wahre Verzweiflung 
setzt. — Andererseits darf das »MiUeu« nicht allzu phäa- 
kisch - behagUch sein: »Eine Umgebung von bequemen 
und geschmackvollen Möbeln hebt mein Denken auf und 
versetzt mich in einen behaglichen passiven Zustand« 
(Eck. 2, 220). — Seine optischen Studien brachten ihn zu 
interessanten Beobachtungen über die »sinnlich- sittliche 
Wirkung« der einzelnen Farben (Farbenlehre Weim. Ausg. 
II, I, 307 f.). Er lobt besonders den »durchaus warmen und 
behaglichen Eindruck« des Gelben: »das Auge wird erfreut, 
das Herz ausgedehnt, das Gemüth erheitert, eine unmittel- 
bare Wärme scheint uns anzuwehen« (ebd. 311). Auch 
das Rothgelb ist bei Umgebungen angenehm (ebd. 312); 
dagegen erscheinen Zimmer, die rein blau austapezirt sind, 
leer und kalt (ebd. 314). Unerträglich wäre ihm eine violet 
gefärbte Tapete (ebd. 317). SchHesslich bleibt er wohl 
beim Grün: »Man will nicht weiter und man kann nicht 
weiter. Deswegen für Zimmer, in denen man sich immer 
befindet, die grüne Farbe zur Tapete meist gewählt wird« 
(ebd. 321). — Ich weiss im Augenblick nicht anzugeben, 
wie weit Goethe diese theoretiscnen Erkenntnisse in seiner 
Arbeitsstube praktisch verwerthet hat; sehr wahrscheinHch 
ist aber, dass er sie grossentheils eben aus seiner eigenen 
persönHchen Erfahrung abstrahirt hat. 

Höchst lehrreich müsste es sein, in seinen Werken 
die »sinnlich-sittliche Wirkung« der jedesmaligen Umgebung 
eingehender zu studiren. Allgemein wird sich natürlich 
ergeben, dass auf Momente hochgespannter Erregung das 
Lokal w^eniger Einfluss ausübt, als auf passivere Stimmungen. 
Der Garten der Villa Borghese ist der Hexenscene nicht 
anzumerken, aber Schloss Dornburg den dort entstandenen 
Gedichten. Manche Verse lyrischer Natur — »Über allen 
Wipfeln ist Ruh« — sind lediglich Wiedergabe der durch 
die Natur erregten Stimmung; aber auch bis zu epischer 
Gestaltung kann solch Gefühl sich verdichten : »der Fischer« 
(Eck. I, 55). Kurz, es lohnte sich wohl, eine vollständige 
Topographie der Entstehung Goethischer Dichtungen an- 
zufertigen. Wie viel erklärt schon von den Stilverschieden- 
heiten des »Faust« das Itinerar des Dichters! 

Wo er sich aber befinde, er ist immer thätig. Eine 
vöUige Stockung — wie sie besonders nach der »grimmigen 
KranKheit« von 1801 eintrat — erscheint bei dem Pro- 
ductivsten der Sterblichen als pathologisches Phänomen. 
»Die Natur,« schreibt ihm Schiller (Bnefw. 2, 178) »hat 
Sie einmal bestimmt hervorzubringen; jeder andere Zustand, 
wenn er eine Zeitlang anhält, streitet mit Ihrem Wesen.« 



l86 Abhandlungen. 



Und er selbst weiss das am besten : »Das Bedürfniss meiner 
Natur zwingt mich zu einer vermanichfaltigten Thätigkeit« 
(An Knebel Br. 5, 228). Er arbeitet immer; er producirt 
nur nicht immer. »Ihre eigene Art und Weise :(wischen 
Reflexion und Prodtiction :^u alterniren ist wirklich beneidens- 
und bewunderswerth. Beide Geschäfte trennen sich in Ihnen 
ganz, und das eben macht, dass beide als Geschäfte so 
rein ausgeführt werden.« So schreibt der grösste Kenner 
Goethes, Schiller, an ihn (Briefe 2, i). Und Riemer bezeugt: 
»Allerdings benutzte Goethe gelegentliche Ereignisse, wenn 
und wie sie ihm zu Passe kamen (vgl. an Schiller i, 148). 
Ja er wartete öfters, wie ein römischer Augur auf Vogelnug 
und Omen, dass sich etwas ereignen, ihm aufgehen, ins Haus 
kommen werde, w^elches zum Abschluss seiner Arbeit dienen 
könne, und hatte seine Tage wo er aufs Erfinden auss:ing 
(vgl. Sprüche in Prosa H. 19, 645: »Was ist das Erfinäen? 
Es ist der Abschluss des besuchten«). Meist glückte es 
ihm« (Mittheilungen über Goethe i, 209). Die Tage also, die 
zur Production nicht geeignet sind, nützt er zur Reflexion 
aus; denn er fühlt es vorher, ob er einen arbeitsamen Tag 
haben wird (An Fr. v. Stein i, 354). NatürHch gehört 
wieder erst der Technik des erfahrenen Mannes, der mit 
seinem Talent häuslicher geworden ist (An Karl August 
Br. 4, 21), solcher strenge »Gebrauch der Zeit« an. Aber 
ein Wechsel ^wischen Aufnahmefähigkeit und Verschlossenheit, 
zwischen »Systole« und »Diastole« durchzieht doch, unab- 
hängig von seinem Wollen, sein ganzes Leben. Es gibt 
Zeiten, in denen er nur auf Bereicherung seiner dramati- 
schen und epischen Vorrathskammer denkt (1781 an Fr. 
V. Stein i, 334), und wieder solche, in denen er fürs Neue 
fast gar kein Gefühl mehr hat (1777 an die Mutter Br. 3, 186). 
Ausführlich berichtet er dem Herzog selbst über dies psycho- 
logische »Urphänomen:« »Mich heisst das Herz das Ende 
des Jahres in Sammlung zubringen, ich vollende mancherlei 
im Thun und Lernen und bereite mir die Folge einer stillen 
Thätigkeit aufs nächste Jahr vor, und fürchte mich vor 
neuen Ideen, die ausser dem Kreise memer Bestimmung 
liegen. Ich habe deren so genug und zu viel, der Haushalt 
ist eng und die Seele unersättUch. — Ich habe so oft be- 
merkt, dass wenn man wieder nach Hause kommt, die 
Seele, statt sich nach dem Zustand den man findet ein- 
zuengen, lieber den Zustand zu der Weite aus der man 
kömmt ausdehnen möchte, und wenn das nicht geht, so 
sucht man doch so viel als möglich von neuen Ideen herein- 
zubringen und zu pfropfen, ohne gleich zu bemerken, ob 
sie auch hereingehen und passen oder nicht (vgl. dagegen 
an Fr. v. Stein 2, 325). Selbst in den letzten Zeiten, da 



Goethes Art zu arbeiten. 187 



ich doch jetzt selbst jn der Fremde nur zu Hause bin, hab 
ich mich vor diesem Übel, oder wenn Sie wollen vor dieser 
natürlichen Folge nicht ganz sichern können. — Es kostet 
mich mehr, mich zusammenzuhalten, als es scheint, und 
nur die Überzeugung der Nothwendigkeit und des unfehl- 
baren Nutzens hat mich zu der passiven Diät bringen 
können, an der ich jetzo so fest hange« (1784 Br. 6, 405). 
Noch strenger und allgemeiner hat der Greis sich über 
die Nothwendigkeit dieser »passiven Diät« ausgesprochen 
(Ferneres über Weltliteratur, Hempel 29, 675). 

Sache einer eingehenden Untersuchung wäre es nun 
wieder, die Perioden der Reflexion und der Production, der 
Sammlung und Zerstreuung, der Ebbe und der Fluth (vgl. 
R. M. Werner S. 466 f.) auszumessen, zu untersuchen, ob 
eine gewisse, gleichsam planetarische Regelmässigkeit, wie 
es Goethe vermuthete, in ihrem Wechsel zu beobachten ist. 
Im Allgemeinen kennen wir ja die Epochen seiner höchsten 
Fruchtbarkeit: die fragmentenreiche Zeit des »Prometheus,« 
die mit fertigen Werken gesegnete des Zusammenwirkens 
mit Schiller, die lyrische Hochfluth der Divansgedichte. 
Wir wissen auch, d.ass die Productivität verschiedene For- 
men annahm. Der jugendHch lebhafte Dichter ist von der 
Lust erfüllt, alles was im Leben einigermassen Bedeutendes 
vorgeht zu dramatisiren (Dichtung und Wahrheit, Weim. 
Ausg. 28, 235); der Freuna Schillers bevorzugt die epische 
Form, der verjüngte Greis die lyrische. Auch das ist natür- 
lich und von öoethe selbst bezeugt, dass die Productivität 
der Jugend grösser und frischer war als die des Alters 
rEck. 3, 161), obwohl anzurechnen ist, was bei derselben 
Gelegenheit Goethe selbst von der »wiederholten Pubertät« 
genialer Naturen sagt. Aber wir möchten auch hier neben 
dem Allgemeinen das Besondere fassen. Auf einiges deuteten 
wir schon im Eingang hin. Manche Gedichte schrieb Goethe 
in unglaubHcher Schnelligkeit, so nicht nur in der Jugend 
die »Geschwister« und den »Clavigo«, sondern auch im 
Alter »des Epimenides Erwachen.« Andere wurden nach 
langer Mühe rasch vollendet, so »Iphigenie« ; wieder andere 
zogen sich durch Jahrzehnte hin: nicht nur »Faust« und 
»Wilhelm Meister«, sondern auch der »Paria« (vgl. all- 
gemein Riemer a. a. O.). Lag das blos am Stoff? lag es 
blos an der Zeit der Conception? lag es nicht vielleicht 
daran, dass gewisse Probleme an der äussersten Peripherie 
seines Gedankenkreises lagen und dass er beim Umschreiten 
seines geistigen Besitzthums sie seltener besuchte als andere, 
centraler gelegene, und dass deshalb die WahrscheinUch- 
keit geringer war, bei dem neuen Besuch des alten Gebietes 
gerade einen fruchtbaren Moment zu treffen? — 



l88 Abhandlungen. 



»Lieber Bruder,« schreibt Goethe an Herder, »der 
Augenblick des Zeugens ist herrlich, das Tragen und Ge- 
bähren beschwerlich, so aber geboren ist, Freude« (ßr. j,8o). 
Zum Improvisator war Goethe nicht geboren, trotz einiger 
glänzender. Ausnahmen (vgl. R. M. Werner S. 456; zu 
Goethes Übung im Improvisiren, Briefe an Fr. v. Stein 
2, 185. Übrigens ist es merkwürdig, dass ein genau be- 
schriebener Fall Goethischer Improvisation, 1814, Gespr. 
5, 143, mit einem von Goethe selbst an Voltaire bewun- 
derten Beispiel, bei Eckerm. 2, 34, sich in allen Neben- 
umständen deckt). Aber zum Schriftsteller fühlte er sich 
geboren (An Fr. v. Stein 2, 68). Er war sich der »^m- 
geborenen Methodih(.< bewusst, die er, indem er sie gegen 
Natur, Kunst und Leben wendete, zu immer grösserer 
Sicherheit und Gew^andtheit ausbildete (Tag- und Jahres- 
hefte, Hempel 27, 234). Er wusste, auch wenn er lang 
harren musste, dass er in seiner Art beharren musste. 
»Ich darf nicht von dem mir vorgeschriebenen Weg ab- 
gehen,« erkennt schon der Dreissigjährige (Tageb., Weim. 
Ausg. I, 89); »seinen eigenen Weg zu verfolgen bleibt 
immer das Vortheilhafteste,« bekräftigt der fast Siebzig- 
jährige (Tag- und Jahreshefte S. 227). Und so geht er 
seinen alten Gang seine liebe Wiese lang, ohne Hast aber 
auch ohne Rast, ois endlich in ihm die Arbeit sich vol- 
lendet hat. Die Composition ist nach langem »Tragen und 
Gebären« zum Ziel gelangt, der Stoff fertig durchgearbeitet. 
Noch ist ein letzter Kampf zu bestehen: die Unlust, die 
im Kopf gehegten Gestalten zu entlassen. Am schwersten 
wird inmdas Niederschreiben. Eine neue Scene sagt er 
sich lieber blos vor (An Fr. v. Stein i, 269); dictiren 
könnte ers noch allenfalls (ebd. 250). Dennoch bringt er 
es »in guten Stunden« zu Stande, die Märchen aufzu- 
schreiben, die er sich selbst zu erzählen von jeher gewohnt 
ist (An Knebel Br. 6, 96) und wie entschieden, fest und 
sicher dann die Niederscnrift ausfiel, das schildert Ecker- 
mann (Eck. 3, 197). Und Goethe selbst bezeugt von der 
ersten Niederschrift des »Faust:« »Ich hatte ihn auf Post- 
papier geschrieben und nichts daran gestrichen, denn ich 
nutete mich eine Zeile niederzuschreiben, die nicht gut 
war und die nicht bestehen konnte« (Eck. 2, 43). Zuletzt 
aber ward ihm das Schreiben selbst von Briefen zur Pein 
(An Dalberg Br. 4, 187); er dictirte nur noch, indem er 
im Zimmer umher ging, wie Schmeller es gezeichnet und 
Schuchardt es beschrieben hat (Rollett, Die Goethe-Bild- 
nisse S. 177). Auch beim Nachdenken pflegte er in seinem 
Garten mit langsamen Schritten auf und ab zu gehen, ohne 
sich hinzusetzen (Falk, Goethe aus persönlichem Umgang 



Goethes Art zu arbeiten. 189 

S. 205) und blieb nur manchmal stehen, wohl nicht blos 
um zu beobachten, sondern auch um irgend einen »kleinen 
Knoten« zu lösen (An Schiller 2, 289"). Ausdrücklich be- 
zeugt er selbst: »Was ich gutes finde in Überlegungen, 
Gedanken, ja sogar Ausdruck kommt mir meist im Gehn, 
Sitzend bin ich zu nichts aufgelegt« (Tageb. i, in). 
»Drum das Dictiren weiter zu treioen,« fügt er selbst hinzu. 

Stand so endlich nach langer mannichfach wechselnder 
Arbeit das Werk auf dem Papier, so unterschied seine Art 
es fertig t^u machen sich wohl wenig von der anderer. Am 
meisten scheute er das »zeitverderbliche« Ausstopfen der 
kleinen Lücken, die man in der Arbeit gelassen (An Schiller 
2, 26^; vgl. ebd. 383). Gern lässt er dies bis zuletzt, z. B. 
bei Egmont (ItaHen. Reise S. 463). — Eine prosodische 
Revision hat er erst in späteren Jahren vorgenommen. 
Früher vertraute er dem Geschmack darin mehr als irgend 
einer Regel (An Kayser 7, 169). Später Hess er sich von 
Voss und Andern berathen — und Hess doch in »Herrmann 
und Dorothea« die »siebenfüssige Bestie« laufen. Sehr 
ungern ging er an ein Umändern des schon Gedruckten 
(Riemer i, 301). Aber eben deshalb zögerte er lange, eh 
er das Manuscnpt in den Druck gab; schon Merck musste 
ihn antreiben, und an Seidel schreibt er: »Man druckt nie 
zu spät, wohl aber leicht zu früh« (Br. 8, 2). 

Ging er wirklich an eine Umarbeitimg, so machte es 
natürlich einen Unterschied, wie er dem Werk gegenüber- 
stand. Der Werther musste 1782 »in seiner Mutter Leib 
zurückkehren« (An Knebel Br. 6, 96); auch Götz, Stella 
und späterhin manches kleine Stück sind tiefgreifenden 
Änderungen unterworfen worden, während z. B. am Clavigo 
fast nur die einfachste Art der Revision vorgenommen 
wurde: die Entfernung misslungener Partien (»Mir ists 
neulich so gegangen, dass ich habe aus einem Stück ein 
Dutzend Verse herauskorrigirt, die ich, da es der Herzog 
zu sehen kriegte, wieder restituiren musste.« An Lavater 
Br. 4, 258). Im Übrigen hat er zwar in der brausenden 

Jugend »alle Spezialkritik von Stellen und Worten« ge- 
asst (An Salzmann Br. 2, 68), später aber doch nicht blos 
Wielands Correcturen bewundert und unterstützt, sondern 
auch manchmal nachgeahmt, ohne doch je Wielands un- 
ermüdliches Feilen sich anzueignen. . Eine systematische 
Übersicht der von Goethe bewirkten Änderungen in seinen 
Werken würde über die Entwickelung der Technik und 
der Kunstlehre unseres grössten Dichters vieles und viel 
neues lehren (allg. vgl. z. B. E. Schmidts Einleitung zu 
den Schriften aer Goethe- Gesellschaft II). 

Natürlich liegen innerhalb dieses allgemeinen Umrisses 



190 Abhandlungen. 



von Goethes Art zu arbeiten mancherlei Em:(elfälle. Die 
konsequente Coniposition des Tusso erscheint ihm selbst 
Singular (An Herder Br. 9, 146 — 47); die Achilleis erfordert 
ganz besondere Veranstaltungen (An Schiller 2, 86); die 
Erweiterung der Wahlverwandtschaften aus einer >3ovelle 
zu einem grossen Roman (vgl. Tag- und Jahreshefte 
Hempel 27, 186") ist merkwürdig. Jugenddichtungen wie 
»Prometheuse und ^^Proserpina(.( haben seltsame Schicksale über 
sich ergehen lassen müssen ; und vor allem der y>Fausta ist 
allemal eine Welt für sich. Andere Werke wieder sind 
gradezu paradigmatisch für Goethes Art zu arbeiten, so für 
die Art^ wie in dem jungen Dichter der poetische Prozess 
sich abspielte; der nWerthern, für die, wie der gealterte 
Meister inn bewältigte, die ^^Novelkii (vgl. Eck. i, 199). Aber 
ich müsste den mir hier gewährten Raum weit überschreiten, 
wenn ich an diesen klassischen Beispielen die innere Tech- 
nik Goethes eingehender aufzuzeigen versuchen wollte. 

Ein Hauptpunkt ist dagegen noch übrig, den ich absicht- 
lich bis hierher verspart habe, weil er für die Entwickelung von 
Goethes innerer Technik besonders wichtig ist. — In allen 
Phasen des dichterischen Prozesses bedarf der Dichter, vor 
allem ein Dichter wie Goethe des Schauens, Der erste 
Eindruck wird fast stets durch eine sinnliche Wahrnehmung 
hervorgerufen; feste Anschauung des Gegenstandes reift 
das Apercu heran (an F. Müller Br. 5, 138); in erneuter 
Betracntung des Stoffes wird die Composition vollendet, 
und immerfort müssen die Figuren und Situationen ihm 
vor Augen stehen, damit die Harmonie erhalten bleibe. 
Deshalb eben legt Goethe so hohes Gewicht auf die An- 
schauung, auf die Schulung des Auges. Er ist stolz auf 
seine Art zu sehen: »Wenn ich meine Augen ordentlich 
aufthue, dann sehe ich wohl auch was irgend zu sehen 
ist« (1815, Gespr. 3, 178). So hatte er eben in Rom ge- 
lernt, »grosse, grosse Augen« zu machen. In dem grossen 
Brief an den Herzog von Gotha (Br. 5, 24) hat Goethe 
mit beredten Worten das Ideal eines guten Beobachters 
entworfen, und es ist sein eigenes Bild geworden. »Was 
ich nur irgend mir eigen machen kann«, schreibt er ein- 
mal an seine Vertraute »fass ich und ergreif ich und bring 
ich dir mit« (Br. 8, 73). So hat er zeitlebens Alles gefasst 
und ergriffen; so früh hat er damit begonnen, dass er später 
glauben konnte, die Kenntniss der Welt sei ihm angeboren 
gewesen (Eck. i, 89). Und nie ist er müde geworden, sich 
umzuschauen. Aber während der Jüngling sich naiv um- 
sah und von überall das heimbrachte, w^as ihn interessirte, 
geht der erfahrene Künstler auf eine möglichst vollständige 
Aufnahme der Aussenwelt aus. »Totahtät« ist ein Lieo- 



Goethes Art zu arbeiten. 191 

lingsausdruck Goethes in der Zeit, wo er am meisten 
Fachmann in der poetischen Arbeit war: »die Totalität 
des Göttingischen Zustandes« (An Schiller 2, 333), »des 
Pyrmonter Zustandes« (ebd. 337) sucht er sich anzueignen. 
Hierzu bedient er sich nun des Hilfsmittels umständlichen 
Aktenmaterials. Er beschreibt diese Papiere ausführlich 
(An Schiller i, 345); er meldet erfreut, dass er ein paar 
tüchtige Aktenfascikel gesammelt (ebd. 368); er ist erstaunt, 
das erbeutete Material nicht brauchen zu können (ebd. 2, 5). 
Er besitzt »Stösse von Excerpten und Notizen über jeden 
Lieblingsgegenstand« (Gespr. 4, 82). Nun ist es ganz klar, 
dass diese Art, die Aussenwelt zu bearbeiten, von dem 
wissenschaftlichen Betrieb entlehnt ist. Die vollständige 
Aufzeichnung ist ein unschätzbares Hilfsmittel für jede ge- 
lehrte Arbeit; für die Poesie hat Niemand entschiedener 
und häufiger als Goethe sich gegen das »Abschreiben der 
Natur« erklärt; z. B. in einem bedeutsamen Gespräch über 
Naturskizzen mit Eckermann: »Wiederum aber würde es 
thöricht sein, allerlei prosaische Zufälligkeiten mitzeichnen 
zu wollen . .« (Eck. 3, 80). Wir sehen also die merk- 
würdige Thatsache, dass Goethe einmal auf dem Wege 
war, die wissenschaftliche Methode vollständiger Aufnahme, 
lückenloser Wiedergabe der Wirklichkeit in die Poesie ;^w 
übertragen, gerade wie die Modernen (Flaubert, Zola, die 
Goncourt) es thun, dass er aber durch seine Natur und 
seine festen Kunstanschauungen dann doch daran gehindert 
wurde. Klingen doch gerade die Worte, die er an jener 
Stelle über Naturstudien spricht, förmUch als wären sie 
direkt gegen die Notizenjägerei unserer Realisten gerichtet ! 
Dennoch aber ist der wissenschaftHche Betrieb nicht 
ohne Einfluss auf Goethes Technik in späterer Zeit ge- 
blieben. Er gewöhnt sich daran, die Vollständigheit als das 
wichtigste Kriterium der Vollendung anzusehen; einst war 
es die Einheit gewesen. Die Art, wie er aus älteren Papieren 
die Italienische Reise, die Campagne in Frankreich, ja 
Partien zum zweiten Theil des Faust herstellt, erinnert sie 
nicht oft in bedenklicher Weise an die bei gelehrten Notizen 

f;anz berechtigte Art, wie er aus den Akten zur Farben- 
ehre das Brauchbare herausschälte (An Schiller i, 392)? 
Eine äussere Nöthigung, ein »Compelle« war ihm als Ge- 
legenheit zum Abschluss oft willkommen ; so hatte ihn 
Schiller in seinen Arbeiten gefördert, so war wiederholt 
die Veranstaltung einer neuen Ausgabe seiner Schriften 
(sogar für den Faust) Anlass zu erneuter abschliessender 
Beschäftigung geworden. Charakteristisch ist es nun, wie 
er selbst sich in späterer Zeit zum Abschluss von Haupt- 
werken zwingt. Durch Schemata und Papierlagen richtet 



19- Abhandlungen. 



er das Manuscript zum Faust (an Schiller 2, 81, vgl. i, 316) 
oder zu den Wanderjahren (Eck. 2, 7 und bes. 231) so 
her, dass die Lücken sofort in die Augen fallen. Und dann 
werden diese Lücken ausgestopft — wie, davon singen 
die »Wanderjahre« ein trauriges Lied! Nie wäre Goethe 
in seiner älteren Zeit im Stande gewesen, ein so unorgani- 
sches Conglomerat ans Licht zu geben, er, der so bedeutende 
Stücke wie »Prometheus« und »Faust« lieber als Frag- 
mente mitgetheilt, als ihre Einheit zerstört hatte! Das liegt 
aber daran, dass für den gealterten Dichter die lebendige 
Anschauung des Werkes an Kraft verloren hat. Er fühlt 
nicht mehr, was dem Faust oder dem Wilhelm Meister 
zur vollen Abrundung noch fehlt; er muss in den Akten 
sehen, wo noch etwas auszufüllen ist. Er arbeitet zuletzt 
am Faust, wie er (^an Schiller i, 18) an der Farbenlehre 
arbeitet: er schematisirt unablässig, geht seine CoUectaneen 
durch, sucht aus dem Wust die Gestalten in ihrer sichersten 
Bestimmung heraus . . . Mit Einem Wort: die grosse 
Kunst der einheitlichen Composition wird einer möglichst 
vollständigen Ausnützung des Materials geopfert. Die An- 
schauung des Manuscripts muss die der Gestalten, die 
Gleichmässigkeit der Theile in ihrer inneren Erscheinung 
das innere Gleichgewicht ersetzen. 

Und noch in einem andern Punkte hat Goethes Kraft 
zu schauen im Alter ihre Abnahme verrathen. »Wer einen 
MalerbUck in die Welt hat,« schreibt der jugendliche Recen- 
sent Gessners, »wird mit inniger Freude vor seinen Gegen- 
den verweilen, ein herrliches uanze steigt vor unsern Augen 
auf, und dann das Detail, wie bestimmt. Steine, Gräschen« 
(Deutsche Litt.-Denkm. 8, S. 447). Dieser »Malerblick« 
war jederzeit der Goethes, weil eben er ein Künstler war. 
»Um manches Missverständniss zu vermeiden, sollte ich 
freilich vor allen Dingen erklären, dass meine Art, die 
Gegenstände der Natur anzusehen und zu behandeln, von 
dem Ganzen zu dem Einzelnen, vom Totaleindruck zur 
Beobachtung der Theile fortschreitet,« berichtet der er- 
fahrene Forscher (Zur Mineralogie und Geologie, Hempel 
33, 328). Wir bemerken: für den jungen Kunstrichter wie 
für den geübten Gelehrten bleibt dies gleich, dass er sofort 
ein Ganzes erblickt, dass er nicht etwa »inductiv,« wie 
Manche glauben machen möchten, aus Einzelheiten sich 
ein Mosaik zusammensetzt. Er sieht in die Natur, und er 
hat ein Gemälde (vgl. v. Müller, Gespr. 3, 178). Lotte 
Brot schneidend, Werther mit der Magd am Brunnen, Lili 
in ihrem »Park« — der Maler hat es nur abzuschreiben. 
Hierin eben Hegt die wunderbare Wirkung seiner Gemälde. 
Theophile Gautier hat sich für einen Dicnter erklärt, weil 



Goethes Art zu arbeiten. 193 

für ihn »die sichtbare Welt existire.« In eminentem Grad 
gilt dies Paradoxon von Goethe. Er sieht wirklich, was 
zu sehen ist : er sieht den Baum, unter dem Hermann von 
<ier Mutter überrascht wird, wo andere nur das vage Wort 
Baum hören; er sieht Egmont in spanischer Tracht, er 
sieht das Kleinste und Grösste. Aber die starke Beschäfti- 
gung mit der bildenden Kunst bleibt auf die Dauer so 
w^enig ohne Einwirkung, wie die mit der Forschung. Es kommt . 
^ine Epoche, wo Goethe die Natur nur noch durch das Medium 
schon fertiger Gemälde sieht. Er hat keinen Claude Lorrain 
vor Augen gehabt, als er den »Wanderer« schrieb (vgl. 
Scherer, Einleitung zum Neudruck der Frankfurter Gelehrten 
Anzeigen S. LXäXIV), aber er hat wahrscheinlich an 
Bilder von Ruysdael gedacht, als er den Pater Seraphicus 
die irdische Gegend den Kindern zeigen Hess. Dehio hat 
{G.-J. 7, 251 f.) altitalienische Gemälde als Quelle zum 
raust nachgewiesen. In den »Wahlverwandtschaften« wer- 
den lebende Bilder gestellt — was damals überhaupt Mode 
w-ar; in den »Wanderjahren« wird das Bild der Flucht nach 
Ägypten wunderlich m Scene gesetzt. In dem Festzug des 
zweiten Faust, in den scenischen Kunststücken der Pandora 
und des Epimenides und selbst in manchem kleineren Ge- 
dicht später Zeit erkennen wir, dass die Anschauung des 
Dichters nicht unmittelbar die Gestalten anordnet, sondern 
unter der Herrschaft analoger theatralischer oder festlicher 
Arrangements steht. Es ist kein Zufall, dass die Betrachtung 
und Beschreibung von Bildwerken und Kupferstichen eine 
Lieblingsthätigkeit von Goethes Alter wird: hier holt er 
jetzt gern die Anschauung, die er sonst aus der Natur 
selbst, aus dem Leben unmittelbar holte. Indirekte An- 
schauung ist auch hier an Stelle der direkten getreten. 

Der erste Fall, in dem Goethe die WirkHchkeit mit 
Hilfe fertiger Gemälde arrangirt, scheint in einem Brief 
an Jacobi vom 7. Juli 1793 (Briefe 10, 87) vorzuliegen. 
Bald tritt dies aann in seine Poesie ein : der »Deutsche 
Parnass« benutzt vielleicht (worauf die Unterschrift »Just 
Amman« zu deuten scheint) eine alte Zeichnung; jedenfalls 
gibt das Gedicht sich als ein in bestimmtem Stil gehal- 
tenes Bild. 

Auch dieser höchst wichtige Punkt wäre eingehend 
und vollständig zu erledigen. Er führt zu der allgemeinen 
Frage nach Goethes Verhältniss :(u seinen Modellen, Sein 
erstes Modell ist natürlich er selbst: »Ich bearbeite meine 
Situation zum Schauspiel zum Trutz Gottes und der Men- 
schen« (An Kestner, Br. 2, 97). Oder doch mindestens 
sind es Gestalten, die sich seinem eigenen Wesen amal- 
gamircn können, wieClavigo (An Jacooi ebd. S. 187). Sehr 

Goetiie-Jahrblth XIV. I 3 



1 94 Abhandliwgen. 



lange sind so seine Dichtungen Confessionen gewesen. 
Prometheus und Faust, Werther und Tasso — wie viel 
besitzen sie von seinem Herzblut! Aber verhältnissmässig 
früh hört er auf, andere lebende Personen in gleicher Weise 
poetisch zu verarbeiten. Der Werther enthält fast nur 
lebendige Modelle; Götz zeigt Frau Rath, Lerse, daneben 
Friederike für die Gestalt der Maria benutzt. In »Erwin 
und Elmire« tritt nochmals Frau Rath auf; Tasso, die Lehr- 
jahre, dann noch die Wahlverwandtschaften enthalten un- 
zweifelhaft Portraits, wenn auch durch das Bedürfniss der 
poetischen Oekonomie umgestaltet. Aber in den Wander- 
jahren, im zweiten Theil des Faust dürfte man (ausserhalb 
der klassischen Walpurgisnacht) kaum mehr an indivi- 
duelle Vorbilder denken können. Und mehr noch: wc> 
solche eigentlich vorlagen, wie ist in ihnen das Persön- 
liche herausstilisirt in der Natürlichen Tochter, im Epime- 
nides! — Ganz ebenso ist es mit den Landschaften. Die 
Anfänge des Faust schildern ganz bestimmte Lokalitäten; 
Hermann und Dorothea ist nicht mehr zu lokalisiren 
(Eck. I, 189). Denn es trat eben auch hier das abstracte 
Modell, die aus vielen Einzelerfahrungen gebildete typische 
Vorstellung an die Stelle der bestimmten, ehemals als Vor- 
lage benutzten Eindrücke und Erinnerungen. — 

Goethe war sich wohl bewusst, dass Alles mit ihm 
epochenweise gehe (An Fr. v. Stein 2, 54). Früh hat er 
sich historiscn betrachtet, wobei die grosse Ordnung in 
Briefen und Dokumenten, die er Andern empfahl (An 
Lavater Br. 4, 192) und selbst hielt (An Knebel Br. 6, 96)^ 
ihm zu Hilfe kam. »Dabei recapitulire ich mein Leben, 
vergleiche die Epochen und setze das Charakteristische der 
gegenwärtigen fest«, schreibt er an Carl August (Br. 5, 347X 
Es konnte nicht ausbleiben, dass auch dies gewohnheits- 
mässige »Ablegen der Schlangenhäute« praktische Wirkung 
hatte. Es brachte ihn zuweilen zu seiner eigenen Ver- 
gangenheit in unnöthig scharfen Gegensatz. Weil er fühlte, 
dass die Periode der »Iphigenie« vorbei sei, schilt er das 
herrliche Drama »verteufelt human.« Ebenso ungerecht hat 
er sich dem »Werther«, dem »Faust« gegenüber m Epochen 
ausgesprochen, die er zu denen, welche jene Werke hatten 
entstehen sehn, im Gegensatz wusste. Es wäre vor allem 
auf Grund des Studiums seiner inneren Technik möglich, 
diese Epochen genau abzugrenzen und durch ihre Ver- 
schiedenheiten hmdurch jene grossartige Stetigkeit zu ver- 
folgen, die Goethes Laufbahn so einzig macht. Und zu 
prüfen wäre endlich auch, wie weit jede Biegung der 
Spirale organisch erwuchs, wie weit fremdes Eingreifen sie 
förderte. Herder hat den jungen Goethe auf das Wesen 



Goethes Art zu arbeiten. 195 

der Meisterschaft und Originalität hingewiesen; der pracht- 
volle Wetzlarer Brief vom Juli 1772 (Br. 2, 15 f.) dankt 
es ihm mit beredten Worten. Aber ^vürde nicht auch ohne 
den gewaltigen Lehrer Goethe von jugendlichem Spiel zu 
ernster Selbstdisciplin gekommen sein ? Und gar den Unter- 
richt Oesers, den er so warm preist (ßr. i, 229) — sollte 
der Jüngliujg ihn nicht überschätzt haben, der zu antiker 
Einfalt und Stille gewiss durch stärkere Kräfte geleitet 
wurde als durch die Ermahnungen des Leipziger Zeichen- 
meisters? Wer so früh seine eigenen Werke zu charakte- 
risiren und im Innersten richtig zu erfassen wusste, wie 
der Fünfundzwanzigjährige es in dem fi;rossen Berichtbrief 
an Schönborn (Br. 2, 171J thut — war dem nicht vielleicht 
wirklich bis zu einem gewissen Grade das Bewusstsein der 
jedesmal nöthigen Änderung, der eben zeitgemässen Ent- 
wickelung angeboren? — 

Man mag zu Goethes Wirken hinzutreten von welcher 
Seite man will — immer von neuem wird man überwältigt 
vom Staunen über seine Unvergleichlichkeit. Ein gründ- 
liches Studium seiner Arbeitsart wird sie nur immer glän- 
zender offenbaren. Hier konnten nur mit leichter Hand 
die Probleme gestreift werden. Nur die bekanntesten Be- 
lege habe ich zusammengestellt, von Vorarbeiten (ausser 
dem Buch R. M. Werners, das diesen Aufsatz mitveranlasst 
hat) ganz abgesehen. Aber vielleicht zeigt selbst diese 
Probe schon, wie viel für die Erkenntniss von Goethes 
Eigenart, wie viel auch für die Erkenntniss des dichteri- 
schen Prozesses aus einer eingehenden Untersuchung von 
Goethes Art zu arbeiten sich gewinnen Hesse. 




13* 



Goethes Gedicht: 
Deutscher Parka ss. 

VOK 

Daniel Jacoby. 



I. 

Ieber das Gedicht uDeutscher Parnass« (Werke,Weim. 
A. II, 23 f.; Hempel I, loi f.) stimmen die Urtheile 
noch so wenig überein, dass immer nene Aus- 
legungenmöglich werden, wie die Miscelle von R.M. Meyer 
im letzten Goethe-Jahrbuch bezeugt. 

Wie ist zunächst der Gang des Gedichts? Ihn in Kürze 
darzulegen, ist um so nöthiger, als Missverständnisse nicht 
ausgebheben sind. Der Hüter des Parnassus, der in dem 
233 Verse enthaltenden Gedicht durchweg selbst spricht, 
ist als Knabe auf dem Parnass von den Musen auferzogen 
worden: sie haben ihm »das keusche, reine Siegeln auf 
die Lippen gedrückt. Der Nachtigallen Gesang lehrt ihn 
von Liebe träumen, der Drang nach Freundschaft keimt 
empor: Apollo zieht die an, »denen er gewogen«, und so 
folgt nein Edler dem andern«, so dass sich der von »süssen, 
lauen Lüften« umwehte Parnass mit immer neuen Sängern 
anfüllt. Dieser kommt mit munterem, heiterem Blick; dann 
ein ernster Freund; wieder ein anderer, der, kaum von der 
Liebe Flamme genesen, seine Ruhe und das Gleichmass 
der Seele in Liedern sucht. Der Schützling Apolls preist 
darauf den sittlichen Einfluss der Dichtkunst und fordert 
die »Brüder« auf, die Lieder zu ehren: »Wer kann besser 



Goethes Gedicht: Deutscher Parnass. 197 

als der Sänger Dem verirrten Freunde rathen?« Er freut 
sich, als er sie »von weiten« hört: sie greifen in die 
Saiten und »rufen mit gewalt'gen Götterschlägen« zu Recht 
und Pflichten. In diesem »Land der höchsten Wonne« 
haben aber auch die »holden Phantasien« Spielraum; da- 
hin werden auch die »besten Frauen gelockt.« Des 
Mädchens »zarten Busen« weckt der »lieben Musen Hauch«; 
es singt in der »schönen Kette« der Schwestern mit »schon 
gefärbter Wange würd'ge Lieder.« »Doch die Eine geht 
alleine«; fern den Schwestern, will sie ihres Herzens »holde 
Stille« bei Buchen und Linden wiederfinden; die lieblichen 
Gefühle, die die Männer nicht verdienen, trägt sie in die 
Schattenwälder und, unbekümmert um des Tages Schwüle, 
des Abends Kühle, »verliert sie sich in die Felder«. »Doch 
was hör' ich ?« ruft plötzlich der Hüter des Parnass. Er 
vernimmt Lärm und Geschrei: ein »verwegenes Geschlecht« 
dringt ins »Heiligthum« in bacchantisch wildem Zug. Er 
fordert die Brüder auf, »diese Fremden, diese Wilden« 
mit einem Steinhagel zu verjagen. Da fasst ihn jäher 
Schrecken; die bereits erhobene Hand sinkt: »Unsre Brüder« — 
Dichter, die sie bisher als geistesverwandt betrachteten — 
»Zeigen ihnen selbst die Wege« und ziehen voraus! Nun 
will er fliehen mit den guten »Brüdern«, verweilt aber noch, 
um mit »kräftigen Worten« den »Frechen«, den »Ver- 
weg'nen« vorzuhalten, dass sie, ihrer »hohen Götterwürde« 
vergessen, statt der Leier den rohen »Thyrsusstab« fassen, 
Silens abscheulich Thier aus den »zarten Rieselwellen« 
tränken, und entsetzt sich über die Scenen derber, ja cy- 
nischer Liebeslust in den »keuschen, heiligen Schatten.« 
Schon sieht er »von weiten« Apoll drohend nahen, da be- 
schwört er sie, vor dem Gotte zu fliehen und die »heiligen 
Grenzen« zu verlassen. Wenn sie sich aber bekehren, ihre 
»Verirrung« einsehen würden, dann sollen sie als »gute 
Pilger« wieder Aufnahme finden. 

Den ironisch-satirischen Charakter des Gedichts haben 
die meisten Erklärer erkannt, so H. Düntzer, so Gustav 
von Loeper, der uns zu früh Entrissene. Aber nicht alle; 
ganz irre geht Viehoff*. Selbst ein Mann wie Victor Hehn, 
um von anderen zu schweigen, äussert noch i88^ (G. J.VI, 
324 f. 1885): »Der innige, warme und ernste Ton dieses 
Gedichts schliesst die Annahme einer satirischen Absicht 
schlechterdings aus.« Das ist sehr zuversichtHch gesprochen, 
aber hat sich Hehn um die äusseren Zeugnisse auch nur 
im geringsten gekümmert? 

Wenn wir die Stimmung des Dichters, das innere Er- 
lebniss uns gegenwärtig halten, die äussere Veranlassung 
verfolgen, die Befruchtung der dichterischen Phantasie, so- 



198 Abhandlungen. 



weit das überhaupt möglich ist, belauschen, dann können 
wir hoffen, über das Gedicht ganz klar zu werden und 
der Wahrheit nahe zu kommen. 

Die ironische Absicht geht schon aus den Äusserungen 
Goethes wie Schillers im Briefwechsel für jeden hervor, 
der sehen will. Anfang Juli 1798 hatte Schiller Goethes 
Besuch gehabt;* Goethe übergab ihm wahrscheinlich dabei 
das Manuscript des Gedichts. Denn am 23. Juli schreibt 
ihm Schiller nach Weimar : »Ich habe, weil der Druck 
des Almanachs jetzt angefangen ist, Ihr Poetengedicht taufen 
müssen und nnde gerade keinen passenderen Titel als 
Sängerwürde, der die Ironie versteckt und doch die Satyre 
für den Kundigen ausdrückt. Wünschen Sie, oder wissen 
Sie gleich einen bessern, so bitte es mir morgen zu melden, 
weil ich das Gedicht bald in die Druckerei geben möchte.« 
Zwei Tage darauf antwortet Goethe: »Der Titel Sänger- 
würde übertrifft an Vortrefflichkeit alle meine Hoffnungen. 
Möge ich das edle Werk doch bald gedruckt sehen. Ich 
habe niemanden etwas davon gesagt.« Goethe selbst hatte 
das Gedicht, wie sein Tagebuch zeigt,* »der Hüter des 
Parnassus« genannt, wobei die Ironie weniger versteckt 
war. Unter dem Titel »Sängerwürde« erschien es im 
»Musen-Almanach für das Jahr 1799« S. 91 — loi, unter- 
zeichnet Justus Amman; der jetzige irreführende Titel rührt 
seit 1815 von Riemer her:^ in der Ausgabe von 1806 stand 
der — auch von Riemer herrührende — Titel »Dithyrambe«. 

Gegen wen aber, so fragt Hehn, hätte im Sommer 
des Jahres 1798 die Satire sich richten sollen? Die Frage 
ist nicht schwer zu beantworten. Schon Julian Schmidt 
hat 18^9 "^ richtig geäussert: »Die ironische Beziehung ist 
urkundlich beglaubigt und auch nothwendig, wenn man 
Goethes Stimmung von 1798 in Anschlag Dringt.« Sehr 
bestimmt hat Ernest Lichtenberg er ^ in dem Gedicht eine 
Entgegnung auf Gleims Jeremiaden gesehen. Im Goethe- 
Jahrbuch VI, 274 f. hatte ich nur die Aufgabe, diese An- 
sicht, da sie mit eigenen Beobachtungen übereinstimmte, 
ausführlicher zu begründen. Jetzt versuche ich sie aber durch 
neue Beweise zu verstärken; dabei sei es gestattet, von 
mir und anderen Übersehenes dem Leser vorzutragen. 



* Goethes Tagebücher, Werke, W. A. III, 2, 214. 

* A. a. O. S. 212: 15. Juni 1798 (in Jena) »Früh der Hüter des 
Parnassus.« — Damit ist nicht gesagt, dass das Gedicht an diesem 
Tage ganz entstanden ist. 

3 G. von Loeper, Goethes Gedichte II, 304. (1885). 

^ Grenzboten 1859. ^^> 37^- 

5 Etüde sur les po^sies lyriques de Goethe. Paris, 2. 6d. 1882. p. 241 f. 



Goethes Gedicht: Deutscher Parnass. 199 

IL 

Schillers »Musen- Almanach für das Jahr 1797« begann 
mit Goethes »Alexis und Dora«, brachte eine Reihe der 
trefflichsten Gedichte Goethes und Schillers, auch Beiträge 
von Zeitgenossen, wie Conz, Kosegarten, Langbein, Mat- 
thisson, PfefFel, Schlegel, dann zum Schluss — »Xenien« 
auf 105 Seiten. Das Strafgericht, das beide Dichter über 
die Poeten und Poetlein ergehen Hessen, die in brüder- 
licher Kameraderie sich wecnselseitig hooen und trugen, 
schmeichelten und belobten, dabei von der Mitwelt so 
überschätzt wurden, dass das wahrhaft Grosse nicht auf- 
kommen konnte, war streng und herb, zugleich lustig und 
witzig. »Die Xenien,« so erzählt Goethe selbst in den 
Annalen, »machten noch im Jahre des Erscheinens die 
^rösste Bewegung und Erschütterung in der deutschen 
Literatur. Sie wurden, als höchster Missbrauch der Press- 
freiheit, von dem Publikum verdammt. Die Wirkung aber 
bleibt unberechenbar.«' Auch das goldene Weltalter der 
Literatur, wie Schiller Wielands Worte ironisirte, die 
Grössen der unmittelbaren Vergangenheit wurden nicht 
verschont: nur vor Lessing beugten sich in Demuth Goethe 
und Schiller. 

Dem alten Gleim galten die Xenien: 

Melde mir auch, ob du Kunde vom alten Peleus vernähmest, 
Ob er noch weit geehrt in den Kalendern sich liest? 

Antwort : 
Ach ! ihm mangelt leider die spannende Kraft und die Schnelle, 
Die einst des G**(renadiers) herrliche Saiten belebt. * 

Gleim fühlte sich durch die Neckerei tief gekränkt. 
Fünf Jahre vorher ^ hatte er noch in einem Gedicht die 
Stadt an der Um mit Athen verglichen und auch die beiden 
Dichter gerühmt: 

Athen ist wieder. In Athen 

Sind Mars und Phöbus treue Brüder! 

Die Grazien und Musen gehn 

Im Rosenthal! Athen ist wieder. 



» Vgl. die treffliche Würdigung der Xenien bei Wilhelm Scherer, 
Geschichte d. deutsch. Litt. 1883. S. 555. 

* Musen- Almanach für 1797. Tübingen, 3. Aufl. S. 284—285. 

3 »Zeitgedichte vom alten Gleim.« 1792 o. O. S. 89: ^^Als ich 
in Weimar war,«. »Beide Herzoginnen,« schreibt Herder an Gleim im 
Juli 1793, »sagen Ihnen für die übersandten Zeitgedichte den schönsten 
Dank;« vgl. Pawel, Ungedruckte Briefe Herders und seiner Gattin an 
Gleim, Zs. für dt. Philologie, 24. Bd. S. 385. 



200 Abhandlungen. 



Ein Fürst und ein Anakreon 

Gehn Hand in Hand im schönsten Grünen 

Auf einem deutschen Helikon. 

Ein deutscher Plato spricht mit einem Xenophon, 

Ein deutscher Sophokles gefällt sich in Ruinen 

Der Vorwelt und will mehr noch seyn 

Als Sophokles . . . u. s. w. 

Mit Anakreon ist Goethe, mit Plato Herder, mit Xenophoa 
Wieland, mit Sophokles Schiller gemeint. Nun war Gleim er^ 
grimmt. In einem Briefe vom i. Februar 1797 an Herder und 
dessen Gattin, bei denen er auf Verständniss rechnen konnte^ 
nennt er die Xenien »reissende Wölfe, noch ärger als die 
Jacobiner«. »Die gegen sie ausgegangenen Jäger sind gar 
schlechte Schützen. Wieland, hoff ich, wird sie treffen und^ 
so Gott will, der alte Peleus.« ' Vier Tage darauf dankte 
er Nicolai in Berlin für seinen redseligen »Anhang zum 
Schillerschen Musenalmanach« : »So konnte die Buben kein 
anderer zu Boden werfen ; der guten Laune seines Machers 
haben wir uns herzlich gefreut.« * Auch Wieland nannte 
im Februarheft des »Merkur« die Xenien »eine ryparo- 
grafische Rhapsodie« : die »poetischen Titanen« hätten sich 
in Augenblicken einer wilden Bacchischen Geistestrunken- 
heit alles erlaubt und ihrer eignen Würde so sehr ver- 
§ essen, dass sie mit einem Muthwillen, der trunkenen 
tudenten kaum verzeihlich wäre, jeden halbwitzigen Ein- 
fall in ein wohl oder übel klingendes Distichon von sich 
gaben. ^ Der alte Peleus wollte aber selber die Waffen 
schwingen. Karoline Herder hatte zwar am 10. Februar 
geschrieben : »Sie werden doch kein Wort über den Peleus 
verlieren ! Mir hat er ein Fieber verursacht und die völlige 
Ungnade vielleicht von Goethe zugezogen. Lassen Sie 
die verdorrten Gemüther in ihrem Talent übermüthig und 
sich einzig fühlen« . . . Die Warnung kam zu spät. Am 
I. März musste Gleim bekennen, er habe bereits das Wort 
ausgesprochen. Sein Büchlein »Kraft und Schnelle des alten 
Peleus« Im Jahr 1797. o. O. (30 S. 8°) hatte das Licht 
dieser Welt bereits begrüsst. Am 12. April erhielt es das 
Herdersche Ehepaar »aus dem Buchladen,« und am 14. 
dankte Herders Gattin mehr überschwenghch als aufrichtig 
dem »weisen und verständigen Peleus«. Da wird »der 
Priester der Humanität und Grazien« wegen der »zartesten 
und innigsten SittUchkeit« gerühmt, die ihm die Feder 



' Von und an Herder. Briefe aus Herders Nachlass. Leipz. 1861.1,222. 
* Boas, Schillers und Goethes Xenien-Manuscr. Berl. 1856. S. 196. 
3 Der neue Teutsche Merkur. Febr. 1797. »Die Musenalmanache.« 
Ein Gespräch. Fortsetzung vom Januar; vgl. S. 179. 181. 183. 



Goethes Gedicht: Deutscher Parnass. 201 

geführt: »Mit diesem Gemüth, mit diesem Verstand und 
mit dieser Unschuld konnten Sie allein nur so antworten. 
Inhalt und Form ist gleich schön; die Verschiedenheit 
der Verse hat so viel Anmuth und Geist.« Herder selbst 
schrieb: »Nicht nur Kraft und Schnelle sollten Ihre Poesien 
heissen, sondern auch Gutmüthigkeiten ; denn unsägüch 
gut sind Sie gegen die — « * 

Betrachten wir Gleims Ausfälle, soweit sie für unsere 
Aufgabe von Bedeutung sind, etwas genauer. Zw^ar betont 
er im zweiten Gedicht, Liebe zu Apoll, nicht der kleinste 
Groll solle ihm die Schlacht gewinnen ; einen Jammer nennt 
er es No. 3, »dass zwey so spiegelrein erschaffne Gott- 

§eschöpfe Nicht rein geoUeben sind«. Aber an Verletzen- 
em fehlt es nicht, ochon der Vorspruch aus Strada ist 
bezeichnend: Adeo deformia et foeda carminum portenta 
nostra haec aetas videt, adeo postremi quique poetarum 
lutulenti fluunt hauriuntque de faece, ut sanctum poetae 
olim nomen timide iam a bonis usurpetur, perinde quasi 
honesto ingenuoque viro poetam salutari convicio ac de- 
honestamento sit. * Ganz besonders musste Goethe den 
Tadel Gleims wegen seines »Sittenhasses« erfahren, wobei 
Gleim das Sprachrohr Herders war : die Künste sollten sich 
dem Sittengesetz unterordnen, war dessen Mahnung. »Thäten 
sie das« — äussert Goethe 20. Juni 1796 an H. Meyer — 
»so wären sie verloren, und es wäre besser, dass man ihnen 
gleich einen Mühlstein an den Hals hinge und sie ersäufte, 
als dass man sie nach und nach ins Nützlich-Platte absterben 
liesse.«^ Schiller kam bei Gleim besser fort und wurde selten 
gestreift. Nur einige Beispiele aus den wenig bekannten 
Versen gegen Goethe: No. 8 »Alexis und Dora« : Alexis fragt : 
Hast du den Almanach gelesen? Dora: Ich las ihn, las! und 
nahm den Besen Und fegte weg aus ihm, rein fegt' ich — 
Alexis: Und was? Dora: Was nicht in ihn gehört, den Staub, 
den Sittenhass ! In No. 27 klagt Gleim : Die gute Sitte leidet 
Noth, Der deutsche Biedersinn, die alte deutsche Treue. . . 

No. 29: Ha! welch' ein weiter Weg von Iphigenien 
Zu diesen Xenien! 



' Die schmähende Bezeichnung Goethes und Schillers ergänzte 
Körte (Gleims Leben 181 1. S. 302) willkürlich »gegen die Xenien.« 

' Die Stelle lautet in freier Übersetzung : Unsere Zeit sieht so häss- 
liche Ungeheuer von Gedichten; die jüngsten gerade der Poeten ge- 
fallen sicn so im Kothe und schöpfen aus dem Schlamme, dass der 
Gute furchtsam den einst heiligen. Namen des Sängers gebraucht, als 
ob es einem sittlichen und freien Manne zu Schimpf una Schande ge- 
reiche Dichter zu heissen. 

3 Briefe 1796. Werke, Weimar IV, 11, loi. 



202 Abhandlungen. 



No. 30: Jungfräulichkeit, man siehts an ihrem Sinngedicht, 
Ist ihre Sache nicht! 

In No. 34 wundert er sich, »dass ein deutscher Mann, 
Der mit seines Geistes Schwingen In den Himmel fliegen 
kann, Sturm läuft auf die gute Sitte«. Zu dieser Nummer 
bemerkte Karoline: »Dies haben Sie wie ein Seher ge- 
schrieben!« No. 43 sagt Gleim: Seit Goethe nach dem 
Götz »der guten Sitte getreu blieb«, sei er sein Mann, fast 
sein Freund gewesen: Seit den Xenien »kann ich sein 
Lieblichstes nicht lesen«. Und No. 50: Wenn du »nicht 
dichtest, was sich schickt, in allerley Gedichten, So wirst 
du ganz gewiss nicht deines Lebens froh«. . . No. 53 : 

Dein Sittenlehrer ist Freund Plato nicht gewesen, 

Freund Plato lehrte: Schreiber, schreib, 

Als schriebst du für dein Weib, 

So dass du dich nicht schämst ihr alles vorzulesen! 

Mit »Freund Plato« meinte Gleim offenbar Herder, 
wie er in dem oben erwähnten Gedichte Herder einen 
deutschen Plato nennt. Das Schlimmste aber leistete Gleim 
in den entsetzUchen Versen No. 42: 

Ist diesem, der mit seinem Knoten — 

Stock' um sich schlägt, der Hof nicht lange schon verboten? 

Über diesen »ungeschliffensten Pfeil«, wie er selbst an 
Herder am 10. Mai schrieb, schlug ihm doch das Gewissen. 
Er versuchte zu bessern und bedauerte, dass er nicht ganz 
geschwiegen habe wie Klopstock. »Kommts zur Auflage, 
so soll, und wenn auch die Xenien den alten Peleus mit 
Kanonen beschössen, alles, was Sie nicht billigen, nicht 
wieder aufgelegt werden.« 

Die Xeniendichter aber antworteten ihm nicht. Dass 
Goethe die Geduld bei diesen Angriffen veriieren konnte, 
wird jeder zugeben. Gegen Gleims Ausfall in No. 8 dich- 
tete er nur 1797 folgenden Dialog:' 

Alexis: Sag', wie kömmst du zu dem Besen, 
Und, was schlimmer ist, zum Reim? 

Dora: Bin in Halberstadt gewesen 
Bei dem guten Vater Gleim. 

Mit derselben Gelassenheit schreibt er am 24. November 
desselben Jahres an Schiller: »Wie natürlich es doch solche 
Sittenrichter finden, dass ein Autor Zeit seines Lebens seine 
besten Bemühungen verkennen, sich retardiren, necken, 
hänseln und hudeln lasse, weil nun das einmal so eingeführt 



' G. von Loeper, Goethes Gedichte III, 311. 



Goethes Gedicht: Deutscher Parnass. 203 

ist! Und dabei soll er geduldig, seiner hohen Würde ein- 
gedenk, mit übereinander geschlagenen Händen, wie ein 
ecce Homo dastehen, nur damit Herr Manso und seines 
Gleichen auch in ihrer Art für Dichter passiren können. 
Doch genug von diesen Armseligkeiten! Lassen sie uns 
auf unseren Wegen immer beständig und rascher fort- 
schreiten.« Diese Worte, aus denen die Erinnerung an 
Wielands und Gleims Ausfälle nachklingt, schrieb Goethe, 
nachdem er einen Brief Garves an Schiller gelesen hatte. 
Mit überlegener, heiterer, aber nicht verletzender Ironie 
fertigte er diese Sittenrichter, denn das Gedicht zielt mittel- 
bar auch auf Herder und Wieland, insbesondere aber den 
»guten Vater Gleim« im folgenden Jahre durch sein Gedicht 
ab, den »Hüter des Parnassus«. Den Anlass zu der köstüchen 
Erfindung erhielt er durch folgende Verse Gleims in No. 26: 

Wie war's einmal so schön auf unserm Helikon ! 

Als Klops tock noch Homer, Uz noch Anakreon 

Gerufen ward auf ihm, noch die Gerufnen hörten. 

Noch Faunen nicht auf ihm der Musen Tänze störten 

Mit ihrem Wolfsgeheul und Tiger-Ungestüm; 

Apollo Gott noch war, nicht Priapus auf ihm, 

Als alle Sänger noch einander ihre Lieder 

Vorsangen, alle noch wie Brüder 

Sich liebten ! Hass und Neid war nicht auf ihm zu sehn, 

Auf unsrem Helikon, wie war's einmal so schön! 

Ebenso wichtig sind die Verse in No. 20, die bisher 
nicht beachtet wurden, die doch offenbar die satirische 
Phantasie Goethes befruchteten. Gleim sagt dort: 

Des Thüringer Waldes hochborstige Faunen, 

Nicht mächtig ihrer bösen Launen, 

Sind eingebrochen ins Thal 

Der stillen Musen! Sie wollen einmal 

Ein kleines Freudenspiel sich machen u. s. w. 

Und wie verfuhr Goethe? Ganz so, wie er bei dem 
»prächtigen Gedanken mit den Xenien« Schiller vorschlägt : * 
»Über uns selbst dürfen wir nur das, was die albernen 
Bursche sagen, in Verse bringen, und so verstecken wir uns 
noch gar hinter die Form der Ironien So lässt er, mit schein- 
barem Ernst sich in die Seele der Gegner versetzend, den 
Musenwächter beweglich über den Einfall der rohen, mit 
Tigerfell bekleideten Faune in das Heiligthum jammern, 
wo die ihrer »hohen Götterwürde« (Vers 164) sich be- 



' Auf diesen Brief vom 30. Dez. 1795 hat mich mein Freund 
August Fresenius aufmerksam gemacht, dem ich auch sonst viele An- 
regung verdanke. 



204 Abhandlungen. 



wussten Sänger wie Brüder einander lieben: »Liebeswuth, 
Weinesgluth, Rast im Blick, sträubt das Haar!« »Und in 
wüthendem Erglühen • Hält der Faun die Nymphe fest!« 
Wenn der Musenwächter besonders zürnt, dass die Brüder, 
nicht Fremde, der »Brut« die Wege zeigen und selbst 
»voraus im Takte ziehen« (155), so ist klar, dass Goethe sich 
selbst und seinen grossen Freund damit einführt. 

Mit der »wilden Schaar« sind die Jüngeren gemeint, die 
der älteren Generation unbequem wurden. Friedrich Schlegel 
lobte die Xenien 17^6, und in seiner Abhandlung ȟber 
das Studium der griechischen Poesie« (1797) stand der 
Satz: Goethes Poesie ist die Morgenröthe echter Kunst 



und reiner Schönheit. * 



in. 



Die einzelnen Züge der genialen Schelmerei werden 
nun dem »Kundigen« klar sein. Zunächst die Ueberschrift 
»Sängerwürde,« mit der Goethe so zufrieden war, wählte 
Schiller im Hinblick auf den Vorwurf Wielands in dem 
oben erwähnten Aufsatz des Merkur wie auf die Worte 
des Musenw^ächters im Gedicht selbst: »War es möglich 
eure hohe Götterwürde Zu vergessen!« — Wie absichtlich 
ist dann der Musenhain ein keusches, reines Heiligthum 
genannt! Der selbstgefällige Hüter des Parnass — Apollo 
gab »dem heitern Knaben« den Genuss des Lebens — 
rühmt sich, dass die Musen ihm das keusche, reine Siegel 
auf die Lippen gedrückt; seine reine Wange glüht; er ist 
entsetzt, als aus den keuschen, heil'gen Schatten verhasster 
Ton klingt, so dass Nachtigall und Turtel das so keusch 
erwärmte Nest (187) fliehen. Wer Goethes Dichterart 
kennt, der sollte diese selbstgefällige Berufung auf die 
eigene Sittüchkeit, Reinheit und Keuschheit für Ernst 
halten können? Dass die von Goethe sonst verschmähte, 
bei Gleim und den Anakreontikern beliebte Anhäufung 
von Beiwörtern, wie hold, zart, rein, still, süss, den satiri- 
schen Eindruck verstärken musste, ist vom Verfasser dieser 
Zeilen schon früher (a. a. O. 277) gezeigt worden. In der 
Darstellung endlich des Wesens und der sittHchen Wirkung 
der Poesie (45 f.) — der Musenwächter setzt die Lieder 
sogar den guten Thaten gleich — kann man, wie H. Henkel 
will, »die eigensten Anschauungen Goethes« darin wieder 
erkennen? Dass die Dichtkunst das Thun und Leiden des 



* F. Schlegels Jugendschriften, herausg. von Minor. Wien 1882. 
I, 114 und II, 31. — In Briefen an Gleim spottete Herder über Goethe, 
»den Eindichter, Apolls Stellvertreter« ; vgl. R. Haym, Herder II, 640. 



Goethes Gedicht: Deutscher Parnass. 205 

* _ 

Menschen unbefangen darzustellen hat, nicht Sittlichkeit 
predigen soll, hat Goethe in der Jugend wie als Mann und 
Greis betont und als Dichter immer bewährt, ohne damit 
den veredelnden Einfluss der Kunst zu leugnen. Sein Xenion 
»moralische Zw^ecke der Poesie« : 

»Bessern, bessern soll uns der Dichter !« So darf denn auf 

Eurem 

Rücken des Büttels Stock nicht einen Augenblick ruh'n? 

stimmt überein mit den Worten im Briefe an Schiller 
vom 25. November 1797: »Auf alle Fälle sind wir ge- 
nöthigt, .unser Jahrhundert zu vergessen, wenn wir nach 
unsrer Überzeugung arbeiten wollen, denn so eine Saal- 
baderei in Principien, wie sie im allgemeinen jetzt gelten, 
ist wohl noch nicht auf der Welt gewesen. Die Poesie ist 
doch eigentich auf die Darstellung des empirisch patho- 
logischen Zustandes des Menschen gegründet, und wer ge- 
steht denn das jetzt unter unsern fürtrefflichen Kennern 
und sogenannten Poeten? . . . Wie gerne wollte ich diesen 

{»rosaischen Naturen erlauben vor den sogenannten unsitt- 
ichen Stoffen zurückzuschaudern, wenn sie nur ein Gefühl 
für das höhere Poetisch-sittliche hätten und davon entzückt 
würden.« Dem Dichter der »Römischen Elegien«, des »Wil- 
helm Meister«, verzieh man seine Wahrheit, seine antike Un- 
befangenheit nicht. Selbst Herder verhielt sich in den neun- 
ziger Jahren gegen die trefflichsten Dichtungen Goethes ab- 
lehnend: »Wahrheit der Scenen« schreibt er 1795 an die 
Gräfin Baudissin,' »ist Goethe alles, ohne dass er sich eben 
um das Pünktchen der Wage, das aufs Gute, Edle, auf die 
moralische Grazie weiset, ängstlich bekümmert. . . Er 
hat sich auch ganz von meinem Urtheil weggewandt, 
weil wir hierinnen so verschieden denken.« In aer »Braut 
von Korinth« und in der Ballade »der Gott und die Ba- 
jadere« spielt — nur das weiss Herder an Knebel zu be- 
richten — Priapus eine grosse Rolle.* Daher bedauert 
Goethe in einem Briefe des Jahres 1797 an Schiller herz- 
lich »den Alten auf dem Topf berge« (Topfmarkt in Weimar), 
^dass er verdammt ist, durch Sott weiss welche wunder- 
liche Gemüthsart, sich und andern auf eignem Felde den 
Weg zu verkümmern«. Schon zwei Monate nach dem Er- 
scheinen der Xenien im Dezember 1796 hatte Goethe aus- 
gerufen: Also das wäre Verbrechen, 



' Aus Herders Nachlass, 1856. I, 21. 

* Knebels litter. Nachlass II, 270. Vgl. R. Havm, Herder II, 627 
dort auch die hässlichen Aeusserungen Karolines über Goethe. 



206 Abhandlungen. 



Dass ich Natur und Kunst zu schau'n mich treulich bestrebe 
Dass kein Name mich täuscht, dass mich kein Dogma 

beschränkt ? 

Solcher Fehler, die du, o Muse, so emsig gepfleget, 
Zeihet der Pöbel mich; Pöbel nur sieht er in mir. 
Ja, sogar der Bessere selbst, gutmuthig und bieder, 
Will mich anders; doch du, Muse, befiehlst mir allein. 

Gegen diese moralisirende, alles »ästhetischen Gefühles« 
baare Richtung wird sein »Trutzwort«' ausgesprochen : »Keine 
Kunst vermag auf Moralität zu wirken, Philosophie und 
Religion vermögen dies allein.« Noch im Todesjahre schliesst 
der ureis den Aufsatz für junge Dichter mit der Mahnung: 

Dass die Muse zu begleiten, 
Doch zu leiten nicht versteht. 

Auch den Gleim kennzeichnenden Zug der kritiklosen 
Bewunderung seiner zahlreichen Dichtertreunde wie der 
naiven Freude, von ihnen bewundert zu werden, hat Goethe 
ironisirt. Alle, denen Apoll gewogen ist, 

Werden mächtig angezogen. 

Und ein Edler folgt dem andern (Vers 31). 

Einen Vertreter dieser brüderlichen Kameraderie hatte 
Goethe kurz vor Abfassung des Gedichts kennen gelernt, 
und diese Bekanntschaft musste, wie ich zu zeigen hoffe, 
die Lust an dem satirischen Scherz in ihm verstärken. 
Am 8. Mai 1798 wird Goethe von Schiller gefragt, ob er 
Josef von Retzer bereits gesehen habe. »Er ist nach Weimar 
gereist« ; in seiner scharfen Weise setzt Schiller hinzu : 
»ein klägliches Subjekt, das aber durch die Erinnerung an 
ein bereits vergessenes Zeitalter einigermassen merkwürdig 
wird«. Retzer war aus Wien durch Schlesien nach Berlin 
gereist, von da wollte er nach Halberstadt zu Gleim, der 
für seinen Freundschaftstempel um Retzers Bildniss gebeten 
hatte.* Nachdem Goethe Retzers Besuch erhalten hatte, 
schrieb er Schiller am 12. Mai: »Der Edle von Retzer war 
eine Erscheinung, die man mit Augen gesehen haben muss, 
wenn man sie glauben soll. Hat er Ihnen denn auch sein 
Gedicht an Gleimen vorgelegt?« »Freilich,« antwortet 
Schiller am 15. Mai, »hat mir der Edle von Retzer seine 
Verse auch zurückgelassen, die den ganzen Mann vollends 
fertig machen.« Bereits im Juniheft des Merkur ^ waren 



* Erich Schmidt, Lessing. II, 118. 

* Bei Körte (Gleims Leben S. 45 j) ist Retzers Bildniss im »Tempel 
der Freundschaft« als das vorletzte No. 117 bezeichnet, »gemalt von 
Linder zu Wien 1798. Halbfigur in kl. Qjaart.« 

3 Juni 1798. S. 168—172, 



Goethes Gedicht: Deutscher Parnass. 207 

die in Berlin im April gedichteten Verse »an Gleim« zu 
lesen mit einem freundlichen Vorwort Wielands. Retzer 
stellt dar, wie er nach dem Verlust treuer Freunde in Wien 
»im Schosse neuer Freundschaft Ruh suchte«: 

Beklemmt eilt' ich durch Schlesiens Gefilde, 
Gedüngt durch Oestreichs Blut, woraus der Keim 
Von Friedrichs Lorbeer spross, mit meinem Bilde, 
Das du begehrtest, zu dir Vater Gleim. 

Von dem in den Xenien so bitter verspotteten Manso 
heisst es: 

Schon hörte Manso'n mein entzücktes Ohr, 
Den Dichter, der bald Bernard, bald Oviden 
Und Tasso bald zum Muster sich erkor . . 

Dann eilte Retzer nach Frankfurt : am Grabe Ewalds von 
Kleist erschien ihm dessenGeist und rieth ihm Berlin zu sehen : 

Schliess dich an Nicolais Freundschaftskette 
Und seiner Trauten herrlichen Verein . . . 

Langhans, Gedike, Biester, Göckingk werden vom Geiste 
genannt, dann heisst es : 

Ein Kuss von Teller'n, der den Stolz des Priesters 

In Weisheit sucht, macht deine Wange warm. 

Und Zöllner, Spalding — doch wie kann sie nennen 

Die Edlen alle dein dankbares Lied! 

Du wirst sie an dem Druck der Hand erkennen 

Durch Sympathie, die ihre Brust durchglüht. 

Ramler werde er nicht mehr sehen: er sollte sich aber 
mit Gleim trösten. Zuletzt meint der Geist: 

Wie Friedrichs Glorie, zu Deutschlands Ehre, 
Unsterblich bleibet Gleims und Ramlers Ruhm. 

Unterzeichnet ist das lange Poem : Joseph von Retzer 
aus Wien. Berlin d. 20. April 1798. 

Dass dieses Gedicht »an Gleim« Wasser auf die sati- 
rische Mühle Goethes war, wird jeder zugeben. Wenn ich 
jetzt den Vers Goethes : »Und ein Edler folgt dem andern« 
lese, muss ich unwillkürlich auch an Retzers Worte denken : 
»doch wie kann sie nennen die Edlen alle« u. s. w. 

Zu der irrigen Auffassung des Goethischen Gedichtes 
hat besonders der Schluss mit den feierlichen Versen Anlass 

§egeben. Gleim hatte in dem »gutmüthigsten« Stück seiner 
ammlung, in der No. 32 Goethe und Schiller gerathen: 

Geht, angefasst die Hände! geht 
Zum Priester der Humanität, 
Und findet er, dass eure Sünden 
Verzeihlich sind, . . 



2o8 Abhandlungen. 



so solle er nicht das Buch zum Feuer verdammen, nein : 

So Sprech er : Kinder, noch ein Buch 
Von dieser Art und einen Dreier. 

Dabei erläuterte Gleim selbst, Friedrich der Grosse 
habe den Herrn v. Bar wegen eines Pasquills nicht ver- 
urtheilt, sondern sein Spruch war : »Nicht tausend Dukaten, 
sondern einen und noch solch ein Pasquill.« 

Daher mahnt der ästhetische Zionswächter bei Goethe 
die Frevler zur Umkehr mit seiner »Liebe Bruderwort« (203) : 
wenn ihr wieder als »gute Pilger« den Berg heransteigt, 

Euch nicht mehr ein Spiel entzücket, 
Das die Schranken Ubertobt, 

dann werdet ihr bei »tiefgefühlten Reueliedern« wieder als 
Brüder aufgenommen, und jedes Fehls Erinnerung wird 
ausgelöscht werden. So schliesst ironisch - feierhch , mit 
heiterer, aber nicht verletzender Überlegenheit das Gedicht, 
so dass der »Kundige« seine Freude haoen musste an dem 
geistvollen, und so folgerichtig durchgeführten Scherz. 

IV. 

Man hätte, so darf der Verfasser dieser Zeilen wohl 
einen Satz seiner früheren Arbeit wiederholen, keine hohe 
Vorstellung von der Kunst der Ironie, über die Goethe 
verfügte, wollte man sich über die schönen Verse wundern. 
Gewiss viele »Kundige« unter den Lesern wird es damals 
nicht gegeben haben; die meisten nahmen wohl alles für 
baare Münze, wie einst die Briefe der Dunkelmänner zuerst 
sogar von den Gegeisselten unbefangen gelesen w^urden. 
Goethe, der nicht blos Gleim, sondern auch Herder und 
seinen grossen Kreis treffen wollte, liebte überhaupt, was 
eine eigne Untersuchung werth wäre, dies Verstecken- 
spielen, er hatte seine Freude daran, das Publikum zu 
mystificiren. Aber nicht für alles im Geuicht sind bestimmte 
Beziehungen erforderlich, denn manches ist der poetischen 
Bestimmtheit wegen nur ausgemalt. So ist es mir nicht 
gelungen, auch für die drei Arten von Sängerbrüdern, von 
denen der Musenwächter redet (32 f.), bestimmte Personen 
nachzuweisen. Mit dem Mädchen, die von den Schwestern 
getrennt (76 f. \ durch Wald und Felder irrt, wurden die 
überzarten una übersittlichen Frauen ironisirt. Dass — un- 
beschadet der an sich zarten Schilderung — die Absicht 
eines vagen Idealisirens nicht verkannt werden kann, ist 
schon früher von mir bemerkt worden. Der auffallende Über- 
gang aber bei Goethe : Doch die Eine 

Geht alleine . . . (Vers 76) 



Goethes Gedicht: Deutscher Parnass. 209 

erklärt sich, wie ich erst Jetzt finde, als Anspielung auf 
folgende holprige Verse Gfleims in No. 60: ^>Eine der 
Grazien Lesend die Xenien« wollte sie verbrennen, aber 
»Faune kamen in Haufen Zu dem Brande gelaufen Ihre 
Retter zu seyn. Und da fand in dem Haine Ihrer Schwestern 
die Eine Sicherheit erst! seitdem Ist ihrs unangenehm, 
Wenn von den Xenien Ihr ins Gesicht Eine der Grazien 
Oder der Musen noch spricht«. 

In jenem oben erwähnten Briefe an Gleim hatte Karo- 
line das Versmass seiner Gedichte gerühmt: die »Ver- 
schiedenheit« habe so viele Anmuth und Geist. So wenig 
jenes Lob berechtigt ist, so sehr verdient die kunstvolle 
Mannigfaltigkeit der Verse Goethes unsre Bewunderung. 
Die kurzen, die Aufregung treffend malenden, katalektisch- 
trochäischen Verse (^102 f.) hat Schiller in der ein Jahr 
später gedichteten »Glocke« schon vor Augen gehabt. 
(Justav V. Loeper übrigens bemerkte schon in den zehn 
letzten des Gedichts eine nahe Berührung mit dem dichte- 
rischen Ausdruck Schillers, und Victor Hehn* äussert : Worte 
wie die folgenden: Dass sie wueder heilig werde, Lenkt 
hinweg den wilden Zug! (206) hätten von dem Dichter 
der Klage der Ceres geschrieben werden können. Dagegen 
hat der Verfasser* auf die bekannten Verse Schillers im 
»Alpenjäger« verwiesen und den Einfluss der Verse Goethes 
auf spätere Schillers weiter verfolgt. 

Wegen seiner im Alter kindisch gewordenen Reimerei 
wurde Gleim von Goethe vier Jahre nach der »Sänger- 
würde« nochmals verspottet. Als 1802 der neue »Teutsche 
Merkur« vom Herausgeber nichts brachte, stiess Goethe 
den komischen Fluch ^ aus: 

In Teufels Namen 

Was sind denn eure Namen! 

Im Teutschen Merkur 

Ist keine Spur 

Von Vater Wieland, 

Der steht auf dem blauen Einband; 

Und unter dem verfluchtesten Reim 

Der Name Gleim. 

Und wie hat Goethe nach Gleims Tod über ihn ge- 
urtheilt? Gerecht und allseitig abwägend, hat er den guten, 
hilfreichen Menschen, den wackern Vaterlandsfreund ge- 
rühmt; als wahren Dichter hat er ihn nicht anzuerkennen 



' Goethe- Jahrbuch 1885. S. 221. 

* a. a. O. S. 280. 

3 Erst 1834 gedruckt; vgl. G. von Loeper, Goethes Gedichte III, 312. 

Gokthr-Jahrbuch XIV. 14 



210 Abhandlungen. 



vermocht. Aus den zahlreichen und ausführlichen Stellen^ 
wo er von Gleim redet, klingt das, trotz aller Goethe be- 
sonders im Alter eigenen Milde, heraus. Zwei Jahre nach 
Gleims Tod war er in Halberstadt. In dem Bericht in den 
»Annalen« über den Aufenthalt daselbst im Jahre 1805 ^^^^ 
wirft er ein sprechendes Bild Gleims. Er betont, er habe 
nie ein Verhältniss zu ihm gewinnen können, habe aber 
immer viel durch Herder und Wieland über ihn gehört. 
Durch Körte erhielt Goethe einen Blick in Gleims Ver- 
lassenschaft. Dabei standen ihm des Verstorbenen Gedichte 
vor Augen, worin er als ein vorzüglich liebender und 
liebenswürdiger Mann erscheint; sie sind der Ausdruck 
eines gemütnlichen Menschenverstandes innerhalb einer 
wohlgesinnten Beschränkung. »Seine Poesie, von der tech- 
nischen Seite besehen, ist rhythmisch, nicht melodisch.« 
Goethe fiel bei Betrachtung des »Tempels der Freund- 
schaft« auf, dass über hundert Poeten und Literatoren, aber 
kein einziger Musiker und Komponist zu sehen w^ar.' »Wie? 
sollte jener Greis, der seinen Äusserungen nach nur im 
Singen zu leben und athmen schien, keine Ahnung von 
dem eigentlichen Gesang gehabt haben? von der Tonkunst, 
dem wahren Element, woher alle Dichtungen entspringen 
und wohin sie zurückkehren?« 

Als Körte das Leben seines Grossoheims 181 1 
schrieb, konnte er unbefangen von den Folgen der Xenien 
reden. Die von ihm S. 301 angeführten Verse Gleims 
gegen Goethe finden sich nicht m der Sammlung »Kraft 
und Schnelle« und verdienen hier einen Platz ; vielleicht sind 
sie eine Antwort auf »Sängerwürde« gewesen und von Körte 
irrthümlich als Verse der Sammlung angesehen worden: 

Seine goldbeschlag*nen Waffen 
Braucht er, seht nur, mit Gewalt! 
Er ist jung und ich bin alt: 
Götter müssen Recht verschaffen. 

Im Jahre 1806 sprach Goethe sich recht deutlich über 
Gleim aus. In der mit behaglichem Humor geschriebenen 
Recension über die Gedichte des Naturdichters Hiller er- 
zählt er, wie jener arme Pilgrim dem Halberstädter Parnasse 
entgegentritt, um daselbst in einer Dichtergilde aufge- 
nommen zu werden. »Man denke sich,« so fährt Goethe 
fort, »wie er von dem Dechanten und Patriarchen der 



* In Körtes Leben Gleims S. 440 u. 441 findet man unter den 118 
Bildnissen in der That nur No. 10: Krause, Verfasser der Schrift von 
der musikalischen Poesie, gemalt von Hempel. No. 19: Borkenhagen, 
ein Musikus, gemalt von Span. 



Goethes Gedicht: Deutscher Parnass. 211 

deutschen Reimkunst mit einem Lobgedicht empfangen 
wird, das Lobgedicht anhört und sogleich von frischem 
Herzen aus dem Stegreife Vater Gleimen ins Gesicht sagt, 
was Deutschland scnon seit dreissig Jahren weiss, . . . 
dass Vater Gleim sehr schlechte Verse mache : so muss 
man denn doch bekennen, hier sei Gottes Finger und der 
erwählte Prophet, der dieses öffentliche Geheimniss dem 
alten verstockten Sünder ans Herz legen und dem ganzen 
Volke buchstäblich verkünden sollte, sei kein gemeines 
Werkzeug.« Schon 1777 hatte Goethe den guten Gleim, 
bei dessen Aufenthalt in Weimar wegen seiner kritiklosen 
Mäcenschaft köstlich genug gehänselt, was Gleim selbst 
erzählt hat. ' 

Die Urtheile über ihn in »Dichtung und Wahrheit« 
sind bekannt: »weitschweifig, behaglich von Natur, wird 
Gleim kaum einmal in den Kriegsliedern concis«. Wie 
Klopstock, erzählt Goethe, warf auch Gleim die persönliche 
Würde nicht weg im Gegensatz von Lessing, der sich 
zutraute, sie jeden Augenbhck wieder ergreifen zu können. 
Wenn er die lebendige Wirkung, die Gleim geübt, ge- 
bührend hervorhebt, so betont Goethe andererseits, dass er 
auf seine besonderen eigenen Zustände zu hohen Werth 
legend, Lob und Ehre empfing und zu reichlich wiedergab, 
daoei weder Papier noch Dinte schonte. Auch unterlässt 
Goethe nicht zu bekennen, dass er schon als JüngHng über 
Gleims und Georg Jacobis Briefwechsel seine Scherze ge- 
trieben habe. Auch in »Dichtung und Wahrheit« wird 
Gleims Hilfsbereitschaft gelobt: »er hätte ebensowohl des 
Athemholens entbehrt als des Dichtens und Schenkens ;« 
durch dieses habe er sich viele Freunde und Schuldner ge- 
wonnen, »dass man ihm seine breite Poesie gern gelten Hess«. 
Noch im Jahre 1813 sagt Goethe in der Rede über Wieland, 
dass man wie Bodmer in Süddeutschland, so Gleim in 
Norddeutschland die Hebamme des Genies nennen konnte ! 

Auch in Hinsicht auf das schöne Gedicht Goethes 
gebührt ihm diese Bezeichnung, freiHch nur insofern, als 
wir uns ohne seine Angriffe gegen Goethe nicht erfreuen 
könnten an dem »Hüter des rarnassus«. 



' Im Gespräch mit J. Falk, vgl. dessen Schrift »Goethe aus näherem 
persönlichen Umgang dargestellt« 1836, 2. Aufl. S. 139 f. Jetzt auch 
tei Biedermann, Goethes Gespräche 1889, I, 45 f. 




14* 



Goethes Festspiel : 

DES EpIMENIDES ERWACHEN. 



Von 

Morsch. 



I es Aristoteles jüngst aufgefundene Schrift: »Das 
Staatswesen der Athenero hat so manches Räthsel 
gelöst, manches freilich auch geknüpft. Zu den- 
jenigen Fragen, welche die 'A&tivaiiar Jiolntta der Entscheidung 
sehr nahe gebracht, wenn nicht entschieden hat, gehört 
wohl auch die nach dem Zeitalter des Epimenides. 

Man wusste früher nicht genau, in welche Zeit man ihn 
versetzen sollte. Nach der überwiegenden Mehrzahl der 
Quellen ' lebte er ca. 600 v. Chr. und entsühnte die Stadt 
Athen zur Zeit Solons, als dieser seinen Mitbürgern die 
nach ihm benannte Verfassung gab; nach einer andern, sehr 
frühen und zuverlässigen Nachricht jedoch — bei Plato in 
den Gesetzen I p. 642 D— gehört er einer viel jüngeren 
Zeit an: 10 Jahre vor den Perserkriegen, heisst es hier, 
sei er nach Athen gekommen und hätte den Athenern, 
welche schon damals einen Einfall der Perser fürchteten, 
durch den Ausspruch Muth eingeflösst, die Feinde würden 
vor den nächsten 10 Jahren nicht kommen, wenn sie aber 
kämen, so würden sie des Unglücks mehr erleiden als 
anrichten. Auf die Seite der erstgenannten Quellen nun. 



' Über Epimenides vergl, Schultess de Epimenide Crete. Doctor- 
djsseri. Göttingen, 1877, 



Goethes Festspiel: des Epimenides Erwachen. 215 

welche ihn ca. 100 Jahre vor Piatos Angabe, vor den 
persischen Kriegen ansetzen, stellt sich Aristoteles gleich 
im Anfang seiner Schrift, wo er offenbar vom Kyloni- 
sch«n Frevel und seiner später erfolgten Sühnung spricht : 

"^ Enifiividr^g ö'o Kgr^q inl rovTOig ixditrjQS jrjv noXtv. Darnach 

hat also der kretische Weise wirkHch zur solonischen 
Zeit gelebt. Dies schiene eine Lösung des Räthsels, in- 
dessen die Knüpfung eines neuen erfolgt sofort. Noch 
immer bleibt das platonische Zeugniss bestehen, zunächst 
steht Aussage gegen Aussage, die des Lehrers gegenüber 
der des Schülers. Wie lässt sich Aristoteles' Ausspruch 
mit dem platonischen vereinigen ? Mit diesem Problem hat 
sich vor kurzem H. Diels beschäftigt und in den Sitzungsbe- 
richten der Berliner Akademie vom Jahre 1891 S. 38^ ff. eine 
Erklärung gegeben, die meines Erachtens die Schwierigkeiten 
nicht nur sehr glücklich beseitigt, sondern auch für unsere 
Aufgabe nicht ohne Bedeutung ist. Er unterscheidet nämlich 
zwischen zwei Epimenides, einem der Geschichte und einem 
der Literatur. Mit dem ersteren hat es natürlich Aristoteles 
zu thun; um die Wende des 7. Jahrhunderts hat es einen 
»berühmten Katharten« gegeben, welcher auch Athen vom 
Zorn der Götter befreite. 100 Jahre später jedoch ist der 
Name dieses hochverdienten Mannes, der durch seine 
kosmogenischen Lehren dem orphischen ' Kreise angehört, 
zu literarischen Fälschungen gemissbraucht worden, wie 
ja überhaupt in dieser Zeit ein Theil der orphischen Literatur 
auf solche Weise entstand; unter seinem Namen (genaueres 
über Art und Zweck dieser Fälschung vergleiche man in 
Diels' Abhandlung selbst) gingen Orakel umher, welche 
über die bevorstenenden Kriege sich aussprachen und auch 
das oben Erwähnte enthielten. Den literarischen Epimenides 
nun hat Plato bei seinen Worten im Sinn, er hat sich 
durch diese Pseudo-Epigrapha täuschen lassen, und seine 
Zeitbestimmung hat sich daraus gebildet. So widerstreitet 
seine A*nsicht auch nicht der des Aristoteles. 

Wenn diese Darlegung, woran kein Zweifel ist, min- 
destens sehr hohe Wahrscheinlichkeit für sich hat, so ist 
die Thatsache recht interessant : so alt ist die Rolle, welche 
der Sühnepriester aus Kreta in der Literatur spielt, in so 
alter Zeit, so viel Jahrhunderte vor Goethe wurden ihm 
Weissagungen und Deutungen geschichtlicher Ereignisse 
in den Mund gelegt. Wenn — nun gestatte man einen 
Sprung über eine Kluft von mehr als 2000 Jahren, die ich 



' O. Kern, de Orphei Epimenidis Pherecydis theogoniis. Berlin 
1888, S. 62—88; hier finden sich auch die Fragmente der Poesieen 
des Epimenides. 



214 Abhandlungen. 



vielleicht nachher etwas durch literarische Erzeugnisse zu 
überbrücken gedenke — wie er zur Zeit der griechischen 
Freiheitskriege gegen die Barbaren literarisch verwendet 
wurde, so hat seine ehrwürdige Figur auch Goethe isur 
Zeit der deutschen Befreiungskriege wieder hervorgeholt und 
in die deutsche Literatur eintreten lassen, um das, was er 
selbst darüber dachte und fühlte, durch sie zu verkünden. 

Goethes Festspiel: »des Epimenides Erwachen« ist be- 
kanntHch nach der ersten Niederwerfung Napoleons vom 
Dichter im Mai und Juni 1814 entworfen und gedichtet 
w^orden zur Feier des Siegesfestes in Berlin, an welcher 
neben dem König von Preussen auch höchst wahrscheinlich 
Kaiser Alexander von Russland theilnehmen sollte. Infolge 
mancherlei Umstände, derpolitischen Verhältnisse, schliess- 
lich infolge von Ifflands Tod, ist es dann erst am Jahres- 
tage des Pariser Einzuges, am 30. März 181^ im Königl. 
Opernhaus zu Berlin gegeben und später auch wiederholt 
worden. — Es hat so mancherlei Tadel erfahren. Vor 
allem hat man nie recht einsehen können, was der alte 
Epimenides mit den Befreiungskriegen von 1814/ij zu 
schaffen hätte, ja was überhaupt nier eine antike, griechische 
Figur eigentlicn solle. Wäre es nicht passender gewesen, 
wenn der Dichter eine deutsch - nationale Sage, etwa 
Hermann den Cherusker zur Grundlage des Stückes ge- 
macht hätte? Indessen v. Loeper hat in der Vorrede zu 
seiner vortrefflichen Ausgabe des Festspieles (Berlin 187 1, 
bei Hempel) diese Vorwürfe schon zurückgewiesen: das 
Stück sollte mit den preussisch-deutschen Heldenthaten 
auch den europäischen Vorgang der Befreiung vom 
napoleonischen Joche feiern, deswegen war nur dasjenige 
Fundament am Platze, welches aus dem Allen gemeinsamen 
und verständlichen Kulturelement, dem Antiken, genommen 
war. Die Vorführung einer engeren, preussisch-deutschen 
Sage oder geschichtlichen Begebenheit hätte den That- 
sachen nicht ganz entsprochen, auch bei der Anwesenheit 
des Kaisers Alexander leicht zu üblen Missdeutungen Anlass 
geben können. So ist denn der antike Stoff im allgemeinen 
gerechtfertigt; noch aber bleibt unklar, warum der Dichter 
gerade den Epimenides wählte, dessen Schicksal nur Einigen 
der literarisch Gebildeten bekannt, den Meisten, besonders 
der grossen Menge des Volkes nicht geläufig war. ' Hier 



' Goethe wusste selbst dies am besten; im Theaterprogramm 
S. 47/48 macht er Vorschläge, wie man vorher das Publikum über 
Epimenides aufklären könnte. Der bekannte Berliner Witz: »I — wie — 
meenen Sie — dess?« kam ihm deswegen nicht unerwartet. Er wird 
auch keinen abhalten, den hohen patriotischen Schwung der Dichtung, 



Goethes Festspiel: des Epimenides Erwachen. 21 5 

haben nach meinem Dafürhalten literargeschichtliche Über- 
iieferungen stärkeren Einfluss ausgeübt als man bis jetzt 
angenommen hat. Es wird gut sein, sich einmal nach 
Vorgängern umzusehen und festzustellen, wie weit hier 
■der Dichter der Tradition und dem Herkommen folgte und 
folgen konnte. 

Es giebt 3 französische Stücke, theils ernst, theils heiter, 
theils burlesk gehalten, welche denselben Titel führen. Das 
älteste ist wohl das von M. Poisson; Le Reveil d'fipi- 
menide, comedie en trois actes. Represent^e pour la 
premifere fois par les Com^diens Fran^ais, le 7. Janvier 
1735; i Paris 1735 ; jetzt in Oeuvres de Poisson, i Paris 1743. 
Bd I. — Das zweite ist verfasst von Henault: Le reveil 
d'Epimenide, comedie par M. le president Henault. Avec 
-d'autres pifeces interressantes, gedruckt bei Jasperd, Buch- 
händler m BerUn, gegenüber den Werderschen Mühlen.. 
(vis i vis des moulins du Werder) 1755. Der Sammel- 
band ist der Frau Präsidentin von Maupertuis gewidmet. — 
Das dritte Stück trägt denselben Titel: Le Reveil d'fipi- 
menide, ä Paris. Comedie en un acte, en vers, par M. de 
Flins. R^present^e sur le Th^ätre de la Nation par les 
Com^diens Francois ordinaires du Roi, le premier Janvier 
1790. ä Paris chez Maradan 1790. Voran geht ein Aver- 
tissement, welches beginnt : Cette petite piece a ^t6 accueiUie 

avec bont^ ; ferner lesen wir nier: II existe, dit- 

on, deux autres fipimenides; l'un est de Poisson et l'autre 
du President Haynault (sie !) ; j^e ne les ai lu jamais 

Betrachten wir diese in Einzelheiten mit Goethe nicht 
allzusehr übereinstimmenden Stücke etwas genauer: wenn 
auch, wie wir es nachher höchst wahrscheinlich zu machen 
hoffen, der deutsche Dichter um die in diesen Stücken 
liegende Grundidee durch Hterarische Berichte gewusst hat, 
so wird man doch erst bei einem vergleichenden Überblick 
über dieselben recht inne, mit welcher Würde, mit welchem 
Ernst Goethe seine Aufgabe erfasste, was in jenen wenigen 
Tagen im Schwefelbade Berka bei Ilmenau im Sommer 
18 14 von ihm geleistet worden ist. 

Poisson hat dem Ganzen einen Prolog vorausgeschickt ; 
wenn bei Goethe die Muse vorher auftritt, so treten hier 
Melpomene, die tragische, und Thalie, die komische Muse, 



der besonders denSchluss beherrscht, zu bewundern. Er ist auch bei 
weitem nicht so schlimm, wie das andere Witzwort: »I — wie gemeen — 
ist — dess«, das auf Levezows »Epimenides Urtheil« ging. Man sieht, 
Goethes Stück war dem gern alles bewitzelnden Berliner nur zu hoch, 
sonst aber Achtung gebietend, des Nachahmers Werkchen (die Schlacht bei 
Belle- Ailiance verherrlichend) aber mit Recht unbedeutend und gewöhnlich. 



2 1 6 Abhandlungen. 



vor die Zuschauer; in einem Zwiegespräch in Versen er- 
klären sie, ihre Kunstgattunjgen vereinigen zu wollen in 
einem Stück, welches von Epimenides handeln soll, Qui^ 
par l'ordre des Dcstinees, Dormit pendant quarante ann^es^ 
Et crut, i son reveil, n'avoir dormi qu'un jour. Wir geben 
hier, wne weiter unten bei den andern, das Personen- 
verzeichniss des Dramas, weil dieses am meisten geeignet 
ist, ohne genauere Inhaltsangabe, das Stück zu charaKte- 
risiren. Epimenide philosophe. — Misis, fiUe d'Epimenide; 
Chlo6, fiUe de Misis. — Melite, cousine de Chlo6. L^onide^ 
amant de Chlo^. Gnaton, amoureux de Chlo^. Dave, Es- 
clave de L^onide. Straton, Vieux Esclave d'Epimenide. — 
La scene est aux Portes de Gnosse, ville principale de 
risle de Cr^te. — 

Das Drama ist, wie die andern, nicht ohne Liebes- 
episode. Dieselbe spielt sich ab zwischen dem gleich im 
Anfang " verzweifelnden L^onide , dem durch Verun- 
treuung der Güter des angeblich verstorbenen Epimenides 
zum reichen Geldprotzen gewordenen Gnaton und der 
Chlo6, einer Enkelm des Weisen, welche ihrem Geliebten 
L^onide treu bleibend, nur durch einen kurzen, mühevoll 
erlangten Aufschub der von ihrer Mutter gewünschten 
Hochzeit mit Gnaton entgeht, bis sie dann durch Epi- 
menides' Dazwischenkunft, die so manches entdeckt und 
aufklärt, davor endgiltig bewahrt wird. Dies hat für uns 
wenig Interesse, wichtiger erscheint ein anderer Umstand, 
der sich neben der Liebesepisode als Haupthandlung hin- 
zieht. Während des Wunderschlafes, in den Epimenides 
versenkt ist, hat sich in Greta eine Staatsumwälzung voll- 
zogen. Untreue Diener und Freunde des Weisen, böse 
Elemente des Staates haben sich des Regiments bemächtigt; 
als er erwacht, wollen sie ihn deswegen auf alle Weise 
für einen falschen Epimenides erklären, suchen vergeblich 
durch Intriguen und Bestechungen ihren Zweck zu er- 
reichen und haben schon den Senat fast auf ihre Seite 
fezogen, bis Alles entdeckt wird und Epimenides die ver- 
iente Anerkennung findet. So ähnelt denn Poissons Schau- 
spiel in der Grundidee vollständig dem Goethischen : 
Der Weise hat die Zeit des Jammers verschlafen, eine 
Revolution vollzieht sich während seines Schlafes, als 
er wieder zum Leben erweckt wird, findet er Alles ver- 
ändert, und dieser Zustand, über den er in Klagen aus- 
bricht, wird erst während des Stückes wieder gehoben. 
Was Einzelheiten anbelangt, sei erwähnt, dass die Höhle, 
in welcher Epimenides in der Zeit des Schlafes sich aufhielt, 
bei Poisson sichtbar w\ar. II, i weist Straton auf dieselbe 
hin: il montre la caverne. Als Epimenides, welcher nach 



Goethes Festspiel: des Epimenides Erwachen. 217 

seinem Erwachen plötzlich vor den Thoren der Stadt er- 
scheint, allein ist, beginnt er: Revois je bien le jour qui 
m'^claire et me guide? Dormai-je encor? Veillai-je? Et 
suis-je Epimenider Dans le sommeil ici mes sens ^toient 
plong^s. Comment depuis hier ces lieux sont-ils chang^s! — 
und später II, i: Quand le Ciel me conserve, J'ignore ä 
auel destin son pouvoir me r^serve; Je ne puis revenir 
de mon ^tonnement. . . . Ciel ! quel ^venement ! . . . . Mes 
amis ne sont plus! 6 ma chere Patrie! Que vous causez 
de maux ä mon äme attendrie! Et vous, grands Dieux! 
t^moins de mon 6tat cruel, Que ne me laissiez-vous un 
sommeil ^ternel! Dieselbe Trauer, wenn auch in viel er- 
greifenderen, ja verzweiflungsvollen Worten, lässt auch 
der Goethische Prophet erschallen: »Doch während meines 
Schlafes hat ein Gott Die Erd' erschüttert, dass Ruinen hier 
Sich auf einander thürmen ....;« auch er wünscht sich 
schliesslich den Tod: »die Genien schweigen, wünsche dir 
den Tod!« — So muss auch er noch einen Theil des 
Jammers miterdulden, dem er durch den Schlaf entzogen 
werden sollte: »Zeiten, sie werden so fieberhaft sein. Laden 
die Götter zum Schlafen dich ein.« Auch in Bezug auf 
den Erfolg des Wunderschlafes sagt Epimenides' treuer 
Diener bei Poisson II, i : Pour ^viter les maux qui nous 
ont fait gemir, Tout ce tems avec vous nous aurions du 
dormir. — 

Poissons Drama bewahrt trotz der Verabredung der 
beiden Musen im Prolog, Heiteres mit Ernstem zu mischen, 
eine durchaus würdige und gemessene Haltung, nur an ganz 
vereinzelten Stellen verdient es den Namen einer Komödie. 
Dieser Ton ändert sich bei den Nachfolgern sofort. Zu- 
nächst in Henaults Komödie;' auch hier glaubt Epimenides 
nur eine Nacht geschlafen zu haben, von süssem Weine 
berauscht, die ihm seine Aspasie gegeben. Nun wundert 
er sich bei seinem Erwachen über fremde Gesichter und 
Namen, aber auch über neue Saucen, die ihm sein Diener 
vorsetzt, über neue Ausdrücke, bez. ihre spezielle Bedeutung, 
wie un vis-ä-vis, hors d'oeuvre; in dieser durch den Wahn des 
Epimenides hervorgerufenen Situation besteht das Witzige 
des Stückes, bis dann natürlich auch er Aufklärung erhält, 
dass er nicht 24 Stunden, sondern 30 Jahre geschlafen. 
Wie es bei französischen Komödien der Art Sitte ist, der 
mythologische, griechische Götter-Apparat wird mitten in 
diese modernsten französischen Verhältnisse hineingezogen. 



' Personnages: Epimenide, Aspasie, Menippe; Polierte, Nausica, 
Dave, domestiques d'fipimenide; tleanthis, suivante d' Aspasie. — 
Necrographe. La sc^ne est dans l'Isle de Crete. 



2 1 8 Abhandlungen. 



Das Stück spielt auf Greta. Zur Belohnung für gegenseitig 
bewahrte Treue wird am Schluss Aspasie, die natürlich 
bedeutend gealtert und deswegen schon verzweiflungsvoll 
gemeint hatte, Epimenides würde ihre Liebe verschmähen, 
von den Göttern verjüngt; während Alles sich am Schluss 
zum Tanz vereint — der Oberpriester der Insel ist mit 
vielem Volk gekommen, um Ausspruch und Willen der 
Götter zu verkünden — erscheint Hebe, die Göttin der 
Jugend, die unter dem Tosen des Donners auf einer Wolke 
vom Olymp steigt, und nimmt dies Wunderwerk an As- 
pasie vor. 

Die Idee einer mit dem Schlafe des Epimenides im 
Zusammenhang stehenden Revolution tritt zwar zurück, 
ist aber nicht aufgegeben. Gleich im Anfang des Stückes, 
wo die Zuschauer den schlafenden Epimenides, auf einem 
Ruhebett liegend, ' sehen konnten, heisst es : Poliorte. Le 
tems de la revolution approche. Epim^nide va nous etre 
enfin rendu, et ce fatal sommeil que les Dieux lui ont 
envoy^, touche ä son terme, si nos Oracles ne nous trom- 
pent point. — Sein Schlaf wird bald beendigt sein, auch 
zum Heile de toute la Nation, pour qui le sommeil d'Epi- 
menide, le plus juste des hommes, devoit etre Texpiation 
de tous les crimes, qu'elle a commis. 

Ist so aus dem ernsten Drama Poissons eine literarische 
Komödie geworden, so wird bei Flins daraus eine politische 
Posse, ein vaudeville, bei dem wir wieder etwas länger 
verweilen, weil es der Zeit nach — 1790 aufgeführt — 
Goethe am nächsten steht, auch vielleicht dasjenige Drama 
ist, von dessen Existenz er gewusst. Der Verfasser, mit 
vollem Namen Flins d'OUivier oder Flins des Olliviers, war 
auch Mitarbeiter an einem gemässigt republikanischen 
Journal, le Moderateur, auf welches er gegen Ende seines 
avertissement vor dem Stück empfehlend aumierksam macht; 
in diesem selbst sagt er noch, dass an dem Ganzen nur die 
Rolle des Censors, als verzerrt und übertrieben, dem Publi- 
kum missfallen habe. Personnages: Epimenide, habill6 
comme au sitcle de Louis XIV; Ariste; Josephine, fiUe 
d'Ariste; d'Harcourt, amant de Josephine; MmeBrochure; 
Gorgi, faiseur de feuilles; Fatras, Avocat-Gen^ral; Un 
abbe; Rature, censeur royale; Cabriole, maitre ä danser; 
Crisante, gentilhomme Breton; Nicolas, paysan; un capi- 
taine, un grenadier, un soldat. — La seine est aux Tuileries. 
— Am Anfang gibt Ariste seiner Tochter über Epimenides 



' Le th^atre repr^sente une chambre ä coucher, meubl^e 

d'un lit ä la Duchesse, de fauteuils On voit un homme 

couch^ sur ce lit. 



Goethes Festspiel: des Epimenides Erwachen. 219 

die gewünschte Erklärung: er schlafe jetzt 100 Jahre, er 
brauche die Parze nicht zu fürchten, er schliefe ein und 
erwache immer wieder; viel hätte er schon gesehen, 
Griechenland, Rom, die Zeiten der Kreuzzüge, die Ruhmes- 
jahre der Cond6, Turenne und Louis XIV. 5 — 6000 Jahre 
müsse er alt sein. Das Schicksal des Liebespaares — 
d'Harcourt und Jos^phine — lassen wir unberücksichtigt 
und erwähnen nur, dass jener erzählt, wie Epimenides 
gerade an seinem eigenen Hochzeitstage in Schlaf ver- 
fallen sei. Als er dann selbst auf der Bühne erscheint, er- 
kundigt er sich nach vielen Dingen, welche das Interesse 
der damaligen Pariser besonders erregen mussten, nach den 
Tuilerien, nach der Bastille, nach Corneille und Racine, — die 
wären nicht mehr en vogue, antwortet man, man lese jetzt 
keine Verse mehr; er fragt ferner nach dem Hof von Louis 
le Grand und seinen Höflingen u. s. w. Dazwischen finden 
sich Äusserungen seinerseits, die beweisen, dass er sich 
bald in die neue Welt gefunden, wenn sich auch hier und 
da zuerst ein Ton der Klage einmischt. Je le vois, sagt 
er, la Prange est heureuse. Et Ton a de vos jours d^truit 
tous les abus; ferner: Legitime puissance! 6 grandeur veri- 
table! Que j'aurai de plaisir ä vivre dans Paris. Parmi ce 
peuple .... 

Der Gang der Handlung besteht nun einfach darin, 
dass die im Personenverzeichniss aufgeführten Figuren, 
Typen aus der damaligen Zeit, wie schon die mmen 
symbolisch sind, auf die Scene zu Epimenides kommen, 
ihre Ansichten, Freuden oder Klagen über den neuen Stand 
der Dinge äussern und dann, wie sie oft ohne Grund ge- 
kommen, auch ohne Veranlassung wieder gehen; dabei 
streuen sie Couplets ein, nach bekannten Melodien singend, 
oder erzählen Witze und Schnurren. So erscheint Gorgi, 
der haarsträubende Nachrichten, Kriegsberichte mit kolos- 
salen Verlustziff"ern einbringt und sammelt, Mme Brochure, 
die singend ihre Schriften ausbietet, der ehemalige royal 
Censeur Rature, der dann, wie es sich später herausstellt, 
nicht einmal schreiben kann und nun, ohne Pension ent- 
lassen, kein Brot findet, aber doch noch stolz ist, denn : 
j'ai censure Jean Jaccjues et Voltaire et Rainal; ferner ein 
Advocat, ein Tanzmeister Cabriole, dem es schlimm ergeht, 
weil Niemand mehr Tanzunterricht nehmen wolle, endlich 
auch ein jetzt freier Bauer Nicolas und sein ehemaliger 
Lehnsherr Crisante. Jener ist nach Paris gekommen, um 
kennen zu lernen die auteurs de ces sages decrets, qui 
nous ont fait rentrer dans nos droits legitimes; eben- 
derselbe sagt : nous etions betes autrefois, Lorsaue nous ne 
savions lire — und : nous avons lu les droits de rhomme. — 



220 Abhandlungen. 



Epimenides lässt sich dazu vernehmen : et les Frangais enfin 
connoissent tout ses droits. Apres avoir tout fait pour la 
Grandeur des Rois, Travaillc pour sa propre gloire. — 
Über den im Stücke angeschlagenen Ton mögen 2 Stellen 
Zeugniss ablegen. Ein Demokrat vermuthet und erkennt 
in Epimenides sogleich den Aristokraten, nämlich: ä sa 
large cravate, A sa demarche fifere — ä sa grosse perruque ; — 
und als jener der Josephine, welche er zunächst für seine 
geliebte Amelie hält, sein Unglück erzählt: J'allais vous 
^pouser, quand le sommeil me prit, antwortet jene ihm 
schlagfertig: Jamais ä mes cöt^s amant ne s'endormit. — 
Gegen Ende heisst es: le ballet commence. Vaudeville. — 
Fast jede Person singt dann noch ein Couplet, — in dem 
einen wird Mass und Leidenschaftlosigkeit gepredigt, wie 
schon einmal im Stück vor blutigen Demokraten gewarnt 
wird — Epimenides hat mit dem seinigen das ^chluss- 
wori : Maitre de ma destin^e .... S'il faut qu'encor je 
sommeille Exauce au moins mes souhaits Fais que toujours 
je m'eveille, Au miHeu de bons Frangais. 

So sahen Epimenides -Dramen vor Goethe aus. Die 
Frage erhebt sicli, ob er etwas von ihnen jemals erfahren, 
vor Allem von der Art und Weise, wie und wozu in ihnen 
die Epimenidessage verwandt ist. 

Ganz unbekannt blieb der literarische Vorgang in 
Deutschland nicht. C. F. Heinrich, der Verfasser eines 
Buches über Epimenides, das 1801 zu Leipzig erschien,* 
sagt S. 39 : »Wer kennt nicht den über ein halbes Jahr- 
hundert uauernden Schlaf des Epimenides und sein 

verwunderungsvolles Erwachen, das vor kurzem einer der 
neuesten französischen Schauspieldichter als eine bedeutende 
Anspielung auf die grossen Begebenheiten seines Zeitalters 
auf die Pariser Bühne gebracht hat.« Aber wir können 
noch weiter gehen und vielleicht die Quelle nachweisen, 
aus welcher den Kreisen zu Weimar und auch Goethe 
Kunde von dem französischen Stücke zugeflossen ist. 



^ Auch V. Loeper verweist in der Ausgabe (Vorrede S. 32, An- 
merkung) auf Heinrichs Buch. Am Beginn dieser Anmerkung heisst 
es: »Auch in der franz. Revolution griff man zur Epimenidessage. 
Le reveil d'Epimenides hiess ein allegorisches Drama, welches zu Paris 
am I. Jan. 1790 aufgeführt wurde.« — Diese kurze Notiz, welche den 
Titel eines Stückes angibt, ohne den Verfasser zu nennen, veranlasste 
mich, die Sache weiter zu verfolgen. Was Flins anbelangt, so bin ich 
noch von freundschaftlicher Seite aufmerksam gemacht worden auf: 
Lucas, Histoire du Th^ätre Fran^ais. Paris 1862. Bd. 2 und Des- 
noiresterres. La Com^die satirique au XVIIIe siecle. 1885. Dort 
liest man S. 104, hier S. 312 kurz gehaltene, nur Nothdürftiges aus- 
sagende Bemerkungen über die Komödie von Flins. 



Goethes Festspiel: des Epimenides Erwachen. 221 

Diese Quelle ist höchst wahrscheinlich Grimms Cor- 
respondance litt^raire gewesen, bei der etwas länger zu 
verweilen sich vielleicnt lohnt, um erst im Allgemeinen 
ihre Bedeutung für den Dichter, seine Studien und Lektüre 
festzustellen. Für jenen zum Franzosen gewordenen Deut- 
schen hat sich Goethe stets interessirt, wenn er auch 
seinem Wesen nicht immer sympathisch gegenüber stand. 
Ohne alle in den Tagebüchern, Brieten und Werken ' 
sich befindlichen Bemerkungen über Grimm hier aufzu- 
führen, sei nur erwähnt, wie Goethe von ihm 8. Oktober 
1777 schreibt, dass Grimms Eintritt, welcher damals in 
Gotha zum Besuch war, ihn zuschloss, und er dem Manne, 
welcher von Petersburg nach Paris ging , wenig zu sagen 
hätte. Im Gegensatz zu dieser ungünstigen Meinung schreibt 
er einige Jahre später an Frau y. Stein 11. Sept. 1781, 
die Bekanntschaft mit diesem ami des philosophes würde 
Epoche bei ihm machen, er hoffe durch seine Augen, wie durch 
einen swedenborgischen Geist, ein gross Stück Land zu 
sehen. Noch 6 Jahre vor seinem Tode — Grimm starb 1807 zu 
Gotha , wo er eine Zufluchtstätte fand — hat er ihn besucht. 
Was der Dichter erhofft, ein »gross Stück Land zu 
sehen,« ist in literarischer Beziehung thatsächlich durch 
die Correspondance geschehen. Es ist ja hinreichend be- 
kannt, dass diese zweimal monatlich zunächst nach dem 
Gothaer Hofe geschickten literarischen Berichte auch in 
Weimar anlangten , fast alle wohl durch Vermittlung 
Herders, in dessen Hände sie von dem Prinzen August,^ 
seinem fürstlichen Freunde, zuerst kamen; in Herders Nach- 
lass haben sich 4 Bände jener Korrespondenz, vier Jahr- 
gänge enthaltend, von vorzüglicher Abschreiberhand an- 
fefertigt, noch vorgefunden. Wohl auch auf diesem Umwege 
amen damals sehr begehrte Romane, wie Diderots La 
Rdigieuse und Jacques le fataliste vor die Augen Goethes 
und seiner Freunde, ^ den ersteren scheint er mit Frau 
von Stein zusammen gelesen zu haben, ^ über den letzteren 
steht die hervorragende Stelle im Tagebuch 3. April 1780. 

' Vergl. u. A. Wahrh. u. Dichtung III B. 11 beim Strassburger 
Aufenthalt. Kampagne in Frankr. Nov. 17Q2. in Pempelfori, wo er 
Grimm nach der Kevolution wieder sah. Annalen 1801, dazu Tage- 
buch 29. Aug. 1801: Mittag bei Herrn von Grimm. 

* Vergl. Suphan. Goethe- Jahrb. III. Goethe und Prinz August 
von Gotha. S. 29 ff. Auch das jüngst herausgegebene »Journal von 
Tiefurt« (Sehr. d. G.-G. 7) zeigt mehrfach den Einfluss der Corr. littdr. 

3 Höchst wahrscheinlich kam viel später, nicht lange vor seinem 
Tode, Schiller und dann Goethe ebenfalls durch Grimms Corr. litt, 
in den Besitz von Diderots Manuskript »Rameaus Neffe;« vergl. Geiger. 
Goethe-Jahrb. III, S. 332 ff. Strehlke Einleitung. 

^ Vergl. an Fr. v. Stein. 8. März 1781. 



222 Abhandlungen. 



Aber fast die ganze französische Lektüre, wie sie Goethe 
(soweit wir sie verfolgen können) damals theils allein, 
theils mit seinen Freunden trieb, ist durch diese Literatur- 
berichte vom Auslande her geleitet worden. Foljgende Zu- 
sammenstellung wird wohl beweisend sein: Grimm zeigt 
an im April 1779 les ipoques de la nature par Buffon, daher 
bei Goethe erwähnt im Briefe an Frau von Stein 13. April 
1780; Grimm Corr. litt. Februar 1781 : Compte rendu au 
roi par Necker, daher bei Goethe an Fr. v. Stein März 
1781; Grimm Corr. litt. Juni und Okt. 1781: Mercier, 
tableau de Paris; bei Goethe an Fr. v. Stein 19. Sept. 1781; 
und früher Grimm Corr. litt. Mai 1777 lettre de l'abb6 
Galiani ä madame d'Epinay, mit der Bemerkung: lettre 
qui nous a ^t^ confie sous le sceau du secret; daher bei 
Goethe im Tagebuch 5. Dez. 1778: Abends zu O. Gag- 
liani ' gelesen. Das Sachverhältniss ist also fast immer 
dasselbe: bald nachdem in der Korrespondenz diese Werke 
besprochen, werden sie von Goethe, sei es einige Monate, 
sei es auch ein Jahr später, irgendwo als Lektüre erwähnt, 
und da unter ihnen manche nicht allgemein bekannte 
Werke waren, sondern, möchte man sagen, Spezifika, wie 
z. B. Galianis Brief, so ist der Schluss erlaubt, dass eben 
die Anzeige bei Grimm den Dichter veranlasste, solche zu 
lesen. Folgende Werke seien noch hinzugefügt, wenn schon 
hier die Beeinflussung durch die Korrespondenz ange- 
zweifelt werden kann. Grimm zeigt im Januar 1781 an: 
Ramond, Übersetzung von William Coxe .... sur l'^tat 

politique de la Suisse; daher an Frau v. Stein Ende 

April 1^82: Schicke mir Coxens Reisen nach der Schweiz 
(über die deutsche Übersetzung vergl. Fielitz, Anmerkg. 11 2. 
S. 548.). Grimm im Dezember 1783 zeigt an: Vari^t^s 

morales et amüsantes par Tabb^ Blanchet, daher liest 

Goethe desselben Verfassers »Orientalische Erzählungen« 
(yergl. a. Fr. v. Stein 8. Sept. 1785, vergl. auch Grimm, 
Febr. 1785). — Nur das Nouveau th^atre allemand par 
Friede!, in dessen L Band Clavijo, in dessen IL Stella stand, 
hat Goethe schon im März 1782 gekannt — wohl aus 
persönlichen Gründen und Rücksichten hat man es ihm 
sehr früh von irgend woher zugehen lassen — (vergl. a. 
Fr. V. Stein 2. März 1782) — , während es bei Grimm erst 



* Über die italianisirende Schreibart wird sich ein Leser des 
Goethischen Tagebuchs nicht wundern ; Galiani hat Goethe, wie Diderot, 
später noch sehr geschätzt, vergl. unten Brief an Knebel 17. Okt. 
18 12. Galianis Vitruv-Ausgabe (Neapel 1758) benutzte er in Italien. 
Sehr. d. G. G. II, 352. — Über die andern 3 Werke vergl. auch Caumont. 
Goethe et la litt^rature fran^aise. Prog. Frankfurt a. M. 1885. S. 16. — 



Goethes Festspiel: des Epimenidls Erwachen. 223 

im September 1782, gerade nicht lobend, besprochen wird. 
Des Abb^ Raynal bekanntes, oft von den Weimaranern 

erwähntes Werk : histoire philosophique dans les 

deux Indes muss der Vollständigkeit wegen hinzugefügt 
werden. Raynal,' der Begründer jener Korrespondenz, war 
selbst Ende April 1782 m Weimar und machte Goethes 
Bekanntschaft; von ihm und seinem Werke ist in der Corr. 
oft die Rede, so von einer nouvelle Edition April 1781, 
daher wohl auch im Tagebuch 3. Mai 1782: Histoire 
philos.... dans les Indes; vergl. u. A. a. Knebel 5. Mai 
1782. - 

Was von französischen Büchern, die in jener Zeit ge- 
lesen wurden, übrig bleibt, ist wenig und derartig, dass es 
sich leicht erklärt, warum bei Grimm ihrer nicht erwähnt 
wird ; es sind entweder früher, sehr viel früher erschienene 
Werke, wie Duclos, confessions (1741), kleine Romane 
von Voltaire, dessen Pucelle oder rein-fachwissenschaft- 
liche Abhandlungen, wie der Trait^ d'anatomie et de 
Physiologie par Vicq-d'Azyr (vergl. a. Fr. v. Stein. 12. Mai 
1706), welchen er vom Prinzen August von Gotha durch 
Herders Vermittlung erhielt, der Prinz hatte im Journal 
de Paris No. 107. 17. April 1786 etwas daraus gelesen.* — 
Solches konnte, da es der schön-wissenschaftlichen Lite- 
ratur zu fern stand, in der Corr. keinen Platz finden; 
später freilich, im Dezember 1788, lesen wir eine ausführ- 
liche Schilderung von Vicq-d'Azyrs Aufnahme in die Aca- 
d^mie francaise. 

Es ist deutlich, einflussreich auf des Dichters Studien ist 
Grimms Corr. gewesen; bei den spärlichen Spuren, die 
ein Zufall in Briefen und Tagebüchern jener Zeit uns von 
französischen Büchern erhalten hat, konnte ein grosser 
Theil auf Grimm zurückgeführt werden, und der ochluss 
ist erlaubt, dass noch viele andre kritisirten Werke und 
Werkchen, Briefe, Gedichte aus der Corr. litten durch 
Goethes Hände gegangen sind. ^ Einzelheiten, wie oben. 



' Über sein Wesen und eigenthümliches Benehmen auf der Bib- 
liothek zu Gotha vergl. H. A. O. Reichard, Selbstbiographie, her. v. 
Uhde. S. 314. 

* Vergl. Goethe- Jahrb. III. S. 3 3 ff. 

3 Nicht unerwähnt darf bleiben, wie Grimm zu wiederholten 
Malen seit Jan. 1775 auf Glucks Oper Iphigenie zu sprechen kommt, 
bis er dann — endlich im Mai 1779, kurz nach Vollendung der 
Goethischen — ausführlich berichtet über Iphigenie en Tauride, paroles 
de Guillard, musique de Gluck. Auch auf Guymond de Latouches 
Drama kommt er zu sprechen (z. B. Corr. litt. Mai 1779) als Grundlage 
für die Guillardschen Textworte (vergl. Vierteljahrschrift für Litteratur- 
geschichte 1890 IV. i. S. 82/83) und mgt bei der Kritik einer Iphigenie 



224 Abhandlungen. 



r 



lassen sich, so scheint es, für die kurze Zeit 1786 oder 
vielmehr v. Juni 1788 — da natürlich Goethe in Italien die 
Berichte nicht las — bis zur Revolution nicht nachweisen. 
Die Berichterstattung selbst hat gewiss auch manche 
Verzögerung und Verspätung erfahren, dennoch suchte 
Meister, welcher Ja seit 1773 immer mehr der eigent- 
liche Leiter des Ganzen wurd<e, so gut und so schlecht 
es ging, seine Kundschaft auf dem Laufenden zu er- 
halten; und in der That müssen auch nach Gotha, nach 
Berlin und andern Städten noch Sendungen erfolgt sein. 
Enthält doch auch die erste Ausgabe der Korrespondenz, 
welche 1812/13 zu Paris erschien und gemacht wurde 
auf Grund einer in Berlin 1806 gefundenen Kopie des 
Manuskripts, noch Mittheilungen ois in das Jahr 1790 
hinein. 

Und nun endlich, nach diesem weiten Umwege, der 
jedoch nöthig schien, um die Bedeutung der Corr. litt, im 
Allgemeinen zu zeigen, kommen wir wieder zu Epimenides. 
Denn in der Grimmschen Korrespondenz lesen wir auch 
eine ausführliche Besprechung der Posse von Flins, R^veil 
d'Epimenide ä Paris, com^die en un acte — man vergl. 
die erste Ausgabe v. Jahre 181 3. III, 5. S. 338fr.; in der 
neueren Ausgabe v. M. Tourneux fParis 1881. Garnier 
frtres.) Bd. 15. S. 577—579, beidemal unter d. 15. Januar 
1790. Diese Kritik konnte Goethe noch kennen lernen, 



en Tauride par Dubreil, welche ebenfalls auf Latouche beruhe, die 
Worte hinzu: ce fonds (Latouche nämlich) ^tant dejd si connu, nous 
nous croyons fort dispens^ de la rappeler ici (Corr. litt. Janv. 1781). 
Dass er sich dessen überhoben fünlt, hat seinen Grund darin, dass 
in Corr. litt^r. 1757 August Latouches Werk ausführHch besprochen 
wird, indem mitgetheilt werden: Observations de Diderot sur l'Iphi- 
g^nie en Tauride de M. Guymont de Latouche. — Diese ganze Stelle 
ist wichtig, weil daselbst eine französische Übersetzung gegeben wird 
der bekannten Worte des Aristoteles über die W^iedererkennung (Aris- 
toteles cap. 15; cf. Goethe-Jahrb. X. S. 241) unter Erwähnung der 
Tragödie des Polyides, und Racines Plan einer taurischen Iphigenie ge- 
nannt wird. — \on Thoas sagt Diderot: Thoas est en g^neral un 
froid personnage; il fallait y substituer le peuple et avoir le courage 
de faire paraitre sur la scfene ce peuple, Teffet aurait et^ bien autre. 
Sollte Scniller, als er an Goethe schrieb unter dem 22. Januar 1802, 
dass Thoas und seine Taurier zu wenig sich rührten, und so eben- 
falls die Einführung der Taurier, des Volkes, in das Goethische Stück 
verlangte, wie jener es bei Latouche vermisste, von Diderots Aus- 
stellung Kenntniss genommen haben? Höchst wahrscheinlich ist die 
Grimmsche Korrespondenz der Weg gewesen, auf welchem Goethe 
zu den französischen Iphigeniendichtern im Allgemeinen geführt wurde. 
Düntzer freilich (cf. Einleitung zur Iphigenie. Erl. zu den deutschen 
Klassikern. Bd. 14, 5. Aufl. 1888. S. 11/12) leugnet, dass Goethe 
überhaupt von Latouche etwas gewusst. 



Goethes Festspiel: des Epimenides Erwachen. 225 

ehe er im März desselben Jahres nach Venedig abreiste. 
Indessen diese Kenntnissnahme im Jahre 1790, wird man 
einwenden, liegt zu weit ab vom Entstehungsjahre. 1814, des 
Epimenides. Aber ein anderer, zufälliger Umstand begegnet 
diesem Zweifel. Gerade in den Jahren 1812/13 konnte er 
durch die Corr. litter. wieder zur Epimenidessage gelangen; 
denn im Oktober 1812, vom 10. bis zum 26. beschäftigten 
ihn fortgesetzt diese Literaturberichte, wie ein Blick in 
sein Tagebuch beweist ; zu welchem Zwecke dies geschah, 
ist bekannt, vergl. Brief an Knebel 17. Okt. 1812: Hier 
interessirt uns hauptsächlich die handschriftlich bekannte 
Korrespondenz des Herrn Baron von Grimm. Es bleibt 
immer ein höchst bedeutendes Werk, ein reiches Dokument 
einer einzigen Zeit etc.; er zog daraus alle tadelnden 
Worte aus, um ein dictionnaire detractif zu bilden, ein 
Gegenstück zu »Pougens, dictionnaire des n^gations«;' 
soviel davon ausgeführt wurde, kam später zum Abdruck 
in »Kunst u. Alterthum« I. Bdes 3. Heft 1817, vergl. jetzt 
»Rezensionen und Aufsätze zur auswärtigen Litteratur.« 
(Hempel. Bd. 28.) Da der Dichter in jenen Oktobertagen 
an die Durchdenlcung und allmähliche Ausarbeitung des 
II. und 12. Buches seiner Biographie ging, worin bekannt- 
lich Bedeutung und Einfluss der Franzosen, u. a. Voltaire, 
Rousseau, Diderot auf ihn und seine Zeitgenossen in Strass- 
burg geschildert wird, so musste ihm die Grimmsche 
Korrespondenz hier als Quelle dienen , wie ihn überhaupt 
in diesen Tagen jene Männer beschäftigten, lesen wir doch 
u. 25. Okt. 1812 im Tagebuch: Systeme de la nature. 
Und als er noch bei dieser Thätigkeit war, erschien jene 
erste gedruckte Ausgabe der Corr. litt., die in der literari- 
schen Welt damals Aufsehen genug erregte und die der 
Dichter auch benutzte,* so dass also des Dichters eigene 
Produktion 1812/13 von ihr nicht zu trennen ist. 



* Titel: Pougens. Vocabulaire des nouveaux privatifs frangais, 
imite des langues latine, italienne, portugaise, allemande et anglaise .... 
Paris 1794. 

* Am 10. Oktober steht zum ersten Mal im Tagebuch: Grimms 
Litterar-Correspondenz, und erst am 12. entlieh er der Bibliothek Grimm 
et Diderot, Corr. litt^raire. 5 Voll. (cf. Weim. Ausgabe III, 4. S. 424/25 
krit. Apparat); est ist klar, dass er nicht schon 10. Okt. ein Buch 
gelesen haben kann, das er erst am 12. entlieh. Die Bemerkung am 
10. im Tagebuch und die Ausleihenotiz vom 12. müssen sich also auf 
verschiedene Sachen beziehen. Die Erklärung ist wohl so am einfachsten : 
Am 10. Oktober benutzte Goethe die handschriftlich überlieferte Corre- 
spondenz in 4 voll., die er von irgendwoher aus Herders Nachlass 
sich verschaffte, und einige Tage später, am 12., Hess er sich aus der 
Bibliothek die damals schon erschienene gedruckte Correspondenz 

Goi:the-Jahrbuch XIV. I 5 



226 Abhandlungen. 



So scheint es einigermassen erklärlich, warum im Mai 
1814 nach einer Absage an Iffland, doch kurz hinterher 
der alte Epimenides vor des Dichters Geist wieder auf- 
stieg, zu einem Festspiele, die französische Revolution ab- 
schliessend, ihn leicht verlockend. Dergleichen Hterarische 
Einwirkungen des Vorgängers auf den Nachfolger pflegen 
ja für den letzteren meist unbewusst vor sich zu gehen;* 
wenn er sich nicht immer erinnern wird, ob er seine Vor- 
bilder jemals gelesen, so wurkt doch gerade bei einem 
Dichter im Momente des Schaffens vermöge seiner ihn 
auszeichnenden lebhaften Reproduktionskrait die Summe 
aller jemals aufgenommenen Vorstellungen und Eindrücke. 
Dennoch möchte man bei dem Epimenides-Festspiel leicht 
geneigt sein, eine gewisse Absichtlichkeit in der Wahl des 
Stoffes anzunehmen. Hatte es nicht einen gewissen Reiz 
für Goethe, im Gegensatz zu einem den grossen geschicht- 
lichen Begebenheiten der französischen Revolution wenig 
würdigen Possenspiel ein ernstes Drama zu schaffen, 
welches, durchdrungen von der tief-sittHchen deutschen 
Geschichtsauffassung den Weltereignissen in Sprache und 
Vers, in Worten und Sentenzen vollkommen gerecht wurde? 
Durfte der Dichter nicht, wenn auch nicht bei jedermann 
in Berlin, so doch fast bei allen Zuschauern in Weimar, 
wo sein Stück später auch gegeben wurde, bei dem Hofe 
und den Hofkreisen Bekanntschaft mit Flins' Komödie vor- 
ausssetzen? Waren doch viele unter ihnen, die, früher Leser 
der Grimmschen Korrespondenz, gewiss auch 1812/13 mit 
dem Dichter erneutes Interesse ihr entgegenbrachten. — 

Suchen wir uns endHch einmal in einem Überblicke 
zu vergegenwärtigen, was aus der Betrachtung dieser Dramen 

nachkommen; damals waren eben 5 voll, erschienen. Diese beiden 
Daten machen es zur Sicherheit, dass der Dichter auch das gedruckte 
Werk benutzte. — Der Vollständigkeit wegen muss erwähnt werden, 
dass auch im Plutarch — dessen moralische Schriften liest Goethe im 
Sommer 181 1 (2. Aug.) — und zwar im »Gastmahl der 7 Weisen« 
Epimenides vorkommt, ohne dass aber seines Schlafes gedacht wird. 
Dagegen wird bei Lucian im Timon Gap. 6 seines Schlafes kurz ge- 
dacht, aus Wielands Übersetzung war ihm dieser wohl bekannt. Auf 
Plutarch beruht das bekannte, Juni 1814 verfasste Gedicht: »die Weisen 
und die Leute.« Indessen die Namen: Epimenides, Anaxagoras u. s. w. 
hat Riemer selbstthätig hinzugefügt; vergl. v. Loepers Anmerkung. 

' Recht bezeichnend für die Art solcher litt. Reminiscenzen 
scheint mir eine Stelle im Gespräch mit Luden zu sein (v. Biedermann, 
Goethes Gespräche, Bd. 2, S. 156): »Etwa wie ein Mann, der von 

einem Felsen hinab in das tobende Meer schauet aber auch 

von der Brandung nicht erreicht werden kann, und nach irgend einem 
Alten soll das sogar ein behagliches Gefühl sein — »nach Lukrez!« 
rief Knebel hinein. — Erst Knebels Zwischenruf also machte den Dichter 
auf die literarische Quelle (Lucr. de nat. rer. II, i ff.) aufmerksam. 



Goethes Festspiel: des Epimenides Erwachen*. 227 

insgesammt sich für das Goethische Stück ergiebt. Da ist es 
•<leutHch, dass,, die Existenzfähigkeit aller dieser Dramen 
-auf der alten Überlieferung bei Diog. Laert. I, 10, 9 beruht, 
wie der Weise, vom Schlaf erwacht, in die Stadt kommt, 
sich über den Anblick fremder Menschen wundert, erstaunt 
fragt und endlich erfährt, wer er sei und was mit ihm 

feschehen. Die aus dieser Situation sich mit Leichtigkeit 
ildende Komik und Verwicklung, Verwirrung und Ent- 
wirrung reizte offenbar die französischen Dicliter. Auch 
<ler Effekt des deutschen Festspiels im 20. Auftritt nahe 
.am Schluss (»Und welch Erwachen! Wunderbar genug!«) 
leitet sich in letzter Instanz aus jener antiken Tradition ab, 
welche den Gegensatz zwischen Einst und Jetzt giebt. ' 
Aber was bei seinen Vorgängern nur lustspielartige Motive 
üocht, vertiefte sich bei Goethe zu ernster Tragik und 
lässt den Weisen an sich, an Welt und Gott verzweifeln. 
Ferner ist es klar, dass dies Moment, das Erwachen und 
•das Staunen über das inzwischen Geschehene dasjenige ist, 
was auch von Goethe sofort ins Auge gefasst und im Geiste 
xonzipirt wurde ; es beherrschte ihn wohl anfangs die Idee, 
dass Epimenides nur erwachen und sich über die grosse, 
welterschütternde Veränderung erklärend und prophezeiend 
üussern sollte. Der Titel, der nur vom Erwachen spricht, 
deutet dies auch noch an ; er sollte eigentlich heissen : 
joSchlaf und Erwachen des Epimenides.^ In den französi- 
scl>en Dichtungen hat der Titel sein gutes Recht, im An- 
fang erwacht wirklich der Weise und die ganze Handlung 
spielt sich vor seinen Augen ab. Bei (joethe dagegen 
schläft er gleich ein und die Hauptsache verläuft während 
dieses Schlafes. Es ist doch auffallend, dass Titel und In- 
halt sich dort decken, hier gar nicht. Vielleicht ist auch 
hier die hterarische Tradition noch so stark fortwirkend 
gewesen, dass Le reveil d'fipimenide, natürlich verdeutscht, 
einfach stehen blieb. Endlich geht auf die Antike zuletzt 
auch noch die Verbindung des Epimenides mit geschicht- 
lichen Begebenheiten, insbesondere mit Staatsumwälzungen 
zurück; mit den letzteren steht der historische Epimenides 
als Entsühner des äfoq KuXiiveiov, mit den ersteren der lite- 
rarische Epimenides kurz vor den Perserkriegen im Zu- 
sammenhang; wer diesen Epimenides in die französische 
dramatische Literatur eingeführt, vermag ich nicht zu 

* Diog. Laert. I, 10, 2 xai |Li€TeaK€uaa|Li^va travTa Kara- 

XaßiJbv Kai irap* ^x^puj ri^iv KTfjaiv TrdXiv fJKe eic; äaxu öiairopoiiiLievoq. 
>xdK€i bä de, Ti]v davToö elaiübv olKiav irepi^xuxe toic; TTUveavou^voic; 
Ti €ir|. ^uuc; TÖv v€U)T€pov döeXqpöv eupibv töt€ \^br] Y^povxa Träaav I|aa6e 
-irap' ^KcCvou xi^v dX^Seiav. 

15* 



228 Abhandlungen. 



sagen. Urmittelbar aus der französischen Dramatik ist 
entnommen ein Theil des mythologischen Apparates bei 
Goethe, Götter und Orakel leiten auch hier aus unsicht- 
barem Hintergrunde das Ganze. Bei H^nault tritt, begleitet 
vom Volk, am Schluss der grand-pretre der Insel Kreta 
auf, in Goethes Theaterprogramm wird Epimenides als 
»Hohepriester« bezeichnet, im Stücke selbst erscheint er, 
von 2 Priestern umgeben. Bei Poisson ist die Höhle des 
Weisen sichtbar, II, i zeigt einer der Mitspielenden dieselbe: 
il montre la caverne; Epimenides' Ruheoett, natürlich im 
Rokokostil, war bei H^nault sichtbar auf der Scene, bei 
Goethe erscheint es auch, veredelt im klassischen Stil. Ob 
der für das Stück äusserst fruchtbare Gedanke, Glaube, 
Liebe, Hoffnung, jene erhabenen Frauengestälten , einzu- 
führen und von dem Dämon der Unterdrückung theils 
überwunden theils versucht werden zu lassen — ob dies 
in letzter Instanz zurückgeht auf die Liebesscenen der fran- 
zösischen Dramen, wo z. B. Gnaton. der Sohn eines usur- 
pateur, um die Enkelin desEpimeniaes sich vergeblich be- 
müht, ähnlich dem Usurpator, der bei Goethe die »Hoffnung« 
»verwirren und kirren will«, — mag dahingestellt sein. 
Noch andere Ähnlichkeiten treten hervor. Nach Flins hat 
Epimenides, so sagt Jemand von ihm im Stücke, schon erlebt 
die verschiedensten Zeiten und Völker, Griechen, Römer^ 
die grosse Zeit der französischen Könige mit ihren Helden 
und Staatsmännern; so wandeln auch vor dem schlafenden 
Weisen bei Goethe die mannigfaltigsten Nationen vorüber, 
dargestellt durch Kostüme des »Armeezuges« , welcher 
den Dämon der Unterdrückung als römischen Imperator 
(Theaterprogramm S. 38) umgibt. Aber auch Figuren 
neuerer Zeiten fehlen bekanntlicn nicht, die Dämonen der 
List und Zwietracht erscheinen als Hof- und Staatsmänner 
der grossen Könige Frankreichs, im Gewände eines Mazarin 
und Richelieu. Endlich hat der scenische Ausgang der 
Dramen Ähnliches : bei Flins singt zum Schluss ein Jeder 
ein Couplet, Goethe schreibt im Theaterprogramm : »Viel- 
leicht erzeigt man den Sängern auch die Artigkeit, dass 
man jeden (seil, am Schluss, von dem die Rede) ein Couplet 
singen und das Chor einfallen lässt.« Bei H^nault vereinigt 
sich alles zum Tanz, bei Flins lesen wir: le ballet com- 
mence, bei Goethe: es geschieht der Übergang zum Ballet. 
So ist auch das deutsche Stück eine merkwürdige Verei- 
nigung geworden von ernstem Drama, Oper und Ballet; 
wie bei den Franzosen, H^nault und Flins, sehen wir eine 
Mannigfaltigkeit von Rythmen und Metren, von Gesang 
und gesprochenen Worten. 



Goethes Festspiel: des Epimenides Erwachen. 229 

Das wäre aber auch Alles, was auf die Vorgänger hin- 
deutet. Welche gänzliche Umwandlung dieser dramatische 
Stoff bei Goethe durch die Antike erfahren, braucht kaum er- 
wähnt zu werden. Epimenides selbst, früher in modern-fran- 
zösischem Kostüm, auf einem Ruhebett ä la duchesse lagernd, 
umgeben von Nippsachen aus sächsischem Porzellan, wie 
es Renault ausdrücklich vorschreibt, ist eine echte antike 
ßühnenfigur geworden, deren Sentenzen und Worte äschylei- 
schen Tonfall haben, und die selbst ihre Schicksale in der 
später eingeschobenen Stelle nach der antiken Quelle (Diog. 
V. Laerte I, 10,2)* schildert. Wie Goethes Sprache theils 
homerisch theils tragisch ist, soll nicht im Einzelnen wieder- 
holt werden ; nur auf die »ehernen Flügelthüren,« die der 
Dichter in der »Helena« noch verwandte,* mag aufmerksam 
gemacht werden. Der stärkste tragische Anklang ist wohl 
in der Schlussscene enthalten, sie ist weiter nichts als eine 
Wiederholung der letzten Scene aus des Euripides »Alkestis« ; 
verschleiert wird hier die der Unterwelt entrissene Gemahlin 
des Admet von Herakles hereingeführt; bei Goethe wird 
ebenfalls »eine bisher verborgen gebliebene Verschleierte 
hervorgeführt und ihr der Schleier zurückgeschlagen«, es 
ist die Einigkeit. Neben antiker Dichtkunst diente aber 
auch antike Plastik dem Dichter dazu, seine Gestalten zu 
beleben. Epimenides erblickt, in seinem Schmerz unter den 
Ruinen sucnend, ein antikes Basrelief, welches er beschreibt : 

»Der Vater ruht auf seinem breiten Polster, 
Die Frau im Sessel, Kinder stehn umher 
Von jedem Alter, Knaben tragen zu. 
Das Pferd sogar, es wiehert an der Pforte, 
Die Tafel ist besetzt, man schwelgt und ruht.« 

Die Deutung freilich ist eine willkürliche, dennoch ist 
es keinem Zweifel unterlegen, dass, wie v. Loeper schon 
richtig bemerkt, hier dem Dichter Bildwerke auf antiken 
Sarkophagen vorschwebten, die ihn auf der italienischen 
Reise ^ interessirten, damals aber durch Zoegas 181 1 er- 
folgte Publikation auch allgemeiner bekannt wurden. Auch 
Schlaf und Tod auf der Pforte zur Epimenideshöhle waren 
nach antiken Basreliefs zu schauen, ferner sollte nach dem 
Theaterprogramm S. 52 das Kostüm des Kriegsgottes dem 



' OÖTOc; iroT^ ireiLiqpOclc; .... clc; dtpöv ^irl irpößaTOv .... uir' 
dvTpiu Tivl KaT€K0i|uri9ii ^TTTÄKttl TTevTriKOVTa äTr\. biavaarcic; bk juexa 
Taöra ^Er|T€i tö irpößaxov . . . 

2 Helena: »der ehrnen Pforte Flügel ihr!« 

3 Ital. Reise. Verona d. 10. Sept. 1786, in älterer, ursprünglicher 
Fassung Sehr. d. G.-G. II, S. 75. 



2^0 Abhandlukgev. 



sogenannten Mars oder Agamemnon im kapitolinischen 
Museum nachgebildet werden, und zur Ausschmückung des- 
barbarischen Heeres sollten nach derselben Anordnung »die 
wunderlichen Kostüms« benutzt werden, die man auf etni- 
rischen Monumenten findet. 

Vor und neben solchen antiken Figuren w^andeln dan» 
Personen im modernen Kostüm über die Bühne, Hofleute 
und Pfaffen, Mazarin und RicheHeu, Ninon de rEnclos^ 
die Maintenon, die Gräfin Walldorf und Terzky: möglich^ 
dass dies der letzte lose Zusammenhang mit den franzö- 
sischen Dramen bew^irkt hat; jedenfalls wird man keine» 
Anstoss daran nehmen, w^enn man bedenkt, dass während 
des Auftretens dieser modernsten Figuren Epimenides, der 
Vertreter des Alterthums, in Schlaf versenkt ist. — So ist 
denn in der That der Charakter des Festspieles trotz dieser 
modernen Züge, trotz der französischen Vorbilder ei» 
antiker geworden; auch die Anklänge an die zeitgenös- 
sischen Dichter ändern daran nichts, denn auch Schiller 
und selbst die Romantiker verleugnen ihre Wirkung aut 
den Dichter nicht, v. Loeper hat zahlreiche Parallelen \n 
seinen Anmerkungen beigebracht; mehr als Wortanklänge 
beweist es mitunter der Kräftige, frische kriegerische Ton^ 
den der Dichter anschlägt. 

»Pfeiler, Säulen kann man brechen, 
Aber nicht ein freies Herz: 
Denn es lebt ein ewig Leben, 
Es ist selbst der ganze Mann, 

hätte ein romantischer Freiheitsdichter nicht besser singe» 
können, ebensowenig wie den »Vorwärts-Chor« und die 
alle hinreissenden Schlussstrophen, welche wir später nocb 
berücksichtigen werden. — Indessen, so antik das Fest- 
spiel nun auch ist, man würde doch fehlgehen, falls ma» 
seine antike Eigenart von derjenigen früherer, antikisirendeiv 
Dramen, w'ie z. B. der Iphigenie nicht unterschiede. Jeder 
empfindet wohl, die antike Dichtung von iSizj. ist eine 
andere als die vom Jahre 1786, bez. 1779; die letztere 
könnte man antik-klassisch, die erstere, spätere vom Jahre 
1814 antik-romantisch nennen. Und in der That, bezeich- 
nend genug für Goethe, mehr als die romantische Dichter- 
schule * hat jene Richtung der klassischen Alterthums- 
Wissenschaft bestimmend auf ihn gewirkt, die von Creuzers^ 
1810— 1812 erschienener »Symbolik und Mythologie der 
alten Völker, besonders der Griechen« * ausging und mir 



* Vergl. Goethe- Jahrb. X. J. Minor, Classiker und Romantiker. 

* Später fand persönliche Berührung zwischen Goethe und Hof- 
rath Creuzer in Heidelberg, September 181 5 statt; dass das Gedicht 



Goethes Festspiel: des Epimenides Erwachen. 231 

Recht die romantische genannt wird; sie ist mit Dramen 
Goethes aus jener Zeit durch ein gewisses geistiges Band 
verbunden. Schon in der »Pandora« sind die antiken Figuren 
mehr Symbole; wenn auch nicht ohne dramatisches Leben, 
stellen sie doch mehr Ideen dar als Charaktere, wie Prome- 
theus, Epimetheus, Elpore etc., gerade so wie Epimenides 
als der Sinnende, Deutende im Stücke bezeichnet wird, 
wie Glaube, Liebe, Hoffnung, der Jugendfürst symbolisch 
zu nehmen sind. Und wenn nach dem Verfasser der Sym- 
bohk hinter und über den Mythen eine Priesterkaste stand, 
welche die symbolische Auffassung festsetzend und rein 
bewahrend, eme Art von theokratischer Herrschaft ausübte, 
so werden auch Personen und Handlungen in des Dichters 
Dramen an unsichtbaren Fäden unmerklich geleitet. In 
der Pandora sollte sich am Schluss dies geheimnissvolle 
Reich offenbaren, im Epimenides bleibt es verborgen. 
Dennoch befinden sich im Hintergrund solche mysteriösen 
Kräfte, von denen aus das Ganze durch Orakel und Genien 
sich vorwärts bewegt, in den letzten Gründen verschleiert 
und undurchdringlich, wie Goethe selbst sein Stück ein 
»mysteriöses« nennt. 

Antik' romantisches Gepräge haben also beide, Pandora 
und Epimenides, bekanntlich beide auch darin verbunden, 
dass der Kriegerchor des letzteren Stückes dem ersteren 
entnommen ist. Auch sonst hat Goethe vielfach bei sich 
selbst Anleihen gemacht, worauf die Ausleger schon auf- 
merksam geworden, manchmal scheint er auch seine späteren 
poetischen Gedanken anticipirt zu haben. Am meisten 
springt wohl in die Augen, was der Dämon der Unter- 
drückung sagt (12. Auftritt): 

Nun aber sollen schöne Frauen 

Mit Taubenblick mir in die Augen schauen etc. 

und seine Übereinstimmung mit Faust II Akt IV, wo 
Mephisto Faust, den Weltbeherrscher, zu sultanischen Ge- 
lüsten überreden will, die Situation ist genau dieselbe. 

Haben wir versucht, auf diese Weise den literar- 
geschichtlichen Charakter des Festspiels zu bestimmen, so 
reiht sich nun dasselbe der Folge Goethischer Dramen — 
Prometheus — Iphigenie — Pandora besser ein; auch hier 
existiren ja überall französische Vorbilder, z. B. Lesage, la 



jGingo biloba* im Divan seine Entstehung einem Gespräch über die 
Symbolik verdankt, ist bekannt; vergl. Creizenach, Briefw. zwischen 
M. V. Willemer und Goethe und Anmerkung v. Loepers. — Spätere 
Urtheile Goethes über die Symbolik z. B. an Knebel 9. Okt. 181 7. — 
Über Creuzers System yergl. jetzt O. Gruppe, Die griech. Culte und 
Mythen, S. 34 fF. 



232 Abhandlungen. 



boete dePandore, Voltaires Oper Pandore, um die franzö- 
sischen Iphigeniendichter nicht zu nennen; auch hier hat 
eine äusseriiche Anknüpfung an die Franzosen, deren Art 
und Weise Wieland z. B. in seiner »Pandora« nachahmte, statt- 
gefunden; stammt doch der Name »Mira« im Goethischen 
Prometheus bekanntlich aus dem Stücke von Lesage , was 
Einzelheiten aus Goethes »Iphigenie« in ihrer Überein- 
stimmung mit französischen Dramen anbelangt, soll hier 
nicht wieder erörtert werden.' Das ganze Wesen dieser 
Dramen ist nun gerade wie bei dem Epimenides durch die 
Antike gänzlich umgewandelt. Aus den leichten, possen- 
haften Stücken der Franzosen ist ein würdevolles Drama 
geworden, das im Vollklange seines tragischen Pathos auf 
äschyleischem Kothurn daherschreitet. 

Vergegenwärtigt man sich ferner noch einmal alle 
diese literarhistorischen Spuren, so wird man erst recht 
inne, was in jenen Junitagen des Jahres 1814 von dem 
Dichter geleistet wurde. Plötzlich und unerwartet kam 
von Berlin aus die Aufforderung, das Festspiel zu dichten, 
und welch' eine Fülle von Vorstellungen, unbewussten 
Reminiscenzen, Gedanken und Ideen stand ihm da sofort 
zu Gebote. Von den griechischen Dichtern an geht die 
Reihe über die Franzosen zu Schiller und den Romantikern, 
die bildnerische Kunst musste ihm zu Hülfe kommen. Ge- 
stalten aus den verschiedensten Epochen der Geschichte 
traten sofort vor seine Seele, Einzelheiten aus der napoleo- 
nischen Zeit, die er eben durchlebt, wurden in ihm lebendig 
— kurz, was er selbst einmal als Forderung an einen 
Dichter hingestellt: 

Gebt ihr euch einmal für Poeten, 
So kommandirt die Poesie — 

das zu erfüllen, gelang ihm nun selbst im höchsten Masse; 
wie er kommandirte, gehorchten ihm die Kinder seiner 
Phantasie sogleich. 

Freilich für einen Dichter wie Goethe können solche 
literargeschichtlichen Momente kaum Nebengründe sein, 
um zu dichten. Dem Rufe aus Berlin hätte er gewiss 
nicht nachgegeben, hätte es ihn nicht selbst von innen 
heraus getrieben, seine Gefühle und Gedanken über jene 
geschichtlichen Ereignisse in poetische Form zu kleiden. 
Alle Goethischen Poesieen sind ja Bekenntnisse, und auch 
das Festspiel ist weiter nichts als eine Goethische Kon- 
fession im grossartigsten Stile. Epimenides ist, so sehr 



' Vergl. Viertel] ahrschrift für Litteraturgeschichte. IV. Heft. i. 
1891. S. 80 ff. . 



Goethes Festspiel: des Epimenides Erwachen. 233 

man sich dagegen oft gesträubt, ' kein anderer als Goethe 
selbst; natürlich ist dies unter den Einschränkungen zu 
verstehen, die man machen muss, wenn man behauptet, 
eine Figur aus der Wirklichkeit hätte für eine dichterische 
Modell gesessen. 

Bekanntschaft mit der Epimenidessage darf man frühe 
bei dem Dichter voraussetzen. Geschichte der Philosophie 
lernte er aus dem kleinen Brucker^ der in Frage- und 
Antwortform geschrieben war. Hier lautet Frage XIII: 
»Was ist von Epimenide zu mercken?« Antwort: »Er war 
aus der Insul Kreta gebürtig und soll in seiner Jugend we- 
nigstens 40 Jahre in einer Höhle geschlafen haben, als er 
sicn verirrt hatte . . . .« Und wie er später andere antike 
Fabeln, z. B. die vom Orest' auf seine eigenen geistigen 
Zustände anwandte, so hat er sich auch dem kretiscnen 
Weisen gleichgesetzt, zuerst wohl nach seiner Rückkehr aus 
Italien, Br. an Knebel 25. Okt. 1788^: »Ich bin hier fast 
^anz allein. Jedermann findet seine Convenienz sich zu 
isoHren, und mir geht es nun gar wie dem Epimenides 
nach seinem Erwachen.« In Einsamkeit, in Isolirtheit ver- 
brachte der Dichter die Zeit nach der Jenaer Schlacht; er 
schreibt an Reinhard 31. Dez. 1809: »Verzeihen Sie, wenn 
ich aus meiner Höhle, in der ich von nichts anderm weiss, 
als von dem, worüber ich gerade jetzt brüte, Ihnen von 
solchen Dingen schreibe«; auch hier ist wohl die Epime- 
nideshöhle gemeint. Und gerade in den Jahren 181 3/14 
hat sich der Dichter häufig mit einem Schlafenden, Träu- 
menden, Erwachenden verglichen. Das Motiv der zahmen 
Xenie (L, 9) : Die Sonne war eben im Aufgehn, Als ich zu 
neuemTag erwachtV aber auch der »Gute Nacht« überschrie- 
bene Schluss des Divan bekunden dies; der Dichter wünscht 
auch hier, dass Gabriel ihn, den »Ermüdeten« in eine 
Wolke hülle und so im Schlafe behüten möge. Diesen 
Zeilen voraus geht im Divan das Gedicht von den »Sieben- 



' Vergl. Düntzer, Neue Goethe-Studien S. 339 u. 351, anders 
V. Loeper in der Einleitung; Schröer s. unten. 

^ Jacob Brücken Auszug .... aus der philosophischen Historie. 
Ulm 1736. — Köstlich ist hier die rationalistische Erklärung der Epi- 
menidesfigur: »Er ist aber allem Ansehen nach ein Betrüger und Land- 
streicher gewesen, der sich doch so berühmt gemacht, dass man ihn 
nach seinem Tode als einen Gott verehrt hat.« 
^ _ 3 Schröer, Einleitung zu Goethes Iphigenie. 

* Erich Schmidt hat mich auf diese Stelle aufmerksam gemacht. 

5 Vergl. Vorspruch zum Buch Suleika. »Ich gedachte in der Nacht, 
dass ich den Mond sähe im Schlaf; als ich aber erwachte, ging unver- 
muthet die Sonne auf« ; auch dies gehört dem Sommer 18 14 an, dem 
August, kurze Zeit nach der Abfassung des Festspiels. 



234 Abhandlungen. 



schläfern«, einer dem Epimenidesschlafe verwandten Sage, 
das bald nach dem Festspiel, Dez. 1814, gedichtet ist. 
Wenn im Divan der »Ermüdete«, Schlafende, wieder Er- 
wachende der Dichter selbst ist, so wird er kurz vorher 
zum Festspiel, dessen Konzeptionszeit dem Divan sehr nahe 
liegt, zum schlafenden Epimenides gegriffen haben, weil 
dieser seiner eigenen Stimmung zusagte. Nun aber fragt 
es sich, wie dies zu verstehen und ob" das, was Epimenides 
im Stücke sagt, auch der Dichter selbst gesagt haoen kann. 
Und hier, meinen wir, wird es sich zeigen, dass des Epi- 
menides Verhalten' Hoffnungen und Klagen durchaus der 
eigenthümlichen Stellung des Dichters den geschichtlichen 
Ereignissen 1812/13 gegenüber entsprechen. 

Goethe war wie alle Geister des humanistischen Zeit- 
alters poUtischem Treiben äusserst abhold. OhneTheilnahme 
sah er dem Zusammenbruch des Reiches 1803 zu und gern 
hatte er sich wie die Meisten in die Sicherheit der schon 
durch den Baseler Frieden 1795 für Norddeutschland ge- 
gebenen Neutralität eingewiegt, als die Schlacht bei Jena 
und ihre Folgen, welche die letzte Selbständigkeit Deutsch- 
lands vernichteten, ihn mit vielen andern aus dieser Ruhe 
aufschreckten. Er zeigte diesen Schlägen gegenüber gewiss 
keine gleichgiltige oder sorglose Haltung; aber er dachte zu- 
nächst gar nicht an die Wiederherstellung äusserer deutscher 
Macht, worauf viele ihr Augenwerk sofort richteten. Eine 
Sorge hatte er, die nämlich um Erhaltung deutscher Kultur, 
er fürchtete nach den Unglückstagen in erster Linie, dass 
auch die deutsche Bildung und Poesie untergehen könne, 
und ganz im Sinne dieses humanistischen Zeitalters, welches 
das Äussere neben dem Innern, Geistigen allzugering 
schätzte, ist es, wenn Goethe bald nach der Jenaer Scnlacht 
und später zur Zeit des Erfurter Kongresses daran dachte, 
einen Verein zur Erhaltung deutscher Kultur mit Hilfe 
der ausgezeichnetsten Männer jener Epoche zu stände zu 
bringen. Diese Thatsache, Fachgenossen wohl geläufig, aber 
weiteren Kreisen des deutschen Publikums so gut wie un- 
bekannt, * ist durch einen zuerst im Goethe-Janrb. VI ab- 

* Nicht unerwähnt darf bleiben, wie zu Anfang des Jahrhunderts der 
Epimenidesschlaf gedeutet w^urde. C. F. Heinrich in dem S. 220 Anm. er- 
wähnten Buche S. 50 meint, dass Leute, die sich in ein einsames Leben 
zurückzögen, um sich dort Studien und Forschungen hinzugeben, in dem 
Volke die Anschauung erweckten, als ob sie ein schlafartiges Dasein 
führten. — Wie das auf Goethe passt, möge das Folgende zeigen. 

* Erst kürzlich durch L. Trost, das deutsche Nationalbuch. Vom 
Fels zum Meer. 1889/90. S. 64 ff., ist zum ersten Mal davon etwas ins 
Publikum gedrungen ; hier ist der in München befindliche Briefwechsel 
zwischen Goethe und Niethammer veröffentlicht. 



Goethes Festspiel: des Epimexides Er wachem. 235 

gedruckten Brief offenbar geworden. Was diese Ver- 
einigung vielleicht thun sollte, das zeigt eine Notiz in 
Goethes Annalen 1807, welche schon von L. Geiger mit 
dem Obigen mit Recnt in Verbindung gebracht ist. Der 
Dichter wollte ein »religiös-historisches Volksbuch« und 
eine Liedersammlung zur Erbauung und Ergetzung der 
Deutschen herausgeben. Prof. Nietnammer m München 
nämlich, w^elcher nach einem an die bayrische Regierung 
im Juni 1808 gerichteten Gutachten ein deutsches National- 
buch, einen »Homer der Deutschen,« auch für die höheren 
Schulen schaffen wollte, schlug als geeignete Männer zur 
Abfassung eines solchen Voss und Goethe vor. Man fragte 
jedoch zunächst bei dem letzteren an. In der Antwort er- 
klärt sich Goethe dazu bereit mit dem Hinzufügen, er hätte 
schon lange einen solchen Plan mit sich herumgetragen. 
Er legte einen längeren Aufsatz bei, nach demselben sollte 
z. B. der Anfang mit einer Ode an Gott, dann mit einer 
solchen an die Sonne gemacht werden, während zum Schluss 
Studenten-, Handwerkslieder stehen sollten. Bis 1809 ^^' 
streckt sich der Briefwechsel beider Männer, schon im 
April 1809 redet der Dichter von den äusseren und inneren 
Schwierigkeiten, die sich dieser Sache entgegenstellten; es 
sei sehr schwer, »die Übersicht der deutschen Poesie, deren 
früheste Anfänge jetzt wieder aufgeregt und ans Licht ge- 
bracht würden, durch ihre mittelbaren Zustände bis auf die 
neusten zusammenzufassen«. — ' 

Man sieht, der Dichter schwimmt im romantischen 
Strome, 1807 h^itte Görres sein Buch über die deutschen 
Volksbücher veröffentlicht,^ 1808 erschien die Gesammt- 
ausgabe von „des Knaben Wunderhorn«, die Goethe 31. Ok- 
tober und^ 13. Nov. 1808 las. Mit solchen Bestrebungen 
trifft es min schön zusammen, dass der Dichter in jener 
Zeit, fast zum ersten Mal kann man sagen, sich eingehender 
mit altdeutscher Sage und Dichtung beschäftigt hat. Auch 
hier geben jetzt die Tagebücher erwünschteren Aufschluss; 
seine Lektüre erstreckte sich nicht nur auf das Nibelungen- 
lied, das er meist mit den Damen las, auf die Hagensche 



* Vergleiche dazu die Goethischen Tagebücher unter dem 8., 9., 
II., 13. August und 13. September 1808. Goethe in den Annalen 1807 
(fälschlich statt 1808, vergl. Anmerkung von W. v. Biedermann), sagt, 
dass die gesammelten Papiere zurückgelegt seien. Erst wenn diese aus 
dem Goethe-Schiller-Archiv einmal ans Tageslicht kommen werden, 
wird man über das Verhältniss des »religiös-historischen Volksbuches« 
zu der »Liedersammlung« sicher urtheilen können. 

* Jetzt zum Theil neu herausgegeben von Max Koch. Kürschners 
Nationallitteratur Bd. 146. 



236 Abhandlungen. 



Liedersammlung, auf den Theuerdank u. a., sondern auch 
aufwärts ging er zurück bis auf Ulfilas, den Zahn damals 
herausgegeben, während er wieder bis auf Morhofs Polyhistor 
hinunterging, und zugleich von Arendt über die Edden', 
Runen und isländische Kultur Aufklärung erhielt. Dies 
Alles förderte jenen mehr kulturellen Patriotismus des 
Dichters, der ihn auch 1816 für die Gründung einer »Ge- 
sellschaft für deutsche Sprache«, dem Fundament der spä- 
teren Monumenta Germaniae, sich interessiren Hess (vergl. 
Goethe-Jahrb. IX, S. ^, 35 u. Anmerkg.), welcher ihn fcis 
zu den letzten Lebensjahren beseelte, als er 1829 bei der 
Nachricht von dem zu hoffenden Anschluss Preussens an 
den süddeutschen Zollverein ausrief: »Also doch Ein Band 
mehr, zur Einigung Deutschlands!« (Gespr. v. Biedermann, 
Bd. 9, S. 280.) 

So hat er sich immer gemüht und gesorgt um die 
deutsche Kultur (s. O. Harnack, S. 189.). Und in der That 
schon in der »Pandora« gab ihm solche Besorgniss die 
schmerzUche Sehnsucht ein, aus welcher heraus das Ganze 
gedichtet ist, das Verlangen nach geordneten, friedUchen 
Zuständen, die ihm und dem deutschen Volke, w^ie Pandora 
selbst dem Epimetheus entschwunden waren, wie sie selbst 
mit ihr zurückkehren sollten, was auch am Schluss der 
Pandora symbolisch dargestellt ist. Und Schmerz und 
Betrübniss um den Verlust solcher höchsten Güter ergreift 
auch den Epimenides im 20. Auftritt. 

Was hatte er denn im Anfang des Stückes gepriesen, 
im 2. Auftritte? Er preist nicht die Stärke der Nation, 
nicht die Einmüthigkeit ihrer einzelnen Glieder , sondern 
einen gesegneten Wohlstand, den Bau der Menschenhände, 
Werke der Kunst, Pfeiler, Säulen, frommen und religiösen 
Sinn, der aus der Betrachtung solcher erhabenen Werke 
der Kunst und Natur fliesst; und endlich den Einklang 
zwischen Fürst und Volk, das Einzige Real-Politische könnte 
man sagen. 

Und was bejammert denn der Weise nach seinem Er- 
w^achen? Es ist durchaus nichts, was auf den äusseren 
Niedergang der Nation, auf die gewaltsame Trennung ihrer 
Stämme gmge; was man darauf deuten könnte, den Zer- 
fall des tempelartigen Gebäudes, ist viel zu allgemein und 
kann ebenso gut auf Gesammt- Europa bezogen werden. 
Nur eben geistige Güter kultureller Art sind es, deren Ver- 
lust dem Epimenides Klagetöne bis zur Verzweiflung ent- 
locken. HerrHchste Naturbetrachtung, die ihn sonst mit 
der Morgensonne erbaute, entzieht ihm die Nacht, feurig, 

* Vergl. auch Brief von W. Grimm, Goethe-Jahrb. 9, S. 26. 



Goethes Festspiel: des Epimenides Erwachen. 237 

aber furchtbar durch Kometenschein erleuchtet; die ihn 
umgebende Wüstenei lässt ihn jede Spur von Kunst und 
Ordnung vermissen. Das zerscnlagene Basrelief, das er 
endHch unter den Trümmern wiederfindet, erinnert ihn an 
das, was nun ebenfalls dahin: deutsche Zucht und Sitte 
in Familie und Haus, wechselseitige Liebe der Eltern und 
Kinder, Treue zum Hause und Hausstande, die bald darauf 
in dem Liede gefeiert wird, das wohl jeden Zuschauer gerührt : 

Hast Du ein gegründet Haus, Fleh die Götter alle, 

Dass es, bis man dich trägt hinaus. Nicht zu Schutt zerfalle . . . 

Das ist aber echt-goethisch. Solchen häuslichen Sinn 
legt der Dichter seinen Landsleuten auch im Vorspiel 1807 
warm ans Herz: »Es lohnt sich Jeder selbst, der sich im 
stillen Hausraum Wohl befleissigtübernomm'nen Tagwerks«, 
und noch später in den Wanderjahren im 7. Kapitel lässt 
der Dichter es aussprechen, dass man »kein anmuthigeres 
Bild fände, als wie sie der deutsche Mittelstand in seinen 
reinen Häuslichkeiten liefere«, schöne Zeugnisse für des 
Dichters echt deutsch-bürgerHche Gesinnung. 

Dergleichen hohen öüter hält aber Epimenides, als 
er die Werke der Kunst in einem Chaos erolickt, für zer- 
treten und verloren und geräth darüber schliesslich zur 
Verzweiflung an sich, Welt und Gott. 

Diese Schmerzenzrufe , nur um ideelle Güter ausee- 
stossen, beweisen eben, dass Goethe selbst in Epimeniues 
spricht, freilich sind wohl um des dramatischen Zweckes 
willen stärkere Affekte, als die Wirklichkeit sie zeigte, 
hervorgekehrt. 

Man höre auch ferner, was die Muse, die Goethische 
Muse, am Anfange spricht, was sie als den grossen Erfolg 
der Kampfeszeit nennt, auch dies stimmt mit Goethes Welt- 
anschauung überein. Kunst und Kultur sind wieder ge- 
sichert, nur innere Schätze, der Seele und des Geistes, 
sind wiedergewonnen. 

Und mir entgegnet, was mich sonst entzückte : 
Der Leyer Klang, der Töne süsses Licht, 
Und was mich schnell der Wirklichkeit entrückte. 
Bald ernst, bald frohgemuth, ein Kunstgesicht . . . 

Allenfalls die allerletzten Worte: 

Geniesst das höchste Glück hienieden. 

Nach hartem äussern Kampf den innern Frieden, 

lassen die Politik, wenn auch in zartester', edelster Weise 
durchschimmern. 

Dieselbe Ansicht lehrt uns auch das, was in der 
Zwischenzeit während des Epimenides Schlaf vor sich geht. 



2^8 Abhandlungen. 



»Doch liisst vorher die wildesten Gestalten In eigensinnger 
Kraft zerstörend walten«, sagt die Muse von diesen Vor- 
gängen. Man sollte erwarten , dass nun Völker, Fürsten 
und Feldherren auf einander losschlügen und das tempel- 
artige Gebäude zerstörten. Statt der erwarteten Kriegsscenen 
erblicken wir aber nur Personen, die gewisse Ideen ver- 
körpern, schlimme Dämonen , an ihrer Spitze den Dämon 
der Unterdrückung, Napoleon, kämpfend gegen die Per- 
sonifikationen von Glaube , Liebe , Hoffnung, gegen die 
letztere vergeblich. Bemerkenswerth ist auch die Art, wie 
Napoleon unterliegt, nicht Schlacht und Sieg werfen ihn 
zu Boden, sondern eine Vision bedrückt und überwältigt 
ihn; wie eine Wolke scheint sie sich auf ihn zu senken, 
in ihr erscheinen zwar nach des Dämons Beschreibung die 
Kräfte, welche in der WirkHchkeit des Korsen Übermacht 
gebrochen hatten:' »eine Wolke, lebendig tausendfach, 
vom ganzen Volke , von allen Edlen schwer« ; es ist die 
Volkskraft, der Selbsterhaltungstrieb der Nationen, welche 
jener verachtet. Indessen das Ganze bleibt eine Visioii, 
w^ie sollte auch jene geistige Kraft, welche, die Hoffnung 
gegen Napoleon beschützend , ihn endlich niederdrückt, 
anders dargestellt werden? Diese Scene, die Achse des 
Stückes, bildet, wde des Epimenides Klagen im 20. Auftritt, 
denHauptbestandtheil des Ganzen, und wie wenig ist in ihnen 
von geschichtlicher Farbe Gebrauch gemacht! Der Name 
der Leipziger Schlacht wird z. ß. gar nicht genannt. Freihch 
ist an einzelnen Stellen vorher und nachher gewisser ge- 
schichthcher Ereignisse, wie des Freundschaftsschwures der 
beiden Fürsten am Sarge Friedrichs des Grossen, gedacht 
w^orden, auch die Handlung mit historischem Schmuck, 
ja sogar mit Abbildungen des eisernen Kreuzes und der 
Viktoria auf dem Brandenburger Thor, reichlich genug 
verziert worden. Genauer betrachtet, ist das Alles nur ein 
Accidens, was schliesslich ja nöthig war. Gerade dieser Um- 
stand, dass das Reell-Politische und Geschichtliche so sehr 
zurücktrat, was ja die Zeitgenossen, die die Zeit mit durch- 
lebt und durchkämpft hatten , befremdete — ist eben aus 
Goethes innerster Neigung * zu erklären, aus seiner ganzen 

' Diese Kräfte, wie z. B. Glaube, Liebe, Hoffnung thatsächlich, 
sind doch während des Schlafes des Epimenides wirksam und thätig 
zu denken. Deshalb ist es bedenklich, den Epimenides so zu deuten 
wie Schröer. Einl. S. 294: »nach unserer Auffassung entschläft mit 
ihm alle Spontaneität, alle Triebkraft im Volke« und S. 297: »das 
Dauernde, die ideale Triebkraft im deutschen Volke.« 

* Über das, was sich für ihn eigne, spricht sich das Gedicht im 
Di van V, 10 aus: 

Hab ich euch denn je gerathen, 
Wie ihr Kriege führen solltet? 



Goethes Festspiel: des Epimenides Erwachen. 239 

eigenthümlichen Stellung den Ereignissen gegenüber, welche 
durch die oben bezeichneten Bestrebungen und Besorgnisse 
beleuchtet werden: mochte immerhin die äussere Form 
der politischen Einheit der Deutschen zerschlagen werden, 
wenn nur der innere Gehalt dieser Form unangetastet blieb. 
Wie der Dichter selbst nach der Schlacht bei Jena um die 

feistigen Güter der Nation bangte, so lässt er auch seinen 
pimenides solche preisen und nach ihrem Verlust auf das 
Ergreifendste betrauern, bis er dann selbst auf bessere Zeiten 
hoffen und ausschauen darf. 

So spricht hier Goethe als Epimenides. Andere Stellen 
im Festspiel lassen das Persönliche noch mehr hervor- 
treten, Verse, deren Bedeutung bekannt genug ist und die 
deswegen kürzer behandelt w^erden können. Dem Vor- 
gange V. Loepers folgend, welcher die 1816 in den 
Werken hinzugesetzten Eingangsverse : »den Frieden kann 
das Wollen nicht bereiten« so bezeichnete, könnte man 
das ganze Festspiel eine Art von Palinodie nennen. 
Goethe hatte einem Napoleon nichts Gleiches entgegen- 
zustellen, das ihm Widerstand leisten könne. Sympathisch 
stand er zwar Preussens König, Friedrich IL, gegenüber, 
aber diese Verehrung galt nur dessen Person; der Staat 
Friedrichs II. hat ihn nie begeistert. Auch von der preussi- 
sclien Macht dachte er, besonders nach seinen eigenen Er- 
fahrungen in der »Kampagne in Frankreich« gering*; diese 
Meinung dauerte an und noch kurz vor der Schlacht von 
Jena unterhielt er sich mit einem preussischen Artillerie- 
offizier* über die Mängel der preussischen Führung und 
sprach seine grossen Bedenken offen aus. Die Ereignisse 
gaben ihm Recht ; von dem stillen Wirken der preussischen 
Patrioten erhielt er kaum Kunde, so glaubte er an die 
Übermacht des Kaisers. Er sah sogar in ihm eine Zeit 
lang den, welcher den europäischen Frieden und mit ihm 
jegfiche, auch die deutsche rCultur (denn auf diese kam es 
ihm in erster Linie an) sichern könne. ^ Der Feldzug gegen 



Schalt ich euch, nach euren Thaten, 
Wenn ihr Friede schUessen wölket? 

Aber ihr wollt besser wissen, 
Was ich weiss, der ich bedachte, 
Was Natur, für mich beflissen, 
Scb.on zu meinem Eigen machte. 

' Noch 1812 schreibt er an Reinhard (14. Nov.) von den »unbe- 
siegt krebs^ängigen Preussen«, mit denen er sich von Valmy aui Hans 
und von da immer so fort bis Koblenz zurückzog/ 

^ Gespräche, Bd. 8. S. 295. 1806. 

5 Vergl. die Worte der Muse: Die Fesseln selbst, sie schienen 
mir Gewinn. 



240 Abhandlungen. 



Russland belehrte ihn eines besseren, ebenso wie die bald 
erfolgte Erhebung Preussens ihn davon überzeugte, dass 
noch Kräfte sittlicher Art vorhanden, welche dem Korsen 
gewachsen. Auf die erstere Lehre beziehen sich die Worte 
des Eingangsgedichts, den Thaten eines Scharnhorst, 
Gneisenau und Stein zollt er seine poetische Anerkennung 
in den herrlichen Strophen, welche die Hoffnung spricht 
und deren eine endigt: 

So hat die Tugend still ein Reich gegründet 
Und sich zu Schutz und Trutz geheim verbündet. 

Auf sich selbst jedoch und sein Verhalten zielt er mit 
denjenigen Versen, die für den Charakter des Dichters 
beredtes Zeugniss ablegen, weil er eine gewisse Berech- 
tigung eines Vorwurfes von Seiten Anderer zuo[esteht, die 
nicht, wie er selbst, blos mit geistigen Waffen für das 
Ansehen und die Grösse des Vaterlandes gestritten hatten. 

»Doch schäm' ich mich der Ruhestunden, 
Mit Euch zu leiden, war Gewinn; 
Denn für den Schmerz, den Ihr empfunden. 
Seid Ihr auch grösser, als ich bin.«' 

Dies ßekenntniss ist aber aus zu grosser Bescheiden- 
heit entsprungen. Denn wahrhaftig — mochten andere 
durch Reformen und Gesetze oder mit Einsetzung ihres 
Lebens in Kämpfen und Schlachten das Vaterland befreit 
haben — auf dem ihm eigensten Gebiet, dem geistiger 
Bildung, hatte der Dichter in den Jahren 1806— 1813 nicht 
geruht,* sondern seinem Volke hochbedeutende Werke 
allerersten Ranges geschenkt und so das Gebäude deutscher 
Kultur am besten geschützt und ausgebaut. Und soweit 
war er von einer übergrossen Werthschätzung der damals 
siegreichen französischen Nation entfernt, dass er gerade, 
als ihre Macht im Zenith stand, kurz vor dem russischen 
Feldzuge die Glanzzeit ihrerLitteratur-Epoche unter Rousseau 
und Voltaire in Wahrheit und Dichtung als eine greisen- 
hafte, bejahrte, wenig begeisternde charakterisirte ; so hätte 
gewiss nimmermehr Einer geschrieben, der diesem Volke 
oder seinem Machthaber schmeicheln wollte, wie denn 
auch aus den Gesprächen dieser Tage deutlich zu ersehen 
ist, dass Goethe bei aller Anerkennung französischer Vor- 



* Vergl. auch die Worte der Muse: Wie Schuppen fällt's herab 
vom starren Blick. 

^ Aus diesem Grunde vermag v. Loeper Epimenides nicht Goethe 
gleichzustellen. 



Goethes Festspiel: des Epimenides Erwachen. 24 1 

Züge den Schwächen und Mängeln des Nationalcharakters 

fegenüber durchaus nicht blind ist. ' Es ist nun auffallend, 
ass der Dichter, abgesehen von einer kurzen, unbedeuten- 
den Äusserung in den Versen der Muse, im Festspiel selbst 
der deutschen Dichtung mit keiner Silbe gedenkt. Wäre 
es nicht nach dem Zusammenbruch alles Wahren und 
Schönen für den Epimenides im 20. Auftr. ein erhebender 
Trost gewesen, wenn er der blühenden deutschen Dicht- 
kunst hätte erwähnen können? Dann aber hätte der Ver- 
fasser des Stückes, das nicht für den engen Weimaraner 
Kreis bestimmt war, wie die Maskenzüge und andere, doch 
auch schliesslich von sich, selbst sprechen müssen, und wir 
wissen z. B. aus seiner Äusserung betr. Tischbeins An- 
sicht * über die Iphi^enie, dass er persönHche Beziehungen, 
welche etwa in semen Gedichten versteckt waren, sehr 
ungern hervorgezogen sah. Wenn Goethe -Epimenides 
also von »seinen Ruhestunden« spricht, so ist das nach 
meiner Ansicht kein Grund, die Gleichstellung abzulehnen. 
Die literarische Tradition vom Schlafe des Epimenides, 
wie sie die französichen Revolutionsdramen boten, war 
ihm daher auch deswegen äusserst willkommen. Überhob 
sie ihn doch, von sich selbst als deutschem Dichter zu 
reden und gab ihm andererseits die Möglichkeit, seine auf 
Unglauben und Unkenntniss von der Umwandlung derpreus- 
sischen Verhältnisse beruhende, scheinbare Unthätigkeit und 
absichtliche Abkehr^ von äusseren geschichtUchen Ereignissen 
freimüthig auszusprechen; übrigens hat er auch bei andern 
Gelegenheiten keine Scheu getragen, dies Geständniss zu 



* Boyen (Erinnerungen von Nippold) I, 226 hat nicht Recht mit 
der Behauptung, dass Goethe »in jener reriode die Franzosen etwas 
zu viel geiobt nahe.« Vergl. Goethe Gespr. 2, 128: »Das Eigennützige, 
Habsüchtige, das Alles sich Aneignende, Fremdes ausschliessende, 
dieses bestimmt sie mehr, als was so nicht ist.« Und 2, 268: »was 
die Franzosen unter den Männern sind, das sind die Weiber unter den 
Menschen überhaupt. Man kann also in diesem Sinne die Fram^osen 
die Weiber von Europa nennen.« Goethe 22. Juni 1793: »Wir . . sehen 
. . . mit Freuden, dass man die leidigen Franzosen .... wills Gott 
bald aus dem lieben deutschen Vaterlande gänzlich ausschliesst, wo sie 
doch ein vor alle mal nichts taugen weder inr Wesen, noch ihre Waffen, 
noch ihre Gesinnungen.» 

* Vergl. Schritten der G.-G. 2, S. 237, Rom 14. Dec. 86 und 
dazu Anmerkung. 

5 Bezeichnend hierfür die Notiz im Tagebuch 18. Nov. 1806: 
Astronomica zur Ableitung der Politicorum. So ist es klar, dass diese 
Resignation eine gewaltsame, daher schmerzliche war; sagt doch seine 
Muse, dass ihm »der reine Seelenfrieden gefehlt«, der ihm erst nach 
dem Siege wiederkehrt: 

»Und mir erscheint, was mich bis jetzt gemieden, 
Ganz ohne Kampf, der reine Seelenfrieden.« 

GobTUfi- Jahrbuch XIV. l6 



242 Abhandlungen. 



wiederholen ; und wenn man ihn bis auf den heutigen Tag 
deswegen unpatriotischer Gesinnung geziehen hat, so ist 
dies, vrenn überhaupt den Thatsachen entsprechend, zum 
mindesten ein durchaus unhistorisches Verfahren.' 

Aber noch einen andern Vortheil brachte ihm die 
Epimenides - Maske. Passte sie vortrefflich dazu, sein nur 
auf das Geistige gerichtetes Wirken der Jahre vor 18 13 
durch Schlaf zu verhüllen und zu verbergen, so konnte 
er doch in derselben seine Aufgabe, welche er seinem Volke 
gegenüber hatte, eindringlich erfüllen. Vor vielen Jahren, 
m seiner Jugend, so erzählt Epimenides selbst, ist er schon 
einmal entschlafen, und im Scnlaf schenkten ihm auf seinen 
Wunsch die Götter Einsicht in die Gegenwart, in das Ge- 
triebe der Welt, welche ihm sofort durchsichtig wie ein 
Krystallgefäss erschien; und der neue Schlaf, in welchen 
er bei Beginn des Stückes fällt, soll ihm nun auch die Zu- 

* Am meisten gegen des Dichters Patriotismus werden gewöhn- 
lich die beiden bekannten Stellen angeführt: »Ihr Guten, schüttelt nur 
an Euren Ketten . . . .« (E. M. Arndt, Erinnerungen a. m. Leben. 
S. 196) und Goethe an Knebel 18 Nov. 1813: »Kann kannst Du zu 
seinem Trost sagen, dass wohl allenfalls noch von Hott Hottchen die 
Rede sein könnte, einem Organ, das seinen Patriotismus gewiss aufs 
schönste fördern wird.« Aber die ersten Worte besagen weiter nichts, 
als was schon oft betont: Der Dichter glaubte nicht an die Möglich- 
keit der Niederwerfung Napoleons. Die zweite Stelle muss im Zu- 
sammenhang mit den andern Briefstellen betrachtet werden. Knebels Sohn 
wollte als Freiwilliger durchaus zur Kavallerie kommen, endlich konnte 
ihm Goethe melden, dass der Herzog auch ein Kavalleriekorps ein- 
richten würde. Er verspottet dabei gar nicht den Patriotismus im all- 
gemeinen, sondern scherzt nur in heiterster Weise darüber, warum 
man, um patriotisch zu sein, gerade eines Gaules bedürfe, also nur über 
Knebels kavalleristischen Hochmuth. — Diesen beiden nebensächlichen 
Äusserungen stehen Thatsachen und Aussprüche gegenüber, die man in- 
dessen nie gegenüberstellt. Vor allem Goetnes würdige Haltungeinem Na- 
poleon gegenüber, des Kaisers Aufforderung, nach Paris zu kommen, 
Goethes Beharren im Vaterlande — vergl. die schönen Worte im Br. 
30. April 1790: »ich habe gelernt . . , dass ich . . . nicht ausserhalb 
des Vaterlandes leben kann« — des Imperators Wunsch, einen Cäsar 
oder Brutus zu schreiben (vergl. Sehr. d. G. G. 6, S. XVII) oder einen 
Bericht über den Erfurter Kongress, des Dichters Ablehnung und Aufgaben 
beider Ansinnen. Man vergesse nicht seine stets freimüthig ausgesprochene 
warme Parteinahme für seinen Herzog, ebensowenig wie andrerseits 
die Reserve, welche ihm seine Stellung als Minister emes fast deposse- 
dierten Rheinbundsfürsten später auferlegte. So gehört also Goethe 
keineswegs zu den schwankenden Charakteren jener Zeit, wie Johannes 
V. Müller. Natürlich die überschäumende Begeisterung der preussisch- 
romantischen Stürmer und Dränger vor und nach Leipzig begriif er schon 
als Nichtpreusse nicht, besonders auch deswegen nicht, weil er voraus- 
sah, dass das, was nach aussen ruhmvoll erkämpft, nach innen zunächst 
die erhofften Früchte nicht zeitigen würde. Seinen deshalb gedämpften 
Patriotismus bezeichnen die Worte im Stück: »Der Jugend Nachtgetährt' 
ist Leidenschaft « 



Goethes Festspiel: des Epimenides Erwachen. 243 

kunft enthüllen: »Soll ich vielleicht nun schlafen, sagt mir 
an, dass ich zugleich auch Künftiges gewahre?« Dies ist 
eingetroffen; »Sie bewahrten Dich im Stillen, dass Du rein 
empfinden kannst«, und wie er selbst sagt : »Nun aber soll 
mein Blick entbrennen, in fremde Zeiten auszuschaun.« 
Natürlich nicht bestimmte politische Thatsachen können 
damit gemeint sein, wenn auch manches andere bedeutende 
Wort im Festspiel auf gewisse, bald brennende Tagesfragen 
wie gemünzt schien (vergl. Düntzer S. 344/45). Auch hier 
tritt sein geistiger Gehalt deutlich hervor; das, was die Deut- 
schen in Zukunft an nationalen Gütern gebrauchen, verkündet 
der Dichter oder lässt er in dem grossen Schlusschor ver- 
künden. Goethe-Epimenides ist es, welcher die Einigkeit 
entschleiert und hervorführt; Goethe-Epimenides ist es, 
welcher im Schlusschor, wenn er auch von Allen gesungen 
wird, zu seinem Volke redet. Bei diesem Gesang werden 
wohl auch die Tadler verstummen, wie er schon allein das 

fanze Stück unschätzbar macht. Wie des unbedeutenden 
ariser Journalisten Flins unbedeutende Posse, so ist auch 
des grössten deutschen Dichters zur grössten geschichtlichen 
Begebenheit komponirtes Festspiel fast vergessen. Selbst 
die Zeit 1870/71 scheint vorübergerauscht zu sein, ohne 
dass Jemand, obgleich 1871 v. Loepers Ausgabe erschien, 
Goethes gedacht hätte, onne dass Jünglinge und Männer 
sich durch diesen Schlussgesang hätten begeistern lassen. Und 
doch müsste derselbe, von einem patriotischen Tonkünstler 
schwungvoll in Musik gesetzt, mmdestens ebenso mächtig 



* Zu wenig bekannt dürfte es sein, dass der Dichter auch Verse 
zu der jetzigen preussischen Nationalhymne hinzugedichtet hat. In den 
Annalen heisst es 1806, dass das preussische Regiment Owstien, das 
in Weimar einquartirt sei, ein vorzüghches Corps Trompeter gehabt; 
am 30. Januar, dem Geburtstage der Herzogin, hätten sie auf dem 
Theater zuletzt einen Gesang begleitet, »dessen allgemein bekannte 
Melodie, einem Inselkönig gewidmet und noch keineswegs von dem 
patriotischen Festland überboten, ihre vollkommen herzerhebende 
Wirkung that.« Gemeint ist natürlich die Melodie zu: God save the 
king, von Henry Carey (f 1743), ursprünglich für das Geburtstagsfest 
■Georgs IL »des Inselkönigs«, komponirt; man sieht, Goethe empfindet sie 
damals noch nicht als preussische Nationalhymne. — Drei Strophen hat 
Goethe gedichtet, die letzte eignet sich zur Verherrlichung des Namens- 
tages jeder Landesfürstin: 

Wunden schon heilen sich, 
Wolken schon theilen sich. 
Dein Tag erscheint. . . . u. s. w. — 
Unsere Nationalhymne, deren Text ebenfalls leider eigentlich nicht 
für einen Deutschen, sondern für den Dänen Christian VII von Harries 
gedichtet ist, feiert im Dez. dieses Jahres ihr locjähriges Jubiläum; Dez. 
1793 ertönte sie in Berlin zum i. Mal. (Vgl. Weim. Jahrb. 6.) 

i6* 



244 Abhandlungen. 



wirken, als die jetzigen Nationalhymnen, bei denen entweder 
Worte und Melodie oder die Melodie allein haben fremden 
Völkern entlehnt werden müssen und so uns nicht allein 
gehören. Hätte ein Mann wie Richard Wagner statt eines 
Anselm Weber den Goethischen Versen die musikalische 
Weihe ertheilen können, das Volk hätte sie wohl weiter 
gesungen, und sie wären von selbst zur deutschen National- 
hymne geworden. Gleich die Anfangsworte betonen es 
richtig^ dass Deutschland erst in Kampt und Sieg geworden 
ist: »So rissen wir uns ringsherum von fremden Banden 
los! Nun sind wir Deutsche wiederum. Nun sind wir 
wieder gross.« Der Stolz des Volkes auf »seinen biedern 
Sinn und sein edelstes Geschlecht«, der Preis der Eintracht 
zwischen Fürst und Volk mit dem Preise innerer, geistiger 
Freiheit : 

Und Fürst und Volk, und Volk und Fürst, 

Sind Alle frisch und neu, 

Wie Du Dich nun empfinden wirst. 

Nach eignem Sinne frei! — 

der nochmalige Mahnruf: »Zusammen haltet Euren Werth, 
Und Euch ist Niemand gleich« — dies Alles gibt so recht 
den Vollgehalt unserer nationalen Entwicklung und Sinnesart, 
dass ihm Nichts an die Seite gestellt werden kann. Das 
Ganze klingt aus in ein Tedeum deutscher Kämpfer und 
Männer, deren Gestalten umloht und umleuchtet werden 
von dem Freudenfeuer siegreicher Schlachten : 

Nun töne laut : der Herr * ist da, 

Von Sternen glänzt die Nacht, 

Er hat, damit uns Heil geschah. 

Gestritten und gewacht. 

Für Alle, die ihm angestammt. 

Für uns war es gethan. 

Und wie's von Berg zu Bergen flammt, 

Entzücken flamm' hinan! — 



' Man hat gestritten, wer der »Herr« ist, ob Gott oder der 
König; aber von einem Könige, z. B. von Friedrich Wilhelm III., der 
mit im Felde stand, es besonders hervorzuheben, dass er »gestritten 
und gewacht«, wäre überflüssig, ja abgeschmackt. Jedoch auf wessen 
Seite Gottes Hilfe, ist namennich im Anfang des Krieges oft unklar, 
erst der Ausgang entscheidet sicher darüber, daher am Ende des 
Kampfes das Tedeum ; vorher die Bitte um göttlichen Beistand, vergl. 
schon das Reformationslied : es streit für uns der rechte Mann u. s. w. — 
Auch das »angestammt« kann sich nur auf Gott beziehen ; über unsere 
Stammesverwandtschaft mit Gott vergl. schon Pauli Worte (nach griech. 
Dichtern): So wir denn göttlichen Geschlechts sind. Act. Apost. 17, 29. 



^^^^^^^^^ 


-^'l^*^^^^^^^^ 



Zur Faustsage. 

Von 

R. M. Werner. 



I. 

EIN UNBEKANNTES FAUSTDRAMA. 



Hfie Wiener Hofbibliothek bewahrt als Hs. 13,094 
(Suppl. 937) ein Singspiel in drey Aufzügen unter 
dem Titel »Faust im Achtzclinten Jahrhundert« 
(16285.4°), ^^"^' soviel ich sehe, bisher noch keine Beachtung 
geschenkt wurde, wie denn überhaupt die Gestalten, unter 
denen Dr. Faust auf der Wiener Bühne erschien, noch keinen 
Bearbeiter gefunden haben. Und doch wäre dies um so 
wichtiger, als Wilhelm Creizenach gerade Wien einen be- 
deutenden Antheil an der Ausbildung des Volksschauspiels 
vom Dr. Faust zugeschrieben hat. Wir könnten vielleicht 
auch noch aus den späteren Dramatisirungen wenigstens 
manchen Beleg für die Wiener Tradition gewinnen, was 
schon durch üie Stelle aus Philipp Hafners Lustspiel nDie 
reisenden Komödianten« hervorgeht, die ich Theaterge- 
schichtl. Forschungen Itl, S. 148 f. angeführt habe. Der 
Fausistoff erfreute sich in Wien lange seiner alten Be- 
liebtheit, noch in unserem Jahrhundert wurde er wieder- 
holt selbst neben dem Kling eni an nschen Faust auf den 
Wiener Vorstadtbühnen dargestellt. Ich führe ein paar 
Stellen an, die mir gerade zur Hand sind, weil sie vielleicht 
jemanden, dem das einschlägige Material leichter zugäng- 
lich ist, anregen können, dieser Frage näher nachzugehen. 



246 Abhandlungen. 



In der »Wiener Moden-Zeitung und Zeitschrift für Kunst, 
schöne Literatur und Theater« berichtet Hebenstreit' (Erster 
Jahrgang 1816. S. 122 f.) über eine am 20. März stattgehabte 
Vorstellung des Wiener Leopoldstädter Theaters: »Doctor 
Faust erscneint hier als ein kraftvoller Mann, der die 
Bewunderung eines ganzen Welttheils fesseln, über die 
Geisterwelt herrschen, das Unglaubliche, das Unermess- 
liche durch sie bewirken will, nier geht er ganz regel- 
recht zu Werke. Furchtlos zitirt er die Teufel und findet 
nur einen zu seinem Zwecke passend. Er verlangt zuerst 
Beweise seiner Macht und verabredet sodann die gegen- 
seitigen Rechte und Pflichten, wie sie ein ordentlicher 
Contract erheischt. Das alles geschieht ohne Donner und 
Blitz, ohne Sturm und Getöse, ganz ungenirt in Gegen- 
wart des Famulus und Bedienten. Von seiner Art zu reisen 
und seinen Wunderthaten werden die Zuseher überzeugt 
und da die Handlung 25 Jahre spielt, so hat er Zeit genug, 
des Lebens Freude zu geniessen. Kurz, der Charakter dieses 
Fausts ist vollkommen motiviert, denn ihn treibt nicht 
Unlust über sein bisheriges Schicksal, nicht blos Begierde, 
sondern etwas Höheres, Ruhm und Ehrsucht, zur Ver- 
bindung mit dem Bösen. Dabei ist Mephistopheles ein ganz 
gutmütniger Kauz und die^ übrige Teufelsgesellschaft auch 
nicht zu verachten, weil sie sich ohne viel Murren in den 
Willen des Jackerle fügt und sich sogar von ihm herum- 
peitschen lässt. Die eigentliche Karrikatur enthüllt der Schluss. 
Die glänzende Theaterrolle ist ausgespielt und das Leben 
tritt wieder mit aller weltlichen Angst und Sorge furchtbar 
vor Augen«. Und S. 520 heisst es gelegentlich einer Vor- 
stellung in demselben Theater: »Am 26. September wurde 
nach mehreren Jahren das Schauspiel Johann Faust von 
weil. Kringsteiner^ wueder auf die Bühne gebracht, und 
wir können nicht umhin, bei dieser Gelegenheit dem An- 
denken eines für die komische Muse viel zu früh ver- 
blichenen Dichters — dem Schöpfer des neueren Locallust- 
spiels — einige Worte der Erinnerung zu widmen. 

In dem Schauspiel Johann Faust hat derselbe einen 
sprechenden, leider zu wenig beachteten Beweis abgelegt, 
dass ihm auch das Gebiet der ernsten Dichtung nicht fremd 
sei, ja es käme auf eine Darstellung seines Faust durch 
grössere Künstler und auf ein unbefangenes Urtheil strenger 



* S. 109— 114 wird Klingemanns Faust scharf durch W. Heben- 
streit verurtheilt; der Recensent wagt den Vergleich mit Goethe und 
Klinger nicht. 

* Fehlt bei Engel und Goedeke, bei Minor und L. Speidel (die 
österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild). 



Zur Faustsage. 24' 



Kritik an, ob nicht die Kringsteinerische Behandlung dieses 
so vielfach verbrauchten Stoffes der KUngemannischen vor- 
zuziehen sei. 

Der Fluch des bösen Geistes über das erste gedruckte 
Buch ist poetisch gedacht, und der Streit zwischen dem 
Genius der Menschheit und dem Dämon der Hölle um 
Fausts Wohlfahrt echt romantisch. — Die Steigerung seines 
Unglücks als Gatte, Vater, Mensch und Erfinder, der vom 
Sohne verrathen, vom Vaterlande nur Undank erntet, dessen 
Stolz er seyn sollte, führt ihn zur vermessenen That so 

fanz naürlich, dass ihm die Theilnahme nicht versagt werden 
ann. Nicht Hang nach Genuss reisst ihn zum Bösen fort, 
eine Verkettung der höchsten Unfälle, die auf ein schwaches 
Menschenhaupt nur immer lostürmen können. Und endlich, 
wie zart und religiös, sollte man sagen, ist sein Ende 
behandelt! Faust haucht an den Stufen der Kirche, die 
keinen Reuigen ausstösst, im Schosse seiner Mutter seinen 
Geist aus!« 

In Bäuerles Theaterzeitung findet sich in No. 68 vom 
6. Juny 181 8 S. 271 ein Eingesendet: ober das neueste 
Stück: »Der Schatten von Fausts Weib.« Das Stück von 
Adolf Bäuerle ' wurde am 2. Juni in der Leopoldstadt als 
Seitenstück zu seinem Stücke »Fausts Mantel« aufgeführt; 
aus der Inhaltsangabe ist zu entnehmen, dass es sich um 
die Besserung der beiden Lumpen Ignatz Edler von Stiefel, 
der seine Frau Amalie verlassen hat, und seines Dieners 
Strick, der sein Röschen verlassen hat, handelt. Fausts 
Zauberbuch wird von den beiden verlassenen Frauen ge- 
funden und dadurch die Frau Fausts, Katharina, zitirt, die 
nun unter verschiedenen Gestalten die endliche Wandelung 
der beiden Lumpen herbeiführt.* (Vgl. Kloster V, 884 nS 
Ähnlich ist das in der Hofbibliothek erhaltene handi- 
schriftliche Stück, das auf einem Vorsetzblatte den Namen 
»Voigt m. p.« trägt. Dem Personenverzeichnisse sind von 
einer Hand, deren Correcturen durch das ganze Manuscript 
zu bemerken sind, die Namen einzelner Schauspieler bei- 

feschrieben, aber dann wieder durchstrichen ; ich setze sie 
eim folgenden Abdruck in eckige Klammern und ver- 
weise für mehrere der Schauspieler auf die Angaben des 
Freiherrn von Gebier in seinen Briefen an Nicolai (Aus 
dem Josephinischen Wien S. 92, 105). 



' Vgl. Goedecke, Grundriss III ', S. 826, No. 28 (ungedruckt). 

* Vgl. in derselben Zeitschrift 1818, S.Q2. Theater in der Joseph- 
stadt 13. Februar: Fausts Narrheit und Wagners letzter Tag oder 
Alle maustodt, eine tragische Posse mit Gesang in 2 Aufzügen von 
Joh. Nissl. 



248 Abhandlungen. 



Personen. 

Johann, Freyherr von Faust. [Hr. Dauer.] 

Sidonie, Fräulein von Wonneberg. [MUe. Cavallieri.] 

Fulcheria, Kammer Jungfer der Fräulein. [M. Arnold.] 

J^ranz, Bedienter des Baron. [Lipperl.] 

Foltermann, ein Schauspieler. [Dieser Zusatz gestrichen.] 

Lydia, Frau des Poltermann, eine Schauspielerin. [Die 

beiden letzten Worte gestrichen.] 
Nathan, ein Jude. [Hr. Saal.] 
Stelzfuss [über gestrichenem: Händewerk\^ ein Autor. 

[Arnold.] 
Frater [gestrichen] Jodokus Kauz, ein Einsiedler. [Hr. 

Rothe.] 
Chor. 

Der Schauplatz ist in dem Haus des Freyherrn von Faust. 

Die Namen der Schauspieler verweisen uns wirklich 
ins 18. Jahrhundert; Johann Ernst Dauer hat schon 1768 
debütirt, freilich starb er erst 18 12, von ihm rühmt die 
Gallerie von Teutschen Schauspielern und Schauspielerinnen 
der altern und neuern Zeit (Wien 1783, S. 56): »Er hat eine 
sehr gute Tenorstimme, und kann zugleich unter die guten 
Schauspieler gezählt werden«. 

Das Stück benutzt Motive des Faustdramas, um den 
Schuldenmacher und Libertin Johann Freiherrn von Faust 
zu heilen und in die Arme seiner Braut Sidonia zurück- 
zuführen; dabei werden Maschinerien in ziemlich reichem 
Masse verwendet, und Gesano; begleitet einzelne Scenen. 
Das Ganze interessirt uns nicht als solches, sondern nur 
der Ähnlichkeiten mit dem Faustdrama wegen; es lehnt 
sich an die bürgerlichen Tragödien, die im Anschlüsse an 
Lessings Miss Sara Sampson erschienen, was sich ja schon 
an Weidmanns Johann Faust von 17^^ bemerken lässt. 
Der Schauplatz zeigt uns jenes neutrale Zimmer mit Thüren 
von verschiedenen Seiten, das wir auch aus den genannten 
Stücken kennen. 

Die Situation bei Beginn des Stückes ist ungeschickt 
komisch: Freiherr von Faust soll in einigen Tagen Sidonia 
heirathen, die ihn innig liebt, aber er bemüht sich das 
letzte Besitzthum, das ihm von seiner väterlichen Erbschaft 
noch übrig blieb, für eine »tugendhafte« Schauspielerin, 
Lydia, zu verschwenden. 

Sidonia kennt seine Lage, seine »Bekanntschaft« mit 
Lydia, lässt sich aber dadurch nicht anfechten, vielmehr 
sendet sie ihm Geld, damit er das Landgut retten könne. 
Das rührt ihn: »Ja gute, böse Braut! dein flatterhafter 
Faust wird ein getreuer, ein zärtlicher Ehemann. Mit 



Zur Faustsage. 249 



keinem Gedanken, mit keinem Blick nach andern Schönen, 
will ich dich kränken.« Aber er überlegt, dass er sich mit 
L3^dia schon zu weit eingelassen habe, da sei die Ehre mit im 
Spiel, denn er hat dem Lord Kohlstrunk und dem Marquis 
Bohnenstiel — die beiden Namen sind dann gestrichen — 
den Rang bei Lydia abgelaufen und steht vor der Ent- 
scheidung: »Was wird der Mylord, was wird der Marquis 
für ein Siegsgeschrey erheben ! . . . Wenn's auch nur National- 
stolz wäre, so mus ich dieses Abentheuer noch ausführen.« 
Und er singt: 

Ich will mit dieser Thorheit, ' 
Mit dieser schönen Thorheit' 
Mein JUnglingsleben schliesen: 
Und wann vor Hymens Strafgericht 
Man von Verrath und Untreu spricht, 
Dafür als Ehmann büsen. 

[Von vorn, bis schliesen.] 

Lydia verspricht, den Baron zu besuchen, wenn ihr 
Mann auf der Probe ist; dieser aber erscheint bei Faust, 
wird von ihm in einer widerlichen Scene um die Vermitt- 
lung bei Lydias Mann gebeten, und da es sich herausstellt, 
dass dieser Mann niemand anderer als Poltermann selbst 
ist, kauft ihm Faust um die 12000 Gulden Banco die Frau 
ab, die ihm Sidonia zur Erhaltung des Landgutes geschickt 
hat. Er muss also doch mit Nathan, dem Juden, we^en 
eines Darlehens unterhandeln. * Nathan jammert : »Gott 
behüt! die Zeiten sind schlecht, kein Geld untern Leuten, 
keine Handlung. Toleranzgelder müsen ohne Barmherzig- 
keit bezalt werden; Handwerke treiben wir nicht und 
wuchern sollen wir nicht.« Faust verlangt von ihm drei- 
tausend Dukaten, ist sogar bereit statt haaren Geldes 
Waaren zu nehmen: »Juwelen, oder sonst eine Waare, für 
die man gleich Geld bekommt.« 

Nathan, Besser als all das, Geld genug auf Ihr Lebtag. 
Euer Gnaden können ein groser mächtiger Herr werden. Ein 
Manuscript, gnädiger Herr! . . . 

Faust, Vom Goldmachen vielleicht ? Schurke ! ich glaub, 
du unterstehst dich gar mich fürn Narren zu halten. 

Nathan, Gott behüt I ist ein vornehmes Manuscript (zieht 
ein Heft Papier aus der Tasche) da steht drinn, wie man des 
König Salomons Siegel auflöst: da kommen die Geister, wie 
man's begehrt und bringen Gold, Silber, Edelgestein, aus der 



' Zuerst stand beidemale Sünde statt Thorheit. 
* Der Jude war eine Lieblingsfigur des Theaters. 



250 Abhandlungen. 



Erd, aus dem Wasser . . . die wissen alle Schätz' . . . o gnädiger 
Herr, das Maul wässert einem, wann man nur so davon red't. 

Faust. Dummer Kerl ! Warum machst du dann nicht 
selbst Gebrauch von der Beschwörung? 

Nathan, Ja wohl! Wann er uns nur kam! Wir habens 
oft genug probirt mit der kräftigsten Citation, er erscheint 
nicht. O brächt er uns Geld, er kam' gar nimmer in die 
HöU, er hätt' bey der Judenschaft zuthun, so lang ein Jud 
auf der Welt ist. 

Faust. Und was gibt man dann dem Teufel für all das Geld? 

Nathan. Ein Bagatell, Ihr Gnaden; die Seel last er sich 
verschreiben. 

Faust. Meine Seele?. . . Das nennst du nichts? 

Gesang. 

Nathan. 

Der Preis ist hoch : für schlechtes Gut ein sichrer Zahler. 

O gnäd'ger Herr! für hundert tausend Thaler, 

Verkauf ich mich und alle Seelen dieser Welt. 

Wer weis, woher sie kommen, was sie sind, wohin sie fahren ? 

Der Teufel nur zalt für dergleichen Waaren, 

Die niemand kennt, so vieles Geld. 

Faust, (nachdenkend) Den Spas könnt ich mir ia machen ; 
es kommt immer darauf an, ob ich unterschreiben will. 

Nathan. Freylich ; wann Euer Gnaden ihm nichts ver- 
schreiben wollen, so geht er wieder weg ; mir nichts, dir nichts. 

Faust. Was verlangst du für dein Manuscript. 

Nathan. Hundert Dukaten, gnädiger Herr, wann Sie 
glücklich sind. Sollt er aber nicht kommen, verlang ich nichts 
als mein Manuscript. 

Faust. Gib her; es steht doch alles drinn, wie man's macht? 

Nathan. Akurat, Akurat. 

Faust. Jetzt geh; komm morgen wieder. (Nathan ab.) 

Faust (klingelt; sieht ins Manuscript.) Ob das Ding wahr 
ist? sollt's kaum glauben; es müst mehr Geld in der Welt 
seyn. Vielleicht haben viel Leute den Muth nicht, oder sind 
nicht gescheid genug, den Teufel fUr'n Narren zu halten. 

Nun erscheint sein Bedienter Franz, und Faust eröffnet 
ihm: »Mit mir sieht's schlecht aus, Franz; der Jud gibt 
kein Geld her, das Landgut soll ich einlösen, der Wust 
von Kreditoren brummt mir alle Tage die Ohren voll; 
einige Wechsel sind auch verfallen, und wann das alles 
nicht in Ordnung kommt, so wird aus der Heyrath nichts. 
Ich werde zu verzweifelten Mitteln greifen müssen.« Ver- 
gebens bietet Franz seine und seiner Braut Pulcheria Er- 
sparnisse an, Faust will keinen Heller davon nehmen : »Ich 



Zur Faustsage. 25 1 



habe ganz andere Gedanken im Kopf; viel gewagt und 
alles gewonnen .... ich will den Teufel beschwören, 
was denkst du davon?« Franz aber meint: »Bey so be- 
trübten ^eldlosen Umständen sind Euer Gnaden noch ziem- 
lich lustig.« Da er dann hört, dass es Ernst ist, dass Faust 
schon diesen Nachmittag die Probe machen will, beschwört 
er ihn bei dem Andenken an seine Eltern und warnt ihn 
vor dem Teufel, dem man die Seele verschreiben müsse. 

Faust, Man verschreibt sie ihm wohl, aber man gibt 
sie ihm nicht. Hör* mich an. Du begreifst doch, dass wann 
die Mittel ihre Richtigkeit haben, wie man den Teufel herbey 
bringen kan, so sind auch die Mittel richtig, wie man ihn 
wieder vertreibt .... Hat der Frater Jodokus niemal erzelt, 
wie oft die Teufel gezwungen worden sind dergleichen Ver- 
sch;reibungen wieder heraus zu geben?' Glaubst Du auch an 
keinen Exorcismus? Was kan man nicht mit Geld alles machen! 
Man baut Kirchen, macht milde Stiftungen, ist der Termin 
bald aus, so setzt man sich in eine Kapelle, oder geht ins 
Kloster. 

Der Gedanke, den Teufel zu rufen, steht bei Faust also 
schon fest. Von dem Juden Nathan hat aberPulcheria alles ver- 
nommen und sogleich ihrer Herrin Sidonia berichtet. Diese 
ruft aus: »Das war' also die letzte Thorheit von meinem 
lieben Schwärmer. (Nach einigem Nachdenken) Faust! 
Faust! letzt bist du auf ewig mein!« Auf die Einwendung 
Pulcherias: »Euer Gnaden werden sich doch nicht mit ihm 
verpfänden, oder [ihn] heyrathen? er macht ihnen ia lauter 
Wechselbälge«, erwidert Sidonia: »Da sey unbesorgt. 
Alles Beschwören, Pakt machen, Teufel holen, ist elende 
Erfindung von Leuten, die sich in dummen Jahrhunderten 
die Gewalt anmasten unsre Seelen zu verwalten. Glaube 
mir, wann man die Teufel nöthigen könnte Geld zu bringen, 
so hätte schon mancher König aus der Hölle geborgt um 
eine Universal Monarchie zu errichten. Es wundert mich, 
dass der Baron so albernes Zeug glaubt, doch mir kommt 
seine Schwachheit letzt treflich zu statten. Erkundige dich 

fjenau, in welcher Stunde das Possenspiel anfangen soll; 
ass dich aber nichts merken, dass ich das geringste davon 
weis. Statt des Teufels werde ich in der Gestalt eines 
unterirdischen Geists auf die Beschwörung des Barons er- 
scheinen. Um das Ding recht glaubwürdig zu machen, 
must du einen guten Geist vorstellen, der ihn warnt. Zu 
den übrigen Rollen, die noch zu spielen sind, werde ich 
schon Leute finden. Franz darf von unsrem Vorhaben 



' Man denke an die Basiliuslegende z. B. De Proterii filia. Zeit- 
schrift für deutsches Aherthum 14, 467 oder an Theophilus. 



252 Abhaxdluxgex. 



nichts wissen. Dem Baron mache ich, durch ein Abschieds- 
schreiben, glauben, als wann ich, von seiner Aufführung 

zu sehr geärgen, in ein Kloster gegangen wäre « 

In einer Unterredung mit Faust lässt sie aber davon nichts 
merken, hört vielmenr seine sehr offenherzigen Bekennt- 
nisse ruhig mit an: »Wie sollte es Ihnen unbekannt ge- 
blieben seyn, dass ich wie der ausgelassenste Jüngling herum- 
tobte, der sich alle Ränke und \ erführungskünste erlaubte, 
dem weder der iungfräuliche Schleier, noch die Bande des 
Altars heilig genug waren, wann es darauf ankam, eine 
Lüsternheit zu befriedigen; der von einer Wollust noch 
nicht ermüdet, schon den Entwurf zu hundert andern machte 
und bey diesen heilosen Beschäftigungen ein ansehnliches 
Erbtheil verschwendete.« Er gelobt und schwört Besserung, 
Sidonia will aber von dem Schwur nichts wissen, das ge- 
schieht in einem Gesang, der den Act beschliesst. 

Bei Beginn des zweiten Aufzugs finden wir im Zimmer 
die Vorbereitungen zur Beschwörung: »Faust macht auf 
der Erde einen I^eis um sich mit verscniedenen Karakteren.« 
Franz soll helfen: »Streue diese Kräuter um den Kreis 
herum,« sagt ihm Faust; Franz aber warnt nochmals ver- 

ßebens: »Nehmen Sie wenigstens einen Hund oder einen 
[ahn, oder den verwünschten Juden mit in Kreis; ich 
habe gehört, dass der Teufel oft entsetzlich tobt, bis man 
ihm etwas zu zerreissen hinauswirft.« Franz wird hinaus- 
geschickt und nun beginnt die Beschwörung. 

Gesang, 

Faust, 

Bey dieses Zaubers Kraft, auf deinem Flammen Thron, 

Befehl ich Fürst der Hölle dir! 

Send', aus der Schaar verdammter Geister 

Der Teufeln mächtigsten zu mir. 

(Flammen und Donner: Sidonia [in einer 
Teufels-Maske] steigt aus der Erde herauf) 

Faust, (Nach einigen Zeichen des Schreckens) Was 
wilst du? 

Sidonia, Was wilst du? — Du ruftest mich ia! 

Faust, Deine Erscheinung kam mir zu plötzlich (erholt 
sich) du must auf mich gelauert haben; wie lang warst du 
unterwegs? 

Sidonia, Nicht länger als dein Wille mich zu sehen. 

Faust, (betrachtet den Geist aufmerksam) Frater Jodokus 
sagte mir, ihr habt Hörner und lange Schweife, warum finde 
ich diese Unterscheidungs - Zeichen nicht an dir? (hebt die 
lang herunterhangenden Beinkleider mit der Zauberruthe ein 
wenig in die Höhe) auch keine Bocks Füse? 



Zur Faustsage. 253 



Sidonia, Ich bin von der Gattung Geister, die zu Missionen 
gebraucht werden. Es ist nothwendig, dass wir mit Anständig- 
keit in dem Gewand iedes Geschlechts, Standes und Nation 
erscheinen. Auf unsre gehörnte Köpfe würde keine Staats 
Peruke, keine Calotte , kein Turban passen, und wie könnten 
wir den häslichen langen Schweif in engen französischen 
Beinkleidern verbergen. 

Es folgen Witze über die Frauenkleidung, bei der sehr 
gut die Hörner und der Schweif versteckt werden könnten; 
aber Sidonia erwidert: Wäre noch unschicklicher: in artiger 
Weibes Gestalt sind wir alle Augenblicke in dem Fall die 
Füse sehen zu lassen. Stelle dir den Schrecken eines Hippias 
vor, wann er seiner Danae ein Strumpfband befestigen wollte. 

Faust, Ich habe doch etwas ähnliches in einem grosen 
Buch gelesen * — doch weiter zur Sache; ich brauche nur 
deine Macht, nicht deine Gestalt. Von welcher Gattung 
Teufeln bist du? 

Sidonia, Von den schlimmsten und mächtigsten. 

Faust. Dein Name? 

Sidonia, Allegro. 

Faust. Man sagt ihr seyd Herrn über unermessliche 
Schätze und könnt solche geben, wem ihr wollt. 

Sidonia. Das sind wir und das können wir. 

Faust. Du wirst also alles , was ich von dir verlange, 
aufs schleunigste herbey schaffen? 

Sidonia. Deine Beschwörung verbindet mich dazu. Be- 
gehrst du Millionen? so geschwind als dein Wunsch, sind 
solche in deiner Macht. Gelüstet dich nach Mädchen, wie 
sie die Schöpfung als Meisterstücke aufstellen könnte ? augen- 
blicklich findest du sie in deinem Bette, oder auf deinem 
Sofa. Verlangst du fremde Länder zu sehen ? so geschwind 
als dein Finger auf der Landkarte fährt, führe ich dich von 
einem Pol zum andern. 

Faust. Wunderdinge ! — geschwind eine Probe, Allegro ! 

Sidonia. Höre mich erst an. Die Dienste, die wir euch 
Menschen leisten, sind zweyerley, Scheindienste und wesent- 
liche; erstere geschehen aus Zwang, die andern, wann wir 

durch Verträge dazu verbunden sind blos durch diesen 

Zauber (deutet auf den Kreis, in welchem Faust steht) kanst 
du mich zwingen, augenblicklich hundert tausend Dukaten 
in deine Kasse zu liefern ; dasienige , was ich dir bringe, 
siehst du für Dukaten an, eigentlich aber und in andrer Leute 
Augen sinds Glasscherben. Die du als das schönste Mädchen 



' Mit dieser Stelle wird vermuthlich auf Wielands Agathon an- 
gespielt. 



254 Abhandlungen. 



umarmst, ist die älteste aus einem alten Weiber Spital; und 
wenn du fest glaubst, du befindest dich in einem prächtigen 
Hotel zu Paris, so liegst du in einem Schweinstall. 

Faust, Das wäre ia teuflisches Blendwerk und Betrug? 

Sidonia. Du urtheilst nicht ganz richtig: Wann wir 
einander näher kennen, will ich dich vom Werth der Illusion 
belehren. Höre mich weiter. Durch unsre wesentliche Dienste 
erhältst du alles, was du verlangst, in seinem eigenen wahren 
Werth. Vor deinen und aller Menschen Augen sind alsdann 
unsre) Dukaten, Dukaten; unsre schönen Mädchen, schöne 
Mädchen ; und Paris, ist Paris. Zu dieser Gattung Dienst sind 
wir aber nur verbunden, wann ihr uns dafür bezalt. 

Faust, Und diese Zahlung besteht? 

Sidonia. Du unterschreibst eins von unsern Formularen 
(gibt Faust einen Zettel). 

Faust, (liest) »a dato in etc. etc. übergebe ich Endesunter- 
schriebener, an Innhaber dieses, oder dessen ordre, meinen 
Leib und Seel, den Werth dafür habe richtig erhalten.« Es 
ist ia keine Zeit bestimmt wie lange du mir dienen wilst? 

Sidonia, Da werden wir schon über eins kommen. 

Faust, (beyseite) Ich wills ihm erst recht sauer machen, 
betrogen wird er ohnedem) ich dächte fünfzig Jahre. 

Sidonia, Kaum die Hälfte. Mit deinem Temperament und 
vielem Geld, lebt man ohnehin nicht lang. 

Faust will vom Teufel Geld zu leihen nehmen, darauf 
geht »der Teufel« nicht ein: Wir sind keine Geld Ausleiher, 
wir sind Kaufleute. 

Faust, Ein schöner Handel ! — Habt ihr sonst nichts zu thun? 

Sidonia. Ja, wir sind bestimmt, euch zum Bösen zu ver- 
suchen, die Vollführung leicht und angenehm zu machen und 
für kurz genossene Freuden ewig zu peinigen. 

Faust, Ein sonderbarer Beruf! — Bey dem Verhältnis 
vom wenigen Guten zum unermesslichen Übel, ist kaum zu 
glauben, dass ein Mensch euern Versuchungen Gehör geben sollte. 

Sidonia, Warum nicht? Das Verlangen zum Vergnügen 
ist natürlich und so lang ihr Natur seyd, werdet ihr diesem 
Trieb nicht wiederstehen (!) können. Ihr selbst habt das Ver- 
gnügen zur Sünde gemacht, ftlr die ihr gestraft werden wollt; 
wir eure Plag Geister thun nichts, als wozu ihr uns berechtiget. 

Faust, Auf diese Weise entgeht euch ia nichts, was Blut 
und Nerven hat? 

Sidonia, Sehr wenige. 

Wenn er der Hölle nicht entgehe, dann sei eine Ver- 
schreibung unnöthig ; die Hölle verlangt sie : »Nicht weil ich 
dadurch deine Höllenfarth gewisser mache, aber ich will sie 
feierlicher machen.« Faust schwankt noch, da droht ihn Sidonia 
zu verlassen: »Fahre nach einem kurzen unbedeutendem 



Zur Faustsage. 255 



Leben verzweifelt zur gewissen Hölle. Indessen ergehe es 
dir schlecht.« Da fragt er nach den künftigen Leiden. 

Sidonia, Siehe mich an ! erblickst du in meinem Gesicht 
eine Spur von Marter ? 

Ich wähle meinen Zeitvertreib 

Bey Evens Töchtern, Erden Söhnen; 

Ich bin bey Jünglingen ein Weib, 

Ein holder Jüngling bey den Schönen. 

Ich fühle nie der Menschheit Weh und Plage 

Beym Lärm der Tafel, beym Champagner Wein 

Und schlummre sanft, nach durchgeschwelgtem Tage, 

Auf Pflaumen Polstern [sicI] ein. 

Faust. Auf die Art sollte man sich in die Hölle beten. 
Pater Cochem macht eine ganz andre Beschreibung davon, 
ob er gleich damals keine Kenntnis des Orts hatte. 

Es ertönt plötzlich Musik. Faust, Wie schön! — Wie 
harmonisch ! — Du kamst mit einem Geprassel von Donner 
und Feuerflammen. 

Sidonta, Der kommt von oben, ich kam von unten. 

Pulcheria kommt aus den Wolken in Geists Gestalt, weis 
gekleidet, mit einem Schleier über das Gesicht und singt : 

Der Hölle Redner lügt. Faust ! lass dir rathen : 

Sieh ! Wie er gierig nach dir blikt. 

Bald wirst du in der Luff"! zerstükt, 

Von Teufeln wieder ausgeflikt. 

Mit Pech und Schwefel durchgespikt 

Und ewig an dem Spies gebraten. 

Noch ist zur Rettung Zeit. Faust ! lass dir rathen. 

Faust. Was bringt dich hieher? woher kommst du? 

Pulcheria, Mein Beruf dir zu dienen. Ich komme aus 
den obern Sphären. 

Faust, Sey mir willkommen. Wie nennt man dich? 

Pulcheria, Piano ist mein Name. 

Faust, Sey mir vom Herzen willkommen Piano ! einen 
Augenblik später, so hätte dieser höllische Geist eine Ver- 
schreibung auf meinen Leib und Seele von mir erschlichen. 
Wie sehr mus ich dir für deine Eilfertigkeit danken. 

Pulcheria, Wir kommen nie zu späth, für dieienige, die 
unsern Rath brauchen; folge mir und du bist gerettet. 

Sie verspricht Rath, und verlangt nichts daftlr, aber Hilfe 
kann sie keine bieten: Glaubst du, Faust! dass wir edlen 
Geister uns mit den elenden Bedürfnissen sterblicher Menschen 
abgeben ? Nur irdisch gesinnte Wesen kleben an der Begierde 
nach Gold. Entsage den Lüsten, die dich an die Welt fesseln 
und schwing dich mit kühnem Flug über die Freuden dieser 
Zeitlichkeit hinweg. 



256 Abhandlungen. 



Das versteht aber Faust nicht, und Sidonia lacht ihn 
aus, während Pulcheria ihn vor dem Teufel warnt: 

Hör ihn nur an, so bist du in Gefahr; 

Er hat schon Even vorgelogen, 

Die doch das klügste Weibchen war. 

Und ihren guten Mann betrogen. 

Da hält er dich mit Schmeicheley, 

Mit Blendwerk und mit Gaukeley 

Verstrikt bis an dein Ende hin: 

Dann lacht er deiner Thränen, deiner Reu', 

Auch hilft dir keine Zauberey, 

Kein Teufelsbanner bändigt ihn. 

Du wirst auf ewig in sein Nez gezogen. 

Faust möchte sich am liebsten mit ihm nicht einlassen, 
wenn er nur ein Rettungsmittel wüsste. 

Pulcheria, Verachte seine Anerbietungen und erwarte 
dein Geschik. 

Pulcheria, 
Mit seinem Gold bist du verlohren, 
Er führt dich in die Hölle ein 
Und du bist sein. 

Faust, 
So zahle meine Kreditoren ; 
Lös' das versetzte Landgut ein, 
Und ich bin dein. 

Sidonia, 
Ich zahle deine Kreditoren, 
Lös' das versetzte Landgut ein, 
Und du bist mein. 

Pulcheria und Sidonia zugleich. 
Sidonia, Ich helfe dir, ergib dich mir ergib dich mir. 
Pulcheria, Ich rathe dir, ergib dich mir ergib dich mir. 

Pulcheria, 

Du kennst noch nicht des Teufels Stärke. 
Er macht dir nur ein Blendwerk vor; 

Sidonia. 

Verlass dich nur auf Wunderwerke, 
Und lebe ängstlich wie ein Thor. 

Pulcheria und Sidonia zugleich. 

Pulcheria, 

Nur ich kann deine Seele retten. 
Zerbrich des schlauen Feindes Ketten, 
Ich will dein Tröster seyn, 
^ Ich rathe dir, Ergib dich mir, Ergib dich mir. 



Zur Faustsage. 



257 



Sidonia, 

Nur ich kann dich von Schulden retten, 

Ich leite dich an goldnen Ketten, 

Und will dein Helfer seyn. 

Ich rathe dir; Ergib dich mir. Ergib dich mir. 

Faust, 

Was soll der Lärm, das schrey'n ! 

»Ergib dich mir, Ergib dich mir«. 

Mich last ihr hier 

Wie einen Narren stehen. 

Zu meiner Rettung ist noch nichts geschehen. 

Faust, Pulcheria, Sidonia zugleich. 

Faust, 

Was hilft das rathen; 

Eilt, helfet mir. 

Sonst könnt ihr beyde gehn, 

Ich will euch gar nicht wiedersehn; 

Dich weisen Geist, dich Satans Knecht, 

Die Hülf ist theuer, der Rath ist schlecht. 

Pulcheria, 

Ich kann nur rathen; 

Faust, folge mir! 

Ich kan nicht von dir gehn, 

Du wirst bey mir um Hülfe fleh'n 

Und ängstlich schrey'n : Piano hat Recht, 

Der Rath war gut, die Hülf ist schlecht. 

Sidonia, 

Ich bring Dukaten, 

Verschreib dich mir. 

Ich kan nicht von dir gehn. 

Du wirst bey mir um Hülfe fleh'n 

Und ängstlich schrey'n, Allegro hat Recht, 

Die Hülf war gut, der Rath ist schlecht. 

Da bringt Franz ein Papier, es ist ein Verhaftsbefehl 
wegen Schulden: sofort unterschreibt Faust den Contract 
mit dem Teufel, Sidonia nimmt ihn und verschwindet zu- 
gleich mit Pulcheria. Da verzweifelt Faust: »Himmel! ich 
unglücklicher! — Betrug, Hölle, Raserey, Franz! Franz! 
wo ist der Teufel? — schaffe mir den Teufel. Lauffe, fliege, 
hier stand er. 

Franz, Seyn ihr gnaden froh, dass er weg ist. 
Faust, Dummkopf! unsinniger! (sinkt auf einen Stuhl) 
ach guter Franz ! er hat meine Verschreibung und ich kein Geld. 

Gobthb-Jahrbvch XIV. 17 



258 Abhandlungen. 



Auf seinen Ruf erscheint Allegro, die Verschreibung ist 
»in der Hölle.« Das Geld wird täglich da sein, für die heu- 
tigen Bedürfnisse ist schon gesorgt. Franz muss das Geld 
holen und bringt einige Beutel. 

Faust, Wahrhaftig! schöne Dukaten — Franz! siehst 
du mit deinen Augen das auch für Dukaten an? 

Franz, Nu freylich wohl: schöne, neue Dukaten; sind 
auch gar nicht heis. 

Faust, Gut! gut! Allegro, du bleibst beständig bey mir, 
aber nimm eine andre Gestalt an, damit du öffentlich in 
meinem Haus herum gehen kanst. 

Sidonia. In welcher Gestalt soll ich dir dienen? 
Faust, Wie du wilst. — als Wirthschafterinn. (Sidonia ab.) 
Faust gibt nun Befehl den Frater Jodokus Kauz den 
Eremiten, zu holen, mit den frommen Stiftungen: »da hats 
noch Zeit;« darüber singt nun Franz eine Strophe. Nun 
erfährt aber Faust, dass Sidonia wegen seiner Schändlich- 
keiten ins Kloster gegangen sei, was sie ihm in einem 
Briefe mittheilt. Da ruft Faust : 

Barmherziger Schöpfer ! in welchen Abgrund bin ich 
versunken! — diesseits und ienseits des Lebens unerträgliche 
Marter von diesen Händen zubereitet. Sidonia ! ewig geliebte 
Sidonia! aus Furcht dich zu verlieren, wagte ich den ent- 
setzlichen Schritt, mit dem ich auf einmal iedes besondere 
Reich der Qualen betretten habe. — 

Er will erfahren, w^o Sidonia ist, Pulcheria meint, das 
sei ein Geheimniss. 

Faust, Ein Geheimnis? für mich solPs im Mittelpunkt 
der Erde kein Geheimnis bleiben. Wer Sidonia verliert und 
keine Seele mehr zu verlieren hat, wagt alles! 

Aber Pulcheria darf nicht einmal einen Brief annehmen 
und eilt ab, da singt Faust: 
Zerreist ! 

Des martervollen Lebens 
Feste Bande ! Vergebens 

Hofft der abgehärmte, von dir Sidonia getrennte. 
Zur Qual verdammte Geist 
Des Jammers Ende. 
Gerechtigkeit des Himmels reiset 
Oft Späth, doch allemal 
Zur Strafe, nicht zu ew'ger Pein, 
Den frechen Sünder. Ich allein 
Bin Satans Sklav aus eigner Wahl, 
Bin selbst der Schöpfer meiner Leiden, 
Mein eigner Mörder, Räuber meiner Ruh, 
Und eile toll vom Schoos der Seligkeiten 
Den Furien der Hölle zu. 



Zur Faustsage. 259 



Zerreist ! 

Des martervollen Lebens 

Feste Bande! Vergebens 

Hofft der abgehärmte, von dir Sidonia getrennte, 

Zur Qual verdammte Geist 

Des Jammers Ende. 

Meine Situation ist zu erschrecklich, zu unerträglich. Sidonia 
— oder — geschwind zur Verdammnis. 

Faust ruft Allegro und verlangt zu Sidonia gebracht zu 
werden, das kann aber Allegro nicht leisten : 

Faust. Verräther! für deine Prahlerey verlangtest du 
meine Seele? 

Sidonia, Bescheiden, Faust! oder zur Hölle. 

Faust, Zehn, zwanzig, hundert Höllen; zerreiss' mich, 
schlepp' ieden Theil in eine besondere Hölle, aber führ mich 
zuerst zu meiner Sidonia. 

Allegro will ihn zu Lydia bringen, worüber Faust 

fanz wüthend wird. Allegro darf den heiligen Ort, wo 
idonia ist, nur dann betreten, wenn er seinem »Oberhaupt 
noch eine Seele« erwirbt; er schlägt Franz vor, der aber 
meint: »Grosen Dank . . . meine oeele ist Fideicommiss« 
Faust bestärkt ihn in seinem Widerstand, aus Liebe und 
Treue zu seinem Herrn unterschreibt dann aber Franz doch: 
»Es ist ohnmöglich, dass man wegen einer Tugend ver- 
dammt werden sollte. (Zu Sidonia) Von ihren Schätzen 
und ihren Künsten .... verlange ich nichts, keinen Tropfen 
Wasser im heftigsten Durst.« Mit einem Gesang, in dem 
Faust Vertrauen auf Jodokus' Kunst, Franz Zweifel äussert, 
schliesst der Aufzug. 

Nun tritt Jodokus auf und rühmt sich seiner Teufeis- 
bahnungen ausführlich; Faust möchte die Kunst lernen, 
Jodokus erwidert: »Sie heisens die Simonie, wanns unser 
einer einem andern lernt, aber Simonie hin, Simonie her, 
fürs Geld thun wur alles.« ' In einer Scene mit Sidonia 
versucht nun Jodokus seine Kunst, er wirft Zettel auf sie 
und spricht: »Hoccus poccus Kikerifix fermati male Spiritus !« 
Aber bei ihr verfängt nichts, ja sie versteht ihn durch hand- 
greifliche Koketterie so zu bezaubern, dass er auf alle ihre 
Plane eingeht, sogar den Contract mit dem Teufel unter- 
schreibt, äamit sie nur bei ihm wohne. Sidonia verspricht, 
sich zu stellen, als habe sie der Einsiedler festgebannt. Das 
wird dann in einer komischen Scene mit Faust und Franz 
gezeigt. Plötzlich hat Franz das Bedenken: »Gnädiger Herr! 



' Vgl. Nestroys: »Ich bin der Mann, der für Geld alles thut.« 



17* 



26o Abhandlungen. 



wir haben ia unsre Verschreibungen noch nicht; wann 
der [sie] Kanaille los kam, er zerriss' uns gleich in hundert- 
tausend Stücke.« 

Sidonia (schnell auffahrend) Ja, das wird er auch. Un- 
dankbare, schändliche Verräther ! Der Gaukler da sollte mich 
bannen? mich? dem Satans Leibgarde zu Gebott steht? Holla! 
Mismey, Keredith, Bares, Griffarth! (es erscheinen vier Teufeln) 
bewacht diese zwey (auf Faust und Franz deutend) diesen 
wollüstigen Schlingel (zu Jodokus) werft im Mist herum, bis 
ich ihn brauche. Schärft eure Klauen, in ein paar Stunden 
gibts Arbeit. (Jodokus von Teufeln weggeführt. Sidonia ab.) 

Faust, (äusserst betrübt) Franz! — 

Franz, (weinend) Gnädiger Herr ! — (werden von Teufeln 
weggeführt.) 

Sidonia beschliesst, Faust und Franz noch einigeZeit zappeln 
zu lassen; sie fertigt den Autor Händewerk mit den Worten 
ab : »Faust . . sprach von Plagiat und dass er die Sachen schon 
im Marivaux und Gozzi gelesen habe. Ihre Original - Arien 
waren ihm schon aus andern Singspielen bekannt.« Doch 
schenkt sie ihm 50 Dukaten. Hierauf kommt Lydia und zu 
ihr wird Faust mit Franz gelassen (III 7): 

Lydia, Ist's wahr Herr Baron ! dass Sie der Teufel heut 
noch holen wird? eben hat man*s auf dem Theater gesagt. 
Isabella hat schon den Plan zu einem Drama von ihrer Ver- 
teufelung entworfen. Ich hatte kaum Zeit, mich umzukleiden. 
Sie erinnern sich doch noch des brillanten Schmuks, den Sie 
mir versprochen haben ? (sieht auf die Uhr) vor einer Stunde 
kommt er wohl nicht? 

Faust, Schändliches Weib ! wann auch meine Ausschwei- 
fungen und deine Raubsucht mich veranlast hätten, aus der 
Hölle Geld zu borgen, so solltest du doch bey dem schrek- 
lichen Augenblik, der mich in eine Ewigkeit von Qualen dahin 
schleudert, keinen Eigennutz bliken lassen, der mich, um ihn 
zu befriedigen, den Teufeln noch verbindlicher macht! 

Lydia, Geht ihr Vertrag mit Satan nur auf eine bestimmte 
Summe ? Da haben Sie einen dummen Streich gemacht. Sie 
würden deswegen nicht mehr und nicht weniger braten, ob 
Sie noch ein paar taussend Thaler ziehen oder nicht. 

Es folgen einige Unflätigkeiten Lydias. 

Faust, Schandfleck deines Geschlechts! o hätte ich dich 
nie gekannt, wegen deiner leichtfertigen Bereitwilligkeit bin 
ich verdammt. 

Lydia, Armer, schwacher Geist! fahren Sie wenigstens 
wie ein Mann zur Hölle. Wie lang ist's, dass mich der lieb- 
schmachtende Baron versicherte, er wollte gern für eine Nacht 
in meinen Armen hundert Jahre im Fegfeuer schwitzen. 



Zur Faustsage. 261 



Faust. Du quälst mich durch die Wiederholung dieses 
unsinnigen Gemeinspruchs mehr, als ein Teufel. Entferne 
dich ! tlberlass mich meiner Verzweiflung. 

Nachdem sie von Faust noch kräftig verflucht worden, 
geht sie mit einer derben Wendung ab. Die beiden Ver- 
dammten sind nun allein. 

Faust. Könntest du mich nicht trösten, Franz? erzähle mir 
etwas von geretteten Sündern, von unverhofften Erscheinungen, 
von htllfreichen Engeln. An deiner Stelle war mir's nicht bang. 
Du kannst dich auf die Gerechtigkeit des Himmels verlassen. 

Franz, Und Sie auf seine Barmherzigkeit, die ist eben 
so gros: aber wir haben nicht Zeit uns mit Hofnungen zu 
trösten, es ist gleich Mitternacht. 

Faust. Sollte dann die Hölle so garschreklich seyn? Allegro 
hat mir seinen Aufenthalt daselbst ganz erträglich beschrieben. 

Franz. Ach gnädiger Herr! haben Sie einmal gehört, 
dass ein Wirth an seine Thüre schreibt : hier wird man schlecht 
bedient. Ich glaube die Hölle hat keinen geschiktern Geist 
zum Verführer, als diesen Allegro. Nun hält er uns fest. 
Nicht einmal in eine Kapelle können wir uns retten. 

Faust. Da wären wir eben so wenig sicher. Hat er 
nicht durch deine Verschreibung die Macht erhalten, auch 
geheiligte Örter zu betretten? 

(Sidonia kommt). 

Sidonia. Warum so tiefsinnig Faust? geniese die halbe 
Stunde, die du noch auf der Welt zu bleiben hast. Es ist 
eine wunderschöne Sängerinn aus Bologna hier angekommen, 
sie hat gleich nach dir gefragt ; soll ich sie herbringen ? 

Faust (aufmerksam) Eine Sängerinn? sollte mein Ruf 
schon im Wälschland — ich unsinniger! wohin verirre ich 
mich? — Von der Verdammnus schon ergriffen, wagt die 
verurtheilte Seele noch einen Gedanken an eine Lieblingssünde. 

Sidonia. Der Grad deiner Leiden ist schon bestimmt, eine 
Sünde mehr oder weniger vermehrt oder vermindert sie nicht. 
Vcyrlass die Welt auf eine galante Art, die Sängerinn ist schön. 

Franz. Abscheulicher Geist! verschone meinen Herrn 
mit deinen Versuchungen. Wilst du ihm allen Anspruch auf 
Gnade rauben? 

Sidonia. Stille da! ich erlaube dir nicht zu reden. Seufze, 
wann du Langeweile hast. 

Faust. Und wer hat dann meine Qualen bestimmt? 

Sidonia. Ich. 

Faust. Du könntest also meine Strafe leidentlicher machen? 

Sidonia. Jetzt ist's schon zu späth. 

Faust. Verschone mich wenigstens mit der erschrek- 
lichen Scene der Hinfarth, lass mich eines natürlichen Todes 
Sterben und dann — o entsetzlich! — 



262 Abhaxdluxgex. 



Sidonia. Du musst deine Rolle durchspielen, so lautet 
dein Urtheil. 

Nun kommt der Jude Nathan und verlangt das Geld und 
sein Manuscript, schliesslich wird »von ein paar Teufeln« 
Jodokus herbeigeführt. 

Sidonia, Faust! Franzi Kauz! es ist Zeit. 

(Flammen und Donner ; die Hölle öffnet sich : 
am Rand des Abgrunds sind einige drohende 
Teufeln, andre beschäftigen sich mit Unter- 
haltung des Feuers.) 

Chor von Teufeln, 

Das Feuer ist zu klein, 

Die Hölle mus noch heiser seyn, 

Werfft immer Pech und Schwefel drein: 

Lasst den Verdammten keine Ruh, 

Dekt sie mit Glut und Flammen zu. 

Das Feuer ist zu klein. 

Die Hölle mus noch heiser sevn. 

Gesang, 
J'aust, Franz, Jodokus, alle drey zugleich. 

Rettung ! Erbarmen ! 

Hülfe mir Armen ! 

Der Furien Chor 

Heult aus der Hölle hervor. 

Sie schnauben, Sie schauen 

Auf mich! die Klauen 

Halten Sie schreklich empor. 

Rettung ! Erbarmen ! 

Hülfe mir Armen! 

Der Furien Chor 

Heult aus der Hölle hervor. 

(Pulcheria erscheint als Geist) 

Pule her ia. 

Ich seh* den Kampf, den deine Seele leidet, 
Husfertiger! der Augenblick ist da, 
Der dein Geschik entscheidet. 
Vielleicht ist deine Rettung nah. 

Faust. 
Vielleicht ! 

Ein schlechter Trost, wann schon 
Der Hölle Schlund sich zeigt 
Und wilde Teufeln droh'n. 



Zur Faustsage. 263 



Sidonia, 

Nur deine Furcht denkt diese Pein so gros, 

Du bist es nicht allein, 

Den der Verdamnus Loos 

Betrifft. Siehst du die Teufeln springen? 

Hörst du sie singen? 

Die Hölle mus erträglich seyn. 

Faust. 

Beelzebubs Gesandter, schweig! 

Unseel'ge Geister, für dein Reich 

Erschaffen, fühlen keine Qual: 

Doch der ein Kind des ew'gen Lichts gebohren, 

Muth willig, frech, aus freyer Wahl 

Sein hohes Erbe hier verlohren 

Vom Pfad der Seeligkeit, zurük 

In Satans Sklaverey 

Versinkt, fühlt ieden Augenblik 

Der Hölle Marter neu. 

Gesang, 

Faust, Franz, Jodokus, alle drey zugleich. 

Rettung! Erbarmen! etc. etc. 

Sidonia, (greift nach Faust und Franz ; zu dem Eremiten) 
Herbey du! mit deinem Hoccus poccus. 

Fulcheria (reisstFranz zu sich. ZuSidonia) Der gehört mein. 

Sidonia, Wer gibt dir ein Recht über meinen erkauften 
Sklaven ? 

Fulcheria, Hier ist seine Verschreibung. Erkenne hieran 
meine Macht. 

Franz, Dank! ewigen Dank! lieber guter Geist, aber 
könntest du nicht auch meinem armen Herrn helfen ? 

Fulcheria, Er gehört Allegro zu, ich habe keine Gewalt 
über ihn. 

Faust, O Franz! mein Herz ist gefühllos zur Freude, 
aber meine Qualen mindern sich , wann ich dich nicht in 
meiner unglücklichen Gesellschaft leiden sehe. Erzele meiner 
Sidonia das schrekliche Ende meines Lebens. Vielleicht be- 
dauert Sie mich — Vielleicht weint Sie mir eine Thräne auf 
meinem Grab — Grab? — ach ich habe keines! — Gottes 
Thau und Regen netzt meinen Staub nicht — Ich sterbe 
nicht — auch der Tod, dieser Ruhe Punkt zwischen Leben 
und Hölle, ist mir versagt — der Mörder, der statt toden 
Musik seine Knochen zerschmettern hört, stirbt sanft unter 
dem Rad — er hofft — hier, hier um dieses Herz sind Boll- 
werke von Gedanken an Hölle und Ewigkeit, da dringt kein 
Strahl von Hofnung durch. Ewigkeit! — da am Abgrund 



264 Abhandlungen. 



bist du kein Wort mehr, du bist Qual von zehn Legionen 
ergrimmter Teufeln auf ein einiges armes Erden Geschöpf 
hingewälzt — (Zu Sidonia) Erfinde mir einen Begriff von 
einer halben Martervollen Ewigkeit, verdamme mich dazu 
und du bist mein Wohlthäter — Sage mir: sey Nichts! und 
du bist ein Bote der Seeligkeit. 

Chor von Teufeln, 

Das Feuer ist zu klein etc. etc. 

Faust, Haben die Teufeln Erbarmen? — (mit verzagtem 
Blik gegen die Teufeln gekehrt) ist einer von euch mitleidig? 
(Einige Teufeln gehn wenig Schritte gegen Faust zu und 
drohen, Faust stürzt sich in die Arme des Franz) Hinweg! 
hinweg! (die Teufeln weichen zurük) Dein Bräutigam, Sidonia! 
— wein* ihm eine Thräne in die Hölle nach — kein mensch- 
licher Trost begleitet ihn, die fürchterliche Scene hat dem 
Mitleid die Zunge gelähmt — Auch du schweigst, Piano? 
Pulcheria, Du hattes deinen freyen Willen. 
Faust, Nun habe ich das Schreklichste gehört. Allegro! 
tilge mich in Abgrund! — Zur Hölle! zur Hölle! 

(Die Schaubühne verändert sich ; die Hölle ver- 
schwindet, statt derselben erscheint eine prächtig 
erleuchtete und besetzte Tafel, um welche Bediente 
und Kinder mit Hochzeitkränzen stehen.) 

Gesang, 
hinter der Scene. 

Die Hölle weicht: kehr zu der Freude um. 
Die Liebe ist dein Retter, 
Sie macht aus Teufeln Liebes Götter 
Und aus dem Abgrund ein Elysium. 

Allgemeine Erkennung, Glück folgt, ein Rundgesang 
schliesst das Ganze. Die Verwandluns; der Hölle in einen 
glänzenden Festsaal erinnert an den Dchluss des Don Juan, 
wo die umgekehrte Verwandlung vor sich geht. 

Die Erfindung des Singspiels ist ungeschickt genug: 
in einer gewöhnlichen Wohnung plötzlicn solche Zauber- 
scenen! aoer gerade deshalb dürfen wir wohl diesen Theil 
als einen Abglanz des volksthümlichen Faustdramas an- 
sehen, freilich in einer aufklärerischen Verbalhornung. Es 
ist unnöthig auf die Ähnlichkeiten im Einzelnen aufmerksam 
zu machen, sie leuchten wohl von selbst ein. 

n. 

DER TEUFELS? ACT. 

Wegen der Ähnlichkeiten mit der Faustsage sei einer 
Aufzeichnung gedacht, die sich in der Handschrift der 



Zur Faustsage. 265 



Wiener Hofbibliothek No. 12,620 Olim Suppl. 59^, einem 
Miscellancodex des ausgehenden 17. una begmnenden 
18. Jahrhunderts befindet und die fol. 28b— 29b füllt. Die 
einzelnen Puncte dieses Vertrags nehmen Rücksicht auf 
bekannte Täuschungen durch den Teufel, die auch in der 
Faustsage vorkommen, und suchen den Vertragschliessenden 
vor ihnen zu sichern. (Vgl. Kloster III, S. 049 ff.) 

FACTA 

Vndt VerbtlndtnUss dess in der Bastille zu Pariss In uerhafft 
Sietzenden hertzogs von Luxenburg So Er mit dem leydigen 
Sathan getroffen. Aus dem frantzösischen inss teutsche versetzt 
A° 1680. 

Die gantze Weldt Verwunderte sich zum höchsten, undt 
kundt Ihr nit Einbilden, auss wass Vor Uhrsachen doch der 
in dem jüngst Vergangenen Niederlandischen Kriege, theils 
durch tapffere Kriegs Actionen, theilss aber durch Barbarische 
»VndtVnmenschliche« Vertlbte gräuelthaten (wouon die beede 
schöne holländ. flecken budegraw Vndt Schwemmerden Ein 
Vnaussläschliches Zeugntlss, So lange die Weldt stehen wirdt, 
werden geben können) in gantz Europa beruffene Hertzog 
von Luxemburg So plötzlich Vndt wieder aller Menschen 
Vermutthen in dess aller Christlichsten Königs Von Frankreich 
Vngenade gerathen, dz Er in die so genandte Bastillie zu Pariss 
in enge Verhafftung gesetzet worden; Es gienge zwar inss 
gemein die Sage, Vndt Vermutten dahien, alss ob Er bey der 
so beschryenen giefft Sache mit Interessiret gewesen, welches 
man, weilen hieruon keine gründtliche nachricht verbanden, 
an seinen Ohrt gestelt Sein last, iedoch aber hat man nach- 
gehendts Erfahren, dz derselbe in Seinem gefangnuss ausge- 
saget undt bekennet, dz Er sich mit dem hellischen Mordt- 
feindt dem leydigen Sathan in Eine Verbtlndtnuss auff nach- 
gesetzte Puncta Eingelassen, Vndt Sich mit Ihme folgender 
Massen Verbunden habe. 

I**. Solstu Lucifer mier also baldt 1 000 8^ baaress geldt liefern. 

2°. Alle Erste Dienstage eines ienns Monats 1000 U liefern. 

3®. Soll dieses Von dier mier gebrachte geldt, geb- undt 
gangbar Sein also undt der gestalt, dz nit allein Ich, 
Sondern auch allen, denen ich dauon geben werde, 
solches zu Ihren Nutzen anwenden Vndt gebrauchen 
können. 

4°. Besagtes geldt soll nit falsch oder Betrüglich, noch 
von Einer Solchen Materi Sein, welche Vnter der 
Handt Entweder verschwindet, oder zu Stein Kohlen 
Vndt dergleichen wirdt, sondern Es soll dass selbe von 
solchem Metall Sein, welches von Menschen bänden 



266 Abhandlungen. 



geprächt worden, undt in allen Ohrten Vndt landen, 
wo ess auch hien kommen mag, gültig Vndt gang- 
bar Sein. 

5°. Wofern Ich eine gutte Summa geldess Vonnöthen 
haben werde. Es möchte auch Sein Zu wass Vor 
Einer Zeitt, oder Zu wass vor einen gebrauch es immer 
wolle, so solstu obligirt Sein, mier Verborgene oder 
vergrabene Schätze ein zu händigen, undt zwar nicht 
also, dass ich dieselbe an dem ienigen Ohrte, wo sie 
verborgen oder vergraben sein. Selber Erst heben 
mtlsse, sondern du Solst mier Selbige, ohne einige 
meine Mühwaltung, an dass ienige Ohrt, wo ich mich 
Zur Selben Zeitt auffhalten werde. Zu banden liefern, 
darmit nach meinem belieben Zu thun Vndt Zu walten. 

6\° Solstu mich weder an meinem leib- noch gliedern 
beschädigen, noch an meiner gesundtheit angreiffen, 
sondern mier dieselbe ohne einige Menschliche Schwach- 
heit undt gebrechen 50 Jahr lang Vnuersehrter Er- 
halten. 

7"?° Dafern Ich aber ie wieder Verhoffen, in eine Krank- 
heit fallete, undt du Solches nicht Verhindern köntest, 
so Solstu mier heilsame Vndt bewehrte Mittel oder 
Artzneyen Verschaffen, Vndt zu meiner Vorigen ge- 
sundtheit, Sobaldt es möglich sein wirdt, verhelffen. 

8v° Die Jahre, aufweiche Wier Vns mit einander Vergleichen 
werden, sollen in 1 2 Monathen, wie ess nicht allein in 
Frankreich, Sondern auch in der gantzen Weldt ge- 
bräuchlich [29*] ist, bestehen, undt Zwar ieden Monat 
zu 30 oder 31 tage, Ein tag undt nacht zu 24 stunden 
gerechnet, diese Zeit Soll Sich anfangen, heutt dato 
[Lücke] dieses 1 67 6sten Jahres Vndt sich Enden Eben 
diesen tag, i727sten Jahres, also undt der gestalt, 
dass im geriengsten nichtss an dieser Zeitt abgehe, 
undt du mier dieselbe verktirtzest, oder eine falsche 
Vndt verkehrte Rechnung vndt aufdeuttung (wie du 
wohl Ehemahlen andern zu thun gepflogen) daher 
machest. 
9. Wan nun diese Zeit allerdiengs Verflossen, undt aus- 
geloffen, solstu mich nach dem gemeinen laufT der 
Natur, iedoch ohne grossen Schmertzen undt Quall, 
auch ohne Spott Vndt schände sterben lassen, undt 
nicht verhindern, dass mein leib Ehrlich zur Erden 
bestattet werde. 

IG. Solstu mich beym Könige, wie auch bey allen andern 
Vornehmen herren, in summa bey grossen undt Kleinen, 
hohen undt Niedrigen, Mann undt Weibspersonen be- 
liebt undt angenemb machen, so, dass ich Ihrer gunst 



Zur Faustsage. 267 



undt gewogenheit , ieder Zeit versichert Seyn, undt 
Sie mier in allem, wass ich an Sie begehren werde, 
vnuerweigert Willfahren mögen. 

11. Solstu mich selb ander an alle ohrt undt Ende der 
Weldt, wohien Ich verlange Vnbeschädiget führen, 
undt mich derselben Sprache alsobaldt Kündig machen, 
dass ich dieselben ferttig reden könne, auch wan 
ich meine Curiositet ein genügen gethan, mich un- 
uersehrt wieder zurück in meine wohnung bringen. 

12. Solstu Verbunden Sein mich vor allem geschoss, alss 
nemblich stücken, Bomben, Feuermörschern, Granaten, 
Musqueten, Pistolen, Feuer Röhren, undt allem andern 
gewöhr, undt Waffen, sie mögen auch nahmen haben, 
wie sie Immer wollen, bewahren, dass mich keines 
derselben berühren, noch mier an meinem leib vndt 
gliedern schaden zufügen möge. 

13. Solstu mier behielflich sein, alle, sowohl dess Königs 
offendtliche als meine Particular Feinde, zu überwinden, 
Vndt über Sie zu triumphiren. 

14. Solstu mier einen Ring verschaffen undt zuwege 
bringen, welcher mich so offt ich ihn an den Finger 
stecke Vnsichtbahr, Vndt vnüberwindtlich mache. 

15. Solstu mich für allem, wass wieder mich in gehaimb 
Vorgenommen Vndt gesponnen wirdt, zeittlich warnen, 
mier auch Mittel an die Handt geben, solche wieder 
mich gemachte Vorschlage zu hintertreiben, Vndt zu 
nichte zu machen. 

16. Mustu mier in allen Stücken, so ich dich fragen werde, 
gewiesse, wahrhafftige Vndt gründliche, nicht aber 
Verkehrte, Zweiffelhaffte, oder Zweydeutige nachricht 
ertheilen. 

17. Solstu mich alle Sprachen, so ich verlangen werde, 
lesen, reden, Vndt Ansprechen lernen, Vndt zwar so 
gutt undt perfect, alss ob ich derselben von Jugendt 
auff kundig gewesen wehre. 

18. Solstu mier Klugheit, Witz undt Verstandt Verleyhen, 
von allen Sachen vernünfftig zu discurriren, Vndt ein 
Vhrtel darüber zu fällen. 

[29^] 19. Solstu mich vor allen gerichts Vndt Raths Stühlen 
dess Königs, daruor Ich möchte citirt vndt geladen 
werden, wie auch dem Päbst-Vndt Canonischen Recht 
prseseruiren vnd vertretten. 

20. Solstu mich vndt mein hauss wesen verwahren, dass 
weder Einheimbische, noch fremde mier dasselbe an- 
greiffen, oder etwas dauon entfernet werde, sondern 
solches vnuersehrt erhalten. 



268 Abhandlungen. 

21. Soll mier Zugelassen Sein, dass ich dem Euserlichen 
schein nach, alss ein gutter Christ mein leben führen, 
undt dem öffentlichen gottesdienst ohne Verhinderung 
beywohnen möge. 

22. Solstu Mich die Vniuersal Medicin praepariren Vndt 
zurichten lernen, mier auch den rechten gebrauch 
derselben Vndt den Dosin oder dass gewicht (wie 
uiel man einer person eingeben Soll) Sagen. 

NB. Hamburg, Vom 2, Julij i68i. Der So hoch 
angeklagte Duc de Luxenburg, befindet Sich (alss uor 
unschuldig Erkannt.) In Vorigen Königl. Gnaden bey 
Hoff, undt mit .der Capitain Charge tlber die leib 
Guarde consolirt. [Darnach q»^ ein Zeichen, das auf 
das Gedicht fol. 30* In obitum Ducis Luxenburgici 
verweist.] 

In obitum Ducis Luxenburgici. A° 1695 ^i^ Januar: 
Evge bonum Fatum! trux Luxenburgicus Orco 

Ipso anni auspicio victima grata cadit. 
Ast si sub finem famulum REX ipse sequatur 

Omne coronabit credite finis opus. 

Der Anfang Zeigt Sich gutt Bey diesem Neuen Jahre 

Der Teuffei hat hienweg, den Luxenburg geführt 
Wofern Beym Schluss ihm folgdt Sein König auf die Bahre 

Dass Ende diesess Werks mehr alss der Anfang Ziehrt. 
Der Blutt' undt Luxenburg der ligdt alhier begraben. 

Der wegen Grausambkeit wahr aller Weldt bekandt, 
Ach schade dass ihn nicht gefressen längst die Raaben 

Eh Er So hat gemordt, Eh Er so hat gebrandt. 

Der Krumme Luxenburg ist Endlich auch verrecket, 
In dessen Puckel so viel böses hat gestecket. 

Der So viel arge Stück im Leben hat verübet. 

Der geist- undt Weldtlich Recht, recht frewdig hat betrübet. 
So lang man reden wird, von plündern, Morden, brennen 
So wirdt man dieses Viech mit Fluch Vndt SchrÖcken nennen 

Der Wüttrich Luxenburg nun ausgeraset hat 

Der Alless ohne Scheu für Seinen König that. 
Die hell alss rechter Sitz dergleichen Ungeheuer 
Die lohnt ihn itzt darfür mit schweffei, pech, Vndt feuer. 
Soll ein Erschröckliches : Doctor-Faustisches 
Ende genommen haben. Exitus acta probavit. 

C . A . R . I . Pice A . 

Das Wortspiel von Pax und Pix findet sich bekanntlich 
auch bei Moscherosch in seinen Gesichten. 



Zur Faustsage. 269 



III. 
ENTLEHNUNGEN IM ÄLTESTEN FAUSTBUCH. 

Durch eine Reihe von Forschern wurde überzeugend 
dargethan, dass der Verfasser oder Bearbeiter ' des ältesten 
Faustbuchs allerlei leicht zugängliche Weisheit zur Aus- 
schmückung seiner Historia benutzt habe. Nun ist es mög- 
lich, dass er selbst oder schon die Volkssage mancherlei 
Anekdoten von anderen Zauberern auf Dr. Faust übertragen 
habe, was ich wenigstens für einige der Streiche nachzu- 
weisen imstande bin. 

Im 39. Kapitel TBraune S. 83) wird erzählt, dass Faust 
einen Rosstäuscher oetrog, indem er ihm um 40 Gulden 
ein Ross verkaufte, ihn aoer warnte, es in die Tränke zu 
reiten. Der Rosstäuscher reitet trotzdem in die Schwemme, 
da verschwindet das Ross und verwandelt sich in einen Bund 
Stroh. Nun eilt der Rosstäuscher in die Herberge, findet 
Faust auf dem Bett liegen »schlaffendr vnnd schnarchend«, 
nimmt ihn beim Fuss, um ihn herabzuziehen: »da gieng 
jhme der Fuss aussem Arss, vnnd fiel der Rosstäuscher 
mit in die Stuben nider. Da fienge Doctor Faustus an 
Mordio zuschreyen, dem Rosstäuscher war angst, gab die 
Flucht, vnd machte sich auss dem Staub, vermeinte nicht 
änderst, als hatte er jhme den Fuss auss dem Arss gerissen, 
also kam D. Faustus wider zu Gelt.« Man kann das vor- 
ausgehende Capitel 38 vergleichen, wo Faust einen Juden 
mit dem abgesägten Bein täuscht, ferner Capitel 43, wo 
der Verkauf von Säuen mit ähnhcher Warnung zu ähnlicher 
Verwandlung führt, nur weiss da der Käufer den Dr. Faust 
nicht mehr zu finden. 

Im Jahre 1558 erzählt nun Michael Lindener im Katzipori 
Cap. 46 (Lichtenstein S. lojf.) »Ein unerhörten stumpf, von 
einem zauberer eineni bawren gerissen«. Ich setze dieses 
Capitel her, um die Ähnlichkeit mit dem Faustbuche recht 
deutlich zu machen. 

»Zu Saltzburg war ein messpfaff mit nammen Schramm- 
hanss, der war ein grausammer grosser unerhörter zauberer; 



' Ich brauche diesen Ausdruck im Hinblick auf die Randcorrectur 
Cap. 34 (Braune S. 76), wo es im Texte heisst: »die Person aber so 
entschlaffen, hab ich mit Namen nicht nennen wollen, denn es ein 
Ritter vnd geborner Frevherr war,« aber am Rande steht: Erat Baro 
ab Hardeck. Im Cap. 56' (Braune S. 103 ff.), wo die Rede noch einmal 
auf diesen Ritter kommt, ist der Name wirklich nicht genannt. Ich 
glaubte diese Notiz mit Rücksicht auf Zarnckes Argument gegen C 
(Braune XII) anführen zu müssen. Möglich ist es immerhin, dass Spies 
diese Correctur an dem Manuscripte seines anonymen Freundes in 
Speier selbständig vornahm; jedenfalls verdient sie Beachtung. 



270 Abhandlungek. 



der stellt sich einsmal als ein bawr und hett sew feyl. Wie 

nun ein bawr doher kompt unnd kaufft dem die sew ab, so 

befilcht im der Schrammhanss, er soll sie bey leyb und leben 

in kein wasser treiben. Der bawr aber nimpt das nit in acht 

und kan es nit auch umgehn und treybt die sew durch ein 

kleines bächlein, und wie die sew mitten in den bach kommen, 

wirdt das wasser ungestüm durch ein wind, und werden die 

sew durch zauberey zu lauter strowischen. Der bawr verthöret 

drtlber und sihet, was entlich auss den strowischen werden 

wolle, die da hin schwimmen; er keret wider umb und auf 

den marckt zu, sucht den schweintreiber, der im die sew 

verkaufft hat, findt in nit, wirdt aber in ein wirdtshauss ge- 

wisen, da Schrammhanss zuschlemmen pflegt. Schrammhanss 

wusste wol, wie es gehen wurde, das in der bawr suchen 

wurde, und zeyget es dem wirdt an, wie das er sich hinder 

den offen legen wolle und sich stellen, gleich als schlieff er. 

Der bawr kompt in das wirdtshauss unnd findt den hinder 

dem offen ligen, zu im zu und schreit : »Hörest du, du aben- 

theürer ? stehe auff ! das dich sanct Veitin berühre ! wie hast 

du mich mit den sewen beschissen!« Der schnarcht, als 

schlieff er hart. Der bawr nimpt den bey einem beine unnd 

zeühet, reisst im dasselbig auss dem arschbacken mit wurtzeln 

mit allem. Der Schrammhanss fehet jemmerlich an zu schreyen! 

Der bawr erschrickt und wirfft im das bein wider zu unnd 

laufft zur Stadt hinauss; und dancket der bawr Gott, das er 

mit dem leben darvon kam.« 

Die Ähnlichkeit ist so gross, dass wir unmöglich einen 
Zufall annehmen können, umsoweniger, da der Anonymus 
sich sonst der derben Ausdrücke enthält, hier aber wie 
Lindener ohne Umschreibung das kräftige Wort braucht. 

Auch das Cap. 34 des Faustbuchs, wo dem Ritter von 
Hardeck das Hirschgeweih an den Kopf gezaubert wird, 
so dass er den Kopf nicht mehr ins Zimmer hereinziehen 
kann (vgl. Cap. 35 Schluss), findet seine Parallele in »einer 
unerhörten grille von Schrammhansen, in fassnachten zu 
Saltzburg geübet«, die Lindener im 33. Capitel des Katzipori 
f Licht enstein S. 9 j f.) erzählt. Schrammhans läuft durch die 
Strassen von Salzburg mit einem Schellengurt und zaubert 
allen, die aus den Fenstern gucken »ein hirschhorn an die 
stiren«; sie können mit den Köpfen nicht zurück, ehe 
Schrammhans den Zauber löst. 




m. MiscELLEN, Chronik, 
Bibliographie. 



MlSCEI.LEN. 



A. Einzelnes zu Goethes Leben und Werken. 

I. Zu »Götter, Helden und Wieland«. 

Für die Lesart in den Worten des Hercules (Hemp. A. 
VIII S, 271, Z. 2o): oHast mit deinem verzehrendem Schwert 
abgeweihei (statt; abgeweidet) ihre Haare!« giebt in Verbin- 
dung mit den »abgeweihten (d. h. weihend abgeschnittenen) 
Haaren« in der Invective auf Himburg (W. A. 29 S. 16 Z. 9) 
der Ausdruck äfviöai in den Versen 75/6 der Euripideischen 
Alceste, die Goethe vor Augen hatte, nach meiner Meinung 
den Ausschlag : Upö? x^P omoc, tlüv Kaiä xöovö^ Ö€Üjv,/ötou 
TÖb' ^TXO? KpoTÖ? dfviai] xpix«. 

H. Henkel. 



2. Zum Jahrmarktsfest zu Flundersweilern. 

Die Strophenform der moralisir enden Litanei des Bänkel- 
sängers, V. 164 fg., die Düntzer (Abh. zu G.'s Leben u. W. 
IIS, 175) eine eigenthUmlich ungefllge, Schröer in seiner Aus- 
gabe eine bänkel sängerlich leiernde nennt, die er in einer der 
(warum »angeblich« V) 1774 erschienenen Romanzen Geisslers 
gefunden habe, ist in Wahrheit eine der üblichsten, von Goethe 
selbst auch in der volksth Um liehen Ballade »Der untreue 
Knabe« gebrauchtenFormen von Volksliedern {wie »Der Schein- 
tod« in des Knaben Wunderhorn) und allbekannten Kirchen- 
liedern Luthers (Nun freut euch, lieben Christen gmein, Aus 
tiefer Noth schrei ich zu Dir u. a.), Ringwaldts, P. Gerhards 
u. a., die mit Glück für die platt verständige Mahnung zur 
Sitten Verbesserung parodistisch verwendet wird. 



274 MiSCELLEN. 



V. 376 fg. Das häufige pleonastische Sie des Schatten- 
spielmanns erklärt Schröer als ein in »sie« aufgelöstes 's für 
»es«, Düntzer i. a. B. S. 189* als eine mit komischem Über- 
fluss von Höflichkeit eingeflickte Anrede (also doch wohl als 
Vocativ ?). Es dürfte, wo es nicht Subject ist, nichts anderes 
als ein immer von neuem an das Interesse der Zuschauer 
appellirender ethischer Accusativ sein, den der radebrechende 
Romane statt des correcten Dativs gebraucht. 

H. Henkel. 



j. Zum Neuesten von Plundersweilern, 

V. 39 — 46. Vor dem Eckhaus der Lesergasse spaziert ein 
Mädchen von schlechten Sitten und bietet um geringen Preis 
ihre Waaren unter gewaltigem Zulauf feil. Was für Waaren? 
Die schlechte Romanpoesie, billige Scandallectüre , sagen 
Strehlke und Schröer in ihren Erklärungen. Aber kann der 
Dichter diese »gar vieler Menschen sauren Schweiss« nennen? 
Er zielt ohne Zweifel auf das freche Treiben nachdruckender 
Buchhandlungen, das, zwar laut verachtet, aber vom begierig 
kaufenden Publikum doch unterstützt und gefördert wird. 
Und was er selbst unter diesem Piratenwesen zu leiden gehabt, 
ist ja bekannt genug. 

^' 59 — 70. In einem budenartigen Anbau des Palastes, 
wo Frau Kritik ihr Serail hält, treibt ein Barbier sein Wesen. 
Alles, was Stoppeln im Gesicht zeigt, wird gewaltsam herbei- 
gezerrt und verfällt seinem Messer, um wohl auch Haut und 
Nase darunter zu lassen. Einen Recensenten erblicken Strehlke 
und Schröer in demselben, wenn auch der erstere eine be- 
stimmte Persönlichkeit nicht anzugeben wagt. Das eigentliche 
Recensentenwesen jedoch verlegt ja Goethe in das anstossende 
Prachtgebäude. Sein Spott geht off*enbar auf Ramler und 
dessen Wuth alle möglichen Dichtungen seiner Feile zu unter- 
werfen. »Indem dieser, was Deutsche im Lyrischen geleistet, 
zu sammeln anfängt«, heisst es in Dichtung und Wahrheit 
(Hempel XXI S. 53 ig?^, »findet er, dass ihm kaum ein Gedicht 
völlig genugthut; er muss auslassen, redigiren, verändern, 
damit die Dinge nur einige Gestalt bekommen, wodurch er 
sich fast so viel Feinde macht, als es Dichter und Liebhaber 
gibt«. Die Ähnlichkeit seines Verfahrens mit dem eines Bar- 
biers springt in die Augen. Und da er »eigentlich mehr 
Kritiker als Poet« war, erscheint seine Bude als ein Anbau 
des Kritikerhauses. Die Idee übrigens, die dem Bilde zu Grunde 
liegt, verdankt Goethe wohl dem Maler Chodowiecki, der 
den todten Kleist im Sarge abgebildet hat, wie Ramler ihn 
rasirt. 



MiSCELLEN. 275 



V. 203 fg. In der auf Wieland, als Herausgeber des 
Teutschen Mercur, bezüglichen Bildgruppe schreitet Mercur 
auf hohen Stelzen einher, darauf er durch die Menge des 
Volks zwölf weite Gott er schritte macht. Während Knaben 
ihn durch Zerren oder Sägen vergebens herunterzubringen 
bemüht sind, schaut eine Schaar Umstehender bewundernd zu 
ihm auf. »Doch diesen Pack, so schwer und gross, Wird er 
wohl schwerlich jemals los«, heisst es dann weiter, und Schröer 
bemerkt dazu, es sei eben keine Schmeichelei, dass der grosse 
Häuf seiner Bewunderer Pack genannt werde — d. h. doch 
wohl nicht: Lumpenpack, was das Genus des Wortes verbietet, 
sondern Last, mit der er sich ewig zu schleppen haben werde. 
Immerhin bleibt der Satz bei dieser Beziehung des Ausdrucks 
«eltsam und wunderlich. Es bedarf zu seiner Erklärung eines 
Blickes auf das Bild. Zwischen den Stelzen nämlich sieht man 
hier auf einem Schubkarren einen grossen Bücherballen 
«pediren. Auf diesen Pack der monatlich zur Versendung 
kommenden Stücke des Mercur weist der Recitator mit seinem 
Stabe hin, indem er die citirten Verse spricht. Wieland war 
«in vir Mercurialis im Doppelsinne des Wortes; er hatte sich 
durch Gründung der genannten Zeitschrift eine Einnahme- 
quelle erschlossen, deren er »zum irdischen Leben« bedurfte. 
So unerquicklich und lästig ihm diese journalistische Betrieb- 
samkeit auch war, so sehr sie den Flügelschuhen seines Genius 
2.\i einem Hemmschuh wurde, so konnte er ihrer doch zum 
Bedauern seiner Verehrer »schwerlich jemals« entrathen. — 
Was etwa Bitteres in dieser Darstellung für den anwesenden 
Wieland lag, wusste Goethe durch einen ihm als epischem 
Dichter huldigenden Zusatz zu versüssen. Zu Häupten Mer- 
kurs schwebt ein Engel aus den Wolken hernieder. Er trägt 
in der Linken einen Lilienstängel, der ihn als den Elfengott 
aus dem »Oberon« (II 36) kenntlich macht, in der Rechten 
einen Lorbeerkranz, wie Goethe dem Freunde für jene Dichtung 
im vergangenen Jahre einen solchen gespendet hatte (an Merck 
7. April 1780). Es folgen die Worte : »Er sieht sich um und 
«ucht sich Brüder«, und die Original -Handschrift fährt fort: 
»Und kehrt betrübt zum Himmel wieder«. Betrübt, wenn ich 
eine Vermuthung wagen darf. Lessing hienieden nicht zu finden, 
•der als dramatischer Dichter sich durch seinen Nathan un- 
längst (1779) des Lorbeers nicht minder würdig erwiesen 
und dessen im Lauf des Jahres erfolgter Tod Goethe auf das 
schmerzlichste berührt hatte (an Frau v. Stein 20. Febr., an 
Lavater 18. März 1781). Für den späteren Druck wurde dieser 
Vers getilgt, weil er die regelmässige Abfolge der Reimpaare 
durchbrach, vielleicht auch weil die Anspielung zu dunkel 
'erscheinen mochte. H. Henkel. 



18* 



276 MiSCELLEX. 



4, Zur Bühnengeschichte des Götz von Berlichingen. 

In meiner Abhandlung »Eine Bühnenbearbeitung des Götz 
von Berlichingen von Schreyvogel« (Theatergeschichtliche 
Forschungen, herausgegeben von B. Litzmann, II) findet sich die 
Angabe, die am 13. März 1810 im Theater an der Wien nach 
der Einrichtung von Franz Grüner stattgehabte Aufführung des 
Götz von Berlichingen sei die erste scenische Darstellung 
dieses Stückes in Wien gewesen. Diese Angabe ist irrthümlich. 

Die erste Wiener Aufführung des Götz fand vielmehr 
schon im Jahre 1808 statt, und zwar im Theater in der Leo- 
poldstadt. Dies lehrt ein im Besitz von Franz Gaul in Wien 
befindlicher Theaterzettel, der zu den Ausstellungsobjekten 
der internationalen Ausstellung für Musik- und Theaterwesen 
in Wien gehörte (daselbst in der : Theatergeschichtlichen Aus- 
stellung der Stadt Wien, Schaupult V). 

Wegen des theatergeschichtlichen Interesses, das dieser 
Zettel bietet, sei im folgenden ein wortgetreuer Abdruck des- 
selben gegeben. 

»Neues Schauspiel mit Gesang. Heute Samstag den 
23. April 1808 wird in dem kaiserl. königl. privil. Theater 
in der Leopoldstadt aufgeführt , unter der Direction des 
Karl Friedrich Hensler. Zum erstenmal : Göz von Ber- 
lichingen mit der eisernen Hand. Ein histo- 
risches Schauspiel mit Gesang in vier Aufzügen nach Göthe, 
Die Musik ist von Herrn Ferdinand Kauer, Musikdirektor, 
Personen. Kaiser Maximilian, der erste Hr. Dunst. Georg von 
Limburg, Schirmvogt zu Bamberg, Hr. Stromberg. Erasmus 
von Onoldsbach, Hr. Sartory, Ant. Adalbert von Weisslingen, 
Hr. Stephanie. Adelhaid, Wittwe von Walldorf, Dem. Jung- 
mayer. Ihre Zofe, Dem. Switil. Der Hauptmann, Hr. Handl, 
d. ä. Erster Offizier, Hr. Handl, d. j. Zweyter Offizier, Hr. 
Prothke. Franz, Weisslingens Knappe, Hr. Rotter. Eine 
Marketänderinn, Dem. Weidner. Gerichtsvorsteher in Heilbronn, 
Hr. Rödiger. Ratsherr daselbst, Hr. Zrust. Gerichtsdiener, 
Hr. Doberauer. Ein Trompeter, Hr. Jonak. Ordonnanz, Hr. 
Lepold. Zwey Kaufleute aus Nürnberg, Hr. Müller, Hr. Fischer. 
Kriegsleute. Bürger von Heilbronn. Göz von Berlichingen, 
Hr. Sartory, Joh. Elisabeth, seine Frau, Mad. Bondra. Karl, 
sein Sohn, Ther. Sartory. Marie, Gözens Schwester, Dem. Stein. 
Johann von Seibiz, Hr. Schuster, Jos. Franz von Sickingen, 
Hr. Wässer. Liebetraut, Meistersänger, Hr. Blacho. Georg, 
Gözens Knappe, Hr. Casche. Martin, ein Klausner, Hr. Pfeiff*er. 
Lerse, ein Kriegsmannn, Hr. Riedl. Sindelfinger, ein Schneider 
aus Stuttgard, Hr. Ziegelhauser. Hanns, sein Sohn, Hr. Lessei. 
Lise, seine Braut, Dem. Riedmüller. Gundram, Lisens Vater^ 
Hr. Fenzl. Gertrud, sein Weib, Mad. Ziegelhauser. Sebastian 



MlSCEI.LEN. 277 



sein Knecht, Hr. Einweeg. Erster Reitersknecht, Hr. Groschopf. 
Zweyter Reitersknecht, Hr. Pfeiffer. Kurt, ein Knappe, Hr, 
Leberbauer. Ein Bauer, Hr. Kellner. Landvolk. Reisige. 
Musikanten. Logen und gesperrten Sitze sind wie gewöhnlich 
im Theaterhauss, oder in der Stadt im Kaffeehauss am Peters- 
platz beym Aug. Gottes zu haben. DerAnfang ist um halb 7 Uhr.« 

Die theatergeschichtlich ohne Zweifel sehr interessante 
Bearbeitung, nach der Götz bei dieser Aufführung gegeben 
wurde, scheint leider verloren gegangen zu sein. Die Schätze 
des ehemaligen Leopoldstädtischen Theaters sind in alle 
Winde verstreut ; ein Theil des Archives ist in den Besitz 
der städtischen Bibliothek zu Brunn übergegangen ; wie Herr 
Dr. Hans Prosl von dort mir mitzutheilen die Güte hat, be- 
findet sich darunter kein Exemplar des Götz von Berlichingen. 

Als Verfasser der in der Leopoldstadt gespielten Be- 
arbeitung des Götz nennt Glossy in dem Festkatalog der 
»Theatergeschichtlichen Ausstellung der Stadt Wien« (S. 61) 
den Wiener Journalisten und Schriftsteller Ehrimfeid. * Der 
Erfolg der Aufführung soll so schlecht gewesen sein, »dass 
eine Wiederholung nur mit Mühe dem Publikum aufgedrungen 
werden konnte.« An gleicher Stelle bringt Glossy eine Stelle 
aus der »Zeitung für Theater, Musik und Poesie« (No. 34, 
3. Jahrgang 1808, Wien.) zum Abdruck. Dieselbe schreibt 
im Hinblick auf den Misserfolg: 

»Wie sollte es auch anders sein, da die Haupthandlung 
sich in unmässige Episoden verlor, welche weder passend 
noch unterhaltend waren; ein immerwährendes Aneinander- 
häufen von Gefechten, ohne Wahl und Zweck, eine dunkel 
verwebte Anordnung des Ganzen, drückte diesem Machwerk 
vollends das Siegel der Erbärmlichkeit auf. Bloss Herr Sar- 
tori als Götz von Berlichingen schützte durch sein gutes 
Spiel, und das wohlgeordnete Ensemble das Stück für den 
plötzlichen Sturz.« 

Diese wenigen Bemerkungen und das Personenverzeich- 
niss des Theaterzettels erlauben nur sehr unsichere Schlüsse 
auf die Beschaffenheit der Bearbeitung. Jedenfalls scheint 
dieselbe dem Charakter und den Erfordernissen des Leopold- 
städtischen Theaters, der Pflegestätte der Posse, des Volks- 
und Zauberstückes, angepasst gewesen zu sein. »Historisches 
Schauspiel mit Gesang« schreibt der Zettel. Es müssen der 
letzten Angabe gemäss einige neue Partieen eingelegt ge- 
wesen sein. Die Träger dieser Einlagen waren wohl die Ver- 
treter der bei Goethe nicht vorkommenden Personengruppe 



* T. Freih. v. Ehrimfeid, Verfasser einer Bearbeitung von Goldonis 
»Lügnera und eines Schauspiels »der Eiclienkranz« (Wien 18 18). Vgl. 
Gödeke III, S. 945. 



27^ MiSCELLEN. 



des Schneiders Sindelfinger und seiner Familie. Dass der 
letztere eine bedeutende Rolle spielte, geht schon aus der 
Besetzung durch Ziegelhauser hervor. Dieser Schauspieler war 
in ersten komischen Rollen beschäftigt. 

Die Gestalt dieses Sindelfinger, den der Zettel als 
»Schneider aus Stuttgard« bezeichnet, stand offenbar in irgend 
einem Zusammenhang mit jenem bei Goethe in der ersten 
zu Jaxthausen spielenden Scene erwähnten Schneider aus 
Stuttgart, dem Götz zu seinem Gelde verhalf. Es wäre jeden- 
falls interessant zu sehen, in welcher Weise der Bearbeiter 
diese Gestalt verwerthete, um aus ihr die komische Figur 
des Stückes zu gewinnen. Sindelfingers Sohn Hans mit seiner 
Braut Lise und die Eltern der letzteren wecken die Erinne- 
rung an den Bräutigam und den Brautvater aus der »Bauern- 
hochzeit« des Götz von 1773 und legen die Vermuthung 
nahe, dass diese Scene in irgend einer Weise benutzt war 
oder den komischen Zuthaten des Bearbeiters wenigstens als 
äusserer Anhaltspunkt diente. 

Eine neue Gestalt ist ferner die der »Marketänderinn«» 
Die Vertreter des Klerus mussten selbstverständlich, wie bei den 
anderen Wiener Götz- Aufführungen, ihrer geistlichen Würde ent- 
kleidet werden. Der Bischof wurde ein »Georg von Limburg,. 
Schirmvogt zu Bambergo , Bruder Martin ein »Klausner«. 
Der »Erasmus von Onoldsbach« des Zettels ist offenbar 
nichts anderes als der Olearius Goethes. Ebenso seltsam 
wie dieser Namenstausch ist die Verwandlung Liebetrauts ii> 
einen »Meistersänger«. Im Gegensatz zu den späteren Dar- 
stellungen des Götz im Theater an der Wien und in der 
Burg nach den Bearbeitungen von Grüner und Schreyvogel, wa 
die Maximilian-Scene gestrichen wurde, ist hervorzuheben,, 
dass dieselbe in der Leopoldstadt, wie der Theaterzettel ver* 
muthen lässt, zur Aufführung kam. 

Beachtung verdient ferner die Thatsache, dass das Stück 
in vier Akten gegeben wurde. Bei der Fülle der darin vor- 
kommenden Ereignisse ist es begreiflich, wenn manche Be- 
arbeiter (wie auch Schreyvogel) die Zahl der fünf Akte zu 
deren sechs vermehrten. Das umgekehrte Verfahren ist er- 
staunlich. 

Es ist nicht zu läugnen, dass dieser Theaterzettel die 
Neugierde nach der Bearbeitung der Leopoldstadt in hohem 
Grade reizt. Die Kenntniss derselben würde uns wohl kaum 
um den Besitz einer weiteren werthvollen Einrichtung des 
Götz von 1773 bereichern; wohl aber wäre die Bearbeitung 
des Stückes zu einem »Schauspiel mit Gesang« ein interessantes 
literarisches Curiosum in der Bühnengeschichte des Götz. 



Eugen Kilian. 



MiSCELLEN. 279 



5. Zu den ))Zah7?ien Xeniemi VI. 
(Weimarer Goethe-Ausgabe IIL, S. 355, V. 1658 — 65.) 

In der Autographen-Sammlung des Herrn Verlagsbuch- 
händlers Karl Baedeker zu Leipzig findet sich ein etwa hand- 
grosser Zettel, dessen beide Seiten von Goethe mit Bleistift 
beschrieben sind. Die eine enthält eine Anzahl Wörter — 
logische Begriffe, Adjectiva u. a. — die theilweise verwischt 
sind, und aus denen unzweifelhaft folgende lesbar sind: 

di . . . . 

Reines Anschauen symbolisch bis Mathemat . . . 

Rede embry ... ... 

Ueberlieferung Mystisch . . . 

Sentimental für all 

Gemuthlich Real Symbolik 

Urphaenomen 

Ein j . . . Vernichtung derselben 

Hoffnung Hülfe daher 
Verzweiflung der Voll- 
ständigkeit 

Einzelne Buchstaben der oben durch Punkte angedeuteten 
Wörter, ja vielleicht ganze Wörter mögen noch von Geübteren 
entziffert werden können. Hier kommt es auf den Text der 
anderen Seite an, welche eine abweichende Lesart zu zwei 
Zeilen der »Zahmen Xenien« bietet. Die dort stehenden 8 
Zeilen enthalten zunächst die 6 ersten Verse ohne Veränderung, 
dann : 

Und will dirs nicht von selbst gelingen, 

So wird es Purkinje dir bringen, 

statt der recipirten Lesart: 

Denn das ist der Natur Gehalt, 
Dass aussen gilt, was innen galt. 

Zum Verständniss der Variante ist darauf hinzuweisen, 
dass Goethe hier ursprünglich seinem naturwissenschaftlichen 
Jünger, dem Professor der Physiologie zu Breslau, dann zu 
Prag, Joh. Ev. Purkinje (1787— 1869) ein poetisches Kompli- 
ment gemacht hat. Hat er ja doch Purkinjes Werk »Das 
Sehen in subjektiver Hinsicht« — verfasst 1820 — 21, veröffent- 
licht 1824 — einer besonderen Besprechung für würdig ge- 
halten (vgl. »Zur Naturwissenschaft im Allgemeinen,« Hempel 
XXXIV, S. 119 ff.), in deren Verlaufe er P. anerkennende Worte 
spendet. 

P. widmete den zweiten Band seiner »Beobachtungen 
und Versuche zur Physiologie der Sinne« (a. u. d. T. »Neue 
Beiträge zur Kenntniss des Sehens in subjektiver Hinsicht«) — 



280 MiSCFLLF.N 



1825 — Goethen. Das Widraungs-Schreiben und Goethes Ant- 
wort darauf— letztere vom 18. März 1826 — sind im »Anhang« 
und den »Bemerkungen« »Zur Farbenlehre. Didactischer 
Theil« als Anm. 30 (Hempel XXXV, S. 539—540) abgedruckt. 

Albert Pick. 



ö, Goethes Gedicht zum 28, August 1823, 

Während meines letzten Aufenthalts in Upsala (September 
1892), machte der dortige Bibliothekar und Literarhistoriker 
Graf Eugen Lewenhaupt mir die freundliche Mittheilung, dass 
das seit 1872 im Besitz der Bibliothek befindliche Stammbuch 
der Gemahlin des auch in Deutschland nicht unbekannten 
Dichters, Historikers und Präsidenten der schwedischen Aka- 
demie, Bernhard v. Beskow (1796 — 1868) handschriftliche Verse 
Goethes enthalte. Wie aus einer Bemerkung in diesem Stamm- 
buch hervorgeht, sind jene Verse ein Geschenk der Schwieger- 
tochter Goethes, welche selber in dem Stammbuch durch 
folgende Aufzeichnung aus der »Iphigenie« vertreten ist : 

»Der ist am glücklichsten, er sey 
Ein König oder ein Geringer, dem 
In seinem Hause Wohl bereitet ist. 

Gedenken Sie freundlich der Deutschen, der Wvct flüchtige 
Bekanntschaft eine dauernde Freude gewähren wird. Ottilie 
V. Goethe, geb. von Pogwisch. Weimar, den 22. August i834.«'c 

Das in das Stammbuch eingeklebte Autogramm Goethes 
ist das Originalconcept seines Gedichts: »Einer Gesellschaft 
versammelter Freunde zum 28. August 1823 gesendet von 
Marienbad« (Goethes Werke. Ausgabe letzter Hand IV, 117, 
Hempel IIP , 362 f.). 

Die Stammbuchinschrift hat in Z. 5 — 7 folgenden von 
dem recipirten Text abweichenden Wortlaut: 

Auch dem genesnen gleich im höchsten Frieden 
Entfaltet sich ein Kreis der schönsten Frauen, 
Da weis sie uns 

Fritz Arnhetm. 



7. Die falsche Datirung eines Briefes von Cornelia Schlosser. 

Aus Herders Nachlass wurde im IX. Bande des Goethe - 
Jahrbuches 1888, S. 116 von B. Suphan ein Brief von Cornelie 
Schlosser veröffentlicht mit dem Datum: Emed. d. 29. Jen. 
[1774]. Seinem Inhalt nach ist dieser Brief von der Frau 
Hofrath zu einer Zeit geschrieben, da dieselbe ihrem am 



MiSCKLLEN. 281 



10. Juni des Jahres 1774* bereits nach Emmendingen überge- 
siedelten Gatten soeben dahin gefolgt war, der Haushalt aber 
noch auf dem Wege zwischen Karlsruhe und ihrer neuen 
Heimath sich befand. »Unsre ganze Haushaltung« — schreibt 
sie in dem in Rede stehenden Briefe an eine ihrer Freun- 
dinnen — »ist noch auf dem Wasser, wir hoffen, dass das 
Schiff morgen ankommen wird — mir ist um nichts bang 
als um meinen Flügel und um den Laocoonskopf.« Nun war 
Frau Schlosser mit dem ganzen Haushalt sicher noch am 
19. Juni 1774 und einige Tage darüber in Karlsruhe. Logirte 
doch Lavater auf seiner berühmten Reise nach Ems in den 
Tagen vom 19. bis zum 22. Juni 1774 bei der Frau Hofräthin 
in der markgräfiichen Residenz und führte laut seinem Tage- 
buchmanuscript mit Goethes Schwester sehr bald nach seiner 
Ankunft im Schlosserschen Hause ein Gespräch über den 
))Laocoon, der im Zimmer stand«. Der Laocoonskopf, der 
B. Suphans Publikation zufolge schon im Jenner 1774 auf 
dem Wasser geschwommen wäre, stand demnach noch am 
19. Juni des genannten Jahres ruhig in Schlossers Karlsruher 
Wohnung. Die Unrichtigkeit des Datums des im Goethe-Jahr- 
buch a. a. O. veröffentlichten Briefes von Cornelie Schlosser 
springt daher in die Augen. Haben wir für den fraglichen 
Brief aus Lavaters Tagebuchmanuscript in dem 22. Juni einen 
terminus post quem gewonnen, so ergiebt sich aus einem 
gleich anzuführenden noch ungedruckten Schreiben Schlossers 
einen terminus ante quem für denselben. Als nämlich der 
Züricher Prophet auf seiner Emserbadereise dem von ihm in 
Karlsruhe nicht angetroffenen Freunde nach Emmendingen 
berichtete, dass er bei dessen Frau logirt und die Gerocks 
bei derselben habe kennen lernen, schrieb Schlosser von seinem 
neuen Wohnorte aus unter dem 11. Juli an Lavater zurück: 
»Izt ist meine Frau da mit unsern Freundinnen«. Somit kann 
unser Brief nur zwischen dem 22. Juni und 11. Juli von 
Cornelia geschrieben worden sein, und ich halte dafür, dass 
in dem Datum desselben der 29. Juni statt der 29. Jen. zu 
lesen ist. Vielleicht bestätigt eine nochmalige Vergleichung des 
Originalschreibens die Richtigkeit meiner Vermuthung. 

Heinrich Funck. 

^ Da der genaue Zeitpunkt von Johann Georg Schlossers Über- 
siedlung nach Emmendingen so gut wie unbekannt zu sein scheint, 
stelle ich hier aus dem mir vorliegenden handschriftlichen Qpellen- 
material fest : Schlosser zog am 10. VI. 74 in Emmendingen auf, nach- 
dem der Befehl dazu am 8. VI. 74 gekommen war. 



2b2 MiSCELLEN. 



8, Zum Ti) Notizbuch von der schlesischen J^eisea, 

Aus Goethes »Notizbuch von der schlesischen Reise 1790« 
theilt G. V. Loeper im Goethe- Jahrbuch II, 235 als »Buch- 
notizen« mit : »de TOrme, Staat v. Engell . . von den Nieder- 
landen und Pass Charta af war. Finska Wicken, Stockholm 
1788.« Die erste Angabe betrifft unzweifelhaft das zu Ende 
des vorigen Jahrhunderts berühmte und vielgelesene Werk 
des lange in England lebenden Genfer Schriftstellers Jean 
Louis de Lolme, »la Constitution de TAngleterre ou Etat 
du gouvernement anglais, dans lequel il est compard ä la 
fois avec la forme republicaine du gouvernement et avec les 
autres monarchies de TEurope,« Amsterdam 1771. Goethe be- 
nutzte wahrscheinlich die Übersetzung, welche unter dem 
Titel : »Die Staatsverfassung von England oder von der eng- 
lischen Regierung aus dem englischen,« Leipzig 1776 bei 
Brockhaus erschien. Auch die Worte »von den Niederlanden« 
könnten sich auf das genannte Werk beziehen. 

Die schwedische Notiz lässt sich vermittelst der beige- 
gebenen Jahreszahl gleichfalls ohne Mühe richtig stellen. 
Nach einer gütigen Mittheilung des Herrn Dr. Fritz Arnheim 
erschien in Stockholm 1788 nur eine einzige Reisekarte, näm- 
lich: »Pass Charta öfver Finska Wiken. Pä Kongl. Maj.Ü 
Allernädigste Befallning Författad .... och utgifven (Karte 
für die Reise über den finnischen Meerbusen, auf Sr. Königl. 
Maj. Allergnädigsten Befehl verfasst und herausgeg.) af Joh. 
Nordenankar, Vice Amiral, Kongl. Maj.Ü. Tjenstgörande Gene- 
ral Adjutant, Amiralitets Rad och Riddare, Stockholm 1788«. 
Unzweifelhaft hat Goethe diese Karte bezeichnen wollen. 

H. HÜFFER. 



p. Goethe bei Napoleon nach Talleyrands Denkwürdigkeiten, 

Es ist die Ächtheit der Mittheilungen angezweifelt worden, 
die Talleyrand in dem unlängst vom Herzog von Broglie 
herausgegebenen Stücken aus dessen Denkwürdigkeiten über 
Napoleons Unterredung mit Goethe gemacht hat. Man scheint 
sich aber bei diesem Zweifel die dabei in Frage kommenden 
Umstände nicht klar vorgestellt zu haben. Was einzelne franzö- 
sische Schriftsteller, namentlich Aulard, bewogen hat, die Ächt- 
heit von Talleyrands Denkwürdigkeiten zu bestreiten, berührt 
die Frage bezüglich der Unterhaltung des Kaisers mit Goethe 
gar nicht; jenen Schriftstellern ist sie wesentlich eine politisch- 
historische Frage, die aber in diesem Falle nicht in Betracht 
kommt : Das Urtheil über Napoleon kann durch das was dieser 
nach' Talleyrand mit Goethe gesprochen bat, weder zu Gunsten 
noch zu Ungunsten gestimmt werden, und es steht der grossen 



MiSCELLEN. 283 



Politik, die bei Talleyrands Denkwürdigkeiten überwiegend 
vorschwebt, so fern, dass ein berechnender Fälscher dieser 
Denkwürdigkeiten das Gespräch entweder gar nicht erwähnt, 
oder aber für seine Zwecke erkennbar benutzt haben würde. 
Was aber die Ächtheit dieses Berichtes über das Gespräch 
über allen Zweifel erhebt, ist ein Umstand, der unbegreiflicher- 
weise gerade als Grund gegen die Ächtheit vorgebracht worden 
ist, nämlich dass darin manches vorkommt, was Goethe in 
seiner Skizze über dieses Gespräch nicht berührt. 

Von vornherein ist weder Talleyrands noch Goethes 
Bericht für vollständig anzusehen, und letzterer sogar noch 
weniger als ihn Goethe erst nach 22 Jahren aufgezeichnet hat. 
Nach Goethes Bericht könnte das Gespräch nur etwa fünf 
Minuten gedauert haben, nach Talleyrands nicht viel länger. 
Da nun aber Kanzler v. Müller die Dauer von Goethes Au- 
dienz auf fast eine volle Stunde, Goethe sogar gegen Boisseree 
auf fast zwei Stunden angiebt, so steht fest, dass der Kaiser 
länger als die berichteten fünf bis zehn Minuten sich mit 
Goethe unterhalten hat, trotzdem er zwischendurch mit Daru 
und Soult plauderte. Die demnach zunächst in Goethes Be- 
richt unbestreitbar vorhandenen Lücken fordern gebieterisch 
Ergänzungen, die wenigstens einigermassen Talleyrands Bericht 
bietet. 

Geradezu bestätigt wird indessen die Zuverlässigkeit von 
Talleyrands Bericht dadurch, dass er als Gesprächsgegenstand 
Tacitus anführt, worüber sich sonst nirgends etwas findet, als 
in dem unscheinbaren kurzen Bericht der »Vossischen Zeitung« 
über Goethes Audienz bei Napoleon, wonach dieser u. a. über 
römische Klassiker gesprochen. 

Ferner bestätigt Talleyrands Bericht die darnach von 
Goethe gegebene Auskunft über sein früheres vertrauliches 
Verhältniss zum Fürsten Primas. Das kann Talleyrand schwer- 
lich anders woher, als aus Goethes Munde vernommen haben, 
und es zu erwähnen wäre schlechterdings keine Veranlassung 
gewesen, wenn nicht wirklich zwischen Napoleon und Goethe 
davon die Rede gewesen wäre. 

Mittelbar bestätigen endlich die Äusserungen über Herzog 
Karl August Talleyrands Bericht. Goethe drückt sich in 
seiner Skizze ganz allgemein aus : es sei über die weimarischen 
Fürstlichkeiten gesprochen worden ; er vertraute indessen dem 
Kanzler v. Müller, er habe sein Gespräch mit Napoleon nie- 
mals aufrichtig mitgetheilt, um nicht unendliche Klatschereien 
hervorzurufen, und ausserdem erzählt v. Müller, dass Goethe 
die Fragen des Herzogs über den Inhalt der Unterredung 
mit Napoleon stets ausweichend beantwortet habe. Nach Talley- 
rands Bericht begreift man nun sehr wohl, warum Goethe 
sich so verhielt. 



284 MlSCELLEN. 



Die auf der Hand liegenden unbestreitbaren Irrthümer 
in Talleyrands Bericht erklären sich ungezwungen daraus, 
dass dem Genannten gewisse besprochene Gegenstände nicht 
so geläufig waren, um sie richtig aufzufassen und wiederzugeben. 
So mochte Napoleon gefragt haben, ob Goethe den Kaiser 
Alexander schon frtiher, bevor dieser 1808 nach Weimar ge- 
kommen, gekannt habe ; denn darauf passt Goethes von Talley- 
rand mitgetheilte Antwort, während Talleyrand die Frage 
fälschlich so fasste, als ob Napoleon sich erkundigt habe, ob 
Goethe bis zur Stunde der Audienz den russischen Kaiser 
überhaupt schon gesehen habe. Von Kotzebue wusste Talley- 
rand jedenfalls nur, dass er nach Sibirien verbannt, nicht aber, 
dass er sehr bald schon zurückgerufen worden war; er deutete 
daher missverständlich Goethes Äusserung, als ob seine Be- 
gnadigung erst noch zu erbitten sei. — Über »Werther« schwieg 
Talleyrand in seiner Erzählung zuverlässig desshalb, weil ihm 
die dabei zur Sprache gekommenen Streitfragen ganz unver- 
ständlich waren ; er hat jedenfalls deshalb auch die von Goethe 
gleichmässig verschwiegene Schmeichelei, von der Talleyrand 
selbst Bonstetten erzählte, nicht erwähnt, eben weil er den 
Zusammenhang dieser Wechselrede mit den daran schliessenden 
Erörterungen über den Roman nicht folgen konnte. Goethe 
hat übrigens bei diesem Gegenstande auch Napoleons Erwäh- 
nung, dass er »Werther« siebenmal gelesen habe, unterdrückt. 

Zum Schluss nochmals: es lässt sich kein vernünftiger 
Grund für Talleyrand oder sonstwen erdenken, wegen Napo- 
leons Unterredung mit Goethe eine Fälschung zu begehen; 
bevor aber ein solcher Grund wahrscheinlich gemacht ist, 
fehlt der Talleyrands Bericht angreifenden Kritik der wissen- 
schaftliche Boden. 

W. v. Biedermann. 



10, Goethe und Lotte 1816, 

Lotte's Begegnung mit Goethe am 25. September 1816 
ist bekanntlich zu ihren Ungunsten ausgebeutet worden; und 
wenn sie auch längst schon von dem Vorwurfe einer ver- 
späteten und geschmacklosen Coquetterie gereinigt worden 
ist, ' so erscheint es doch nicht überflüssig, von den beiden 
Berichten Kenntniss zu geben, die über diese Begebenheit 
auf uns gekommen sind. Der eine ist von Lotte selbst (Brief 
an ihren vierten Sohn August, der damals geheimer Canzlei- 
sekretär in Hannover war, Weimar 4. October 1816), der 
andere längere von ihrer Tochter Clara, die die Mutter auf 



* Gegenwart Bd. 15, No. 12. 



MlSCELLEN. 285 



der Reise nach Weimar und bei dem Besuche im Goethe- 
schen Hause begleitete. (Brief an August Kestner, Weimar 
29. Sept. 181 6.) 

Lotte's Besuch in Weimar war durch eine Einladung 
ihres Schwagers, des geheimen Kammeraths Ridel veranlasst 
worden. Unterm 13. September 181 6 meldet August Kestner 
aus Hannover an Ridel: »Auf Befehl meiner Mutter zeige 
ich Ihnen an, bester Oncle, dass sie am Dienstag den 17. 
d. M. früh von hier abzureisen Willens ist und die Reise 
in 4 Tagen zu machen gedenkt, also am 20. Abends bey 

Ihnen ankommen wird Clärchen wird Sie [sol] 

Ihrer Erlaubniss gemäss begleiten u. Cammer - Jungfer u. 
Bediente nach dem Wunsch der lieben Tante zu Hause 
bleiben. Wir haben für einen guten bekannten Hauderer 
gesorgt.« 

Die Abreise hat sich wohl noch ein oder zwei Tage ver- 
zögert wegen eines Erkältungszustandes der Mutter, auf den 
der Sohn hinweist. Am Sonntag den 22. Sept. Nachmittags 
3 Uhr sind die beiden Damen in Weimar angekommen. Das 
Gespräch im Kreise der Verwandten fiel alsbald auf Goethe. 
Clara Kestner schreibt: 

»Er [Onkel Ridel] fieng denn auch bald an von Goethe 
zu sprechen, dem er durch seinen Sohn, der sein College ist, 
hatte sagen lassen dass Mutter kommen würde, er hatte ihm 
antworten lassen dass er sich sehr dazu freue, welches Mutter 
ihm nicht so recht zugetraut hatte, doch der Onkel machte 
nach seiner liebenswürdigen Art, uns ein viel angenehmeres 
Bild von ihm als wir uns gemacht hatten, und versicherte 
dass er ihn schon öfter gerührt gesehen hätte, und glaubte 
dass er es bey diesem Wiedersehen auch seyn würde. Nach- 
dem wir nun drey Tage hier waren, also am Mittewochen 
25. Sept.], da Goethe durch den Onkel erfahren dass Mutter 
lier sey, Hess er den Onkel par carte mit seiner sämmtlichen 
Familie, freundschaftlich zum Essen einladen, Mutter hätte 
ihn gern erst einmal allein gesehen, doch da dies für Goethe 
eine überaus grosse Artigkeit seyn sollte, so wurde zugesagt. 
Nun kannst du denken wie mir Unbedeutenden es zu Muthe 
war, vor diesem grossen Mann erscheinen zu sollen, und in 
seinem eignen Hause, welches doch noch viel schlimmer war, 
als wenn er zu uns gekommen wäre, doch was half es, das 
Herzklopfen musste überwunden werden. Mutter war auch 
nicht ganz ä son aise und wollte erst mit dem Onkel vor- 
ausgehen und wir dann nachkommen, doch hieraus wurde 
nichts, indem der grosse Mann uns seine Equipage schickte 
uns abzuholen. Wir fuhren also hin, und wurden unten an 
der Treppe von dem Sohn empfangen, im Vorsaal kam er 
selbst uns entgegen, doch treuer dem Bilde was ich durch 



286 MlSCELLEN. 



dich von ihm hatte, * als dem was uns der gute Onkel gab, 
denn Rührung kam nicht in sein Herz, seine ersten Worte 
waren als ob er Mutter noch gestern gesehen: es ist doch 
artig von Ihnen dass Sie es mich nicht entgelten lassen dass 
ich nicht zuerst zu Ihnen kam. (er hat nämlich etwas Gicht 
im Arm) Dann sagte er, Sie sind eine recht reisende Frau, 
und dergl. gewöhnliche Dinge mehr. Mutter stellte mich ihm 
vor, worauf er mich einiges fragte unsre Reise betreffend und 
ob ich noch nie in dieser Gegend gewesen sey, welches ich 
doch ganz unerschrocken beantwortete. Darauf giengen wir 
zu Tisch, wohin er Mutter führte und auch natürlich bey ihr 
sass, ihm gegenüber der Onkel und ich daneben, so dass ich 
ihm ganz nahe war und mir kein Wort und kein Blick von 
ihm entgieng. Leider aber waren alle Gespräche die er führte 
so gewöhnlich, so oberflächlig (so!), dass es eine Anmassung 
für mich seyn würde zu sagen ich hörte ihn sprechen oder 
ich sprach ihn, denn aus seinem Innern oder a-ich nur aus 
seinem Geiste kam nichts von dem was er sagte. Beständig 
höflich war sein Betragen gegen Mutter, und gegen uns alle, 
wie das eines Cammerherrn, der Onkel entschuldigte ihn wie 
ich mich ziemlich freymüthig über ihn äusserte mit seiner 
Steifigkeit und selbst Blödigkeit, erstere hat er nun phisisch 
und freylich diesen Tag auch geistig im höchsten Grade, 
denn alle sagten er sey so liebenswürdig gewesen wie sie 
ihn beynahe nie gesehen. Nach Tisch fragte ich nach einer 
sehr schönen Zeichnung die immer meine Augen auf sich 
zog, er Hess sie mir herunter nehmen und erzählte mir sehr 
artig die Geschichte davon, sie war von einer Dame, Julien 
dachte er mit grosser Auszeichnung und besonders ihres 
Talents. Darauf Hess er eine Mappe holen, und zeigte Mutter, 
ihr und des seeligen Vaters und Eurer 5 ältesten Schatten- 
risse auf einem Blatt, * du siehst aus allem diesen er wollte 
verbindlich seyn, doch alles hatte eine so wunderbare Tein- 
türe von höfischem Wesen, so gar nichts herzliches dass es 
doch mein Innerstes oft beleidigte. Seine Zimmer sind düster 
und unwöhnlich eingerichtet, hier und da stehen Vasen, und 
die Wände sind mit Zeichnungen dekorirt, worunter jedoch 
meiner Ansicht nach, ausser der genannten nichts ausge- 
zeichnetes war. Der Sohn, welcher die honneurs machte, 
scheint ein ziemlich unbedeutender Mensch zu seyn, er sieht 
seinem Vater in den Augen ähnlich, hat aber eine sehr flache 
Stirn übrigens ist er eher hübsch als hässlich. Dieser war 
ausgezeichnet artig gegen Mutter, führte sie in den Garten 
wohin wir folgten, er ist nicht von Bedeutung, der Eingang 



* Gegenwart, Bd. 13, No. 26. 

* Goethe-Jahrb. X, Titelbild und S. IV (g. 



MiSCELLEN. 287 



aber ist sehr hübsch, indem er durch eine Art Laube die 
schon an dem Hause anfängt den Garten mit einem Garten - 
zimmer vereinigt worin sehr viele Büsten der berühmtesten 
Schriftsteller unserer Zeit und die hiesige Herzogliche Familie 
aufgestellt sind. Auch Göthens und seiner Frauen Büste steht 
darin von der wir abscheuliche Dinge hören mit denen ich 
mein Papier nicht beflecken werde, Gottlob dass sie todt 
ist, und doch, sollte man es glauben, ehrt er ihr Andenken 
mit Rührung. Nachdem wir nun alles gesehen fuhren wir 
nach Haus, er entschuldigte sich dass er nicht ausgehen 
könne indem er auch bey Hof abgesagt habe. Wir werden 
ihn nun wohl nicht öftrer sehen, welches mir leid thun sollte, 
da ich ihn gern einmal sähe dass ich ihn mit seinen herr- 
lichen Kindern reimen könnte, welches ich bisher noch nicht 
gekonnt, zuweilen fiel mir bey Tisch eine schöne Stelle aus 
seinen Gedichten ein, ich sah ihn darauf an, konnte aber 
keine ÄhnHchkeit finden.« 

Soweit Clara Kestner. Lotte's eigner Bericht lautet fol- 
gendermassen : 

»Von dem Wiedersehen des grossen Mannes habe ich 
Euch selbst noch wohl nichts gesagt : Viel kan ich auch nicht 
darüber bemerken. Nur so viel, ich habe eine neue Bekant- 
schaft von einem alten Mann gemacht, welcher, wen ich 
nicht wüsste, dass er Göthe wäre, u. auch denoch, hat er 
keinen angenehmen Eindruck auf mich gemacht. Du weisst 
wie wenig ich mir von diesem Wiedersehen, oder vielmehr 
dieser neuen Bekan tschaft versprach, war daher sehr unbe- 
fangen: auch that er nach seiner steifen Art alles mögliche 
um verbindlich gegen mich zu sein. Er erinnerte sich deiner 
und Theodors mit Interesse, lies mir seinen Sohn eine Pflanze 
zeigen, die ihm Theodor geschickt hatte etc. u. was mich 
sehr freute, er sprach mit grossem Interesse von Stieglitz. * 
So stehen die Sachen. Er ist nicht wohl und geth nicht aus, 
also eine Frage ob die Alten Neuen Bekanten ihre Bekant- 
schaft fortsetzen, u. sich in ihren alten Tagen auch gefallen.« 

Die Fortsetzung der »neuen Bekanntschaft« erfolgte denn 
doch. Eine Gesellschaft beim Kanzler Müller und das Theater 
boten dazu die Gelegenheit. Für dieses letztere interessirten sich 
Mutter und Tochter sehr. Clara Kestner schreibt [29. Sept.] : 

»Ich sah die Rosamunde von Körner, ein schreckliches 
Trauerspiel, was mir zu traurig war, doch natürlich interessirte 
mich das Theater sehr da es doch ganz andre Schauspieler 
als bey uns sind und doch klagt man hier sehr wie schlecht 
das Theater jetzt gegen sonst ist. Göthe bekümmert sich 
nicht viel mehr darum.« 



Dr. Johann Stieglitz, bekannter Arzt in Hannover. 



288 MiSCELLEN. 



Und an andrer Stelle [14. Oct.]: 

»Wenn wir Abends nicht ausgehen , so gehen wir 

ins Theater, welches drei Mal die Woche ist, und mir viel 
Vergnügen macht, da es obgleich nicht vollkommen doch 
besser ist als ich je eins gesehen. Leider haben sie nur so 
den Trauerspiels Geschmack, und diese machen mir einen 
entsetzlichen Eindruck so dass ich auch nicht wieder hinein- 
gehen werde.« 

Über die liebenswürdige Vermittlung Goethes, der die 
Theaterwünsche der Damen erfahren hatte, heisst es in dem- 
selben Briefe kurz vorher: 

»Göthen sahen wir noch nicht wieder, er leidet noch 
immer an der Gicht am rechten Arm, vor 8 Tagen schrieb 
er Mutter ein sehr freundschaftliches Billet, mit Bedauern an- 
gefüllt, durch sein Krankseyn verhindert zu seyn sie Öfter 
zu sehen, er bot ihr zugleich seine Loge im Theater und 
seinen Wagen zum Abholen an, ' dieses war durch den Kanzler 
Müller veranlasst, der durch Mutter erfahren, dass es ihr so 
schwer werde einen Platz im Theater zu finden, und es ihm 
erzählt hatte. Vielleicht sehen wir ihn heute in einer kleinen 
Gesellschaft bey Müllers, der ihn persönlich einladen wollte, 
es würde mich natürlich sehr freuen, da ich ihn noch gar 
nicht kenne, und so gern ein angenehmes Bild von ihm hätte. 
Bey Göthe ass ausser uns niemand, welches recht freundlich 
ausgedacht von ihm war.« 

Der Wunsch Clara Kestners den Dichter nochmals zu 
sehen ging in Erfüllung. Sie berichtet darüber unterm 25. Okt.: 

»Göthen sahen wir bey Müllers, wo er freylich etwas 
liebenswürdiger als zu Haus war, aber doch meinen Wünschen 
nicht entsprach, doch bin ich jetzt mehr mit ihm zufrieden, 
da er wenigstens unter 4 Augen gegen Mutter liebenswürdig 
ist, sie geht auf sein Verlangen immer in seine Loge wo er 
sehr freundlich seyn soll, ich gehe nicht hin da ich fürchte 
ihn zu geniren indem vorn nur 2 Plätze sind, auch bin ich 
längst zufrieden wenn er nur gegen Mutter freundlich ist, da 
ich keine Ansprüche auf ihn machen kann, und sein Wesen 
nicht verstehe.« 

So nahm diese späte Begegnung noch ein leidliches Ende, 
freilich zu einer wirklich innern Antheilnahme konnte man 
beiderseits nicht gelangen. Die Mutter lässt den Freunden 
in der Heimath versichern »nichts könte mir die Hannovraner 
ersetzen«, die Tochter findet »dass die Menschen hier im 
Allgemeinen nicht ausgezeichneter als an andern Orten sind, 
und wirklich das Ganze wohl an Bildung unsern kleineren 



* Goethe- Jahrbuch 6, 19. 



MlSCELLEN. 289 



Zirkel in Hannover nachsteht.« Besonders fällt ihr noch eins 
auf »man hat hier so fatale Vorurtheile gegen den Adel, viel 
ärger als bey uns.« 

Kurze Zeit nach dem 25. Oct. scheinen die Damen, ab- 
geholt von Georg Kestner, Claras ältestem Bruder, Weimar 
verlassen zu haben, sodass also ihr Aufenthalt daselbst etwa 
fünf Wochen gedauert hat. O. Günther. 



II, Beiträge zur Literaturgeschichte der FaustfaheL 

Die im Folgenden zusammengestellten, theils überhaupt 
noch gar nicht beachteten, theils bloss im Vorbeigehen und 
an wenig zugänglichen Orten angezogenen Belege für die Ent- 
wickelung und Verbreitung der Faustgeschichten auf germa- 
nischem Boden seit deren ältester literarischer Zusammen- 
fassung im Volksbuche des Johann Spies zu Frankfurt a. M. 
erheben keinen Anspruch darauf, neues Licht auf das all- 
mähliche Werden und Wachsen des modernen Faustthemas 
zu ergiessen, wie es mit und seit Goethe zu einem Probleme 
der gesammten denkenden Menschheit geworden ist. Aber 
lehrreich für die tiefen Eindrücke, die das aus dem titanen- 
haften Ringen und Streben des Reformationszeitalters heraus- 
geborene Stoffgebilde in den verschiedensten Bildungskreisen 
hinterliess, bleiben sie gewiss und verdienen, wenn man nun 
einmal alle über die weitschichtige Materie erkundeten älteren 
Einzelheiten* unter Dach und Fach bringen wird, Rücksicht 
nicht nur als Bausteine, sondern als charakteristische Zeugnisse 
für das Fortleben und die Umgestaltung der Faustmären und 
des ihnen zu Grunde liegenden Gedankens. 

/. *Georg Steinharts Faust- Anekdoten. 

Georg Steinhart war ein ehrsamer sächsischer Pfarrherr in 
den letzten Dezennien des 16. Jahrhunderts, aus Freiberg i. S. 
gebürtig. Er hat, wie man bislang annahm, zuerst 1596, seines 
Amtsbruders Wolfgang Bütner »Epitome historiarum« , eine 
durch zahllose Schauerhistorien und Anekdoten illustrirte Aus- 



* Manche blieb bisher fast unbeachtet, so der Meisterschwank 
Fridrich Behrs (s. Bartsch i. d. Allg. dtsch. Biogr. II, 284 f.) »von 1588, 
I. Juni, die zwölf Studenten, so D. Faust blendt, in der Grundweiss 
H. Frauenlobs« (Goedeke, Grundriss z. G. d. d. D.^ II, S. 250 unter S). 
Auch die Faust- Aufführung der Truppe von M. D. Drey (1666), die 
K. Th. Gaedertz, Archival. Nachrichten über die Theaterzustände von 
Hildesheim,. Lübeck, Lüneburg im 16. und 17. Jahrhundert (Brem. 1888), 
S. loi Nr. 18 anführt, ist nirgends vermerkt (ebenso wenig die platt- 
deutschen Faustiana indess. »Das niederdeutsche Schauspiel« II,97u. 125). 
Für den Hinweis auf weitere (neuerdings fand ich selbst noch zwei) 
wäre ich sehr dankbar. 

Goi-the-Jahrbcch XIV. ^9 



290 MiSCELLEN. 



legung der zehn Gebote (1576 gedruckt), überarbeitet und 
ganz beträchtlich erweitert. * Seit einigen Jahren befindet sich 
ein Exemplar dieser Neuausgabe in meinem Besitze, aus altem 
Erbkram Rügen 'scher Bauern erworben, möglicherweise ein 
Unicum; leider fehlen u. a. der Titel und die ersten 13 pagi- 
nirten Blätter, sowie die zweite Hälfte des Registers. In 
diesem Foliobande von 969 Seiten (excl. Register, das nicht 
gezählt ist) findet sich eine grosse Anzahl von Faustgeschichten, 
theils mit Nennung des Dr. Faust theils um andere Zauber- 
meister oder ungenannte »Gaukler« gruppirt, darunter mehrere 
völlig neue, die meisten freilich auf die bekannten Quellen, 
Luther, Lindener, Manlius, Gast, Hondorf u. s. w. zurück- 
geführt. Die grosse Menge hier abzudrucken, würde dem 
Goethe- Jahrbuche unnöthigerweise kostbaren Raum entziehen, 
da sich aus der Mehrzahl nichts sonderlich Förderndes ergibt. 
Ausserdem ist auch das bibliographische Verhältniss dieses 
merkwürdigen Buches, von dem trotz mehrerer Auflagen bei- 
nahe alle Exemplare den Untergang gefunden zu haben 
scheinen, noch nicht hinreichend aufgeklärt, um die noth- 
wendigen Folgerungen auf den Grad der Selbständigkeit ziehen 
zu können. Älter als 1587, also als das »Volksbuch von Doktor 
Faust«, ist das Werk allerdings gewiss nicht, da dieses Jahr 
einmal ausdrücklich zur Zeitbestimmung dient, aber vielleicht 
auch nicht jünger. Hoff"entlich veranlasst mein Hinweis ein 
gründliches Nachspüren nach dem Schicksale dieses Buches. 
Werth ist es ; denn, um von anderem zu schweigen, erscheint 
unter Umständen »die schöne Helena aus Griechenland« hier 
(S. 766 No. 47) zum ersten Male in Fausts Bannkreis. Eine 
eingehende Untersuchung sämmtlicher von Steinhart vorge- 
tragenen Faustgeschichten ist begonnen und soll nach genauem 
Vergleiche der letzteren mit den bisher aufge*stöberten Parallel- 
novellen vorgelegt werden. Zur Zeit hiesse ein Abdruck aller 
eben unberechtigte Platzvergeudung, eine Auswahl aber wäre 
zweck- und nutzlos. 

//. Ein lateinischer Faust-ScJrwank. 

In dem Büchlein »Doctae Nugae Gaudentii Jocosi etc. 
Per Risum conclusum est contra Melancholicos. Solisbaci, 



* Man vergleiche hierzu die Angaben von Schnorr von Carolsfeld 
(der als erster auf Bütner hinwies) im Archiv für Literaturg. VI, 306 f. 
^und 308 f., wo S. v. C, wie das Register sub Faust zeigt, den Faustischen 
Charakter richtig erkennt), Goeoeke, Grundriss*, fi, 559, Fränkel i. 
d. Vrtljhrschr. f Literaturg. IV, 370 f. und 381 Anm. 46. Bütners Faust- 
schwänke sind K. Engel (Verzeichniss der Faustschriften, 1885) und 
Faligan (Histoire de la legende de Faust, 1888) bekannt. Zu unter- 
suchen bleibt noch das etwaige Verhältniss zu den jungem deutschen 
Faustbüchern und -Märchen (vgl. Dumcke, Die deutschen Faustbücher. 
Lpz. 1891, S. 85). 



MiSCELLEN. 29 1 



Impensis Johannis Leonhardi Buggelii. Anno 1713«, einer 
kurzweiligen Sammlung älterer Schwanke, Anekdoten u. s. w. 
mancherlei Art,' steht p. 49 f. folgende Historie: 

Fausti Magia. 

Convivas habuit infaustus ille Faustus multos amicorum. 
Petierunt hi, vites uvis praegnantes sibi repraesentaret in 
mensä, quam vis putarint brumae tempore ab uvis tam alieno, 
id fieri non posse. Nee tamen diffilicis fuit magus persuasu; 
Vites igitur praestigiis h mensä evocat racemis praegrandibus 
plenas. Priüs tamen eam omnibus edicit legem, ut alto silentio 
expectent, dum jubeantur uvas carpere. Omnes se legi obtem- 
peraturos recipiunt. Mox infamis artifex, incantamentis carmi- 
num ita oculus appotae turbae perstrinxit, ut illis tot botri mirae 
magnitudinis, et succo maturo pleni apparerent, quot eorum 
mensa numerabat. Omnes ergo in gulam hanc avidissimi, 
jamque nihil sitibundi ä temulentiä suum quisque cultrum ad 
uvam sibi [50] proximam apponit, dummodo imperator Faustus 
jubeat secare : En omnium dentes salivä, et in aestivam hanc 
voluptatem pruriunt. Hoc situ aliquamdiu tenentur: ingens 
omnium expectatio, dum cultro jugulent jam captam praedam. 
Tandem formosissima vitis evanescit, et in fumum abit. Uli 
nebulä magicä, jam dispulsä, visi sunt singuli suum quisque 
tenere nasum apposito cultello jam pro uvä secandum. Quod 
si quis immemor praecepti aut contemptor, botrum sibi desti- 
natum praescindere voluisset, nasum sibi joculari vulnere 
praesecuisset. Hie omnium risus et indignatio. 

Wir haben hier also die Scene, die mit dem Schauplatze 
»Auerbachs Keller« — diesen lieferte ja freilich auch die 
Tradition — klassisch geworden ist, gute sechs Jahrzehnte 
vor Goethes fester Koneeption des Auftritts, in lateinischer 
Fassung. Ob letztere irgendwo früher wörtlich vorkommt, 
kann ich aus Mangel an Hilfsmitteln nicht feststellen. Ver- 
muthen Hesse es sich nach der ganzen Art des Schnurren - 
Kompendiums, obwohl für diesen einzelnen Fall Übersetzung 
wahrscheinlicher dünkt. Widmanns Fassung (Fausts Leben 
Tl. I, cap. 39; ed. Keller S. 439) ist ähnlich, aber kürzer; 
noch mehr weicht die in der 1587er Überarbeitung des alten 
Volksbuches (Scheible's Kloster II, 1052 f.) ab und erst recht 
Ph.Camerarius, Operae horarum subeisivarum I (cap. LXX) p. 3 1 5. 

Man vergleiche hierzu auch das als »Weintraubenzauber« 
aus einer Handschrift von 1477 von A. Schön bach in der 
Vrtljhrschr. f. Literaturgesch. I 470 abgedruckte Reeept, das 



' Ganz zufällig stiess ich auf dieses Duodezbändchen, dem ich 
bereits einige kuriose Varianten der Schildbürgergeschichten entnahm 
(Vrtljhrschr. f. Literaturg. V, 466); einige weitere interessante Parallelen 
bekannter Stoffe werde ich demnächst daraus mittheilen. 



19* 



292 MiSCELLEN. 



die Anweisung für Fausts Kunststück, im Zimmer Reben 
wachsen zu lassen (man denke da auch an indische Gaukler)^ 
enthält und von E. Kraus (Das böhmische Puppenspiel von 
Doktor Faust. Breslau 1891. S. 3) der Schlussformel gemäss 
mit dem Berge VySehrad in Prag verknüpft wird. — R. M. 
Werner weist in der Vrtljhrschr. f. Literaturg. V 139 auf 
einen ähnlichen deutschen Weintraubenzauber, sowie auf Ab- 
raham a Sta. Clara, Passauer Ausg. VI 128 ff. hin. 

///. Dr. Johann Faust in Jöchers Gelehrten-Lexicon. 

Man hat alle irgend erlangbaren Stellen über Dr. Faust 
aus dem 18. Jahrhundert zusammengetragen; doch habe ich 
die ihn betreffenden Angaben in dem bekannten »Allgemeinen 
Gelehrten-Lexicon« von Chr. G. Jöcher nirgends abgedruckt 
gefunden. Daselbst heisst es IL Thl. (Lpzg. 1750) S. 531 s. v.: 

Faust (Joh.), berühmter Schwarzkünstler, gebohren zu 
Anfange des 16 Seculi, (dessen Leben zwar von einigen in 
Zweifel gezogen, von andern aber, die zu gleicher Zeit gelebet S 
angeführet wird), zu Knitlingen einem Städtgen in Schwaben, 
oder nach andrer Meinung in der Grafschaft Anhalt; hat an- 
fangs die Theologie, nachgehends aber die Medicin und 
Wahrsager-Kunst mit desto grösserm Eifer getrieben, soll sich 
gantz den Zauber-Künsten und Beschwörungen der bösen 
Geister ergeben, auch mit dem Teuffei auf 24 Jahr lang 
einen Bund gemacht, doch endlich ein Ende mit Schrecken 
genomen haben, indem ihn der Teufel in dem Dorlfe Rim- 
lich, zu Nachts zwischen 12 und i Uhr, in dem 41 Jahre 
seines Alters an die Wände geschmissen, dass das Gehirne 
daran kleben geblieben, und alle Glieder grausamlich zer- 
stümmelt seyn sollen. Es wird ihm ein Tractat von der Necro- 
mantie, der Höllen-Zwang genannt etc. beygeleget. Neumann 
diss. de Joh. Fausto. Durrii Epistola de Jo. Fausto. HL. 

IV. Reibehands >)FaiisU<.- Aufführung. 
Eine Hamburger Darstellung des Puppenspiels Faust durch 
den Schauspieler C. F. Reibehand* ist für das Jahr 1752 be- 
kannt. Fritz Winter hat neuerdings den Theaterzettel dazu 
mitgetheilt (Vrtljhrschr. f. Literaturg. II 260 ; s. auch 266 u. 269 f.) 
Einen weiteren Beleg für eine, wahrscheinlich wohl jüngere, 
Aufführung, die derselbe Unternehmer veranstaltete, bietet 
folgende Stelle aus einem Aufsatze »Die Zeiten sind schlimmer 



* Vgl. K. Kösdin, Dtsch. Vrtljhrschr. IV 2, 241 ; Das Königreich 
Württemberg. Hg. v. d. K. Statist. Landesanit III 200 [u. 197] u. II 155. 

* Nicht Reibeband, wie Goethe- Jahrbuch XII, S. 343 im Register. 
— Zum Faust-Puppenspiel sind von Polizeiarzt Dr. A. Kollmann in 
Leipzig noch wichtige Mittheilungen und Texte zu erwarten (s. seine 
»Deutschen Puppenspiele« I, 1891, S. 5, 10, 21, 81 — 109). 



MiSCELLEN. 293 



geworden« in P. A. Schraders (anonymem) zweibändigen Werk- 
chen »Scherze« (Helmstädt und Leipzig, in der Weygandschen 
Buchhandlung. 1762), Erster Theil, S. 127 f.: »Und gewiss 
es würde um Reibehanden und alle schlechte Schauspieler 
längst gethan seyn, wenn unsre artigen Kinder ' der alten 
ovidischen Wahrheit nicht nachlebten. * Denn wenn sich die 
Schönen nicht wollten sehen lassen; welcher junger Herr, 
welcher Liebhaber würde einen Faust, einen Lederhändler 
von Pergamo u. s. f. sehen wollen; gewiss keiner.« — Übrigens 
steht »Zweyter Theil« S. 103 ff. des Schraderschen Büchleins 
ein »Fragment eines Verzeichniszes derjenigen Personen, die 
in der Walpurgs Nacht auf dem Blockberge gewesen sind«, 
das natürlich keinerlei Bezug auf die Faustfabel besitzt, aber 
wegen des Gedankens, zeitgenössische bekannte Personen 
unter leicht zu lüftender Maske auf dem Blocksberge (Brocken) 
zu versammeln, Goethe zugänglich gewesen sein könnte. 

V, Zum sogenannten Pseudo-Lessing' sehen »Faust« des Paul Weidmann. 
Bekanntlich gab im Jahre 1877 der um die Faust-Biblio- 
graphie überaus verdiente Karl Engel »Johann Faust; ein 
allegorisches Drama in 5 Aufzügen. Muthmasslich nach Lessings 
verlorenem Manuscript« heraus. Die anfangliche freudige 
Hoffnung, hier den vielbeklagten Verlust des Lessing'schen 
Faustdramas ganz unerwartet ausgeglichen zu sehen, schwand 
ja leider gar bald.^ Die Veröffentlichung stellte sich als Wieder- 
abdruck des 1775 zu Prag erschienenen und im selben Jahre 
in München nachgedruckten »Johann Faust« des Wiener Lite- 
raten Carl Weidmann (1746 — 1810) heraus, wozu man auch 
die Notizen im Prager Tageblatt »Bohemia« XXXL Jahrgang 
(1858) No. 77 S. 568 vergleiche. Nachdem nun in dem 1891 
erschienenen 4. Bande der Neubearbeitung vonGoedeks»Grund- 
riss z. Gesch. d. dtsch. Dchtg.« an den entsprechenden Stellen 
(S. 124: § 219, 61; S. 231: § 225, 9) hierauf ebenso wenig 
eingegangen wird wie in der 1885 gedruckten, sonst vortreff- 
lichen Biographie der interessanten Gestalt Weidmanns in C. 
von Wurzbachs »Biographischem Lexikon des Kaiserthums 
Österreich« (Bd. 52, 272 f.) — nach der das Fauststück 
übrigens in Wien herausgekommen wäre — so sei hier für 
die endgiltige Erledigung der Streitfrage noch eine kurze Notiz 
verzeichnet, die ich leider nur einem neueren Antiquarkatalog 



' Im Sinne der damaligen Anakreontiker = »die Schönen.« 
* S. 126 sagt nach Ovids Ars amatoria, die römischen Damen ins 
Theater »spectatum veniunt veniunt spectentur ut ipsae«. 

3 Vgl. schon Boxberger i. Archiv f. Literaturg. VII 146 — 148 und 

i'etzt Pfeilschmidt, ))Lessing[-Weidmann]'s ,Faust' auf der Nürnberger 
Jühne« in »Altes und Neues aus dem Pegnesischen Blumenorden« 
II (1893) 176-188. 



294 MiSCELLEN. 



(von Theodor Ackermann, München 1892; No. 321, S. 116) 
entnehmen kann. Daselbst steht unter No. 4160 als angeblich 
P. Weidmannsche Schrift (was mir unwahrscheinlich) »Faschings- 
krapfen für die Herren Wiener Autoren von einem Mando- 
lettikrämer« (kl. 8. Wien 1785) genannt und dabei folgende 
theatergeschichtlich anziehende Stelle ausgehoben: 

S. 41 : Weidmann, Kanzelist in d. geh. Zifferkanzley. Von 
ihm sind der Eulenspiegel, Doktor Faust etc. »Das ist doch 
sonderbar«, sagte der eine, »dass der Verfasser sein Stück 
ein Drama genannt hat, da es doch ein Trauerspiel ist, weil 
alle darin sterben.« »Sie sterben freylich«, sagte der andere, 
»aber sie sterben alle selig, und darum heisst es ein Drama.« 

VI. Zu »Dr. Faust in England«. 

1. Im Goethe -Jahrbuch XII S. 256—258 habe ich ver- 
schiedene kleine Beiträge zur Geschichte von Fausts Fortleben 
in England und über di« literargeschichtliche Behandlung des 
Stoffes jenseit des Kanals zusammengestellt. Seitdem habe 
ich bei einem längeren Aufenthalte auf englischem Boden ge- 
sehen, dass die daselbst, namentlich auf dem British Museum, 
vorhandene Literatur volksthümlicher Bearbeitungen und Er- 
neuerungen des Themas in englischer Sprache einen ausser- 
ordentlichen Umfang angenommen hat. Ein Blick in den er- 
staunlichen Generalkatalog des British Museum s. v. Faust 
belehrt über die Reichhaltigkeit der einem Monographen 
verfügbaren Materialien. Eine bibliographisch und kritisch 
siclitende Darstellung dieser neuenglischen volksmässigen Faust- 
literatur wäre gewiss äusserst dankenswerth. Die Grundlage 
könnte das Verzeichniss der langen Reihe englischer Volks- 
bücher, Puppenspiele undDramatisirungen nebst Übersetzungen 
deutscher Werke derselben Gattung bilden, das der General- 
katalog des Brit. Mus. unter F, vol. 3, p. 137 — 139 enthält. 

2. Zweier englischer Erwähnungen der Faustsage, die 
bisher ganz oder doch im Kreise der Interessirten unbe- 
kannt blieben, sei hier gedacht. Bei J. O. Halliwell-Phillipps, 
Memoranda on Love's Labour's Lost, King John, Othello, 
and on Romeo and Juliet (Lond. 1879) ^ wird p. 73 aus 
Mun's »Englands Treasurie by Foraign Trade,« 1664, p. 116 
angeführt : »I think verily that neither Doctor Faustus nor 
Banks* his horse could ever do such admirable feats, although 



' Merkwürdigerweise fehlt diese inhaltreiche Schrift in dem von 
H.-Ph. für Freunde veranstalteten Verzeichnisse seiner sämmtlichen 
Arbeiten (1880); ich benutzte eins der nur abgezogenen 20 Exemplare 
auf dem British Museum. 

* Banks, ein Schotte im 16. Jahrhundert, der sein von den Zeit- 
genossen und späteren Schriftstellern oft erwähntes »dancing girl« öffent- 
lich ausstellte; vgl. Fränkel in Kölbings »Englischen Studien« XVII, 316. 



MiSCELLEN. 295 



it is sure they had a devil to help them.« — In Ed- 
ward Phillipps' »Theatrum Poetarum etc.« (London 1675) findet 
sich p. 24 f. folgende bisher unbekannte ' Notiz, die die Theil- 
nahme des Publikums der nachpuritanischen Periode für die 
Eigenthümlichkeiten der Faustfabel, insbesondere in bühnen- 
mässiger Bearbeitung beleuchtet : »Christopher Marlow, a kind 
of a second Shakespear .... Of all that he hath written to 
the Stage his »Dr. Faustus« hath made the greatest noise 
with its Devils and such like Tragical Sport.« 

3. Gelegentlich meiner Anwesenheit im British Museum 
durchmusterte ich auch die daselbst vorhandenen neueren 
englischen Abhandlungen über die Faustsage. Aber nur von 
zweien davon brauchte dem deutschen Publikum Kenntniss ge- 
geben zu werden. Die eine, Henry Sutherland Edwards' im 
Titel pomphafte Schrift »The Faust legend: it's origin and 
development. From the living Faustus of the first Century [!] 
to the Faust of Goethe« (London, Remington and Co. 1886, 
8°, 125 p.), nennen wir lediglich wegen ihres literarisch sehr 
thätigen und mannigfach verdienstvollen Verfassers. Im übrigen 
ist sie eine sachlich werthlose Kompilation ohne jede wissen- 
schaftliche Förderung, die deutsche Faustforscher ihrer Auf- 
merksamkeit mit dem ruhigsten Gewissen entgehen lassen 
dürfen. Dagegen bietet L. Pagel (in Liverpool), »Doctor 
Faustus of the populär legend, Marlowe, the puppet-play, 
Goethe, and Lenau, treated historically and critically« (1883 ^) 
ohne gelehrtes Material eine gute Übersicht des in der Auf- 
schrift Bezeichneten. In der Vorrede sagt der Verfasser u. a. : 
»Although the human interests involved, in the Faust legend 
are of the most serious character, yet the knowledge of its 
historic development is very limited, even among the best 
educated men. I may, therefore, reasonably hope that my 
essay will be of some use to students of literature in general, 
and of this subject in particular.« 

VIL Johann Faust in Island, 

In der 1891 (Berlin, Mayer und Müller) als »Neue Folge« 
erschienenen Fortsetzung des Verdeutschungsunternehmens von 
Fräulein M. Lehmann - Filh^s, »Isländische Volkssagen. Aus 
der Sammlung von Jon Arnason ausgewählt und aus dem 
Isländischen übersetzt«, steht unter der Abtheilung »Legenden« 



* Nachträglich bemerke ich, dass E. Koppel bereits auf diese Stelle, 
freilich in ganz anderem Zusammenhange, hingewiesen hat (Literatur- 
blatt f. germ. u. roman. Philol. X. 413); doch wird sie von dorther 
den Faust-Freunden kaum bekannt sein. 

* Wohl ein Privatdruck; Brit. Mus. 11 840b 41. 



296 MiSCELLEK. 



als 6. Nummer S. 53 eine »Johann Faust« überschriebene. ' 
Der Wortlaut ist der folgende: 

Ein Mann draussen in Deutschland hiess Johann Faust. 
Er schloss einen Pakt mit dem Teufel, dass dieser ihn am 
Ende bekommen sollte, wenn er ihm alle die Dinge verschaffte, 
die er von ihm fordern wtlrde. Johann verlangte nun von 
dem Teufel die kostbarsten Leckereien und allerlei Kleinodien; 
auch liess er sich vom Teufel ein gläsernes Schloss bauen, 
um darinnen zu wohnen, und die schönste Frau dorthin zu 
bringen, die ebenso holdselig war wie die schöne Helena. 
Der Teufel aber narrte Johann oft mit Blendwerk, und so 
war die schöne Jungfrau nichts anders als das Hüftbein eines 
Pferdes. Endlich schloss sich Johann beständig in dem gläser- 
nen Schlosse ein, und da sang ihn der Teufel zuletzt durch 
das Schlüsselloch heraus und es fanden sich nachher nur drei 
Blutstropfen vor. 

Ludwig Fränkel. 

B. Nachträge und Berichtigungen zu Bd. XIII. 

S. 145, A. Z. 4 v. u. muss es Wieseigren statt Wieselgräd 
heissen. 

Zu S. 2 29' ff. Dass sich der Begriff der »inneren Form« 
zuerst bei Goethe findet, ist von mir in der Recension der 
Schererschen Poetik, die R. M. Meyer herausgegeben hat, 
schon vor vier Jahren nachgewiesen worden; vgl. Z. f. die 
Ost. Gymnasien 1887, S. 156; vgl. dazu noch Goethes Re- 
cension des Wunderhorn (Hempel XXIX, 397) : »Das wahre 
dichterische Genie ist in sich vollendet, mag ihm UnvoU- 
kommenheit der Sprache, der äusseren Technik, oder was 
man sonst will, entgegenstehen, so bleibt die höhere innere 
Forfn, der doch am Ende alles zu Gebote stehta — woraus 
wieder hervorgeht, dass innere Form nur als Gegensatz zur 
äusseren Form gemeint ist, wie ich Gott. Gel. Anz. 1892 es 
gezeigt habe. Auch bei Schiller, Hebbel, Imraermann hat 
ihn Werner in seinem Buch über die Lyrik gefunden 404 ff. 
Ich verweise noch auf Poggel, Theorie des Reimes (Münster 
1836), der S. 127 ff., gleichfalls selbständig, auf denselben Ge- 
danken gekommen ist. Minor. 

S. 294, Z. 20 V. u. Der betr. Aufsatz ist nicht von Alfr. Biese. 

Zu S. 300. Lothar Schmidt nicht ps. für J. Wähle, sondern 
= Arthur Goldschmidt. 



* Aus dem deutschen Norden eingeführt? (»Die Faustsage im 
Lande Wursten«: J. G. Kohl, Nordwestdeutsche Skizzen* I 360—67.) 



^ 



Chronik. 



A. NEKROLOG REINHOLD KÖHLER'S, 
Von Ekich Schmidt, ' 

Wenn auf unseren Goethefesten die Trinksprüche um- 
gingen, fühlte ich mich jedes Mal versucht, laut zu be- 
kennen, welche seltene Vereinigung von Gelehrsamkeit und 
schlichter Tugend in der Person des Weimarischen Ober- 
bibliothekars unter uns verkörpert sei, wie viel wir alle 
unmittelbar und mittelbar ihm zu danken hätten, welchen 
Ruhm dieser allkundige Forscher nicht sowohl in seiner lieben 
engeren Heimath als in der weiten Welt geniesse und wo- 
durch dieser reine Mensch sich die Sympathie jedes nicht 
von hofFährtigem Dünkel Besessenen gewinne . . . Aber es 
schien mir doch besser, ein solches Lebehoch auf ein leises 
Ankhngcn zu beschränken, denn keine Eigenschaft war in 
unserem Freund entwickelter, als die Bescheidenheit, die 
Scham der Seele, die sich nicht ausgestellt sehen will. So 
haben wir auch seinen sechzigsten Geburtstag nur mit ein 
paar kleinen als Handschrift gedruckten literarischen Spenden 
gefeiert und damals nicht geglaubt, dass dieses Leben voll 
Mühe und Arbeit, Hilfe und Güte schon gezeichnet und dass 
bald dem Nachruf auszusprechen gestattet sei, was der Lebende 
nicht hören mochte. 

Reinhold Adalbert Johannes Köhler, der Sohn eines 
milden christgläubigen Geistlichen, wurde am 24. Juni 1830 
in Weimar geboren. Er besuchte, von seinem Vater vorge- 
bildet, das unter Sauppes Leitung blühende Gymnasium und 
studirte seit Ostern 1848 Philologie in Jena, Leipzig, Bonn 
und wieder Jena als Schüler Götthngs," 0. Jahns, Ritschis, 

' Mit Benurzung meines Nachrufs in der Zeitschrift des Vereins 
für Volkskunde (eJ. Weinhold), Berlin, Aslier, 1892, S. 418— 437, dem 
ein Schriftenverzeichniss und ein wohlgelungenes Portrait beigegeben ist. 



298 Chronik. 



Welckers, aber auch des Sanskritisten Lassen und des Roma- 
nisten Diez, bis zuletzt die mehr freundschaftliche als lehr- 
hafte Anregung Heinrich RUckerts den jungen zugleich viel- 
seitigen und gründlichen Gelehrten immer mächtiger zur 
deutschen Sprache und Literatur hinüberzog. 

Er hatte den Segen strengphilologischer Zucht erfahren 
und Wanderungen von Indien zu mittelalterlicher germanischer 
und romanischer Art und Kunst gemacht. Die Schriften der 
Brüder Grimm müssen ihn früh gefesselt haben; und wenn 
seine Thätigkeit sich immer mehr einer massenhaft ver- 
gleichenden Durchforschung der Weltliteratur hingegeben 
zeigt, so trat er als bescheidener Sammler in die weiten 
Bahnen Herderscher und Goethischer Traditionen, während 
sein Leben immer engere Kreise zog, ihn sehr selten aus 
Weimar, kein einziges Mal aus Deutschland führte und die 
letzten Jahrzehnte hindurch, von aussen betrachtet, das ein- 
förmigste Bild eines kleinstädtischen Beamtenlaufs mit regel- 
rechter Bureauarbeit, häuslichem Studium, wohlbemessenen 
Spaziergängen und Erholungsstunden am Stammtisch darbot. 
Er wäre wohl freier ausgeschritten, hätte nicht schon im 
Sommer 1851 der Tod des Vaters seine Jugend schwer ge- 
troffen. Nun kehrte Reinhold nach Weimar zurück und widmete 
sich der geliebten Mutter und den Schwestern. Er ertheilte 
Privatunterricht, arbeitete mit eisernem Fleiss auf der Bibliothek 
und wollte zufrieden sein, wenn ihm da eine »auch nur 
untergeordnete« Anstellung zuTheil würde. Zur Habilitation 
für classische und deutsche Philologie konnte Rückert den 
Bedächtigen nicht überreden, obwohl angesehene Facultäts- 
mitglieder und Weimarische Freunde diesen Plan sehr be- 
günstigten, der auch nach 1852 wieder an ihn herantrat. 
Das Oberlehrerexamen legte er in Berlin ab; seine Arbeit 
über Hans Sachs fand lebhafte Anerkennung. Auf Grund der 
gelehrten mythologischen und quellengeschichtlichen Studie 
»Über die Dionysiaka des Nonnos von Panopolis« (Halle 
1853) wurde Köhler in Jena zum Dr. phil. promovirt. Sein 
Gönner Ludwig Preller, dessen Hauptwerke er später in 
neuen Auflagen revidirt und bereichert hat, verschaffte ihm 
einen Posten an der Bibliothek und erwirkte 1857 (nicht 
1861) seine Beförderung zum Bibliothekar, bemüht die Frei- 
heit des jungen Gelehrten möglichst wenig zu beschränken. 
In dieser subalternen Stellung, obwohl er eigentlich die Seele 
des Instituts war, ihm seine volle Kraft und Gelehrsamkeit 
widmete, den Gästen gerade durch das so prunklose W^issen 
imponirte und nur aus reinem Eifer auch Geschäfte wie sie 
mehr einem Diener zukommen verrichtete, blieb Köhler dann 
neben Adolf Scholl (seit 1861), ohne die ungestörte Müsse 
des unvergesslichen, in Weimar mit einer Sinecure ausge- 



Chronik. 299 



statteten Mannes zu beneiden. Scholl, der geistvolle Begründer 
der Weimarischen Goetheforschung, war gleich Preller dem 
Genossen kein Vorgesetzter, sondern ein Freund, und treulich 
schritten die Beiden Tag für Tag durch den Park nach Ober- 
weiraar, der Ältere als lebhafter, dichterisch empfindender 
Wortführer, dem man so gern in Ernst und Scherz lauschte. 
Scholl verfiel 1881 einem furchtbaren Siechthum; nun konnte 
und durfte es nicht zweifelhaft sein, dass Amt und Würde 
des Bibliotheksvorstandes keinem andern gebühre, als dem 
Einen , der schon so lang in den ehrwürdigen Räumen 
»schwerer Dienste tägliche Bewahrung« übte und als Forscher 
einen Weltruf genoss. Köhler hatte als unlösbar eingewurzelter 
und auch ein bischen eingerosteter Weimaraner von einem 
Rufe nach Greifswald kaum gesprochen, aber das Aufrücken 
in Schölls Stelle nahm er allerdings wie eine wohlverdiente 
und selbstverständliche Belohnung seiner Arbeit hin. Er 
begehrte niemals äussere Ehren; das Diplom einer gelehrten 
Gesellschaft machte ihm Freude, aber Titel und Orden waren 
für ihn nicht da. In der Gala-Uniform zu Neujahr nahm er 
sich sehr unglücklich und verlegen aus. Erst 1886 vor die 
Frage gestellt, wollte er lieber »Oberbibliothekar« als »Hof- 
rath« heissen. 

Die schlichten Zimmer am Graben, wo bis 1879 die Mutter 
waltete, hat Köhler, der unverheirathet blieb, bis an sein Ende 
mit den beiden, ihren Reinhold über alles liebenden Schwestern 
bewohnt und nur zur regelmässigen, aber kurzen Sommerrast 
in Ilmenau oder Friedrichsroda verlassen. Er war eine ge- 
sellige Natur, aber kein Mann der Gesellschaft. Dem bewegten 
Treiben »Neu- Weimars«, als Liszt auf der Altenburg das Scepter 
schwang und Dingelstedt seine Theater- und Lebenskunst 
funkeln Hess, der fahrende Sänger aus Fallersleben lärmte und 
der grimme Hebbel durch Poesie und Persönlichkeit eine 
wuchtige, tiefe Wirkung that, dankte Köhler die innigste 
Freundschaft seiner Mannnesjahre : mit dem Dichter und Com- 
ponisten Peter Cornelius aus Mainz, der auch in ernsten Versen 
und launigen Reimspielen diesen Bund besungen hat (Ge- 
dichte 1890 S. 178, 238, 262). Von überschwänglichen Geburts- 
tagswünschen wird wenigstens der erste und der letzte in 
Erfüllung gehen : 

Möge man den Kranz des Wissens Dir, dem Ruhmesreichen, 

reichen. 

Dein Vermögen möge Rothschilds oder Seinesgleichen 

gleichen, 

(Welch ein Glück, Du würdest Gold mir wie aus vollen 

Pumpen pumpen. 

Und wir beide, Freund, wir liessen uns von keinem Lumpen 

lumpen!) 



300 Chronik. 



Mög' die Mitwelt Deine Bücher, feil zu höchsten Preisen, 

preisen, 

Und auf Dich noch späte Nachwelt als gelehrten Weisen 

weisen. 
So lang ich ihn kannte, von manchen Besuchen her und 
in fast täglichem Verkehr während meiner Weimarischen Dienst- 
zeit, entzog sich Köhler allen Einladungen, war aber mit der 
ganzen Stadt bekannt und vielen befreundet, auch Kleinstädter 
genug, um mitten im wissenschaftlichen Gespräch innezuhalten 
und, einem fremden Gesicht nachschauend, zu fragen : wer 
war denn das? So manche, die ihm vertraulich zunickten, 
haben nie geahnt, dass der »Doctor Köhler« ein berühmter 
Gelehrter sei. Mit seinem buschigen Haupt - und Barthaar, 
der säubern, aber von keiner Mode berührten Kleidung, weder 
fähig noch geneigt, sein ungemeines Wissen in die Scheide- 
münze einer gefälligen Plauderei zu prägen, war Köhler ganz 
und gar kein Mann für den Hof. Fachgenossen dagegen 
fanden stets ein rasches Erwarmen, eine unversiegliche Be- 
lehrung. Er hatte peripatetisch oder am Bibliothekspult eine 
allerliebste Art, etwa mit der ruhigen Frage »Sie kennen 
gewiss schon ...?«, aus der Fülle und Schlagfertigkeit seiner 
Kenntnisse eine Auskunft oder einen Wink zu geben, und 
Hess sich nicht verdriessen, Tag für Tag auf Postkarten eine 
Reihe literarischer Erkundigungen von nah und fern. Bekannten 
und Unbekannten, Berühmten und Unberühmten zu beant- 
worten. An dankbarer Erwähnung in zahlreichen Büchern 
und Aufsätzen hat es ihm dafür nicht gefehlt, aber die Citate 
erschöpfen nicht von fern die Saat, die der hilfreichste Bücher- 
wart, der bescheidenste Doctor Allwissend im Laufe der Jahre 
ausgestreut hat. Er war eine wandelnde Encyclopädie, ein 
liebreicher aufopfernder Mann, das Muster eines Sohnes und 
Bruders, unbedingt wahrhaft, ohne je zu verletzen, keiner 
Redensart und Frivolität zugänglich, sparsam in Lob und 
Tadel, am kärgsten im Eigenlob. Man wusste immer, wie 
man mit ihm daran war, was ihm gefiel oder missfiel. Sein 
Wesen hatte eine milde Zurückhaltung der Gefühle. Ein 
Mensch musste schon ungewöhnlich verworfen sein, wenn 
Köhler seiner Abneigung anders als durch ein Kopfschütteln 
und die halblauten Worte »Ein narr 'scher Kerl !« Ausdruck 
gab. Ihm durfte der Geistliche den Bibelspruch »Selig sind, 
die reines Herzens sind« ins Grab nachrufen. 

Köhler war einer der kenntnissreichsten Gelehrten, aber 
er war kein Schriftsteller. In der grossen Masse seiner die ver- 
schiedensten Zeitschriften des In- und Auslandes zierenden 
Publicationen nehmen kleine Aufsätze und einzelne Notizen 
den meisten Raum ein. Er war ein Sammler und hatte seine 
Stärke im positiven Nachweisen literarischer Zusammenhänge. 



Chronik. 3^^ 



Diese auf eine ungeheure, alle Zeiten und Völker des Orients 
und Occidents umspannende Belesenheit sicher gestützte Kraft 
widmete er vor allem den Gebieten, worin es am meisten 
auf die Verfolgung des poetischen Handels und Wandels an- 
kommt und ein unerschöpflicher Tausch verkehr besteht: den 
Märchen und Novellen. Hier war er unbestritten der grösste 
Detailkenner, mochte es sich um Bretonen oder Sicilianer, 
Mongolen oder Kaffern, um Sercambi, Chaucer, Marie de 
France oder einen curiösen deutschen Schmöker des 17. Jahr- 
hunderts handeln. Er stellte ruhig zusammen, legte Quellen und 
Wanderungen sachlich dar, trug Bausteine zu, ergänzte als uner- 
müdlicher Recensent die Mittheilungen anderer, spendete zu 
Aufsätzen oder Büchern vergleichende Anhänge, ging aber 
in seinen überaus zahlreichen Beiträgen zur Universalgeschichte 
der Kleinepik wie zur Kenntniss von Volksliedern, Volks- 
sprüchen, Volksbräuchen fast nie auf eine künstlerische Dar- 
stellung und eine völkerpsychologische und ästhetische Er- 
gründung der Motive und Formen aus. Er war viel mehr 
Systematiker als Physiolog. Das Was beschäftigte ihn mehr 
als das Wie, aber niemals zeigte er den Hochmuth der »Exacten« 
gegen kühnere Flieger und dichterische Dolmetsche. Wer aus 
einer auch schriftstellerisch anmuthenden Gabe Köhlers Art 
erkennen will, der lese den Aufsatz »Über die europäischen 
Volksmärchen« (Weimarische Beiträge zur Literatur und Kunst, 
1865 S. 183 — 203), der so kundig wie besonnen auf den 
Spuren der Brüder Grimm und Benfeys einhergeht, ohne in 
romantisch -mythische Nebel zu tappen oder nun alles und 
jedes für indisches Wandergut zu halten, und nach einer 
überaus reichen und klaren Übersicht das schöne Märchen 
vom treuen Johannes mit allen nahen und fernen Verwandten 
uns vorführt ; so wie Köhlers Artikel »Griseldis« (bei Ersch und 
Gruber) musterhaft dasteht. An Göttersagen und an Märchen 
hatte er schon als Kind helle Freude gehabt und als Jüngling 
in der Heimath seiner volkskundigen Mutter den Ilmenauer 
Bergleuten ihre Lieder abgefragt. Wenn er nun in Weimar 
am schlichten väterlichen Pult seine unvergleichliche Herrschaft 
über die allenthalben erschlossenen Märchenschätze der Welt 
übte, dachte er auch an die Dichter Altweimars, an Goethes 
Märchencitat im Kerker Gretchens, an Wielands Ausspruch, 
Ammenmärchen im Ammenton erzählt sollten nicht gedruckt 
werden, an Kotzebues Bericht, dass Onkel Musäus sich von 
alten Spinnerinnen »mit ekelhafter Geschwätzigkeit« habe 
erzählen lassen was er dann so reizend nachgeplaudert, an 
Günthers naivere, kindlichere Sammlung. Von seinen Welt- 
fahrten her war er nicht gemeint, auf die falsche Selbstgenüg- 
samkeit mancher braven Localforscher einzugehen, als sei die 
Volkspoesie den Deutschen in privilegirte Erbpacht gegeben. 



302 Chronik. 



So beendet er eine Anzeige mit der ruhigen Mahnung: 
»Schliesslich noch ein Wort zu der Äusserung des Herausgebers 
in der Einleitung, dass das deutsche Volk in seinen Volks- 
liedern ein poetisches Erbe aus seiner Väter Zeit besitze, dem 
keine andere Nation ein würdiges Gegenstück an die Seite 
setzen könne ! Ohne irgend Gewicht auf meine eigene Ansicht 
legen zu wollen, nach der allerdings verschiedene Nationen, 
deren Volkslieder ich einigermassen zu kennen glaube, uns 
darin ebenbürtig sind, möchte ich nur fragen, ob der Heraus- 
geber, ob irgend jemand die Volkslieder aller andern Nationen 
genau genug kennt, um sich erlauben zu dürfen, so kurzweg 
über alle zu Gunsten von uns Deutschen abzuurtheilen.« 

Köhler hat sich um slavische, romanische, germanische 
Literatur grosse Verdienste im Einzelnen erworben. Die 
Italiener namentlich danken ihm eine Menge Nachweise für 
ihre Novellenbücher. In der Legendendichtung war er wie 
wenige zu Hause. Eine reiche Sprachkenntniss kam ihm überall 
zu Statten. Er verfolgte fort und fort, wie poetische Gebilde 
den Besitzer und die Form wechseln, und Hess uns auch Dantes 
Inferno bei den verschiedensten deutschen Übersetzern be- 
trachten oder Shakespeares »Widerspänstige« als Deutsche des 
17. Jahrhunderts wieder aufstehen in dem ausgezeichneten 
Neudruck der »Kunst über alle Künste ein bös Weib gut zu 
machen«. Auch hier gilt, dass Köhler, der Bibliothekar der 
deutschen Shakespeare-Gesellschaft, nicht nach seinen Beiträgen 
zum Shakespeare - Jahrbuch u. s. w. zu messen ist, sondern 
dass er selten ein gewünschtes Buch ohne erbetene oder frei- 
willige Zugaben seinerseits ausschickte. 

Köhler kannte die deutsche Literatur auf ihren stolzen 
Höhen und in ihren heimlichen, auch verachteten Niederungen. 
Er war neben Rudolf Hildebrand zum Mitarbeiter des Grimm- 
schen Wörterbuches ausersehen und hätte, wie kleine Aufsätze 
und Anmerkungen sattsam zeigen, gewiss keine handwerks- 
mässige Zettelarbeit geliefert. Die reformatorischen Prosa- 
dialoge des Hans Sachs wurden durch ihn ans Licht gezogen. 
Da nun Köhlers Art, wie gesagt, nicht die Herdersche, 
Goethische, Grimmsche ist, sondern ohne künstlerische Analyse 
Materialien beschaffen und sichten will, kann hier von einer 
Musterung abgesehen und auf mein, aus des Freundes Notiz- 
büchern gezogenes Schriftenverzeichniss hingewiesen werden. 
Hervorgehoben sei aus der Fülle nur, was weitere Kreise und 
was besonders die Goethegesellschaft berührt. Köhler erläutert 
uns über den trefflichen Valentin Schmidt hinaus Bürg ersehe 
Balladen: wir sind immerhin minder streng gegen die Ge- 
schmacklosigkeit von »Lenardo und Blandine«, wenn wir er- 
fahren, dass dem Dichter die edle Novelle des Boccaccio nur 
in vergröberter deutscher Gestalt vorlag. Köhler zeigt, wie 



Chronik. 30^ 



der Todte von Mainz in Vossens »Luise« auf Schubart hinüber- 
weist. Er gibt die Vorgeschichte des grauenhaften »24. Fe- 
bruars« von Z. Werner. Er erörtert Lessingsche Reime. Wenn 
wir heute die Werke Heinrichs von Kleist lesen, wie sie der eigen- 
richtige Dichter geschrieben hat, mit allen Kühnheiten und 
manchen Härten oder Sprachfehlern, nicht aber wie sie Tieck 
polirt und J. Schmidt nachcorrigirt hat, so ist das Köhlers That 
durch ein an Stilbeobachtung reiches Schriftchen von 1862 
(vgl. Literarisches Centralblatt 1864 No. 2). Diese Blätter — 
neben den stilistisch soviel bewegteren und reizvolleren Bogen 
»Über Kritik und Geschichte des Goethischen Textes« von 
M. Bernays — mögen doch auch die hochgemuthen Kritikaster 
ansehen, die den Dienern am Wort so gern die Leviten lesen 
und den schon von Kant so herrlich persiflirten »vornehmen 
Ton zu philosophiren« auf die Werke der Classiker anwenden, 
als könnten Ausgaben geleistet werden ohne philologische 
Arbeit. Allerdings die grosse »historisch - kritische« Schiller- 
Ausgabe Goedekes mit ihrem Kehricht von alten Druckfehlern 
und für die Textgeschichte gleichgiltigen Bettelvarianten ist 
kein absolutes Ideal: in den meisten Bänden mehr historisch, 
als kritisch. Durch Sparsamkeit im Entbehrlichen zeichnet 
sich darin Köhlers Edition der »Ästhetischen Schriften« aus. 
Bei Brockhaus lieferte er den »Oberon«, und wie er durch ein 
besonderes Heft den Ursprung des Herderschen »Cid« aus fran- 
zösischer Vermittlung, zuletzt noch die mittelalterlichen Quellen 
Herderscher Legenden beleuchtet hat, wie z. B. eine unklare 
und incorrecte Notiz Ubique-Böttigers über Wielands »Clelia 
und Sinibald« von Köhler erschöpft worden ist, so verfolgte er 
das altfranzösische, englische, orientalische Nass, das Wieland 
im »Oberon« neuschöpferisch auf seine Beete gelenkt hat.' 



' Niir für die Weimarischen Classiker sei hier ein Verzeichniss 
gegeben: Oberon. Leipzig 1868; Archiv für Literaturgeschichte 3,416 
Die Quelle von Wielands Hann und Gulpenheh; ebenda 5, 78 Zu 
Wielands Clelia und Sinibald. — Herders Cid und seine französische 
Quelle. Leipzig 1867; Berichte über die Verhandlungen der kgl. sächs. 
Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig. Philologisch-historische 
Klasse. 39, 105 Herders Legenden »Die ewige Weisheit« und »Der 
Friedensstifter« und ihre Quellen. — Schillers sämmtliche Schriften. 
10. Theil. Stuttgart 1871; Archiv 5, i Schiller und eine Stelle aus 
Tausend und einer Nacht. — Zeitschrift für deutsches Alterthum 20, 
119 Harlekins Hochzeit etc., vgl. Goethe- Jahrbuch 3, 361 Kilian Brust- 
fleck; Zs. für deutsche Philologie 3, 475 Goethiana ; Goethebriefe: 
Archiv 11, 386 Goethe- Jahrbuch 2, 249. 9, 109 (vgl. 2, 450. 12, 268); 
Archiv 6, 230 Zu Goethes Tagebuch; Weimarer Zeitung 1865 No. 140 
Anekdote von Goethe; Recensionen im Literar. Centralblatt 1868 No. 27 
Wentzel, Goethe in Schlesien, 1871 No. 27 Keil, Frau Rath; Berichte 
der kgl. sächs. Gesellschaft 42, 72 Goethe und der italienische Dichter 
Domenico Batacchi. Zerstreute Hinweise, z. B. am Schlüsse der An- 
merkungen zu den Lais der Marie de France. 



304 Chronik. 



Die Goetheforschung ist ihm für manchen Beitrag ver- 
pflichtet. Köhler wies als Vorbild für das tolle Fratzenwesen 
»Hanswursts Hochzeit« das Singspiel »Harlekins Hochzeit« 
nach, das dann seit Zarnckes Ausgrabung des Schelmuffsky- 
schöpfers Reuter soviel von sich hat reden machen. Er theilte 
Goethes poetische Widmung der »Stella« an Lili zuerst in 
einem zierlichen Privatdruck mit. Er zeigte die Pfade, auf 
denen brasilianische Lieder von Montaigne her zu Goethe, 
ins Tiefurter Journal und weiter gekommen sind. Er gab 
hier eine Anekdote, da ein paar Briefe und zuverlässige 
Erörterung von Lebensbeziehungen (A. Poerio), dort Berich- 
tigendes und Ergänzendes zu neueren Publicationen, und einer 
seiner letzten kleinen Aufsätze gilt den dreisten Novellen des 
Pseudonymen P. Atanasio da Verrocchio (Batacchi), von denen 
Goethe zu Knebel und in den Annalen 181 1 spricht. — Aber 
wie kahl stehen diese bibliographischen Angaben da, wie 
wenig ist mit dem Lobe der gedruckten Gelehrsamkeit ge- 
sagt ! Man muss wissen, was es für Weimar bedeutete, dass 
ein so ausgezeichneter und hilfreicher Gelehrter, ein so durch 
und durch tüchtiger, von jedem Schein freier, reiner Mann 
auf der Bibliothek waltete, jedem zur Hand ging, jeden unter- 
richtete und erbaute, jedem, auch ausserhalb des Büchersaals, 
ein unverlierbares Andenken mitgab, das unendlich werther 
bleibt, als gedruckte Specimina eruditionis oder verrauschende 
Feste. Er war schwer zu verkennen, wenn man nur einmal 
eine Stunde bei ihm geweilt hatte. Viele sind ihm herzlich 
zugethan gewesen und werden die Treue halten ; nicht zuletzt 
sein Nachfolger in der Grossherzoglichen Bibliothek, für die 
auch Köhlers Nachlass an Büchern und Notizen bestimmt ist. 

Mitten in der täglichen Pflichterfüllung, am 11. October 
1890, stürzte er über einen Schemel und brach das Bein. 
Schweres Siechthum streckte ihn auf das Lager, innere Zer- 
störungen griffen immer weiter und trotzten aller Pflege, sein 
Geist verlor allmälig die Spannkraft, ein verlorener Mann wurde 
er im letzten Sommer von den tiefbekümmerten Schwestern 
nach Ilmenau und wieder nach Weimar geleitet, wo ihn, 
früher als man erwartet hatte, am 15. August 1892 ein sanfter 
Tod hinwegnahm. Die Theilnahme nah und fern während der 
langen Krankheit wie nach der Trauerbotschaft war überaus 
herzlich und keineswegs auf Deutschland oder Europa beschränkt. 
Wenn Weimar einen seiner besten Männer und der Grossherzog 
einen »ausgezeichneten Diener« scheiden sah, wenn wir Freunde 
im Gefühl der Verarmung ihm nachriefen : Ave cara anima, so 
wurde, wo immer, und in welcher Sprache es sei, literarische 
Forschung und Volkskunde eine Pflegstätte hat, einhellig be- 
kannt, dass allen ein treuer, das Wissen mehrender und das 
Gemüth erquickender Lehrer entrissen sei. 



Chronik. 3^5 



B. KURZE TODESANZEIGE. 

G, W. E, J, Kestner, Am Spätabend des 1 1 . Febr. er- 
schoss sich in Dresden, in einer Villa an der Beust-Strasse, 
wo er, 1868 nach Dresden übergesiedelt, schon seit längerer 
Zeit wohnte, der an der Influenza heftig erkrankte, hoch- 
betagte Rentner Georg Wilh. Ed. Joh. Kestner, ein Enkel 
der als Urbild von Werthers Lotte berühmten Charlotte Buff, 
die 181 6 als Wittwe des grossbritannischen Archivsecretärs 
Kestner und als Mutter von 12 Kindern nach 44 Jahren von 
Goethe zum ersten und letzten Mal wiedergesehen wurde 
und 1828 in ihrem 76. Lebensjahre zu Hannover starb. Dort 
war auch Georg Kestner am 9. Juli 1805 geboren. Merk- 
würdigerweise steht in der Sterbeurkunde, dass seine Eltern 
unbekannt seien. Er war der Sohn des am 25. October 1867 
in seinem 93. Lebensjahr verstorbenen hannoverschen Archiv- 
raths Kestner, dem drei Tage später seine 84jährige Gattin 
im Tode nachfolgte. Langlebigkeit zeichnet die ganze Familie 
aus. Auch ein Bruder des Archivraths, der hannoversche 
Legationsrath August Kestner, der 1870 oder 1871 in Rom 
starb, erreichte ein hohes Alter. (Ein anderer Bruder, Theodor 
Kestner, starb 1847 ^.Is Arzt in Frankfurt a. M.) August Kestner 
gab 1855 eine grosse Anzahl von Briefen, die Goethe in 
seiner Jugendzeit an die Mutter, Charlotte Buff, gerichtet 
hatte, unter dem Titel, »Goethe und Werther« (Stuttgart) mit 
erläuternden Documenten heraus. Diese Briefe bildeten einen 
Theil der berühmten Handschriftensammlung des Archivraths, 
nach dessen Tode sein Sohn Georg in deren Besitz gelangte. 
Bezüglich dieser durch Umfang und Werth gleich ausgezeichneten 
Handschriftensammlung äussert sich der Oberbibliothekar der 
Dresdener kgl. öffentlichen Bibliothek, Professor Dr. Schnorr 
V. Carolsfeld folgendermassen : »Sie erhielt in ihrem nun dahin- 
geschiedenen Eigenthümer zugleich einen kundigen Verwalter, 
dessen emsiger Fleiss und hülfsbereites Wohlwollen zahlreichen 
literarhistorischen Unternehmungen, wie noch neuerdings der 
Weimarischen Ausgabe von Goethes Werken, zu gute ge- 
kommen ist. Die Pflege des ihm anvertrauten Literaturschatzes 
füllte seine Thätigkeit während der letzten Jahrzehnte seines 
Lebens um so mehr aus, je vollkommener diese Beschäftigung 
zu dem stillen, zurückgezogenen Leben, das er, seinem vor- 
geschrittenen Alter angemessen, hier geführt hat, passte; und 
viele der kostbarsten Stücke in seiner Sammlung stellten ja 
überdies für ihn zugleich die theuersten Familienerinnerungen 
dar. Jener Ordnungssinn, jene Pietät, jene feine vielseitige 
Bildung, die Eigenschaften seiner Eltern und Voreltern, denen 
die Entstehung und Erhaltung ihrer grossartigen Sammlungen 
zuzuschreiben ist, lebten wirksam auch in diesem würdigen 

GoKTHE-jAnncucH XIV. 20 



3o6 Chronik. 



Vertreter des Geschlechts, in diesem treuen Hüter alten 
Familiengutes fort.« Georg Kestner, der bis 1864 im han- 
noverschen Justizdienste gestanden, hat eine Gattin (eine geh 
Heydorn), mit der er 53 Jahre in glücklicher Ehe gelebt, 
aber keine Kinder hinterlassen. Nach seinem Hinscheiden 
leben nur noch zwei Enkel der Charlotte Kestner: einer in 
Neufchätel, einer im Elsass. (Allg. Zeitg. 20. Febr. 2. Morgenbl.) 



C. VERMISCHTE NACHRICHTEN. 

Goethes »Faust«, der nun nach mehrjähriger Pause am 
Osternsonntag wieder auf den Brettern des königlichen Schau- 
spielhauses in Berlin zum 200. Male zu Worte kam, ist an dieser 
Stelle, das heisst also für Berlin überhaupt, zum ersten Male am 
15. Mai 1838, über 30 Jahre nach der Veröffentlichung in Buch- 
form, erschienen. Allerdings hatte das gewaltige Werk schon vor- 
her seinen Schatten in Berlin vorausgeworfen; 181 6 brachte das 
Schauspielhaus August Klingemanns Trauerspiel »Faust«, das 
sich bis 1826 auf dem Spielplane gehalten hat; 1829 erschien 
im Opernhaus Spohrs Oper »Faust«, die durch Goethe nur 
indirekt beeinflusst wurde, und die Sing-Akademie hatte be- 
reits 1835 die Kompositionen des Fürsten Radziwill mit Eduard 
Devrient als Deklamator zur Aufführung gebracht, das Werk 
selbst wurde jedoch an leitender Stelle nach wie vor als un- 
aufführbar betrachtet. So war denn im Mai 1838 die Aufregung 
bis aufs höchste gestiegen, und die ersten Aufführungen fanden 
nicht nur bei ausverkauften Häusern statt, sondern es gab 
theilweise gar keine Abendkasse. Die Kritik ging übrigens 
damals mit der Aufführung scharf ins Gericht und tadelte 
(wohl nicht mit Unrecht), dass sämmtliche Träger der Haupt- 
partien hinter ihren Aufgaben um ein mehr oder minder er- 
hebliches zurückgeblieben seien. Späterhin ist das Werk dann, 
wenn auch nicht gerade häufig, so doch regelmässig an dieser 
Stelle erschienen; wenn es bis 1886 im Ganzen 194 Auf- 
führungen erlebt hat, so entspricht das vier Vorstellungen im 
Jahre. Erwähnt sei schliesslich noch die Aufführung vom 
IG. März 1851, in der wegen des Brandes der ersten Kammer 
nur die beiden ersten Akte zur Aufführung gelangt sind. 

(Nach Berl. Zeitungen Sept.) 



Nahezu fünf Stunden, von 6^2 bis 1 1 Y4 Uhr, währte der 
erste Faust-Abend im neuen Burgtheater, der mit dem Prolog 
im Himmel einsetzte und mit der Zecherscene schloss. Wil- 
brandt hatte den gleichen Stoff auf zwei Abende vertheilt : 
I. vom Vorspiel auf dem Theater, das diesmal wegblieb, bis 
zur Hexenküche ; II. die Gretchen-Tragödie von Fausts Anruf 



Chronik. '^OJ 



»Mein schönes Fräulein« bis zu Mephistos »Her zu mir«. Ein 
Urentwurf Goethes, »Die Kindsmörderin«, stieg an diesem 
zweiten Abend mit so sieghafter Gewalt auf, dass man den 
ziemlich fragmentarischen Eindruck des ersten Abends willig 
hinnahm. Im übrigen hielt sich die Neuscenirung fast durchweg 
an VVilbrandts Einrichtung. Fux* Bühnenbilder, eine Theater- 
ausgabe von Hirths culturhistorischera Bilderbuch, wirkten in 
alter Schönheit: man stand mitten in der deutschen Ver- 
gangenheit; alle Pracht und alle Heimlichkeit reichsstädtischen 
Lebens umfing die Zuschauer, bis uns die Phantastik der Wal- 
purgisnacht — in glänzender Nachbildung der Wandeldeco - 
rationen zum »Parsifal« — in die »Traum- und Zaubersphäre« 
hob. Die Darstellung war ungleich. Neben die bekannten 
und anerkannten Leistungen der Wolter (Böser Geist), Le- 
winsky (Mephisto), Sonnenthal (Faust), Thimig (Schüler) stellte 
sich vollkommen ebenbürtig die Martha von Helene Hartmann. 
Gut war auch Reimers (Valentin), lustig die Zeche in Auer- 
bachs Keller. Frl. Reinhold dagegen, eine treffliche Lustspiel- 
kraft, reichte als Gretchen nicht aus. (Allg. Zeitg. 23. Dez.) 



In der reichen Handelsstadt Jelez hat kürzlich (April) 
eine russische Aufführung von Goethes »Faust« stattgefunden, 
die, wie wir der »Tägl. Rundschau« entnehmen, ein überaus 
verheissungsvoller Zettel folgenden Inhaltes ankündigte: 
»Faust«. — Das Werk des unsterblichen grossen Schriftstellers 
Goethe, Musik von Gounod, in 5 Acten und 10 Bildern. Die 
Piece wird im Arrangement des bekannten Münchener Hof- 
schauspielers E. Possart gestellt. Diese Tragödie diente der 
bekannten Oper »Faust« von Gounod als Thema. Für die 
Piece sind mehrere neue Decorationen gemacht worden. »Die 
Macht Satans oder die Vernichtung des geheimnissvollen kabba- 
listischen Symbols »Pentagramm« durch »Ratten.« Zum Schluss 
die Apotheose : »Gerettet oder die Niederwerfung des Satans.« 
Decoration in den Wolken von P. D. Lauchen. Mitwirkung 
der gesammten Truppe. Bei Vorstellung der Tragödie werden 
mehrere musikalische Nummern aus der Gounodschen Oper 
»Faust« ausgeführt werden : die Romanze Siebeis (? !) : »Oh 
erzählt es, ihr Blumen« (ausgeführt von Frl. Wolski), die 
»Ballade von der Ratte« (ausgeführt von Hrn. Kapylow). 
Das Orchester unter Leitung des Hrn. O. Treu wird in den 
Entr'acts alle Orchesternummern aus der Oper »Faust« spielen. 
Zum Schluss wird ein hiesiger (Jelezer) Dilettant den russischen 
National tanz -»Kamarinskaja« aufführen. . . .« 



Etwas spät beginnt Goethe sich Spanien zu erobern. Im 
Liceo Rins zu Madrid, einer Theaterschule, gelangten »Die 

20* 



308 Chronik. 



Mitschuldigen« zur Aufführung und errangen einen grossen 
Erfolg. Bisher war noch kein Goethisches Drama in Spanien 
aufgeführt worden. (Berl. Tagebl. 31. Mai.) 



Aus Münster wird uns geschrieben : Das Goethische Sing- 
spiel »Scherz, List und Rache« ist von dem Opernsänger 
Adolf Stierlin, zu einer komischen Oper verarbeitet worden. 
Das Werk ging am hiesigen Theater vor einem zahlreichen 
und gewählten Publikum in Szene und trug dem Komponisten, 
welcher selbst die Rolle des Doktors spielte, lebhaften Beifall 
ein. Die Musik ist reich an originalen Sätzen von guter 
Wirkung, entbehrt aber auch nicht der Anklänge an bekannte 
Meister, die Handlung ist durch Hinzufügung weiterer Personen 
belebt worden, für eine Oper aber nicht ganz ausreichend. 
Immerhin darf das Erstlingswerk des bisher unbekannten 
Komponisten das Interesse der Musikwelt in Anspruch nehmen. 

(Berl. Tagebl. 15. Aug., Abendbl.) 



Am 16. Februar fand in Wien die erste Vorstellung einer 
bereits September 1886 vollendeten Oper statt, die seitdem 
auch in Weimar, Brüssel, Paris gegeben wurde. »Werther«, 
Lyrisches Drama in drei Aufzügen und vier Bildern (nach 
Goethe) von Eduard Blau, Paul Milliet und Georges Hartmann. 
Für die deutsche Bühne übertragen von Max Kalbeck. Musik 
von J. Massenet. Als Inhalt wird in einem Bericht des Berl. 
Tagebl. Folgendes angegeben: »Werther sieht Lotte zum 
ersten Mal im Vaterhaus ; ihre Mutter hat sie auf dem Todten- 
bett Albert zur Frau bestimmt. Albert erscheint denn auch, 
während Lotte und Werther ihre gegenseitigen rasch erwachten 
Gefühle verrathen. Lotte wird Alberts Weib. Als Werther 
nach Monaten wiederkehrt und die Geliebte als die Ange- 
traute eines Andern findet, verfällt er in Verzweiflung. Jetzt 
erst gesteht er Lotte offen und unumwunden seine unbesieg- 
bare heisse Liebe ein, und auch Lotte wird sich inne, dass 
sie Werther und nicht Albert liebe. Sie gewährt in einem 
Moment aufflammender Leidenschaft Werther einen Kuss und 
flieht dann vor ihm. Da tritt Albert ein, er ahnt, dass etwas 
vorgefallen, und fordert Auskunft von seinem Weibe. Die 
peinliche Scene wird von einem Boten unterbrochen ; Werther 
sendet ihn, er wolle eine weite Reise unternehmen und er- 
suche um Alberts Pistolen. Auf Geheiss Alberts muss Lotte 
dem Boten die Pistolen geben. Mit einer derselben erschiesst 
sich Werther später in seinem Zimmer. Von R'eue und Liebe 
zugleich gejagt, stürmt Lotte zu Werther. Als Werther in 
den Armen Lottes seines Geist ausgehaucht hat, stürzt sie 
neben der Leiche des Geliebten entseelt zu Boden.« 



Chronik. 309 



V. Valentin hielt in Frankfurt a. M. (Fr. D. Höchst.) einen 
Cyclus von Vorträgen tlber: Goethes Faustdichtung als drama- 
tisches Kunstwerk. I. Die künstlerische Gestaltung des Stoffes. 
I. Der wissenschaftliche Standpunkt. Der Gang der Hand- 
lung. IL Die dramatische Gestaltung des Kunstwerkes. 2. Der 
Standpunkt des Dichters und seine Voraussetzungen. Die Lage 
beim Beginne der Handlung im Himmel und auf Erden. Die 
Wette. Der Pakt. Die Experimente der kleinen Welt : a) Auer- 
bachs Keller, b) Gretchen. 3. Die Experimente der grossen 
Welt : a. Am Hofe des Kaisers, b. Helena. 4. Fausts eigener 
Weg : Das Neuland. Der Ausgang auf Erden und im Himmel. 



Neun Vorträge für Damen über Goethe mit besonderer 
Berücksichtigung des Faust (I. und IL Theil) hält Frl. Anna 
Ettlinger, Literaturlehrerin aus Karlsruhe, Mittwoch und Samstag 
von 726 — V27 Uhr im Singsaal der höheren Töchterschule, 
München, Briennerstrasse 55. Beginn Mittwoch 27. April. 



Die immer grössere Verbreitung der Goethestudien er- 
kennt man daraus, dass häufiger in Dissertationen Thesen 
auftreten, die sich auf Goethe beziehen. Dies ist der Fall 
in drei Berliner Doctorarbeiten. G. Ransohoff (J. G. Jacobis 
Jugendwerke) hat zwei Sätze: i. Bereits in der ersten, nicht 
erhaltenen Fassung des Tasso war eine Gegenfigur wie Antonio, 
2. Zu der Marianne der »Geschwister« hat Lotte Buff Züge 
beigesteuert. R. Wessely (Gebrauch der Casus bei A. v. Eyb.) 
behauptet gleichfalls zweierlei: i. Der Spaziergang in Goethes 
Faust ist um 1800 gedichtet, 2. Herders Gedicht »die Blüthe« 
ist eine Nachahmung von Goethes Gedicht »Haideröslein«. 
Paul Koch (Flöhhatz von J. Fischart und M. Holzwart) stellt 
den sehr bestreitbaren Satz auf: »Der ,Weise* in Goethes 
Faust I, 89 ist Swedenborg.« 




3. Bibliographie. 

1. SCHRIFTEN. 

A. WEIMARER GOETHE -AUSGABE. 

Goethes Werke. Herausgegeben Im Auftrage der Grossherzogin 
Sophie von Sachsen. Weimar, H. Böhlau. 

Siehe J.-B. XIII, 259 mit der Anmerkung. Da die Bände 
I, Ji. II, 7. IV, 10., die als erste Jahres heferung erschienen, 
bereits im vorjährigen Bericht inbegriffen sind, so ist hier nur 
die zweite Serie zu besprechen. Sie umfasst die Bände I, 12 
(Redactor B. Suphan, Herausgeber W. Arndt, Franz Muncker, 

A. V. Weilen, S. Singer, /. Wähle, C. Redlich) I, 20 (Redactor 

B. Seuffert, Herausgeber Max v. Waldberg) I, 35 (Redactor 

C. Redlich, Herausgeber Woldemar v. Biedermann) II, 9 (Re- 
dactor B. Suphan, Herausgeber R. Steiner) IW, n (Redactor 
B. Suphan, Herausgeber £. von der Hellen).' 

BERICHT DER REDACTOREN UNI) HERAUSGEBER. 
ERSTE ABTHEILUNG. 
Band IS. Die Hauptmasse dieses Bandes bilden die im 
XI. der Ausgabe letzter Hand vereinigten Singspiele. Hinzu- 
gefügt wurde zunächst das in der Quartausgabe gedruckte 
Fragment »Die ungleichen Hausgenossen«. Die weiteren Zu- 
gaben sind erst jetzt aus dem Nachlass gehoben: das von 



' Die E [Diel berichte der Betheiligten werden im Folgenden it 
ihren Namen gegeben, meinerseits sind nur einige Bemerkungen ei 
geschaltet. B. Suphak. 



Bibliographie. 3 ^ ^ 



Julius Wähle herausgegebene Textbuch zu Cimarosas Operette 
»Die vereitelten Ränke«, und die Fragmente mehrerer Opern. 
Bei den grossen Schwierigkeiten, welche die handschriftliche 
Gestalt der Zusatzsttlcke zumeist bietet, war, um zu einem 
möglichst sichern Texte zu gelangen, eindringliche Mitarbeit 
des Redactors und seiner ständigen Arbeitsgenossen erforderlich. 

B. S. 

Jery und Bätely, Der Text weist gegen den in C an- 
gegebenen nur die eine Abweichung auf, dass 14, 23 das in 
den Ausgaben von B an fehlende »wenn« nach den früheren 
Ausgaben wieder eingesetzt ist. Eine Handschrift für die in 
alle Ausgaben aufgenommene Gestalt des Stückes lag nicht 
vor, nur einzelne Ansätze der Neubearbeitung haben sich in 
H* erhalten. Für die erste Gestalt des Singspiels dagegen 
waren zwei Handschriften, sowie das für die erste Aufführung 
hergestellte Textbuch zu benutzen. Für den erst in C' hinzu- 
gefügten neuen Schluss konnte der eigenhändige Entwurf im 
Goethe-Archiv und die von den Besitzern der Cottaschen 
Buchhandlung freundlichst dargeliehene Handschrift, welche 
die Druckvorlage zu C* bildete, verglichen werden. (Das in 
allen Ausgaben auffallender Weise fehlende Personenverzeichniss 
haben wir nebst dem Satze »Der Schauplatz ist in dem Ge- 
birge des Canton Uri«, nach einem im Privatbesitz befindlichen 
Blatte an seiner Stelle eingefügt. B. S.) Wilhelm Arndt. 



Lila, Neben dem Einzeldruck der »Gesänge zu Lila« 
(Weimar 1777) wurden namentlich zwei Handschriften zum 
ersten Male verglichen, die eine (H') im Goethe- und Schiller- 
Archiv zu Weimar, ganz von Vogels Hand 1782 hergestellt 
und vom Dichter zum Geburtstagsgeschenk für die Herzogin 
Anna Amalia bestimmt, die andere (H*) in der Familien- 
fideicommissbibliothek des Königs Ludwigs I. von Bayern zu 
München, zum grossen Theil von Goethes eigner Hand. H* 
weicht von dem bereits bekannten Texte wenig ab; sie geht 
auf die letzte durchgreifende Überarbeitung zurück, die Goethe 
dem Festspiel 1788 in Rom angedeihen liess, und enthält 
daher nur in verhältnismässig wenigen Fällen ältere Wendungen 
und Formen als der Druck bei Göschen (S). Theils aus ihr, 
theils schon aus den Göschenschen und ersten Cottaschen 
Drucken wurde der Text der Ausgabe letzter Hand an folgen- 
den Stellen verbessert: 47,12; 51,23; 55,6; 57,7; 59,22; 63,11; 
64,3; 71,9; 72,8; 72,20; 81,30; 82,1; 83,15. Eine viel reichere 
Ausbeute lieferte die Weimarer Handschrift. Zwar bietet auch 
sie das Drama nicht in seiner allerältesten Form, in der noch 
der Mann als der Kranke erscheint, um dessen Heilung sich 



312 Bibliographie. 



alles dreht — von dieser ursprünglichen Fassung scheinen 
sich leider gar keine handschriftlichen Aufzeichnungen erhalten 
zu haben. H' giebt vielmehr den Text der ersten Umarbeitung, 
deren ersten Act Goethe am 15. Februar 1778 dictirte, deren 
übrige Aufzüge aber schon 1777 entstanden sein müssen, da 
der Einzeldruck der Gesänge aus diesem Jahre bereits die 
neue Gestalt des Werkes aufweist. Das Drama ist in H' in 
fünf Aufzüge abgetheilt; der Gang der Handlung ist im Allge- 
meinen schon hier derselbe wie in der endgültigen Fassung, 
einzelne Scenen sind aber an andrer Stelle als später einge- 
ordnet. Unter den handelnden Personen fehlt Marianne und 
mit ihr die ganze Liebesepisode des Grafen Friedrich; dafür 
sind namentlich die Schlussscenen der Haupthandlung viel 
umfangreicher gehalten, so dass mehrere von ihnen in den 
Lesarten fast vollständig wieder abgedruckt werden mussten. 

Franz Muncker. 

Die Fischerin. Eine Handschrift des Stückes existirt nicht. 
Verwerthet wurde eine Abschrift der Composition Corona 
Schröters aus der Grossherzoglichen Bibliothek zu Weimar, 
Vertreter einer in Kleinigkeiten variirenden älteren Fassung, 
wodurch Varianten zu 103, 1 — 14, 105, 9 u. a. Gesangsstellen 
deutlich werden. In C war 100, 3 »ein« in »einen« auch nach 
Herders Text zu bessern. Dagegen habe ich 113, 10 »Gute 
Nacht an Jungfer Dortchen« dem Vater belassen, entgegen der 
Besserung Riemer-Eckermanns, für die manches, bis auf die 
unbedingte Sicherheit, spricht. 

Scherz, List und Rache, Zum erstenmal wurde die von 
Bächtold nachgewiesene Handschrift des Singspiels, welche 
durch Kayser an die Musikgesellschaft Zürich kam, für die 
Textgeschichte erschlossen. Dieselbe, eine Abschrift Vogels, 
repräsentirt die ältere Fassung, welche auch mit den in Briefen 
an Kayser citirten Stellen häufig übereinstimmt. Auch die 
Partitur Kaysers, den ersten und zweiten Act umfassend, aus 
Goethes Bibliothek, wurde herbeigezogen, und dadurch eine 
Reihe von Varianten des späteren Textes, Auslassungen und 
kleinere Zusätze (871, 1060) ersichtlich gemacht. Ich selbst 
habe auf die Partitur Peter vonWinters, 1784 oder wohl 1790 
componirt, aus dem Besitze der Gesellschaft der Musikfreunde 
zu Wien hingewiesen, deren gegen den Goethischen Druck 
verkürzter Text von Jünger herrühren soll. Sie ist dadurch merk- 
würdig, dass sie auffallend mit der Kayserschen Handschrift 
übereinstimmt. Im Texte wurde C gebessert, im V. 11 29, 1174 
wurde das irrthümlich ausgefallene »noch« wieder eingesetzt. 

Der Zauberflöte zweiter TheiL In Betracht kam die an 
Ludwig Geist geschriebene, von Goethe durchcorrigirte Hand- 
schrift aus dem Goethe-Archive. In ihr finden sich manche 



Bibliographie. 3^3 



erste Fassungen, bemerkenswerth die von Goethes Hand 
geschriebene Rede Sarastros 393 ff., sowie eine Reihe von 
Paralipomenis, und ein Scenar, das sich über 2 Acte erstreckt. 
In einem Notizbuch findet sich das Wechsellied der Wächter 
aufgezeichnet, in einem andern stehen Regiebemerkungen zur 
Auffuhrung der Zauberflöte, welche den Paralipomenis ange- 
reiht wurden. Gegen C wurde geändert 70 »wilden« in »wilder«, 
als willkürliche Änderung Göttlings, 176 »an« in »Jn«, Inter- 
punktion 85 und 721. Alexander von Weilen. 



Die ungleichen Hausgenossen waren seinerzeit unter den 
Nachlassschriften mit vieler Willkür herausgegeben worden. 
Vor allem erschienen die als freie Rhythmen gemeinten und 
als solche zu Papier gebrachten Zeilen als Prosa. Einzelne 
Zeilen waren nach freiem Ermessen umgestaltet ; vgl. besonders 
402 ff. In den Text habe ich nur die fortlaufend geschrie- 
benen Theile des ersten, vierten und fünften Actes aufge- 
nommen, alles andere, wenn es sich auch mit Sicherheit ein- 
reihen Hess, in die Paralipomena verwiesen. Diese enthalten 
manches Neue, das den Plan des ganzen Stückes klarer er- 
scheinen lässt z. B. die auf den Ritterschlag Pumpers bezüg- 
lichen (S. 407) u. a. m. S. Singer. 

V. 109 wollte ich »Ihnen, die Sie« der Handschrift halten, 
vgl. Lesarten S. 394, wo das g vor H* zu streichen. 

V. 209 habe ich die Lesung »Immersüss« (geschrieben 
»Immersüs«) zu vertreten. Das ist der rechte Name für den 
»Poeten«, nicht »Immensus«. Zu V. 406 ist die im Apparat 
sub 405 notirte Lesung »den Schmetterling im« zu widerrufen. 
Das letzte i verläuft in einen hastigen Ductus, der so wenig 
durch m wie durch eine andre Letter wiedergegeben werden 
kann. Die Ergänzung gibt sich, wie häufig im gleichen Fall, 
aus dem Zusammenhang, hier aus dem darunter stehenden 
»ich« der gestrichenen Zeile »Diesem Thoren soll ich weichen«. 

B. SUPHAN. 

Opernfragmente. Band 1 2 bringt zum Schluss einen Chor 
aus Racine's Athalie (1789); den Anfang einer Neubearbeitung 
von Anfossis Circe (1796), die Vulpius mit Goethes Beihilfe 
schon 1794 übersetzt hatte; den Löwenstuhl (1814) in zwei 
Gestalten, einer als Oper beabsichtigten und einer, in der die 
Musik durch mannigfaltig wechselnde Rhythmen ersetzt ist; 
endlich die orientalische Oper Feradeddin und Kolaila (18 16). 
Die Existenz aller vier Stücke war aus einzelnen Erwähnungen 
in den Tag- und Jahresheften, in den Tagebüchern und im 
Briefwechsel bekannt; der Text, so weit er überhaupt ausgeführt 
ist, kommt hier zum erstenmale ans Licht, nachdem es mir 



314 Bibliographie. 



vergönnt gewesen, über das umfangreichste und durch inhalt- 
liche Verwandtschaft mit der Ballade »Die Kinder, sie hören 
es gerne« interessanteste Fragment in der Festschrift der Re- 
dactoren zum 8. Oktober 1892 zu berichten. Die Auffindung 
der orientalischen Oper, deren Name bisher unbekannt war, 
in den Papieren des Goethe -Archivs berichtigt eine irrige 
Angabe Goedekes, die auch in die neue Auflage seines Grund- 
risses (IV S. 558) übergegangen ist. Redlich. 



Band 20, Der 20. Band enthält die Wahlverwandtschaften, 
bearbeitet von Professor Dr. Max Freiherr von Waldberg in 
Heidelberg. 

In Goethes Tagebuch lässt sich die Entstehung des Romanes 
vom II. April 1808 bis zum 4. October 1809 verfolgen. Das 
erste Dictat fand, wie in der Einleitung der Lesarten dieses 
Bandes bemerkt ist, zwischen dem i. Juni und 30. Juli 1808 
statt. Im August und September trug sich Goethe wieder 
mit dem Werke. Von Mitte April 1809 an beginnt das 
»Durchdenken« und »Überlegen« des Schemas aufs neue, 
Theile des Romanes wurden »neu geschrieben« oder »um- 
geschrieben« oder »corrigirt« oder »umdictirt«. Am 28. Juli 
ist die »Verbesserung« und »Revision« so weit gediehen, dass 
der Anfang der Dichtung in die Druckerei geschickt wurde, 
sie dauert aber noch während der Drucklegung fort, indem 
die Redaction der Handschrift immer dem Drucke um einige 
Schritte voranschreitet. Den ersten Druckbogen zur Revision 
erhielt Goethe am 30. Juli 1809, den letzten erledigte er am 
4. October desselben Jahres. So viel Sorgfalt nun Goethe 
nach den zahlreichen Notizen des Tagebuchs auf die Aus- 
gestaltung des ursprünglichen Dictates und die Drucklegung 
des Romanes mit eigener Hand und eigenen Augen wendete, 
der Charakter der ersten Niederschrift nach seinem Dictate 
verleugnet sich in dem fertigen Werke doch nicht ganz ; die 
raschen Wiederholungen eines einmal in den Mund genommenen 
Wortes und deutlicher noch allerlei Incongruenzen weisen 
auf das Dictat zurück. Für die Textkritik aber bot die Aus- 
gabe von 1809 eine sichere Grundlage; trotzdem mussten 
Änderungen der späteren sechs echten Drucke, obwohl für 
diese die gleiche gründliche eigene Überwachung Goethes 
nicht ebenso sicher ist, beachtet werden, wenn sie nur nicht 
offenbar zufällige Verderbnisse, sondern beabsichtigte und 
durch die Ausgabe letzter Hand gutgeheissene Änderungen 
sind. Handschriften haben sich nicht erhalten. 

Die Orthographie wurde nach den Regeln der Gesammt- 
ausgabe durchgeführt. Den Lautbestand anzutasten, verbieten 
ihre Grundsätze. So blieb das seltenere »hub« neben dem 



Bibliographie. 3 1 5 



häufigeren »hob« 139,24. 140,9. 365,11. 369,10. 409,28. 410,7; 
»stund« neben »stand« 388,9 (offenbar um den Gleichklang: 
»stand gebannt« zu vermeiden) 410,22. 411,1 u. ö. ; »trutzt« 
neben »trotzt« 73,7. 74,21; »Stieg« neben »Steig« 4,3.21. 30,21. 
Bedenken erregte »Fuhrmann« 337,21 im gleichen Sinne mit 
»Fährmann« 138,13; da die Form aber in allen Drucken sich 
wiederholt und ein älteres Beispiel dafür in Grimms D. W. B. 
4, 470 steht, so ist auch sie bewahrt worden. Dass Goethe 
im sing. »Pachter« 86,4, im phir. »Pächter« 8,1 schreibt, durfte 
als feststehend gelten. Die Änderung in O »bezeugen« 83,24 
gegen vorheriges »bezeigen« konnte bei der ausgedehnten 
Verwendung jenes Wortes für beabsichtigt angesehen werden, 
obwohl die ältere Form im Sinne genauer war. 248,7 hätte 
»gypsenes«, das als ein aus B fortgeschleppter Druckfehler 
erschien, an seiner Stelle verbleiben sollen, da Goethe, an 
Göttling 8. October 1825, diese Form ausdrücklich billigt. 

Die Composita wurden unter Berücksichtigung der Be- 
sonderheit jedes Falles nach der statistisch beobachteten 
Mehrzahl der Schreibung behandelt. Bei denen mit »hier-« 
glaubten der Herausgeber und der Redactor in den Laut- 
bestand eingreifen zu dürfen, indem das »r« bewahrt oder 
beseitigt wurde, je nach der vorherrschenden Druckweise ; 
»hier-« scheint nur vor »m«, »n« und Vocal üblich zu sein. 
»Allzu« war anzuschliessen, ausser wo das folgende Wort mit 
Vocal beginnt. Auch in das willkürliche Trennen und Binden 
der Verbalcomposita wurde möglichst Ordnung gebracht nach 
statistischen Zählungen. 

Das grammatische Geschlecht durchaus vor dem Sinnes - 
geschlecht gelten zu lassen, durfte nicht versucht werden, 
obgleich seit B dies Bestreben sich zeigt: z. B. 402,19 (eine 
üble Correctheit !) 405,11.17. 

Auch Schwankungen der Substantiv- und Adjectivflexion 
wagten wir nicht zu regeln. In B und Ci sind Ansätze ge- 
macht, schwache Plurale zu beseitigen, z. B. 83,4. 96,28. Der 
gen. sing. »Frauen« 129,2 musste beibehalten werden, obwohl 
er als plur. missverstanden werden kann ; ebenso die willkür- 
lich beliebte oder unterlassene Flexion der Eigennamen. Auch 
da wo doppelte attributive Adjective stehen, ist die Flexion 
nicht einheitlich; der Fall, dass das zweite Adjectiv schwach 
flectirt ist, z. B. 126,9 ist selten; nach »einige«, »manche« 
u. dgl. ist zumeist schwache Flexion, aber doch auch ge- 
legentlich starke, z. B. 228,6 (»anderer lederner«) 351,10 
(»allem unserm«). 

Der unkenntliche conjunct. praet. wird in O zuweilen 
beseitigt, z. B. 11,26. 162,28. Wechsel zwischen Praeteritum 
und Praesens ist häufig, z. B. 360,27 ff. Einmal wird er in 
C ausgeglichen 148,10; schon darum durfte der erst in C auf- 



}l6 Bibliographie. 



tauchende Wechsel 156,27 als Druckfehler angesehen werden. 
211,19 und 241,15 mag B eine Angleichung der Tempora 
versucht haben, wodurch aber die Constructionen fälschlich 
conjunctivisch wurden. Das Hilfsverbum ist wiederholt in 
empfindlicher Weise ausgelassen, z. B. 43,16. 201,11. 269,28; 
ein leichter Fall 12,20 wurde in B verändert. Das Zeugma 
17,7 ff. ist schwer, doch an eine T.ücke zwischen »wird« und 
»so« nicht zu denken. 6,13 veranlasste B durch den Einschub 
des »uns« eine pleonastische Wendung. 119,6 hält der Heraus- 
geber »in« statt des vor O gebrauchten »an« für Druckfehler, 
weil es nur als zufällige Verschlechterung, nicht als absicht- 
liche Verbesserung aufgefasst werden kann. Für und wider 
die älteren und jüngeren Lesarten 341,26. 350,13. 390,17 lassen 
sich Gründe anführen, nur für die mittlere glaubte er den 
Text von C verlassen zu müssen. 

Die Interpunction wurde, so ungleich sie ist, nach dem 
Muster anderer Bände dieser Ausgabe und weil ein poetisches 
Prosawerk seinen eigenen Rhythmus haben kann, nicht berührt, 
ausser wo Druckfehler vorlagen oder dem Missverständnisse 
eines flüchtigen Lesers vorgebeugt werden sollte. Auch an 
den Absätzen hielt man fest, die gewiss von der dictirten 
Niederschrift her oft dem Fortschritte der Sache wenig ent- 
sprechen. 

Zur Ergänzung des in den Lesarten Gesagten mag auf 
einige der Unebenheiten und Schwierigkeiten besonders auf- 
merksam gemacht werden, die dem Herausgeber und dem 
Redactor nicht entgangen sind, aber zu Textänderungen nicht 
Anlass oder nicht das Recht gaben. 

Eduard spricht Mittler mit »Sie« an ausser 22,19 (»Ihr« 
sing.), den Hauptmann mit »Du« ausser 64,5 (»Sie« sing.), der 
Graf Eduard mit »Sie« ausser 126,3.4 (»Du« in einer aller- 
dings vertraulichen Stelle; aber 127,13 [so lies in den Les- 
arten statt 137,13] ist nicht minder vertraulich), Ottilie Charlotte 
mit »Sie« ausser 369,15 — 371,16 (»Du« in sehr gehobner Rede). 
56,5 antwortet der Hauptmann nicht wie zu erwarten wäre 
Eduard, sondern spricht Charlotte an, daher ist »Sie« richtig ; 
160,6 ff. ist die Rede Eduards an Charlotte gerichtet, daher 
spricht er von Ottilie in der dritten Person 160,8, obwohl er 
sie vorher und nachher unter »wir« einbegreift. 

Dass die Grosstante (z. B. 144,19. 165,16. 228,3) gelegentlich 
als Tante (z. B. 227,6. 229,18. 242,8) bezeichnet ist, war, wie 
der Irrthum 130,4 Gräfin statt Baronesse schon von andern 
Herausgebern bemerkt worden. 

56,7 ff. wird ein Spiel mit bedeutungsvollen Buchstaben 
getrieben; A = Charlotte, B = Eduard, C = »Capitän« 
(Hauptmann), D = »Dämchen« Ottilie. Soll nun aus diesen 
Zeichen eine »Formel« gebildet werden, die als »Gleichniss- 



Bibliographie. 3^7 



rede« (56,17) vorauszeigt, so müsste sie lauten: »A wird sich 
zu C, D zu B werfen« ; es steht aber A zu D, C zu B. Goethe 
wollte offenbar in der Exposition den Schluss nicht so klar 
enthüllen; er benutzt die Formel nur als »Lehre zum un- 
mittelbaren Gebrauch« (56,18.19), zu jener Scheidung des 
Kreises nach Geschlechtern, die 56,22 ff. und 64,6 f. erörtert, 
auch 63,17 ff. durch die Wohnungsvertheilung besiegelt wird; 
ja 64,5 f. versucht Goethe sogar eine Irreleitung des Lesers, 
indem er Cvor D, den Hauptmann vor Ottilie warnen lässt. 

69,24 ff. vermuthe ich eine Verstellung der Sätze ; die 
Gedankenfolge wäre strenger, wenn 69,24 f. »Gegen« bis »vor- 
schreiben« zwischen 69,28 »gut« und »nur« eingesetzt würde ; 
also: es kommt darauf an, wem man seine Ergebenheit 
bezeigt dadurch, dass man sich bückt, etwas Entfallenes auf- 
zuheben: einmal kommt der Rang- und Alterunterschied, dann 
der Geschlechtsunterschied in Betracht ; im überlieferten Texte 
aber ist das zweite Glied zerrissen und das erste in die Mitte 
gestellt: i. Frauen gegen Frauen, 2. Rang- und Alters- 
unterschied, 3. Frauen gegen Männer. 

104,16 möchte ich »aus früherer (statt »früher«) Hofzeit 
her« lesen. 

Die stilistische Schwäche 230,20 »Männer die ... für sich 
(= Männer) hatten, für sich (= Luciane) zu gewinnen« war 
vor O nicht so empfindlich, weil das erste »für sich« bis 
dahin »vor sich« lautete. 

248,20 erwartet man »genutzt (oder »benutzt«) und ge- 
fördert« statt »befördert« ; doch vgl. den Gebrauch von »be- 
fördern« 224,5. Allerdings aber hat auch 224,7 ein Druckfehler 
in B »be-« und »ge-« vertauscht. Bernhard Seuffert. 



Band 35, Der 35. Band, den ich unter redactorischer 
Mitwirkung des Herrn Dr. Redlich sowie mit Unterstützung 
des Goethe- und Schiller-Archivs herausgegeben habe, enthält 
die Tag- und Jahreshefte bis Ende 1806 und entspricht sonach 
dem 31. Bande der Ausgabe letzter Hand. Die für den Druck 
benutzte Handschrift, im Besitze der Cottaschen Buchhandlung 
befindlich, ist von deren Inhabern dem genannten Archiv vor- 
gelegt, und von diesem ist abschriftliche Aufnahme der Ab- 
weichungen vom Druck der Octavausgabe letzter Hand bewirkt 
worden. Der Druckhandschrift sind jedoch für die meisten 
Jahre zwei mehr oder weniger umgearbeitete, mitunter auch 
noch einzelne Stückhandschriften vorausgegangen, von wel- 
chen allen sich die letzte Handschrift durch Zusätze oder 
Wiederausscheidungen, oder Umstellungen, oder stilistische 
Nachbesserungen unterscheidet; Änderungen geringeren Um- 
fangs sind durch tJberschreibung oder Randbeschreibung er- 



3l8 Bibliographie. 



folgt. Riemer und Eckermann haben vielfach beiräthig ein- 
gegriffen. 

Die Vorarbeiten bestanden, soweit Tagebücher vorhanden, 
aus Auszügen derselben, die unter zahlreiche Rubriken nach 
ihrer sachlichen Zusammengehörigkeit vertheilt, auch durch 
Zuthaten aus der Erinnerung bereichert wurden. Obschon 
diese Vorarbeiten der Goetheforschung für Specialstudien hier 
und da Ausbeute liefern können, so würde doch deren Ab- 
druck mit den Tag- und Jahresheften zu viel Ballast ergeben 
haben. Als Beispiel einer daraus zu entnehmenden Aufklärung 
sei erwähnt, dass der Rubrikvormerk »Kalbische Sache« die 
Beziehung des letzten Absatzes der Tag- und Jahreshefte von 
1795 auf den vormaligen Kammerpräsident v. Kalb — was 
ich früher schon alsVermuthung ausgesprochen hatte — ausser 
Zweifel stellt. 

Ein paar Änderungen der letzten Handschriften gegen 
die früheren mögen hier angedeutet werden. — Das Jahr 1799 
ist trotz der Umfänglichkeit des Tagebuchs in den Tag- und 
Jahresheften sehr kurz abgethan und es fällt daher umsomehr 
auf, dass einige von Goethe nachträglich aus dem Tagebuch 
ausgehobene Gegenstände doch keine Berücksichtigung erfahren 
haben. Es sind dies : »Tempel-Archiv von Ilgen — Anna 
Komnena — Bury's Besuch — Schlossers Tod den 22. Oktober 
— Mineralogische Farben.« Die zuerst genannte Schrift war 
»Die Urkunden des Jerusalemschen Tempelarchivs aus dem 
Hebräischen etc. (1798)«, und die zweitgenannte die im i. Bande 
von Schillers Sammlung historischer Memoires stehenden 
»Denkwürdigkeiten aus dem Leben des griechischen Kaisers 
Alexius Komnenes durch seine Tochter Anna Komnena«. — 
Die Mittheilungen über das Jahr 1801 waren in der ersten 
Fassung auch sehr gedrängt. Daraus mag angeführt werden, 
dass von der Anwendung der Arznei, die Goethes gefährliche 
Erkrankung zu Beginn des Jahres verursachte dort ziemlich 
schroff gesagt ist, es habe »ein Brownianer einen starken 
Katarrh unbesonnen zurückgedrängt«, während jetzt der »junge 
Freund«, der dies verschuldet hatte, recht mild behandelt 
wird. Gar nicht erwähnt ist in jener ersten Fassung die nun- 
mehr mit behaglicher Ausführlichkeit erzählte Reise nach 
Pyrmont mit dem Aufenthalt in Göttingen. — Beim Jahre 
1804 ist der auf Frau v. Stael bezügliche Bericht gegen die 
erste Niederschrift vielfach verändert. Bei der Schlussredaction 
ist überdies noch einiges von Goethe bereits Aufgezeichnete 
ausgefallen, namentlich aber Schillers Mitwirkung bei Auf- 
führung des von Bode übersetzten »Mithridat«. 

Erhebliche Textberichtigungen sind bei Bearbeitung des 
35. Bandes nicht vorzunehmen gewesen, indessen hätte vielleicht 
an zwei Stellen die Lesart der älteren Handschrift gegen die 



Bibliographie. 3^9 



der letzten wieder hergestellt werden sollen. Die eine findet 
sich i. J. 1794, wo im Gegensatz von der Gefolgschaft Gleims 
gesagt ist: Goethen seien »die Sprudelköpfe« zutheil geworden ; 
der erste Ausdruck »Strudelköpfe« war jedenfalls richtiger. 
Die andere Stelle kommt i. J. 1805 vor, wo gelegentlich der 
Äusserungen über Beireis gesagt ist: das problematisch Wahre, 
»vor dem wir in der Theorie — allein Respect haben«, könne 
sich mit der Lüge in der Ausübung bequem gatten; hier ist 
anstatt »allein« das anfängliche »allen« dem Sinne mehr ent- 
sprechend. 

Der von mir ebenfalls herauszugebende 36. Band, der 
die Tag- und Jahreshefte von 1807 — 1822, die Biographischen 
Einzelheiten (aus Band 60 der Ausgabe letzter Hand) und 
sonst Einiges enthalten wird, befindet sich bereits im Druck. 

Frhr. W. v. Biedermann. 



ZWEITE ABTHEILUNG. 

Band p. Der neunte Band der naturwissenschaftlichen 
Schriften enthält alle Arbeiten Goethes, die durch eine ent- 
sprechende Anordnung einen Umriss seiner geologischen Ideen 
geben. Untersuchungen über Einzelfragen und weitere Ausfüh- 
rungen zu seinen grundlegenden Vorstellungen wurden hier aus- 
geschieden und in den 10. Band verwiesen. Band 9 und 10 
sollen sich hinsichtlich der Geologie ebenso ergänzend zu 
einander verhalten wie Band 6 und 7 in Bezug auf die 
Morphologie. Die Vertheilung des Stoffes wurde in diesem 
Bande gemäss der Art vorgenommen, wie sich Goethes Ge- 
danken naturgemäss zu einem systematischen Ganzen zusam- 
menschliessen. Die Betrachtungen über die empirischen Grund- 
lagen bilden den Anfang, daran schliessen sich theoretische 
Erwägungen über die Entstehung einzelner geologischer Ge- 
bilde, den Schluss bilden die umfassenden Ansichten über 
Erd- und Weltbildung. In die erste Abtheilung gehören die 
Aufsätze : »Zur Kenntniss der böhmischen Gebirge und der in 
andern Gegenden;« in die zweite die Arbeiten über Ent- 
stehung und Bedeutung des Granits und anderer Gesteine; in 
die dritte Goethes Beiträge zu den grossen Fragen des Vul- 
canismus und Neptunismus, seine Ausführungen über Atomis- 
mus und Dynamismus in der Geologie und seine schematischen 
und skizzenhaften Aufzeichnungen zur höheren Geologie und 
Kosmologie. In Bezug auf die zweite Reihe ist im besonderen 
zu erwähnen, dass sich an die zuerst in der Hempelschen 
Ausgabe veröffentlichte Abhandlung über den Granit, die 
Goethe 1784 verfasste, eine bisher ungedruckte anschliesst, 
welche die Gedanken jener ersten in wissenschaftlich strengerer 



^20 Bibliographie. 



Form ausspricht. Im dritten Capitel wird die ebenfalls zuerst 
in Hempels Ausgabe gedruckte Disposition zu einer Abhand- 
lung über den Bildungsprozess der Erde und die dabei wirk- 
samen Agentien ergänzt durch handschriftlich im Archiv vor- 
handene Arbeiten (Entwurf einer allgemeinen Geschichte der 
Natur, Schema zum geologischen Aufsatz, Gesteinslagerung), 
die als Vorarbeiten zu einer »allgemeinen Geschichte der 
Natur« aufzufassen sind. Auch für Goethes Verhältniss zu 
den Vulcanisten und Neptunisten ergab das Handschriften- 
Material des Archivs die wichtigen Skizzen: »Ursache der 
Vulcane wird angenommen,« und »Vergleichs-Vorschläge die 
Vulkanier und Neptunier über die Entstehung des Basalts zu 
vereinigen.« 

In den Paralipomenis sind enthalten: i. Eine mit kritischen 
Bemerkungen Goethes versehene Inhaltsangabe des Noseschen 
Werkes : »Kritik der geologischen Theorie, besonders der von 
Breislak und jeder ähnlichen«, die für die Auffassung von 
Goethes eigenen Ansichten von Bedeutung ist. 2. Ergänzende 
Skizzen zu den Aufsätzen über die Gebirge Böhmens und 
anderer Gegenden. 

Die Nothwendigkeit einer neuen Anordnung der Aufsätze 
dieses Bandes ergab sich aus dem Umstände, dass sie in 
Goethes Heften »Zur Naturwissenschaft« in der zufälligen 
Folge ihres Entstehens gedruckt sind. Diese Folge, die dann 
auch in den Nachgelassenen Schriften beibehalten wurde, ent- 
spricht aber keineswegs dem Inhalte. Rudolf Steiner. 



VIERTE ABTHEILUNG. 

Band 10, 1796 ist das erste von drei an Briefen Goethes 
besonders reichen Jahren. Seine 209 Nummern füllen einen 
ganzen Band, zumal mit der Anzahl der überlieferten Briefe 
auch ihr durchschnittlicher Umfang erheblich zunimmt: in 
Band i — 10 nahm jede Nummer durchschnittlich nur eben eine 
Seite in Anspruch, in 11 bereits zwei Fünftel darüber. Zum 
ersten Male oder doch in bedeutend vervollständigter Gestalt 
bietet Band 11 einundsiebenzig Briefe: 19 an Christiane 
Vulpius, 13 in Theaterangelegenheiten, 11 an Meyer, 4 an 
Voigt, 3 an Batsch, je i an Böttiger, Escher, Prinz August 
und Herzogin Charlotte von Gotha, Göttling, Griesbach, 
Philipp Hackert, Graf Hatzfeld, Iffland, Charlotte v. Kalb, 
Angelica Kauffmann, Knebel, Lichtenberg, Loder, Polex, 
Steffani, Johann Friedrich und Helene Unger, Wagner, Herzogin 
Louise von Weimar und Wranitzki. Von den gesammten 209 
Nummern sind 186 unmittelbarer Abdruck einer handschrift- 
lichen Vorlage, die in 121 Fällen dem Goethe- und Schiller- 



Bibliographie. 3^^ 



Archiv angehört, in 60 von auswärtigen Besitzern zur Be- 
nutzung Übersand t, in 5 ausserhalb Weimars vom Herausgeber 
verglichen wurden. Nur zu 23 Nummern waren die Hand- 
schriften verloren, unzugänglich oder unbekannt, so dass sie 
nach früheren Drucken wiederholt werden mussten. 

Eduard von der Hellen. 



B. UNGEDRUCKTES.' 
I. ALLGEMEINES. 

J. Doblhoff : Ein Autogramm Goethes. (Chron. d. Wiener 
Goethe- Vereins. No. 8. S. 32.) 

Die Notiz des Blätichens lautet: »Horaz. Carminum III, 3. Ilions 
Wiederaufbau«; sie weist auf die Stelle hin: ne nimium pii Rebusque 
fidentes, avitae Tecta velint reparare Trojae und war vielleicht zum 
Motto bestimmt. 

Noch ein Autogramm von Goethes Hand. (Chron. d. 
Wiener Goethe-Vereins. No. 9. S. 36.) 

»Rousseau. Ausgabe in Einem Bande. G. W. den 22. Mai 1830« 



2. BRIEFE. 

Franzos = K. E. Franzos. Aus Goethes Theater-Akten. 
(Magazin für Literatur. Jahrg. 61. No. 5, 7,' 19.) 

Mittheilungen über das Gastspiel des Ehepaars K. Hassloch in 
Weimar, Brief H.'s 17. März 1800 an Goethe, desselben an Kirms 
13. April 1800, dazwischen Goethes von Kirms unterzeichnetes Schreiben 
28. März 1800, welches von dem Ehepaar Bestimmungen über Zeit, 
Rollen, Honorar verlangt. Brief Goethes an Kirms 18. April 1800 und 
der Fürstl. Theatercomm., von Goethe dictirt und corrigirt an Hassloch 
23. April 1800 s. Regesten. Engagement des Tenoristen Haltenhof 
(1799): Briefe von ihm an die Tneaterdirection und Antworten dieser 
(Kirms, mit einzelnen Goethischen Correcturen) an ihn ; Contract mit 
ihm 16. April 1799; Haltenh. verliess Weimar 1802 wieder. 

Hirzel = L. Hirzel: Goethiana aus Lavaters Briefsamm- 
lung. (Vjschr. f. Litgesch. V. S. 614 — 620.) 

Theilt Briefe und Aufsätze Goethes mit, deren Abschriften sich 
in Lavaters Nachlass befanden. 



' Im Allgemeinen vgl. die Vorbemerkung Bd. XIII, 278. — Da 
durch das freundliche Entgegenkommen des Vorstandes der Goethe- 
Gesellschaft zwei Druckbogen mehr gewährt wurden, da ferner durch 
engern Druck und bei weitem kürzere Fassung die Bibliographie dieses 
Jahres einen weit geringeren Raum einnimmt als die des vorigen Jahres, 
so war es möglich, die in Bd. XIII völlig ausgelassenen Abtheilungen 
diesmal nachzuliefern. 

Goethe-Jahrbuch XIV. 21 



3 22 Bibliographie. 



Muncker = Franz Muncker: Ungedrucktes von Schiller 
und Goethe. (AUg. Zeitg. München. Beil. No. 79.) 

Mittheilungen aus Handschriften der von König Ludwig I. von 
Bayern hinterlassenen Fideicommissbibliothek : je ein Brief Goethes und 
Schillers, s. Regesten. 

Suphan = Bernhard Suphan : Briefe von Goethe und 
Herder. (Vierteljs. f. Litgesch. V. 97 — 113.) 

W. von Bippen: Die Gründung des Lübeckischen Ober- 
appellationsgerichts. (Hansische Geschichtsblätter. XIX. S. 

23—47-) 

S. 43 A. I. Wiederabdruck des bekannten Briefes Goethes an 

Gerning 31. Dez. 18 16. 

3. REGESTEN. 

Auszug (Mai lySi.) 

aus einem Briefe von Goethe über Lavaters Schreiben an verschiedene 
Jünglinge z. B. an Grafen Wartensleben. Des Schreibers Gedanken 
über das, was Christenthum sein soll. 
Hirzel S. 617 fo. 

Ein Wort über den Verfasser des Pilatus. O7S2.) 

Vollständiger Aufsatz in Briefform, der von Hegner nur bruch- 
stücksweise gegeben war. 
Hirzel S. 616 fg. 

An K. L. V. Knebel. )o. Okt. 1784. 

»Ich freue mich mein Guter, dass Du wohl angekommen bist.« 
»Bald sind es zehen Jahre dass Du in mein Zimmer tratst und mich 
zum erstenmal begrüstest, wie viele wunderbare Verhältnisse haben sich 
an jene Stunde geknüpft.« (Dann folgt die schöne W. A. IV, 7, 367 
gedruckte Stelle.) Über den an Loder geschickten osteologischen Auf- 
satz; über Knebels Majorspatent; Grüsse vom Herzog, von Frau und 
Fritz von Stein. »Mögte Dich doch auch die Liebe zu den natürlichen 
Wissenschaften auf eine oder die andre Weise ergreifen. Wie schön 
könntest Du ihr nachhängen. Mich haben die Geister hinein wie in 
eine Falle geführt eine Methode die sie mit mir öffters beliebt haben.« 

Suphan S. 97. 98. 

Goethe (?) iy86. 

Über Beurtheilung der Menschen. Aufsatz Nicolai's über den 
Adressaten. 

Hirzel S. 619 (g. 

An C. F. Schnauss. Frascati i. Okt. ijSj. 

Vgl. W. A. IV, No. 2610. Abdruck des schönen Briefes nach 
dem jetzt wiedergefundenen Original. 
Suphan 111—113. 

An Kirms. Wämar, 18. April 1800. 

»Wegen der Gastrollen von Herrn und Mad. Hassloch«j schlägt 
vor »Don Juan« und »Johanna v. Montfaucon« zu geben. Über die 
Rollen des Ehepaares und die sonstige Besetzung der Stücke. 
Franzos S. 11 o. 
An Hassloch. Weimar, 2^. April 1800, 

»Von Seiten fürstl. Theater Commiss. acceptirt man« 24 Fried- 
richsd'or für 4 Vorstellungen; Don Juan und Zauberflöte; vielleicht 
Johanna von Montfaucon. 
Franzos S. 112. 



Bibliographie. 3^3 



An Friedrich Lehne. Weimar, i6. Juni iSiQ, 

»Ein würdiger Sohn meines verewigten Freundes von Schiller, 
in preussischem Dienste am Niederrhein angestellt, unternimmt in diesen 
Tagen die Reise, die ich vor einigen Jahren mit so viel Vergnügen 
vollbrachte. Ich verfehle nicht bei dieser Gelegenheit ihm soviel als 
Ihnen den Vortheil wechselseitiger Bekanntschaft einzuleiten. Sie werden 
gewiss gute Stunden zusammen verleben und er für ihre Mittheilungen, 
die er sonst nirgends hernehmen kann, den aufrichtigsten Dank lebens^ 
länglich im Herzen tragen. Mögen Sie hierdurch veranlasst mir einige 
Kenntniss geben, wie weit Ihr w^ichtiges, mannigfach eingreifendes Werk 
gediehen und wie Sie sich überhaupt gegenwärtig finden und befinden, 
so wird es mir zu besonderer Zufriedenheit gereichen, denn ich habe 
seither bei Mittheilung der mir damals anvertrauten Kupfer und Kennt- 
nisse manchen Freund angenehm unterhalten und belehrt. Mich ge- 
neigtem Andenken empfehlend Jener schönen, mir leider nicht wieder 
vergönnten Stunden oftmals dankbar eingedenk.« 

Ffter Zeitg., 15. März Abendblatt. — Der Adressat war Mainzer 
Stadtbibliothekar, der sich besonders um die Kenntniss der Denkmäler 
aus der Römerzeit verdient machte. 

An K. August. 2y. Sept. 1826 

»Ew. Kön. Hoheit geruhen aus beykommenden Acten Fascikel 
gnädigst zu entnehmen wie das mit Höchs'tihrer vorgängiger Anordnung 
und Billigung unternommene Geschäft, die Schillerischen Reliquien be- 
treffend, nunmehr zu stände gekommnn und abgeschlossen worden.« 
Öffentliche Feier habe stattgefunden. Bittet 100 Dukaten an Rath Duhn, 
den Geschäftsträger der Schillerschen Erben auszahlen zu lassen. 
Muncker S. 6. 



Frau Schulthess an Goethe. lySo, 

. . . »Eine furchtbare Hand liegt auf mir.« Lehnt ein Geschenk 
des Herzogs (?) ab. Fragt, ob Goethe Mad. v. d. Borch in Genf gesehen. 
Hirzel S. 620. 

Schiller an Goethe. {24. Jan. 1804.) 

»Dank Ihnen für den freundlichen Abendgruss.« Klagt über sein 
Befinden. Weist auf die gerechte Beurtheilung der »Natürlichen Tochter« 
in der Hallischen Lit. Ztg. hin. »Es freut mich zu hören, dass [Joh. v.] 
Müller wenigstens einige Wochen bleiben wird.« 
Muncker S. 6. 

Ach. von Arnim an? Berlin, 14. Aug. 181 1. 

Bittet ihm ein Quartier für 14 Tage in Weimar zu besorgen in 
der Nähe Goethes, diesem aber nichts zu sagen, Bettina wolle ihn zum 
Geburtstag überraschen. 

Chronik des Wiener Goethe-Ver. No. 9. S. 3 5 fg. 



C. NEUE AUSGABEN DER WERKE. 

Goethes Werke. (Jos. Kürschners deutsche Nat. - Litt.) 

Stuttgart, Union. 

Von dieser Ausgabe liegen aus dem Berichtsjahr vor: Bd. 31—32 
(XIX, 393 und 421 SS.), hgg. von Georg Wittkowski: Aufsätze zur 
Litteratur, Erster Band 1770— 1821, Zweiter Band 1822— 1832. Die 
Aufsätze werden streng chronologisch mit reichlichen Anmerkungen 

21* 



^ 24 Bibliographie. 



mitgetheilt ; Bd. 32, 406 ff. ein sj^stematisches Verzeichniss ; Bd. 28 
(XXIV und 563 SS.) Benvenuto Cellini, hgg. von Alfr. Gotth. Meyer 
und G.Wittkowski; Bd. 24 u. 29, beide von H. Düntzer bearbeitet, der 
erste VI und 287 SS. »Tag- und Jahreshefte« enthaltend bis 1808, der 
zweite II und 276 SS., die Übersetzungen Diderots, beide mit ausser- 
ordentlich reichhaltigen Anmerkungen, die im 24. Namen und Sachen 
erläutern, im 29. die EigenthQmlichkeiten der Übersetzung betreffen. 

t Goethes Werke. Herausgeg. von Ludwig Geiger. Neue 
Ausg. 5. Aufl. IG Bde. 1891. (i. CXVII, 565; 2. XXX, 634; 
3. XXXII, 486; 4. LXXIII, 544; 5. LXX, 602; 6. XXXI, 

582; 7. XL, 576; 8. XVI, 618; 9. XXXVIII, 461; IG. xni, 

510 SS.) Berlin, Grote. 

Cours sup^rieur de langue allemande (derniers program - 
mes). Les Auteurs du programme. (Extraits reli^s par des 
analyses.) Campagne de France. Notices et notes par L. 
Schmitt. Paris, Delagrave. VII-64 P- In- 12°. 

Langue allemande. Extraits des auteurs du programme, 
relies par des analyses et accompagnes de notes et de notices 
par L. Schmitt. Po^sies lyriques. Classe de rhdtorique. 4. edi- 
tion. Paris, Delagrave. VIII-52 p. In 12°. 

Extraits des oeuvres en prose de Goethe, prec^des de notices 
et annotds par L. Schmitt. 2. Edition. Paris, Delagrave. 
VI- 121 p. In 12°. 

Das Journal von Tiefurt. Mit einer Einleitung von Bern- 
hard Suphan, herausgegeben von Eduard von der Hellen. 
Mit vier Lichtdrucken. Weimar, Verlag der Goethe-Gesell- 
schaft. (Schriften der Goethe-Gesellschaft. Bd. VII.) XXXVI 
u, 398 SS. 

Unter den Lichtdrucken z. B. das schöne Bild dei Herzogin Anna 
Amalia. Suphans Einleitung erörtert die Entstehung, den Fortgang des 
Journals, seine Vorbilder (in Frankreich^ und seine Mitarbeiter. S. i — 357 
die 49 Stücke des Journals. Ed. v. d. Heliens Anmerkungen geben Notizen 
über die handschriftlichen Vorlagen, weisen nach äusseren und inneren 
Gründen viele Beiträge den einzelnen Mitarbeitern zu. Manches über 
die Textgestaltung, Datirung der Nummern, Erklärungen mancher 
Einzelheiten. S. 3Q3— 398 Rudolf Steiner »Über Goethes Aufsatz die 
Natur« (32. Stück; weist nach, dass der Aufsatz zwar von G. Chr. 
Tobler eingesendet, aber durchaus Goethes geistiges Eigenthum sei. 



D. EINZELSCHRIFTEN UND ERLÄUTERUNGEN. 

I. ALLGEMEINES. BIBLIOGRAPHISCHES. SPRACHLICHES. 

METRISCHES. 

Festschrift vom 8. Oktober 1892. Herausgegeben von den 
Redaktoren und dem Verleger der Weimarer Goethe-Ausgabe. 
Weimar. 

(Nur in 100 Ex. gedruckt, nicht im Buchhandel.) Enthält 3 Bei- 
träge zur Goethe-Litteratur : H. Grimm : Leonore v. Este ; B. Suphan : 



Bibliographie. 3^5 



Ilmenau; C. C. Redlich: Löwenstuhl (vgl. Werke, W. Ausg. Bd. XII, 
oben S. 313), die unter den betr. Rubriken angeführt sind; der Sammel- 
band wird als »Festschrift» citirt. 

Chronik des Wiener Goethe- Vereins. Verlag des Wiener 
Goethe-Vereins. 12 Nummern. 48 SS. in 4*^. 

Herausgegeben von K. J. Schröer. Ausser den unten genannten 
einzelnen Abhandlungen und den hier nicht besonders hervorzuhebenden 
Vereinsnachrichten, finden sich in dieser Chronik folgende Aufsätze: 
No. i: »Goethes Faust, componirt von Fürst Radziwill.« No. i ff. : 
Wiederabdruck des altern Aufsatzes : »Goethe und die Frauen.« No. 6. 7 
enthält ein Verzeichniss von 9 am 9. Juni versteigerten Goethe-Medaillen, 
einen Brief der Frau von Stein (2. Dez. 1802), der aber nichts über 
Goethe enthält. No. 10. 11 enthalten einen Auszug über einen Vortrag 
»Ranke und Goethe« und eine Notiz über ein 1891 in Serajewo er- 
schienenes Programm von Dragan Kudlich: Goetheovi politicki nazori 
(Goethes politische Ansichten). 

Publications of the English Goethe-Society. No. 5. 6. 

London published for the Society by David Nutt. 

(Ich verzeichne die Abhandlungen aus der Zusammenstellung in 
Max Kochs Bericht.) No. 5 : R. G. Aliord : Shakespeare in two Versions 
of Götz von Berlichingen. Ders. : Englishmen at Weimar. R. Meusch: 
the ethical developraent of Wilhelm Meister. Ernest Weiss: Goethe as 
Naturalist. W. C. Williamson: On Goethe as Botanist and Osteologist. 
A. Schuster : Goethes Farbenlehre. W. D. Scull : Goethe and Sociahsm. 
No. 6: H. Schütz-Wilson: The second part of Faust. C. H. Herford: 
Goethes epic poetry (mit Ausschluss des »ewigen Juden« und der 
»Geheimnisse«). E. Dowden: Goethe and the French Revolution. F.F. 
Cornish: »Über den Freiheitsdrang des jungen Goethe.« Ch. Tomlinson: 
On Goethes proposed alterations in Shakespeares Hamlet. L. Simmons : 
Goethe and Religion. 

Sur Goethe. Etudes critiques de litterature allemande 
par J. J. Weiss. Paris, Colin. 

Mit einer Einleitung von Fr. Sarcev. Enthält u. A. eine 90 Seiten 
lange Studie über »Hermann und Dorotliea«. 

U. Gonzalez Serrano: Goethe; ensayos criticos. Segunda 
ediciön corregida y aumentada con un estudio sobre el Fausto 
y precedida de un prölogo de D. Leopoldo Alas (Clarfn). 
Madrid, Murillo. XXIV, 363 p. En 8. 

Carlyle, Thomas: Lectures on the history of litterature, 
delivered by Thomas Carlyle April to July 1838. Now printed 
for the first time, edited, with preface and notes by J. Reay 
Greene. London, Ellis and Elvey. XII, 263 p. 

Third Period. XI. : Consummation of Scepticism — Wertherism — 
The French Revolution. — Fourth Period. XII.: Of modern German 
literature — Goethe and his works. 

Ludwig Hevesi : Von Kalau bis Säkkingen. Ein gemüt- 
liches Kreuz und Quer. Stuttgart, Ad. Bonz & Co. VII u. 323 SS. 

No. 2: Tiefurt. — No. 9: Ein Besuch bei Dr. Faust. — No. 10: 
Wetzlar, die Wertherstadt. 

Michael Bernays : Zur Lehre von den Citaten und Noten. 
(Allg. Ztg. Beil. 142, 21. Juni.) 



326 Bibliographie. 

(Die früheren Artikel hatten zum Anlass ein Citat aus Wernicke 
bei Gervinus, aus Tainc bei G. Brandes.) Ephemeriden ed. Martin S. 1 3 : 
Sufflaminandus est »er muss einen Hemmschuh angelegt bekommen« 
Aug. dict. ap. Sen. Decl. 4°. Das Citat ist richtig; es ist ein Wort 
des Augustus bei dem Rhetor Annaeus Seneca, nicht seinem Sohne, 
dem Philosophen; mit Declamationes sind die Controversien gemeint. 
Goethe entlehnte das Citat einem Ausspruch Ben Jonsons, der in 
N. Rowe's Leben Shakespeares überliefert wird. 

Gustav Kettner: Kritisch -Exegetisches zu Schiller und 
Goethe. (N. Jahrb. f. Phil. u. Päd., II. Abth. 1891. H. 11, 12. 
S. 566—576, 606—618.) 

Im Ganzen 22 Nummern, wovon sich auf Goethe Folgendes 
bezieht: Maria Stuart V, 10 und die Kerkerscene des Faust; Tasso IV, 2 
V. 2402 »ach (nicht »auch,« wie W. A.) in der Ferne zeigt sich alles 
reiner«, ferner zu dems. I, V. 125 ft. V, 2942 fg. 3371 ff. »Winckelmann«, 
Schlussabschnitt (verglichen mit Cicero de amicitia), Werther, Brief 
vom 10. Mai (verglichen mit Gessners Idyllen); Epilog zu Schillers 
Glocke V. 41 — 46 genaue Erklärung. 

Goethe-Kalender für 1893. 4°. 12 Blatt in Farbendruck. 
München, Theo. Stroefer. 

Guido Topf: Goethes Antworten auf die Fragen des 
Albums »Erkenne dich selbst«. (Illustr. Zeitg. No. 2552.) 

Hans Altmüller : Deutsche Klassiker und Romantiker. 
Aufsätze. Cassel, Ernst Huhne. XI u. 155 S. 

H. Schreyer: Das Fortleben Homerischer Gestalten in 
Goethes Dichtung. Gütersloh, E. Bertelsmann. 

Jahresberichte für neuere deutsche Litteraturgeschichte. 
Herausgegeben von Julius Elias, Max Herrmann, Siegfried 
Szamatölski. Erster Band (Jahr 1890). Stuttgart, G. J. Göschen. 

XI, 136 u. 196 SS. 

Über Goethe, 2. Halbband S. iii — 141. Allgemeines, Leben, 
Epos, besprochen von Ludwig Geiger, Lyrik von Otto Pniower, Drama 
von Erich Schmidt, Didaktik von Otto Harnack. In allen 6 Abtheilungen 
zusammen werden 3 1 1 Aufsätze, Bücher, Ausgaben genannt oder Ge- 
sprochen. 

Max Koch : Neuere Goethe - und Schillerliteratur. IV. 
(Berichte des Fr. D. Höchst. N. F. 8. Bd. S. 251 — 294.) 
Einzelnes aus dieser critischen Übersicht ist oben verwerthet. 

Max Koch : Neuere Goethe- und Schillerliteratur. V. (Be- 
richte des Fr. D. Hochstifts. N. F. Bd. 8. S. 475 — 500,) 
Bespricht auch ausführlich das Goethe-Jahrbuch. 

W. V. Biedermann : Goetheschriften. (Wiss. Beil. d. Leipz. 

Zeitg. No. 119.) 

Besprechung der Schriften von Mühlhausen, Heitmüller, Louvier, 
Barewicz, Helmholtz. 

W. V. Biedermann : Zur Goethekunde. (Wiss. Beil. d. Leipz. 
Zeitg. 10. März. No. 30.) 

Besprechung von Szamatölski und Düntzer (G.-J. XII, S. 289. 
296). Gegen Düntzer wird eingehend das Briefgedicht an Merck be- 



Bibliographie. 327 



handelt (W. A. IV, i. S. 9 fg.) und auf Götz v. Berlichingen, nicht auf 
Lenz' Lustspiele nach Plautus bezogen. 

Reinhold Bechstein : Goethe-Litteratur. (Rostocker Zeitung. 
No. 305. 317. 329. Erste Beilage.) 

Besprechung von Bd. 12. 13 des Goethe -Jahrbuchs, Bd. 6 der 
Schriften der Goethe-Gesellschaft, und Burkhardts Veröffentlichung über 
das Weimarer Theater. 

Paul Seliger: Zur neuesten Goethe -Literatur. (Nat. -Ztg. 
18. 19. Aug. No. 479. 480.) 

Besprechung der Briefe Riemers und der Erinnerungen der Frau 
V. Gustedt. 

L. Sp(eidel): Allerlei Goethe. (N. fr. Presse. 10006.3. Juli.) 
Betrachtungen im Anschluss an G.-J. XIII und zwar den »Aufsatz 
über Polen« und die Goethe-Gersdorffsche Correspondenz. 

Karl Schmidt : Gedanken tlber Goethe. Programm des 
Real-Gymnasiums am Zwinger zu Breslau. 19 SS. 4. 

Einleitung in die Philosophie von Friedrich Paulsen, Prof. 
an der Universität Berlin. Berlin, W. Hertz. XII u. 444 SS. 

Vielfache Erwähnung Goethischer Aussprüche. Einzelnes S. 1 1 1 A. 
Zwischen dem »Erdgeist« (Faust) und den Gestirngeistern der griech. 
Philosophie ein historischer Zusammenhang, vermittelt durch die Natur- 
philosophen des 16. Jahrh. S. 232: Goethe und die Einheit der Wirk- 
lichkeit. S. 263 : Seine Anschauung vom Anthropomorphismus der 
Religion. S. 312: Sein pantheistisches Naturgefühl. S. 337: Goethes 
Religion, entstanden aus sinnender Vertiefung in die Werke des Geistes, 
der Kunst, der Dichtung. 

Fritz Mauthner: Die Goethegemeinde. (Magazin für 
Literatur. No. 21. S. 332 — 334.) 

!^f sprechung des Goethe-Jahrbuchs, der Goetheschriften, der Schrift 
Braitmaiers. 

Otto Harnack : Trimeter bei Goethe. (Vierteljs. f. Litgesch. 
V. 113— 119.) 

Von den Helenascenen seit 1800. Abweichungen dieser Verse 
von den später gedichteten: 2 Perioden: 1800— 1808, 1825 — 1830. 

Alfred Biese: Goethes Sprache. (Beil. z. Allg. Zeitg. No. 91.) 

Einfluss Klopstocks und besonders der Antike. 

Victor Hehn : Stil und Sprache vor Goethes Auftreten. 
Mitgetheilt von Theodor Schiemann. (Allg. Zeitg. Beil. 243.) 

Besonders ausführlich über Hagedorn, Klopstock, Lessing, Wieland. 
Gelegentlich wird darauf hingewiesen, dass Goethe die Schranke, dass 
man-das Adjectiv dem Substantiv nicht folgen lassen kann, durch Wieder- 
holung des Artikels wegräumt, z. B. »Und es hörte die Frage, die freund- 
liche, gern in dem Schatten.« 

Allerhand Sprachgrobheiten. Eine höfliche Entgegnung 
von J. Minor. Stuttgart, J. G. Cottasche Buchhandlung Nachf. 

34 SS. 

Abdruck aus der »Wiener Zeitung« 7—9. Apr. Entgegnung auf 
G. Wustmanns bekanntes Buch »Allerhand Sprachdummheiten«. Geht 
.Tuf Goethes Sprache, besonders den Gebrauch von »welcher« ein, den 
W. perhorrescirt. 



328 Bibliographie. 



O. Dehnike : Goethe und die Fremdwörter. Programm 
des Johanneums zu Lüneburg. 12 SS. 4. 

Goethekult und Goethephilologie. Eine Streitschrift von 
Prov. Dr. Braitmaier. Tübingen. In Commission bei J. G. 
Fock, Leipzig. IV u. 120 SS. 

Goethekult versucht »die anderen Dichtergrössen neben ihm, be- 
sonders Lessing und Schiller herabzusetzen ja selbst ihren Character 
zu verungUmpten«. Die Goethephilologie »macht Goethes Dichtung 
zu einem Versuchsfeld eines aut dem Gebiete der antiken Literatur 
abgehausten philologischen Alexandrinismus , degradirt den grossen 
Dichter zu einem armseligen Flickschneider«. 

Rieh. Weltrich : Goethekult und Goethephilologie. (Allg. 
Zeitg. Beil. No. 302. 303.) 

Allg. Billio:ung der ebenerwähnten Polemik, mit einigen Milderungen 
und vielen selbständigen neuen sehr starken Bemerkungen, gegen die 
Herabsetzung Schillers, gegen Scherer und andere Vertreter der philo- 
logisch-historischen Methode. 

Richard Friedrich : Zur Goethe-Forschung. (Blätter für 
literarische Unterhaltung. No. 34.) 

Vertritt geschickt im Streite zwischen übertriebener Goethe- 
Anbetung und Goethe- Verunglimpfung den Mittelweg. 

Edgar Steiger: Der sprechende Goethe. (Die Gesellschaft 
V. M. G. Conrad. VIII. Hft. 2.) 

Die Grössen der modernen Literatur populär und critisch 
nach neuen Gesichtspunkten dargestellt von Dr. E. Dühring. 
Erste Abtheilung : Einleitung über alles Vormoderne. Wieder- 
auffrischung Shakespeares. Voltaire. Goethe. Bürger. Geistige 
Lage im 18. Jahrhundert. Leipzig, C. G. Naumann. XI u. iS8 SS. 

S. 155 — 202. 6. Cap. »Goethe« und seine Vertretung lyrischer 
Dichtungs-Elemente. Nur die Lyrik wird als das Gebiet bezeichnet, 
in dem Goethe sich hervorthat, aber weniger als Bürger. Faust »zer- 
falle in locker dramatisirte Gelegenheitslyrik«. In Religion, Methaphysik, 
Kunsttheorie sei Goethe abhängig von Anderen z. B. »philologisirenden 
Pedanten«. Sein Gegensatz gegen Byron fasse sich in die Worte »Be- 
schönigung und Aufdeckung« zusammen. Dührings Stellung gegen Goethe 
wird einmal in die Worte zusammengefasst : »Die kleine Lyrik — das 
war noch das Beste ; aber mit so Etwas lenkt man in kein neues Jahr- 
hundert ein. Man macht sich wohl um ein Stückchen Sprache und um 
die feinere Ausdrückbarkeit einiger Empfindungen verdient, aber man 
fördert das bessere menschliche Selbstgefühl nur wenig. Der Character 
wahrer und grosser Regungen bleibt dabei zur Seite. Dies ist -aber 
nicht das Gepräge der edel muthvollen und gerechtigkeitsliebenden 
Geister«. 

Die Ostpreussen in der deutschen Literatur. Eine Studie 
von Eugen I^eichel. Leipzig, K. Reissner. 53 SS. 

Von Hippel bis Sudermann mit Berührung vieler Nicht-Ostpreussen. 
Über Goethe heisst es : »Zeitlebens Epigone, allerdings ein Epigone 
mit so reichen Talenten, dass er zuweilen genial wird. Wirklich 
Original ist er jedoch vielleicht in den auch heute noch unerreicht da- 
stehenden Gedichten »der Zauberlehrling«, »Gott und die Bajadere«, 



Bibliographie. 329 



»die Braut von Corinth« und einigen anderen kleinen Schöpfungen 
dieser Art«. 

Heinrich Kerler in Ulm: AntiquarcatalogNo. 190. Goethe-, 
Schiller-, Lessing-, Shakespeare-Sammlung. 

Kirchhoff u.Wigands Antiqu.-Catalog No. 898. Die Dichter- 
grössen der klassischen Zeit. Leipzig. 26 SS. 895 No. 

Geo. Lau u. Co. Antiquariat in München: Catal. 22. 
Deutsche Literatur. 40 SS. (S. 6 — 17 : Goethe-Literatur.) 

Catalog einer kleinen aber durch Seltenheiten ersten 
Ranges hervorragenden Autographen-Sammlung, welche Montag 
15. Febr. . . . von Leo Liepmannssohn in Berlin öffentlich ver- 
steigert wird. 32 SS. 

Enthält von den dem Goethischen Kreise Nahestehenden Vieles 
von Felix Mendelssohn-Bartholdy, Zelter. Von Goethe (schon in früheren 
Catalogen befindliche) Quittungen, amtliche Schriftstücke, das Manu- 
script der Besprechung von G. v. Schlabrendorfs Schrift 1804; ausserdem 
ein Widmungsexemplar des Einblattdrucks (Gedicht) »Des Menschen 
Tage sind verflochten«. 

J. A. Stargardt, Antiquariat in Berlin : Catalog 186 (Samm- 
lung G. v. Loepers u. A.) 42 SS. 

Enthält manches Gedruckte von und über Goethe, einige Hand- 
zeichnungen vgl. G.-J. XIII, 285, mehrfach angeführte Handschriften 
gedruckter Gedichte und Briefe. 

2. DRAMEN. 

H. Bulthaupt: Dramaturgie des Schauspiels. I. Bd. Lessing, 
Goethe, Schiller, Kleist. 5. Aufl. Oldenburg, Schulze. XXIII 
u. 509 SS. 

Kuno Fischer: Goethes Faust. 3. Aufl. i. Band: Die 
Faustdichtung vor Goethe. Stuttgart, Cotta. VIII u. 220 SS. 

Alexander Tille : Vier epische Volkslieder vom Dr. Faust. 
(Nord und Süd. Bd. 31, H. 183, S. 352—360.) 

Adam Müller-Guttenbrunn : Dramaturgische Gänge. Dres- 
den und Leipzig, E. Piersons Verlag. VIII u. 216 SS. 

S. 3. 12: 120 kurze Anziehungen Goethes. S. 149 u. 158: Nutz- 
anwendung Goethischer Aussprüche, beides in dramaturgischen Fragen. 

Der Aufbau der Handlung in den klassischen Dramen. 
Hülfsbuch zur dramatischen Lektüre von Dr. Rudolf Franz, 
Direktor des Realgymnasiums zu Halberstadt. Bielefeld, 
Velhagen & Klasing. 452 SS. 

S. 332 — 364: Schematisirt ins Einzelnste folgende Goethische 
Dramen (bei den Scenen wird Ort und Inhalt angegeben, die Stufen 
der Handlung u. s. w. unterschieden): Götz von Berlichingen, Egmont, 
Iphigenie, Tasso. 

Henri Gartelmann : Dramatik. Kritik des Aristotelischen 
Systems und Begründung eines neuen. Berlin, S. Fischer. VIII 
u. i86 SS. 



330 Bibliographie. 



S. 21 f., 24 f., 47—49, 79 f., 84, 88, 103 f., 178: Bemerkungen über 
Goethes dramaturgische Ansichten und deren Bethätigung in seinen 
Dramen (besonders »Faust« und »Iphigenie«). 

Berthold Auerbach: Dramatische Eindrücke. Aus dem 
Xachlass. (Magazin f. Lit. 61. Jahrg. No. 42. S. 677— 679.) 

No. XLIII und XLIV: Goethes Iphigenie und Egmont. Die Nieder- 
schriften sind aus den Jahren 1855 und 56. 

Das Weimarer Hoftheater unter Goethes Leitung. Aus 
neuen Quellen bearbeitet von Julius Wähle. (Schriften der 
Goethe-Gesellschaft im Auftrage des Vorstandes herausgegeben 
von Bernhard Suphan. 6. Band.) Weimar, Verlag der Goethe- 
Gesellschaft.) XXXII u. 334 SS. 

Vereinsschrift für 1891. Vorangeht Suphans Vortrag vom 8. Mai 
1891. (Vgl. 7. Jahresbericht der G.-G. S. 4.6.). Die Arbeit selbst enthält 
viele ungedruckte Briefe an Kirms, einzelne an Sartorius 10. Okt. 1801, 
4. Febr. 181 1, an die Unzelmann 11. April 1708. Der Hauptreichthum 
besteht in den zahlreichen bisher unbekannten Verfügungen der Theater- 
Commission, Briefen an Goethe z. B. von Iffland und Clem. Brentano, 
Briefen von P. A. Wolff an H. Blümner. Die Eintheilung des Bandes 
ist folgende: i. Begründung und erste Entwicklung des Hoftheaters. 
2. Schauspielkunst und Schauspieler. Disciplin. 3. Das Repertoire. Oper. 
4. Auswärtige Gastspiele. 5. Conflict una Ausgang. 

Berthold Litzmann : Goethes Schauspieler und die Kritik. 
Ein Zwischenfall aus dem Jahre 1809. (Allg. Ztg., Beil. 103.) 

Betr. die Entfernung des Hrn. von Jariges aus Weimar wegen 
seiner Kritiken. Analysirt diese einzeln, zeigt, dass neben scharfem 
Tadel viel Lob in der Kritik enthalten sei, hebt die guten Zeugnisse 
z. B. St. Schützes für J. hervor und das mannhafte Eintreten Mahl- 
manns, des Redacteurs der Zeit. f. d. eleg. Welt, für seinen Mitarbeiter. 

Goethe, Egmont. Ein Trauerspiel. Berlin, Friedberg und 
Mode. geb. 74 SS. 

Goethes Egmont in Schillers Bearbeitung von Witold 

Barewicz. (Jahresber. des Franz-Josef-Gymnasiums.) Lemberg, 

Selbstverlag. 38 SS. 

Betrachtet den Verlauf der Handlung, einzelne Scenengruppen, 
Charaktere in der Bearbeitung, Stiländerungen, die Bühne, politische 
Rücksichten. — Am interessantesten ist wohl der im letzten Abschnitt 
gelieferte Nachweis, dass das Wort Freiheit, alle Äusserungen über 
Gewissenszwang und Ähnliches sorgfältig gestrichen wurden. 

Wood: Goethes »Elpenor«. (American Journal of 
Philology. XII. t. 4.) 

Boccaccios Erzählung vom Falken und ihre Verbreitung 
in der Literatur. Nebst einem Abdruck von l^ope de Vegas 
Komödie El halcon de Federico. Von R. AnschUtz. Erlangen, 
Fr. Junge. V u. 100 SS. 

Goethe, Faust. 2 Theile. Damast-Bändchen. Leipzig, 
W. Fiedler. 130 u. 207 SS. 

Goethes Faust. Illustr. von ersten deutschen Künstlern. 
Stuttgart, Verlagsanstalt, kl. Fol. i Bl. Lichtdruck, 17 Bl. 
Holzschnitt, 183 SS. illustr. Text. 



Bibliographie. 33^ 



Heath Modern Language Series: Goethes Faust. Edited 

by Calvin Thomas, professor of Germanic Languages and 

Literatures in the University of Michigan. Volume I: The First 

Part. Boston, U. S. A. D. C. Heath & Cie., Publishers. LXXXII 

u. 353 SS. 

Der Text von S. 1—230. Vorangeht eine ausführliche Einleitung, 
von S. 231 an Anmerkungen. Näheres vgl. Allg. Zeitg. Beil. 253. 

The first part of Goethes Faust together with the prose 
translation, notes and appendices of the late Abraham Hayward 
Q. C. Carefully revised, with introduction by C. A. Buchheim, 
ph. Dr., Professor of the German language and literature at 
Kings College. London, Georg Bell & Sons. XXVI u. 479 SS. 

Enthält ausser (gegenübergestelltem) Text und Übersetzung, An- 
merkungen, ferner die Vorreden des Übersetzers, dessen abstract of 
the second part of Faust und (die veraltete) historical notice of the 
Story of Faust; ausserdem von dem Herausgeber: A Faust Legend 
and General survey und eine Liste von Büchern zum Studium des Faust. 

Goethes Faustidee nach der ursprünglichen Conception 
aufgedeckt und nachgewiesen von Wilhelm Gwinner. Frank- 
furt a. M., Joseph Baer &: Comp. VIII u. 500 SS. 

t A. Franzem: Die leitende Idee in Goethes Faust (Vor- 
trag, gehalten am 18. März 1891 in der Versammlung des 
Zweigvereins für das höhere Mädchenschulwesen in Elsass- 
Lothringen). (Elsass-Lothringisches Schulblatt. XXI (1891). 
S. 113 — 122.) 

Goethes Faust als Erzählung. Zur Einführung in das 
Verständniss des Originals. Von Julius Kupffer. Naumburg a. S., 
A. Schirmer. XX u. 402 SS. 

Die Erzählung nicht frei von Irrthümern, die Erklärungen voll 
unnöthiger Polemik. (Koch.) 

Zur Lösung des Faustproblems. Ein Vortrag von Raoul 
Richter. Leipzig, O. Wiegand. 32 SS. 

Ferd. Aug. Louvier: Sphynx locuta est. Goethes Faust 
und die Resultate einer rationellen Methode der Forschung 
2 Bde. 2. Ausg. Berlin, bibliograph. Bureau. VI, 443 u. 491 SS. 

F. A. Louvier: Goethe als Kabbaiist in der Faust- 
Tragödie. Berlin, bibliograph. Bureau. VIII u. 176 SS. 

W. Geers: Über den I. Theil von Goethes Faust. Pro- 
gramm. Chur. Commissionsverlag von G. Fock in Leipzig. 
16 SS. 4°. 

Alfred Oehlke : Zur Entstehungsgeschichte des (Goethe- 
schen) Faust. (Zeitung für Literatur, Kunst und Wissenschaft 
des Hamburgischen Correspondenten. No. 16.) 

Gibt vom Standpunkte der modernen Textkritik Bemerkungen 
zum »Urfaust« und dessen Parallelscenen in den jüngeren Fassungen. 

OttoPniower; Einige Faustparalipomena Goethes. (Vjs. f. 
Litgesch. V. 408—430.) 



332 Bibliographie. 



Verthcidigt seine Behauptung, dass der Schluss der 1790 mitge- 
theilten Vertragsscene in Frankfurt ums Jahr 1774 entstanden sei. 
Beschäftigt sich ferner mit Datirung, Einreihung und Erklärung der 
ParaHpomena No. 22, 20 c, 51, 54—59. 

(Schröer :) Verse Schillers als Commentar zu Versen Goethes. 
(Chronik des Wiener Goethe-Vereins. No. 8. S. 31 fg.) 

Die von O. Harnack: Die classische Ästhetik der Deutschen S. 241 
mitgetheilten Verse, eine Stammbuchinschrift für C. Grass, 28. März 1700, 
dienen zur Erläuterung von »Faust« Vorspiel, V. 1 50 ff. »Wer lässt den 
Sturm zu Leidenschanen wüthen?« 

Otto Heilig: Zum Zauberspruch in Auerbachs Keller. 
(Zeitschr. f. d. deutschen Unterr. VI. 497 fg.) 

Parallelen zu der Beschwörungsformel »Trauben trägt der Wein- 
stock« aus einer in der Bruchsaler Gegend verbreiteten Kinderpredigt. 

Eduard Schulte: Im alten Frankreich. (Sonntagsbeil, der 
Voss. Ztg. 14. 21. Aug.) 

Erklärt die Worte aus Faust: »Die Uhr mag stehen, der Zeiger 
fallen« als bezüglich auf die mittelalterliche Wasseruhr. Sie stand 
nach 24 Stunden still und ihr einzi^^er Zeiger fiel dann vom obersten 
Stundenring auf den untersten zurücK. 

Paul Harms: Die Domscene in Goethes Faust. Ein Bei- 
trag zur Naturgeschichte der dramatischen Gespenster. (Frank- 
furter Zeitung No. 237. i. Morgenblatt.) 

Anton Englert: Parallelstellen. (Ztschr. f. d. deutschen 
Unterr. 6. Jahrg. S. 210.) 

»Zwei Seelen wohnen« mit Pirons Versen (Les deux tonneaux): 
Deux moi sans cesse en moi se fönt sentir. 

A. Bielschowsky : Geschichte der deutschen Dorfpoesie 
im 13. Jahrhundert. I. Leben und Dichten Neidharts von 
Rauenthal. (Sonder-Abdruck aus Acta Germanica II, 2.) Berlin, 
Mayer und Müller. 1891. VIII u. 294 SS. 

S. 137 (Acta Germ. II 2, 209) und Anm. 2. Vergleich der Verse 
Goethe Faust I 2506 ff. (»So ein verliebter Thor .... Luft«) mit Walther 
von der Vogel weide (hg. von Lachmann) 52, 35 ff. und Ablehnung 
eines Zusammenhanges. L. F. 

Kuno Francke: Mantegnas Triumph of Caesar in the 
second part of Faust. (Studies and Notes in Philology and 
Literature. Published under the direction of the modern 
language departments of Harvard University by Ginn & Comp., 
13 Tremont Place Boston.) S. 125—128. 

Nimmt unter Hinweis auf Goethes Besprechung von Mantegnas 
Triumphzug an, dass dieser im »Mummenschanz« des 2. Theils des 
Faust mehrfach benutzt ist und zwar in den Typen »Mutter und Tochter«, 
»Doppelzwerggestalt«, »Knabe Wagenlenker«, vielleicht auch in der 
Stelle vom Elephanten und der Einführung des Wagens des Plutus (V. 
783 ff. 899 ff.). 

Karl Schmidt: Gedanken über Faust. (Jahresbericht des 
Realgymnasiums am Zwinger.) Breslau. 

Hebt für den 2. Theil ausschliesslich den christlichen Stand- 
punkt des Dichters hervor. (Lynkeus = Pflicht, Helena = Sinnlichkeit, 
Euphorion = Sinnesgenuss.) 



Bibliographie. 333 



H. Ulmann: Faust und Napoleon. (Beil. zur Allg. Zeitg. 
165. 18. Juli.) 

Der Schluss der Dichtung beziehe sich auf Napoleons Colonisations- 
pläne; das Meer vom Ufer auszuschliessen. Schon im Gedicht an Maria 
Louise, Napoleons Gemahlin, kommen zum Lobe des Kaisers die Verse 
vor »Nur Meer und Erde haben hier Gewicht; Ist jenem erst das Ufer 
abgewonnen, Dass sich daran die stolze Woge bricht, So tritt durch 
weisen Schluss, durch Machtgefechte, Das feste Land in alle seine Rechte«. 

Joh. Proelss: Faust und Napoleon. (Allg. Zeitg. Beil. 
No. 174.) 

Die Stelle aus dem Huldigungsgedicht, anklingend an Fausts 
letzte That, sei mehr beeinflusst durch die That der Holländer und 
deren Schilderung in Schillers Gesch. d. Abfalls der Niederlande. 

A. M. (Kopenhagen): Noch einmal Faust und Napoleon. 
(Allg. Zeitg. Beil. 191. 17. August.) 

Die Hafenstadt Chioggia bei Venedig mit den sie umgebenden 
Murazzi sei gemeint. Vgl. jftal. Reise 8. u. 9. Okt. 1786 mit der Stelle 
in »Faust«. Auch die Schlussworte »Ein Sumpf zieht am Gebirge hin« 
können auf Venedig gedeutet werden, wohin auch das Lied des Thür- 
mers Lynceus ziele. 

K. J. Schröer : Theophrastus Paracelsus ab Hohenheim 

und Faust. (Chronik des Wiener Goethe-Vereins. No. 8. S. 30 fg.) 

Einige Züge aus P.'s Leben und Schriften in Goethes Dichtung. 

R. M. Werner und Alexander Tille: Zur Faustsage. (Vjs. 
f. Litg. V. S. 137 — 140.) 

I. Bild der Ewigkeit (Faustbuch Cap. 16, anklingend an »Klage 
der Verdammten« in einem kathol. Gebetbuch 1603). 2. Der Wein- 
traubenzauber (ausgeführt in der »warhafftige Sack der Künsten« 1650). 

3. Fausts Weintrauben (von Prätorius, Saturnalia 1663 geläugnet). 

4. Fausts Heilkunde 17Q9 (Hinweis auf eine damals mit Fausts Namen 
erschienene »Noth und Hülfstafel«). 

Alexander Tille : Die Bodesche Faustbücherei. (Allg. Zeitg. 

Beil. No. 197.) 

Biogr. Notizen über Major Julius Bode (16. Dez. 1812 — 20. Juli 
1892) und seine Sammlung von Dokumenten zur Geschichte der Faust- 
sage, die in den Besitz Tilles übergegangen sind. 

Alexander Tille, ph. d., lecturer on German in the uni- 
versity of Glasgow and Queen Margarete College : The origin 
of the Faust legend. (Proceedings of the philosophical society 
of Glasgow.) 17 SS. 

Berichtet über das Leben und Treiben von George Sabellicus 
(Faustus). Weist nach, dass erst nach dessen Tode auf seine Person 
Erzählungen von Zaubereien, dann von Verbindungen mit dem Teufel 
zusammengetragen seien, bis eine förmliche Faustlegende entstanden 
war. Schliesst mit Hinweis auf das erste Buch, das alle diese Erzäh- 
lungen zu einem einheitlichen Ganzen zusammenfasst (Frankfurt 1587). 

O. Felsberg : Vom historischen Faust. (Ztschr. f. d. dtschn. 
Untern VII i. H. S. 56 fg.) 

Di6 Notiz Philipps von Hütten (1540), die Szamatölski schon vor 
Jahren mittheilte, vgl. G.-J. XI, S. 2^2. 



334 Bibliographie. 



Chth. : Die Osteraufführungen von Goethes Faust. 
(Kunstwart, herausgegeben von Ferdinand Avenarius. V. Jahr- 
gang. 15. Stück.) 

Zur Lebensgeschichte des General -Feldmarschall Grafen 
Helmuth von Moltke. (Gesammelte Schriften, i. Band.) Berlin, 
E. S. Mittler u. Sohn. XII u. 353 SS. 

S. 105. Über eine FaustaufFührung im Burgtheater (1835) »sehr 

fute Vorstellung, aber nicht nur sehr abgekürzt, sondern auch der 
ext oft geändert. Gleich anfangs: Und endlich auch Theologie«. 

Otto Neumann-Hofer: Der neue Faust des Königlichen 
Schauspielhauses. (Berl. Tagebl. No. 198.) 

Tadelt die ungeschickte In scenirung, Auffassung der einzelnen Rollen, 
willkürliche Behandlung des Textes. 

O. Neumann - Hofer : Die zweite Besetzung des neuen 
Faust auf der königlichen Bühne. (Berl. Tagebl. No. 222.) 

Ludwig als Faust, Kahle = Mephisto, Frl. Lindner = Gretchen. 
Regie-Seltsamkeiten: bei den Worten »Und bis zum Sinken überladen 
Entfernt sich dieser letzte Kahn« wird wirklich die Entfernung des 
Kahnes gezeigt; die Leute steigen ein und die Zurückbleibenden winken 
mit den Taschentüchern. 

A. G— n: Zum Jubiläum der Faustauffuhrungen. (Nat. 
Ztg. No. 245. 17. Apr.) 

N. Sevenig : Die verwandten Hauptpersonen in R. Hamer- 
lings »Ahasver in Rom« und Goethes »Faust«. Osterprogramm, 
Diekirch. 41 SS. 

Erich Petzet : Die Faustdichtungen der Sturm- und Drang- 
zeit. (Die Grenzboten. No. 17. S. 157 — 171.) 

Hauptsächlich Maler Müller und Klinger, zum Schluss Würdigung 
Goethes. 

Ludwig Geiger: Deutsche Faust-Dichtungen im 19. Jahr- 
hundert. (Westermanns Monatshefte. September. S. 773 — 789.) 

Alexander v. Weilen : Die Fischerin. (Chronik des Wiener 

Goethe-Vereins. S. 15 fg.) 

Quellen, Analyse des Stücks, Charakteristik der Personen, Wür- 
digung. 

Alfred Bock: Wielands Gedanken über die Oper. (Allg. 
Zeitg. 9. und 10. Aug.) 

Mit Hinweis auf Goethes »Götter, Helden und Wieland«. 

Goethes Götz von Berlichingen. Herausg. und bearb. v. 
Oberlehrer Gust. Hofmeister. (Teubners Sammig. dtschr. Dicht- 
und Schriftwerke. 17.) XIX u. 112 SS. 

Goethe, Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand. 
Ein Schauspiel. Berlin, Friedberg u. Mode. geb. 95 SS. 

Goethe, Iphigenie auf Tauris. Ein Schauspiel. Berlin, 
Friedberg u. Mode. geb. 62 SS. 

Goethe, Iphigdnie en Tauride. Nouvelle edition, publice 
avec une notice et des notes en francais par L. Schmitt. 
2. Edition. Paris, Delagrave. IV- 104 p. In- 12®. 



Bibliographie. 335 



E. Schunck: Goethes »Iphigenie auf Tauris« und das 
gleichnamige Euripideische Stück. Zweiter Theil : Goethes 
Iphigenie auf Tauris. Schulprogramm. Paderborn. 31 SS. 

Johanna Willborn : Goethes Iphigenie und Schacks Arete. 
(Die Mädchenschule. V. 9.) 

Gerhard Ramberg: Romeo und Julie in der Bühnen - 
Einrichtung von Goethe. (Allg. Zeitg. Beil. 234, 235.) 

Genaue Analyse im Vergleich zu anderen Bearbeitungen, z. B. 
C. F. Wittmanns, rühmt ihre Vereinfachung, Erweiterung, Veränderung, 
bes. auch die Ersetzung der Vermählungsscene durch ein abschliessendes 
Selbstgespräch Lorenzos. 

Eugen Kilian : Zu Goethes Bearbeitung von Romeo und 
Julie. (Beil. zur Allg. Zeitg. 250.) 

Berichtigt einige Angaben Rambergs über Wehls Aufsatz von 
Wittmanns Bearbeitung und nimmt eher gegen als für Goethes Be- 
arbeitung Partei. Geringe Einwirkung von Goethes Fassung auf die 
moderne Aufführung. 

Goethe, Torquato Tasso. Herausg. u. bearb. von Gustav 

Hofmeister. Leipzig, B. G. Teubner. XIV u. 104 SS. 

Goethe, Torquato Tasso. Schulausg. mit Anmerkungen 
von Franz Kern. Berlin, Nicolai. IV. u. 127 SS. 

Franz Kern: Zur Kritik und Erklärung von Goethes 
Tasso. (Zeitschr. f. d. deutschen Unterr. VI. 474 — 477.) 

IV, 2, 145 »Auch in der Ferne zeigt sich alles reiner«. Weitere 
Beispiele für diese Stellung des »auch« in dems. Stück I, i, 118— 133. 
In aiesen Versen der Prinzessin sei von Ethik nicht die Rede. V, i, 115. 
»Die Päpste selbst« sie legten weniger Werth auf die Poesie als die 
Medici. V, 5, 89. »Lästrung« Prädikatsnominativ, »Schmerzenslaut« Sub- 
jektswort. 

Hermann Grimm: Leonore von Este. (Festschrift S. 1—68.) 
Goethes Stimmung beim Ausarbeiten der Dichtung. Theilnahm- 
losigkeit des Publikums. »Tasso« ist die Schilderung der furchtbaren 
Trennung von den Hoffnungen der Jugend. Charakteristik der fünf 
Personen, besonders ausführlich Tassos (in Gegenüberstellung mit den 
übrigen Personen) bis zum Ende des 4. Acts, Vergleich mit »Werther« ; 
das Tragische liegt in »dem beruhigenden Vertrauen auf die Macht 
des Bestehenden«. »Lottens und Leonorens Schicksal wird in der Blüthe 
dadurch geknickt, dass sie dem Wahne nachgeben, die schwesterliche 
Zuneigung, die sie dem Gegenstande ihrer Neigung rein entgegentragen, 
vermöge diesem zu ersetzen, was das Leben voll fordert« ; die Liebes- 
und Trennungsscene in beiden Werken ähnlich. Charakter der Leonore : 
»L. ist die durch Schranken jeder Art gebundene Frau, die zuletzt 
frei von allen irdischen Rücksichten ihrem Herzen gehorcht, zu schwach 
aber ist, um länger als einen Augenblick sich so hoch zu erheben.« 

Richard Friedrich: Die Tassofehde. (Blätter für litterarische 
Unterhaltung. No. 23.) 

Eine Kuno Fischers Ansichten beitretende Beleuchtung: der 
ästhetisch-psychologischen Fragen, die sich an Goethes »Torquato Tasso c 
knüpfen, in Anlehnung an : Fr. Kern, Goethes Tasso und Kuno Fischer 
1892, und H. Falkenheim, K. Fischer und die literarhistorische Methode 
1892. L. F. 



3 3 6 Bibliographie. 



t H. Dütschke : Übersetzung von Goldonis »Tasso«. Burg 
1891. (Programm des Victoria-Gymnasiums.) 

Macht zuerst auf Goethes wahrscheinliche Kenntniss des genannten 
Dramas aufmerksam. 

Erich Schmidt: Ein verschollener Aufsatz über Goethes 
»Triumph der Empfindsamkeit«. (Aus der Festschrift für den 
Neu-Philologentag in Berlin.) 16 SS. 

Der Aufsatz ist von A. W. Schlegel. Enthält ferner »Zu Haywards 
Faust« Briefe J. Grimms und A. W. Schlegels an den genannten eng- 
lischen Übersetzer über einige Stellen des Faust. 



3. GEDICHTE. 

Goethe, ausgewählte Gedichte, geb. m. Gschn. Leipzig, 
W. Fiedler. 160 S. 

Poesies Lyriques de Goethe et Schiller. Texte allemand 
publik avec des notices litteraires, et des notes par M. H. Lichten- 
berger, maitre de Conferences ä la Faculte des lettres de Nancy. 
In 16®. cart. 

Goethes Gedichte. Auswahl in chronologischer Folge mit 
Einleitung und Anmerkungen von Ludwig Blume, Prof. am 
k. k. akademischen Gymnasium. Wien, K. Graeser. XXVI u. 
278 SS. (Graesers Schulausgaben. No. 44, 45.) 

Die Gedichte sind nach 3 Perioden eingetheilt: 1774, 1786, 1832; 
die I. und 3. Periode zerfallen in mehrere Abschnitte. Zahme Xenien 
sind berücksichtigt; auch einzelnes Lyrische aus den Dramen, 24 
venetianische Epigramme, Divanlieder, auch einige Balladen. (Im Ganzen 
152 Nummern.^ Die Einleitung (XIII — XXVI) gibt eine Einführung 
in Goethes Dicntung. Die sehr ausführlichen Anmerkungen (von S. 107 
an, Alles in kleinerem Druck) geben eingehende Mittheilungen über 
Inhalt, Empfänger der Gedichte, Lesarten, frühere und spätere Bearbei- 
tungen, Compositiouen, ausführlichen Commentar über Sprachliches und 
Sachliches. Besondere Beachtung verdient die Abhandlung Ȇber Goethes 
freie Silbenmasse« (S. 112 — 119), über »Heidenröslein« (S. 123 — 129.) 
Die Auswahl ist glücklich und gibt ein ausreichendes Bila von Goethes 
poetischem Schaffen. 

K. Lorenz: Klopstocks und Goethes Lyrik. Ein Beitrag 
zur Behandlung der Klassenlektüre. L Klopstock. Schul- 
programm. Creuzburg 0/Schl. 16 SS. 

M. Friedlaender : Über Studentenlieder mit Bezug auf die 
Goethischen. (Chronik des Wiener Goethevereins. No. 6. 7. 
S. 24 fg.) 

Heinrich Düntzer: Goethes Strassburger lyrische Gedichte. 
(Die Grenzboten. 51. Jahrg. No. 12. 13.) 

Gegen Bielschowskys Aufsatz (G.-J. XII), ebenso gegen Weinhold; 
die Versuche, Lenz' Autorschaft zu beweisen seien »ein wahrer Hoch- 
verrath«. 



Bibliographie. 337 



Ludwig Blume : »Alles geben die Götter, die unendlichen.« 
(Chronik des Wiener Goethe- Vereins. No. 5. S. 19.) 

Diese Verse, an Auguste von Stolberg 17. Juli 1777 gerichtet 
von F. L. V. Stolberg 1780, Deutsches Museum 7. Stück gedruckt. 

Emil Grosse: Zur Erklärung von Goethes Gedicht »Das 
Göttliche« und »Dauer im Wechsel«. Programm des Wilhelms- 
gymnasiums zu Königsberg i. Pr. 18 SS. 4. 

Bernhard Suphan: Ilmenau. (Festschrift 163 — 201.) 
Analyse des Gedichts: Goethes Thätigkeit für Ilmenau, Krafts 
Vermittlung. Nicht eine Vision, sondern poetische Schilderung eines 
Erlebnisses (Tagebuch, 28. Juli 1776). Inhalt: die Erziehung des Fürsten 
zur Selbstbeschränkung und Natur. — Besprechung älterer Lesarten, 
handschriftlicher Correcturen Herders. Das Gedicht ist nicht fertig, es 
sollte noch andere Charakteristiken entlialten, vgl. die beiden Zeilen, 
zuerst mitgetheilt G.-J.VII,27o; Trebras Commentar vgl. G.-J. IX, 11 ff. 

Otto Immisch: Die Braut von Corinth. (Blätter f. lit. 
Unterh. No. 39. S. 609 — 611.) 

Hinweis auf die bekannte Quelle: Phlegon und die Bearbeitung 
des Joh. Praetorius. Goethes Abweichungen: Ortsangabe, früherer 
Verspruch der Kinder, Widerspiel der alten und neuen Religion. — 
Ausführlicher über eine andere Quelle : Proclus über Piatons Werk vom 
Staate, 1888 vollständig gedruckt; schon 1661 von Alexander Morus 
benutzt, wo die Geschichte in die Zeit Königs Philipp von Macedonien 
verlegt wird. (Vgl. schon früher E. Rhode im Rhein. Museum XXXII, 

329 §•) 

Otto Kohl: Btlrgers wilder Jäger und Goethes getreuer 
Eckart. (Ztschr. f. deutschen Unterricht. VI. S. 6 — 55.) 

Erklärung in der Schule. Von S. 21 an »D. g. E.« und Über- 
führung aus diesem und d. vor. Gedicht in d. deutschen Göttersagen 
und Märchen. 

Stein : Zu Goethes Herbstgefühl. (Ztschr. f. deutschen 

Unterr. VI. S. 53.) 

Zwillingsbeeren = Weinbeeren, weil die beerentragenden Stielchen 
der Weintraube gezweit sind. 

Falkenhorst, E. : Sub rosa. (Gartenlaube No. 8.) 
Goethe in seinem Gedicht: »Niemand beichtet gern in Prosa, 
Doch vertraun wir oft sub rosa In der Musen stillem Hain« hält den 
Ausdruck sub rosa für »verblümt« und nicht für »im Vertraun« oder 
»insgeheim«. 

Karl Weinhold: Zu Goethes Parialegende. (Ztschr. des 
Vereins für Volkskunde, i. Heft. S. 46 — 50.) 

Indischer Ursprung nach Benfeys Untersuchung; neu für Goethe: 
Vertauschung der Köpfe, Beziehung"" auf die Paria. Hinweis auf eine 
ähnliche deutsche Sage aus Eisenberg im Voigtlande. 

Erlebnisse in Kurhessischen und russischen Diensten und 
Erinnerungen an die Gesellschaft in Weimar aus der Göthe- 
zeit des Freiherrn Alfred Otto Rabe von Pappenheim. Vor- 
trag gehalten im Hessischen Geschichtsverein zu Cassel am 
29. Februar 1892 von Rittmeister a. D. Freih. Gustav von 
Pappenheim. Nebst einer Photographie nach einer Bleistift- 

GouTUB- Jahrbuch XlV. 22 



338 Bibliographie. 



Zeichnung von dem berühmten Maler Preller aus Weimar, 

gez. im J. 1832. Marburg. Druckerei des »Reichsherold«. 62 SS. 

S. 35—42 Weimar. O. R. v. P. (1808— 185 1) war der Bruder 
der vielgenannten Jenny von Gustedt. Notizen aus seinen Briefen an 
die Schwester über sie und die Weimarer Gesellschaft. Sein Jugend- 
freund C. Wolfgang v. Heygendorf, geb. 1806, dessen Pathe Goethe 
war. Ihm schrieb Goethe 1825 ein Stammbuchblatt. Es ist gedruckt 
Weim. Ausg. I, 57, hier mit folgenden Änderungen : Z. i: Das Weiber- 
herz ; Z. 3 : es ist ; Z. 4 : Das dem Auge wohl ; Z. 7 ; Uns — noch. 

Oskar F. Walzel: Goethes »West-östlicher Divan« im 
Rahmen der Dichtung seiner Zeit. (Chronik d. Wiener Goethe - 
Vereins. No. 12. S. 42 fg.) 

R. v. Payer: Zum West - östlichen Divan. (Chronik d. 
Wiener Goethe-Vereins. No. 12. S. 44 — 46.) 

Die Mittheilungen des persischen Gesandten Mirza Abul Hassan 
Khan (Weim. Ausg. 7, S. 78—81) sind im Wesentlichen Saadis 
»Guter Rath an die Könige« entlehnt. 

Ludwig Achim von Arnim: Unbekannte Aufsätze und 
Gedichte. Mit einem Anhange von Clemens Brentano. Her- 
ausgegeben von Ludwig Geiger. (Berliner Neudrucke III, i.) 
Berlin, Gebr. Paetel. XVI u. 167 SS. 

Erwähnt in der Einl. einen Abdruck einzelner Rec. aus den Fft. 
gel. Anz. durch Arnim. S. 43 — 55: Otto Brüggeman, Ein »Beitrag zu 
Goethes Westöstlichem Divan« (aus dem »Gesellschafter« 1819). 

Goethe, Gingko biloba. (Ist es ein lebendig Wesen?) 
(Frankfurter Journal. Abendblatt No. 255.) 

Goethe, Hermann und Dorothea. Damast-Bändchen. 
Leipzig, W. Fiedler. 58 SS. 

Goethe, Hermann und Dorothea. Mit Einleitung und 
Anmerkungen v. A. Lichtenheld. 15. Tausend. Wien, Graeser. 
XVI u. 61 SS. 

Cours sup^rieur de langue allemande (derniers pro- 
grammes). Les Auteurs du programme (extraits relies par des 
analyses). Hermann et Dorothee, idylle epique de Goethe. 
Avec notices et notes par L. Schmitt, agr^ge de TUniversit^, 
professeur. 3. Edition. Paris, Delagrave. IX, 59 p. 

Hermann und Dorothea ; ed., with introd. and notes, by 
Waterman T. Hewett. Boston, D. C. Heath & Co. 243 p. 

Hermann et Dorothee. Texte allemand, publik avec un 
avantpropos, des sommaires et des notes explicatives par 
B. L^vy. Nouvelle Edition. Paris, Hachette et Cie. IV. 115p. 
In-i2^ 

Arminio e Dorotea. Studio e traduzione di V. Betteloni. 
Milano, E. Rechiedei e C. 191 p. 16°. 

W. T. Hewett: Notes to »Hermann and Dorothea«. 
(Modern Language Notes. VII, 6 (Juni), p. 334—339.) 



Bibliographie. 339 



H. Düntzer: Zu Goethes Hermann und Dorothea IX, 
224 fg. (Ztschr. f. d. deutschen Unterr. VI. 8. H. S. 573 fg.) 

Im Verse »Künftigen Glücks im Leben, das nun ein unendliches 
scheint« bezieht sich das auf »Leben«. 

Albert Bielschowsky : Lili und Dorothea. (Preuss. Jahrb. 
Bd. 69. S. 666 — 672.) 

Neue Stützen zum Beweise Dorothea = Lili. i. Goethe hat 
17^4—1796 Kenntniss von Lilis Flucht gehabt (G.-J. XIII, 16). 2. Lili 
keme Kokette, sondern eine Iphigenien ähnliche edle Frau. 3. Lili 
für Goethe in den 90er Jahren keme abgeblasste Persönlichkeit (meist 
auf Grund der Briefe, G.-J. XIII, 30 ff.). 

4. PROSASCHRIFTEN. 

Von deutscher Art und Kunst. Mit Einleitung von H. 
Lambel. (Deutsche Litteraturdenkmale No. 40/41.) Stuttgart, 
Göschen. LV u. 123 SS. 

Hermenjat, L. : Werther et les fr^res de Werther. Etüde 
de litt^rature compar^e. Diss. Lausanne, F. Payot. 141 SS. 

G. W[ustmann] : Zu Werthers Leiden. (Grenzboten. 
51. Jahrg. No. 27. S. 47.) 

Mittheilung aus einem Ex. der Oriffinal-Ausgabe von »Werthers 
Leiden,« in dem sich Goethes handschriftliche Zusätze und Verbesserungen 
finden. In dem kleinen Gedicht, das erst in der 2. Auflage gedruckt 
wurde, heisst es hier: »Jeder Jüngling wünschet so zu lieben« und im 
I. Theil (Brief vom 10. Sept.) hat Goethe geändert »in denen schmachtend 
süssen Gedanken,« statt »schmachtenden süssen.« 

F. Deubner : Quelques remarques sur »Werther« de Goethe 
et »Ultime Lettere di Jacopo Ortis« de Foscolo. Schul- 
programm. Wiesbaden. 10 SS. 

Denkwürdigkeiten aus dem Leben des k. k. Hofrathes 
Heinrich Gottfried von Bretschneider 1739 ^^^ 1810. Mit 
Benützung sehr selten gewordener Quellen, zum erstenmale 
vollständig herausgegeben von Karl Friedrich Linger. Wien, 
J. Eisenstein & Cie. VIII u. 376 SS. 

Enthält S. 206 fg. den Brief Bretschneiders an Nicolai 1776 mit 
Anfang und Ende des Bänkelsängerlieds auf Werther. 

Goethe, Werther. Illustrations de Marold. Paris, Den tu. 
236 pag. 

Kleine Schriften zur Geschichte und Cultur von Ferdinand 
Gregorovius. Dritter Band. Leipzig, Brockhaus. IV u. 263 SS. 

S. II. Die Villa Malta in Rom ist von Goethe (Ital. Reise April 
1788) unter dem Garten der Sixtinischen Strasse gemeint, in den die 
von ihm gepflanzten Dattelpalmen versetzt worden seien. 

A. Riese: Erklärung einer Goethischen Erzählung nach 
den Akten. (Berichte des Fr. d. Hochstifts N. F. VIII. 241 — 250.) 

Wilh. Meister (6. Buch) : Abenteuer des Narciss beim Pfänderspiel 
spiel mit der »Frau eines Hauptmanns«. Narciss istSchöff J.D.von Ohler- 
schlager (dessen Anklageschrift aus dem Frft. Archiv mitgetheilt wird), 
der Hauptmann und seine Frau, ein hessischer Lieutenant Lindheimer, 

22* 



34^ Bibliographie. 



die Gesellschaft bei dem Schöffen Textor, dem Gross vater Goethes, 
Sept. 1742. Die Theilnehmer der Gesellschaft, deren Zeugenaussagen 
gegen Lindheimer z. Th. abgedruckt werden, waren ausser den Wirthen, 
O., L. und Frau, Dragonerhauptmann Hofmann und Frau, Amtmann 
Langsdorf und Frau, »Jubilier« Riese (Vater von T. J. Riese), 4 Fräulein 
Klettenberg, 2 Jungfrauen Münch, Jungfer Schleiflferm, Fräulein Lucius. 
Die Zeugenaussage der Susanna Cath. von Klettenberg lautet : sie sei in 
ein Gespräch vertieft gewesen, als ihr »ohnvermuthet eine Perruque an 
den Kopf geflogen, wobey sie sogleich heftiges Reden gehöret, aber 
nichts verstanden, darauf seye sie aufgesprungnen und habe den Herrn 
Hofrath Ohlenschlager in blosem Kopt, Lieuten. Lindheimer aber 
mit blosem Degen stehen sehn, welchem letztern Herr Hauptmann 
Hofmann hinterrücks die Arme gehalten ; dessen ohngeachtet aber habe 
gedachter Herr Lieutenant Lindheimer immer nach ihm zugestossen, 
weilen sich aber die gantze Compagnie darzwischen legte, konte Er 
ihn nicht weiter treffen. Nachgehends seye sie mit dem in Kopf und 
Hand blessirten H. Hofrath Ohlenschlager [so] der Stube hinaußge- 
gangen, so dass sie von demjenigen was weiter passirt, nichts sagen 
könne.« 

Heinr. Prodnigg: Über Tiecks Sternbald und sein Ver- 
hältniss zu Goethes Wilhelm Meister. Programm der Landes- 
Ober-Realschule. 21 SS. 8^ 

Alfred Schöne: Zur Kritik des Goethe-Textes. (Vjs. f. 
Litg. V. S. 148 fg.) 

»Wanderjahre« Hempel XIII, 57 in dem Satz »Wie mir scheint, 
willst du auf Sokratische Weise mir die Ehre anthun, mir begreiflich ^u 
machen, mich bekennen x^ lassen,«, zwei Versionen hinter einander, von 
denen wohl blos die letztere gültig sein sollte. 

Georg Brandes : Goethe-Studien. (N. fr. Presse. 30. März, 

I. 2. April, I., 2. Mai.) 

Behandelt ausführlich Wilh. Meister und Wahlverwandschaften, 
Goethes Erzählungskunst und Sprache. ^ 

Jacob Minor: Etwas über erzählende Kunst bei Gelegen- 
heit des »Wilhelm Meister«. (Dem hochw. Herrn P. Hugo 
Mareta zum 4ojähr. Dienst- Jubiläum von dankbaren Schülern.) 
Wien, F. Jasper. 24 SS. 4. 

S. 8— 1 1 : Gegen G. Brandes : Der erzählende Dichter trete mit 

seiner Person zwischen Gegenstand und Publikum. G. rücke die 

Nachtseiten des Lebens tief m den Hintergrund. Vertheidigung des 
Goethischen Stils. 

H. Düntzer: Goethes Wahrheit und Dichtung als Quelle 
seines Jugendlebens. (Ztschr. f. d. d. Unterricht. VL S. 382 — 424.) 

Arbeit an den einzelnen Büchern nach den Mittheilungen der 
Tagebücher und der in der Weim. Ausgabe abgedruckten Schemata. 
Kritik der Einzelheiten, wobei die Angaben Goethes vielfach bemängelt 
werden : Verhältniss zu Herder, Merck, Anknüpfung in Sesenheim z. B. 
»Was von seiner düstern Reue und dem Schmerz um Friederikens 
Verlust berichtet wird, entspricht nicht der Wahrheit. Die Antv^'ort 
Friederikens ist ebensowenig wahr, wie sein schriftlicher Abschied . . . 
Treue Erinnerungen Goethes gehören zu den Ausnahmen, meist hatte 
die Zeit über die Vergangenheit ihren verhüllenden Schleier geworfen, 
so dass er den Geist der Dichtung zu Hülfe rufen musste«. 



Bibliographie. 34^ 



Goethe, Campagne de France, 23. Aoüt — 20. Octobre 
1792. Edition nouvelle, ave< une introduction, un commentaire 
et une carte, par A. Chuquet. 3. edition. Paris, Delagrave. 
XXVII, 181 p. 

Eugen Guglia: Zu Goethes Campagne in Frankreich. 
(Grenzboten. No. 50. S. 526 — 532.) 

Macht auf einzelne kleine Widersprüche zwischen Campagne und 
den vertrauten Briefen (W. A. Bd. X) aufmerksam; hier ist die Tendenz 
die Sache heller darzustellen, während dort Alles grau in grau gemalt ist. 

Ein Aufsatz Goethes über die Strebsamkeit der Juden 
(W. G., »Das Emporkommen der Völker in der Weiter). 
(Populär-wissenschaftliche Monatsblätter über das Judenthum, 
herausgegeben von Adolf Brüll. Jan.) 

Hinweis darauf Frankfurter Zeitung 1892, 5 Febr., 2 Morgenblatt, 
Feuilleton. Rabbiner Dr. Cohn in Potsdam weist in einer Zuschrift an 
die Frkftr. Ztg. (7. Febr.) nach, dass dieser angeblich Goethische Auf- 
satz eine Fälschung des Veröffentlichers, Schriftsteller Karl Wiesenthal 
in Leipzig, ist, der auch Veröffentlichungen ähnlichen Inhalts in anderen 
Zeitschrinen machte. 

E. ÜBERSETZUNGEN. 

Dr. Wilhelm Bernhardt : Selections from Goethe's Poetical 
and Prose Works, with copious biographical, literary, critical 
and explanatory Notes, a Vocabulary of Difficult Words and 
an introduction containing a Life of Goethe. Boston, D. C. 
Heath and Co. 

Goethes Faust. Vertaald door J. J. L. ten Kate. (Nieuwe 
druk.) Leiden, A. W. Sijthoff. VIII, 114 blz. met 14 Photo- 
graphien. Gr. 4. 

Ralph Schropp: »Goethe, Elegies romaines, traduction 
nouvelle« (Paris, Ghio), Ders. Goethe »Epigrammes, seule 
traduction compl^te«. (Paris, Ghio.) 

Goethe, Oeuvres. Faust. Traduction nouvelle par Camille 
Benoit. Preface par A. France. Paris, A. Lemerre. 

Goethe, The Boyhood and Youth. Being Books I to II 
of the Autobiography. Transl. from the German by J. Oxen- 
ford. 2 vols. London, Putnam's Sons. 18®. 

Extraits de TAutobiographie de Goethe, preced^s de deux 
notices et annotes par L. Schmitt. 2e Edition. Paris, Dela- 
grave. VIII, 76 p. In -12°. 

Les Chefs-d'oeuvre du thdätre classique allemand. Choix 
et Analyses, par A. Fanta. II: Iphig^nie. Paris, Cerf. 54 p. 

Goethe: Werther. (Petite Collection Guillaume.) Paris, 
E. Dentu. 

Gehört einer sehr hübsch ausgestatteten Sammlung ä 2 fcs. an, 
für die ausser vielen andern Werken der Weltliteratur auch »Hermann 
und Dorothea« vorbereitet wird. 



^4^ Bibliographie. 



IL BIOGRAPHISCHES. 

A. ALLGEMEINES. 

A. Stahr: Weimar und Jena. 3. Aufl. Mit einem Vor- 
wort von E. V. d. Hellen. 2 Thle in i Bd. Oldenburg, 
Schulze. XV, 316 u. IV, 246 SS. 

Kellner, Prof. Dr. : Eine Rede zu Goethes Geburtstag im 
»Goethe verein zu Zwickau«. (Unser Verkehr. IL Jahrg. No. 8.) 



B. BIOGRAPHISCHE EINZELHEITEN. 

Arv^de Barine : Goethe enfant. (Independance Beige, 
Suppl. litt^raire. 10 Juillet.) 

F. Crönert: Goethe an der Mosel. (Köln. Ztg. No. 661 ff.) 

Eugen Wolff: Weimar nach der Schlacht bei Jena. Ein 
Brief von C. J. R. Ridel. (Allg. Ztg. Beil. 53. 3. März.) 

Brief vom 3. Nov. 1806. Enthält über Goethe nichts Neues. 

Wold. Freih. v. Biedermann: Goethe in Dresden. Vor- 
trag gehalten am 11. April 1892. (Dresdener Geschichtsblätter. 
No. 3. S. 33—41.) 

C. GOETHES MUTTER UND GATTIN. 

Goethes Mutter. Ein Lebensbild nach den Quellen von 

Dr. Karl Heinemann. Dritte verbesserte Auflage. Mit vielen 

Abbildungen in und ausser dem Text und vier Heliogravüren. 

Leipzig, Arthur Seemann. X u. 388 SS. 

Die Vermehrung besteht besonders in den Illustrationen, die sich 
hauptsächlich auf Frankfurter Lokalitäten (Wohnhaus der Frau Rath, 
Umgebung und Aussicht von diesem), oder Vorgänge (Kämpfe der 
Franzosen 1796 fg.") beziehen. Auch Einzelnes aus Goethes Werken: Das 
Neueste aus Flundersweilern, Paläophron und Neoterpe. Neu ist wohl 
auch Lilis Bild nach einer Zeichnung ihrer Tochter Elise. — Die 4. Auf- 
lage ist durch 2 Bilder, das des Stadtschultheissen J. W. Textor und 
das des J. H. Merck vermehrt. — Auf Grund des H.'schen Buches er- 
schienen Heinrich Bulthaupt: Goethes Mutter. Weserzeitung No. 16330 
(22. Mai). — Johannes Proelss : Frau Aja's Frohnatur. Goethes 
Mutter nach neueren Quellen. Mit dem Goethe - Familien - Bild nach 
Seekatz. (Gartenlaube No. 7). — Joseph Strauss: Goethes Mutter. Mit 
Portrait. (Westermanns Monatshefte. Juli. S. 467—479.) — Otto Lyon: 
Goethes Mutter. (Zeitschr. f. d. d. Unterr. VI. 424—437.) 

Arv^de Barine, Bourgeois d'autrefois. La famille Goethe. 
(Revue des deux mondes. Bd. 112, S. 28 — 63. i. Juli.) 

Hauptsächlich Biographie der Frau Rath, meist nach Heinemanns 
Buch. 

(Karl Heinemann) : Deutscher Auszug und Antikritik von 
Arvede Barines »Bourgeois d'autrefois« in der »Revue des 



Bibliographie. 343 



deux mondes« i juillet. (Blätter für literarische Unterhaltung. 
No. 43, Feuilleton.) 

Widerlegt Barines Behauptungen über Goethes spätere Stellung 
zu Frankfurt, über Frau Raths Vemältniss zu Christiane u. a. 

Erich Schmidt: Goethe und Christiane. Zum 22. März. 
(Berliner Neueste Nachrichten. 12. Jahrg. No. 149.) 

Ph. Stein: Christiane Vulpius und Frau Rath. (Crefelder 
Zeitung No. 140.) 

Ludwig Geiger: Goethe und Christiane. (Frankf. Zeitg. 
I. Morgenblatt. No. 345.) 



D. GOETHES VERHÄLTNISS ZU SEINEN FREUNDEN 

UND NACHFOLGERN. 

Anna Amalia Herzogin von Sachsen -Weimar-Eisenach, 
die Begründerin der klassischen Zeit Weimars. Nebst Anhang: 
Briefwechsel Anna Amalias mit Friedrich dem Grossen. Von 
F. Bornhak. Mit 2 Portraits und einem Facsimile. Berlin, 
W. F. Fontane & Co. IV u. 372 SS. 

Die ungedruckten Materialien sind hauptsächlich dem Grossh. 
Archiv und den Privatsammlungen von C. A. H. Burkhardt entnommen. 
Die Benutzung der literarischen Quellen ist mangelhaft; für Goethe 
speciell wird nichts Neues geboten. Der Abschnitt über das Tiefurter 
Journal ist vor Veröffentlichung des 7. Bandes der Schriften der Goethe- 
Gesellschaft geschrieben und daher ziemlich werthlos. Besondere Ab- 
schnitte finden sich über A. A. und Wieland, über sie und Merck; 
ein dritter fasst Goethe, Herder und die beiden genannten zusammen ; 
ein vierter behandelt die Begründung des herz. Liebhabertheaters. Der 
Abschnitt über die ital. Reise ist fast ausschliesslich nach Seufferts 
Publikation der Briefe der Göchhausen gearbeitet. 

Henri Blaze de Bury : Goethe et Beethoven. Paris, 
Perrin & Cie. 279 p. 

Reinhold Steig: Bettina. (Deutsche Rundschau. 18. Jahrg. 
II. Heft. S. 212 — 274.) 

Ihr Urtheil über Wilhelm Meister (Clemens Brentanos Brief an 
Arnim, i. Jan. 1805), mitj^eringen Abweichungen in der »Günderode«. 
S. 270 fg. Abdruck eines Originalbriefs an Goethe (1809) hauptsächlich 
über Kapellmeister Winter und Nachweis, wie dieser in den gedruckten 
Briefen benutzt ist, über Ludw. Grimm, Graf Stadion. — Bettina 1788 
geb., nicht 1785, wie man gewöhnlich annimmt. 

Friederike von Sesenheim. Nach geschichtlichen Quellen 
von Dr. J. Froitzheim. Gotha, F. A. Perthes 1893. IV u. 

137 SS. 

Unbegründeter, überscharfsinniger Versuch, Friederikes Verhältniss 
zu Goethe als gemein darzustellen. Fr. u. A. zur Geliebten eines protest. 
Theologen undzur Maitresse eines katholischen Pfarrers zu machen. Den 
Hauptbundesgenossen fand Fr. in Theophil Zolling, die Wahrheit über 
Goethes Friederike (Gegenwart, No. 50, 10. Dez.), siegreiche Gegner in A. 
Bielschowsky : Goethe und Friederike, Wider ihre Verläumder (Pr. Jahrb. 



344 Bibliographie. 



Bd. 70, S. 706—728) vgl. E. Schmidt, dtsch. Litztg., 12. Nov., Rq)lik 
Froitzh.'s, Duplik Schmidts das. 10. Dez., Rieh. M. Meyer (Voss. Ztg., 
Sonntagsbeil. wo. 47.). 

t Joseph Mazzini und die italienische Einheit. Von Ad. Fr. 
Graf V. Schack. Stuttgart 1891, J. G. Cotta Nachf. VI u. 185 SS. 
Übersetzt im Anhang, Mazzinis Essay »Byron und Goethe«. 

Lily von Kretschman : Eine Weimarische Fürstentochter. 
Mit Portr. I. II. III. (Westermanns Monatshefte. 57. Jahrg. 
S. 17 — 28, 186 — 203.) 

Ausführliche Biographie der Prinzessin Caroline von Weimar, 
Erbprinzessin von MecKJenburg, unter Mittheilung vieler Briefe, mit 
bes. Berücksichtigung der lit. Verhältnisse. 

Das junge Deutschland. Ein Buch deutscher Geistes- 
geschichte von Johannes Proelss. Mit den Bildnissen von 
Gutzkow und Laube. Stuttgart, J. G. Cottasche Buchhandlung 

Nachf. VII u. 804 SS. 

Buch 3 : Das junge Deutschland und Goethe S. 389—610, ent- 
hält folgende grosse Abschnitte: Wienbargs »Feldzüge« und Laubes 
»Krieger«; Rahel, Bettina, die Stieglitz; Zusammenschluss und Kata- 
strophe. 

Gustav Karpeles: Der alte Eckermann. Zum 21. September. 
(Berliner Tageblatt. 20. Sept.) 

Eckermann, geb. 21. Sept. 1792. — Dieser Aufsatz ebenso E. S. 
in der »Berliner Börsenzeitung,« Ph. Stein in der »Feuilleton-Corre- 
spondenz, A. v. Winterfeld in der Frankfurter Zeitung No. 264, bieten 
nicht das geringste Neue. 

Kuno Francke: Zur Kritik von Falks Goetheerinnerungen. 
29. Febr. (sie) 1809. (Vierteljs. f. Litg. V. 120—124.) 

Will die Authenticität einer Äusserung Goethes über seine Stellung 
zum Publikum und die widerwillige Anerkennung des letztern erweisen. 

Albert Leitzmann : Georg Forsters Beziehungen zu Goethe 
und Schiller und seine Vertheidigung Schillers. (Archiv f. d. 
Stud. d. neueren Spr. LXXXVIIL S. 129—156.) 

F. H. Jacobis Vermittlung. Persönliche Begegnungen 1779 ^^^ 
1783. Sakontala. Forsters Entsetzen über den »Grosskophta«. — Letzte 
gleichgiltige Begegnung 1792. 

Edg. Maddalena: Goethe e il Goldoni. (Fanfulla della 
Domenica. XIV. No. 36.) 

Mit Hinweis auf einen früheren Aufsatz von Carlo Segr^ über 
dasselbe Thema. Goethe in Venedig, seine Kenntniss des Italienischen, 
sein Urtheil über die Locandiera. 

Goethe und die Brüder Grimm. Von Reinhold Steig. 

Berlin, W. Hertz. IV u. 269 SS. 

Umfassende Darstellung des persönlichen und wissenschaftlichen 
Verhältnisses z. Th. auf Grund der in G.-J. Bd. IX, hauptsächlich mit 
Benutzung bisher ungedruckter Goethe-Grimm-Briefe und des gesammten 
Grimmschen handschriftlichen Nachlasses. Zuerst gedruckt sind Briefe 
Goethes an Grimm: 19. Jan. 1810, 19. Oct. 1823, 30. August 1824 an 
Jacob, 18. Aug. 181 1 an Wilhelm, 23. Aug. 1816 (an die Brüder, 
Concept und Mundum). Die Grimmschen Briefe sind mit den Originalen 
verglichen, bisher ungedruckt war einer Wilhelms 20. Jan. 1 807, ferner Arnim 



Bibliographie. 345 



an Goethe 19. Mai 1809. Sehr wichtig sind besonders die Stellen aus 
Jacob Grimms Briefen an Arnim über »Wahlverwandtschaften, Dich- 
tung und Wahrheit,« S. 53, 84 fg. Goethe-Anekdoten S. 62. Artikel 
über Ludwig Grimms Radirungen (Kunst und Alterthum V, 2) ist von 
Goethe. — Stellen gegen Riemer S. 55, 88. 

M. Carri^re; Goethe und Gtimm. (Allg. Ztg. Beil. 257.) 

Aus Goethes Freundeskreise. Erinnerungen der Baronin 
Jenny von Gustedt, herausgegeben von Lily von Kretschman. 
Braunschweig, G. Westermann. VII u. 510 SS. 

Mit Bildern der Darstellenden und Dargestellten: Goethe nach 
einer Zeichnung von Schwerdgeburth. In »Blätter aus meinem Lebens- 
baum« S. 63 — 99: Goethe und seine Umgebung; August von Goethe 
und seine Söhne. In »Bildern nach der Natur« (ursprünglich französisch) : 
Ottilie von Goethe. In »Briefe in Auszügen,« ein Brief an M* : Goethe 
und Tieck (Okt. 1828) und Briefe an Wolfgang von Goethe (1835 fg.). 
In »Recensionen,« Bri::fe Goethes an Lavater, Lewes Goethebiographie. 
— Auch in den übrigen Artikeln zahllose Erwähnungen Goethes seitens 
der Verfasserin, deren ganzes Wesen in Goethe aufging. 

Ad. Konicki : Minchen Herzlieb, die Geliebte Goethes. 
(Leipziger Tageblatt. No. 352, Feuilleton.) 

Fr. A. Gerard: Angelica Kauffmann. London, Ward & 
Downey. 

L. Jacobowski: Klinger und Shakespeare. Ein Beitrag 
zur Shakespearomanie der Sturm- und Drangperiode. Dresden, 
Pierson. 66 SS. 

K. E. Franzos: Neues von und über Lenz. (Deutsche 

Dichtung. XII. Band. 5. H. S. 126—128.) 

Charakteristik des Lyrikers Lenz. 

Bei Gelegenheit des 100. Todestages brachten noch manche Zei- 
tungen Artikel über Lenz' Leben, Bedeutung als Dramatiker : J. Ettlinger 
in der Sonntagsbeilage d. Voss. Zeitung, 22. u. 29. Mai. F. Runkel, 
im Zeitgeist 16. u. 23. Mai. Erich Petzet, Allg. Zeitg. Beil. 182, K. 
Müller-Rastatt, Frankf. Ztg. No. 145. Max Halbe, »Die Gesellschaft,« 
8. Jahrg., 5. Heft. Phil. Stein, Feuilleton -Zeitung No. 413. Anonym, 
Der Kunstwart, 5. Jahrg., No. 17. A. Konicki, Lpz. Tagebl. No. 271. 

H. Rauch: Lenz und Shakespeare. Ein Beitrag zur 
Shakespearemanie der Sturm- und Drangperiode. Berlin, 
E. Apolant. iii SS. 

G. F. Fuchs: Johann Heinrich Merck. Ein Lebens- und 
Charakterbild aus der Genieperiode. Zur Erinnerung an Mercks 
150. Geburts- und 100. Todesjahr entworfen. (Allgemeine 
Konservative Monatsschrift für das christliche Deutschland. 
49. Jahrg. Maiheft. S. 476—493.) 

Karl W. Whistling : Ein vergessenes Denkmal für Goethes 
Freunde in Leipzig. (Leipziger Tageblatt. No. 495. Abend- 
ausgabe, S. 6669.) 

Behandelt die Geschichte des, in keinem einschlägigen Buche er- 
wähnten gemeinsamen Grabsteins für Adam Friedrich Oeser, dessen 
Gattin und Tochter, der am 13. März 1867 auf dem Leipziger (neuen) 



34^ Bibliographie. 



Johannisfriedhofe errichtet wurde. Daran angeknüpft sind Bemerkungen 
über Oesers von Goethe besungenes Gellert-Denkmal, das 1842— 1866 
auf dem »Schnackenberge« in Leipzig stand, und über Oeser selbst. L. F. 

Ludwig Schemann: Aus dem Nachlasse L. S. Ruhls. V. 
(Allg. Zeitg. Beil. 224.) 

Hinweis auf Goethes Besprechung von Ruhls Bild und den Ein- 
druck, den diese auf Ruhls Freunde machte. H. Meyers Brief an R. 
5. Apr. 1820. 

Georg Wahl: Hans Sachs und Goethe. (Programm des 
städtischen Realgymnasiums zu Koblenz.) 

P.: Hans Sachs und Goethe. (Fränkischer Kurier. No. 450.) 
Eine Reihe selbständiger Ausführungen im Anschluss an G. Wahls 
Koblenzer Schulprogramm. 

H. Düntzer : Der Strassburger Actuarius Salzmann. (Allg. 
Zeitg. Beil. 229.) 

Biographisches über Joh. Salzmann (c. 1720—20. Aug. 181 2), 
seine Beziehungen zu Goethe, Lenz, anderen Durchreisenden, literarische 
Gesellschaft. 

Karl Theodor Gaedertz : Zwei Damen der Weimarer Hof- 
gesellschaft zur Zeit Goethes. (Westermanns Monatshefte. Jan.J 

Mit zwei Silhouetten : Frau von Schar dt, Frau von Werthern. An- 
knüpfend an das alte Buch, Schattenrisse edler teutscher Frauenzimmer 
(zwei Hefte mit Kupfern [Halle 1784 und 1785, Hendels Verlag] ) und 
mit Anführung der darin enthaltenen Charakterschilderung gibt G. 
einen kurzen Lebensabriss beider Frauen mit Berührung ihrer Be- 
ziehungen zu Goethe. 

Julius Heuser: Warum ist Schiller populärer als Goethe? 
Programm der i. Realschule in Cassel. 8 SS. 

O. Harnack : Classiker und Romantiker. (Allg. Zeitg. Beil. 
No. 298.) 

Hebt namentlich die feindliche Stellung Goethes zu den Brüdern 
Schlegel hervor. 

In der Berliner Gesellschaft für Experimental- Psychologie 
wurde (Sitzung vom 29. Nov.) ein Vortrag von Herrn Dr. 
med. Albert Moll gehalten, tlber »Goethes Verhältniss zu 
Lili unter psycho-sexualen Gesichtspunkten«. 

Arthur Schopenhauer: An J. E. Erdmann, 9. Apr. 1851 
veröffentlicht von O. Hartwig. (Centralbl. f. Bibl. Wiss. Juli.) 

Eine Art Autobiographie, in der Seh. erzählt, nach seiner Pro- 
motion in Jena 181 3 habe er den Winter in Weimar zugebracht, »wo 
ich Goethes nähern Umgang genossen, der so vertraut wurde, wie es 
ein Altersunterschied von 39 Jahren irgend zuliess und wohlthätig auf 
mich gewirkt hat«. 

O. Heuer: Barbara Schulthess und Ph. Chr. Kayser. 
(Berichte des Fr. d. Höchst. N. F. VIII. S. 294 ff.) 

Mittheilungen aus dem Briefwechsel der Erstgenannten mit Doro- 
thea Kayser. Goethe ist nicht erwähnt. 

Hermann Kienzl: Der Anti- Goethe. Ein Beitrag zur 
Goethe-Forschung. (Die Gegenwart. No. 38. S. 185 fg,) 

Theilt Proben aus einem Aufsatze des Prof. Span »Goethe als 



Bibliographie. 347 



Lyriker« im Wiener Conversationsblatt 1821 mit, nebst Umdichtungen 
von Goethes Liedern »An die Günstigen, An den Mond, An die Er- 
wählte, Das Veilchen«. Sp. zieht eifrig gegen die »Pöbelsprache« und 
gegen die Auffassung Goethes los. 

Charlotte V. Stein. (Zwickauer Tageblatt u. Anzeiger 25. Dez.) 

Auch separat erschienen »Gedenkblatt an den 150. Geburtstag der 

Frau Charlotte von Stein, dargebracht vom Goethe- Verein in Zwiäau« 

Prof. C. H. Kellner. (Festfeier in Zwickau 18. Dez. mit Vorträgen und 

Gesängen.) 

J. E. V. Grotthuss: Charlotte von Stein. Zu ihrem 150. 
Geburtstage. Mit 9 zeitgenöss. Abbildungen. (Velhagen und 
Klassings Monatshefte. VIL Jahrg. No. 3.) 

C. H. Vogler: Der Bildhauer Alexander Trippel aus 
Schaff hausen, i. Hälfte: Die Lebensgeschichte. Schaffhausen. 
C. Schoch. 50 SS. 

K. E. Franzos: Goethe und Friederike Unzelmann-Beth- 
mann. (Deutsche Dichtung. XII. Band. 3. H. S. 78—80.) 

Abdruck der von der Genannten, an sie geschriebenen und über 
sie handelnden Briefe aus dem 6. Bande der Schriften der Goethe- 
Gesellschaft. 



E. STELLUNG ZU WISSENSCHAFT UND KUNST. 

1891. 

O. Heuer: Goethes elektrische Studien. (Elektrizität. 
Offizielle Zeitung der internationalen Elektro-techn. Ausstellung 
in Frankfurt a. M. 1891. No. 2.) 

Julius Vogel : Leipziger Kunstsammlungen des vorigen 
Jahrhunderts. Mit Abbildungen. (Zeitschrift für bildende Kunst. 
S. 124—127, 145—149.) 

Mit Bildern von Gottjfr. Winckler, J. Th. Richter, Vignetten aus 
den Catalogen der Wincklerschen und Rossschen Kunstsammlung. Aus 
dem ersteren von W. Kreuchauff gearbeitet, und über die beiden genannten 
Sammler werden Notizen gegeben. Aus dem Fremdenbuch der Richter- 
schen Sammlung werden die Inschriften von Schlosser und Goethe in 
Facsimile mitgetheilt, 

Eduard Dobbert: Goethe und die Berliner Kunst. Rede 
gehalten am Geburtstag Sr. Maj. des Kaisers in der Akademie 
der Künste am 27. Jan. (National -Zeitung i. und 3. Febr.) 

Behandelt ausführlich G.'s Beziehungen zu Schadow, Schinkel, Rauch. 

B— n (Bechstein): Goethe im Verkehr mit Künstlern. 
(Rostocker Zeitung. No. 155. 5. April.) 

Analyse des 5. Bandes der Schriften der Goethe-Gesellschaft, mit 
einzelnen trläuterungen und Berichtigungen ; besonders ausführlich über 
das dem Baroccio zugeschriebene Bild. 

Wilhelm Lübke : Altes und Neues. Studien und Kritiken. 
Breslau, Schles. Buchdr. VIII u. 522 SS. 

Weimar und das Goethehaus, S. 1—29; Rauch und Goethe, 

s. 397-407. 



34^ Bibliographie. 



Aus dem »Archive der naturwissenschaftlichen Landes- 
Durchforschung von Böhmen. Die Natur. No. 49. (5. Dez., 
S. 581 ff.) Auszug aus der im Eingange genannten Schrift 
von Prof. K. Koristka, »Übersicht der Thätigkeit der natur- 
wissenschaftlichen Landes- Durchforschung von Böhmen vom 
Jahre 1864 bis zum Jahre 1890«. 

Am Schluss hübsche Stelle über Goethe. 

t Bertha Lindner: 5 pädagogische Betrachtungen. Strass- 
burg, Heitz & Mündel. 1889. III u. 54 SS. 

S. 42—54: Pädagogische Anregungen. (Aussprüche von Goethe.) 

t Goethes ethische Ansichten. (Protestantische Kirchen- 
zeitung für das evangelische Deutschland 1890. No. 39.) 

Rudolf Steiner: Gedanken zu dem handschriftlichen Nach- 
lasse Goethes. (Chronik des Wiener Goethe -Vereins. No. 2. 
S. IG — 12.) 

Goethes Stellung zur Beobachtung, Erfahrung, Idee. Die allge- 
meinen Auseinandersetzungen des Verf. können in kurzen Schlag- 
worten, die an dieser Stelle einzig zu Gebote stehen, unmöglich wieder- 
gegeben werden. 

Prof. Siebeck : Grundzüge zu Goethes Lebensphilosophie. 
(Berichte des Freien Deutschen Hochstifts. N. F. 8 Bd. i.H. 
S. i*--24*.) 

Festvortrag zu Goethes Geburtstag. — Goethes Anschauung über 
Wesen und Werth des Lebens in seinem Verhältniss zur Persönlichkeit, 
Zweck und Aufgabe des Lebens. Characteristik von Goethes s. g. 
Optimismus, Berechtigung der Individualitäten. 

G. Schneege: Goethes Verhältniss zu Spinoza. (Philoso- 
phische Monatshefte hrsg. von P. Natorp. Bd. XXVII. H. 7—10.) 

Der Glaube Goethes und Schillers. Von J. Friedrich. 
Halle a. S., C. A. Kämmerer u. Comp. 87 SS. 

Von S. 77 an orthographische Bemerkungen. (Der Verf. schreibt 
alle Hauptwörter klein, gebraucht keine Dehnungszeichen, setzt f statt 
V.) Von S. I — 76 ausscnliesslich über Goethe und zwar i. Seine An- 
sichten über die christliche Lehre a. nach seiner Lebensbeschreibuug 
von Lewes (!!) b. nach seinen eignen Werken. In b. und im 2 — 4. Gap. 
»Gedanken über Jesus, Aussprüche über Geistliche Gedichte und pro- 
saische Stücke launigen und humoristischen Inhalts« werden zahlreiche 
Stellen aus Goethes Werken (einzelne wörtlich z. B. »der ewige Jude«) 
in der seltsamen Orthographie des Verf. abgedruckt. 

1892. 

Die klassische Ästhetik der Deutschen. Würdigung der kunst- 
theoretischen Arbeiten Schillers, Goethes und ihrer Freunde. 
Von Otto Harnack. Mit dem Facsimile eines ungedruckten 
Gedichtes von Schiller. Leipzig, J. C. Hinrichs. VIII u. 243 SS. 

Ausser Goethe und Schiller, den Arbeiten Beider in »Hören« und 
»ProDvläen« sind besonders W. v. Humboldt, H. Meyer und Gh. G. Körner 
ausführlich behandelt. 

Zur Musik. Sechzehn Aufsätze von Philipp Spitta. Berlin, 
Gebrüder Paetel. VIII u. 470 SS. 



Bibliographie. 349 



S. 197—234: Die älteste Faustoper und Goethes Stellung zur 
Musik. (Wiederabdruck eines 1889 zuerst erschienene Aufsatzes vffl.G.-T. 
XI, 26s fg.) 

F. A. V. Winterfeld : Goethe über Musik ; aus den Gesprächen 
mit Eckermann. (Musikzeitung XVIII. No. 18.) 

H. von Helmholtz : Goethes Vorahnungen kommender 
naturwissenschaftlicher Ideen. (Deutsche Rundschau. Juli-Heft.) 

Otto Neumann- Hofer : Helmholtz auf dem Goethe-Tage. 
(Magazin für Literatur. 2. Juli. S. 436 — 438.) 

Besprechung des Vortrags bes. des Theiles der über die Theorie 
der künstlerischen Anschauung handelte ; — man könne dem Geheimniss 
des künstlerischen Schaffens nicht auf die Spur kommen. — 

Dem Helmholtzschen Vortrage in erster Linie waren 2 Artikel 
vom Goethetage in der »Frankf. Zeitg.«, je 3 von Neumann-Hofer im 
»Berl. Tagebl.« und der »Allg. Zeitg.«, von E. Schiff in der »N. fr. 
Presse« und der Nation, P. Scnlenther in der Voss. Zeitg. gewidmet. 

Goethe und die Naturwissenschaften. (Sprudel. Central- 
blatt der Curorte in Österreich, Deutschland und der Schweiz. 
24. Jahrgang. No. 9.) 

Was es ausser Wasser noch regnet. (Beil. z. Allg. 
Zeitg. 250.) 

Berücksichtigt Goethes Analyse des »Honigthaus«. (Morphologie 
1817.) 

J. Tyndal : New Fragments. 

Enth. u. A. eine Abhandlung über Goethes Farbenlehre. 

Deutsches Ehr- und Nationalgefühl in seiner Entwickelung 
durch Philosophen und Dichter. Von F. W. Behrens. (Disser- 
tation.) Leipzig, G. Fock. 150 SS. 

Gegen Goethes Schwanken in politischen und nationalen Dingen. 

A. Biese : Goethes dichterischer Pantheismus. (Berichte 
des freien d. Höchst. N. F. Bd. IX. S. 3 — 25.) 

Festvortrag am 28. Aug., mit hauptsächlicher Berücksichtigung 
der Lyrik, »Werther« und des Aufsatzes »die Natur« 1780. 

Armin Seidl: Goethe und die Religion. IL Weimar bis 
1786. (Bayreuther Blätter. 15. Jahrgang. 5. Stück. S. 163 — 169.) 

Max Koch : Die deutsche Literatur und die französische 
Revolution. Deutsches Wochenblatt Nr. 5, 6. S. 56 ff., 69 ff. 
Behandelt ausführlich auch Goethe. 

Prof. Gerlach: Goethe als Sozialpolitiker. Ein Beitrag 
zur Beurtheilung der sozialen Frage. Dessau, Rieh. Kahle. 

33 SS. 

Goethes leitender Gedanke in den »Wanderjahren«: nicht durch 
Satire und freie Concurrenz, sondern durch Wiederbelebung der Moral 
sei das Elend des Volks zu heilen. 

Aug. Mühlhausen: Goethe ein Sozialist? Leipzig, O. 
Wigand. 30 SS. 



3 so Bibliographie. 



F. NOTIZEN VON ZEITGENOSSEN ÜBER GOETHE. 

1891. 

Georg Hirzel: Briefe von E. M. Arndt an G. A. Reimer 
aus d. J. 1804 — 1842. (Allg. Zeitg. Beil. 290 ff. 11. Dez. ff.) 

Köln 2. Aug. 181 5: »Als Eichhorn hier war, kamen auch Goethe 
und unser Stein und machten es hier sehr lebendig.« 

Jahrbuch der Grill parzer-Gesellschaft. Erster Jahrgang 

1890. Mit Grillparzers Portrait. Wien, C. Konegen. XXXIX 

und 419 SS. 

Enthält Briefe von und an Grillparzer, z. B. zwei rührende 
Schreiben von Ottilie von Goethe, S. 77—79, einen Brief Walthers 
von Goethe, S. 284 fg., 1862: über eine oappno- Aufführung in Weimar 
und des Grossherzogs Karl Alexander Anerkennung ; von aem Letztern 
zwei Briefe: 185 1 u. 1871. Über Goethe: eine Notiz Schreyvogels 181 7 
S. 172 fg.y ein Brief Müllners 18 17 (S. 186), in welchem er von »Goethes 
literarischem Tode« spricht, Böttigers (1818, S. 188) »Wer sieht Goethes 
hohe Leistung (Iphigenie) jetzt an?« Von Grillparzer (1855 S. 281) 
»Goethe mag ein grösserer Dichter sein und ist es wohl auch, Schiller 
aber ist ein grösseres Besitzthum der Nation, die starke erhebende Ein- 
drücke braucht«. Am wichtigsten folgende Stelle über seinen Besuch 
in Weimar (An Katharina Fröhlich, 5. Okt. 1826) : »Der alte Goethe 
war von einer Liebenswürdigkeit, wie seine Umgebungen seit Jahren 
sich nicht erinnern ihn gesehen zu haben. Ich speiste bei ihm und 
musste eine zweite Einladung leider darum ablehnen, weil ich bereits 
versagt war. Er hat einen Maler (Schmeller) bei sich, der ihm die 
Menschen, die ihn vorzüglich interessiren, zeichnen muss, mir wieder- 
fuhr eine gleiche Ehre. Xeider habe ich ihn zum Danke für all die 
Güte tüchtig ennuyirt, denn mich befiel jedesmal eine solche Rührung, 
wenn ich ihn sah, dass ich beinahe meiner nicht Herr war und alle 
Mühe hatte, nicht in Thränen auszubrechen. Einmal geschah es auch 
trotz alles Widerstrebens, als mich der alte Mann an der Hand fasste, 
ins Esszimmer führte und mit einem herzlichen Drucke an seine Seite 
hinsetzte. Die Wirkung, die er auf mich hervorbrachte, war halb wie 
ein Vater halb wie ein König«. 

Karl von Hases Leben. 2. Abtheilung. Annalen meines 

Lebens von Karl Alfred von Hase. (K. v. Hases Werke, 

Band XI, 2. Halbband.) Leipzig, Breitkopf & Härtel. VIII 

u. 356 SS. 

S. 4. Besuch bei Goethe 22. Aug. 1830. Schilderung des Hauses, 
des Zimmers, der Persönlichkeit. »Der Anfang ziemlich ministeriell, über 
das, was Jena mir biete und von mir erwarte. Dann ein Abschweif, 
der etwas Goethisch klang, von dem Ineinandergreifen und gegenseitigen 
Fördern geistiger Kräfte, dadurch man allein der unendlichen Aufgabe 
des Lebens näher rücke, wenn auch nimmer zu Ende komme .... 
Die Frage nach der Ludovisischen Juno (der im Zimmer stehenden 
Colossalbüste) und die Antwort, dass sie es sei, führte uns dann end- 
lich nach Italien hinein und ich konnte ihm erzählen, wie ich zumal 
in Girgenti als ein zweiter Nachfahrer sein Andenken mit einem Freunde 
gefeiert hatte, nach welchem er sich dann auch weiter erkundigte.« 
S. III (1854) Besuch des Grabes von August von Goethe. Wieder- 
holt ferner S. 15-17 den G.-J. XII, 138, 308, Biedermann VIII, 141 
erwähnten Besuch bei Goethe (1832) und die Beschreibung der Aus- 



Bibliographie. 35^ 



Stellung seiner Leiche. Mehrfach Erwähnungen von Leetüre Goethischer 
Schriften. —• S. 342 (17. Okt. 1886) erster Besuch der Goethischen 
Sammlungen mit Hinweis auf das vor 56 Jahren zuerst erfolgte Be- 
treten dieser Stätte. 

Heinrich Funck: Briefe Herders an Lavater. (Beil. z. 

Allg. Zeitg. 264, 265. II. Nov.) 

Die schöne Äusserung über Goethe (13. Okt. 1776) war schon 
von Haym mitgetheilt. Aus dem Briefe (den Lav. i^. Aug. 1773 erhielt) 
ist eine längere Stelle .für die Autorenfrage der Frankfurter gel. Anz. 
ungemein wichtig. (Über Michaelis und Semler vgl. die Zeugnisse 
und Vermuthungen in Scherers Einleitung S. XXXVIII fg., LIX, LXIII fg.) 

Der Briefwechsel der Brtlder J. Georg Mtlller und Joh. 
Mtiller 1789 — 1809. Herausgegeben von Eduard Haug. Erster 
Halbband 1789—99. Frauenfeld, J. Huber XII, 218 u. 57 SS. 

Die letzten 57 Seiten enthalten die Briefe Joh. v. Müllers, soweit 
sie bisher ungedruckt waren, und Anmerkungen zu den Briefen J. G. 
Müllers. — Sehr Vieles über Herder; gelegentlich über Weimar über- 
haupt, Einzelnes über Goethe. J. G. Müller schreibt 26. Nov. 1796 
»Wegen Goethes Xenien bin ich ganz Deiner Meinung. Wir wollen 
nie so etwas machen, lieber Bruder, w^enn wirs auch können. Wir 
sind berufen aufzubauen, nicht zu zerstören«. 

Louis Bob^: Ernst und Charlotte Schimmelmann in ihrem 
Verhältniss zu Schiller. (Nation. 8. Jahrg. No. 37. S. 575 — 578.) 

Nach ungedruckten Quellen. Theilt aus einem Briefe der Gräfin 
Schimmelmann an Louise Stolberg (die Gattin Christians) 17. Dez. 1796 
folgende sehr merkwürdige Stelle mit: »Schiller hat mir einen reizenden 
Brief geschrieben, mich herzlich dankend für meinen Tadel. Wenn 
Goethe wirklich so ist, wie er ihn schildert, muss man diese Verbindung, 
wovon er und ohne Zweifel auch Goethe so grosse Erwartungen hegt, 
verzeihen. Er verspricht mir indessen, dass es das erste und letzte 
Mal sein wird, dass wir sie so verbündet sehen werden. »Solche 
Waffen braucht man nur einmal, um sie dann auf immer niederzulegen«. 
Das sind seine Worte. Er behauptet, sie seien dazu gereizt worden 
und müssten daher einmal für alle wider ihre Gegner zu Felde ziehen. 
Sein Brief ist im zartesten Ton, voller Freundschaft für uns geschrieben, 
voll Dankes für unseren Rath und meine aufrichtige Sprache. Was 
Goethe betrifft, sagt er mir, dass dies Weib, welches die Mutter seines 
Sohnes ist, nur in dieser Eigenschaft in seinem Hause wohnt, dass sie 
für ihn wirthschafte und nicht zu seiner Gesellschaft gehöre, keinen 
Einfluss auf ihn habe und dass sein Sohn gut erzogen werde. Ein 
junger Edelmann von Stein, der vom 6. bis zum 19. Jahre von Goethe 
erzogen worden, ist nach den Zeugniss aller das Muster eines Jünglings 
»ein vortrefflicher Mensch«. Das sind die Gründe, die er für sich 
sprechen lässt; sie erklären Vieles, wenn sie auch nicht völlig überzeugen«. 

Aus Philipp Albert Stapfers Briefwechsel. Herausgegeben 
von Dr. Rudolf Luginbühl. 2 Bände. Basel, A. Geering. 
CXLIII u. 400, 522 SS. 

Enthält einige Bemerkungen über Goethe, Notizen über Albert 
Stapfers, des Sohnes, Faustübersetzung und dessen Goethes Theater 
gewidmeten Arbeit. Ferner die seltsame Stelle (I, 232 an Laharpe, 
3. Oct. 1808), »Leur (der Deutschen) litt^rature n'est peut-etre pas 
encore en d^cadence mais en d^lire. Goethe et les Schlegel d'un cöte, 
les Ultra-Kantiens d'un autre ont v^ritablement denaiure la langue et 



3 5 2 Bibliographie. 



fauss^ la direction des esprits. Ähnlich scharfe Worte gegen Deutsche 
finden sich öfter. 

Briefe Friedrich Leopolds Grafen zu Stolberg und der 
Seinigen an Johann Heinrich Voss. Nach den Originalen der 
MUnchener Hof- und Staatsbibliothek mit Einleitung, Beilagen 
und Anmerkungen von Otto Hellinghaus. Münster i. W., 
Aschendorff. LV u. 524 SS. 

Von S. 305 an reichhaltige Anmerkungen. Die Briefe waren 
schon früher benutzt, gedruckt die aus den Jahren 1775 und 1786/87, 
die daher hier unerwähnt bleiben. S. 5 (1773) Voss' Ode auf Goethe 
gelobt. S. 25 Enthusiasmus über »Werther« (1774). S. 106 fg. Warm 
gehaltene Characteristik Goethes (Weimar 1784). Mittheilungen über 
seine Arbeiten; »Goethe, der die Wahrheit selber ist«. S. 173 Goethe 
als Verehrer Lavaters (1787). 

Dr. Linckelmann : Aus dem Briefwechsel des Leibmedicus 
J. G. Zimmermann in Hannover. (Beil. z. AUg. Zeitg. No. 128. 
5. Juni.) 

Theilt nach den in seinem Besitz befindlichen Originalen den 
(Bd. XIII S. 118 ff. wiederholten) Brief der Frau Rath, einen Brief Wie- 
lands und zwei Billete Herders mit. Die letzteren noch aus Bückeburg, 
aber nach der erhaltenen und angenommenen Berufung nach Weimar 
geschrieben, melden nichts von Goethe, der Brief Wielands (22. Juli 
1776) enthält folgende hübsche Stelle : »En passant, et semel pro semper : 
Sie kennen mich und Göthen, und die Höfe, und die Höflinge, und die 
dethronisfrten Hofmeisters, und die Menschen überhaupt. Also glauben 
Sie nicht leicht wenn Sie was absurdes und schlechtes von Weimar 
hören. Ich bin zwar blosser Spectator von allem was passirt : aber Sie 
können mir glauben, es geht so gut als möglich«. 

1892. 

K. Th. Gaedertz: Aus Frauenbriefen über Goethe und 
seinen Freundeskreis. (Die Gegenwart. No. 2. S. 5'— 7.) 

Auszüge aus Briefen der Johanna Frommann an Fritz Bohn 
1810— 1814. - 

Römische Tagebtlcher von Ferdinand Gregorovius. Heraus- 
gegeben von Friedrich Althaus. Stuttgart, J. G. Cottasche 
Buchhandlung Nachf. XXVI u. 624 SS. 

S. 23 (1853). »Ich war beim Enkel Goethes, der hier Legationsrath 
ist. Er ist im Gespräch gar nicht so verschroben, wie es seine ganz 
unglaublichen Gedichte sind. Aber auf seiner Stirn steht der Vers 
seines Grossvaters: Weh dir, dass du ein Enkel bist«. S. 309 (1865). 
»Am 28. sah ich Clavigo im Residenztheater zu Goethes Geburtstage, 
bei fast .völlig leerem Hause. Das Stück ist quälend«. S. 339 
(1866). Äusserung über den 2. Theil des Faust. — S. 409 (1868). 
»Der Maler Nerli, der schon 30 Jahre in Venedig lebt, erzählte mir vom 
Tode des Sohnes Goethes in Rom, den er gepflegt hatte« . 

Briefe von Wilhelm v. Humboldt an Friedrich Heinrich 

Jacobi nebst einem Anhang: Briefe Humboldts an Schlabren- 

dorf. Herausgegeben und erläutert von Albert Leitzmann. 

Halle a. S., M. Niemeyer. Vin u. 142 SS. 

Einzelnes über Goethe. Besonders wichtig die merkwürdige Stelle 
(21. Nov. 1808): »Mit dem Kaiser Napoleon liat er eine lange Unter- 



Bibliographie. 353 



redung gehabt über seinen Werther und das französische Theater. Über den 
ersteren, versichert er, habe der Kaiser sehr wahre, frappante und ihm 
sonst nie vorgekommene Bemerkungen gemacht; das letztere kenne er bis 
zur Bewunderung genau und habe alle historischen und poetischen Motive 
der bekanntesten Stücke bis in ein ungeheures Detail hinein verfolgt«. 

von Lyncker : Aus Weimars Vergangenheit. (Allgemeine 
Konservative Monatsschrift für das christliche Deutschland. 
49. Jahrgang. September.) 

Ungedruckte Berichte des Obersten von Lyncker (1840) an den 
Grossherzog Carl Alexander über die Herzogin Amalia und den Herzog 
Carl August; in dem sehr ausführlichen Bericht über letzteren viele 
Mittheilungen über den Goethischen Kreis. L. F. 

Aus dem Goethehause. Briefe Friedr. Wilh. Riemers an 
die Familie Frommann in Jena 1803 — 1824. Nach den Ori- 
ginalen herausgegeben von Dr. Ferdinandlleitmüller. Mit einem 
Bildniss Riemers. Stuttgart, J. G. Cotta Naclif. VIII u. 356 SS. 

S. I — H- Zur Einführung. Von S. 281 an: Anmerkungen. Von 

5. 339: Nacnträgliches zu den Briefen; Mittheilungen über die Aus- 
lassungen, Adressen etc. Von S. 3 5 1 an : Register. — Die Briefe, deren 
Text den übrigen Inhalt des Buchs ausmachen, ergänzen in willkom- 
mener Weise, wiederholen aber leider auch die G.-J. XIII, 131 — 141 
gegebenen Mittheilungen. Diese haben für die allmähliche Ent- 
stdiung Goethischer Werke, für manche Ereignisse von Goethes Leben, 
namentlich für das Weimarer Treiben und Kiemers Beziehungen zu 
Goethe grossen Werth, bringen aber viel Bekanntes und lassen den 
Character des Schreibers nicht im besten Licht erscheinen. 

Aus meinem Leben von Anton Springer. Mit Beiträgen 
von Gustav Freytag und Hubert Janitschek und mit zwei 
Bildnissen. Berlin, G. Grote. X u. 387 SS. 

S. 28. Erste Kenntniss Goethes 1841 (Spr. war 1825 geboren). 
»Goethes Namen war bisher ein leerer Schall für mich geblieben . . . 
ich glaube nicht, dass man damals in den Privatbibliotheken Prags mehr 
als zwei Dutzend Exemplare seiner Werke zusammengebracht hätte«. 

Th. A. Fischer: Drei Studien zur englischen Literatur- 
geschichte. Gotha, Friedrich Andreas Perthes. VII u. 177 SS. 

Die zweite dieser »Drei Studien« betitelt sich: »Erinnerungen 
eines Jenenser Studenten. Aus dem Tagebuch eines Engländers« 
(S. 47 — 105). Es sind mit verbindendem Text versehene deutsche Auszüge 
aus dem englisch geschriebenen Tagebuche des bekannten Schriftstellers 
Henry Crabb Robinson (1775— 1867), namentlich aus der Zeit seines 
Aufenthaltes zu Jena und Weimar und seines Verkehrs mit Goethe. L. F. 

Adolf Stern : Aus Goethes Todesjahr. Drei Briefe von 
Friedrich Rochlitz. (Grenzboten. 51. Jahrg. No. 40. S. 164—174.) 

Drei Briefe an seine Frau 10—14., 17. 22. Aug. 1832. Sie geben 
einen sehr guten Einblick in die Weimarer Verhältnisse unmittelbar 
nach Goethes Tode, enthalten eine interessante Characteristik Ottiliens 
und einige (ziemlich unklare) Andeutungen über die Ordnung von 
Goethes Papieren und Hinterlassenschaft. Es scheint, als wenn Rochlitz 
für sich oder im Auftrage die Sammlungen zu kaufen die Absicht hatte. 

Arthur Schopenhauers Werke hgg. von Ed. Grisebach. 

6. Band. Leipzig, Reclam. 450 SS. 

Enthält als Beilagen zu Schopenhauers Leben dessen Briefwechsel mit 
Goethe und die Abhandlung »Gutachten über das Goethesche Monument«. 

Goethe-Jahrbuch XIV. 2y 



354 Bibliographie. 



III. Verschiedenes. 

A. BILDER, STATUEN U. S. W. 

1891. 

C. Aldenhoven : Eugene Delacroix. Zur Feier des Winckel- 
mannstages. (Berichte des freien deutschen Hochstiftes. N. F. 

Bd. VII. H. 2. S. 59*-67*.) 

Behandelt auch das Verhältniss Goethes zu Delacroix. — Dem 
Abdruck des Vortrags ist das Bild Goethes von Delacroix beigefügt. 
Dies ist eine Zeichnung nach J. J. Schmellers Gemälde (1826/27) 
»Goethe in der Laube« im Besitz des Hochstiftes. 

Karl Heinemann : Das Goethesche Familienbild von See- 
katz. (Zeitschrift für bildende Kunst. N. F. III, 3.) 

Mit phototypischer Abbildung und bezüglichen Mittheilungen aus 
Briefen. 

K. J. Schröer: Goethes äussere Erscheinung und Goethes 
Standbilder. (Die Nation. No. 42. 18. Juli. S. 645—647.) 

Wünscht einen stehenden Goethe und die Darstellung des männ- 
lich-schönen Dichters von etwa vierzig Jahren. 

Anton Bettelheim: Ein Goethe-Denkmal in Strassburg. 
(Nation. No. 43. 25. Juli. S. 669.) 

Regt an, in und vor dem Strassburger Universitätsgebäude eine 
Statue Goethes als jugendlichen Strassburger Studenten zu errichten. 

Albert Ilg: Vom Wiener Goethe-Denkmal. (Frankfurter 
Zeitung No. 281. Erstes Morgenblatt.) 

Im Fairmount Park in Philadelphia ist am »Decorations« - 
Tage die vom dortigen Bildhauer Hy. Manger angefertigte, 
überlebensgrosse Statue Goethes, ein Seitenstück zu dem vor 
mehreren Jahren errichteten, von demselben Künstler ge- 
schaffenen Schillerdenkmal, festlich enthüllt und als Geschenk 
der Philadelphiaer Deutschen der Stadt bezw. der Park- 
kommission übergeben worden. 

Ansichten von Berlin. Originalaufn. und Verlag von 
Dr. E. Mertens & Cie. in Berlin. (Form. 36 : 50 cm.) 

No. 4: Das Goethe- Denkmal. 

Otto Rau: Aus dem Berliner Thiergarten. 20 photogr. 
Studienblätter. Berlin, R. Oppenheim. 
No. I : Beim Goethe-Denkmal. 

Ad. Wilhelm: Zu H. Leutholds Biographie. (Gegen- 
wart 39. No. 15. S. 233 f.) 

Darin Mittheilungen über H. Leuthold und die Goethefeier in 
Klausen. L. F. 

Ludwig Blume : Goethe-Gedenkstätten in Italien. (Chronik 
des Wiener Goethe-Vereins. No. 2. S. 9.) 

Die sog. Goethe-Kneipe in Rom befindet sich auf der Piazza 
Montanara ; jetzt ist ein Milcngeschäft dort ; die von Ludwig I. errichtete 
Gedenktafel ist intact. 



Bibliographie. 355 



G. Lehner: Theater-Decorationen, i. Abthlg. 3. Serie. 
Berlin, Hessling u. Spielmeyer. 

Enth. : Die Decorationen zu W. v. Goethes Faust. 14 Taf. mit 
illustr. Titelbl. und 3 Erklärungstafeln. 

1892. 

Internationale Ausstellung für Musik und Theaterwesen. 
Wien 1892. Fach-Katalog der Abtheilung für deutsches Drama 
und Theater. Wien. Im Selbst verlage der Ausstellungs-Kom- 
mission. XVI u. 550 SS. 

Verzeichnet von Goethe: Büsten, Statuette, Porträts, Scenenbild, 
Drucke, Illustrationen, Denkmünzen, Dekorationsentwürfe, Costüme, 
Costümentwürfe, Gartenhaus in Weimar und Jena, Wohnung am 
letzteren Orte, Reliquien. Unter den Handschriften waren Stammouch- 
inschriften, Theaterverordnungen, Or.-Handschriften von Egmont und 
Iphigenie, Scenen aus Faust (K. Bibl. Berlin), S. 257—270 die von 
Weimar gelieferte Goethe- Ausstellung. Von Handschriften ausser vielen 
Briefen und einzelnen Probe -Blättern die Orijginal-Handschriften von 
Götz, Iphigenia (letzte Fassung), Erwin und Elmire, Claudine v. Villa- 
Bella, Vermischte Gedichte (1787) u. A. 

Internationale Ausstellung für Musik- und Theaterwesen. 
Wien 1892. Abtheilung ftir Drama und Theater. Theaterge- 
schichtliche Ausstellung der Stadt Wien. (Herausgegeben von 
Dr. K. Glossy.) Verlag der Bibliothek und des historischen 

Museums der Stadt Wien. XIII u. 281 SS. 

Enthält auf Goethe Bezügliches Folgendes. S. 61: Theaterzettel 
des Theaters in der Leopoldstadt 1808, 23. Apr., erste Aufführung des 
»Götz V. Berlichingen, historisches Schauspiel mit Gesang in 4 Aufzügen 
nach Goethe« Bearbeitung von Ehrimfeid, die vollständig durchfiel. — 
S. 72: Costümbild K. F. Grüners als Götz in der von ihm veranstalteten 
Bearbeitung des Stücks, dessen erste Aufführung im Theater a. d. Wien 
18. März 1809 stattfand. — (S. 75 : F. Demmer, Federzeichnung als 
Eloi im »Hund des Aubry«.) 

Werther- Ausstellung im Goethe -Haus zu Frankfurt a. M. 
— Catalog der Ausstellung von Autographen, Schattenrissen, 
Bildnissen, Druckwerken und Illustrationen zu Goethes Leiden 
des jungen Werther aus der Autographen-Sammlung des Ober- 
hofmeister Freiherrn Hugo von Donop in Weimar nebst Er- 
gänzungen aus dem Archiv und der Bibliothek des Freien 
Deutschen Hochstiftes. Juli — October 1892. Frankfurt a. M., 
Druck von Gebr. Knauer. VI u. 42 SS. 

Die kurze Einführung ist von O. Heuer. Die reiche Sammlung 
(296 Nummern) ist eingetheilt: I: Die historischen Personen und ört- 
lichkeiten. IL Die Dichtung. Unter I. sind Bilder Goethes, der Mitglieder 
der Familien Buff und Kestner, Jerusalem, der Wetzlarer Tafelrunde, 
des Prof. Höpfner, von allen ausser Goethe auch Autographen, sowie 
Darstellungen der Örtlichkeiten, unter II. ächte Ausgaben und Nach- 
drucke des »Werther«, Übersetzungen, Wertheriana, Illustrationen zu- 
sammengestellt. 

Ein Goethebild, von einem Mitgliede der englischen 
Ktlnstlerfamilie Collins gemalt, Ölbild im Besitze des Herrn 

23* 



35^ Bibliographie. 



Albert Holz in Breslau, das den Dichter ungefähr im 6S, 
Lebensjahr darstellt, ist dem 8. Band des Jahresber. d. Fr. 
D. Höchst. Heft 2 beigegeben. 

O. Donner von Richter und O. Heuer: Das Goethebild 
von Collins. (Berichte des Freien D. Höchst. N. F. Bd. IX. 
S. 20—30.) 

Der erstere behauptet das von Herrn A. Holz dem Hochstift ge- 
schenkte Bild sei keine Copie nach Jagemann, sondern ein selbständiges 
Bild; der letztere hält es für ein »Combiijationsbild«. 

Ernst Lenbach: Goethes Denkmal zu Berlin. Gedicht. 
Mit Bild. (Velhagen u. Klasing, Monatshefte. H. 9.) 

Goethe und Wetzlar. (Frankfurter Journal. No. 606. Vor- 
mittagsblatt.) 

Enthält die Beschreibung der Werther - Ausstellung im Freien 
Deutschen Hochstift. 

Ameisen-Kalender f. 1893. Leipzig, F. Geissler. 
Enthält das in Farbenton gedruckte Bild: Spaziergang vor dem 
Thore (Goethes Faust) nach der Skizze von O. Schwerdgeburth. 

Goethes Gartenhaus in Weimar. Original-Radirung von 
Bernhard Manfeld. (Bildgrösse 39 : 55» Papiergrösse 65 : 85 
Centimeter.) Charlottenburg, B. Manfeld. 

C. Th. Reiffenstein : Bilder zu Goethes Dichtung u. Wahr- 
heit. 4. Aufl. Frankfurt a. M., H. Keller, fol. 16 SS. u. 12 
Bl. Text m. 13 Heliograv. geb. in Callico m. Goldschn. 

Faustabend. (Sondershausen, Reg.- und Nachrichtenblatt. 

No. 143.) 

Bericht über einen Vortrag des Oberlehrers Machold über Goethes 
Faust (26. Nov.), der durch Darbietung vieler Goethischer Lieder unter- 
brochen wurde. 

Die »Zwickauer Nachrichten« vom 30. Aug. enthalten 
einen ausführlichen Bericht über die Feier des 28. Aug. in 
Zwickau. (Aufführung der »Iphigenie« mit einem Vorspiele 
und lebenden Bildern.) 

Staatsanzeiger für Württemberg, 31. Aug. 

Anbringung einer Tafel an dem Hause des Buchhändlers Rapp 
mit der Inschrift: »Hier weihen bei G. H. Rapp 1761— 1832 Schiller 
1793 — 94 Goethe 1797.« 

Ludwig Fränkel: Friedrich Zar nckes Goethe-Sammlungen. 
(Leipziger Zeitung. No. 142 (22. Juni), erste Beilage.) 

Dies ist der einzige authentische Bericht über Friedrich Zarnckes 
Sammeln der Goetheana und seine Ergebnisse, erstattet von einem bei 
seinen Lebzeiten eng Betheiligten. Der Verf. ist mit der Abfassung 
der Lebensskizze Zarnckes für die »Allgemeine Deutsche Biographie« 
beauftragt und wäre für bezügliche Beiträge dankbar. 

Über Land und Meer. (Band 68. No. 52.) 
Huldiffungsnummer, fast ganz angefüllt mit Bildern und Artikeln : 

Alt- und Neu-Weimar, Herzogin Anna Amalia betr., Text von Joseph 

Kürschner und S—W. 



Bibliographie. 357 



B. DICHTUNGEN ÜBER GOETHE, PARODIEEN, 
COMPOSITIONEN, NACHDICHTUNGEN GOETHESCHER 

WERKE. 

1891. 

Ernst Pasqud: Zwei Johann isnächte. Phantasien auf dem 
Strassburger Münster. Ein Buhnenspiel in 2 Abtheilungen, mit 
Musik und bildlichen Darstellungen. I. Abtheilung: i. Nacht, 
1439. II. Abtheilung: 2. Nacht, 177 1. Ausgabe für den Bühnen- 
gebrauch. Darmstadt, Neue Hess. Volksblätter. 43 SS. 

Die »2. Nacht« behandelt eine Vision, die Goethe in der Johannis- 
nacht 1771 auf der Plattform des Strassburger Münster gehabt hat: 
die Handlung des Faust erscheint ihm, als er beim Einmeissein seines 
Namens eingeschlafen ist. 

Harmlose Geschichten. Erinnerungen eines alten Weimar- 
aners. Von Julius Schwabe. Frankfurt a. M., Moritz Diester- 
weg. IV u. 215 SS. 

Enthält auch Manches über Weimarer Theater und Goethes 
Wirksamkeit; novellistisch gefärbte Reminiscenzen. 

Heinrich Bellermanns musikalische Compositionen, soweit 
dieselben bis April 1891 im Druck erschienen sind. Berlin, 
Druck von M. Driesner. 4 SS. 

Verzeichnet als Op. i (1852) Compositionen von »Was zieht 
mir das Herz so«, »Lieb um Liebe, Stund um Stunde«. Op. 5: 
»Wenn die Reben wieder blühen«. Op. 10: »Ach wer bringt die 
schönen Tage«, »Der du von dem Himmel bist«. Op. 18: »Was 
bedeutet die Bewegung«. Op. 19: »Wanderers Nachtlied«. Op. 20: 
»Gesang der Geister über den Wassern«. Op. 31: »Zigeunerlied«, 
»Gefunden« , »Heidenröslein« , »Meeresstille und glückliche Fahrt«. 
Op, 41 : »Und frische Nahrung neues Blut«. 

A. Grtindler: Drei Lieder aus Goethes Leben. (Neue 
Musikzeitung. No. 2.) 

C. Loewe: Collection of celebrated German Songs and 

Ballads with English and German words. Berlin, Schlesinger. 

Op. I, No. 3: The Erl King. Op. 43, No. i: The Fisherman. 

Hans Harthan : Vier Lieder ftlr gemischten Chor. Breslau, 
J. Hainauer. 

Darunter: Heidenröslein (Goethe). 

Fr. Schubert: Heidenröslein. Lieblingsstücke für Zither- 
spieler. No. 37. Leipzig, Emil Grude. 

August Bungert;. Op. 14. Torquato Tasso von W. von 
Goethe. Symphonie-Ouvertüre für grosses Orchester. Klavier- 
ausgabe zu 4 Händen, arrangirt von A. Blomberg. Berlin, 
F. Luckhardt. 

Gedichte von Goethe, für Singstimme und Klavier com- 
ponirt von Hugo Wolf. Wien, Lacom. 

Enthält 51 Dichtungen Goethes. Näheres darüber in der »Chronik 
des Wiener Goethe-Verems« No. 4. S. 16 fg. (Bericht von A. Höfler.) 



3 5^ BmUOGRAFBIE. 

Fr. Gumbert: Transcriptionen für Hom mit Begleitung 
des Pianoforte. Heft 38. Leipzig, Rob. Forberg. 

Enth. u. A. : Kuhlau, Fr., »Cbcr allen Wq>feln ist Roh«. 

Nicolai v. W'ilm : Drei Lieder für eine mittlere Singstimme 
mit Pianofortebegleitung. Leipzig, O, Forberg. 
Op. 96, No. I : Der König in Thule, von Goethe. 
Nlkrzenluft und Maienklänge. Ausgewählte Gedichte und 
Gedanken von Hans Gerdenitsch. Zürich, Verlagsmagazin. 
Zur Probe, wieweit die geschmacklose Cberhd)img junger Dichter- 
linge geht, sei folgendes Verslein über »Iphigenie« mit^etheilt: 
Von Handlung nicht viel, doch recht viel \^orte. 
Ein griechisches Drama von schlechtester Sorte, 
Hellenische Körper mit christlichen Seelen — 
Bei Düntzer nur kanns nicht den Eindruck verfehlen. 

Maximilian Kraemer: Ein Osterspaziergang L'nter den 
Linden. Frei nach Goethe. (Berliner Tageblatt, No. 159.) 

Witzige Schilderung politischer Zustände und socialer Missstände 
der Kaiserstadt mit wörtBcner Benutzung Goethischer Stellen. 

Fastnachtsbuhne. Neue Volksausgabe der Classiker. Berlin, 
L. Lesser. 23 SS. 

No. 9. Goethe-Zitate, parodirt in lebenden Bildern v. N. J. Anders. 

Franz Wichmann: Goethe und Schiller. (Das humo- 
ristische Deutschland, hg. v. J.Stettenheim. VLB. 11 H. S. 19-25.) 

Niedliche Geschichte von den Büsten der beiden Heroen, die, 
einem literarischen Verein gehörig, in den Keller verbannt, nach mannig- 
fachen Schicksalen einem jungen Schreiner geschenkt werden und 
dessen Glückseligkeit ausmachen. 

G. Burwig : Der Erlkönig. Musikalisch - parodistisch- 
illustrirt für Declamation, mittlere Stimme und Piano. Ham- 
burg, Hugo Thieme. 

Der militärische Faust von Famulus Wagner. Illustrirt 
mit 27 Bildern von O. Eleg. cart. Berlin, Lithogr. Institut. 

1892. 

Friedrich Stoltze : Gesamm. Werke. Neue Ausgabe. Frank- 
furt a. M., H. Keller. 

Bd. II. Goethe. (S. 163 — 64.) Bd. III. Beitrag zur Goethe-Literatur. 
(S. 307—15.) Bd. IV. Zu Goethes loojähr. Geburtstag. (S. 316—22.) 

Gedicht F. Bodenstedts im Cottaschen und E. O. Bier- 
baums im Münchener Musenalmanach. 

Konrad Telmann : Die Blätter fallen. Novellette. (Wester- 

manns Monatshefte. 36. Jahrg. No. 425. S. 660—670.) 

Schilderung der klassischen Stätten Weimars (Goethehaus, Fürsten- 
gruft, Park) und des Eindrucks, den diese auf zwei stolze irrende 
Menschenkinder machen. 

E. Henle : Aus Goethes lustigen Tagen. Orig. -Lustspiel. 
Leipzig, Reclam. 79 SS. 

Hugo Wolf: Goethes Gedichte für eine Singstimme und 
Klavier. 12 Hefte. Mainz, Schott. 



Bibliographie. 359 



Hugo Wolf: Ausgewählte Gedichte von Goethe für eine 
Singstimme u. Pianof. Einzel-Ausgabe. Mainz, Schott. 

No. II Der Rattenfänger. No. 24. 25. Blumengruss. Gleich u. 
Gleich. No. 29. Anakreons Grab. 

Hugo Wolf: Sechs Gedichte von Scheffel, Mörike, Goethe 
und Just. Kerner für eine Singstimme u. Klavier. Mainz, Schott. 

I. Wächterlied auf der Wartburg. 2. Der König bei der Krönung. 
3. Biterolf. 4. Beherzigung. 5. Wanderers Nachtlied. 6. Zur Ruh! 

Carl Goldmark : Op. 37. Acht Lieder für eine Singstimme 
mit Begleit, d. Pianoforte. Leipzig, B. Senff. 

No. 5. Mailied: »Zwischen Weizen und Korn« von Goethe. 

F. Schneeberger : Op. 49. Erlkönig. Für eine Singstimme 
oder Chor. Biel, F. Schneeberger. 

Reinhold Becker : Duette f. Sopr. u. Tenor mit Begl. des 
Pianoforte. Op. 64 No. 2 : Leipzig, C. A. Klemm. 
Goethe, Es rauschet das Wasser. 

Melodramatische Erläuterungen classischer Gedichte. No. i. 
R. Thiele, Erlkönig. Berlin, Eduard Bloch. 

F. Poenitz: Op. 28. Der Fischer. Ballade f. Sopran od. 
Tenor m. Harfe. Berlin, F. Simon. 

P. Frommer : Wandrers Nachtlied f. eine mittlere Stimme 
m. Pianof. Berlin, H. Weinholtz. 

G. Donizetti: Cavatine aus: Torquato Tasso f. Cornet u. 
Piston. Solo mit Orchester, arr. von F. Hartmann. Berlin, 
S. Philipp u. Sohn. 

Goethe u. Charlotte v. Stein. AchtLieder. London, A. Siegle. 

Ein Anonymus hat hier versucht, die seines Erachtens im Ge- 
dankenaustausch zwischen Goethe und Frau von Stein klaffende Lücke 
zuzudichten. Äusserst schwächliche romantische Erzeugnisse. (Treffende 
Characteristik durch Ad. Brieger in d. Blatt, f. lit. Unterhaltung 1892, 
S. 535.) L. F. 

S. Fixer : Der Börsenfaust. Dramat. Dichtung. Freiburg, 
Fr. Wagner. 90 SS. 

Maxstatts Humoristisch - musikalische Vorträge. No. i. 
Faust. Leipzig, Franz Dietrich. 

Doctor Faust oder die Fahrt zur Hölle, von Doctor 
Hokus. Dresden, Fr. Tittel Nachf. 40 SS. 



C. GOETHE - NATIONAL-MUSEUM. 

f C. Ruland : Joh. Gottfried Schadows Goethe-Maske im 
Goethe-National -Museum zu Weimar. Mit Abbildung nach 
einer photographischen Aufnahme von L. Held in Weimar. 
(Illustr. Zeitg. No. 2495 (25. April 1891) S. 443.) 



I. Personen-Register. 

Die hinter den cursiv gedruckten Namen stehenden Zahlen geben die 

Seiten an, auf denen Abhandlungen oder Mittheilungen der Betreffenden 

gedruckt sind. Ein (r.) hinter der Seitenzahl eines Briefes bedeutet, dass 

von dem Briefe nur ein Regest gegeben ist. 



Abraham a Sta Clara, 292. 
Ackermann, Theodor 294. 
Alas, D. Leopoldo 325. 
Aldenhoven, 354. 
Alford, R. G. 325. 
Altmüller, Hans 326. 
Althaus, Friedrich 352. 
d' Alton, Prof. 157. 
Anaxagoras, 226. 
Anders, N. J. 358. 
Andräe, 10. 
Anfossi, 313. 

Angelus Silesius, 62. 129 fg. 
d'Angevillers, 164. 
Anhalt-Dessau, Leopold von 135. 
Anschütz, R. 330. 
Apel, Kunstkämmerer 13. 
Arendt, 236. 
Arndt, E. M. 242. 350. 
Arndt, Wilhelm 311. 
Arndt, Wilhelm 310. 
Arens, Johann August 7. 19. 
Aristoteles, 212 ig. 224. 
Arnason, Jon 295. 
Arnheim, FrÜT^ 280. 
Arnheim, Fritz 282. 
Arnim, Achim v. 122. 132. 235. 
273. 296. 338. 344 fg. Brief an? 

Arnim, Bettina, s. Brentano. 
Arnold, Schauspieler 248. 
Arnold, M., Schauspielerin 248. 
Äschylos, 229. 232. 
Auerbach, Berthold 330. 
Augustus, 326. 
Aulard, 282. 

Aulhorn, Johann Adam 20. 
Avenarius, Ferdinand 334. 



Bächtold, 312. 

Bädeker, K. 160. 279. 

Baldauf, 13. 

Banks, 294. 

Bar, von 208. 

Barewicz, 326. 330. 

Barine, 342 fg. 

Baroccio, 347. 

Bartsch, 289. 

Batacchi, Domenico 303 fg. 

Batsch, Prof. 9. 12 fg. 23. 320. 

Batty, Georg 25. 

Baudissin, Gräfin 205. 

Bäuerle, Adolf 247. 

Bayern, König Ludwig L von 72. 

137. 311. 322.354. 
Bechstein, 327. 347. 
Beck, 112. 
Becker, R. 359. 
Beethoven, Ludwig 39. 61. 128. 

343- 
Behr, Friedrich 289. 

Behrens, F. W. 349. 

Beireis, 319. 

Bellermann, 357. 

Bellomo, 20. 

Benedix, 133. 

Benfey, 301. 337. 

Ben Jonson, 326. 

Benoit, Camille 341. 

Berg, Frau von 59. 109. 126. 

Bernard, 207. 

Bernays, Michael 131. 135. 303. 

325 %• 
Bernhardt, Wilhelm 341. 

Bernstorff, Christian, Grat v. 96. 

Bernstorff, Ch. B., Graf v. 96. 

Bertuch, Legationsrath 14 fg. 21 fg. 



Personen-Register. 



361 



Beschert, Schauspieler 67. 
Beskow, Bernhard v. 280. 
Beskow, Frau d. Vor. 280. 
Besser, 136. 

Bethmann, Frau 43 ff. 118. 
Bettelheim, Anton 354. 
Bettel oni, 338. 

Beyme, i39%- 

Biedermann^ fr. von 282 ff. 317 ff. 

Biedermann, W. v., 22. 90. 113. 

129. 134. 136. 176. 179 fg. 184. 

188. 190 (g. 211. 226. 23 s %. 

239. 241. 310. 326. 342.^50. 
Bielschowsky, A. 332. 336. 339. 

343- 
Bierbaum, E. O. 358. 

Biese, Alfred 296. 327. 349. 

Biester, 207. 

Bippen, W. von 322. 

Blacho, Schauspieler 276. 

Blanchet, abb^ 222. 

Blau, Eduard 308. 

Bloch, Agent 133. 

Blomberg, A. 357. 

Blücher, 68. 

Blum, Dr. 133. 

Blume, Ludwig 336 fg. '354. 

Blümner, H. 330. 

Boas, 200. 

Bob6, 351. 

Boccaccio, 302. 330. 

Bock, Alfred 334. 

Bode, A. 15. 22. 318. 

Bode, Julius 333. 

Bodenstedt, Fr. 358. 

Bodmer, 211. 

Böhme, Stallmeister 20. 

Bohn, Fritz 352. 

Boisser^e, Sulpiz 157 fg. 169. 283. 

Bojanowsky, 304. 

Bonaparte s. Napoleon. 

Bondra, Schauspielerin 276. 

Bonstetten, 284. 

Bopp, 75. 

Borch, Frau v. d. 323. 

Borkenhagen, 210. 

Börne, Ludwig 104. 

Bornhak, F. 160. 343. 

Böttiger, Carl August 15. 21 fg. 

99. 170. 303. 320. 350. 

Boxberger, 293. 

Boyen, 241. 

Brachvogel, 108. 

Bradi, Frl. 30. 106. 

Braitmaier, 327 fg. 

Branconi, Frau von 109. 



Brandes, Georg 326. 340. 

Braune, 269. 

Braunschweig, Herzog von, 109. 

— Prinz Friedrich August von, 109. 

— Pinz Friedrich Wilhelm von, 3 3 
Q) 109. 

Breislak, 320. 

Brentano, Bettina 122. 323. 343 fg. 

Brentano, Clemens 235. 273. 296. 
330. 338. 343. 

Bretschneider, Heinrich Gottfried 
von 339. 

Brieger, 359. 

Brinckmann, G. von (Selmar) 28. 
30. 32. 105. 107. loj. 131. 

Brinken, Johann Heinrich von, 20. 

Brion, Friederike 194. 340. 343. 

Bristol, Lord, Bischof von Derry, 
33. 109. 

Brizzi, 39. 

Brochi, 39. 

Brockmann, R. W. 163. 

Broglie, Herzog von, 282. 

Brown, 318. 

Brucker, 233. 

Brüggeman, Otto 338. 

Brüll, Adolf 341. 

Brustfleck, Kilian 303. 

Buch, Leopold von 76. 

Buchheim, C. A. 331. 

Buchholz, Wilhelm Heinrich Se- 
bastian 12. 15. 23. 

Buder, Christian Gottlieb 22. 

Buderische Bibliothek, 11. 

Buff, Familie 355. 

Buff, Georg 152. 

Buff, Lotte, s. Kestner, Charlotte. 

Buffon, 222. 

Buggelius, 291. 

Bulthaupt, H. 169. 329. 342. 

Bungert, August 357. 

Bürger, G. A. 302. 328. 337. 

Burkhardt, C. A. H. 20. 123. 327. 

343- ^ 
Burwig, G. 358. 

Bury, 318. 

de Bury, Blaze, H. 343. 

Bütner, Wolfgang 289 fg. 

Büttner, ChristianWilhelm 10,21 t'g. 

Büttnerische Bibliothek, 12. 21 (g. 

Byron, 68. 328. 344. 

Calvin, Thomas 331. 
Camerarius, Ph. 291. 
Campe, 119. 
Canitz, 136. 



362 



Personen-Register. 



Carey, 24J. 

Carlyle, Th. 329. 

Carolath, Fürstin 140. 

Carracci, 155. 

Carriere, M. 345. 

Carus, 142. 

Casche, Schauspieler 276. 

Casper, Medicinalrath 140. 

Castrop, 23. 

Caumont, 222. 

Cavallieri, Schauspielerin 248. 

Chamisso, Adalbert v. 102. 107. 

132. 134. 140. 
Chanorier, 25. 
Chaucer, 301. 
Cherubini, 39. 
Chodowiecki, 274. 
Chth., 334. 
Chuquet, 341, 
Cicero, 326. 
Cimarosa, 311. 
Clary, Fürst 40. 
Claude Lorrain, 144. 193. 
Claudius, 162. 
Claudius, Rebekka 162. 
Clerisseau, Charles Louis 7. 19. 
Collins, Familie 355 fg. 
Cond(^, 2 IQ. 
Conrad, M. G. 328. 
Conz, 199. 
Corneille, 219. 
Cornelius, Peter 299 fg. 
Cornish, F. F. 325. 
Costenoble, iii. 
Cotta, von, 81. 85. 127 ff. 
Cottasche Buchhandlung, 311. 317. 
Coxe, William 222. 
Craven, Mad. 122. 
Creizenach, Th. 156. 231. 
Creizenach, Wilhelm 245. 
Crescentini, 42. 114. 
Creuzer, 230 fg. 
Crönert, F. 342. 
Cuvier, 87. 90. 

Dalberg, Karl Theodor von 162, 

188. 283. 
Dänemark, Christian VIL, König 

von 243. 
Dante, 302. 
Daru, 283. 
Dehio, 193. 
Dehnicke, O. 328. 
Dehn, Generalkonsul 132. 
Delacroix, Eugen 354. 
Demmer, 355. 



Derfflinger, 135. 

Desnoiresterres, 220. 

Deubner, 3J9. 

Deutschlanci, Kaiserin Augusta von 

160. 
Deutschland, Maximilian L, Kaiser 

von 236 [Theuerdank], 
Devrient, Ed. 67. 306. 
Diderot, 61 fg. 129. 221 fg. 224 fg. 

324. 
Diede, von 27. 105. 112. 
Diede, Frau d. vor. 27. 105. 112. 
Diels, H. 213. 
Diez, 298. 
Dilthey, 169. 
Dingelstedt, 29g. 
Diogenes, Laertius 227. 229. 
Dirksen, 75. 
Dobbert, Eduard 347. 
Doberauer, Schauspieler 276. 
Doblhoff, 321. 
Dohna, Minister 118. 
Donizetti, G. 35Q. 
Donner von Richter, 356. 
Donop, H. V., 355. 
Dowden, E. 375. 
Drey, M. D. 289. 
Droste-Hülshoff, Anette v. 157. 163. 
Droste-Hülshoff, Clemens von 157. 
Dubreil, 224. 
Duclos, 223. 
Duhn, 323. 
Dühring, E. 328. 
Dumcke, 290. 
Dunst, Schauspieler 276. 
Düntzer, Heinrich 105. 152. 154 ff. 

197. 224. 233. 243. 273 fg. 324. 

326. 336. 339 fg. 346. 358. 
Durrius, 292. 
Dutschke, H. 336. 
Dwight, H. E. 92. 141. 

Eberwein, 19. 

Eckebrecht, 26. 

Ecken dahl, 74. 137. 

Eckermann, 80. 131. 134. 142. 169. 
171. 173 ff. 178. i8off. i87.fg. 
i9off. 194. 312. 318. Abhandlun- 
gen über (Bibliographie) 344. 

Edwards, Henry Sutherland 295. 

Egloffstein, Auguste von 84 (?). 139. 

Egloffstein, Julie von. 84(?).i39. 286. 

Egloffstein, Lina von 84 (?). 139. 

Ehrimfeid, T. Freiherr von 277. 355. 

Eichhorn, Generalprocurator 132. 
350. (Minister?) 



Personen-Register. 



363 



Eichler, Freiherr von 132. 

Eichstädt, 22. 

Eigensatz, Christel 42. 114. 

Einsiedel, F. H. v. 40. 113. 147. 

Einweeg, Schauspieler 277. 

Ekendahl s. Eckendahl. 

EHas, Julius 326. 

Elkan, 118. 

l'Enclos, Ninon de 230. 

Engel, K. 246. 200. 293. 

England, Georg IL, König von 243. 

Englert, Anton 332. 

Epimenides, 212 ff. 226 fg. 233. 

d'Epinay, Mme. 222. 

Eramann, T. E. 346. 

Erhard, Johann Benjamin 81. 84. 
129. 140. 

Erman, 76. 

Ersch, 301. 

Escher, 320. 

Esterhazy, 114. 

Ettlinger, Anna 309. 

Ettlinger, J. 345. 

Euripides, 229. 273. 335. 

Eyb, A. V. 309. 

Eybenberg, Marianne von 27. 47 ff. 
121 ff. 126 fg. — Briefe an Goethe 
27-46. — Erläuterungen dazu 
95-101. 104-120. — Briefe von 
Goethe an 37. 39 fg. — Erläu- 
terungen dazu 111-113. 

Facius, Steinschneider 6. 19. 

Fain, 75. 137. 

Faligan, 290. 

Falk, J. 112. 183. 188. 211. 344. 

Falkenheim, H. 335. 

Falkenhorst, E. 337. 

Fanta, A. 341. 

Felix, 78. 

Fellon, 20. 

Felsberg, O. 3J3. 

Fenzl, Schauspieler 276. 

Fichte, 135. 

Fielitz, 222. 

Filangieri, Rechtsgelehrter iii. 

Filangieri, Gräfin 38. iii. — Ihre 

Söhne 38. m fg. 
Firmenich-Richartz, Ed. 159. 
Fischart, J. 309. 
Fischer, Kuno 329. 335. 
Fischer, Schauspieler 276. 
Fischer, Th. A. 353. 
Flaubert, 191. 

Fleck, Schauspieler 35. 109. 
Fleming, 136. 



Flemmig, Graf von 132. 

Flies, Frau von 117. 

Flins, de (d'Ollivier, des ülliviers) 

215. 218 ff. 224. 226. 228. 243. 
Forster, Georg 344. 
Foscolo, 339. 
Fouque, Fr. von 59. 
Fouqu^, Lamotte 134. 
Fouquet, Gh. L. Aug. 148. 
Fouquet, Graf 148 fg. 
Fouquet, Frau d. vor. 148 fg. 
Fouquet, Henri 148. 
Fouquet, Intendant Ludwigs XIV. 

148. 
France, Marie de 301. 303. 
Francke, Kuno 332. 344. 
Frank, 113. 
Frank, Dr. 133. 
Fränkel, Ludwig 289-296. 3 3 5 ff. 

passim. 
Fränkel, Ludwig 290. 356. 
Frankreich, Louis XIV. 78. 148. 

219. 265. 
Frankreich, Marie Louise, Kaiserin 

von 116. 333. 
Franz, Rudolf 329. 
Franzem, A. 331. 
Franzos, Karl Emil 99. 321 fg. 345. 

347. 
Frauenlob, 289. 

Fresenius, August 203. 

Frey tag, 169. 

Freytag, Gustav 553. 

Friede], 222. 

Friederike s. Brion. 

Friedländer, M. 336. 

Friedrich, J. 348. 

Friedrich, Richard 328. 33$. 

Fritsch, J. Fr. von 20. 31. 107. 

Fröhlich, Katharina 350. 

Froitzheim, 147. J43 fg. 

Frommann, Familie 353. 

Frommann, Johanna 352. 

Frommer, P. 359. 

Fuchs, G. 345. 

Funck, Heinrich 280 ig. 

Funck, Heinrich 351. 

Fürstenberg, 162. 

Fux, 307. 

G— n, A. 334. 
Gabler, von 247. 
Gaedertz, K. Th. 154. 289. 352. 
Galiani, abbe 222. 
Galizin, Fürstin, Zu Goethes Brief- 
wechsel mit der 161 -164. 



364 



Personen-Register. 



Galizin, Marianne Dorothea, Prin- 
zessin (Mimi) 161 ff. 

Gall, Dr. 43. 114. 

Gans, Eduard 135. 136 fg. 

Gartelmann, Henri 329. 

Garve, 203. 

Gaspari, Adam Christian 14. 24. 

Gast, 2^. 

Gaul, Franz 276. 

Gautier, 192. 

Gedike, 207. 

Geers, W. 331. 

Geiger, Ludwig 27-142. 320-359. 

Geiger, Ludwig 221. 235. 324. 
326. 334. 338. 343. 

Geissler, 273. 

Geist, Ludwig 16 fg. 312. 

Geliert, 346. 

Genlis, Frau von 121. 124. 

Gentz, 38. 43. 112 ff. 119. 

Gerard, F. A. 345. 

Gerdenitsch, H. 358. 

Gerhard, B. 273. 

Gerlach, 349. 

Gerning, 322. 

Gerocks, die 281. 

Gersdorff, 327. 

Gervinus, 326. 

Gessler, Graf 96. 

Gessner, 192. 326. 

Gleim, 120. 198 ff. 206 ff. 319. 

Glossy, 277. 355. 

Gluck, 223. 

Gneisenau, 240. 

Göchhausen, Luise V. 37. 105. 109. 
119. 147. 343. 

Goeckingk, 207. 

Goedeke, iio. 122. 130. 246 fg. 
277. 289 fg. 293. 303. 314. 

Goldmark, C. 359. 

Goldoni, 277. 330. 344. 

Goldschmidt, Arthur 296. 

Goncourt, die 168. 191. 

Göpfart, Carl Gottlieb 19. 

Gore, 6. 14. 18. 40. 113. 148. — 
Seine Töchter 18. 113. 

Göritz, Ü. 118. 

Görres, 235. 

Görtz, 75. 

Göschen, 311. 

Gotha, Prinz August von 221. 223. 
320. 

— Charlotte, Herzogin von 320. 

— Herzog von 190. 

Goethe, August von 36. 73. 82. 
157. 161. 28$ ff. 345. 35off. — 



Brief von Varnhagen von Ense an 
63 (g, — Erläuterungen dazu 
1 3 1 ff. — Condolenzbrief Varn- 
hagens an Goethe bei seinem 
Tode 91 fg. — Erläuterungen 
dazu 141. 

Goethe, Christiane von 105. 145. 
287. 320. 343. 351. 

Goethe, Cornelia, die falsche Da- 
tirung eines Briefes von 280 fg. 

Goethe, Katharina Elisabeth (Frau 
Rath) 186. 194. 303. 342. 352. 

Goethe, Ottilie von 64. 73 fg. 80. 
82. 94. 129. 135. 137 fg. 142. 
157 ff. 280. 350. 353. 

Goethe, Walther von 350. 

Goethe, Wolfgang von 345. 352. 

Goettling, J. F. A. 13. 23. 297. 
313. 315. 320. 

Gottschick, 159. 

Gounod, 307. 

Gozzi, 260. 

Graffunder, A. 1 3 3 fg. 

Grandison, 52. 

Grass, C. 332. 

Greene, J. Reay 325. 

Gregorovius, F^erdinand 339. 352. 

Griesbach, 320. 

Griesbach, Frau 161. 

Griesebach, Eduard 353. 

Grillparzer, 550. 

Grimm, Hermann 324. 335. 

Grimm, Jakob 298. 301 fg. 315. 
336. 344 fe. 

Grimm, Ludwig 343. 345. 

Grimm, Melchior 221 ff. 

Grimm, Wilhelm 236. 298. 301 fg. 
315. 344%. 

Groschopf, Schauspieler 277. 

Grosse, Emil 337. 

Grothaus, A. F. J. 97. 

Grothus(s), Freih. v. 53. 55. 97 t'g. 
120 fg. 124 fg. 

Grothus, Vater d. vor. 120. 

Grothus, Sara von, geb. Meyer 
27 ff. 103. 114. 120. — Briefe 
an Goethe von 46-60. — Er- 
läuterungen dazu 95-101. 104 fg. 
120-127. 

Grotthus, s. Grothauss. 

Grotthuss, J. E. v. 347. 

Gruber, 301. 

Gründler, A. 357. 

Grüner, Franz 276. 278. 555. 

Grüner, Polizeipräsident 118. 

Gruppe, O. 231. 



Personen-Register. 



365 



Guglia, E. 341. 

Guillard, 223. 

Gumbert, Fr. 358. 

Günther, J. C. 301. 

Günther, O. 1 51-15 3. 161. 284 ff. 

Güssefeld, 14. 24. 

Gustedt, Frau von, s. Pappenheim, 

Jenny von. 
Gutzkow, 344. 
Gwinner, Wilhelm 331. 

Hack, G. 123. 

Hackert, Philipp 120. 127. 320. 
Hafner, Philipp 245. 
Hagedorn, J27. 

Hagen, F. H. v. der, 133. 235. 
Halbe, Max ^45. 
Halliwell-Philipps, J. O. 294. 
Haltenhof, Tenorist 321. 
Hamann, Johann Michael 162. 
Hamerling, Robert 334. 
Handl, Schauspieler 276. 
Harbauer (Brownianer), 318. 
H ardeck, Baron von 269 fg. 
Hardenberg, Fürst von 129. 141. 
Harlem, Geh. Rath 133. 
Harms, Paul 332. 
Harnack, Otto 326 fg. 332. 346. 348. 
Harries, 243. 
Harthan, Hans 357. 
Hartley, 14. 24. 
Hartmann, F. 359. 
Hartmann, F. A. 54. 123. 
Hartmann, Georges 308. 
Hartmann, Helene 307. 
Hartmann und Schäffer s. Schäffer 

und Hartmann. 
Hartwig, Otto 346. 
Hase, Baumeister 13. 
Hase, Karl von 350, 
Hase, Karl Alfred von 350. 
Hassloch, K. 321 fg. — Brief von 

Goethe an 322. 
Hassloch, Frau d. Vor. 321 fg. 
Hatzfeld, Graf 320. 
Häubelein, 13. 
Haug, Eduard 351. 
Haugwitz, 140. 
Haym, R. 204 fg. 3 50. 
Hayward, Abr. 331. 336. 
Heath, 331. 

Hebbel, 168. 170. 296. 299. 
Heberstreit, 246. 
Heeren, 93. 141. 
Hegel, 73. 75 fg. 82. 89. 91. 94. 

^3^fe- 137- MI« — Brief an 



Goethe gemeinsam mit Varn 
hagen v, Ense 69 fg. — Erläu 
terungen dazu 1351g. 

Hegel, Frau d. Vor. 132. 

Hegner, 322. 

Hehn, Victor 197 fg. 209. 327. 

Heilig, Otto 332. 

Heimsoeth, Frau Prof. 154. 

Heindorf, 71. 

Heine, Heinrich 104. 

Heinemann, Karl 342. 354. 

Heinrich, C. F. 220. 234. 

Heise, Dr. 132. 

Heitmüller, F. 119. 326. 353. 

Held, 359. 

Hellen, Eduard von der 3-26. 320 fg, 

Hellen, Eduard von der 310. 324, 
342. 

Hellinghaus, O. 352. 

Helmholtz, 326. 349. 

Hempel, Maler 210. 

Hemsterhuis, Franz 162. 

Henault, 215. 217 fg. 228 fg. 

Hengstenberg, 139. 

Henkel, Gräfin v. 75 fg. 

Henkel, H. 273 ff. 

Henkel, H. 204. 

Henle, E. 358. 

Hennicke, Chr. Gottfried 20. 

Henning, L. v. 83. 139. 

Hensler, Karl Friedrich 276. 

Herbst, W. 152. 

Herder, Karoline 199 fg. 202. 205. 
200. 

Herder, J. G. v. 15. 18. 21 ig. 82 
126. 147. 173. 175. 177. 182. 184 
188. 190. 194 fg. i99ff. 208. 210 
221. 223. 225. 280. 298. 302 fg 
309. 312. 322. 337. 340. 343 

351 %• 
Herford, C. H. 325. 

Hermen jat, L. 339. 

Herrmann, Max 326. 

Herz, Henriette 06. 107. 121. 

Herzlieb, Wilhelmine (Minchen) 

345. 
Hess, Joh. Christoph 20. 

Heuer, O. 346 fff. 355%. 

Heuser, Jul. 346. 

Hevesi, Ludwig 325. 

Hewett, Waterman T. 338. 

Hevgendorf, C. Wolfgang v. 337. 

Hifdebrand, Rudolf 302. 

Hiller, 210. 

Himburg, 273. 

Hippel, 328. 



366 



Personen-Register. 



Hirth, 307. 

Hirzel, Georg 350. 

Hirzel, L. 321 ff. 

Hitzig, Kriminalrath 132. 134. 

Hof, A. 357. 

Hoffmann von Fallersleben, 299. 

Hofmann, Dragonerhauptmann 340. 

Hofmann, Frau d. Vor. 340. 

Hofmeister, Gustav 334. 

Holtei, K. V. 94. 134. 

Holz, Albert 356. 

Hogarth, 145. 

Holzwart, M. 309. 

Homer, 66. 172. 229. 235. 326. 

Hondorf, 290. 

Hopfgarten, Sophie Caroline v., 

Brief von Goethe an 160 fg. 
Höpfner, Prof. 355. 
Horaz, 321. 
Hotho, 135. 
Hufeland, Gottlieb 22. 
Hüffer, Hermann 153-160. 161 -164. 

282. 
Hüffer, Hermann 96 fg. 151. 
Hüffer, Vater d. vor. 163. 
Hülsner, 25. 
Humboldt, Alexander von 23 fg. 

30. 73. 76. 81. 90. 106 fg. 131. 

137. 172. 
Humboldt, Caroline v. 32. 120. 
Humboldt, Wilhelm v. 16. 30. 32. 

44. 71. 76. 81. 90. 106 fg. 118. 

131. 139. 142. 348. 352. — Seine 

Familie 76. 
Hütten, Philipp v. 333. 

Jacobi, F. H. 75. 137. 161 fg. 174 fg. 
180 fg. 193. 344- 352. 

Jacobi, Georg Arnold 162. 
acobi, Johann Georg 211. 309. 
äacobi, Lotte 162. 
acobi, Max 161. 
acobowsky, L. 345. 
Jacoby, Daniel 196-21 1. 
Jagemann, 356. 

i Jagemann, Schauspielerin 114 fg. 
Jäger, 42. 
Jahn, Otto 15. 297. 
janitscheck, Hubert 353. 
Jariges, von 330. 
Jasperd, Buchhändler 215. 
auer, Johann Ernst 248. 
ean Paul (Richter), 82. 109. 139. 
— Seine Frau 139. 



Iffland, 32. 36. 39. 43 ff. 107 fg. 
HO. 118 fg. 214. 226. 320. 330. 
Ilg, A. 354. 
Ilgen, 318. 

Immermann, 155. 296. 
Immisch, Otto 337. 
Jöcher, Chr. G., Gelehrtenlexicon, 

Dr. Johann Faust im 292. 
Jonak, Schauspieler 276. 

ünger, 312. 

ungmayer, Schauspieler 276. 



f 



Jerusalem, J. F. W. 52. 
Jerusalem, K. W. 52. i 



75. 355. 



Kaaz, 144. 

Kahle, Schauspieler 334. 

Kalb, Charlotte von 82. 95 fg. 1 38 fg. 
320. 

Kalb, Kammerpräsident von 318. 

Kalbeck, Max 308. 

Kamptz, V. 85 ff. 140. 

Kant, Imm. 36. 85. 303. 

Kapylow, Sänger 307. 

Karpeles, G. 344. 

Kate, J. J. ten, 341. 

Katerkamp, 162. 

Kauer, Ferdinand 276. 

Kaufmann, Angelika 154. 320. 34$. 

Kayser, Dorothea 346. 

Kayser, Ph. Chr. 189. 312. 346. 

Keil, 115 fg. 303. 

Keller, A. von 291. 

Keller, Graf 97. 

Kellner, C. H. 342. 347. 

Kellner, Schauspieler 277. 

Kerler, Heinrich 329. 

Kern, Franz 335. 

Kern, O. 213. 

Kerner, Justinus 82. 138. 359. 

Kerssenbrock, 164. 

Kestner, August 161. 284 fg. 305. 

Kestner, Charlotte i$i. 175. 305. 
309. — Briefe von Goethe an 
I $2 fg. — Goethe und 284 ff. 

Kestner, Kinder d. Vor. 286. 

Kestner, Clara 284 ff. 

Kestner, Familie 355. 

Kestner, Georg Wilh. Ed. Joh. 289. 

— Todesanzeige 305 fg. 
Kestner, Frau d. Vor. 306. 
Kestner, J. Ch. 193. 286. 305. — 

Stelle aus einem Briefe Goethes 
an 161. 
Kestner, Theodor 152 fg. 287.305. 

— Brief von Goethe an 151. 
Kettner, Gustav 326. 
Kienzel, 346. 

Kutan, Eugen 276 ff. 



Personen-Register. 



367 



Kilian, Eugen 335. 
Kircheisen, Minister 28. 105. 
Kircheisen, Frau d. Vor. 28. 105. 
Kirchhoff und Wiegand, 329. 
Kircht, IG. 

Kirms, 321.330. — Brief an 322 (r.) 
Klauer, Gottl. M. 5. 18. 
Kleinstäuber, 14. 
Kleist, Ew. V. 207. 274. 
Kleist, Heinr. v. 168. 303. 329. 
Klettenberg, Susanna v. 340. 
Klettenberg, Schwestern d. Vor. 

540. 
Klingemann, (v. d. hannöv. Ge- 

sandtsch.) 133. 
Klingemann, A. (Dichter) 245 ff. 

306. 
Klinger, 98. 10$. 246. 344 fg. 
Klopstock, 170. 202 fg. 211. 327. 

336. 
Knebel, Henriette v. 154. 
Knebel, Karl v. 242. 
Knebel, K. L. V. 15. 22 fg. 97. 113. 

154 fg. 186. 188 fg. 194. 205. 

222 fg. 225 fg. 231. 233. 242. 

304. 320. — Brief an 322 (r.). 
Kobell, 144. 

Koch, Fräul. 48. 120. 125. 
Koch, Tochter d. Vor. 49. 
Koch, Max 23$. 325 fg. 331. 349. 
Koch, Paul 309. 

Koch, Sophie und Marianne 106. 
Kohl, J. G. 296. 
Kohl, Otto 337. 
Köhler, (Förster ?) 13. 
Köhler,Reinhold,Nekrolog?97-304. 

— Sein Vater 297 fg. — Mutter 

298 ff. — Schwestern 298 fg. 304. 
Kohlrausch, Geh. Rath 132. 
Kohlrausch, Frau d. Vor. 132. 
Kölbing, 294. 
Kollmann, A. 292. 
Kolowrat, Graf 126. 
Komnena, Anna 318. 
Komnenes, Alexius 318. 
Konicki, A. 345. 
Koppel, E. 295. 
Koristka, K. 348. 
Körner, Gh. G. 96. 348. 
Körner, Theodor 287. 
Körte, 69. 71. 120. 135. 201. 206. 

210. 
Kose^arten, 199. 
Kösthn, K. 292. 
Kotzebue, 39. 43. 114. 284. 301. 

322. 



Krämer, Maximilian 358. 
Kranz, Johann Friedrich 7. 19. 
Kraus, E. 292. 
Kraus, Georg Melchior 4. 15. 17. 

22. 24. 
Krause, 210. 

Kressenbrod s. Kerssenbrock. 
Kretschman, Lily von 139. 141. 

344 fg. 
Kreuchauf, W. 347. 

Krieffsteiner, 246 fg. 

Krull, Geh. Ober-Finanz-Rath 132. 

Kudlich, Dragan 325. 

Kügelgen, 99. 

Kügelgen, Frau d. vor. 99. 

Kühne, F. G. 125. 

Kulau, Fr. 358. 

Kupffer, Julius 331. 

Kürschner, Jos. 323. 356. 

Lachmann, 332. 

La Harpe, 351. 

Lamartine, 68. 

Lambel, H. 339. 

La Motte s. Fouqu^. 

Langbein, 199. 

Lange, 42. 

Langhans, 207. 

Langsdorf, Amtmann 340. 

Langsdorf, Frau d. Vor. 340. 

Lassberg, 163. 

Lassberg, Freifräulein von 163. 

Lassen, 298. 

Latouche, Guymond de 223 fg. 

Lau, Geo & Co. 329. 

Laube, 104. 344. 

Lauchen, P. D. 307. 

Laurenze, 116. 

Lavater, 18. 189. 194. 275. 281. 

321 fg. 345. J51. 
Lederbauer, Schauspieler 277. 
Lehmann-Filh^s, M. 295. 
Lehne, Friedrich 323. — Brief von 

Goethe an 323 (r.). 
Lehner, G. 355. 
Leitzmann, Albert 344. 352. 
Lenau, 295. 
Lenbach, Ernst 356. 
Lenz, Johann Georg 23. 
Lenz, J. R. M. 140 fg. 327. 336. 

345 fg. 
•Leo, H. 136. 

Lepold, Schauspieler 276. 

Lerse, 41. iio. 114. 194. 

Lesage, 2 3 1 fg. 

Lessei, Schauspieler 276. 



368 



Personek-Register. 



Lessing, G. E. 34 fg. (Nathan.) 
51 fg. 125 fg. 199. 211. 248. 275. 
303. 327 ff. — ^um sogenannten 
Pseudo-Lessing*schen Faust des 
Paul Weidmann 293 fg. 

Leutenberg, Baronesse von (Frau 
von Eybenberg?) iii. 

Leuthold, H. 354. 

Levezow, 215. 

Levin, Rahel 30. 60. 63. 73. 76. 
78. 80. 82. 91 if. 98. 102 ff. 106. 
109. 120. 127 ff. 132. 134 fg. 

137%- 344. 
Levy, B. 338. 

Lewenhaupt, Eugen Graf 280. 

Lewes, 345. 348. 

Lewinsky, Schauspieler 307. 

Lichtenberg, 320. 

Lichtenberger, Ernest 198. 

Lichtenberger, H. 336. 

Lichtenheld, A. 338. 

Lichtenstein, Martin H. K. 121. 

Lieber, 144. 

Liebich, Carl 56. 126. 

Liepmannssohn, Leo 329. 

Ligne, Prince de 27 fg. 31. 40 fg. 
113 fg. 120 fg. iji. — Seine 
Tochter 31. — Sein Kammer- 
diener 113. 

Lili s. Schönemann. 

Linckelmann, 352. 

Lindener, Michael 269 {g, 290. 

Linder, 206. 

Lindner, Bertha 348. 

Lindner, Schauspielerin 334. 

Lindheimer, 339 fg. 

Linger, Karl Friedrich 339. 

Lippert, Schauspieler 248. 

Liszt, 299. 

Litzmann, Berthold 20. 276. 330. 

Loder, 320. 322. 

Lolme, Jean Louis de (de l'Orme) 
282. 

Lope de Vega, 330. 

Löper, Gustav v. 197 fg. 202. 209. 
214. 220. 226. 229 ff. 233. 239 fg. 
243. 282. 

Lorenz, K. 336. 

Louvier, F. A. 326. 331. 

Löwe, C. 357. 
Lübke, 347. 
Lucas, 220. 
Lucian, 226. 
Lucius, Frl. 340. 
Lucrez, 226. 
Luden, 226. 



Ludwig, Otto 168. 
Ludwig, Schauspieler 334. 
Luginbühl, R. 351. 
Luther, Martin 273. 290. 
Lutz, de la, 141. 
Luxemburg, Herzog von 265 ff. 
Lyncker, v. 353. 
Lyon, Otto 342. 

M. A. (Kopenhagen) 33^. 

Maas, Schauspielerin 46. w) fg. 119. 
128. 

Macedonien, König Philipp von 3 37. 

Machold, 356. 

Madalena, Edg. 344. 

Magnus, Mala 89. 

Mahlmann, 330. 

Maintenon, Frau von 250. 

Manfeld, B. 356. 

Manger, H. 354. 

Manlius, 290. 

Manso, 203. 207. 

Mantegna, 332. 

Manzoni, 68. 

Mareta, H. 340. 

Marivaux, 200. 

Marlowc, Christopher 295. 

Marold, 339. 

Martin, Ernst 326. 

Martin, Dr. 163. 

Massenet, J. 308. 

Mattausch, Schauspieler 45. 

Matthei, Legationsrath 48 (?). 109. 
120. 

Matthei, J. Fr. M. 109. 

Matthisson, 1^9. 

Maupertuis, Frau v. 215. 

Mauthner, Fritz 327. 

Maxstatt, 359. 

Mazarin, 228. 230. 

Mazzini, Jos. 344. 

Meister, 224. 

Mende, 13. 

Mendelssohn-Bartholdy, 132. 

Mendelssohn-Bartholdy, Felix 329. 

Mendelssohn, Moses 5 1 fg. 

Mercier, 32. 108. 222. 

Merck, J. H. 178. 189. 275. 326. 

340. 342 fg. 34$. 
Merlo, J. J. 157. 
Mertens, E. 354. 
Mertens, Ludwig 157. 
Mertens, Svbilla 154. 157 ff. — 

Brief an Nocl von 158 fg. 
Meusch, R. 325. 
Meyer, Alfred Gotthold 324. 



Personen-Register. 



369 



Meyer, Heinrich 18 fg. iio. 201. 

320. 346. 348. 
Meyer, Marianne, s. Eybenberg. 
Meyer, Richard M. 167-19$. 
Meyer, Richard M. 196. 296. 344. 
Meyer, Sara, s. Grotthus. 
Meyer, Frau, Mutter d. vor. 28 fg. 

46. $3. 112. 
Meyer, Mann d. vor. $1. 05. 
Meyer, Söhne d. vor. 47 ig. 
Michaelis, 350. 
Mikel s. Miquel. 
Milliet, Paul 308. 
Minor, Jacob 296. 
Minor, Jacob 204. 230. 246. 327. 

340. 
Miquel, Franz 163 fg. 
Miquel, Finanzminister 163. 
Mirza, Abul Hassan Khan 338. 
Mohnicke, 74. 
Moll, Albert 346. 
Moltke, Hellmuth v. 334. 
Montaigne, 304. 
Montigny, 133. 
Montjoye, 113. 
Moors, Stadtschultheiss 152. 
Morhof, 236. 
Mörike, 359. 
Moritz, K. Ph. 181. 
Morsch, H. 212-244. 
Morus, Alexander 337. 
Moscherosch, 268. 
Mozart, W. A. 8. 16. 20. 322. 
Mühlhausen, 326. 349. 
Müller, Adam 43. 114. 
Müller, Friedrich v., Kanzler, 142. 

157. 176. 179. 190. 192. 283. 

287 fg. 
Müller- Guttenbrunn, 329. 
Müller, Johann v. 242. 323. 351. 
Müller, Joh. Georg, 323. 351. 
Müller, Karl 147. 
Müller, Maler 334. 
Müller-Rastatt, K. ^5. 
Müller, Schauspieler 276. 
Müllner, 350. 
Mun, 297. 
Münch, 2 Frls. 340. 
Muncker, Frani 311 {g, 
Muncker, Franz 310. 322 fg. 
Münster, Gräfin 109. 
Musäus, 301. 

Napoleon I. 37 fg. 44 fg. 68. 73. 
135 ff. 214. 232. 238 {g. 242. 333. 
352. 

Goethe-Jahrbuch XIV. 



— Goethe bei — nach Talley- 
rands Denkwürdigkeiten 282 ff. 
Natorp, P. 348. 
Neanaer, August 83. 139. 
Neapel, Königin von 38. 
Necter, 222. 

Neidhart v. Reuenthal, 332. 
Nerli, J52. 
Nerrlich, 139. 
Nestroy, 259. 

Neubert, Hofmechanikus 13. 
Neumann, Wilhelm 75. 132. 134. 

137. 
Neumann, 292. 

Neumann-Hofer, Otto 334. 349. 

Neureuther, Eugen 93. 

Newton, 175. 

Nicolai, Friedrich 32. 36. 50. 52. 

108. HO. 120. 200. 207. 247. 322. 

339. 
Nicolovius, Alfred 159. 

Nicolovius, G. H. L. 162. 

Niethammer, 22. 234 fg. 

Nippold, 241. 

Nissl, Joh. 247. 

Noel, de 157 fg. 

Nonnos von Panopolis, 298. 

Nordenankar, Joh. 282. 

Nose, 320. 

Nutt, David 325. 

Odenthal (Odendahl), 159. 
O'Donnel, Gräfin 113. 
Qhlenschlager, J. D. von 339. 
Öhlke, Alfred 331. 
pifers, Dr. v. 132. 
Ölsner, 61 fg. 130 fg. 135. 
Opitz, 106. 

Öser, Adam Friedrich 18. 195. 345. 
Öser, Frau und Tochter d. vor. 345. 
Österreich, Erzherzog Ferdinand 
von 6. 

— Franz I., Kaiser von 44. 

— Maria Ludovika, Kaiserin von 
.116. 

Öttelt, 13. 
Otto, 139. 
Overberg, 163. 
Ovid, 207. 293. 
Oxenford, J. 341. 

Pagel, L. 295. 

Pappenheim, Alfred Otto Rabe v. 

337%- 
Pappenheim, Gustav v. 337. 

Pappenheim, Jenny v. 327. 338. 345. 



24 



370 



Personen-Register. 



ParacelsusTheophrastus,ab Hohen- 

heim 333. 
Pasque, 106. 119. 357. 
Paulsen, Friedrich 327. 
Pawel, 199. 
Payer, R. v. 338. 
Pestalozzi, 95. 
Petzet, Erich 334. 345. 
Pfeffel, 199. 

Pfeiffer, Schauspieler 276 fg. 
Pfeilschmidt, 293. 
Pfuel, General von 75. 137. 
Phillipp, Edward 295. 
Phlegon, 337. 
Pick, Albert i6ofg. 279 fg. 
Pick, A. 151. 
Piron, 332. 
Platen, 182. 
Plato, 212 ig. 337. 
Plautus, 326. 
Plettenberg, Graf 163. 
Plutarch, 226. 
Pniower, O. 326. 331 fg. 
Poenitz, F. 359. 
Poerio, A. 304. 
Poggel, 296. 

Pogwisch, Ulrike v. 72. 137. 
Poisson, M. 21$ ff. 228. 
Polex, 320. 
Polyides, 224. 
Possart, E. 307. 
Pougens, 22$. 
Prätorius, Joh. 333. 337. 
Preller, Ludwig 298%. 338. 
Preussen, Prinzessin Carl V. 137.160. 

— Friedrich IL, König von 33. 
207 fg. 238 fg. 343. 

— Friedrich Wilhelm IL, König 
von 31. 107. 

— Friedrich Wilhelm III., König 
von 44. 76. 96. 118. 138 fg. 
214. 238. 244. 

— Friedrich Wilhelm IV., König 
von 76. 141. — Seine Frau, 141. 

— Luise, Königin von $9. 126. 
Proclus, 337. 

Prodnigg, 340. 

Proelss, Joh. 333. 342. 344. 

Prosl, Hans 277. 

Prothke, Schauspieler 276. 

Pückler-Muskau, Fürst 88 fg. 141. 

Purkinje, Joh. E. v. 137. 279. 

Pustkuchen, 131. 

R., die, 109. 

Racine, 42 (?). 219. 224. 313. 318. 



Radziwill, Fürst 306. 325. 

Rainal, s. Raynal. 

Ralla, Mlle 39. 

Ramberg, Gerhard 335. 

Ramler, 207. 274. 

Ramond, 222. 

Ranke, Leopold v. 83 fg. 139. 325. 

Ransohoff, G. 309. 

Rapp, G. H. 356. 

Rau, O. 354. 

Rauch, 8p. 347. 

Rauch, H. 345. 

Raynal, 219. 223. 

Reoenstein, 67. 

Redlich, C 3 1 3 fg. 

Redlich, C. 310. 317. 325. 

Redtel, Geh. Oberfinanzrath 132. 

Reibehand, Faust- Aufführung292 fg. 

Reichard, H. A. O. 223. 

Reichardt, 90. 

Reichardt, Componist 121. 

Reichel, Eu§:en 328. 

Reichert, Friedrich 9. 21. 

Reichert, Johann 9. 21. 

Reiffenstem, C. Th. 356. 

Reimer, G. A. 350. 

Reimers, Schauspieler 307. 

Reinhard, 233. 239. 

Reinhold, Schauspielerin 307. 

Remde, s. Rempt. 

Rempt, Joh. Math. 7 (Remde). 20. 

Retzer, v. 112 fg. 

Retzer, Joseph v. 206. 

Reumont, 112. 

Reuss, Fürst Heinrich XL, 96. 

— Fürst Heinrich XIV., 9^ig. 
105 ig, 1 10. 

— Fürst Heinrich XXXXIIL, 96. 
— - d. Haus 113. 

Reuter, 304. 

Rhode, E. 337. 

Ribbeck, Pred. 133. 

Richelieu, 228. 230. 

Richter, J. Th. 347. 

Richter s. Jean Paul. 

Richter, Raoul 331. 

Ridel, Johann Rudolf 153. 285. 342. 

Riedl, Schauspieler 276. 

Riedmüller, Schauspielerin 276. 

Riemer, 59. 100. 113. 115 ff. 121 fg. 

125 fg. 142. 180. 186 ff. 198. 

226. 312. 318. 327. 345. 353. 
Riese, A. 339. 

Riese, J. J. 340. — Vater d. vor. 340. 
Ringwaldt, 273. 
Ritschi, 297. 



Personen-Register. 



371 



Ritter, Karl 76. 

Robert, Ludwig 30. 94. 102 fg. 

122 fg. 131 ff. 
Robert, Frau d. vor. 94. 132. 
Robert, Rahel s. Levin. 
Robinson, H. C. 353. 
Rochlitz, Friedrich 353. 
Rochlitz, Frau d. vor. 35^. 
Rödiger, Schauspieler 27a 
Rollett, 188. 
Ross, 347. 
Rostümpfel, 26. 
Roth, Friedrich 75. 
Rothe, Schauspieler 248. 
Rotter, Schauspieler 276. 
Rousseau, Jean- Jacques 219. 22$. 

240. 321. 
Rowe, N. 326. 
Rückert, Friedrich 75. 137. 
Rückert, Heinrich 298. 
Rüdiger, J. C. C. 22. 
Ruhl, L. S. 346. 
Ruland, Carl 143—150. 
Ruland, Carl 116. 129. 359. 
Runkel, F. J45. 
Russland, Alexander I., Kaiser von 

214. 238. 284. 
— Kaiserin von, Frau d. Vor. 155. 
Ruysdael, 193. 

Saadi, 3^8. 

Saal, Scnauspieler 248. 

Sabellicus, Georg (Faustus) 333. 

Sachs, Hans 298. 302. 346. 

Saint- Hilaire, Geoffroy de 87. 90. 

Saint-Martin, 73. 130. 

Saint-Simon, 78. ^5. 

Salm - Reifferscheidt - Krautheim , 

Constantin 163. 
Salm - Reifferscheidt - Krautheim , 

Fürst 163. 
Salzmann, 18^. 346. 
Sanders, Daniel 107. 
Sarce)r, Fr. 32 j. 
Sartorius, Prof. 113. 330. 
Sartory, Schauspieler 276 f]^. 
Sartory, Ther., Schauspielerm 276. 
Satriano, Fürst Carlo von (Filan- 

gieri) 112. 
Sauppe, 297. 
Säur, Vicomte de 61 fg. 
Savigny, 136. 
Schack, A. F. v. 335. 344. 
Schadow, G. 347. 359. 
Schäffer und Hartmann, 107 fg. 

114. 134. 



Schardt, Frau v. 346. 
Scharnhorst, 240. 
Scheffel, Victor v. 359. 
Scheffler, 130. 
Scheible, 247. 265. 291. 
Schemann, Ludwig 346. 
Schenck, 26. 
Scherer, A. N. 13. 23. 
Scherer, Wilhelm 169. 184. 193. 

IJ9. 296. 328. 351. 
Schiemann, Theodor 327. 
Schiff, E. 349. 
Schikaneder, 39. 
Schiller, Friedrich v. 22 fg. 32. 45. 

$0. 61. 69. 71. 78. 82. 86. 96. 

104 ff. 119. 122. 133. 13$ ff. 

139%. 148. 168. 174. 180 ff. 

189 ffT 198 ff. 209. 221. 224. 230. 

232. 296. 303. 318. 322 fg. 326. 

328 ff. 332fg. 336. 344. 346. 348. 

3$i. 354. 356. — Sein Sohn, 

seine Erben 323. — Brief an 

Goethe von 323 (r.). 
Schimmelmann, Charlotte 351. 
Schimmelmann, Ernst 351. 
Schinkel, 347. 

Schlabrendorf, G. v. 329. 352. 
Schlegel, A. W. 199. 336. 346. 351. 
Schlegel, Caroline 109. 
Schlegel, Dorothea s. Veit. 
Schlegel, Friedrich 3 5 ff. 98. 109 fg. 

204. 346. 351. 
Schleifferin, Frl. 340. 
Schienther, P. 34^. 
Schlosser, Corneha s. Goethe. 
Schlosser, Johann Georg 281. 318. 

347- 
Schlosser, Prof. 92 fg. 136. 141. 

Schmeller, 188. 350. 354. 

Schmidt, Erich 297-304. 

Schmidt, Erich 189. 206. 233. 326. 

J36. 343 fg. 
Schmidt, Julian 198. 303. 
Schmidt, Karl 327. 332. 
Schmidt, Lothar s. Goldschmidt, 

Arthur. 
Schmidt, Mechanicus 14. 
Schmidt, Valentin 302. 
Schmidt-Weissenfels, 356. 
Schmitt, L. 324. 334. 338. 341. 
Schnauss, C. F. 17. — Brief an 

J22 (r.). 
Senneeberger, F. 359. 
Schneege, 348. 

Schnorr v. Carolsfeld, 290. 305. 
Scholl, Adolf 18. 298 fg. 

24* 



372 



Personen-Register. 



Schönbach, A. 291. 
Schönborn, 195. 
Schöne, Alfred 340. 
Schönemann, Lili 304. 339. 342. 

J46. — Ihre Tochter 342. 
Scnopenhauer, Adele, Goethe und 

154-160. 
Schopenhauer, Arthur 156.346. 353. 
Schopenhauer, Johanna 154 ff. — 

Brief an 1 5 3 fg. 
Schrader, P. A. 293. 
Schreyer, H. 326. 
Schreyvogel, 276. 278. 350. 
Schröer, K. J. 233. 238. 273 ff. 

325. 332 fR. 354. 
Schropp, Ralph 341. 

Schröter, Corona 312. 

Schubart, 303. 

Schubert, Franz 357. 

Schuchardt, 188. 

Schuckmann, Minister von 89. 

Schuckmann, Frau d. vor. 89. 

Schulenburg, Matthes, Graf 67. 1 35. 

Schulte, Eduard 332. 

Schultess, 212. 

Schult hess, Bäbe 95. 346. — Brief 

an Goethe von 323 (r.). 

Schulz, Friedrich 1 3 3 fg. 

Schunck, E. 335. 

Schuster, A. 325. 

Schuster, Schauspieler 276. 

Schütz, Prof. 22. 

Schütz-Wilson, H. 325. 

Schütze, St. 330. 

Schuwaloff, Gräfin 42. 

Schwabe, Julius 357. 

Schwerdgeburth, 345. 356. 

Sckel, 13. 

Scott, Walter 73. 136 fg. 

Scull, W. D. 325. 

Seekatz, 342. 354. 

Segrd, Carlo 344. 

Seidel, 172. 189. 

Seidl, A. 349. 

Seidler, Gottfried Ludwig 20. 

Seidler, Louise 20. 

Seliger, Paul 327. 

Selmar, s. Brinckmann. 

Semler, Geh. Rath 133. 351. 

Seneca, Annaeus 326. 

Seneca, Philosoph, Sohn d. vor. 326. 

Sercambi, 301. 

Serrano, U. Gonzalez 325. 

Seuffert, Bernhard 3 14 ff. 

Seuffert, B. 310. 343. 

Sevenig, N. 334. 



Shaftesbury, 52. 

Shakespeare, 43 ff. 118 ig, ijs- 177 • 
182. 294 fg. 302. 325 fg. 328 fg. 

335. 34$. 
Sickler, Johann Volkmar 21. 

Siebeck, 348. 

Simmons, L. 325. 

Sinclair, Sir John 141. 

Singer, S. 313. 

Singer, S. 310. 

Solger, 75. 137. 

Solon, 212. 

Sonnenthal, Schauspieler 307. 

Soret, 176. 

Soult, 283. 

Spalding, 71. 207. 

Span, 210. 346. 

Speidel, L. 246. 327. 

SpenerscheZeitung, 1 1 9. 1 22. 1 3 1 . 1 42. 

Spiess, 269. 289. 

Spinoza, 348. 

Spitta, Philipp 348. 

Spohr, 306. 

Springer, Anton 353. 

Stadion, Graf 343. 

Stael, Mme.de 55. 59. 115. 125. 318. 

Stägemann, 68. 133. 

Stahr, Adolph 18. 342. 

Stapfer, Albert 351. 

Stapfer, Phil. Albert 351. 

Starcke, 134. 

Stargardt, J. A. 329. 

Steftani, 320. 

Steig, Reinhold 343 fg. 

Steiger, Eduard 328. 

Stein, Charlotte von 97. 145 fg. 

172. 175. 180. 184. 186. 188. 

190. 194. 221 ff. 275. 322. 325. 

347- J$i. 359- 
Stein, Freiherr von 240. 350. 

Stein, Fritz von 322. 351. 

Stein, Philipp 3^7. 343 ff. 

Stein, Schauspielerin 276. 

Steiner, Johann Friedrich Rudolph 

6 fg. 19. 
Steiner, R. 319 fg. 
Steiner, R. 310. 324. 348. 
Steinhart, Georg, Faust-Anekdoten 

289 {g. 
Stephanie, Schauspieler 276. 
Stern, Ad. 353. 
Sternberg, Graf 138. 
Sterne, 52. 

Stettenheim, Julius 358. 
Stich, Schauspielerin 67. 
Stieglitz, Charlotte 344. 



Personen-Register. 



373 



Stieglitz, Johann 287. 

Stierlin, Adolf 308. 

Stolberg, Auguste von 180. 337. 

Stolberg, Christian, Graf 162. 351. 

Stolberg, F. L. Graf 162 flf. 337. 352. 

Stolberg, Luise 351. 

Stoltze, Fr. 358. 

Strada, 201. 

Strauss, Joseph 342. 

Streckfuss, Geh. Rath 133 fg. 

Strehlke, 108. 120. 122 fg. 127. 

138. 152. 157. 159. 161. 221. 274. 
Stroefer, Theo 326. 
Stomberg, Schauspieler 276. 
Succow, Lorenz Joh. Daniel 12. 23. 
Sudermann, 328. 
Suphan, Bernhard 3 10 fg. 313. 
Suphan, Bernhard 19 fg. 107. 221. 

280 fg. 310. 322. 324. 330. 337. 
Süvern, Staatsrath 132. 
Swammerdam, 148. 
Swedenborg, 221. 309. 
Switil, Schauspielerin 276. 
Szamatölski, Siegfried 326. 333. 

Tacitus, 283. 

Taine, 326. 

Talleyrand, 282 ff. 

Talma, Schauspieler 124. 

Tasso, 207. 

Teller, 207. 

Telmann, Konrad 358. 

Tenniers, 42. 

Tettelbach, 19. 

Tettenborn, ueneral 128. 

Teuber, O. 126. 

Teubner, 334. 

Terzky, Gräfin 230. 

Textor, J. W. 342. 

Textor, Schöff 340. 

Theophilus, 251. 

Thercse, 28. 105. 

Thiele, R. 359. 

Thimig, Schauspieler 307. 

Thorwaldsen, 89. 

Tieck, Ludwig 42. 303. 340. 

Tille, Alexander 329. 333. 

Tischbein, 241. 

Tobler, G. Chr. 324. 

Tomlinson, Ch. 325. 

Topf, Guido 326. 

Töpffer, C. 66 fg. 1 34. 

Tourneux, M. 224. 

Trebra, 337. 

Treu, O. 307. 

Trippel, AI. 347. 



Trost, L. 234. 
Turenne, 219. 
Tyndal, J. 349. 

Ulfilas, 236. 
Uhlmann, H. 333. 
Unger, Helene 320. 
Unger, J. F. 106. 108. 320. 
Dnzelmann, Friderike 43. 45. 99. 

118. 330. 347. 
Unzelmann, Schauspieler 118. 
Uz, 203. 

Valentin, V. 309. 

Varrentrapp, 113. 

Varnhagen von Ense, 27. 95. 104. 
107. 114. 116. 120 ff. 155. -- 
Briefe an Goethe von 60-95. — 
Erläuterungen dazu 101-104. 
127-142. — Brief an August v. 
Goethe 63 fg. 

Varnhagen von Ense, Rahel s. Levin. 

Veit, David 105. 

Veit, Dorothea 98. 

Vent, Johann Gottlob 14. 23 fg. 

Vernet, 83. 

Verrocchio, P. Anastasio de s. Ba- 
tacchi Domenico. 

Viehoff, 197. 

Vicq-d*Azyr, 223. 

Vigne, Casimir de la 68. 

Villoison, 21. 

V ischering, Erbdrosten zu 162. 

Vitruv, 222. 

Vogel (Goethes Schreiber), 311 fg. 

Vogel, Julius 347. 

Vogler, Abt 39. 

Vogler, C. H. 347. 

Voigt, 247. 

Voigt, Chr. G. v. 15 ff. 22. 24 fg. 
180. 320. 

Voigt, Johann Heinrich 12. 23. 

Voigt, Jos. Karl Wilhelm 12. 23. 

Vollmer, 105. 174. 

Voltaire, in. 188. 219. 223. 225. 
232. 240. 328. 

Voss, Ernestine 162. 

Voss, J. H. 148. 162. 189. 235. 
303. 352. 

Voss, Julius v. 99. 

Vulpius, 313. 

Vulpius, Christiane s. Goethe, Chri- 
stiane. 

Wagner, 320. 
Wagner, Richard 244. 






374 



Personen-Register. 



Wagner, v. 132. 

Wahl, Georg 346. 

Wähle, Julius 20. 296. 310 fg. 330. 

Waldberg, Max v. 310. 314. 

Waldner, Frl. v. 148. 

Walldorf, Gräfin 230. 

Wallraf, 157. 159. 

Walther von der Vogelweide, 332. 

Walzel, Oskar F. 338. 

Wangenheim, v., Minister 75. 

Wartensleben, Graf 322, 

Wässer, Schauspieler 276. 

Weber, Anselm 244. 

Wedel, Otto Joachim Moritz v. 9. 2 1 . 

Wehl, 335. 

Weidmann, Paul 248. 293. 

Weidner, Schauspielerin 276. 

Weilen, Alexander v. 3 1 2 fg. * 

Weilen, Alexander v. 310. 334. 

Weimar, Anna Amalia, Herzogin 

von 6. 15 fg. 18. 21. 40. 199. 

311. 324. 343. 353-356. 

— Carl Alexander, Grossherzog 
von J50. 353. 

— Carl August, Grossherzog von 
6 fg. 14 fg. i8fg. 21. 23. 53. 72. 
iiöfg. 119. 121. 135 fg. 186. 189. 
194. 242. 283. 304. 322 fg. 337. 
353. — Brief von Goethe an 
323 (r.). 

— Caroline, Prinzessin von 344. 

— Luise, Grossherzogin von 18. 
79. ij8. 147 if. 199. 243. 320. 

— Maria Paulo wna, Grossherzogin 
von 75 fg. 84. 124. 136 ff. 140. 

— Sophie, Grossherzogin von 310. 
Weinhold, Karl 336 fg. 

Weiss, Ernest 325. 

Weiss, J. J. 325. 

Weltrich, Rieh. 328. 

Welcker, 298. 

Wendel, v. 13. 23. 

Wendt, G. 138. 

Wentzel, 30^. 

Werner, Richard Maria 245-270. 

Werner, R. M. 113 fg. 160 ff. 182. 

184. 187. 195. 292. 296. 333. 
Werner, Zacharias 45. 118. 303. 
Wernicke, 326. 
Werthern, Frau v. 346. 
Wessely, R. 309. 
Whistling, K.W. 345. 
Wibeking, 14. 
Wichmann, Bildhauer 89. 
Wichmann, Franz 358. 
Widmann, 291. 



Wiedeburg, Joh. Ernst Basilius 23. 
Wieland, 15. 22. 147. 170. 189. 

199 ig. 203 fg. 207. 209 ff. 226. 

232.253.275. 301.303-327.334. 

?43- 352. 
Wieland, Ludwig F. A. 41. 114. 
Wienbarg, 344. 
Wieselgräd s. Wieseigren. 
Wieseigren, 296. 
Wiesenthal, Karl 341. 
Wilbrand, 306. 
Wilhelm, A. 354. 
Willborn, Johanna 335. 
Willemer, Marianne v. 156. 231. 
Williamson, W. C. 325. 
Wilm, Nicolai v. 358. 
Winckler, Gottfried 347. 
Winter, Fritz 292. 
Winter, Kapellmeister 343. 
Winter, Peter v. 312. 
Winterfeld, A. v. 344. 
Winterfeld, F. A. v. 349. 
Wittmann, C. F. 335. 
Wittkowsky, Georg 323 fg. 
Wolf, Ernst Wilhelm 19. 
Wolf, Friedrich August 64. 66. 69. 

71. 131 ff. 
Wolf, Hugo 357 ff. 
Wolff, Amalie 67. 122. 
Wolff, Eugen 342. 
Wolff, Pius Alexander 67. 122. 330. 
Wolski, Sängerin 307. 
Wolter, Charlotte 307. 
Wolzogen, Frau v. 83. 139. 
Wood, 330. 
Wranitzki, 320. 
Wulff, Lipmann 53. 97. 
Wurzbach, C. v. 293. 
Wustmann, G. 327. 339. 

Zahn, 236. 

Zarncke, F. 269. 304. 356. 

Zelter, 98. 127. 133. n7fg. 329. 

Ziegelhauser, Schauspieler 276. 278. 

Ziegelhauser, Schauspielerin 276. 

Ziegesar, Silvie von 115. 

Zilinska, Frau von 138. 

Zimmermann, J. G. 352. 

Zinnow, 114. 

Zinzendorf, 77. 80. 85. 95. 138. 140. 

Zoega, 229. 

Zola, 191. 

Zolling, Th. 343. 

Zollmann, 13 ig, 24. 

Zöllner, 207. 

Zrust, Schauspieler 276. 



Goethe-Register. 



375 



IL Register über Goethes Werke und Leben. 



I. Biographische Schriften. 

Annalen oder Tag- und Jahreshefte, 
15. 22 fg. 92. 104. 107 ff. 129. 
141. 163. 180. 188. 190. 199. 
210. 221. 235. 243. 304. 313. 
Weimarer Ausgabe 317 ff. Neue 
Ausgabe 324. 

Campagne in Frankreich, 97. 191. 
221. Neue Ausgabe 324. 341. 

Dichtung und Wahrheit, 123. 125. 
181. 187. 211. 221. 225., 240. 
274. 356. AlsQ.uelle 340. Über- 
setzung 341. Auszüge 341. 

Italienische Reise, 10$. in. 171 fg. 
174. 176. 179. 189. 191. 229. 
241. 333. 339. 

Notizbuch von der schlesischen 
Reise, zum 282. 

Reise am Main und Rhein, 58. 

Römischer Aufenthalt, zweiter 81. 

Tagebücher, 18. 104 fg. 107-124 
passim. 128. 135. 137 ff. 141. 
145. 148. 151. 172. 177. 179. 
184. 188. 189. 198. 221 ff. 225. 
235. 241. 303. 313 fg. 318. 337. 

2. Briefe an: 

Ein (r.) hinter einer Zahl bedeutet, 
dass von dem Briefe nur ein Regest 

gegeben ist. 
? 322 (r.). 
Eybenbcrg, Marianne von 37. 39 fg. 

Erläuterungen dazu in. 113. 
Hassloch, 322 (r.). 
Hopfgarten, Frau von 160 fg. 
Kestner, Charlotte 152 fg. 
Kestner, J. C. Ungedruckte Stelle 

aus einem Briefe Goethes an 161. 
Kestner, Theodor 151. 
Kirms, 322 (r.). 
Knebel, K. L. von 322 (r.). 
Lehne, Friedrich 323 (r.). 
Schnauss, C. F. 322 (r.). 
Schopenhauer, Johanna 153 fg. 
Weimar, Karl August, Grossherzog 

von 323 (r.). 

Galizin, Fürstin, zu Goethes Brief- 
wechsel mit der 161 -164. 



Schiller, Briefwechsel mit 22. 69. 
71. 78. 86. 105. 135. 138 ff. 174. 
176. 180 ff. 189 ff. 198. 202 fg. 
205 fg. 



Weimarer Ausgabe 320 fg. 

3. Briefe an Goethe von: 

Eybenberg, Marianne v. 27-46. Er- 
läuterungen dazu 95-101. 104- 120. 

Grotthus, Sara v. 46-60. Erläute- 
rungen dazu 95-101. 104 fg. 
120-127. 

Hegel, gemeinsam mit Varnhagen 
von Ense 69 (g. 

Schiller, 323 (r.). 

Schulthess, Bäbe 323 (r.). 

Varnhagen von Ense, 60-95. Er- 
läuterungen dazu 10 1- 104. 127- 
142. 

4. Dramen. 

Athalie, Chor aus Racines. Wei- 
marer Ausgabe 313. 

Circe, Neubearbeitung von An- 
fossis. Weimarer Ausgabe 313. 

Claudine von Villabella, Hand- 
schrift 355. 

Clavigo, 171. 187. 189, 193. 354. 

Egmont, 30. 107. 121. 177. 189. 
193. Zur Composition 181 fo. 
Abhandlungen über (Bibl.) 329 fg. 
Handschrift 355. 

Elfjenor, 330. 

Epimenides, des, Erwachen 126. 
187. 193 fg- Goethes Festspiel 
212-244. Theaterprogramm 216. 
228 fg. Handschrift 355. 

Erwin und Elmire, 194. 

Falke, der (Plan) 330. 

Faust, 116. 168 lg. 172 ff. 176 fg. 
182. 185. 187 fg. 190 ff. 225. 
231 ff. 309. 325 ff. 356 fg. Theil 
II, 325. 

Paralypomena zum (Schemata), 
177 fg. Zur Faustsage, 245-270. 
Ein unbekanntes Faustdrama, 
245 ff. Der Teufelspact, 264 ff. 
Entlehnungen im ältesten Faust- 
buch 269 fg. Aufführungen : in 
Berlin 306. In Wien 306 fg. In 



376 



Goethe-Register. 



Jelez 307. Vorträge über 309. 
Beiträge zur Literaturgeschichte 
der Faustfabel 289-296. Abhand- 
lungen über (Bibliographie) 32911. 
336. Übersetzungen, 341. 

Feradeddin und Koleila, Weimarer 
Ausgabe 3 1 3 fg. 

Fischerin, die 171. 334. Weimarer 
Ausgabe 312. 

Geschwister, die 187. 309. 

Götter, Helden und Wieland, 334, 
zu 273 (abgeweihet). 

Götz von Berlichingen, 45. 170. 
177. 181. 189. 194. 202. 325. 
327. 329. 334. 3 5 5. Zur Bühnenge- 
schichte des276ff. Handschrift 3 55. 

Grosskophta, der 177. 344. 

Hanswursts Hochzeit, 303 t'g. 

Hausgenossen, die ungleichen. Wei- 
marer Ausgabe 310 fg. 313. 

JahrmarktsfestvonPlundersweilern, 
zum 27 3 fg. (Bänkelsänger, Schat- 
tenspielmann). 

Jery und Bätely, Weimarer Aus- 
gabe 311. 

Iphigenie auf Tauris, 37. 169. 177. 
187. 194. 223 fg. 230 ff. 241. 280. 
329 fg. 350. 356. 358. Abhand- 
lungen über und neue Ausgabe 
(Bibliographie), 334 fg- 

Künstlers Erdewallen, 182. 

Lila, Weimarer Ausgabe 311 fg. 

Löwenstuhl, der 325. Weimarer 
Ausgabe 313. 

Mahomet, 37. iii. 182. 

Mitschuldigen, die. Aufführung in 
Madrid, 307 fg. 

Natürliche Tochter, die 65. 112. 
170. 177. 194. 323. 

Nausikaa, 177. 

Pandora, 115. 182. 193. 231. 236. 
Schema der Fortsetzung, 178. 

Plundersweilern, neuestes von, zum 
274 fg, (Mädchen von schlechten 
Sitten, Barbier, Wieland). 

Prometheus, 182. 187. 190. 192. 
194. 231 fg. 

Proserpina, 121. 190. 

Scherz, List und Rache (Oper-Auf- 
führung), 308. Weimarer Aus- 
gabe 312. 

Stella, 189. 304. 

Torquato Tasso, 49. 121. 128. 177. 
190. 194. 309. 324. 326. 329. 352. 
Abhandlungen über (Bibliogra- 
phie) 3 3 ) fg. 



Triumph der Empfindsamkeit, 336. 
Vorspiel (1807), 237. 
Zauberflöte der, zweiter Theil. 
Weimarer Ausgabe 312 fg. 

Abhandlungen etc. (Bibliographie), 
329 ff. 

Aufführungen von — und Vor- 
träge über — , 306 ff. 

Opernfragmente, 3 1 3 fg. 

Ränke, die vereitelten, Textbuch, 
Weimarer Ausgabe 311. 

Singspiele, Weimarer Ausgabe 310. 

Weimarer Ausgabe 3iofi. 

5. Episches. 

Achilleis, 183. 190. 

Hermann und Dorothea, 56. 65 ff. 
108. 120. 134. 176. 189. 193 fg. 
J27. Neue Ausgaben und Ab- 
handlungen über (Bibliographie) 
338%. 

6. Erzählendes. 

Märchen, das 119. 171. 
Melusine, die neue 115. 
Novelle, die 190. 
Nussbraune Mädchen, das 129. 
Sankt Joseph der Zweite, 115. 
Thörin, die pilgernde 115. 
Wahlverwandtschaften, die loi. 

114. 116. 118. 121. 169. 190. 

193 fg. Weimarer Ausgabe 3 14 ff. 

Stil 340. 
Werthers Leiden, 50 ff. 152. 170. 

175 ff. i89fg. 192. 194. 284. 

325%. 335- 349- 352 fg. Drama 
(nach Goethe) 308. Abhand- 
lungen über (Bibliographie) 339. 
Übersetzungen 341. Ausstellung 

355- 
Wilhelm Meister, 31. 102. 106 ff. 

182. 187. 205. 325. Lehrjahre 47. 
194. Zur Erklärung des 6. Buchs 
339 fg. und Tieck 340. Wander- 
jahre 81. 94fg. i3ofg. 156. 177. 
184. 192 ff. 237. Zur Erklärung 
340. Sprache 340. 

7. Gedichte. 

Ach so drückt mein Schicksal 

mich etc. (ungedruckt), 145. 
Ach wer bringt die schönen Tage, 

357- 
Alexis undDora(Idylle),3i. 107.199. 



Goethe-Regiseer. 



377 



Alexis und Dora (Dialog), 202. 

Alles geben die Götter, die unend- 
lichen 337. 

Anakreons Grab, 359. 

An den Mond, 347. 

An den Prinzen von Ligne, 41. 113. 

An die Erwählte, 347. 

An die Günstigen, 347. 

Bakis, Weissagungen des 169 

Balladen, 336. 

Ballade vom vertriebenen und zu- 
rückkehrenden Grafen, 314 

Beherzigung, 359. 

Bei Tag der Wolken etc., 157. 

Berichtigt, 156. 

Besuch, der 145. 

Blumengruss, 358. 

Braut von Korinth, 205. 329. 337. 

Carlsbader Gedichte, 333. 

Dauer im Wechsel, 337. 

Des Menschen Tage sind ver- 
flochten, 329. 

Deutscher Parnass, (Sängerwürde, 
Dithyrambe, Wächter auf dem 
Parnass, Hüter des Parnasses) 
193. Goethes Gedicht 196-2 11. 

Eckard, der getreue 337. 

Einer (Distichonreihe), 31. 108. 

Einer Gesellschaft versammelter 
Freunde zum 28. August 1823 
gesendet von Marienbad, 280 
(Variante). 

Eisbahn (?), 32. 

Elegieen, römische 205. Über- 
setzung 341. 

Epigramme, venetianische 336. 
Übersetzung 341. 

Epilog zu Schillers Glocke, 326. 

Erlkönig, 54. 123. 357 fg. 

Ewige Jude, der 170. 325. 

Fischer, der 185. 357. 

Gefunden, 357. 

Geheimnisse, die 325. 

Gesang der Geister, 357. 

Ging^ko biloba s. Westöstlicher 
Divan. 

Gleich und gleich, 359. 

Gott, der und die Bajadere, 205. 
328. 

Göttliche, das 337. 

Guter Rath, 183. 

Heidenröslein, 309. 336. 357. 

Heiteres Missverständnis, 156. 

Herbstgefühl, 337. 

Hermann und Dorothea, Elegie 
108. 206. 



Ich bin eben nirgend geborgen etc. 

(ungedruckt), 146. 
Idylle s. Alexis und Dora. 
Ilmenau, 325. 337. 
In Teufels Namen etc., 209. 
Invective auf Himburg, 273. 
König in Thule, 358. 
Lieb um Liebe, 357. 
Lilis Park, 192. 
Maskenzug 181 8, 155. 
Maskenzüge, 241. 
Meeresstille und glückliche Fahrt, 

357. 
Metamorphose der Pflanzen, 36. 

Mignon (Kennst du das Land), 49. 

Mühlbach, der Junggesell und der 
36. HO. 

Nachgefühl, 338. 

Niemand beichtet gern etc., 337 
(sub rosa). 

Noch einmal wagst du vielbe- 
weinter Schatten, 154. 

Paria, der 170. 187. 357. 

Pausias, der neue und sein Blumen- 
mädchen 109. 171. 

Prolog für Halle 181 1, 122. 

Rattenfänger, der 358. 

Requiem auf den Prinzen von 
Ligne, 114. 

Sonette, 115. 

Und frische Nahrung neues Blut, 

357. 
Unterschieden ist nicht das Schöne 

etc. (Distichon ungedruckt), 162. 
Untreue Knabe, der 273. 
Veilchen, 347. 
Wanderer, der 193. 
Wanderers Nachtlied (Über allen 

Gipfeln), 185. 357 fg. 
Was bedeutet die Bewegung, 357. 
Was zieht mir das Herz so, 357. 
Weisen, die, und die Leute 226. 
Wenn die Reben, 357. 
Westöstlicher Divan, 158. 187. 233. 

336. 338. Gingko biloba, 251. 538. 

Gute Nacht, 233. Siebenschläfer, 

233 fg. Hab ich euch etc., 238 fg. 
Xenien, 32. 36. 99. 108. 120. 199 ff". 

209 fg. 351. 
Zahme Xenien, 233 (Die Sonne etc.) 

336. Zu den —279 fg. (Variante). 
Zauberlehrling, der 328. 
Zigeunerlied, 357. 
Zwischen Weizen und Korn, 359. 



378 



Goethe-Register. 



Neue Ausgaben und Abhandlungen 
(Bibliographie), 324. 336 ff. 

8. Kunst. 

Cellini, Benvenuto 22. Neue Aus- 
gabe 324. 

Kunst und Alterthum, 66. 7$ . 1 30 fg. 
135. 142. 225. 

Mantegnas Triumphzug, 332. 

Propyläen, 36. iio. 

Rameaus Neffe, 61 fg. 129. 

Von deutscher Art und Kunst, 339. 

Winckelmann, 326. 

9. Naturwissenschaftliches. 

Farbenlehre, 97. 168. 185. 191 fg. 
280. 325. 

Farbenlehre, Geschichte der 176. 
178. 

Metamorphose derlnsecten etc. , 1 47. 

Mineralogie und Geologie, zur 171. 
192. 

Morphologie, zur 176. 

Morphologische Schriften, 150. 

Natur, die (Tief. Journal^ 324. 

Naturwisssenschaft, zur, im Allge- 
meinen 279. 

Raupen, franz. Aufsatz als Ergän- 
zung zu Zeichnungen 149 fg. 

Witterungslehre, Versuch einer 174. 

Weimarer Ausgabe 3 19 fg. 

10. Sonstige prosaische 
Schriften. 

Böhmische Monatsschrift, über die 
79. 137 ff. 

Briefe eines Verstorbenen, über die 
87 fg. 141. 

Deutsches Volksbuch, Aufsatz 235. 

Diderot, Übersetzungen aus. Neue 
Ausgabe 324. 

Ephemeriden, 326. 

Epochen deutscher Literatur, 178. 

Erklärung im Morgenblatt No. 1 30 
(i. Juni 181 5), 129. 

Ferneres über Weltliteratur, 187. 

Frankfurter gelehrte Anzeigen. Bei- 
träge, 193. J38. 551. 

Geneigte Theilnahme an den Wan- 
derjahren, 131. 

Hiller, Gedichte Recension über 
210 fg. 

Juden, Aufsatz über, Fälschung 341. 



Literatur, Aufsätze zur. Neue Aus- 
gabe, 323 fg. 

Neuesten deutschen Poesie, Tabelle 
zur 178. 

Polen, Vorschlag zur Einführung 
der deutschen Sprache in 327. 

Rath für junge Dichter, 206. 

Saint-Hilaire Geoffroy de Principes 
de Philosophie zoologique, Ke- 
censionen über 87 fg. 90. 141 fg. 

Schema der hiesigen Thätigkeit s. 
Thätigkeit. 

SchlabrendorfsSchrift,Besprechung 
von 329. 

Scott, Walter, Napoleon, Anzeige 
von 135. 

Sprüche in Prosa, 171. 186. 

Thätigkeit, über die verschiedenen 
Zweige der hiesigen, Vortrag 
(zum ersten Male gedruckt), 3-15. 

,. Erläuterungen dazu, 15-26. 

Über epische und dramatische 
Dichtung (Schiller und Goethe), 

Versuch der, als Vermittler von 

Object und Subject, 173. 175. 
Vorschlag zur Güte, 131. 
Wunderhorn, Recension des 296. 

Tiefurter Journal, 22. 221. 304. 
Erste vollständige Ausgabe 324. 

II. Biographische Einzel- 
heiten , Lebensbeziehungen, 
Verhältnisse zu: 

Ästhetik, Stellung zur 349. 
Arnim, Achim von, Brief an? 
(Erwähnung Goethes), 32 j (r.). 
Buff, Lotte s. Kestner, Charlotte. 
Delacroix, E. 354. 
Deutschland, das junge und Goethe 

344. 
Eckermann, 344. 

Falk, 344. 

Forster, G. 344. 

Freitagsgesellschaft, 1 5 ff. 

Geburtstagsfeier in Berlin, 1 3 i-i 34 . 

Goldoni, 344. 

Grillparzer, 350. 

Grimm, Brüder 344. 

Gustedt, Jenny v. 345. 

Hase, K. v. 350. 

Herzlieb, Minna 345. 

Italienische Reise, Einfluss auf 

Goethes Art zu concipiren, 177. 



Goethe-Register. 



Kestoer, Charlotte, Goedieu. 284 ff. 
Kunst, Stellung zur 347. 
LauatersBriefsaninilung, Goetheana 

Lenz, J45. 

Lessing über Goethe, }2. 

Merck, ]. H. j4}. 



rands Denkwürdigkeiten 282 tT. 
Zusammenkunft 1^2 fg. 

Naturwissenschaft, Pädagogik, Phi- 
losophie, Stellung zu 348. 

Riemer über Goethe, jsj- 

Ruhl, 346. 

Sachs, H. 346. 

Schiller, über, nach dem Bericht 
des Ch. V. Schimmelmann, }5i. 

Schopenhauer, Adele, Goethe und 
IS 4- 160. 

Schopenhauer, Arthur 346. 

Stein, Charlotte v. 347. 

Stolberg, F. L. v. über 352. 

Theateracien, aus Goethes 321. 

Trippel, A., 347. 

Unzeimann-Bethmann, Friderike 
547- 

Varnhagen von Ense, Brief au 
August, Goethes Geburtstag betr., 
63 fg. Erläuterungen dazu 1^1 ff. 

Vorahnung naturwissenschaftlicher 
Ideen, 349. 

Wieland über, 352. 



12. Verschiedenes. 
Archiv in Weimar, Mitcheilungen 

aus dem j-26. 
Art zu arbeiten, Goethes 167-195. 
Äussere Erscheinung, 354. 
Ausstellungen, 355. 
Ausgabe letzter Hand, 3 10 fg. 314. 

Autogramme, 321. 

Bilder, 156 fg. 

Biograpnische Einzelheiten, 342. 

Chaos, ^} fg. 141. 

Compositionen, 357!!. 

Decorationen, 355. 

Denkmäler, 354. 

Feier, 354. 

Gedenkstätten, 3 54. 

Innere Form, 296. 

Kesmer, Georg, kurze Todesan- 
zeige 305 Ig. 

Köhler, Reinhold, Nekrolog auf 
297-304. 

Nachträge und Berichtigungen, 296. 

National -Museum, Mitiheilungen 
aus dem 143-150. 

Neue Ausgaben, ^23 fg. 

Schlosser, Cornelia, die falscheDa- 
tirung eines Briefes von 280 fg. 

Sozialpolitiker, Goethe als 349. 

Weimarer Ausgabe. Bericht 510 tf. 

Zeichnungen, Verse und Nieder- 
schriften Goethes, zu 143-150, 




Achter Jahresbericht 



DER 



Goethe- Gesellschaft 



il^S^^^^ =^»^%^"Ä^^Ä^ ¥*^ ^ '^ V^J 



I ie satzungsgemässe VII. Generalversammlung der 
Goetiie-Gesellschaft wurde am ir. Juni 1892, da 
Exe. von Simson leider durch schwankende Ge- 
sundheit am Ersclieinen verhindert war, durch den stell- 
vertretenden Vorsitzenden, Dr. Rulanä, in dem grossen 
Saale der »Erholung« zu Weimar eröffnet. Nach Begrüssung 
der die Versammlung auch diesmal durch ihr Erscheinen 
ehrenden höchsten Herrschaften, I. I. K. K, H. H. des 
Grossherzogs und der Frau Grossherzogin, des Erbgross- 
herzogs und« der Frau Erbgrossherzogin, sowie der den 
Saal bis zum letzten Platz füllenden Mitglieder und Gäste, 
gab der Vorsitzende eine knappe Übersicht über den schon 
gedruckt vorliegenden Jahresbericht über das Geschäftsjahr 
1891, und ertheilte dann sofort dem Herrn Geh.Rath Prof. 
von Heimholt^ zu dem von Sr. Excellenz gütigst übernom- 
menen Festvonrage das Wort, Derselbe behandelte das 
Thema von »Goethes Vorahnungen kommender naturwissen- 
schaftlicher Ideen«, in gedankenreichster, die Versammlung 
bis zum letzten Wort fesselnder, und zu lebhaftesten Bei- 
fallsäusserungen hinreissender Weise. Dem vielfach von 
Mitgliedern ausgesprochenen Wunsche nach Drucklegung 
hat Se. Excellenz seitdem in der Deutschen Rundschau 
entsprochen. 

Nach einer Pause erstatteten die Vorstände des Goethe- 
Archivs und der Goethe - Bibliothek, sowie des Goethe- 
National -Museums die von der gedeihlichen Weiterent- 
wicklung dieser Anstalten zeugenden Berichte, im Wesent- 
lichen übereinstimmend mit den schon gedruckt vorliegenden 
Theilen des Jahresberichtes. Zu Ehren des Andenkens des 



verstorbenen Vorstandsmitgliedes und Goetheforschers, Exe. 
von Loeperj erhob sich die Versammlung und beschloss, 
den Hinterbliebenen den Dank der Gesellschaft für die der 
Goethe - Bibliothek gemachten reichen Zuwendungen des 
Verewigten auszusprechen. 

An Stelle der durch den Tod ausgeschiedenen Vor- 
standsmitglieder, Exe, von Gerber in Dresden und Exe. von 
Loeper in Berlin, wählte die Versammlung — dem Vorschlag 
des Vorstandes entsprechend — für die Dauer der bis 
31. Dezember 1894 laufenden Geschäftsperiode einstimmig 
die Herren Geh, Rath Ereiherrn W, v. Biedermann in Dresden 
und Freiherrn Dr, Ludwig von Gleichen - Russwurm in 
Weimar. 

Schliesslich wurde über die revisorisch geprüfte Jahres- 
rechnung für 1891 das Erforderliche mitget heilt und die 
Generalversammlung entlastete, auf nähere rechnerische 
Darlegungen verzichtend, den Herrn Schat:(fnetsterDr,Morit:(^^ 
indem sie demselben ihren Dank für die gehabte Mühe- 
waltung aussprach. 

Nach dem am Nachmittage im Saale de» »Erholung« 
abgehaltenen, durch zahlreiche Trinksprüche und Tischreden 
belebten gemeinschaftlichen Mahle, sah der Abend die sämmt- 
lichen Festtheilnehmer wieder in dem Grossherzogl. Hof- 
theater vereinigt, wo die Generalintendanz eine sorgfältig 
vorbereitete Aufführung von Goethes »Vögeln« und dem 
»Bürger-General« ihren Gästen darbot. Allseitig wurde mit 
lebhaftem Danke anerkannt, dass Regie und Schauspieler 
mit grosser Hingebung sich um die Aufführung dieser 
Stücke bemüht hatten, einzig von dem Bestreben geleitet, 
den Besuchern des Goethetages eine Freude und eine An- 
regung zu bereiten. Es ist ihnen dieses im reichsten Maasse 
gelungen. 

Das mit dem 31. Dezember abgelaufene Geschäftsjahr 
1892 lässt sich, wie der gleichfolgende Bericht des Herrn 
Schatzmeisters des Näheren darlegt, im Ganzen als ein 
befriedigendes bezeichnen, wenn gleich mit Bedauern zu 
bemerken ist, dass die Mitgliederzahl auf dem Continent 
sich etwas vermindert hat, und der Verlust nicht vollständig 
durch das sich in England wieder kräftiger bethätigende 



—4^ 5 *— 

Interesse an unserer Gesellschaft ausgeglichen worden ist. 
Wenn man das unserem Berichte beigegebene Mitglieder- 
verzeichniss übersieht, muss es jedem auffallen, wie viele 
Städte unseres Vaterlandes in ihm noch gar nicht oder nur 
mit ganz wenigen Namen, weder der Einwohnerzahl noch 
dem hohen ßildungsstande auch nur einigermassen ent- 
sprechend, vertreten sind. Hier wäre der Punkt, wo eine 
werbende Thätigkeit seitens der mit der Gesellschaft, ihren 
Principien und ihrem Wirken bekannten Mitglieder einzu- 
setzen, und das Interesse unter ihren Freunden zu wecken 
und zu verbreiten hätte. Der Geschäftsführende Ausschuss 
beantwortet ja umgehend jede Anfrage, übersendet die 
Satzungen, Mittheilungen u. dergl., — aber in vielen Fällen 
würden ein Paar Worte, ein Zeigen der Jahrbücher und 
Schriften, noch viel mehr Wirkung haben, und so manchen 
erst auf das Dasein und die Thätigkeit der Goethe-Gesell- 
schaft aufmerksam machen. Wir bitten alle unsere Mitglieder 
unseres Wunsches eingedenk zu sein: — die günstigen 
Folgen kommen ja nur der Gesammtheit wieder zu Gute ! 

Für die Goethe -Gesellschaft hat das Jahr 1892 einen 
besonderen Festtag gebracht in der am 8. Oktober gefeierten 
goldenen Hochzeit ihrer hohen Beschützer und Förderer, 
des Grossherzogs und der Frau Grossherzogin. Dass der 
Vorstand die Erlaubniss erbitten würde, dem Enkel Carl 
Augusts und Seiner hohen Gemahlin zu dem seltenen 
Familienfeste die ehrerbietigsten, herzlichsten Glückwünsche 
der Gesellschaft zu Füssen zu legen, war selbstverständlich. 
In gnädigster Weise nahmen Ihre Königlichen Hoheiten 
dieselben zugleich mit den Widmungsexemplaren der 
das »Tiefurter Journal« zum ersten Male veröffent- 
lichenden VII. Schrift entgegen, und verbanden mit dem 
Ausdrucke des Dankes an die Gesellschaft die huldvolle 
Zusicherung warmer Theilnahme an deren Gedeihen und 
der thatkräftigen Förderung ihrer um Goethes Namen sich 
vereinigenden Bestrebungen. 

In Folge der durch den 8. Oktober veranlassten früh- 
zeitigeren Herstellung konnte das »Tiefurter Journal« als 
VII. Schrift unsern Mitgliedern schon in den ersten Tagen 
des Novembers zugesendet werden. 

Gobthe-Jahrbüch XIV. 25 



_4f 6 *►— 

Der Herr Schatzmeister berichtet: 
»Die Goethe-Gesellschaft zählte am 31. Dezember 1892 
2947 Mitglieder, darunter befanden sich 20 Mitglieder auf 
Lebenszeit und 122 durch die Herren Alfred Nutt in London 
und Heinrich Preisinger in Manchester gemeldete englische 
Mitglieder. Die Zahl der Mitglieder hat leider gegen das 
Vorjahr eine nicht unbeträchtliche Verminderung erfahren, 
die nur durch die vermehrte Theilnahme englischer Mit- 
glieder bis auf einen Fehlbestand von 13 Mitgliedern wieder 
ausgeglichen worden ist. Lässt man die Zahl unsrer eng- 
lischen Mitglieder ausser Ansatz, so ergibt sich eine Ver- 
minderung der Mitglieder um 33. 

»Die Gesellschaft verfügte am 31. Dezember 1892 über 
einen Baarbestand von M. 10812.66, während — zum Ankaufs- 
werth und ohne laufende Zinsen gerechnet — M. 38538.46 
verzinslich angelegt waren. Hiervon bilden z. Zt. M. 32236 — 
einen Reserve-Fond, dessen Zinsen ihm wieder zufliessen. 
Er ist dazu bestimmt, der Gesellschaft auch einmal über 
Zeiten innerer oder äusserer Krisen hinwegzuhelfen, die ihr, 
wie wir wünschen, erspart bleiben mögen. 

»Herr Bankier Albert Holz in Breslau bethätigte auch 
in diesem Jahre sein reges Interesse an der Gesellschaft 
durch die gewohnte Geldspende. 

»Bei Einziehung der Beiträge und Vertheilung unserer 
Schrift unterstützten uns die Herren 
Alfred Nutt in London 
Heinrich Preisinger in Manchester 
Verleger Rütten & Loening, Frankfurt a. M. 
Rentier Ferdinand Meyer, Berlin 
Buchhändler Lucas Gräfe, Hamburg 
Buchhändler Paul Kurtz, Stuttgart 
Hofbuchhändler Gustav Liebermann, Karlsruhe 
Bankier Bernhard Rosenthal, Wien 
Buchhändler Max Niemeyer, Halle a. S. 
die Schletter'sche Buchhandlung, Breslau 
Buchhändler von Zahn & Jaensch, Dresden 
Hofbuchhändler Th. Ackermann, München. 
»Der geschäftliche Verkehr mit unseren Mitgliedern 
hat sich auch im Berichtsjahr in befriedigender Weise voll- 



st 



— ^ 7 *— 

zogen. Da es aber auch im 8. Jahre unseres Bestehens 
nicht an Stellen gefehlt hat, bis zu welchen das Licht 
unserer wenigen geschäftlichen Bestimmungen noch nicht 
geleuchtet zu haben scheint, so seien dieselben auch hier 
nochmals abgedruckt: 

1. Der Beitrag für das laufende Jahr, der am i. Januar 
fällig wird, ist ohne besondere Aufforderung 
spätestens bis zum i. März an den Schatzmeister 
einzusenden. 

2. Die Beiträge sind mit dem Vermerk zu begleiten 
»Beitrag zur Goethe-Gesellschaft für das Jahr i8 . .«. 

3. Name und Wohnort sowie die genaue Adresse 
des Absenders ist deutlich anzugeben. 

4. Wohnungs Veränderungen sind dem Schatzmeister 
recht:^eitig mitzutheilen. 

5. Jahrbücher und Schriften dürfen nur nach erfolgter 
Zahlung des Jahresbeitrags übersendet werden. — 

»Zu bedauern bleibt leider immer noch die Unpünktlichkeit 
in der Einsendung der Jahres-Beiträge seitens einer grossen 
Zahl unserer MitgUeder. Neben der hierdurch erwachsenden 
Arbeitslast entstehen der Gesellschaft alljährlich nicht un- 
erhebliche Baar-Auslagen und ein bedeutender Entgang an 
Zinsen, Unannehmlichkeiten, denen jedes Mitglied durch 
eine einfache Bemerkung auf seinem Kalender mit Leichtig- 
keit abhelfen könnte. Der geschäftsführende Ausschuss 
wird fortan von der bis jetzt sehr milde gehandhabten 
Befugniss, nach welcher diejenigen Mitglieder, welche mit 
dem Beitrag länger als ein halbes Jahr im Rückstand ge- 
bheben sind, aus derMitgUederliste zu streichen sind, strenger 
Gebrauch machen müssen, und es wird denselben demnächst 
der Antrag beschäftigen, dass die Wiederaufnahme von 
Mitgliedern, die aus diesem Grunde aus der Liste entfernt 
worden sind, künftig nur gegen Entrichtung eines beson- 
deren Eintrittsgeldes zugelassen wird.« 

Die Bibliothek der Goethe-Gesellschaft ist auch im letzten 
Vereinsjahr nach den bisher bewährten Grundsätzen ver- 
waltet worden. Nach Massgabe der verfügbaren Mittel ist 
sie erweitert worden durch Ankauf neuer Erscheinungen 
auf dem Gebiete der Goethe-Literatur, sow4e durch Ver- 

25* 



—^ 8 H— 

vollständigung des älteren Bestandes der Schriften Goethes 
und über Goethe. Auch die Schiller -Literatur wurde bei 
der Erweiterung des Bücherbestandes in zweckmässiger 
Weise berücksichtigt, sowie auch die Literatur über Goethes 
und Schillers Zeitgenossen, soweit sie für die Zwecke der 
Goethe-Forschung in Betracht kommt. 

Einen beträchtlichen Zuwachs erhielt die Bibliothek 
aus dem Nachlass Gustav v. Loepers^ über dessen schönes 
Vermächtniss wir im vorigen Jahre (XIII. S. 13) berichtet 
haben. Dasselbe beträgt, abgesehen von einer Masse klei- 
nerer Separatdrucke und Zeitungsausschnitte, 256 Nummern. 
Zuwendungen einzelner Bücher und Drucke wurden 
der Bibliothek von Gönnern und Freunden zu Theil, deren 
Namen wir mit aufrichtigem Dank im Folgenden ver- 
zeichnen : 

Prof. Dr. R.Bechstein (Rostock), Geheime Rath Freiherr 
W. V. Biedermann (Dresden), Dr. Bielschowsky (Berlin), 
Hermann Böhlau (Weimar), Dr. C. A. Buchheim (London), 
Geh. Regierungsrath Prof. Dr. Herman Grimm (Berlin), 
Oberlehrer A. Hartert (Gütersloh), Theodor Heyse (Peters- 
burg), Paul Kurz (Stuttgart), Prof. Dr. E. Martin (Strass- 
burg), Prof. A. Metz (Hamburg), Prof. Dr. Jacob Minor 
(Wien), Director Dr. Carl Redlich (Hamburg), Prof. Dr. 
Erich Schmidt (Berlin), Prof. Dr. Bernhard Seuffert (Graz), 
Prof. Dr. Bernhard Suphan (Weimar), Prof. Dr. Hermann 
Varnhagen (Erlangen). 

Die Mitglieder der Gesellschaft empfangen an dieser 
Stelle, wie alljährlich, auch die Miitheilungen über das Goethe- 
und Schiller-Archiv Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Gross- 
her:(0gin, wie sie die Direction zur Verfügung stellt. 

In einer Weise, die an die Tage der Schenkung des 
Schiller-Nachlasses erinnert, sind die Hterarischen Schätze 
des Archivs gewachsen. Waren doch auch die Festtage 
von unvergänglichem Glänze, welche dies Jahr uns gebracht 
hat, recht dazu angethan, dass Verehrung und Liebe in 
Gaben idealen Werthes sich hervorthun und bewähren 
konnten. 

Freiherr Dr. Ludwig von Gleichen -Russwurm eröffnete 
die Reihe mit wichtigen Nachträgen zu seiner Stiftung vom 



Mai 1889 (56 Briefe von C. G. Körner an Charlotte v. 
Schiller, z. Th. auch an Schiller; Charlottes »letzter Wille 
und Wunsch« Oktober 1818; Abschriften der Briefe Schillers 
an Huber u. a.). Im März überbrachte Dr. Richard Fellner 
(Berlin) den Nachlass Karl ImmermannSy um ihn mit 
Zustimmung der Tochter des Dichters, der Frau Ge- 
heimräthin Caroline Geffcken zu München, der Frau 
Grossherzogin zu Besitz und Eigenthum zu übergeben. 
Über den Hauptinhalt der in 124 Nummern katalogi- 
sirten Schenkung wurde der Goethe-Gesellschaft schon in 
ihrer Generalversammlung Bericht erstattet, und zugleich 
über eine zweite gleich erfreuliche Stiftung. Herr General- 
consul Dr. Felix Bamberg zu Saint Gratien ' hatte kurz 
zuvor den poetischen Nachlass seines Freundes Friedrich 
Hebbel (Dramen, Episches u. s. w. umfassend) an seine 
Königliche Hoheit den Grossherzog übersandt, im Einver- 
ständniss mit der in Wien lebenden Witwe des Dichters, 
Frau Chrisline Hebbel Ursprünglich als Huldigung zur 
goldnen Hochzeit des Fürstenpaares gedacht, erhielt diese 
Gabe zum Feste selbst noch eine bedeutende Erweiterung. 
Sie enthält auch Selbstaufzeichnungen über das Leben des 
Dichters und einige Stücke seiner Correspondenz; die 
Stiftung der grösseren Masse biographischer Urkunden und 
Belege (Tagebücher u. s. w\) hat Dr. Felix Bamberg